Ausgabe 
19.5.1750
 
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Giesser Wochenblatt/ Num. XX.

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Anblick der Ueberschn'ft verdrießlich und ein B-wegungsgrund seyn wird / den ganzen r^onen ungelesen auf die Seite zu legen. Denn die nach dem gemeinen Geschmack nrtdeilen/ finden an solchen Dingen kein Vergnügen; wem aber an seiner Wohlfahrt oeieaen ist/ der erkennet fie allerdings vor nützlich und angenehm. Vor nützlich; denn die wahre Glückseligkeit ist edler als Gold lind Güter. Vor angenehm; denn woran kann ein Weiser mehr Lust haben als an der Entdeckung des Ursprungs alles Uebels/ wenn sie von Mitteln / ihm zu entgehen / begleitet wird?

Der Vater alles Guten hat in die menschliche Natur dieses geleget/ daß un­sre Begierden allezeit auf das gehen / was wir vor gut halten / und hat uns mit einem Mscheu vor allem dem versehen / was wir vor bös« erkennen- Niemand will das nach seiner Meinung Böse / und niemand fliehet das nach feiner Emsicht Gute- Finden sich gleich Beyspiele/ daraus man das Segentheil zu ersehen vermeinet-, so kann man sich doch aus allem Zweifel dadurch leicht heraus ziehen/ daß man bedenket/ was sonst düse ist/ pflege in gewissen Umständen gut zu seyn / oder wenigstens zu scheinen / und das sonst gute könne in besondern Fälle»r böse seyn / ober wenigstens scheinen. Als er- neu Finger sich abschneiden zu lassen ist sonst böse; wenn er aber von einem unheilbaren und um sich fressenden Krebs angegriffen ist / so ist es gut. Sich um das Leben zu bringen ist immer und an und vor sich selbst übel; wenn man aber in verzweifelte Um­stände gerathen / und dem äussersten Elende zu entkommen keinen andern Rath mehr vor sich sichet; so scheinet eS denen/ die kein Vertrauen auf GOtt haben/ nicht nur gut / sondern das allerbeste zu seyn. Auf solche Weise findet man / daß ohne einige Ausnabm alles Verlangen aus der Einsicht in die Güte einer Sache und aller Abscheu aus der Wahrnehmung des Bösen an einem Dmge entspringet.

Wir richten uns daher jederzeit nach unsrer Erkenntniß. ES ist leyder wahr/ daß wir nicht beständig das wahre Gute wollen und das wahre Böse nicht wollen; son­dern nur daS/ was wir davor ansehen. Irren wir also im Urtheile/ so fehlt ambder Wille; treffen wir aber in jenem die Wahi heil/ so bleibt auch dieser im rechten We­ge. Wir urkheilen aber vom Guten und Bösen auszweyerley Wesse/ und weil darauf alles ankommt/ was wir uns zu überlegen vorgenommen/ so wollen wir darüber wei­ter nachdmkm.^ Mr gut/ uns Lust und Vergnügen gewähret/ und vor böse / wovon man Unlust und Misvergnügen empfindet. Dieses ist die gemeine Art/ weil sie kein Nachdenken erfordert/ und man weiter nichts nöthlg hat/ als bloS auf sich selber acht zu geben/ und anzumerken / wie einem bey Betrachtung oder Genuß ei­nes gewissen DingeS zu Muthe ist. Ein unfleissiger fühlt gar leicht / daß er derdneß- lich ist / wenn er an die Arbeit gehen soll ; ein emsiger Mensch aber spuhrt gleich em« Munterkeit und wird frölich/ wenn er etwas vor sich flehet/ womit er seinen Verstand oder sonst seine Kräfte beschäftigen kann. Daher hält dieser die Bemühungen wr gut/ und jener vor böse. Diese Lust und Unlust selbst entstehen aus einer durch die Sinnen einigermassen wahrgenommene Güte oder.Bosheit / deren man selten sich ausdruckstch