Giesser Wochenblatt / Num. x.
Und weicht von beydem Theil in gleichem Maas zurück. Dort jener kommt gebeugt auf einen Wink geschritten / Setzt sich gern unten an / und preist sein seltnes Glück. Wuin nur der Reiche winkt/' denn wird er so beweget/ So treulich spricht er nach/ was aus dem Munde fallt/ Als wie ein Schüler-Knab die Augen niederschläget/ Und seines Lehrers Grimm mit Furcht in Schranken halt/ Wenn er sein Lehrstück macht; wie der Comödiante Veym zweyten Therl sich quält dem ersten gleich zu seyn. Hier dieser streitet oft bey seinem schlechten Tande/ Und waffnet sich zum Kampf für einen blosen Schein. Spricht: daß ich Recht behalt und mit den stärksten Gründen Dm Satz behaupten mag / da wag ich alles dran/ Auch selbst die Ewigkeit. Solt er nun überwinden: Was isis? ob Castor mehr / ob Decilis mehr kann? Ob man deö Appius / ob man des Numa Strafe Am besten nach Brundus von Rom hinunter fährt?
Hat Venus dich beraubt und eines Glückspiels Blase;
Hat dich dein Stand mit Pracht mehr / als du weich/ beehrt;
Hat Geitz und Armuthsfurcht dich gänzlich eingenomnrerr.: Gewiß dem reicheri Freund/ der zehnmal ärger ist/ * . Bist du gar sehr verhaßt. Darfst du doch vor ihn kommend
So wisse/ daß «Herr und du sein Lehrling bist. Er fordert bald von dir/ wie treue Mütter pflegen/ An Weisheit sottest du/ wie auch an Tugend - Ruhm Ihm überlegen seyn. Ganz, recht der Wahrheit wegen. Denn/ spricht er / streite nicht; mein grosses Cigenthum Läßt solche Thorheit zu: da dich das Armuth drücket. ♦♦ ______________ Du unzulänglich/ theilsftlsch. Unzulänglich/ wenn man sie in das Mittel zwischen zwey einander entgegen stehende Lasier setzet/ wie die Sparsamkeit zwischen Geitz und Verschwendung sichet; denn solche Beschaffenheit hat es nicht mit allen Tugenden. Falsch ist er / wenn man ihn so ausleget/ daß man einen tugendhaft nennet / wenn er zwar nicht ganz frey von einem Laster ist/ solches aber auch nicht bis auf den höchsten Grad treibet/ sondern mediocrkatem hält/ z. E. zwar nicht ganz nüchtern und mäsig lebet / aber sich doch auch mchc bestialisch voll säuft. Dergleichen heidnischen Begriff haben viele vom Christenthum/ die zwar etwas annehmen/aber sich doch gewaltig hüten/daßsie es/wie sie reden / nicht übertreiben.
♦♦) Auch dieses war ein Vorurtheil bey den Heiden/ als ob mächtige/ vornehme und reiche ein Recht zu sündigen hätten/ das den gemeinen und armen nicht zu-


