Ausgabe 
(6.12.1915) 287. Zweites Blatt
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Ur. 287 zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Areis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

165. Jahrgang

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Nzei⸗

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Montag, 6. Dezember 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen N Universitäts-Buch- und Steindruckerei. 9 R. Lange, Gießen.

* ex Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul ·

D straße 7. Geschättsstelle u. Verlag: e öl, Schrift leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

Aus der italienischen Kammer.

Rom, 4. Dez(zens. Frkft.) Die Hammer setzte die Dis⸗ kussion über die Regierungs erklärungen fort. Meda erklärte, daß die Katholiken, indem sie der nationalen Politik zugestimmt hätten, die Grundsätze der allgemeinen Brüderlichkeit, die das Wesen des Christentums bilden, nicht verletzt hätten, denn diese Grundsätze verpflichteten nicht dazu, die Gewalt zu er⸗ dulden oder dem Hasse das Feld frei zu lassen, sondern sie ge⸗ statteten, die Gerechtigkeit mit Gewalt zurück zu fordern, wenn sie durch Gewalt verletzt worden ist. Der Redner billigte den Anschluß an das Londoner Abkommen, 1 1 0 wenn sich daraus die Verlängerung oder die Ausdehnung des Kriegs ergeben sollte. Er erklärte, daß der Krieg nicht allein die militärischen Tugenden des Landes, sondern auch die Qualitäten der ganzen Bevölkerung ins rechte Licht gerückt habe.

Luzzatti sagte: Da der gegenwärtige Krieg rechtliche und wirtschaftliche Grundsätze, die als unantastbar angesehen worden eien, ßen habe, müsse man den außergewöhnlichen For⸗

rungen auch außergewöhnliche Maßnahmen entgegenstellen. Er begrüßte in warmen Ausdrücken die heldenmütigen Völker von Belgien und Serbien. Die würdige Aufgabe unseres Krieges, sagte er, werde die erneute Verstärkung des Nationalitätenprinzips sein, das den Daseinsgrund der Existenz Italiens bilde. Er wünsche, daß die Diplomatie des Vierverbandes in der Zukunft weitblickender und energischer sei, und daß das Waffenbündnis begleitet sei von einem Bündnis der Interessen, das schon jetzt die Grundlage für neue Handelsverträge lege. Er billigte den Anschluß an das Londoner Abkommen in der Ueberzeugung, daß es sich nicht nur auf eine negative Formel beschränke, die einen Sonderfrieden ausschließe, sondern auch dazu diene, Italien die Früchte zu sichern, die es nach so großen Opfern mit Recht er⸗ warten dürfe. Er wünsche, daß sich das Parlament zur größeren Ebde des Vaterlandes um die Regierung schare. Jede Partei⸗ rücksicht müsse vor dem Vaterlandsgedanken weichen, der stets der höchste und heiligste Ausdruck menschlicher Solidarität sein werde. Dieses ruhmvolle und große Vaterland sei aller Opfer und aller Hoffnungen würdig.(Lebhafter Beifall.)

Salandra freute sich über die nüchterne und des feierlichen Moments würdige Diskussion und stimmte mit den Rednern überein, die die parlamentarischen Einrichtungen feierten. Aber die Wieder⸗ einberufung der Kammer im gegenwärtigen Moment dürfe nicht aufgefaßt werden als ein Sieg gegen eingebildete Gefahren und

einde, sie stelle die normale Enboiclung des konstitutionellen ebens dar. Was die internationale Lage anlange, so seien die Er⸗ klärungen Sonninos hinreichend klar gewesen, und es wäre nicht im Interesse des Landes, weitere Einzelheiten hinzuzufügen. Er könne jedoch der Kammer versichern, daß sich die Regierung vollständig Rechenschaft gebe von dem Ernste der internationalen Lage und von der ausdauernden An⸗ strengung und Eintracht, die notwendig seien, sie zu bewahren. Sein Vertrauen in den endlichen Sieg sei keines⸗ wegs erschüttert, vorausgesetzt jedoch, daß keine der materi⸗ ellen und moralischen Kräfte fehle, deren tätigste Mitwirkung notwendig sei, ihn zu erringen. Salandra fuhr fort: Die bedauer⸗ lichen Bedingungen unserer topographischen Schwäche könnten nur durch einen siegreichen Krieg geändert werden. Wir erstreben in der Adria nicht nur die Sicherheit unseres Landes, sondern auch eine kulturelle Vorherrschaft, die, ohne die Völker, die ein Recht auf einen Ausgang zum Adriatischen Meere haben, auszuschließen, uns wegen der Ueberlegenheit unseres Landes, unseres Gebietes, unserer Bevölkerung und unserer höheren und älteren Kultur zu⸗ kommen,(Lebhafter Beifall.) Salandra erkenne an, daß man sich schon jetzt mit der zukünftigen wirtschaftlichen Lage befassen müsse. Es gezieme sich, sagte er, sich durch ein geeignetes Studium darauf vorzubereiten, aber j ann werde anerkennen, daß die beste ökonomische Vorbereitung der Sieg sein werde. Wenn die Ereignisse eine vorübergehende Einschränkung der verfassungs⸗ mäßigen Freiheiten notwendig machten, so werde doch die Kammer anerkennen, daß die Regierung von den außerordentlichen Gewalten nur in sehr beschränkten Grenzen Gebrauch gemacht habe und dies deshalb, weil das Land seine RAuhe bewahrt habe und in bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung die öffentliche Ordnung aufrecht erhalte. Salandra erklärte, er könne die Pressebe⸗ schränkungen nicht auf militärische und diplomatische Dinge begrenzen, denn es sei unmöglich, aut entscheiden, wo diese aufhörten und die politischen anfingen. Aber die Zensur solle nicht ein Werk⸗ zeug werden, die Regierung der Kritik zu entziehen. Salandra dankte dem sozialistischen Abgeordneten Treves für die Reinheit und Erhabenheit, womit er die Ideen seiner Partei verkündet habe. Ich teile, erklärte Salandra, den Idealismus von Treves für den künftigen Frieden, aber ich schließe mich besonders dem bewegten Lobe an, daß er unserem heldenmütigen Volke zollte, dessen Herzen jedoch heute nicht mit ihm, sondern mit mir zusammenschlagen.

Dies ist mein einziger Stolz, die einzige und reichliche Entschädi⸗ gung für die Sorgen, die ich getragen habe und noch werde tragen ful(Sehr lebhafte Zustimmung, anhaltender, lebhafter Bei⸗ all.

Mehrere Redner legten Tagesordnungen dar. Der un⸗ abhängige Sozialist Ciccotti begründete eine Tagesordnung, die besagt, daß die Kammer nach Anhörung der Regierungserklä⸗ rungen im Einklange mit der edelmütigen Haltung des Landes, das keine Opfer scheute, entschlossen ist, jede Anstrengung zu unter⸗ stützen, die geeignet ist, die nationale Gerechtigkeit und die berech⸗ tigten nationalen Aspirationen triumphieren zu lassen. Die Kam⸗ mer bereitete Ciccotti eine Ovation. Mehrere Abgeordnete um⸗ armen ihn.

Der Alterspräsident der Kammer Bosellt brachte eine Tagesordnung, die die Politik der Regierung billigt. Er schickte unter bogeisterten Ovationen den Gefallenen, den Kämp⸗ fenden und dem König, der unter seinem Volke kämpft, einen Gruß.

Salandra erklärt, die g Bofsellis anzunehmen, der sich auch Ciccotti anschloß.

Nach einigen Erklärungen ging man zur Abstimmung über und nahm unter Namensaufruf mit 405 gegen 48 Stim⸗ mendie Tagesordnung Bosellis an. Nur die offiziellen Sozialisten stimmten dagegen. Das Ergebnis der Abstimmung wurde mit Beifallskundgebungen aufgenommen.

Die Tagesordnung des Sozialisten Mazzoni auf Abschaffung der politischen Zensur wurde mit großer Mehrheit zurückgewiesen. Die Sitzung wurde darauf geschlossen.

Mailand, 5. Dez.(WTB. Nichtamtlich.) DerCorriere meldet aus Rom: Von 470 Abgeordneten stimmten 454 ab; 20 Abgeordnete konnten an der Sitzung nicht teilnehmen, da sie entweder krank oder aus anderen Gründen der Hauptstadt fern waren. Dagegen stimmten 44 offizielle Sozialisten, ein un⸗ abhängiger Sozialist, Giacomo Ferri und der Katholik Miglioli; alle anderen stimmten dafür, die Rechte, das Zentrum, die Linke mit ihren Schattierungen, die äußerste Linke, die Radikalen, die Reformsozialisten und die Replublikaner. Vor der Abstimmung verließen ungefähr 10 Abgeordnete die Kammer, darunter Capelli, Agnesi, Enrico Ferri, Giordano, Falcioni und Cavagnari. Letz⸗ terer hatte sich entfernt wegen eines kleinen Zwischenfalles, den er während der Sitzung mit dem Präsidenten hatte.

Aus der Schweiz.

Nationale Frauenspende. Französische An⸗

biederungsversuche. Die Kosten der unent⸗

geltlichen Gefangenenpost. Finanzsorgen. Die Schweiz und das Ausland.

Auf eine vortreffliche Weise haben die Schweizer Frauen den Dank dafür abgestattet, daß ihnen dieser Krieg nicht Väter und Söhne wegnahm. In Form einerNationalen Frauen⸗ spende, die durch eine wohlorganisierte Sammlung von Haus zu Haus ermöglicht wurde, entledigten sich die Schweizer Frauen ihres Dankesgefühls gegenüber der Regierung; indem sie ihr einen Teil der schwer lastenden Finanzsorgen abnahmen, sprachen ste ihr Dank und Anerkennung aus für die Unerschütterlichkeit, mit der sie auch in den schwersten Tagen den schweizerischen Neutralitätswillen verfochten hat. Annähernd drei Viertel Mil⸗ lionen Franken ist das bisherige Ergebnis, ein Drittel davon entfällt allein auf den Kanton Zürich. Das Geld wird der schwei⸗ zerischen Landesbehörde zur Verfügung gestellt und soll eine kleine Entlastung der außerordentlichen Mobi isierungsausgaben ermög⸗ lichen. Mehr aber noch als das Geld und sein Wert ist der Wille und gewissermaßen das politische Zeitgefühl einzuschätzen, das aus dieserNationalen Frauenspende spricht. Man lebt nicht in den Tag hinein und nimmt das Glück, nicht in diesen un⸗ geheuren Krieg mithineingerissen zu sein, nicht einfach so hin, son⸗ dern weiß es zu schätzen und weiß auch die Arbeit zu werten, die die Aufrechterhaltung der Neutralität unsere Regierung ge⸗ kostet hat. Uebrigens ist auch das Resuültat der Kollekte anerken⸗ nenswert und erfreulich; denn wenn sich auch einzelne Beträge, in der Höhe von 10005000 Franken eingefunden haben, so lie⸗ ferten den Hauptteil der Summe doch sämtliche Schichten der Be⸗ völkerung, zu der sich in diesem Falle auch viele Frauen aus Kriegsländern mitzählten, die in diesen ernsten Zeiten ein fried⸗ liches Asyl in der Schweiz genießen.

Leider wird diese Einigkeit aller schweizerischen Volksteile, lange gesucht und endlich gefunden, doch noch oft getrübt. Ein neuer, ebenso bedauerlicher wie peinlicher Fall, erregt viel Auf⸗ sehen und wird viel besprochen. Diesmal stammt er von außen und zwar von Frankreich. Poetische und künstlerische Kreise Frank⸗ reichs propagieren eine Anbiederung des französisch sprechenden Landesteils der Schweiz an Frankreich schon sehr lange und be⸗ kanntlich immer in einer energischeren Form, je mehr sie sich des freundlichen Empfanges bewußt werden, der ihrer und ihrer

Bestrebungen in verschiedenen Teilen der Genfer und Lausanner Bevölkerung harrt. Nun ist das aber in letzter Zeit in einer Form geschehen, die unbedingt einen offiziellen Protest erheischte und dem Vernehmen nach soll ein 1 in einer Sitzung des Bundesrates erwogen worden sein. Die Anbiederung geschah diesmal in der Form, daß ein Komitee, dem auch Barros und Maurice Don nah, also Persönlichkeiten des offiziellen Frankreich, angehören, gegründet wurde, um Vorträge in den franzöfisch sprechenden Städten der Schweiz zu veranstalten, in denen die Geschichte Frankreichs erzählt, die Grundzüge seiner Politik erklärt und sein Staatsideal bekannt gemacht ollen. Man merkt die Absicht und man wird verstimmt. Denn das steht sicher fest: Das Schweizer Volk in seiner Gesamtheit will un⸗ bedingt neutral bleiben und nennt die Hitzköpfe unter den fran⸗ zösisch schweizerischen Intellektuellen, die die Seligkeit im An⸗ schlusse an eine der Kriegsparteien erkennen, gefährliche Toren. Erfreulicherweise werden deren immer weniger, wenn auch die Versuche von außen, das schweizerische Urteil zu beeinflussen, nicht abnehmen. 0 0 10 Sehr empfindlich erweisen sich im finanziellen Staatshaus die Minder einnahmen. So wird die Rechnung der Post⸗ verwaltung trotz Minderausgaben von acht Millionen Franken mit einem Defizit von 1,4 Millionen abschließen. In diesem Defizit sind die Kosten der Postverwaltung für den internationalen Kriegsgefangenen⸗Postdienst mit eingeschlossen. Bekanntlich be orgt die Schweiz die Hriegsgefangenenpost unentgelt⸗ lich; sie bedarf dazu eines sehr großen Apparates, der mit sehr beträchtlichen Kosten verbunden ist. Dabei darf nicht vergessen wer⸗ den, daß der eidgenössische Staatshaushalt gegenwärtig auf einem Punkt angelangt ist, der äußerste Sparsamkeit unbedingt erheischt. Aber diese Augerste Sparsamkeit wird es in keinem Falle fertig bringen, die erschrecklich angewachsene Staatsschuld einigermaßen zu mildern, davon, sie aus der Welt zu schaffen, gar nicht zu reden. Einige Zahlen reden die beste Sprache darüber, wie der eg wirtschaftlich auf die Schweiz gewirkt hat. Im Voranschlag für das Jahr 4915 hatte der Bundesrat eine Zunahme unserer Staatsschuld um zweihundert Millionen Franken berechnet. Die Budgetberatung der letzten Tage erwies, daß die Vermehrung der Staatsschuld nicht zweihundert, sondern fünfhundert illionen Franken beträgt. Man denke, daß bei schwächster Grenzbesetzung die Kosten der Mobilisation monatlich 14 640 842 Franken be⸗ tragen und daß für die Verzinsung der Mobilisationsschuld allein fünfzehn Muͤltonen gerechnet werden müssen. In seiner Botschaft an die Räte erklärt der Bundesrat darüber:Was die Verzinsung und Tilgung dieser Lasten anbetrifft, so werde man sich dem Ge⸗ danken nicht verschließen können, daß die durch ein so außer⸗ ordentliches Ereignis verursachten Lasten auf die Schultern meh⸗ rerer Generationen abgewälzt werden müssen. Nun verlangen diese Zustände eine sofortige gründliche Umgestaltung des früheren Finanzprogramms. Um die Schuldenlast zu verringern oder vor⸗

3040 Millionen Franken mehr aufgebracht werden: Ersparnisse, Hebung der Erträgnisse einzelner Regalien, Kriegssteuer sollen dies ermöglichen helfen, sie werden aber, das Ganze zu erreichen, nicht genügen. Neue Möglichkeiten sind bestimmt in Aussicht genom⸗ men: Die Eröffnung eines Tabakmonopols, die Besteuerung des Bieres, Erhöhung der Einfuhrzölle Man ist sich in den Kreisen der Regierung dessen bewußt, welche ungeheure orderungen man damit an die Bevölkerung stellt und wie sehr man damit das sowieso schon ungeheuer mitgenommene Wirtschaftsleben auf Jahre hinaus weiter belastet. Doch es bleibt kein anderer Ausweg fi

und auch der Segen, dem den Frieden und den ien die Väter und Söhne erhalten zu haben, muß teuer erkauft wev⸗ den. Mit einem warmen Apell schließt die Botschaft des Bundes⸗ rates. Die Wahl, heißt es u. a., die das Volk zu treffen hat, sollte ihm nicht schwer fallen. Nicht Eigenliebe darf die Entschei⸗ dung beeinflussen, sondern der gemeinnützige Sinn, die Liebe zum Vaterland, das Verständnis für eine ungeheuer ernste und schwere Zeit, in der wir leben, sollen das Schweizer Volk veranlassen, zu den schon vorhandenen Lasten noch weitere auf sich zu nehmen.

Neben diesen inneren Fragen treten die, das Verhältnis der Schweiz zu den sie umgebenden, kriegführenden Staaten etwas zurück, obwohl es der Anlässe nicht wenige gibt, die die Stel⸗ lung eines neutralen Staates in den jetzigen Zeiten sehr be⸗ denklich erscheinen lassen. Ueber das Verhalten Englands den neutralen Staaten gegenüber zu reden und zu klagen, wäre na⸗ türlich gleichbedeutend mit Eulen nach Athen tragen. Brief⸗ zensur und Verschleppungen sind an der Tagesordnung, Ab⸗ sperrung der Rohmaterialien⸗Zufuhr selbstverständlich und auch der mit großem Apparat in Bewegung 1 1 Einfuhrverband vermag darin anscheinend keine Besserstellung zu erzielen; we⸗ nigstens wird in der Industrie nach wie vor geklagt und vor allem unsere Baumwollnot beginnt wohl zum Himmel zu schreien, aber noch lange nicht England zu erweichen. Was sich die französische

dis Mürnbergisch Ei.

Aus Berlin mird uns geschrieben: Das vieraktige Schau⸗ spielDas Nürnbergisch Ei des in Literatur'reisen ge⸗ schätzten, auf der Bühne aber bisher nicht allzu häufig erschienenen Walter Harlan gelangte Donnerstag im Deutschen Thea⸗ ter zur ersten Aufführung und wurde mit nicht überschwänglichem, dafür aber um so ehrlicherem Beifall aufgenommen. Der markante Zug, der Walter Harlan bisher kennzeichnete die ehrliche deutsche Art in der gest chmackvollen und gewissenhaften Behandlung rein deutscher Stoffe, gibt auch den Grundton des neuen Stückes an. Die Erfindung desNürnberger Ei's, der Taschenuhr ohne Pendel und Gewichte, die dem um 1500 in Nürnberg lebendengeschworenen Meister des Schlosserhandwerks Peter Henlein gelang, bildet den äußerlichen Vorwurf des Schauspiels, der seelische und menschliche Konflikt des Genies ergaben den geistigen und moralischen Kern. Stoff, Verwicklung und Dichter⸗ art bewirkten in diesem Falle ein Bühnenwerk, dessen Stil sich am besten als Oper ohne Musik kennzeichnen ließe. Der wackere Schlosser, Träumer und Mechanikus Peter Henlein, der Nürnberger Bitrger, Zeitgenosse und Freund Hans Sachsens und Albrecht Düfrers, verkörpert das Erfindergenie im deutschen, oder genauer gesagt im Nen d Sinne. Ein Seefahrer und Welterforscher, Martin Behar, fordert von dem Meister eineSchiffsuhr, die ohne Gewichte 15 15 und doch nicht seekrank wird. Henlein erkennt sofort die Weltbedeutung des Problems und wird der unbedingte Diener der Doch er wird zugleich ihr Opfer Eine böse Krankheit, ein Krebsgeschwür im Halse, bedroht sein Leben, und nur eine sofortige, nicht ungefährliche Operation kann ihn retten. Henlein steht vor der Frage, die sechs Wochen, die er zur Schöpfung der Taschenuhr braucht, nicht durch einen möglicherweise schlechten Ausgang der Operation zu gefährden, oder die Lösung des für den Fortschritt der Menschheit wichtigen Problems aufs Spiel zu setzen, um sich selbst seiner Frau und der Freude des Daseins zu erhalten. Der Kampf ist kurz das Genie iegt über den Menschen. Frau, 9 5 5 und Lebenslust treten hinter der Größe der Aufgabe ick. Henlein schickt den drängenden Arzt fort, er konstruiert die Uhr, die seinen Geist unsterblich macht über seinen kranken Leib, der dem ungehemmten Leiden, erliegt. Er stirbt in der Vollkraft seiner besten Jahre; aber die Taschenuhr bleibt zurück, sie ist das Kind seines Geistes, das ewig dauern wird. Das schon oft behandelte inderproblem findet hier eine Gedie mit gewissenhafter Umständlichkeit und Klarheit

iu geht und selbst vor der des Monologs

.

das Ganze die Komposition sowohl wie die einzelnen Szenen und Figuren in gewissem Sinne stellenweise als Wagner ohne Orchester wirkt. Sehr gut sind dem Autor Stimmung und Aus⸗ malung des damaligen Alt⸗Nürnbergs gelungen, und einzelne charakteristisch⸗groteske Gestalten und komisch angehauchte Szenen lassen die Meinung aufkommen, daß Harlan erst in der alten deutschen Komödie ganz und frei an seinem Platz wäre. Die Auf⸗ führung unter der Spielleitung Eduard von Wintersteins zeigte viel Stilgefühl und Geschmack, wie gerade dieses Stück sie verlangt. Winterstein als Henlein und Johanna Terwin als sein Weib vertraten Ernst und Gemüt, Paul Biensfeldt und der bemerkenswert gewandte Emil 1 den klein⸗ bürgerlich⸗satirischen Humor mit gutem Gelingen. 1 *

Ein un veröffentlichter Brief von Er nst Moritz Arndt. Ein bisher unbekannter Brief Ernst Moritz Arndts, der in der gegenwärtigen Zeit von besonderm Interesse er⸗ scheint, wird durch Friedrich Bock im neuesten Heft derDeut⸗ schen Revue veröffentlicht. Der Brief, der an den Professor Ludwig Döderlein, der als Professor für klassische Philologie und als Gymnasialrektor von 18191863 in Erlangen wirkte, bezieht sich auf Arndts berühmtes GedichtWas ist des Deutschen Vaterland. Döderlein, der damit beauftragt war, ein neues deut⸗ sches Lesebuch für Lateinschulen und Gymnasien herauszugeben, wandte sich im Mai 1842 an Arndt, um ihn wegen einer Stelle in dem Gedicht um seine Meinungsäußerung zu bitten. Die Stelle Wo jeder Franzmann heißet Feind, wo jeder Deutsche heißet Freund war nämlich in Anbetracht des Friedens von den Schul⸗ behörden in die zahmere FassungWo jeder Frevler heißet Feind, wo jeder Edle heißet Freund umgewandelt worden Da Döderlein aber nicht ohne Gutheißen des Dichters eine Aenderung des Originaltextes vornehmen wollte, bat er Arndt, die Entscheidung zu fällen. Hierauf erwiderte der Dichter in einem vom 2. Juni 1842 in Bonn datierten Brief:Ich begreife, mein verehrter Freund, daß in friedlichen Zeiten und bei friedlichen Gefithlen die Leute und also auch Ihr Ministerium das wo jeder Franzmann nicht ee finden. Jedes menschliche Ding und Wort hat seine Zeit und nach dieser Zeit seinen Ort. Am wenigsten dürfte dies wohl, wann die übermütigen Wälschen die Waffen nicht rühren, in Schulen gesungen werden; aber das Wort wal, walsch und wälsch 5. überhaupt alles verderbliche und verüchtliche Fremde in unferer prache bezeichnend) können wir o 0, mein ich, auch im Frieden klingen und fingen. Jener(ein wahrer

nicht zurückschreckt. Auch dies ist opernhaft, wie denn überhaupt

bohler! 8

Gemeinplatz), den Sie anführen, wo jeder Frevler usw. ist ohne mein Helfen und Rathen, ich weiß nicht von wem, für das Zugesährlichdünkende entstanden. Ich bitte Sie, wenn es Ihnen passend scheint, dafür folgende zwei Verse zu setzen:

Wo walsch und falsch hat gleichen Klang,

Und deutsch meint Herzensüberschwang.

Erweiterung des germanischen National⸗ Museums. Aus Nürnberg wird uns geschrieben: Mit der seit Jahren geplanten Erweiterung des Germanischen Mu⸗ seums soll es nun Ernst werden. Die von Geheimrat Bestel⸗ meyer⸗ Berlin gefertigten Entwürfe fanden die Genehmigung des Bayrischen Ministeriums. Vom 5. Dezember ab sind sie im Kupferstich⸗Kabinett des Museums zur öffentlichen Besichtigung ausgestellt. Es handelt sich um einen gewaltigen Bau, der neben einer imposanten Eingangshalle große Sammlungsräume im Erd⸗ und Obergeschoß sowie mehrere Säle für die Bibliothek, das Archiv und das Kupferstichkabinett enthalten wird. Dazu kommen noch Räumlichkeiten für die Verwaltung. Zunächst sollen von den geplanten Neuanlagen, die mit den alten Baulichkeiten in direkter Verbindung stehen, freilich nur ein Teil, der West⸗ und Südflügel ausgeführt werden. 5 5

Marburg, 5. Dez. Ein Wendepunkt in der Geschichte der medizinischen Wissenschaft bildet die Entdeckung der Antitoxine und die auf diese sich gründende Blutferumtherapie von Infektions⸗

zember 1893, also vor 25 Jahren, trat der berühmte Marburger Gelehrte, Wirkl. Geh. Rat Erz. Prof. Dr. med. Emil v. Beh⸗ ring, Direktor des Instituts für Hygiene und experimentelle

rapie, mit feststehenden Veröffentlichurngen hierüber an die a lichkeit und von diesem Tage an datiert also eigentlich die 50 deckung des Heilserums, das dem Forscher seine Weltberühmtheit verschaffte. Kann doch seit diefer Zett bei rechtzeitiger Anwendung des Heilserums auch der gefürchteten Diphtheritis, die früher man⸗ ches junge Leben dahinraffte, mit Erfolg entgegengetreten werden. Tieses Jubiläum des damals noch am Berliner Institnt für In⸗ fektions krankheiten tätigen Gelehrten brachte ihnr gestern und heute hier in seiner Villa in der Roserstraße zahlreiche Ehrungen und Gvatulationen von hier und auswärts. Kürzlich wurde ihm ja auch bereits das Eiserne Kreuz am weiß⸗schwarzen Bande verliehen. Das Heilferum, das früher nur in den Höchster Farbwerken her⸗ gestellt wurde, wird jetzt auch in Behringwerken hier bereitet. Die vor Jahresfrist gegründete Handelsgesellschaft ist unter dem Namen Behring⸗Werke, Gesellschaft mit beschränkter Haftung in Bremen,

weigniederlassung in Marburg

krankheiten, namentlich von Diphtherie und Tetanus. Am 4. De⸗

läufig ihrem weiteren Anschwellen vorzubeugen, müssen jährlich

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