Ut. 502 zweites Blatt Erschetul läglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gleßener Famlllenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Areis Sießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen zelt⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweunal.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Donnerstag, 23. Dezember 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universiäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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Uriegsfahrten unter dem Halbmond. 1
Im Laufe der letzten Jahrhunderte haben kluge Politiker wiederholt darauf hingearbeiket, beim deutschen Volke das Ver⸗ ständnis dafür zu wecken, daß ein Hauptgebiet seiner wirtschaftlichen Beide im Orient liege. Friedrich der Große und Moltke befinden sich unter diesen mit an erster Stelle. Wenn auch für die große Masse nicht zu klar bemerkbar, so wurde dieser Gedanke in der Zwischenzeit doch nie fallen gelassen; er kehrte Einsichtigen immer wieder, und es waren nicht die Schlechtesten, die eifrig an seiner Verwirklichung arbeiteten.— Nicht zuletzt der Kaiser. Sein Besuch in Jerusalem und Damaskus, seine dort geäußerten Auschauungen ließen die Türken und überhaupt die ganze Welt des Islams in ihm den machtvollen Freund und den Beschügzer ihres Glaubens, ihres Landes sehen. Damals ⸗schon, so darf man vielleicht sagen, wurde der Grund gelegt zum heutigen Schutz⸗ und Trutzbündnis, welches das gewaltige Reich Osmans als Dritten im Bunde an die Seite Deutschlands und Oesterreichs treten ließ, zu treuer, vielfach blutig erprobter und bewährter Waffenbrüder⸗
chaft gegen eine Welt von Feinden. Die große Masse der wirk⸗ lich einsichtigen Kreise hat durchaus klar eingesehen, daß nur auf dem Wege des festen Anschlusses an die Zentralmächte das Heil der türkischen Nation noch einmal zur Blüte kommen kann, daß aber sonst der drohende Untergang nicht abzuwenden ist. Was aber der
Untergang der Türkei oder auch nur ihre Herabsetzung auf die Bedeutung einer Macht zweiten oder dritten Ranges auch für Deutschland und Oesterreich notwendigerweise bedeuten muß, das liegt zu klar auf der Hand; nicht nur eine ungeheure Erstarkung des Panslawismus in Europa wäre die Folge gewesen, sondern auch das Vordringen der englischen Interessensphäre in Asien und Afrika. So liesen katsächlich die Interessen der drei Mächte in ihren Grundlinien in den gleichen Bahnen. Während noch vor kaum dreißig Jahren der ganze Balkan für Bismarck nicht die Knochen auch nur eines pommerschen Grenadiers wert war, ist heute ein deutsches Riesenheer bereitgestellt worden, um durch den Balkan hindurch mit eisernen Tritten den Weg zu stampfen, mittels dessen die Verbündeten sich zu eherner Arbeit die Hände zu reichen ver⸗ mochten; tragen heute pommersche Seeleute den roten Fez der Moslims auf ihren blonden Köpfen, und begrüßen blaue Augen von der Waterkant aus den Batteriestellungen der Dardanellen und Gallipolis freudig lachend den Treffer auf dem Eisen panzer des treulosen, geha ten Briten. Und will's Gott, rücken sie dem a da auf den Leib, wo er seine wichtigste Lebensader
itzt.
Wie die vereinten Brüderheere im Westen und Osten, so haben auch die türkische Armee und die in ihr aufgegangenen deutschen Kampfgenossen unvergängliche Lorbeerreiser an ihre Fahnen, ge⸗ schmückt mit dem Halbmond und dem Stern des Glücks, geheftet und Taten verrichtet, die sich würdig jeder Leistung der Bruder⸗ genossen an die Seite stellen dürfen.„Dardanellen“ und„Galli⸗ poli“, das sind Namen, die heute schon klingen, ehern und stolz, wie Ypern und Arras; die Beweise, daß die Blüte der Kraft der Nation in der Armee wieder erwacht ist, stolz und getreu im alten Kriogsruhm der Osmanen. Und noch heller und stolzer wird vieles klingen, wenn erst Klio das Wort haben wird und darf. Doch auch im engen Rahmen der heutigen Verhältnisse, die schwer⸗ wiegende Rücksichten militärischer Art bedingen, darf manches schon jetzt ans Licht der Oeffentlichleit gebracht werden. Das aber soll uns Deutschen in der Heimat den treuen Waffenbruder aus blutiger Wacht am Marmarameer noch näher bringen, soll uns klar werden lassen darüber, wie groß seine Leistungen sind und wie ndverschieden, schwer und mühselig, gerade in diesem Teil des Weltenringens des Krieges dunkle Wege verlaufen.
Nach längeren Tagen der Vorbereitung schlug endlich die er⸗ sehnte Stunde, die mich an Bord des Kaiserl. Osmanischen Tor⸗ pedobootes.. führte, das zur... Armee nach Gallipoli fuhr. Hier in Konstantinopel war alles ganz„anders“ wie im Westen, wenn man zur Front— oder gar ins Hauptquartier reisen wollte. Das hatte man sehr bald erkt! Hatte man vielleicht auch nicht gerade angenommen, daß ein D-Zug mit pünktlicher Gewissenhaftigkeit und bequemen„nur für Militär“ bestimmten D⸗Wagen, Speise⸗ und Schlafwagen die reisenden Kriegsmannen vom Haupt⸗ und Zentralbahnhof Konstantinopel
weihnachten auf dem Balkan.
Ein trauriges Weihnachtsfest ist dem von der Kriegsfurie bdurchwühlten Balkan diesmal beschieden, und doch werden auch in diesem tragisch ernsten Rahmen des Weltkrieges die feierlich poeti⸗ schen Bräuche ihren stillen Zauber in die Herzen gießen, wird man zu Trost und Hoffnung die weihevollen Zeremonien erfüllen, die von Urväterzeiten her sich bei den Balkanvölkern fortgeerbt haben und als heilige Sinnbilder den Tag der Geburt des Herrn be⸗ gleiten. Die Lichterbäume, die unsere Truppen dort anstecken, werden sogar einen ganz neuartigen Glanz in die Christfeier der Südslawen bringen, denn bei ihnen war bisher unser Weihnachts⸗ baum nicht gebräuchlich, so tief eingewurzelt guch unter ihnen die Verehrung des Baumes und die Weihe der Kerze sind. Auch die Bewohner des Balkans haben ihren Weihnachtsbaum: aber er wird nicht ins Zimmer gestellt und mit Lichtern besteckt, sondern er wird im Dunkel des heiligen Abends im Walde 1 60 5 und dann am heiligen Herdfeuer zum Segen des Hauses und seiner Insassen verbrannt. Bei den Serben sind diese Bräuche des Weihnachts⸗ baumes, den sie„Bahnyak“ nennen, besonders reich ausgebildet. Am heiligen Abend wandern die Bauernsöhne auf Geheiß ihres Vaters zum Forst, um dort eine schlanke junge Eiche, die man sorglich auswählt, zu fällen. Vor dem Baume sinkt der Axtträger ins Knie und verrichtet ein Gebet, dann zieht er Handschuhe an, denn keine Menschenhand soll den geweihten Baum berühren, schleudert Korn gegen den Stamm, um so die Fruchtbarkeit des Feldes mit der des Waldes zu vereinen, umarmt die Eiche und, spricht die Worte:„Guten Tag und eine glückliche Weihnacht.“ Die Axt wird an einer ganz bestimmten Stelle an den Baum ge⸗ legt; der erste Span darf nicht zur Erde fallen; behandschuhte Hände fangen ihn auf und tragen ihn heim, denn er besitzt die Kraft, den Milchreichtum des Hofes zu mehren. Die Hausfrau hat unterdessen brennende Kerzen zu beiden Seiten der Tür aufge⸗ stellt; der Hausvater zieht seine Handschuhe an und trägt den heiligen Baum über die Schwelle, wobei die Familie einen feier⸗ lichen Gesang ertönen läßt. Dann werfen alle Körner auf den Bahnyak; die Eiche wird auf den Herd gelegt, so daß die Krone weit ins Gemach hineinreicht. Die Hausmutter umschreitet, ein Bündel Stroh im Arm, dreimal lang am den Raum, setzt sich auf den Boden nieder und ahmt das Glucksen der Henne nach, während die Kinder sie wie hungrige Küken umdrängen, das Stroh ihr aus den Händen nehmen und es weitum auf den Boden streuen. Inzwischen glüht auf dem Herde der Weihnachtsbaum; alles blickt voll Andacht in die Glut, aus der die Funken stieben, aber ganz darf er nicht verbrennen, denn ein Stück muß noch für Neujahr übrig bleiben, und der letzte Stumpf wird verwahrt, um im Früh⸗ jahre um die Bienenkörbe getragen zu werden, denen seine ma⸗ ische Kraft Honig in Fülle verleiht. In Montenegro trägt man 79 75 die die Eiche einbringen, Brot und Wein voraus, besprengt das im Feuer knisternde Holz mit Wein und legt Nüsse in die
Ecken des Zimmers. Nachher vereinigen sich alle um den leckeren Weilmachtsbraten, das geröstete Schwein, das die erste Fleisch⸗ eile nach sechswöchigem Fasten it. Um Mitternacht, wenn der
aus unmittelbar bis zur Station„Gallipoli“ bringen werde, so wurde einem doch bei der ersten Meldung schon im Kriegsministe⸗ rium in Stambul und der damit verbundenen Unterredung mit dem allzeit liebenswürdigen, hilfs⸗ und auskünftsbereiten Ad⸗ zutanten der Militärmission“ schnell klar, daß die Verhältnisse hier in jeder Beziehung recht schwierig lagen und es einer gründ⸗ lichen bereitung und Ausrüstung bedurfte, um das Allernot⸗ wendigste in Gestalt von Zelt⸗, Feldbett⸗, Matratze, Moskitonetz, Verpflegungs⸗ und Beförderungsmitteln zu besorgen und sach⸗ gemäß zu verpacken. Dort draußen sei, so wurde dringend betont, gar nichts zu bekommen, und es sei auch schwierig und unsicher, sich nach draußen etwas nachkommen zu lassen. So mußten wir also— mehrere wieder zur Front gehende Kameraden waren meine Reisegenossen— mehrere Tage darauf verwenden, uns die nölige Ausrüstung und die neuen türkischen Uniformen zu besorgen. Dank der immer wieder in Auspruch genommenen, unermüdlichen Hilfe des liebenswürdigen Adjutanten, der mir auch eine Perle von ja,„Burschen“ darf ich wohl nicht sagen, dagegen sträubt sich geradezu meine Feder— aber sagen wir„Dolmetscher“ zuwies, als welcher ja auch in der Hauptsache der gewandte Levantiner verwendet werden sollte, dank dieser wirklich gewandten und un⸗ ermüdlichen Persönlichbeit, wurde ich schließlich aller Schwierig⸗ keiten Herr. Als ich dann schließlich zwei Wagen hoch beladen mit meinem Gepäck und allerlei Vorräten vor dem Hotel zur Ab⸗ fahrt zum Quai fertig dastehen sah, sank mir der Mut bedeutend! Ich war eben noch derartig im Bann der Ideen des west⸗ lichen Kriegsschauplaßes, daß ich glaubte, ich würde, wenn ich mit solchen Mengen Gepäck ankäme, als rettungslos Uebergeschnappter gleich festgehalten werden. Der treue Jacques, so hieß mein smyrniotischer Reisegenosse und Dolmetscher, war da⸗ gegen sichtlich in durchaus normaler Gemütsverfassung und stand meiner zweifelnden Unruhe verständnislos gegenüber. Er war bereits einige Monate im Hauptquartier gewesen und kannte an⸗ geblich genau die dortigen Zustände. So erklärte er mir also, wir hätten aber„wirklich“ nur das Nötigste mit, und dann zog er mit 2 Karren, sich selber noch einen dritten Wagen zur Fahrt zum Quai leistend, ab. Ich möchte hier gleich bemerten, daß Jacques wirklich in jeder 2 015 eine Perle war, was man von den meisten andern seiner Kollegen nicht immer behaupten konnte. Die Galli⸗ poli⸗ Armee braucht bei den vorhandenen großen Sprachschwierig⸗ keiten für die deutschen Offiziere die Dolmetscher auf Schritt und Tritt. Die türkische Sprache ist scheinbar recht schwer, und besonders die Schrift erscheint uns kaum entzifferbar. Der deutsche Offizier ist also für lange 11 zunächst vollständig auf seinen Dolmetscher angewiesen— selbst bei seinen Kommandos im feindlichen Feuer! Nun, Ihr Kameraden von der deutschen Artillerie im Westen und Osten, denkt daran, was es heißt, im Beobachtungsstand, also oft in der vordersten Schützenlinie, jedes Kommando, das Ihr gebt, jede Korrektur erst durch den Dolmetscher dem türkischen Tele⸗ phonisten übersetzen lassen zu müssen! Und noch dazu diese an und für sich schon im lieben Deutsch recht verwickelten Zahlen und sonstigen Angaben, Zielbezeichnungen, Fachausdrücke. Und bedenkt. ferner, was für weitere Schwierigkeiten und Fehlerquellen ent⸗ stehen können, falls der Mann, der nie Soldat war, im Feuer ängstlich wird, falsch versteht, falsches weitergibt und wichtiges fort⸗ läßt! Das verlangt auf die Dauer stärkere Nerven, als das schlimmste feindliche Feuer, denn kontrollieren könnt ihr ihn nicht immer und nicht ganz! Es sind meistens levantinische Juden, Griechen usw., die eine französische Schule besucht haben, und die vor dem Krieg meistens Kaufleute waren. Größtenteils sprechen sie französisch, griechisch und türkisch, einzelne auch deutsch. Große Helden sind sie begreiflicherweise meistens nicht, aber gut zu brauchen auch auf dem Burcau. Natürlich darf man nie deutsche Begriffe und Anforderungen zugrunde legen! Junge Türken oder Deutsche als Dolmetscher sind natürlich sehr rar. Es gibt auch eine Anzahl türkischer Offiziere, die ganz gut deutsch oder fran⸗ zösisch sprechen. Aber die sind natürlich lediglich für Dolmetscher⸗ dienste in der Front zu kostbar. Kurz, nicht einmal das ist einfach hier, was in Deutschland als irgendwie schwierig überhaupt gar nicht in Frage kommen würde. Vom ersten bis zum letzten Schritt tauchen hier Schwierigkeiten auf, die man zu Hause gar nicht ahnt! Natürlich müssen sie überwunden werden, und sie werden auch tatsächlich überwunden, aber so kostet auch das scheinbar Ein⸗ fachste von der Welt schon sehr viel Mühe, Arbeit— und Nerven. Umsomehr Anerkennung gebührt daher dem Bedeutenden, w
trotzdem geleistet und erzielt wurde!. C. W.
Tag, da der Heiland geboren wurde, herangekommen ist, erreicht die Freude ihren Höhepunkt. Es beginnt ein wildes Geschieße; Pistolen und Gewehre knattern und die Schüsse hallen in den Bergen bis zur Morgendämmerung wider. Die Einwohner des Dorfes strömen zusammen, mit Kerzen in der Hand und umarmen
sich mit den Worten:„Friede im Herrn; Christ ist geboren, er ist] K
wahrhaft geboren Ehre sei Christus und seiner Geburt!“ Vor dem Kirchgang tritt häufig noch ein Freund des Hauses, der„Segens⸗ sprecher“, an den brennenden Weihnachtsbaum heran und schürt das Feuer mit dem uralten Spruche:„Wieviel der Funken, so viele Ochsen, Kühe, Schafe, Schweine, Bienen und glückliche Tage.“ Zu Mittag des ersten Feiertags verteilt der Hausvater den Weih⸗ nachtsfladen, in den eine Silbermünze, eine Bohne oder ein Mais⸗ korn eingebacken ist. Wer bei der Verteilung dies eingebackene Segenspfand erhält, der hat im neuen Jahre besonderes Glück und Freude zu erwarten. Ein ähnlicher Aberglaube heftet sich an einen bestimmten Knochen des Weihnachtsferkels, das den Festbraten bildet. Ist dieser Knochen klein, so wird das Jahr hart und mager, ist er vot, so droht Brandgefahr, ist er verwachsen oder beschädigt, so wird im Laufe des Jahres ein Mitglied der Familie sterben. Ein gleicher Weihnachtsaberglauben ist mit der Hoffnung der Mädchen auf einen Mann verknüpft, wie überhaupt Heiratsge⸗ danken im Weihnachtsglauben des weiblichen Teiles der Balkau⸗ völker die wichtigste Rolle spielen. Nach dem Weihnachtsessen sam⸗ meln die Mädchen alle Knochen vom Tisch und legen sie auf die Türschwelle. Jeder Knochen bekommt den Namen eines Mädchens; diese passen dann auf, in welcher Reihenfolge die Hunde die ein⸗ zelnen Knochen wegtragen; in der gleichen Reihenfolge bekommen sie im nächsten Jahre ihren Mann. Die Mädchen essen auch Eier in der Weihnachtsnacht und deuten ihre Form auf den Beruf des Zukünftigen. Bald soll das Ei wie ein Stiefel aussehen, dann ists ein Schuster, bald wie ein Pflug, dann ists ein Bauer usw. Am ersten Weihnachtsfeiertage erfolgt ein feierlicher Feldumgang, bei dem der Bauer gegen jeden um, der im 1 5 keine Frucht trug, die Axt erhebt, als wollte er ihn fällen. Ein Begleiter fällt ihm in den schon erhobenen Arm und spricht die Worte:„Fälle ihn nicht, er wird fortan Frucht tragen.“ Der Bauer hält ein; er hat dem Schicksal eigt, daß er keinen Müßiggang duldet, und mit dieser Warnung schreitet er num hoffnungsvoll dem kommenden Jahr entgegen.
g*
— Nordische Dichtererinnerungen aus Paris. In den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ab es in Paris eine nordische Dichter⸗ und Künstlerkolonie, die zu 995 interessantesten Fremdenkolonien der Seinestadt in jener Zeit gehörte. Eine Fülle hervorragender Persönlichkeiten der skandina⸗ vischen, besonders der norwegischen Literatur und Kunst gehörte ihr an. Da war Jonas Lie mit seinem schwarzen Samtkäppchen, das später gegen eine baskische Mütze vertauscht wurde, mit seinen scharfgeschnittenen Zügen und dem gleichsam immer suchenden Blicke. war Alexander Kielland, groß und schwer,
in seinem äußeren eten elegant und manchmal beinahe zu
Der Türke als Uranker.
Wenn der Deutsche mit Bedauern viele alte Kulturbeziehun⸗ gen durch den Krieg zertrümmert sieht, so hat er dafür die Ge⸗ nugtuung, zu beobachten, wie sich nach anderen Richtungen hin neue Beziehungen, neue Interessen, neue Verständnisse anbahnen. Besonders ist es das türkische Volk, dessen Wesen und Seelenleben sich uns erst jetzt zu erschließen beginnt und, je mehr wir es kennen lernen, um so stärker unseren Anteil erregt. Einen hüb⸗ schen Beitrag zur Kennzeichnung des Türken gibt Kathinka von Rosen⸗Fabricius in dem Dezemberhefte„Kriegsziele“ der Süd⸗ deutschen Monatshefte in München, in dem sie den Türken als Kranken schildert. Sage mir, wie du bist, wenn du krank bist, und ich werde dir sagen, wie du überhaupt bist. Die Verfasserin hat viele Stunden an den Betten kranker und verwundeter Tür⸗ ken verbracht. Sie hat im 1 Jahre Deutsche, Eng⸗ länder, Bulgaren und Serben, ger und Türken gepflegt. Die Türken, so sagt sie, waren mir die liebsten.„Während des tüv⸗ kisch⸗russischen Krieges war ich Oberin eines englischen Lazarettes, zuerst in Adrianopel, dann bis zum Einzug der Russen in Sofia. In Adrianopel hatten wir nur sogenannte leichte Fälle, in Sofia nur schwere. Die letzte große Schlacht zwischen Türken und Russen fand in unmittelbarer Nähe Sofias statt. Die Verwundeten wur⸗ den uns vom Schlachtfelde gebracht, mit entsetzlichen Wunden, zerschmetterten oder erfrorenen Gliedern. Ohne zu klagen, er⸗ 1 trugen die Armen ihre Schmerzen, zuweilen kam ein leises„Allah“ a über ihre Lippen. Die armen, halberfrorenen, verhungerten Türken wurden von uns gelabt, verbunden, notdürftig gereinigt und in die Tag und Nacht bereitstehenden Arrabahs so gut es ging ge⸗ bettet. Glücklicherweise waren wix mit wollenen Decken reichlich versehen. Der Türke ist als Kranker geduldig, folgsam, dankbar 1 und— anständig. Unser Bismarck sagte:„Jeder Türke ist ein Gentleman.“ Ich würde ihn ritterlich nennen, denn die Ver⸗ ehrung für den Gentleman habe ich schon lange vor dem Kriegg verloren, Der Türke verehrt den Arzt und das Krankenhaus ist ihm heilig. Die Türken haben während der letzten Kriege nis⸗ mals ein Lazarett absichtlich beschossen oder gar zerstört. Sie haben die rote Flagge stets anerkannt und niemals Aerzte und Schwestern des Roten Kreuzes mißhandelt und an Ausführung ihres Berufes gehindert. Vielen christlichen Armeen können wir nicht das gleiche Lob spenden. 7 Während des Krieges lernte ich die Ruhe und Würde, mit der die Türken ihre sehr schweren Leiden ertragen, kennen, auch erfreute mich ihre Dankbarkeit, doch die Psyche des Volkes blieb mir wegen des fortwährenden Wechsels unserer Kranken fremd. Ich stand vor einem Rätsel. Als ich Ende des vorigen Jahr⸗ hunderts in Haifa als Oberin eines englischen Missionshauses für Juden tätig war, lernte ich die Türken kennen, verstehen und bewundern. Unser Krankenhaus stand allen Bekenntnissen und Nationalitäten offen. Juden blieben aus, weil sie sich nur ausnahmsweise von ihren Angehörigen trennen. Beduinen, Fel⸗ lachen, Drusen, türkische Beamte kamen zu uns, weil sie Zutrauen zu unserem deutschen Arzte hatten. Wir hatten schwere, hoff! nungslose Fälle Bei der oft langen Pflege trat ich meinen Kranken näher, ich lernte sie kennen und verstehen. Der Türke ist durch und durch gesund, schwache Nerven sind ihm unbekannt und Krankheiten zivilisierter Völker nagen nicht an seinem Organis⸗ mus. Krankheiten kommen von außen und mit ihnen pflegt r leicht fertig zu werden. Allah hat sie ihm geschickt, wie könnte, wie dürfte er klagen. Der kranke Türke weiß immer, wenn es mit ihm zu Ende geht, ruhig, fast könnte man sagen, freudig. erwartet er den Tod. Wie zuversichtlich war ich oft, das Fieben war im Abnehmen die Wunde fast geheilt; ein leises Hakime rief mich an sein Bett. Eim glückliches Lächeln lag auf seinen Zügen. Er dankte mir, dann bat er mich, die Träger der Moschee zu benachrichtigen, sie mußten ihn holen, sein Leben auf Erden 2 beendet. Im Vorhof der Moschee, mit dem Antlitz gen Mekka gewendet, 5 war der Wunsch unseres kranken Türken. Religiöse bereitungen vor dem Tode finden nicht statt, auch trostspendende Freunde stehen nicht an seinem Lager, er stirbt einsam im Vorhofe der Moschee. Wie kommt es, daß der Türke so ruhig, so freudig aus dem Leben scheidet? Hilft ihm sein Glaube? Sind es die Freuden des Paradieses, die der Koran zu verfsthrerisch schildert, die ihn locken? Ich weiß es nicht. Doch wie wir nicht in das Familienleben, den buen u
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sollen, so dürfen wir auch nicht an ihren Glauben elegant, wie er denn einmal zum Mittagessen bei Björnsons mit einer seuerroten Weste unter dem schwarzen Gehrock und einer loketten, tief herabhängenden Stirnlocke erschien. Björnson selbst auf einem Regenschirm begleitete. Frau Thomasine Lie brach dieser interessanten Gesellschaft, zu der auch der däuische Maler röpyer zählte. Dieser Künstler konnte ein paar italienische o⸗ manzen, die er vortrug, indem er in Ermangelung einer Laute sich selbst auf einem Regenschirm begleitete Frau Thomasine Lie brach bei diesem Anblick in helles Lachen aus und sagte:„Hören Sie, Kröper, Sie gleichen wirklich einer abgedankten Primadonng““ Diese kleine Geschichte erzählt in„Politiken“ einer der nicht mehr eben zahlreichen überlebenden Angehörigen des skandina⸗ vischen Kreises in Paris in jenen Jahren, der Mediziner Prof. Dr. Tscherning. Er berichtet auch Interessantes über die Rolle, die Hermann Bang damals während einiger Jahre in der nor⸗ dischen Kolonie zu Paris gespielt hat. Er konnte mehr Franzö⸗ sisch als die meisten Skandinavier und verstand es durch Tatkraft und Geschmeidigkeit in Pariser Kreise Eingang zu finden, die son nicht leicht zugänglich waren. In nahe Verdis 15 trat er mit dem Schauspieler Lugne Pos, und er brachte es wirklich zuwege, daß Stücke von Björnson und Ibsen in Paris aufgeführt wurden, wo⸗ bei Bang die Spielleitung übernahm. Ein Erfolg wurde das freilich nicht, denn die Franzosen verstanden von den norwegischen Stücken nicht ein Sterbenswort. Drollige Mißverständnisse ereigneten sich hierbei. In Björnsons„Ueber die Kraft“ kommt bekanntlich ein Pastorenkonvent vor, wobei die Geistlichen so recht nach alter Väter⸗ sitte aus ihren Meerschaumpfeifen tüchtig dampfen sollen. Bang hatte nun den französischen Schauspielern klar gemacht, daß sie bei dieser Sitzung zu rauchen hätten, und als es nun zur Auffüh⸗ rung kam, traten die norwegischen Landgeistlichen— mit franzö⸗ sischen Zigaretten im Munde auf die Bühne. Bei„Peer Gynt“ ging es etwas besser, weil die Franzosen sich dabei doch wenigstens an die Musik halten konnten und als der Dovre⸗Alte und die Kobolde auf die Szene kamen, da ging ihnen ein Licht auf;„Ah, das ist eine Feerie!“ Bang geriet übrigens während seiner Pariser Zeit in sehr große Geldverlegenheit, aus der er nur durch das Eintreffen einiger tausend Franken gerettet wurde, die ihm Freunde aus Dänemark zukommen ließen. Auf Tschernings Rat gab er die Summe diesem als Notpfennig zur Verwahrung; zugleich aber be⸗ stellte er sich beim ersten Schneider von Paris vier neue Anzüge und hatte es auf diese und ähnliche Weise binnen kurzem so weit bracht, daß der Notpfennig gerade noch zur 3 seinern Schulden ausreichte. Es war damals ein fortwährendes Kommen und Gehen in der nordischen Kolonie zu Paris; die ganze Schar der jungen norwegischen Künstler, wie Werenskiold, Eilif Petersen, später Edvard Munch, der, wie Jonas Lie behauptete, an ein Adlerjunges im Käfig erinnerte, und viele andere erschienen und verschwanden wieder, aber wenn die Kastanienbäume blühten und der Salon eröffnet wurde, dann kamen sie regelmäßig wieder an⸗ geschwärmt und bei Björnsons mußten die Gäste dann zuweilen in drei Gruppen Kaffee trinken, weil nicht genug Tassen vorhanden


