Ü Giesifche wöchentlich- gemeinnützige Anzeigen

Küubr gewis, berg jeder Mensch, wenn er anders nicht ganz im Gehirm verwahrloset ist, wünschen wird, dasjenige zu besitzen, wovon dieses Räth- sel so grose Eigenschaften und Wirkungen angiebt. Es ist die Tugend, die hier so liebenswürdig vorgestellt wird. Meine Schönheit wird er# kannte auch x>on denen, die mich hassen.,, Diesen Gedanken kann man entweder so erklären; die Tugend ist jo schön und liebenswürdig, daß so gar diejenige, die sie hassen, den äuferen Schein derselben ännehmerr, und sich gellen/ als wären sie wörtlich rügende haft. Hieraus könnte man wieder viele schöne Gedanken ziehen z. E. diesen: man schämt sich, und halt es für eine Schande, nicht tugendhaft zu seyn, und dennoch giebt man sich so wenig Mühe tugendhaft zu wer- den, u. s. w. oder man kann ihn so erklären: die Tugend ig so reizend und liebenswürdig, daß sd gar die Verächter und Verfolger der* selben von ihrer Schönheit gerührt und durch ihre Macht be# zwungen werden können» Dies sieht man aus dem Beyspiele des tugendhaften Mädchens, das wir im neunten Stücke unsrer Blätter von diesem Jahre angeführt haben. Derjenige Mensch, der bei) dem An­blick einer wahren Tugend ungerührt und unempfindlich bleibt, muß den höchsten Grad der Unmenschlichkeit erreicht haben.

Ich verbleibe reich und gros, wenn ich alles muß verlas fett,, der Tugendhafte hphnrf kein? Reichthümpr, um reich zu seyn, er bedarf keiner Bewunderer, keiner Vertheidiger und Beschützer, um gros zu seyn. Er ist so glücklich, daß er in einem guten Gewissen und in der Über­zeugung , daß er recht handelt, grösere Reichthümcr und weit höhere Vor­züge findet, als ihm alle Schätze und alle Lobeserhebungen der eigensin­nigen Welt nicht geben können. Bey diesem guten Gewissen, bey dieser beruhigenden Ueberzeugung von seiner Rechtschaffenheit wird er auch als­dann noch reich und gros bleiben, wenn er alles, was die Welt hochschätzt, verlassen muß. Der Tugendhafte bleibt selbst in den Ketten tugendhaft, es mag Mode oder nicht Mode seyn; so bleibt er tugendhaft. Rrchard- lon, dieser gesegnete Apostel der Tugend, wie ihn mit Recht ein berühm­ter Schriftsteller nennt, läßt die heroische Pamela zu dem armseligen Bün­del, der ihren eignen geringen Anzug enthielt, folgende hierher gehörige Worte sagen: Komm in meine Arme, mein liebster Schmuck, du Ge­fährtin meiner Armuth und Zeuge meiner Tugend; ich will niemals den geringsten Lumpen haben, den du enthältst, wenn ich den Ausspruch auf die­jenige Unschuld verlieren soll, die, wie ich hoffe, allzeit der Stolz meines

Lebens