. Nr. 295
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzetger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Felt⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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für Oberhessen
Mittwoch, 18. Dezember 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
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Mb. Deutscher Reichstag.
23. Sitzung, Dienstag, den 14. Dezember.
Am Tische des Bundesrats: v. Jagow, Helfferich, b. Lisco, Delbrück, Dr. Solf.
Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 2 Uhr
15 Minuten. Kleine Anfragen.
Als erster Punkt stehen auf der Tagesordnung die fünf keinen Anfragen des Abgeordneten Dr. Liebknecht:
Die erste fragt nach der Bereitschaft der Regierung zu sofortigen Friedensberhandlungen unter Verzicht auf Annexionen.
Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Jagow: Nach den Verhandlungen vom 9. d. M. muß ich es ablehnen, auf die Frage zu antworten. 1
Die zweite Anfrage verlangt Vorlegung von amtlichem und halbamtlichem Material über die unmittelbare Ent⸗ stehung des Weltkrieges und über die Vorgeschichte des Bruchs der luxemburgischen und belgischen Neutralität und Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission zur Prüfung der Verantwortlichkeiten.
Staatssekretär von Jagow: Das für die Beurteilung der Entstehung des Weltkrieges und der Neutralitätsfrage erforder⸗ liche Material ist bereits veröffentlicht worden.(Sehr richtig!) Die Regierung wird aber auch fernerhin über wichtige diplomatische Verhandlungen Veröffentlichun⸗ gen vornehmen, soweit ihr dies für die Aufklärung der Oeffent⸗ lichkeit erforderlich erscheint. Für die Einsetzung einer parlamen⸗ tarischen Kommission einzutreten, lehnt die Regierung ab.(Zu⸗ stimmung.) Die Verantwortlichkeit für den Weltkrieg eifft nur unsere Gegner.
Die dritte Anfrage heischt Auskunft, ob dien deen während des jetzigen Tagungsabschnitts einen Gesetzenswurf vor⸗ legen will, der die Ersetzung der Geheimdiplomatie durch eine unter öffentlicher Kontrolle ende demokratisierte auswärtige Politik bezweckt.
Staatssekretär non Jagow: Die Regierung ist nicht bereit, den Wünschen des Abgeordneten Liebknecht zu entsprechen und eine hierfür erforderliche Verfassungsänderung vorzuschlagen.
Die vierte 9 befaßt sich mit Schritten zur Versor⸗ gung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Erzeugungs⸗ regelung, Beschlagnahme und Verteilung.
Ministerialdirektor im Reichsamt des Innern Dr. Lewald: Der Herr Reichskanzler lehnt die Beantwortung dieser Frage ab.
Die fünfte Frage fordert Erklärungen über das Programm der Regierung für eine FF der inneren Politik und den Zeitpunkt seiner Verwirklichung, insbeson⸗ dere über rere von Verfassung, Gesetzgebung und 1 der Wehrverfassung und der Reform des Wahl⸗ rechts.
Ministerialdirektor Dr. Lewald: Der Reichskanzler lehnt die Beantwortung auch dieser Frage ab.
Faft zu jeder Anfrage versuchte der Fragesteller noch unter Berufung auf 8 81b der Geschäftsordnung 1 0 Ergänzung an⸗ ubringen, zur zweiten Anfrage sogar drei hintereinander. Der
räsident mußte ihm jedoch unter jedesmaliger schallender Heiter⸗ keit des Hauses erklären, daß seine„Ergänzungen“ neue Anfragen darstellten und, daher unzulässig seien.
„Zu seiner letzten Anfrage brachte der Abg. Liebknecht die Er⸗ gänzungsfrage vor: Wie stellt sich die Regierung besonders zur Frage der preußischen Wahlrefor m? Auch diesmal wurde ihm bedeutet, daß das eine untulässige neue Anfrage sei.
der neue 10 Milliardenkredil.
8 Ein zweiter Nachtrag zum Reichshaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1975 fordert die Bewilligung eines wei⸗ teren Kriegskredits von 10 Milliarden.
Staatssekretär des Reichsschatzamts Dr. Helfferich:
Ich lege Wert darauf, auch dieses Mal vor dem Hause und der Oeffentlichkeit die Anforderung des neuen Nachtragskredits von 10 Milliarden Mark 65 die Zwecke der Kriegführung mit einigen Worten zu begründen. Unsere Feinde phanta⸗ sieren nach den 16 Monaten dieses Krieges immer noch von einer Zerschmetterung und Zertrümmerung Deutschlands. Wir sind alle überzeugt, der Krieg muß durchgeführt werden, bis eine dauernde Sicherheit für das Reich gewährleistet ist.(Beifall.) Ihre Zustimmung zu dieser Vorlage wird der Welt aufs neue beweisen, daß unser Entschluß zur sieg⸗ reichen Durchführung des Krieges Anerschütterlich ist und daß jede andere Rechnung falsch ist und bleibt.(Beifall.) Die bisherigen Kredite für den Krieg belaufen sich auf 30 Milliarden Mark. Im August habe ich die monatlichen Kriegsausgaben auf ungefähr 2 Milliarden Mark beziffert. Wir haben Monate gehabt, in denen die Summe von 2 Milliarden Mark sogar noch übertroffen worden ist. Alles in allem aber ist die Steigerung gegenüber den Kriegs⸗ ausgaben im Frühjahr nicht allzu erheblich. Sie sehen also: trotz der Erweiterung des Kriegsschauplatzes, trotz der Aufstellung immer neuer Formationen, trotz der Preissteigerung aller Lebensmittel und Rohstoffe, trotz der noch immer sich steigernden Anstrengungen zur Ergänzung unseres Kriegsmaterials ist es uns gelungen, das Anschwellen der monatlichen Kriegsausgaben in verhältnismäßig engen Grenzen zu halten.
Sie dürfen daraus entnehmen, daß alle bei der Durch⸗ führung der kriegerischen Maßnahmen beteiligten Stellen sich von der Notwendigkeit der sparsamsten Wirtschaft haben durch⸗ dringen lassen. Aber auch die strengste Sparsamkeit hat ihre Grenzen bei der Rücksicht auf unsere braven Truppen draußen im Felde.(Zustimmung.) Kaum jemals hat ein Krieg an den Feldsoldaten so fast über alles Menschliche hinausgehende An⸗ forderungen gestellt wie dieser Krieg.(Sehr richtig!) Da ist es unsere elementare Pflicht, die Verhältnisse für unsere Sol⸗ daten draußen so erträglich wie möglich zu gestalten. Deshalb müssen wir mit steigenden Unkosten rechnen.
Seit der letzten Kreditbewilligung sind etwa 4 Monale ver⸗ flossen. Der größte Teil der bewilligten Milliarden ist daher schon in Anspruch genommen, daher ist eine weitere Bewilligung erforderlich, um die finanzielle Sicherung des Krieges nicht in unerwünschter Weise zu stören. Die letzte Anleihe hakte nicht nur die bisher beanspruchten Kredite zu tilgen gestattet, sondern auch
noch weitere Mittel ergeben. Die Höhe des neuen Aredites schlagen wir abermals mit 10 Milliarden Mark vor. Die ge⸗ samten bewilligten Kredite würden damit 40 Milliarden erreichen. Es ist schwer, einen Maßstab zu finden, der eine so gewaltige Summe dem allgemeinen Verstandnis näher bringt. Zum Ver⸗ gleich möge dienen: Alle deutschen Eisenbahnen mit ihren gesamten Anlagen und Material sind mit etwa 20 Milliarden einzuschätzen; das ist also die Hälfte dieser Kriegskredite.(Hört, hört!) An der erschütternden Größe dieser Opfer für die Allgemeinheit mag der einzelne ermessen, welche Opfer er im Interesse des Vater⸗ landes auf sich zu nehmen hat. Für das Pflichtbewußtsein, welches den deutschen Mann und die deulsche Frau auch in schweren Zeiten stets ausgezeichnet hat, bietet das bisher auf diesem Gebiete Ge⸗ leistete den besten Beweis, so daß wir keinen Grund haben, am guten Ende zu zweifeln. Wir haben unsern Wohlstand früher in einer verhängnisvollen Weise unterschätzt, das liegt klar vor aller Augen. Der kategorische Imperativ der Staatsbürgerpflicht und Vaterlandsliebe ist es, der in diesen Milliarden seine Friumphe feiert.(Beifall.)
Mehr als vier Millionen einzelne Personen-baben die bisherige Anleihe gezeichnet. Dabei muß man bedenten daß es in Preußen überhaupt nur 8 Millionen selbständige Spisienzen mit einem Einkommen von mehr als 900 Mart und nur etwa 800 000 mit einem Einkommen über 3000 Mark gibt, also mehr als 3½ Millionen mit einem Einkommen von noch nicht 3000 Mark haben ihre schwer erworbenen Groschen auf dem Altar des Vaterlandes geopfert.(Beifall.) Ihnen allen will ich heute unseren wärmsten Dank aussprechen.(Lebhafte Zustimmung.) Was er⸗ reicht wurde, ist in der Tat eine Volksan leihe, wie sie Eng⸗ land haben wollte, aber nicht haben konnte. Im englischen Unter⸗ haus ist offen zugegeben, daß die viele Monate offengehaltene Volkszeichnung auf die zweite Kriegsanleihe ein glatter Fehlschlag gewesen ist. In den vielen Monaten sind nicht soviel Hunderte von Millionen gezeichnet worden, wie bei uns in ebensoviel Wochen Milliarden.(Hört, hört!) a
Am ersten Kriegszahlungstage, dem 18. Oktober, waren auf
die dritte Kriegsanleihe schon mehr als 8½ Millionen eingezahlt, das sind mehr als 70 Prozent gegenüber einer Pflichtzahlung von 30 Prozent. Heute sind schon mehr als 10% Mil⸗ liarden eingezahlt.(Hört, hört!) Dieser günstige Ein⸗ druck wird dadurch verstärkt, daß die Darlehnskassen nur in ganz bescheidenem Umfange für die Zwecke der dritten Kriegs⸗ anleihe in Anspruch genommen worden sind. Sie sind gegenwär⸗ tig nur mit 5,4 Prozent der eingezohlten Beträge belastet. Die Sparkassen zeigen ebenfalls ein sehr erfreuliches Bild. Die Ein⸗ zahlungen sind bei ihnen höher als je in Friedenszeit. Auch die Banken und namentlich die Reichsbank bieten ein außerordent⸗ liches günstiges Bild. Aber unsere Feinde wollen dies alles nicht gelten lassen. Ihre Presse verurteilt uns täglich zum Bankerott, wie sie uns aus unseren Waffenerfolgen täglich nur unsere sichere Niederlage vorauszusagen weiß. Eine englische Broschüre, die von Holland aus über Deutschland verbreitet worden ist, be⸗ hauptet, daß wir unsere Bankdirektoren durch die Drohung mit dem Kriegsrecht gezwungen hätten, uns die Mittel der Banken auszuliefern.(Heiterkeit.) Der Verfasser meint, er habe das 810 Nene nicht glauben wollen, sich aber doch von der Richtig⸗ eit überzeugen müssen.(Erneute Heiterkeit.) Ich habe selbstver⸗ ständlich die Störung der Verbreitung dieser Schrift durch die Zensur verhindert.(Sehr gut.)
Wie sehr man in England bemüht ist, die Wahrheit über unsere Finanzlage der Welt vorzuenthalten, geht auch daraus hervor, daß der englische Kabel im Juli die Verbreitung des Interbiews eines amerikanischen Journalisten mit mir glatt unterschlagen hat.(Hört, hört!) Die gesamte gegnerische Presse wiederholt dauernd das Märchen, daß unsere Anleihen nur ein großer Bluff seien, daß sie ausschließlich durch unsere Darlehns⸗ kassen finanziert werden. Im„Temps“ wurde noch kürzlich be⸗ hauptet, daß nicht ein einziger Deutscher auf die deutsche Kriegs⸗ anleihe Geld gezahlt habe, der nicht dieses Geld vorher der Dar⸗ lehnsfasse entnommen hätte.(Heiterkeit) Für die 25 Milliar⸗ den Kriegsanleihe sind auch nicht einmal 5 Prozent durch Dar⸗ lehen der Darlehnskassen aufgebracht worden. Die feindlichen Staatsmänner handhaben ihre Presse zu einer raffinierten und gewissenlosen Selbsttäuschung ihrer Völker in der unverantwort⸗ lichsten Weise. Wenn man diese Preßäußerung liest, muß man sich selbst oft fragen, ob wir unsererseits vielleicht uns bei Beurteilung die Verhältnisse unserer Gegner ebenso täuschen wie die Gegner über uns. Der Deutsche ist jedoch zu objektiv und gewissenhaft. Er überschätzt eher die Schwierigkeiten bei sich und leitet damit Wasser auf die feindlichen Mühlen.
Im August habe ich die gesamten Kriegskosten auf nahezu 300 Millionen pro Tag geschätzt. Das reicht heute nicht mehr aus. Meine Ziffern kommen heute auf 320 bis 830 Millio- nen pro Tag, die monatlichen auf 8 bis 10 Milliarden, die jähr⸗ lichen Kriegskosten auf nahezu 120 bis 130 Milliarden. Davon entfällt auch heute noch etwas weniger als 76 auf unsere Gegner, etwas mehr als 1 auf uns und unsere Verbündeten. In den laufenden Kriegskosten hat uns England überholt, und sein Vor⸗ sprung wird sich rasch vergrößern. Auch auf dem Gebiete des Geldes entscheiden noch andere Faktoren als die bloße Zahl. Wir geben mit unseren Bundesgenossen nicht viel mehr als halb so viel aus als der Verband unserer Feinde. Mit dieser geringeren Summe erreichen wir aber wesentlich mehr.(Sehr richtig!) Wir und unsere österreichisch⸗ungarischen Bundesgenossen haben den ersten Teil unseres Kriegsgeldbedarfs durch langfristige Anleihen decken und konsolidieren können. Von den Gegnern ist dies bisher nur England gelungen, aber nicht entfernt in dem Maße wie bei uns. Bei ungefähr gleichen Gesamtausgaben für den Krieg hat England 18% Milliarden, wir dagegen haben 25½% Milliarden durch langfristige Anleihen gedeckt. Frankreich, das bisher nur einen ganz minimalen Betrag seiner Kriegskosten durch zehn⸗ jährige Obligationen aufgebracht hat, macht jetzt verzweifelte An⸗ strengungen mit einer zu sehr niedrigem Kurs ausgegebenen „Siegesanleihe“. Unsere Feinde waren genötigt, auf die Geld⸗ quellen des Auslandes, insbesondere der Vereinigten Staaten zurückzugreifen, wir haben unsere Geldbeschaffung nach einem einheitlichen großen Plan durchgeführt, die Bedingungen von Schritt zu Schritt verbessert, den Erfolg vergrößert. Bei unseren Gegnern sehen wir ein Tasten und Suchen, Verlegenheitsmaßnah⸗ men und fortgesetzte Verschlechterung der Bedingungen der Geld⸗
beschaffung.
945 Seulschland im September mit einer fünfprozentigen Anleihe zu 979 herauskam, sprachen die französischen Zeitungen vom bevorstehenden deutschen Staatsbankerott. Die Anleihe, die u Beginn des Jahres 1915 herauskam, war ein Mißerfolg ür die Franzosen. Den Erfolg ihrer jetzigen Anleihe suchen sie dadurch zu sichern, daß sie einen Ausgabekurs von offiziell 8s festsetzen, der sich durch Zinsvergütungen auf 86 beläuft.
(Hört, hört!) Das ist das Land der dreiprozentigen Rente! Der Finanzminister Ribot hat die neue Anleihe als das alte französische Papier gepriesen, das man in jedem Hause und jeder Hütte fand, das die Väter liebten, weil es ein Stück von Frank⸗ reich war. Ueber den niedrigen Ausgabekurs spr ht er wie Till Eulenspiegel: Gerade ein niedriger Kurs habe die Möglichkeit zu steigen!(Große Heiterkeit.) Auf die Anleihe können alle Bons der Obligation de la France national in Zahlung gegeben werden. Auch die Sparkassen sind zum Entgegenkommen an⸗ gehalten worden, um zur Zeichnung aufzumuntern.
England hat sich von Anfang an in den Kriegs⸗ kosten verrechnet. Der englische nzler beziffert die Kosten bis Ende des laufenden Anschlagjahres, also 31. 1916, auf etwa 1,133 Milliarden Pfund, neuerdings gibt den Bedarf bis zu diesem Zeitpunkt auf 1,68 Milliarden erst hat man mit dem Gedanken gerechnet, man könne entspr der alten britischen Tradition einen erheblichen Teil der 5 kosten durch Steuern aufbringen. Die vom November beschlosser Steuern brachten indes nur wenige Bruchteile ein, eine 0 Steuervorlage kam überhaupt nicht über die Schwelle des ments, eine dritte, deren Ertrag auf 130 Millionen veran wird, wird jetzt im Parlament sehr schleppend beraten die Kriegskosten durch Steuern aufzubringen, ist gesch 0
England kämpft jetzt einen sehr schweren Kampf um die Auf⸗ rechterhaltung seines Haushalts. Seine Lage erregt seit Monaten die größten Vesorgnisse in ernsthaften englischen Fin teisen. Vor Monaten glaubte man, mit 3½ Prozent für Kriegsanleihen auszukommen, jetzt ist England genötigt, zu dem heroischen Mittel von 4½ Prozent, die in Wirklichkeit höher als 5 Prozent sind, zu schreiten. Die ausgegebenen Anleihen sind nach dem ersten Zeichnungstag slark unter den Ausgabekurs herunterge⸗ gangen. England hat sich zuletzt mit der Begebung von Schatz⸗ scheinen geholfen. Schatzscheine und Bons müssen jetzt die Höhe bon 350 Millionen Pfund erreicht haben. Wie die kurzfristigen Kredite konsolidiert werden sollen, läßt sich noch nicht ersehen. Zu der Verschlechterung der Verhältnisse auf dem englischen Kapital⸗ markt kommt die für England besonders gefährliche Verschlechte⸗ rung der Valuta. England stand vor der Gefahr einer schweren Erschütterung seines Prestiges auf dem internationalen Geld⸗ markt. Die im September nach New Jork geschickte englisch⸗fran⸗ zösische Kommission hatte nicht den erwarteten Erfolg. Statt einer Milliarde erhielt sie nur die Hälfte, und zwar zu Bedingun⸗ gen, die eine tatsächliche Verzinfung von mehr als 5 Prozent dar⸗ stellten, außerdem nur eine kurzfristige Anleihe.
Der gegenwärtige Sland der Staatspapiere der drei Alliferken stellt sich wie forgk notierte französische dreiprozentige Rente 87, heute steht sie auf 64, das macht einen Rückgang von 22½, 27% prozentige englische Konsols sind um 15% gefallen, die dreiprozentige deutsche Reichsanleihe stand auf 77,7 und ist auf 70, also um 777, zurück⸗ gegangen. Der Rückgang der englischen Konsols ist doppelt so groß, der französischen dreimal so groß wie der unserer Konsols.
Landwirtschaft und Industrie schaffen bei uns auf heimischem Boden alles, was wir zum Leben und zur Kriegsführung brauchen. (Beifall.) Wir zahlen an uns selbst, während die Gegner Milliarden über Milliarden an das Ausland entrichten müssen. Darin liegt eine Gewähr, daß wir den i behaupten werden, den wir auf dem Felde der Kriegsfinangen unseren Feinden abgezwungen haben. 0 g
In England sind Weltmacht und Geldmacht unzertrennbare Begriffe. Das britische Weltreich ist zum guten Teil auf dem Geldmarkt aufgebaut und wird von ihm zusammengehalten. Seine Allianzen hat England zumeist mit Geld begründet, seine Kriege zumeist mit Geld geführt. In den Augen der Engländer ist Friedrich der Große nicht der Mann, der das neue Preußen begründet und den Kern für das Deutsche Reich geschaffen hat, sondern lediglich der, der die Franzosen festhielt, bis die Eng⸗ länder ihnen Aegypten und Kauada abgenommen hatten. Und unser Daseinskampf gegen Napoleon war für England nur eine Gelegenheit, seine Seeherrschaft zu befestigen und seinen über⸗ seeischen Besitz zu erweitern und zu verstärken. Auch jetzt hofft es mit seinen bewährten Methoden arbeiten zu können, und es hat sich von Anfang an seine Hauptrolle als Geld⸗ geber und industrieller Teilhaber gedacht. Zum Teil hat es sie schon aufgeben müssen. Für den Krieg, der uns erdrosseln sollte, hat England seinen Verbündeten und solchen, die es werden sollten, viel größere Mittel geben müssen, als englische Staatsmänner jemals dachten. Unsere braven Truppen haben England gezwungen, sich nicht nur mit Geld, sondern auch mit Blut einzusetzen. Der Zwang, eine starke Armee zu stellen, hat die Wirkung gehabt, die englischen 5 und dadurch die englischen Finanzen in eine Lage zu bringen, die von englischen Staatsmännern fortgesetzt als sehr ernst bezeichnet ö wird. Das leichte Wort von der letzten Milliarde, die für Eng⸗⸗ land den Krieg entscheiden werde, ist zu Anfang des Krieges ge⸗ fallen. Jetzt spricht Ministerpräsident Asquith von dem letzten Penny.(Gr. Heiterkeit.) Minister Bonar Law hat im Unter⸗ haus sogar vom Staatsbankerott gesprochen, den man im äußersten Falle riskieren müsse, um den Krieg zu gewinnen.(Hört, hört!)
In aller Ruhe und Nüchternheit wollen, wir uns davon Rechenschaft geben, daß die Grundlagen des englischen Weltreiches ins Wanken kommen. Das britische Weltreich ist mit einem großen Sonnensystem vergleichbar, darin der zentrale Stern durch die Wucht seiner Masse die anderen in Bewegung erhält. So ist Englands gewaltige finanzielle Ueberlegenheit das wesentliche Stuck, das das Weltreich zusammenhält. Verliert die Sonne einen wesentlichen Teil ihrer Substanz, dann zerstiebt das ganze Planetensystem in dem Weltenraum. Deutschland kanu es ertragen, ärmer zu werden, wir bleiben doch, was wir sind.(Sehr richtig!) Ein verarmtes Eng⸗ land ist bedeutungslos. Wir sind oft ausgesogen und ausgeplündert worden und haben uns immer wieder mit un⸗ verwüstlicher Lebenskraft erhoben; man hat uns zerschlagen und zerstückelt, aber wir sind wieder zusammengewachsen; wenn aber das britische Weltreich erst einmal in die Brüche gegangen ist, wird es auch in Jahrtausenden nicht wieder auferstehen.(Sehr richtig!), Dieses England, das mit einem solchen Risiko und einer solchen Gefahr behaftet ist, spricht das frevelhafte Worf bom Erschöpfungskrieg. Es will von den Waffen, mil denen es sich nur Mißerfolge geholt hat, an den Hunger und Bankerott appellieren. Wir sind mit allem Nötigen zum Leben und Kämpfen versehen und haben trotz aller Absperrung Brot und Kartoffeln genug, und die Preise sind bei uns niedrigen als in England und Frankreich. Der Feind soll wissen, daß wir auf jeden Ueberfluß verzichten, wenn es nötig ist. Lieber jede Not ertragen, als des Feindes Gebot.(Stürmischer Beifall.)
Der Feind soll wissen, daß wir einen ungebrochenen Kampfes⸗ mut haben und eine ungebrochene Siegeszuversicht.(Stürm. Bei⸗
Kriegskosten ansteigen zu lassen.


