Ausgabe 
(29.12.1915) 306. Zweites Blatt
Seite
184
 
Einzelbild herunterladen

ur. 306

in

g zweltes Blatt f e

Erscheint kläglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Areis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Gene

zei

6

fal⸗Anzeiger für Gberhessen

3

*

Mittwoch, 20. dezember 10¹⁵

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrift⸗

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

Die Zerschmetterung Deutschlands.

Bis in die letzten Tage hinein hat die feindliche Presse für die Zerstörung der Fabel gesorgt, als wolle dieEntente in ihrer Gesamtheit oder in einzelnen ihrer Teile die ver⸗

nunftgemäßen Folgerungen aus den Siegen der

Mittemächte ziehen und den Regierungen des Vierbundes solche Friedensbedingungen anbieten lassen, welche unserer. ee Kriegslage entsprechen. Die beiden Lords im Oberhause sind in der Tat Prediger in der Wüste geblie⸗ ben. Und auch noch nach der Kanzlerrede vom 9. Dezember, in welcher die wahnwitzigenKriegsziele derNational Review, des Daily Chroniele, desNew Statesman usw. niedriger gehängt wurden, hat man es sich namentlich in

zusammengefaßt:... Wir müssen dafür sorgen, daß Deutschland außerhalb seiner und Oesterreich⸗Ungarns Grenzen jeder Macht verlustig geht. Erst wenn wir so weit sind, dürfen wir Frieden schließen in der beruhigen⸗ den Gewißheit, daß sich Deutschland in Zukunft ruhig ver⸗ halten wird; denn es liegt dann in unserer Hand, das Deutsche Reich bei der geringsten Beunruhigung unserer Verbündeten da es nun keine Kolonien mehr hat, auf welche es sich stützen könnte durch Zölle vollständig vom Handel der Alten Welt auszuschließen. Wenn wir die Leiden in Betracht ziehen, die Deutschland durch diesen von uns nicht herausgeforderten(1) Krieg über uns, unsere Verbündeten und viele neutrale Staaten gebracht hat, überschreitet die Strafe, nämlich die vollständige Vernich⸗

England angelegen sein lassen, an das siegreiche Deutschland ice der deutschen Herrschaft in Afrisa Asien und Ozeanien,

Zumutungen zu stellen, die der psychiatrischen Forschung dankbarere Aufgaben darbieten als der Diplomatie Wieder

eDaily Chronicle die Unmöglichkeit eines Friedens

etont, vor dem nicht Deutschland seinen Ehrgeiz nach dem Platz an der Sonne aufgegeben habe, währen uns in der letzten, hier vorliegendenTimes allen Ernstes die bedin⸗ gungslose Räumung der eroberten Gebiete angesonnen wird, wenn wir von England je wieder die Erlaubnis erhalten wollten, die deutsche Flagge auf der 3 155 See zu zeigen! Schon aus diesen kurzen Angaben aber ist ersichtlich, daß es 0 nicht um beliebige, unverantwortliche und deshalb be⸗

eutungslose Kundgebungen handelt, sondern daß es die angesehensten und einflußreichen Organe der britischen Oeffentlichkeit sind, welche mit dem gleichen Zynismus, wie vor 14 Monaten, ein Kriegsprogramm der schimpflichsten Erniedrigung und restlosen Zerstückelung der überfallenen Kaisermächte vertreten. Diese Tatsache in ihrer ganzen Un⸗ geheuerlichkeit festzustellen und immer wieder zu betonen, ist um so unabweislicher, als es bei uns bekanntlich Leute gibt, welche es mit Ehre und Gewissen vereinbaren zu können glauben, unser Volk in eine falsche Sicherheit zu wie⸗

en, welche einer papiernenVerständigung ohne reale Machtunterlagen mit dem hinterlistigsten unserer Feinde das Wort reden und so die furchtbare Gefahr heraufbeschwö⸗

ren, daß Deutschland angesichts der ihm von allen Seiten 5

unvermindert drohenden Todfeindschaft in seinen An⸗ strengungen nachläßt, bevor es den vollen Sieg errungen 19 Denn diese Todfeindschaft weht uns wie aus den eng⸗ ischen, so auch aus den französischen und russischen Blättern entgegen.

Gegen diese gefährlichen Umtriebe richtet sich eine kurze Zusammenstellung der feindlichen Kriegs⸗ Ziele aus der Feder von Dr. Josef Neumann unter dem TitelDie Zerschmetterung Deutschlands Die Kriegsziele unserer Feinde im Spiegel i eigenen Aeußerungen. Natürlich ist es nicht möglich, den Inhalt der kleinen Schrift in dem uns gezogenen Rahmen erschöp⸗ fend zu skizzieren, zumal ihr Wert gerade in der lückenlosen 1 8 der feindlichen Kundgebungen amtlicher und nichtamtlicher, publizistischer undwissenschaftlicher Art hinsichtlich der letzten Kriegsabsichten besteht.

Wir wollen uns deshalb darauf beschränken, aus den drei Hauptländern derEntente je eine Probe besonders 1 Art dem anzufügen, was bekannt und noch

aller Erinnerung ist. So verdient neben die Aeußerung Lord Hitcheners:Die Grenze des englischen Reiches in Europa ist nicht der Pas de Calais, sondern die Maß⸗ linie, besonders ein Vortrag Sir Harry Johnstons vom 24. Februar 1915 in derRoyal Geographical Society, also in einer rein wissenschaftlichen e gestellt zu werden. Sir Harry hat sein Kriegsziel im Schlußwort so

cht die Grenzen des Christentums. Das nimmt sich, wenn man von dem blasphemischen Hinweis auf das Christentum absieht, fast noch bescheiden aus gegen dieDrakoni⸗ schen Friedens bedingungen, welche Onesime Reclus in Paris unter dem lauten Beifall seiner Lands⸗ leute veröffentlicht hat. Danach bebommt England in Eu⸗ ropa von dem zerstückelten Deutschland die Insel Helgo⸗ land, das Protektorat über Hannover sowie Hamburg und Bremen mit dem dahinterliegenden Land. Lübeck steht unter russischer, Frankfurt, Mannheim und Essen unter französi⸗ scher Schutzherrschaft. Rußland erhält Ost⸗ und Westpreußen, Posen und Schlesien. Deutschland muß in zwei scharf von⸗ einander zu trennende nördliche und südliche Hälften ge⸗ teilt werden.Die Hinrichtung Preußens besteht. in der Schaffung kleiner, zusammenhangloser Königreiche. Es bleibt keine andere Armee als eine Polizeitruppe in jedem einzelnen der kleinen Staaten, es bleibt nichts von der Flotte übrig für all das Land, das an die Ost⸗ und Nordsee stößt. Fügt man dieser französischenFriedensstimme(die beliebig aus dem reichen Inhalt der Schrift herausgegriffen ist) als 117 7 5 Seitenstück z. B. noch die Programme Menschikoffs in derNowoje Wremja, des Fürsten Abamalek⸗Lasareff, welcher 19Leitsätze aufstellt, und des bekannten Dumamitgliedes Fürsten Svjato⸗

olk⸗Mirsky an, so erhält man wenigstens einen flüch⸗ tigen Einblick in das Kriegsziel derEntente. 1

Darum ist auf die immer anmaßlicheren Herausforde⸗ rungen des Vierverbandes nur eine deutsche Antwort mög⸗ lich. Es ist uns keine Wahl gegeben!

Aus Stadt und Land. Gießen, 29. Dezember 1915.

** Jungvieh⸗ und Fohlenweiden des ober⸗ hessischen Landwirtschaftskammerausschusses. Machte sich im Vorjahre schon ein gesteigertes Interesse für die Jungviehweiden in ihrer Beschickung bemerkbar, so war solches im laufenden Jahre in ganz erheblichem Maße der Fall. Die An⸗ meldungen liefen in solcher Zahl ein, daß schon lange vor Melde⸗ schluß eine Vollbesetzung der Weiden festgestellt werden konnte.

Nachste hende stellung ergibt ein Bild über die erfolgten Anmeldungen. ö Normgle ber eee 5 5 1 Bes 7 Fohlen 8 Rinder 8 3 stärke Stuten Wallache 8. 95 5 Weiden mit ohne mit ohne 8 Fohlen Rinder Abstammung. Abstammung* Abstammung] Tiergarten 30 12028 33 9 229290 ͤ 175 2865 Wernings] 23 70 71 4 16 45] 10 35 45 Lauterbach 20 90 4 25 2 940 24 19 43 Zell 75 5 24 2 F zusammen] 94 355[ 44 100[ 17 53 214[161 257 115

Kunst und wWissenschakt.

Prähistorische Funde im Schützengraben. 1 niemals sind so ausgedehnte Strecken europäischen Bodens in so gründlicher Weise durchgegraben und aufgewühlt worden, wie im Stellungskriege, der die Menschen unter der Erde Schutz suchen und leben läßt. Es ist daher keineswegs überraschend, wenn Gegenstände historischer und vorgeschichtlicher Zeiten, Toku⸗ mente vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende, die bislang ungesehen und unberührt im Schoße der Erde ruhten, aufgefunden und ans Licht gezogen werden. So wurden im Laufe der Kriegs⸗ monate, in den vielen Wochen, die in Polen und Rußland, in Flandern und Frankreich von den Soldaten in Erdgräben und Höhlen verlebt wurden, im Osten und Westen, zahlreiche kultur⸗ geschichtlich und historisch interessante Funde gemacht, die eine der wenigen kulturfördernden Begleiterscheinungen des Krieges darstellen. Wie einer von dem

gannen vier L Fleisch g ne und ein Uhrmacher die Räumungsarbeiten, die zur 85 a

5 prähistorischen Tagen an, der Bronzezeit. Auch

Vergleicht man in vorstehender Tabelle die normale Besatz⸗ stärke der einzelnen Weiden mit den eingegangenen Anmeldungen, so findet man, daß beträchtliche Zurückweisungen von Fohlen und Rindern erfolgen mußten. Hier das Richtige zu finden, war eine schwierige Aufgabe, die den Vorstand in zwei Sitzungen beschäftigte. Bei der Zulassung der Tiere zum Weidegang und Berücksichti⸗ gung der Anmeldung ging man von dem Grundsatze aus, daß bei den herrschenden abnormen Verhältnissen ganz besonders die 2 cht in den Vordergrund zu stellen sei und darum in erster

inie Stuten und Rinder mit Abstammung allen anderen voraus⸗ gehen müßten, bei den Fohlen aber infolge der allzu zahlreichen Anmeldungen sämtliche Wallache zurückzuweisen wären und int übrigen die Reihenfolge der Anmeldungen, wie solche für die einzelnen Weiden erfolgt, zu berücksichtigen seien. Von den für die Weide Tiergarten über die Besatzstärke der Weide hinaus⸗

3 5 62. Fohlen und 145 Rindern konnten 88 e

inder auf anderen Weiden überwiesen werden, während die Fohlen abgewiesen werden mußten. Die Eröffnung der Weiden erfolgte am 3. bezw. 5., 7. und 8. Mai 1915. Besatzstärke und Weidedauer der Provinzialjungviehweiden sind aus nachstehender Zusammenstellung ersichtlich.

88 Besatzstärke 8 5

1 5* 2 38 2 2 1

Weidner 3

der Weiden 88 8 S 6 8 8 88 5 855 ha St.] St.] St.] St. St. kg II

Tiergarten 51 120 32 1 22 9503/5. 12/10. 162

Zell 288 73 24 14 2 1175 8.5. 2,́10. 147

Lauterbach 39] 75 29 12 9367. 1/10. 147

Wernings 34 67 24 14 2 902 5./5.] 28./ 9.146

Sd 152 J 335 IU 3 90

g. 5 Herkunft nach entstammten die Weidetiere folgenden

eisen: N

Fohlen Rinder 13 24

Kreis Alsfeld. Büdingen.

Friedberg 29 70 Gießen 260 110 i Lauterbach 46 Schotten 6 2

zusammen 109 335

Der Graswuchs hatte von Mitte April ab gut eingesetzt und im Monat Mai sich üppig entwickelt. Allein in der zweiten Hälfte des Mai merkte man schon, daß die Trockenheit im April und im Mai ungünstig wirkte. Als aber der Juni noch keinen Regen brachte, erfolgte Stillstand. Hierdurch wurde der Weidebetrieb sehr nachteilig beeinflußt, und es entstand die Frage, ob unter den obwaltenden Umständen ein Durchhalten des Betriebes möglich wäre. Zur Lösung dieser Frage trat der Vorstand des Ausschusses zu einer Beratung 8 Die Besprechung ergab, daß sämt⸗ liche Weide unter andarernden Trockenheit sehr litten, aut meisten die Weide in Tiergarten. Bei i und Zell war die Lage besser und für die Weide Lauterbach konnte ein

län, Betrieb in Aussicht gestellt werden, da auf Ansuchen des 985 Kiepe zu Sickendorf, die

Kuratortumsvorsitzenden eiherrlich von Ried ärte, eine größere A auch dem Ausf,

Oberverwalter eselsche Forstverwaltung sich bereit er⸗

75

8 am beschlossen und 8 5. 5 15. i ierbesttern freigestellt, am 15. Juli

achtung, den Tieren das Abweiden des dürren Futter⸗ kömmlich und nährend war, gab neue Hoffnung auf die Möglichkeit der Durchhaltung des Weideketriebes. Endlich im Juli und August erfolgten Niederschläge, wodurch ein üppiger Graswuchs entstand und die Aufrechter des Wei bis Ende September bezw. Anfang Oktober, ja bei Tiergarten bis zum 12. Oktober, ermöglicht wurde. Der 0 der Tiere war während der ganzen ide durchweg Auf der Weide Lauterbach wurden in der ersten Hälfte des einige Fohlen von leichter

. Münchener Kriegsbilder⸗Aus⸗ stellung. Aus München wird uns geschrieben: Die Leitung der Kgl. Graphischen Sammlung(vorm. Kupferstich⸗ Kabinett) hat ihrer im September eröffneten ersten Abteilung der Ausstellung von Kriegsbildern aus dem Bestande der Kgl. bayr. Staatssammlungen jetzt eine Fortsetzung folgen lassen, die am zweiten Weihnachtsfesttage der öffentlichen Besichtigung übergeben wurde. Sie umfaßt Kriegskarikaturen, Sinnbilder des Krieges aus sechs Jahrhunderten, sowie eine ungemein reiche Zusammenstel⸗ lung von Kunstblättern, die einem der drei Kriegsheiligen, St. Michael, St. Georg oder St. Barbara, gewidmet find. Die zwei Säle füllende Ausstellung steht ihrer Vorgängerin nicht nach, sondern bietet an Mannigfaltigkeit sowie in künstlerischer Be⸗ ziehung vielleicht noch mehr als jene. Die Karikaturensammlung enthält vorzugsweise moderne Zei gen, Radierungen, Holz⸗ schnitte und Lithographien, die zum Teil Zeitschriften entnommen find, wie demWieland,Krieg und Kunst,Front. Auch die Liller Kriegszeitung ist da mit K. ArnoldsDer bayerische und der britische Löwe vertreten. Eine stattliche Reihe bedeutender Künstler haben, wie die Ausstellung bezeugt, ihrem Drang zur satirischen Behandlung der Deutschland erwachsenen Feinde Aus⸗ druck gegeben, und ein wahrhaft üppiger Ideenreichtum entsprießt den Gelegenheitsskizzen und auf tiesernstem Untergrunde basieren⸗ den Scherzbildern von Ad. Hengeler, E Pottner, A. Gaul, G. W. Rößner, E. Schilling, M. Liebermann und vielen anderen. Von älteren und alten Künstlern sind haupt⸗ sächlich die Personifizierungen des Todes, des Krieges als Furie oder als Herrscher, die apokalyptischen Reiter oder andere Ge⸗ stalten aus der Offenbarung St. Johannis verwendet. Wir finden da in Originalen und in vorzüglichen Reproduktionen, Entwürfe, wie F. v. PoccisDer Ritter und der Tod, von Erler Das apokalyptische Wed, P. Breug helDer Tod, Peter Paul RubensDie Folgen des Krieges, DürersRitter, Tod und Teufel und seine apokalyptischen Reiter. Unter den Sinnbildern sind überaus fesselnde Entwürfe, die einen tiefen Einblick in die Gedankenwelt alter und neuerer Meister geben, darunter M. KlingersDer Krieg, F. Goya'sDie Greuel des Krieges, Erlerssymbolische Studien, P. Breughels phantafievolle ZeichnungDie großen Fische fressen die kleinen u. a. m. Die e ent⸗ stammen natürlich zumeist dem Mi 6die Kgl. Graphische Sammlung birgt davon unerhört reiche Schätze, von denen die Austellung Proben enthält. Besonders die heilige Barbara und den Drachentöter St. Georg finden wir da in vielen Variationen, durchweg als Messtersch vornehmsder Zeichen kunst.

Der Altjahrsabend. In Schwaben redet man allgemein vom Altjahrsabend und nicht vom Silvesterabend. Wir haben hier eine Verdeutschung vor uns, wie wir sie uns schöner, besser und zweckentsprechender gar nicht denken können. Diese Bezeichnung stellt den letzten Abend des alten Jahres dar, an dem wir den Abschied von diesem fetern, in einem überaus ge⸗ lungenen Gegensatz zu dem Neujahrsmorgen, sowie zu dem ersten

7

Tage des neuen Jahres, den Neujahr. Man sollte überhaupt, so ichreibt uns ein Mitarbeiter, in der heutigen Zeit, in der sich *

erfreulicherweise in weiten Kreisen unseres Volkes eine lebhafte Strömung für die Ausmerzung entbehrlicher, fremdsprachiger Aus⸗ drücke kundgibt, unseren Mundarten eine besondere Beachtung schenken, und man wird finden, daß sich dort schon längst eine große Anzahl gut deutscher Ausdrücke eingebürgert hat, während man in der Schriftsprache in diesen Füllen noch den fremd⸗ sprachigen Bezeichnungen den Vorzug gibt. Ist es z. B. nicht wunderhübsch, wenn man im Altenburgischen füreine Idee (in der Bedeutung,ein wenig) ein Merkchen sagt, oder wenn man in Südtirol einen Egoisten einen Icher, in Bayern die Pupille(im Auge) das Kindl, im Elsaß das Karussell Ringel⸗ spiel, in Schwaben den Salon Prangstube und den Diakonus

Helfer nennt? Die Schwülmer Mundart kennt überhaupt nicht die

Bezeichnungen Portemonnaie, Petersilie, Etage, Gardine, Onkel, Tante, Kusin und Kusine, sondern sie sagt gut deutsch dafür: Geldbeutel, Grünwerk, Stock, Wohnung, Vetter, Base und Ge⸗ schwisterkind. Auch in der Berliner Mundart trifft man einige ausgezeichnete Verdeutschungen an, so den Ausdruck Bibber(von

beben) für Gelee. Die BezeichnungSilvesterabend lt eigentlich eine Abkürzung für die längere BenennungAbend des Silvestertages dar. Der heilige Silvester, der als Papst

Silvester I. von 314335 auf dem Stuhl Petri in Rom saß, hat mit dem, was wir als Silvesterfeier zu bezeichnen. pflegen, mit dem Abschied vom alten und mit der Begrüßung des neuen Jahres nicht das geringste zu tun. Der Heilige starb am 31. De⸗ zember 335, und die katholische Kirche ehrte W Heilig⸗ sprechung sein Andenken dadurch, daß sie ihn zum Kalenderheiltgen seines Todestages machte, wie dies auch bei fast allen übrigen Kalenderheiligen der Fall ist, deren Gedenktage nicht ihre Ge⸗ burtstage, sondern ihre Todestage sind. Der protestantische Ka⸗ lender behielt den Namen Silvester für den 31. Dezember bei. Jedenfalls hat für die heutige Zeit der Name Silvester jede Be⸗ zeichnung zu seiner ursprünglichen Bedeutung verloren, denn sonst wäre es nicht gut denkbar, daß man vom Silvesterpunsch, vom Silvesterkarpfen oder gar vom Silvesterball und Silvester⸗ unfug reden könnte.

Die Neutralitätsvorschriften im Chica⸗ goer Opernhause. Die Direktion der Oper in Chicago hat einige Verhaltungsmaßregeln erlassen, um unter ihren Künstlern, die den verschiedensten Nationen angehören, einen Weltkrieg im kleinen zu vermeiden. Diese Verordnungen sind auch in allen Künstlergarderoben und hinter der Bühne angeschlagen worden, sie lauten: 1. Man diskutiere nicht über die Kampftüchtigkeit der verschiedenen Armeen, sondern schone lieber die Stimme fülr die Vorstellung, in der man singen soll. 2. Man beunruhige sich nicht darüber, welche Herrscher ihrer Throne verlustig werden, sondern denke statt dessen daran, sein Engagement hier nicht zu verlieren. 3. In den Vereinigten Staaten seid Ihr alle Waffen⸗ brüder, die für den Erfolg der Chicagoer Oper kämpfen. 4. Den Opernkrieg haben wir ohnehin. 5. Die Kunst fragt nicht nach Nationalititen, Ihr könnt also Eure Lungen schonen. 6. Schweigen ist Gold, außer beim Singen. Nur der Regisseur und der Dirt⸗ gent werden als Redner geduldet.

5 1 5