Giesser Wochenblatt.
Sechs und Zwanzigstes Stück.
Dienstags dm zv. Iunii 1772.
Mit Hochfürstl. Hessen Darmstädtischer gnädigster Erlaubnis.
Ich der Mensch. ♦)
lebe, mein Blut laust noch, ohne daß ich daran denke, kn meinen künstlich verwahrten Adern. Ich schlafe noch , und meiner selbst unbewußt, bleibt das Bewußtseyn in dem ausgestreckten und gleichsam erstorbenen Körper. Ich wache auf, die Sinnen werden beschaffti- get, die Seele empfängt lebhafter Vorstellungen. Ich esse, ich trinke, gereizt durch die äußerlichen Schönheiten der Natur, mit denen ich in diesem Meer der Allmacht gleichsam herumschwimme, vergnüge ich mich. Bin ich der Schöpfer dieser Würkungen ? Habe ich dem ersten Urstoff und den Grundtheilen meines Körpers eine solche erstaunende Bewegung mitgetheilt, da ich in einem unbeweglichen Nichts verborgen, die Bewegung nicht kannte? Habe ich diese Fugen, deren Zusammenhang ich selbst nicht kenne, von ohngefahr gebildet? War ich klüger, da ich noch nicht war, oder war ich eher als meine denkende Kraft ? Wann aber gab ich mir das Denken, und wie machte ich es, daß dasselbe mit dieser körperlichen Maschine so übereinstimmte, daß der Befehl der Seele von den mannigfaltigen Bewegungen des Leibes befolgt zu werden scheinet ? Wie kömmt es, daß, wenn eine denkende Kraft von Ewigkeit gewesen, die Erinnerung derer Gedanken, die ich vor meiner Geburt gedacht habe, gänzlich ver-
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♦) Aus den Duisburgischen Anzeigen daS igteSt. dieses JahrS.


