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Ar. 200 Sweites Vlatt Gchem täglich mit Ausnahme des Sonntags. e
Die„Sießener Kamiltenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
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Ariegsbriefe aus dem Osten. Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)
Durch Kurland.
III. Windau.
Windau, Ende November. ö Der Schnee flog in großen Flocken, als ich von Goldingen näch Windau fuhr. Goldingen hat sein eigenes tatkräftiges Ge⸗ sicht, in Goldingen ist auch ein größerer Teil von baltischem Adel und Bürgerschaft geblieben, um Goldingen zieht sich eine Kolonie von deutschen Bauern. Es müssen in anderem Zu⸗ sammenhange die starken Eindrücke der Goldinger Tage zu⸗ sammengefaßt werden. Das kleine Städtchen, in dem so viel glühendes Deutschtum unter den niedrigen Dächern lebt, war unter dem weißen Flockenfallen bald wie versunken. Die leicht gefrorene Straße nach Liban zog sich an Winter⸗Wäldern, die hlitzernd über den niedrigen Hügeln stanben, in tausend Windungen weiter. Die gefrorene stahlgraue Fläche der Windau glänzte rechts herauf. Der Wald, das Stück Erde, das mit seinen Blicken, von Hügelkuppen über weißglänzende Waldwiesen und Felder wie ein Gebirgsland aumutet— 30 Meter über dem Meeres⸗ spiegel—, das Waldland war durchfahren, die Ebene von Windau, durch die der Sturm fegt, erreicht, und bald standen die ersten Holzhäuser der Hafenstadt zu beiden Seiten der Straße. Weit⸗ läufig liegen die Häuser und Holzbaracken in der Ebene ver⸗ streut. Das zerfallene Gerüst einer Radrennbahn hebt sich ab. Es sieht aus wie die Einfahrt in eine amerikanische Stadt im Westen draußen, sagen die einen, wie eine sibirische Stadt die andern. Es ist nicht einmal Widerspruch in dem Urteil, da man oft genug Sibirien auf die Formel gebracht hat: amerikanisiertes Rußland. Bis auf den ersten Eindruck ist von diesem ameri⸗ kanischen Einschlag dann später nichts mehr in Windau zu merken. Höchstens die mächtigen Elevatoren der Elevator⸗Gesellschaft spre⸗ chen von ziemlicher Großzügigkeit. Wie Teile der Mole, wie Speicher und Kräne sind sie bald nach Kriegsausbruch von dem russischen Gouverneur gesprengt worden.„In 6 Stunden können die Deutschen da sein!“ Als glücklich der Hafen mit allen An⸗ lagen verwüstet war— die vier Dampfer, die in Windau be⸗ eimatet sind, wurden versenkt, Schaluppen, Kutter, Hafenboote, ergnügungsdampfer, Segler dazu—, umarmte der Herr Gou⸗ verneur den Kommandanten. Der war sehr stolz auf seine Kriegs⸗ taten und beschloß, weiteren Ruhm zu sammeln. Als die Russen den unerhörten und tollen Plünderungszug nach Memel unter⸗ nahmen, hielt er an seine Drusnine von Reichswehrleuten eine zündende Ansprache, die in dem Satze ausklang:„Haltet Euch Een und plündert tüchtig, Ihr geht nicht ins Manöver. Es ist ernst!“ Mit dem Plündern hat es denn auch die Libauer und die Windauer Garnison in Memel ernst genug genommen. Der Kommandant von Windau bekam aber während des Marsches sein altes Magenleiden, so daß seine Rede der einzige kxiegerische Beitrag an dem Memeler Unternehmen war. Er ist nach Windau nicht mehr zurückgekehrt.
Am 14. Juli verließen die Russen dann endgültig Stadt und Hafen nachdem sie die riesigen Holzvorräte am Üfer der Windau mit Petroleum übergossen und angezündet hatten. Es verbrann⸗ ten in diesen Tagen für mehrere Millionen Holz. Der Feuerschein war ungeheuer. Bis nach Gotland hinüber leuchtete der Brand, der die Nachricht hervorrief, ganz Windau sei von den Russen angezündet worden. Eine Nachricht, die sich beim Einrücken der deutschen Truppen am 18. Juli glücklich als falsch erwies. Die Stadt selbst ist kaum beschädigt, die Hafenanlagen sind ziemlich ohne Methode gesprengt worden. Bei den langgestreckten Außen⸗ molen sind in bestimmten Zwischenräumen Stücke der äußeren Kante vernichtet worden. Zu welchem Zweck, ist nicht recht er⸗ sichtlich. Große Mengen von lagernden, landwirtschaftlichen Ma⸗ schinen im Werte von ein paar Millionen Mark wurden damals von den einrückenden Truppen erbeutet.
Die Bewohner der Stadt, die im Beginne einer freilich lang⸗ samen Entwicklung stand, haben allerdings in besonders großem Maßstabe Windau verlassen. Die Straßen machen einen toten Eindruck, der vielleicht besonders durch den dichten Schneefall und die Dunkelheit, die von 3 Uhr an alles umspinnt, ins Un⸗ heimliche gesteigert wird. Der Gegensatz der kleinen, winddurch⸗ heulten toten Stadt an der Windau und dem begünstigten, hellen, lebhaften Lihau ist auffallend genug. So kann Windau auch im Kriege der glücklichen Rivalin nicht Wettbewerb bieten, wie sie es im Frieden nicht konnte, trotzdem die natürlichen Hafenanlagen Windaus ausgezeichnet sind und die von Libau übertreffen. Aber die russische Regierung hat Libau mit allen Mitteln bevorzugt. Windau war zu sehr kurischer Hafen, sein Glück war in der Ver⸗ gangenheit.
lands tatkräftigstem Herrscher. In den Jahren 1642—1659 wurde Windau kurländischer Kriegs⸗ und Handelshafen. Eine Schiffswerft wurde errichtet, der Hafen ausgebaut. Vierundvierzig Kriegsschiffe gingen in der Werft von Stapel und rund fünfundsiebzig Handels⸗ schiffe. Von hier aus sandte Herzog Jakob eine Flotte zur Be⸗ setzung von der Antillen-Insel Tabago, die er 1650 von dem Gra⸗ fen Warwick, der sie wiederum von den Spaniern hatte, kaufte. Dort auf der kurländischen, amerikanischen Kolonie entstand Jakob⸗ stadt. die Schwesterstadt des Düna⸗Städtchens, das jetzt in der Front liegt. Von Windau aus fuhr das herzogliche Kriegsschiff „Der Walfisch“, bestückt mit 20 Kanonen, im Juni 1651 nach enegambien und warf am 25. Oltober im Gambiastrom Anler. Der kurländische rote Löwe im silbernen Felde zeigte sich auf allen Meeren, und Windau war Ausgangspunkt aller Unter⸗ nehmungen eines weitgehenden Handels: Bis ins 19. Jahr⸗ hundert hinein waren noch Reste der alten herzoglichen Hasen⸗ bauten zu erkennen, die auf den ausgezeichneten Zustand und die verhältnismäßige Größe des Hafens schließen ließen. Der schwe⸗ disch⸗polnische und der große nordische Krieg machten dem Auf⸗ schwung Windaus ein Ende. Dazu kam 1710 die Pest, die alle Einwohner bis auf sieben Familien niedermähte. 5
Seit Herzog Jakobs Tagen ist dann bis in die allerneueste Zeit kaum etwas für Windau geschehen. Am Ende des 19. Jahr⸗ hunderts war der Rückgang Windaus, dem Stiefkund der russischen Regierung, mit jedem Jahr zu beobachten, nachdem Libau immer stärker in den Vordergrund trat. 1880 betrug der Seehandels⸗ umsatz noch 1757000 Rubel, 1890 nur noch 1033 000 Rubel und 1891 sogar nur 840 000 Rubel..
Erst seit der Fertigstellung der Bahnlinie Windau Rybinsk.— Moskau zur Wende des Jahrhunderts(die Libau—Romnyer Bahn war 1871 dem Verkehr übergeben worden) nahm Windau einen neuen Aufschwung, der von echt russischem Gepräge ist. Die Ele⸗ vator⸗Gesellschaft, die den Bahnbau ausführen ließ, mußte sich in ihren Frachttarifen nach dem allgemein festgesetzten russischen Tarif richten. Danach wäre für Windau gegen die Livländischen Häfen wenig Aussicht gewesen. Infolgedessen führte man das System der Elevator⸗Gelder ein. Das heißt: für jede Ware, die in dem großen Windauer Elevator lagerte, wurden dem Verfrachter Prozente gutgeschrieben. So kam es, daß der Elevator mit be⸗ sonders großen Spesen arbeitete, die Bahnfracht aber tatsächlich so niedrig war, daß sich die Verfrachtung für den sibirischen Eier⸗ großhändler etwa lohnte. Das Resultat für die Gesellschaft blieb immer noch erheblicher Gewinn, den zum größeren Teil die Kaiserin⸗ Witwe einnahm, da sie Hauptaktionärin des Unternehmens war.
Durch diese echt russische Einrichtung, dem damit verknüpften Ausbau des Hafens und dem zunehmenden Wert des Holzhandels hob sich die Bedeutung Windaus wieder. Sibirische Butter, die hauptsächlich nach Dänemark ging sie wurde dort zur dänischen Butter zweiter Qualität), russische Eier, Flachs und kurländisches Holz waren die Hauptausfuhrartikel.
Die gesamte jährliche Ausfuhr betrug ungefähr 100 Milli⸗ onen Rubel. Die Einfuhr 30 Millionen Rubel, wovon Amerika mit 20 Millionen Rubel in der Hauptsache für Maschinen, den größten Anteil hatte. Deutschland führte demgegenüber nur für 2 Milli⸗ onen Mark ein! Im Jahre 1913 liefen 1052 Schiffe mit einem Tonnengehalt von 555 702 Registertonnen aus dem Hafen von Windau aus. Nach Nationen geordnet folgen sich die einkommenden Schiffe in der Reihenfolge: Dänemark, Rußland, Deutschland, Schweden, England.
Aus ging dieser neue Ausschwung wie geschildert von den An⸗ lagen der Elevator⸗Gesellschaft und dem in den Jahren 18971905 neu ausgebauten Hafen, der den großen Vorzug hat, während des ganzen Jahres eisfrei zu sein. In den letzten Jahren hat nur 1911 in den Monaten Dezember, Januar eine Unterbrechung des Schiffverkehrs stattzufinden brauchen..
Die natürlichen Vorzüge des Hafens sind groß. Die Windau ist fast bis auf 10 Kilometer von der Mündung an schiffbar.
Nur 3 Kilometer des Stromes von des Mündung an sind mit Bollwerken versehen. Die großen Nord⸗ und Südmolen aber schaffen einen stattlichen Vorhafen, dem sich der Winterhafen und der Fischer⸗ hafen anschließen. Es ergibt sich eine nutzbare Wasserfläche von 1,45 Hektar bei einer durchschnittlichen Hafentiefe von 8,5 Metern. Es sind alle Vorbedingungen für einen günstigen Hafen geschaffen, der, ohne die Entwicklung Libaus zu stören, unter zweckmüßiger Leitung einen sehr starken und gesunden Aufschwung nehmen könnte.
Diese Gesundung wäre mancherlei Windauer Einrichtungen zu wünschen: Die Windau ist für größere Schiffe bis kurz vor Gol⸗ dingen schiffbar, bis auf eine untiefe Stelle bei Schlock. Jahrelang standen 160 000 Rubel für Ausbaggerungszwecke im Haushaltungs⸗ plan, jahrelang wurden sie gezahlt— aber nicht verwandt. Die Stelle blieb. Humoristisch fast ist die Geschichte der Eisenbahnbrücke, die von den Bahnhofsanlagen am rechten Ufer des Flusses nach dem linken, auf dem die Stadt liegt, führen sollte. Dreimal wurde sie bezahlt. Für diese dreimalige Zahlung ist ein Pfeiler gebaut worden, der so töricht in das Flußbett gesetzt worden ist, daß er
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retlungslos die Entwikelung des Schifsverkehrz hemmen muß. Fast könnte man an Absicht glauben. Bei diner Fahrt 1255 Windau habe ich diese Anfänge einer russischen Eisenbahnbrücke selbst staunend gesehen.„ 5
N Ebenso merkwürdig sind die Gepflogenheiten
.
Holzhandels, n sollte.
Schiffahrtsgesellschaften diese völ⸗ Da zahlte man ihnen . 192 Un⸗ glück eintreten sollte. 5 Und beide Teile ver⸗ dienten. Eine e Großzügigkeit ist dem Verfahren nicht abzu⸗ sprechen. Es ist die russische Kunst in der Unordnung und bei gegen⸗ seitigem goldenen Händedruck, Geschäfte zu machen, zu säen und zu ernten. Daß wir diese Art i finden, macht uns ja den ussen unsympathisch und unheimlich. 3 3 1 Die e Fianen, 1 Windau ansässig gewesen sind, haben zum größten Teil vor den russischen Eigentümlichkeiten zurückweichen müssen. Trotzdem ist die alte„Musse, das schöne Haus der ehemaligen deutschen Windauer Schiffahrtsgesellschaft, mit deutschem Geist erfüllt. Viel Seeluft wehte in den Untergal⸗ tungen an dem langen Tisch, auf dem schwere silberne Leuchter warmes Licht gaben. Draußen standen Kälte und Nacht. In ver⸗ einzelten großen Flocken taumelte es nieder. Am Vormittag, als ich in einer Barkasse durch den Hafen fuhr, hatte das weiße Treiben den großen Vorhafen fast unsichtig gemacht. Die Mastspitzen der versenkten Schiffe ragten aus dem Wasser, die zerfetzten Teile von Eisenwerk hoben sich vom Ufer. Die Schiffsleiber der vier versenkten Dampfer ruhten in dem stillen Hafenwasser. Draußen peitschte der Wind Wellenberge gegen die Molen, die weißen. Brecher sprangen schäumend an dem Holzwerk hoch, als wollten sie erkunden, was die deutschen Seeleute mit dem guten Hafen
Windau täten. Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.
Aus Stadt und Cand. Gießen, 9. Dezember 1915.„
* Auszeichnung. Der Reservist Heinrich Rühl aus Gießen, der in Frankreich, Rußland und Serbien mitgekämpft hate wurde zum Unteroffizier befördert und erhielt die Hessisch Tapferkeitsmedaille. Heinr. Rühl ist in Serbien zum zweitenmal verwundet worden.
* Beförderung. Offizier⸗Stellvertreter Leo Bender aus Gießen, 10. Landst.⸗Inf.⸗Regt., wurde zum Leutnant der Landwehr befördert. N 5 5
e Der städtische Holonialwarenhandel wird in der nächsten Woche eine Zweigniederlassun 9 am Asterweg im alten Gewerbeschulhaus eröffnen, um dem Andrang in der Neustadt zu begegnen. Es wird mit dem Abfertigungspersonal zwar hapern, aber man hofft, sich schon helfen zu können. Der Raum, der für die Waren⸗
mit Eingang und Ausgang für die Käufer einrichten, wo⸗ durch die Erledigung der Abfertigung sehr erleichtert wird und das Drücken und Drängen der Kundschaft unmöglich gemacht wird. 855 ** Spinn verbot. Mit dem 7. Dezember 1915 tritt eine neue Bekanntmachung betreffend Verarbeitung, Veräuße⸗ rung und Beschlagnahme von Baumwolle, Baum⸗ wollabgängen, Baumwollabfällen und Baum⸗ wollgespinsten(abgekürzt: Spinnverbot) in Kraft. Durch diese Bekanntmachung erfahren die Anordnungen der bisher in Gel⸗ tung gewesenen Bekanntmachung betreffend Veräußerung, Ver⸗ arbeitung und Beschlagnahme von Baumwolle, Baumwollabgängen und Baumwollgespinsten— W. II. 2548/7. 15. K. R. A.— Aen⸗ derungen. Von der alten Bekanntmachung bleiben lediglich die Beschlagnahme von Baumwolle und Baumwollabgängen, welche sich im Besitz von Nichtverarbeitern befinden, sowie die Be⸗ schlagnahme, Verwahrung und Bezeichnung der in den Baum⸗ wollspinnereien in der Zeit vom 14. August 1915 bis 4. Sep⸗ tember 1915 aus Baumwolle und Baumwollabgängen her⸗
kanntmachung aufgehoben. Die neue Bekanntmachung beschlag⸗ nahmt Baumwolle, Baumwollabgänge, Baumwollabfälle und Kunstbaumwolle. Trotz der Beschlagnahme bleibt aber die Veräußerung und Verarbeitung von Baumwoll⸗ absällen(mit Ausnahme von Stripsen und Kämmlingen), sowie
Ostpreußens Baudenkmäler und der Urieg.
Aus Königsberg i. Pr. wird uns geschrieben:„Das Jahr 1914 ist für die Denkmalpflege in Ostpreußen so schwer gewesen, wie keins zuvor, solange in den Kulturländern überhaupt Denkmal⸗ pflege getrieben wird.“ Mit diesem vielsagenden Satz beginnt der Provinziallonservator für die Provinz Ostpreußen, Baurat Prof. Dr. Dethlefsen, seinen sveben erschienenen letzten Jahres⸗ bericht. Mit den wirtschaftlichen Werten, auf deren Zerstörung es der Russe in Ostpreußen abgesehen hatte, sind vielfach auch die Kulturwerk zugrunde gegangen, und das ist umso beklagens⸗ werter, als gerade in diesem e so monches frühere schöne Können, so manche Kunstweise, so manche Hantierung nur noch auf ganz schwachen Füßen stand, sodaß nun zu befürchten steht, daß auch ihre letzte Spur von der Menschenerde getilgt sein wird. Hierin gehört nach Dethlessen vor allem die alte Bauernkunst. Ihre Merkwürdigkeit, ihre bis dahin völlig unbekannte Viel⸗ gestaltigkeit und fast unbekannte Schönheit hat erst im letzten Jahrzehnt durchforscht und dank der tatkräftigen Hilfe der König⸗ lichen Staatsregierung und des Provinzial verbandes Ostpreußen wissenschaftlich festgelegt werden können. Nach dem Kriege wird insbesondere in den Grenzgebieten Masurens und Litauens kaum noch viel Altes davon erhalten sein. Um das Bürgerhaus in den. kleinen Städten und um das Gutshaus auf dem Lande steht es ebenso. Wenn man erwägt, daß etwa 34000 Gebäude zer⸗ stört sind, dann liegt auf der Hand, wieviel die ohnehin nicht ganz starke ostpreußische altüberlieferte Heimatkunst verloren hat.
Glücklicherweise sind die Kirchen, diese wertvollsten im Lande vor⸗
handenen Baudenkmäler, sowie auch die sesten Häuser des Deut⸗
schen Ordens in der Hauptsache der Zerstörung entgangen. Die
ersteren wohl aus Gründen der Gottesverehrung, die letzteren,
weil sie besonders widerstandsfähig waren und nicht viel ent⸗ hielten, was die Feinde anreizen konnte. Und dennoch ind als niedergebrannt und zerschossen 22 Kirchen bekannt, darunter auch wertvoller Denkmalbesitz. Von den drei großen Holzkirchen, die im Lande überhaupt nur noch vorhanden waren, sind zwei als verloren gemeldet. Ferner sind mit so manchem Edelsitze, den der Feind heimgesucht hat, bewegliche Denkmalwerte von Bedeutung verloren gegangen. Erinnert sei nur an zwei der bekanntesten und am meisten besprochenen Verluste dieser Art, an die Zerstörung von Dwarischken, dem Gute der Familie von Plehwe, und des Schlosses Sorquitten des Grafen von Mirbach. Der von mehreren Seiten
gegebenen Anregung, Denkmäler des russischen Einfalles stehen zu lassen, etwa so, daß ein Straßenzug, eine Hoflage, ein Gebäude in dem zerstörten Zustande belassen bleiben möge— ein Mal der russischen Schande im Osten in ähnlichem Sinne, wie das Schloß zu Heidelberg im Westen eines der französischen Schande ist—, dieser Anregung vermag der Provinzialkonservator nicht das Wort zu geben.„Der Ort ließe sich wohl finden, und ein Rathaus oder eine Kirche ließe sich wohl für ein solches Mal aussuchen. Nur, daß es eben ausgesucht, daß es absichtlich so gelassen wäre, ohne innere Notwendigkeit, während Heidelberg durch ungesuchte Be⸗ dingungen so werden mußte, wie es geworden ist.“ Wohl aber wird empfohlen, kleinere Andenken, allerlei Schriftsachen und Aehnliches den Museen zu übergeben und größere Stücke, die an ihren alten Orten ungern vermißt würden, und dort auch eine ein⸗ dringlichere Sprache reden als im Museum, etwa eine zerschossene Glocke oder ein zerschlitztes Bild, ein angebranntes Epitaph usw. aufzubewahren, um an diefen einzelnen, überall im Lande vor⸗ kommenden Dingen noch späten Enkeln eindringlich klar zu, machen, was die heimatliche Scholle in den Kriegsjahren 1914/15 er⸗ litten hat. 1
— Eine Vereinfachung der Bluttransfusion. Die Ueberführung von Blut eines Individuums auf ein anderes, die sogen. Bluttransfusion, ist in jüngster Zeit von den Chirurgen wieder häufiger unternommen worden, nachdem ihre technische Durchführung gegen früher gesichert war und keine Mißerfolge mehr zeitigte, wie man sie bei den älteren Methoden beobachten konnte. Die neuesten chirurgischen Fortschritte zeigten den Weg, wie solche Transfusionen vorzunehmen seien. Vermittelst der Gefäßnaht, d. h. der Zusammenfügung der Gefäßwände durch eine Naht, vereinigte man ein Blutgefäß aus dem Körper des Gebers mit einem Gefäß aus dem Körper des Empfängers, nach⸗ dem man beide bloßgelegt hatte. Man nahm das Blut aus der Pulsschlagader des Ellenbogens(Venia cubiti mediana). Eine andere Methode schaltete zwischen beide Gefäße noch eine, dem Halbe unternommene gehärtete Schlagader als Zwischenstück ein. Derartige Gefäßnähte anzulegen, so, daß sie allen Ansprüchen ent⸗ sprechen, dazu gehört die Hand eines geschulten Chirurgen. Es war Saher gerade in Kriegszeiten, wo jeder Arzt in die Lage kommen kann, eine Bluttransfusion unternehmen zu müssen, not⸗ wendig, eine leichter zu handhabende Methode ausfindig zu machen. Der Greifswalder Kliniker Prof. Sauerbruch hat, wie er in
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der Feldärztlichen Beilage der Münchener Medizinischen Wochen⸗ schrift mitteilt, solch ein einfaches Verfahren ausgearbeitet. Es
ab, das obere läßt man offen. Unterdessen ist auch der Empfänger des Blutes vorbereitet worden. Er legt seinen Arm so auf einen Tisch, daß der Blutspender bequem sein Handgelenk auf die frei liegende Beugeseite des Armes des Empfängers legen kann. In. der Ellenbeuge wird die Ellenbogenvene freigelegt.
des anderen Individuums wie eine Kanüle geschoben. In 10 bis 12 Minuten fließen etwa 120 bis 200 com Blut über. Hat man genug Blut überlaufen lassen, so zieht man die Pulsader wieder heraus und bindet sie ab. Auch die Wunde in der Vene wird durch eine Ligatur geschlossen. Gerinselbildung des Blutes und. der Gefäße ist auf diese Weise erheblich seltener geworden.
Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
Interesse. Schau mir nur einer den Allerweltsnaseweis „Interesse“! Es ist wirklich nicht ohne Interesse(verlockend), ihn einmal im Interesse(vom Standpunkt) der durch den Weltkampf entstandenen deutschen Sprachbewegung näher zu betrachten. Der Kerl interessiert(fesselt) auf den ersten Blick! Wie interessant (wie anziehend) ist sein Gesicht! Lavater hätte zweifellos voll In⸗
gesprochen, die sich darin finden, vielleicht uns auch ein interes⸗ santes(lehrreiches) Buch über welsche Gesichts⸗ und Seelenkunde hinterlassen. Es wäre uns bitter not gewesen! Doch weiter! Wen es interessiert, d. h. wem es Spaß macht, dem kann ich ja noch mehr verraten: Unser Interessent, der sehr verehrte Herr Teil- haber der Handlung Fremdwort und Genossen, besitzt nämlich eine ungemein große Interessensphäre(einen ausgedehnten Macht⸗ bereich). Denn allen, die ohne tieferes Interesse(ohne inneren Anteil) ihre Muttersprache gebrauchen, borgt er seinen Allerwelts⸗ onkelsrock gern und interesselos— Verzeihung! ich wollte sagen: (Verwendung) dafür. Seine Arbeit verinteressiert sich(macht sich bezahlt), weil eine Uninteressiertheit leine Gleichgültigkeit) gegen⸗ über dem billigen Interessengeschäft nicht mehr vorkommt. O alle Interessierten und Interessenten! Interessiert's euch nicht, das interessante Interesse? Habt ihr den Lumpenkerl nicht bald satt.
Donnerstag, 9. Dezember 1015
gestellten Gespinste bestehen. Im übrigen ist die bisherige Be⸗
wird nämlich die Pulsschlagader des Gebers freigelegt und mög⸗ lichst tief unten abgeschnitten. Das untere Stück bindet man
5 5 1 Sie wird durch einen Schnitt eröffnet und dann in sie hinein die Pulsader
teresse(voll Begeisterung) über die römisch⸗französischen Züge
kostenlos. Sie haben Interesse(Gefallen) daran und Interesse
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abgabe am Asterweg genommen werden 1 läßt sich auch


