Zweites Blatt
Erscheint läglich mit Ausnahme des Sonntags. 5
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Areis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
General⸗Anzeiger f
105. Jahrgang
Uaiser Iüanschikai.
Paris, 13. Dez.(Zens. Frkft.) Havas meldet aus New Pork: Nach einem Telegramm aus Peking bat der chinesische Staatsrat, nachdem er über die Aende⸗ rung der Regierungsform abgestimmt hatte, Jüanschi⸗ kai, die Krone anzunehmen. Jüanschikai verwei⸗ erte dies zuerst, aber nachdem ihm der Thron zum zweiten
ale angeboten worden war, sagte er zu, jedoch unter dem Vorbehalt, daß er das Amt eines Präsidenten weiter 5 wolle bis zu dem für die Krönung geeigneten Augen— i
Der neue Kaiser von China wurde, so entnehmen wir einem Artikel im B. T., im März 1859 auf dem Landgut seines Vaters in Hsiangcheng im Südosten der Provinz Honan geboren. Sein Vater war Taotai in der Provinz Tschili und starb frühzeitig, ohne öffentlich hervorgetreten zu sein. Jüanschikai, der fünf Brüder hatte, wandte sich nach kurzem Elementarunterricht dem Militärdienst zu. Bereits als Dreiundzwanzigjähriger wurde er beim Aus⸗ bruch des koreanischen Aufstandes mit einem militärischen Detachement nach Söul, der Hauptstadt Koreas, entsandt. Drei Jahre später, 1885, erfolgte seine Ernennung zum Generalresidenten in Söul. Diese verdankte er der Befür⸗ wortung Lihungtschangs, dessen Aufmerksamkeit der junge Offizier auf sich gezogen hatte. Der Chinesisch⸗Japanische Krieg 1895 machte seinem zehnjährigen Wirken in Korea ein Ende. Er wurde zwei Jahre später zum Justizkommissar beim Generalgouvernement der Provinz Tschili ernannt. Hier beauftragte im September 1898 der junge im Gegensatz zur Kaiserin⸗Witwe Tzehsi reformfreundliche Kaiser Kuanghsü
den Neffen der Kaiserin⸗Witwe, den Generalgouverneur von.
Tschili Jonglu zu ermorden und dessen Platz einzunehmen. Jüanschikai ging zum Schein auf diesen Plan ein, warnte aber heimlich Jonglu, so daß dieser fliehen und den Plan des Kaisers der Kaiserin⸗Witwe verraten konnte. Kuanghsü wurde gefangen genommen und die Kaiserin übernahm die Regierung. Jüanschikai aber wurde ihr Günstling und Berater. Während des Boxeraufstandes im Jahre 1900 ver⸗ stand er es, den Gouverneur von Schantung hinzuhalten, so daß dieser seine Truppen weder für noch gegen die Fremden in Tätigkeit treten ließ. Durch sein 20 ich ige Verhalten erzielte er, daß er nach den Wirren als Vermittler auf⸗ treten konnte, und zum Danke dafür wurde er 1901 zum Generalgouverneur von Tschili ernannt und erhielt damit den Oberbefehl über die bestorganisierte chinesische Armee. Er umgab sich mit einem ihm treu ergebenen Beamten⸗ körper, der es ihm ermöglichte, die von ihm angebahnten Reformen durchzuführen. Er reorganisierte das Heer, führte eine moderne Polizei ein, die tatsächlich Sicherheit für Fremde und Einheimische schuf, reformierte die Verwaltung, chuf neuzeitliche en usw. All dies erregte aber das ißtrauen der Kaiserin⸗Regentin, der die Neider Jüan⸗ schikais glauben machten, dieser trachte nach dem Throne. Es kam zu einem heftigen Auftritt zwischen der Kaiserin und ihrem Günstling. Die Kaiserin soll den vor ihr knien⸗ den Jüanschikai mit Füßen getreten haben. Nur dadurch, daß Jüanschikai dem Prinzen Tsching eine große Summe (man 15 von 9 Millionen Mark) überwies, rettete er sein Leben. Aber das Mißtrauen der Kaiserin ließ nicht nach und Jüanschikai wurde kaltgestellt. Er wurde zwar zum Minister des Aeußern ernannt, aber diese Erhöhung brach auch seinen Einfluß. Es kam das ereignisvolle Jahr 1908, in dessen Dezembertag der Kaiser und die Kaiserin⸗Regentin Ga nacheinander eines geheimnisvollen Todes starben. ald danach, 1909, mußte Jüanschikai in die Verbannun gehen. Er wurde seiner Aemter und Würden beraubt, un die Vertreter fremder ausländischer Staaten retteten mit Mühe seinen Kopf. Drei Jahre später brach die Empörung im ganzen Reiche aus. Jetzt entsann man sich wieder Juan⸗ schikais, und nach langem Zögern fand er sich auch bereit, seinen Einfluß für die Wiederherstellung der Ordnung einzu⸗ setzen. Am 13. November 1911 zog er wie ein Triumphator in
Peking ein und erhielt den Oberbefehl über sämtliche Trup⸗ Ä*‚Föñ-ß-r
pen. Damit erhielt er die Macht eines Diktators. Was olgte, ist bekannt. Nachdem ein Edikt der Kaiserin⸗Witwe Lung⸗Yü die Abdankung der Mandschudynastie verkündet hatte, wurde am 1. Januar 1912 die republikanische Regie⸗ rung in Nanking konstituiert und drei Monate später der Norden und Süden Chinas mit Jüanschikai als Präsidenten vereinigt. Im März 1913 wurde das Parlament von Jüan⸗ schikai aufgelöst und dessen Arbeit einem vom Präsidenten, berufenen, aus 70 Mitgliedern bestehenden Gesetzausschuß übertragen. Dadurch wurde die Diktatur Jüanschikais offi⸗ ziell erklärt. Der neue Verfassungsentwurf legte alle Rechte in die Hände des Präsidenten. Er allein hatte über Krieg und Frieden zu entscheiden und Verträge abzuschließen. Er hatte ferner das Obertommando über Heer und Flotte, kurz, China wurde wieder ein absolut beherrschter Staat. Jetzt ist dadurch, daß Jüanschikai die Kaiserkrone angenommen hat, auch offiziell nach außen hin der kurzlebigen chinesischen Republit ein Ende bereitet worden.
Jüanschikai hat 7 Frauen, die ihm nahezu 30 Kinder geboren haben. Von diesen sind 23(11 Knaben und 12 Mäd⸗ chen) am Leben. Eine seiner Töchter hat Jüanschikai, wie kürzlich gemeldet wurde, mit dem jetzigen Exkaiser verlobt und dadurch auch seine Nachfolge eng mit dem früheren Kaiserhause verbunden. g
Aus Stadt und Cand. Gießen, 14. Dezember 1915. Die Kriegsbeschädigtenfürsorge im Großh. Hessen.
Nachdem nunmehr der tausendste im Großherzogtum Hessen wohnende Kriegsinvalide zur Fürsorge angemeldet worden ist, dürfte es weitere Kreise interessieren, welche Erfahrungen in der Kriegsbeschädigtenfürsorge bis jetzt gemacht worden sind.
einleitend sei bemerkt, daß die Kriegsbeschädigtenfürsorge im Großherzog um Hessen durch den Landesausschuß(Geschäftsstelle Landesversicherungsanstalt Großh. Hessen in Darmstadt, Wilhel⸗ minenstraße Nr. 34) und durch örtliche(Kreis⸗ oder Orts⸗) Aus⸗ schüsse wahrgenommen wird. Die Fürsorge im Einzelfalle wird jetzt grundsätzlich durch die örtlichen Ausschasse durchgeführt, weil diese in ständiger persönlicher Fühlung mit den Beschädigten bleiben können, und weil ihnen auch die Lage des Arbeitsmarktes in ihrem Bezirke am besten bekannt ist. Die Tätigkeit der Organe der Kriegsbeschädigtenfürsorge vollzieht sich nach Richtlinien, die haupt⸗ sächlich zur Erzielung einer gewissen Einheitlichkeit in der syste⸗ matischen Bearbeitung der Fälle aufgestellt wurden, und die im Druck erschienen sind. Aus naheliegenden Gründen soll der Kriegs⸗ beschädigte möglichst in seinem früheren Berufe verbleiben. Wenn seine Beschäftigung in dem früheren Berufe wegen der Art seiner Verletzung nicht in Frage kommt, soll er zur Verwendung in einem verwandten Berufe eingeübt werden. Erst wenn das in Anbetracht der Schwere seiner Beschädigung völlig ausgeschlossen ist, soll seine Ausbildung für einen neuen Beruf in Betracht ge⸗ zogen werden. Die Unterbeamtenstellen im Reichs⸗, Staats⸗ oder Kommunaldienste sollen grundsätzlich den Beschä⸗ digten vorbehalten bleiben, die für ihren früheren oder einen diesem verwandten Berufe untauglich sind.
Die Erfahrung hat bestätigt, daß sich die meisten Kriegs⸗ beschädigten in ihrem früheren Berufe betätigen konnten, wenn sie hierzu den eisernen Willen hatten, und wenn ihre Arbeitgeber in der ersten Zeit etwas Nachsicht geübt haben. Anfangs glauben die meisten Kriegsinvaliden, für ihren früheren Beruf nicht mehr 177555 zu sein. Wenn sie aber eine Arbeitsstelle zugewiesen er⸗ hielten, in der man Rücksicht auf ihren Zustand nahm, hatten sie sich sehr bald eingewöhnt, und es wird in vielen Fällen nur eine Frage der Zeit sein, daß sie den Lohn eines gesunden Arbeiters gleicher Art ganz oder zum größten Teil erreichen. Zur Ein⸗ übung der schwerer Beschädigten in den früheren Beruf sind in mehreren Orten des Landes Werkstätten für die verschie⸗ densten Berufsarten eingerichtet worden.
Die berufliche Ausbildung während des Lazarettaufenthalts hat sich außerordentlich bewährt, und sie sollte deshalb in jedem größeren Lazarette den Verletzten nicht mur ermöglicht, sondern ihnen sogar als Arbeitsdienst anbefohlen werden. Daß alle Er⸗ rungenschaften der Wissenschaft und Technik benutzt, keine Mühen und Kosten gescheut werden, um die aufgehobene Arbeitsfähig⸗ keit wieder herzustellen oder die herabgesetzte zu verbessern, ist selbstverständlich. So ist in der dem Reservelazarett in Offen⸗ bach a. M. angegliederten Schule für Berufs cinübung(Technische
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ur Oberhessen
Vienskag, 1. vezemver 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S251, Schrift-
leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Lehranstalten) ein Landwirt, der den rechten Arm bis auf einen kurzen Stumpf verloren hat, mit Hilfe eines Ersatzgliedes zur vollen Versehung seines Berufes befähigt worden
in der Einübung in verwandte und in der Ausbildung für neue 27025 haben die erwähnten Lehrwerkstätten Vorbildliches ge⸗ eistet.
Zum Beispiel wurden ein Maurer, als Maurerpolier, ein Schlosser als Dreher, ein Gärtner als Gartenarchitekt, ein Ver⸗ käufer als Buchhalter, ein Bauschlosser als Techniker, ein Schreiner als Magazinverwalter, ein Zimmermann als Forstwart, ein, Kut⸗ scher als Dreher, ein Maurer als Kartonagearbeiter, ein Häuer als Amtsschreiber, und viele andere in ähnlicher Weise angelernt bezw. ausgebildet.
Die zu der Eingewöhnung, Einübung oder ee natürlich erforderliche Energie und beharrliche Ausdauer ist leider nicht allen Kriegsbeschädigten gegeben. Viele waren zu einem Versuche, es einmal mit ihrer früheren Arbeit zu ver⸗ suchen, nicht zu bewegen, selbst wenn ihnen die Gelegenheit hierzu geboten war. Sie verlangten vielmehr dringend eine Stelle im Unterbeamten⸗ oder Bureaudienste, zu dem sie nach ihrer Ansicht allein noch zu gebrauchen wären. Zahllos waren deshalb die Gesuche an die Behörden, besonders an die Eisenbahn⸗ und Postbehörden, um Beschäftigung. Obwohl diese Verwaltungen das weitgehendste Entgegenkommen gezeigt haben, konnte nur der kleinste Teil der Bewerber als Ersatz für abgängige Beamte und Bedienstete eingestellt werden. Der Bedarf an feh enden Kräften ist jetzt natürlich gedeckt, und eine Verwendung bei den genannten Stellen ist nur noch vereinzelt zu erwarten.
Ueberdies treffen die Erwartungen, die von den Kriegs⸗ beschädigten an die sogenannten Staatsstellen in der Regel ge⸗ knüpft werden, meist nicht zu. Die Bezahlung der Unterbeamten und Bediensteten in den öffentlichen Verwaltungen übersteigt gewöhnlich nicht den durchschnittlichen Lohn eines gewerblichen Arbeiters, und die offenbar den Hauptreiz bildende Pensions⸗ berechtigung ist nur mit einem Teil der Stellen verbunden und wird selbst im günstigsten Falle erst nach einer Reihe von Jahren erreicht. Daß bei der Beschäftigung im Reichs⸗, Staats⸗ oder Kommunaldienste ohne Rücksicht auf den Grad der Erwerbsbeschrän⸗ kung ein erheblicher Teil der Militärinvalidenrente ruht, klei- nere Renten sogar ganz wegfallen, wird ebenfalls vielfach über⸗ sehen. Selbst wenn der Verdienst der Kriegsinvaliden in ihrem alten Berufe die frühere Höhe nicht mehr erreichen sollte, wer⸗ den sie sich in den meisten Fällen zuzüglich ihrer Militärrentel besser stellen als im Unterbeamtendienst, der sie, nebenbei be⸗ merkt, innerlich recht oft nicht befriedigen dürfte.
Das Endziel aller Fürsorgemaßnahmen ist die Unter⸗ bringung der iegsinvaliden in einer passenden Arbeitsstelle. Der bei den örtlichen Organen der Kriegsbeschädigtenfürforge ein⸗ gerichtete Arbeitsvermittlungsdienst wird in der Regel nur von den Verletzten in Anspruch genommen, die durch die Art ihrer Beschädigung in größerem Maße an der Ausübung ihres Berufes gehindert sind. Die nicht oder nicht erheblich in ihrer Arbeitsfähigkeit Geschädigten haben sich meist in dem der Ent⸗ lassung fast immer vorangehenden Urlaub schon eine Stelle ge⸗ sucht und sie gewöhnlich bereits angetreten, bis der Verletzte der Kriegsbeschädigtenfürsorge als Invalide gemeldet worden ist. Die örtlichen Ausschüsse haben sich also hauptsächlich mit der Arbeitsvermittelung für die schwerer Beschädigten zu befassen. Durch rege Bemühungen ist es gelungen, schon jetzt einer größeren Anzahl von Kriegsbeschädigten gutbezahlte Arbeitsstellen zu ver⸗ mitteln, und die Invaliden dadurch, oft sogar unabhängig von ihrer Milstärrente, dauernd wirtschaftlich zu versorgen. Besonderes Entgegenkommen in der Einstellung von Kriegsinvaliden haben die Großbetriebe bewiesen. Bis jetzt noch nicht ganz befriedigend find die Ergebnisse der Arbeitsvermittelung an Verletzte, die in abseits gelegenen ländlichen Bezirken wohnen. Es liegt das an dem Umstand, daß auf dem Lande das Kleingewerbe vor⸗ herrscht. In diesem kann aber eine Arbeitsteilung wie in den Großbetrieben wegen der Art der Arbeit und der geringen Anzahl von Arbeitskräften nicht vorgenommen werden, weshalb in den kleinen Betrieben nicht jeder Kriegsbeschädigte ohne weiteres verwendbar ist. Daß die Verletzten nur in der Nähe der Heimat, in der sie meist ein Häuschen und einige Aecker haben, eine Arbeitsstelle annehmen wollen, ist ja menschlich begreiflich, er⸗ schwert aber außerordentlich die Arbeitsvermittelung.
Nach den bisherigen Erfahrungen wird ein voller Erfolg auf dem Gebiete der Arbeitsvermittelung nur dann zu erwarten sein, wenn alle Unternehmer es als eine Ehrensache ansehen, in erster Linie ihre im Kriege verletzten Arbeiter wieder einzustellen, und wenn die Kriegsinvaliden das Vertrauen in ihre früheren beruflichen Fähigkeiten zurückgewinnen.
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neue Briefe von Theodor Storm.
In Theodor Storms Nachlaß befinden sich reiche Schätze an Briefen, die jetzt durch des Dichters Tochter der Oeffentlichkeit übergeben werden. Die demnächst erscheinenden Briefe Theodor
Storms an seine Frau bilden eine Fortsetzung der Briefe des Dichters an seine Braut, die im vorigen Jahre veröffentlicht wurden. Schon wenige Jahre nach der Heirat gestalteten sich die äußeren Verhältnisse für den jungen Husumer Advokaten schwierig, da Schleswig⸗Holstein 1850 dänisch wurde. Storm, der sich für die Rechte seiner Mitbürger gegen die Willkür der dänischen Beamten kräftig einsetzte, machte sich bei der neuen Regierung dadurch so mißliebig, daß diese ihm die Bestallung als Advokat entzog. Es wurde Storm nicht leicht, die Aufnahme in den preußischen Justiz⸗ dienst zu erwirken. Er betrieb diese Angelegenheit persönlich in Berlin, wo er durch Kugler und Fontane in die literarische Ver⸗ einigung„Tunnel über der Spree“ eingeführt ward. Einige der Mitglieder, die sich zu einem engeren Zirkel, dem„Rütli“ zu⸗ sammengetan hatten, gingen damals mit der Absicht um, ein belletristisches Jahrbuch„Argo“ herauszugeben; auch Storm wurde zur Mitarbeit eingeladen. Damals trat der Dichter auch Menzel, der das Titelbild zu dem Jahrbuch zeichnen sollte, persönlich nahe. In den Tagen, da wir dieses großen Künstlers 100. Ge⸗ burtstag feierten, mag folgende Briefstelle besonders interessieren:
„Im Rütli eröffnete uns der kleine originelle Menzel, daß er das Bild zur Argo fertig habe Sogleich wurden ihm Bleistist und Papier in die Hand geschoben, er solle uns einen Begriff davon geben. Und nun fing das humoristische Männlein an zu zeichnen und zu erklären. Wir fragten und er antwortete. Im Vordergrund die Argo, ein Stücklein nur zu sehen, Theseus steigt in den Mast—„Und der Drache?“—„Hier steht er; aber er empfängt Sie höchst freundlich!“—„Und bekommen wir denn das Goldene Vies?“—„Freilich, da hängt es schon, Sie brauchen es bloß beim Schwanz zu fassen, und am Ufer sind die Straßen⸗ jungen von Kolchis angedeutet, die Sie alle mit größter Freude empfangen!“— Du mußt Dir diesen geistreichen Scherz nun nicht sowohl als ein ausgeführtes Bild als vielmehr alles nur in An⸗
tungen denken. Morgen werden wir wohl die Abdrücke zu sehen bekommen.“ Die Zeichnung wurd eschließlich doch nicht als Titelbild ausgeführt; es sind von der Platte nur wenige Abzüge gemacht. Aber in Storms lebendiger Schilderung ist der kleine große
Menzel prachtvoll charakterisiert.
Bald danach mußte der Dichter seine Vaterstadt verlassen,
er so eng verwachsen war. hatte er wohl Grund zu
„Die Heimat verlassen ist doch bitterer, als man anfangs
denkt.“ Doch suchte er sich und seine Frau zu trösten:„Hätte ich Dich nicht, ich wüßte es kaum zu ertragen; wenn Du, zu⸗ mal in körperlicher Nähe bei mir bist, dann habe ich Mut und sehe heiter in die Zukunft.“ Aber ein starkes Ver⸗ gänglichkeitsgefühl verdunkelte dem zur Melancholie neigen⸗ den Dichter wie mit grauen Schleiern oft die hellsten und glücklichsten Tage, und immer wieder kehrt namentlich in der Zeit, wo er in Heiligenstadt als Kreisrichter tätig war, die Angst wieder, daß seine kränkliche Frau, mit der er sich immer inniger verbunden fühlte, ihm durch den Tod entrissen werden könnte. Dann wühlte er sich in diese trüben Gedanken hinein und schreibt seiner Frau etwa folgendes:„Mir ist dieser Tage mitunter gewesen, als sei etwas von mir gerissen, was zu mir gehöre, und als blute ich aus verschiedenen Wunden. Und doch wird einer von uns einmal seines Genossen beraubt, unkundig, was aus ihm geworden, vielleicht noch lange Jahre und Tage umherwandern müssen, neues an sich und an der Welt erfahren, wovon der andere vielleicht keine Ahnung gehabt. Möge ich nicht der erste sein, mein grübelndes Gehirn würde die Fragen nicht aushalten: Wo ist sie? Ist sie noch? Sehnt sie sich und leidet sie wohl gar? Oder ist sie dir so weit vorausgeflogen, daß du sie nie mehr einzuholen vermagst? Ich würde kaum mehr für die Mitlebenden taugen, denn wie schon jetzt im Leben und mit dem Schwinden der Jugend und des Lebens meine Sehnsucht, Dich zu haben und zu halten, immer stärker geworden ist, so würde es mich nach Deinem Tode, wenn ich den erleben sollte, wohl ganz dahin⸗ nehmen, Du würdest dagegen, oder sag' ich lieber gleich, Du„wirst“ Dein Geschick als ein Unabänderliches mit größerer Ergebung, ohne vergebliches Grübeln, aufnehmen. Mögest Du nur nie aufhören, die Arme nach mir auszustrecken, nach mir Dich zu sehnen, bis auch Deine Stunde kommt, wo auch Du für immer schlafen gehst, oder — falls uns solche Seligkeit vorbehalten sein sollte— aufs neue mit mir vereint wirst. Denn ganz innig, ohne Hindernis mit Dir eins sein, ist der höchste Inbegriff von Seligkeit, den ich mir zu denken vermag. Mitunter— ich darf es wohl sa— ist 15 Deinerseit; dies Gefühl in Bezug auf mich und 775 sich deutli mir geäußert, dann habe ich noch Augenblicke diese Seligkeit empfunden, die nichts mehr zu wünschen hat, als ohne Aufhören zu sein. Es ist mit den Worten eines Briefes wie mit dem Sternenlicht, wenn es uns berührt, ist es schon lange nicht mehr dort, wo es gestanden. Aber das vielleicht oft unbewußte Gefühl des In⸗und⸗mit⸗Dir⸗Lebens verläßt mich nie.“ Aus dem gleichen selbstguälerischen Gedanken heraus entstanden bei einem Besuch im Vaterlal⸗se seiner Frau die Verse:
, Pprpr—ppßßß... ̃ ̃.
„In diesen Räumen, wo Du einst gelebt, Erfüllt ein Schimmer Deiner Schönheit noch, Nur mir erkennbar, wenn auch meine Augen Geschlossen sind, von Zeinem mehr gesehn!“
— Preßluft als Wellenbrecher. In Amerika har man Versuche angestellt, mit Hilfe von Preßluft die Wucht den Wellen zu brechen. Bei diesen Versuchen ging man von Beob⸗ achtungen bei Tunnelarbeiten unter dem Hudson aus, bei denen man bemerkte, daß Preßluft, die aus dem Tunnel nach der Ober⸗ fläche ausströmte, eine vollständige Ebnung der über der Aus⸗ strömungsstelle liegenden Wasseroberfläche verursachte. Es wurde dabei das Wasser außerordentlich stark zerrührt und mit Luftblasen versetzt, und Wellen, die gegen diese Stelle heranströmten, brachen dort vollständig zusammen. Auf Grund dieser Beobachtung faßte Ph. Brasher den Plan, einen„Luftwellenbrecher“ zu konstruieren. Er legte eine lange, etwa 10 Zentimeter starke Rohr⸗ leitung an einer Versuchsstelle auß den Meeresboden, senkrecht zu der Richtung des Wellenschlages und verband diese Leitung mit einer 5 von einer Versuchsstation am Ufer Preßluft herbeiführte⸗ chte von Augenzeugen schildern den Erfolg als überraschend. Die Wellen gingen an dem Versuchs⸗ 5 tage so hoch, daß der Wasserstaub über die Bäume am Ufer hinweg schlug; allein nachdem eine Viertelstunde lang Preßluft in das Wellenbrecherrohr geleitet war, konnte man ohne jede Ge⸗ fahr hinter der abgegrenzten Stelle in einem Kahne fahren. Zu diesen Mitteilungen des„Scientific American“ macht der„Pro⸗ metheus“ den Vorbehalt, daß sich bisher noch kein Mittel zur Be⸗ kämpfung der Meereswellen als recht wirksam erwiesen hat, und daß auch bei dem Plane eines Luftwellenbrechers die Frage bleibt, ob sich eine Anlage zu erträglichen Kosten herstellen und unterhalten lasse. Die Rohrleitung muß dauerhaft und wider⸗ standsfähig befestigt, kräftige Maschinen müssen zur Gewinnung der Preßluft aufgestellt werden usw. Bewährt sich das Verfahren, dann würde es natürlich zu den vielfältigsten maritimen Zwecken 1 verwandt werden können. Ueberall, wo man bei dauernden und zeitweisen Arbeiten gegen die Wellen gesichert sein will, könnte so ein Wellenbrecher benutzt werden. Der Bau von Hafendämmen, 1 Leuchttürmen usw. würde dadurch gegen die Wellen geschützt wer⸗ a den können, ebenso Arbeiten an gestrandeten Schiffen; Leurhtschiffe würden mit Preßluft⸗Wellenbrechern ausgerüstet und könnten mit⸗ ten im Seegange sicher auf ruhiger See schwimmen. Ja die Ameri⸗ kaner sehen sogar schon mit des Geistes Auge große Anlagen wirksam die Fortspülung wertvollen Küstenlandes verhindern, zu dessen Erhaltung bisher Tausende und Abertausende von Dol⸗
lars auf die Anlegung von Holz⸗ und Steinwerken vergeblich geopfert werden mußten. e l


