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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Familienblätter“ werden dem
i„Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das
Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal
wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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05. Jahrgang
ener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Gberhessen
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Dienstag, 30. november 10¹⁵
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Staatliche Maßnahmen zur Regelung f der Lebensmistelversorgung.
III. Fleisch⸗ und Fettversorgung.
Die Fleischversorgung des deutschen Volkes mögen einige Zah⸗ len veranschaulichen Rindoiehbestand 1913: 21,8 Millionen. Sckweinebestand 25,3 Millionen, Schafe 5,5 Millionen, Ziegen 3,5 Millionen. Vergleicht man diese Ziffern mit Auslandsziffern, so fällt ihre im Verhältnis zur Bodenfläche gewaltige Ueberlegen⸗ 25 auf. In der Tat liegt die Sache so, daß die deutsche, auf be⸗
swänktem Raume dicht zusammengedrängte Bevölkerung rund 95 Prozent ihres Fleischlonsums selbst erzeugt. Das ist möglich einmal auf Grund der riesigen Kartoffelernte; rund 600 Millionen Zentner Kartoffeln werden jährlich verfüttert, und dann auf 8 ind unserer sehr bedeutenden Futtermitteleinfuhr, Gerste rund
Millionen Zentner, Mais⸗ u. a. Kraftfuttermittelß, Indi⸗ rekt war unser Viehbestand, unsere Fleischversorgung also doch zu großem Bruchteil aufs Ausland aufgebaut, das ist das er ste
Kennzeichen der durch den Krieg geschaffenen Lage. Und der
zweite bezeichnende Zug ist der: unsere Fleischproduklion basierte auf der Kartoffelproduktiun— aber diese muß im Kriege weit stärker als im Frieden den menschlichen Konsum decken, insbesondere bei dem mittelmäßigen Ausfall der Kartoffelernte von 1914. Die Sachlage wurde verschärft dadurch, daß die sehr gute Ernte von 1913 den Viehbestand stark gesteigert hatte.
In diesen Daten lie, die Schwierigkeiten unserer Fleisch⸗ versorgung beschlossen. Betrachten wir die Wirtschafts politik der Regierung der Gesamtlage gegenüber. Die besten Maßnahmen waren natürlich solche der Sicherung unserer Bestände gegen die Ausfuhr. Durchfuhr,(Bekanntmachung vom 31. Juli 1914), dann der Steigerung unserer Bestände durch möglichste Er⸗ leichterung der Einfuhr(Belanntmachung vom 2. und 4. August und vom 17. Dezember 1914, vom 21. Januar 1915), dann durch Maßnahmen der sicheren und schnelleren Dis posr⸗ tion über die Bestände im Innern(Tarifverordnungen, Exleich⸗ terungen in der Fleischbeschaffung, Gebührenminderungen). Diesen Maßnahmen parallel liefen Anordnungen für die Sicherung der Futtermittel. Bei der Tatsache, daß wir mit ungewöhn⸗ lich reichem Viehbestand in den Krieg hineingingen, waren Schwie⸗ rigkeiten in der Futtermittelbeschaffung und Fleischversorgung un⸗ vermeidlich. Die Wirkung trat sofort zutage; ein überaus starkes Angebot von schlachtreifem und nicht schlachtreifem Vieh. Das überstürzte Angebot senkte die Preise auf einen bedenklichen Tief⸗ stand und reizte den Konsum. Beide Tatsachen eröffneten bedroh⸗ liche Aussichten für die Zukunft, überstark verminderte Bestände und fehlender Anreiz für die Fleischproduktion. Vom Reichsamt des Innern wurde die Anregung gegeben, das vermehrte Angebot zu benutzen für die Versorgung mit Dauerfleischwaren. Am 11. September erfolgte dann ein radikaler Versuch zur Behebung der Zustände, ein Verbot des vorzeitigen Schlachtens für 3 Mo⸗ nate, geltend unter bestimmten Bedingungen für Rindvieh und Kälber. Den Landes zentralbehörden wurde freigestellt, auch das Abschlachten der Schweine einzuschränken. Von diesem Verbot machte die bayerische, die württembergische und die badische Regierung Gebrauch, während Preußen ein Verbot mur androhte für den Fall, daß das Abschlachten nicht mastreifer Schweine zu⸗ nehmen sollte. Diese Maßregel half, wie die Viehzählung vom 1. Dezember 1914 auswies.— Die Bestände waren wieder au normale Höhe gebracht. Bis Ende Januar nahmen die Schlachtun⸗ gen der Schweine wieder zu, und der Bestand sank auf rund 21 Millionen, eine immer noch sehr hohe Zahl. Die gefährliche Verminderung dieser Produkte veranlaßte den Bundesrat zu einer Schwenkung in der Fleischversorgungspolitik: er verpflichtete die Gemeinden mit mehr als 5000 Einwohnern zum stärkeren Ankauf von Schweinen und zur Sicherstellung eines Vorrats von Dauer⸗ mare an Fleisch. Diese Maßnahme genügte, den Fleischpreis in wenigen Tagen von einem ziemlichen Tiefstand auf einen unge⸗ wöhnlichen Hochstand zu bringen bei gleichzeitiger Quglitätsver⸗ ringerung.— Entsprechend der Unsicherheit der Preise hielten die Viehbesitzer zurück, und die Verordnung konnte nur in mäßi⸗ gem Umfange befolgt werden. Gerade die Planlosigkeit des Fleischankaufs der Gemeinden hatte die Unzu⸗ träglickkeiten im wesentlichen mitverschuldet. Diese Erkenntnis führte zu Vereinbarungen der Zentral⸗Einkaufsgesellschaft mit dem
Gründe s
Deutschen Städtetag: die Z. E. G. übernimmt für die der Verein⸗ barung angeschlossenen Gemeinden den Ankauf, ihr zur Seite steht eine Preiskommission, die wöchentlich die Ankaufspreise feststellt. — Beim Ankauf werden die Gewichtsklassen bevorzugt, die am meisten die Getreide⸗ und Kartoffelbestände vermindern. 5
Der Erfolg dieser Maßnahmen war sehr bescheiden; die Preise stiegen weiter, die Märkte wurden schlecht beschickt. Gewiß, man konnte mit Enteignung drohen, aber es half darum nichts, weil ja der Enteignungspreis nach dem laufenden Marktpreis festzu⸗ setzen war. Dieser Tatbestand lähmte die Tätigkeit der Z. E. G., gefährdete die Beschaffung einer Dauerwarenreserve, verteuerte das frische Fleisch. Dem allgemeinen Verlangen nach Festsetzung von Höchstpreisen konnte nicht stattgegeben werden. Nur indirekt suchte man die Preise zu drücken und den Markt zu beleben durch die Bekanntmachung vom 25. Februar 1915, daß bei Enteignungen feste Marktpreise als Richtpreise genommen werden sollten, Preise, die das Interesse der Verbraucher wahrten, ohne die berechtigten Interessen der Produzenten zu schädigen. Die neue Zählung vom 15. April erwies eine beträchtliche Senkung des Schweinebestandes, die Gefahr, die der Viehbestand für die menschliche Ernährung bot, war damit wesentlich vermindert. Am 8. Mai verfügte denn auch der Bundesrat die Aufhebung der Bestimmung vom 25. Februar (Verpflichtung der Gemeinden zur Anlegung von Dauervorräten) und die Bestimmung vom 25. Februar(Festsetzung von laufenden Marktpreisen als Richtpreise). Der Preisstand blieb bei alledem für die nächsten Monate sehr hoch, stieg sogar noch. Der Grund dafür war das beschränkte Angebot von Schlachtvieh, das zum Teil sich aus der stärkeren Verminderung der Schweinehestände im Winter ergab. Mehr und mehr verlangte die Oeffentlichkeit im Interesse der Fleischversorgung der großen Masse ein gesetzliches Eingreifen, im besonderen Höchstpreise. Den Höchstpreisen stand das Bedenken entgegen, daß sie bei der Knappheit und den gestiegenen Preisen der Futtermittel zu einer Verminderung der Viehbestände führen, und so die Fleischknappheit steigern könnten. Einheitliche Höchst⸗ preise für Fleisch sestzusetzen schien darum bedenklich, weil abgesehen von anderen Nachteilen die große Verschiedenheit in der Fleisch⸗ qualität und den Gefamtunkosten der Fleischer zu unerträglichen Härten geführt hätte. Bei dem Mangel an Schlachtvieh und Speck kamen die im Winter eingelegten Dauervorräte der Gemeinden allmählich zum Verkauf, und vermochten wenigstens lokal die Ver⸗ hältnisse günstiger zu gestalten. Um den Weiterverkauf und den Zwischenhandel in diesen Dauervorräten zu verhindern oder we⸗ nigstens Preistreibereien dabei unmöglich zu machen, wurden die Gemeinden ermächtigt, den Weiterverkauf oder die Abgabe der von ihnen in Verkehr gesetzten Fleisch⸗ und Fettwaren zu verbieten oder zu beschränken, bez. Preise festzusetzen.
Hohe Preise, Fleischknappheit: damit war die Lage unserer leischversorgung auch den Sommer über gekennzeichnet. Nach age der Dinge mußte Beseitigung der Knappheit als unerfüll⸗
barer Programmpunkt angesehen werden. Gibt man das zu, so kommt man an der Folgerung nicht vorbei: bei freiem Verkehr und bisherigem Fleischkonsum müssen die Preise notwendig ungeheuer steigen, bis die ökonomisch schwä⸗ cheren Konsumenten ausgeschaltet sind und jene Grenzklasse der Verbraucher erreicht ist, deren Nachfrage der Absatz noch nötig hat. Diese Grenzklasse, bez. die Dringlichkeit ihrer Fleischn age würde den Preis bestimmen.
Diese Regelung im freien Verkehr, so sicher sie funktioniert, ist unter den obwaltenden Umständen sehr bedenklich. Viele 5 gegen die Ausschaltung des Konsums der minder⸗ bemittelten Klassen, wie der freie Verkehr sie notwendig mit⸗ bringen muß, ganz abgesehen von den weiteren Wirkungen, die sich für den Zusammenhang des Preisniveaus aus einer überstarken Steigerung der Fleischpreise ergeben.
Der Bundesrat hat in Würdigung dieser Sachlage zwei be⸗ deutsame Eingriffe in den freien Verkehr vorge⸗ nommen: zunächst hat er eine allgemeine Verbrauchs be⸗ schränkung aller Konsumenten angeordnet. Die Bekannt⸗ machung vom 28. Oktober mit Wirkung vom 1. November be⸗ zielt Minderung des Fleisch⸗ und Fettkonsums An zwei Wochen⸗ tagen darf Fleisch nicht gewerbsmäßig an Verbraucher abgege⸗ ben werden, an zwei weiteren Tagen dürfen in Wirtschaften Speisen, die mit Fett oder Speck angerichtet sind, nicht dargeboten werden. Samstags darf kein Schweinefleisch verabreicht werden. Es wurde Abstand davon genommen, die Beachtung der fleisch⸗ und fettlosen Tage auch für den privaten Haushalt zwingend
* nee
Frau Karoline Björnson.
Zu ihrem 80. Geburtstage, 1. Dezember. 5
Die Greisin, die in der Bergeinsamkeit von Aulestad im Gudbrandsdal in diesen Tagen ihren 80. Geburtstag feiert, darf wohl als Norwegens bekannteste Frau bezeichnet werden. Weiß doch ein jeder Norweger, wer gemeint ist, wenn man schlechtweg von„Frau Karoline“ spricht! Ueber 50 Jahre hat sie den großen nordischen Dichter auf seinem Lebenswege begleitet, und als die
beiden 1906 die goldene Hochzeit feierten, da nahm gleichsam das
ganze norwegische Volk an diesem Familienfeste teil. Was aber für Frau Karolinens Persönlichkeit kennzeichnend ist, das ist, daß sie selber hinter der überaus stark ausgeprägten und mächtigen be ihres Gatten nie in den Schatten getreten ist.
elbst neben ihm ist sie stets„auch Eine“, ist sie stets sie selbst gewesen; und wer das Björnsonsche Haus betrat, der wußte und empfand es sogleich, daß in diesem Hause nicht ein großer Mann lebte, der eine Frau hatte, sondern ein wirkliches Ehepaar— ja, im Hause führte eigentlich Frau Karoline stets das Szepter, dem sich auch der unbändige Björnstjerne beugen mußte und willig ge⸗ beugt hat. Beinahe 60 Jahre ist es ja nun her, daß auf einem Balle zu Bergen der junge blonde Leiter der dortigen Bühne auf eine Gruppe von jungen Mädchen zutrat, und eines von ihnen. das er noch nicht kannte, fragte:„Gefällt Ihnen der Name Björn?“ Auf die erstaunte Bejahung setzte er hinzu:„Wenn, ich einen Sohn bekomme, wird er Björn heißen.“ Das Mädchen, mit dem der damals noch gar nicht etwa berühmte Bförnson diese wunderliche Unterhaltung führte, hieß Karoline Reimers und hatte von der Seite ihrer Mutter her, die eine Verwandte des Turnvaters Jahn war, deutsches Blut in den Adern. Nicht lange darauf, so waren Karoline Reimers und Björnstjerne Björnson
eein Paar, und von diesem Zeitpunkte an ist Frau Karoline jahr⸗
bei
zehntelang im kühnsten Sinne des Wortes der gute Geist ihres Gatten gewesen. Nicht etwa, daß sie zu allem, was er tat und sagte, immer nur Ja und Amen gesagt hätte— o, im Gegenteil: oft behauptete sie ihre Meinung sehr entschieden gegen die seinige, und so konnte es selbst an Zusammenstößen nicht fehlen. Den⸗ noch hat Björnson nirgends ein so tiefes Verständnis gefunden, wie bei seiner Frau, und sie ist es gewesen, die ihn immer vor⸗ wärts gedrängt, immer zum Höchsten augespornt hat. So veran⸗ laßte sie ihn, sich aus der Enge der Bergenser Verhältnisse zu befreien; so hielt sie bei ihm und mit ihm durch, als die Kämpfe kamen und in der allmählich anwachsenden Familie Schmalhans Küchenmeister war. So steifte sie ihm den Nacken, wenn er für
Recht und Wahrheit kämpfte. Von ihrer Charakterstärke hat sie
kurz nach dem Kriege 1870/71 einen Beweis gegeben dessen wir Deutschen uns gerade jetzt wohl erinnern dürfen. Damals trat der Dichter für eine neue Richtung der Politik seines Landes, für die Freundschaft mit dem neuen Deutschland ein. Da kam er einen Landsleuten aber übel an; man„schnitt“ ihn und seine Werke, man schlug ihm die Fenster ein, aber dies tapfere Frauenherz bebte keinen Augenblick: treu und fest hielt sie an dem, was lie für recht erkannt hatte. Unschätzbare Dienste leistete sie 1 5
22
Idem Dichter auch als seine Sekretärin. Sie und sie allein durfte
seine Werke abschreiben;: den Roman„Auf Gottes Wegen“ hat sie nicht weniger als sechsmal abgeschrieben, und jedes Wort, jeder Satz, jedes Lied, das Björnson gedacht und geschaffen hat, hat seinen Weg durch diese Frauenhand genommen. Noch heut ist Frau Karoline eine schöne und stattliche Frau, und wenn sie spricht, so glaubt man die Stimme eines jungen Mädchens zu hören. Aus klugen, scharfen Augen beobachtet sie Welt und Menschen, und Kraft und Güte vereinigen sich in dem Ausdrucke ihrer be⸗
deutenden Züge. 4
— Kronprinz Friedrich Wilhelm von Preußen in München 1870.„Zwei alles überragende Erinnerungen aus meiner langen Bühnenlaufbahn gibt es: den Hoftheaterabend beim Abschied von unsern todesmutigen Truppen(1870) und dann die Festvorstellung zu Ehren der heimgekehrten Sieger.“ (1871). Ueber diese beiden Abende, die uns heute, da unsere Sol⸗ daten wiederum gegen den Erbfeind im Felde stehen, besonders interessieren, plaudert Ernst von Possart in den fesselnden Erinnerungen aus seiner Bühnentätigleit, die soehen bei E S. Mittler und Sohn in Berlin unter dem Titel„Erstrebtes und Er⸗ lebtes“ erschienen sind. Lebhaft erinnert uns die Begeisterung, die am 17. Juli 1870 im Münchener Hoftheater zu dem bayrischen Könige und dem zum Führer der süddeutschen Truppen bestimm⸗ ten Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen emporstieg, an die Tage der Mobilmachung und des Beginns des Weltkrieges im vorigen Jahre. Possart hatte im letzten Augenblick der Ab⸗ fassung eines Prologs übernommen, den er selbst vortrug. Er er⸗ zählt davon:„Das zum Erdrücken besetzte Hoftheater, 2000 Men⸗ schen, im Parkett und Balkon nur Uniformen, unter der großen Königsloge General von Blumenthal mit dem Stabe des Kron⸗ prinzen, im Hofrange das gesamte diplomatische Korps und der Adel des Königreichs und oben alles, was noch Platz fand, von den Angehörigen unserer schon ins Feld gerückten Truppen,— und diese Tausende in schwirrender Erregung, erfüllt von Hoff⸗ nung auf den Sieg der guten Sache und brennend vor Begierde, dem jungen König und seinem fürstlichen Feldherrn zu hul⸗ digen...“ Possart beginnt seinen Prolog zu sprechen, immer wieder wird er von stürmischem, sich stets steigerndem Jubel unter⸗ brochen. Der König erhebt sich und zieht den Kronprinzen an seine Brust. Die Zuschauer stehen auf, das Beifallsrasen, das Tücherschwenken will nicht enden. Possart fährt fort:
„Das Land ist einig! Wer will uns bezwingen? Entrollet mutig das Panier zum Krieg!
Denn eh' am Rhein noch die Fanfaren klingen, N Schlug Deutschland schon in sich den größten Sieg Denn was im Drange der Gefahr aufs neue
Ein edles Fürstenpaar zum Kampf vereint,
Das Königswort, es heißet: Treu um Treue!
Mit diesem Feldgeschrei verjagt den Feind!
Heil! Dreifach Heil dem jungen Fürstenpaar,
Dem Deutschlands alte Treue heilig war.“
zu gestalten, hier wird der Einsicht der Bevölkerung und ihrem sozialen Gefühl Selbstbeschränkung überlassen bleiben müssen.
Der Grundgedanke dieser Anordnung ist Einschränkung des Verbrauchs, aber nicht durch Ausschaltung der schwächeren Kreise, sondern durch Verbrauchsminderung des gesamten Volkes. Die Verteilung der Fleischvorräte soll möglichst auch nach sozialen Ge⸗ sichtspunkten erfolgen. Aber mit der Verbrauchsbeschränkung allein war die Sachlage nur teilweise gebessert, es mußte auch Vorsorge getroffen werden, daß die minderbemittelten Klassen Fleisch zu erschwinglichen Preisen erhalten. Diesem Zwecke diente die Aufstellung von Höchstpreisen für Schlachtschweine und für Schweinefleisch vom 4. November 1915. Es wurde kein ein⸗ heitlicher Preis festgesetzt, sondern nach einer Reihe von Reichsbezir⸗ ken differenzierte Grundpreise als Höchstpreise. Diese Preise gelten für den Verkauf von Schlachtvieh im Lebendgewicht. Für den Klein⸗ handel werden ebenfalls Höchstpreise festgesetzt und zwar darf der Preis für frisches Schweinefleisch 140 Prozent, der für frisches Fett 180 Prozent des in der nächstgelegenen Schlachthausgemeinde gel⸗ tenden Höchstpreises nicht überschreiten. Die Landeszentralbehörden können die Sätze niedriger stellen, die Gemeinden können ebenfalls Höchstpreise für die einzelnen Fleischsorten festsetzen, mit der Ober⸗ grenze an den reichsgesetzlichen Höchstpreisen.
Neben dieser Regelung der Fleischversorgung läuft eine Re⸗ gelung der Oel- und Fettversorgung parallel, da auch hier bei be⸗ schränktem Vorrat ein Eingreifen unter Berücksichtigung sozialer Gesichtspunkte unerläßlich schien. Anordnungen zur Steigerung der Vorräte und zur Erleichterung des Verkehrs in Fett und Oel, eine
durchgreifende Organisation zur Erfassung und Verteilung der vor⸗
handenen Vorräte(Kriegsausschuß G. m. b. H.), Festsetzung von Höchstpreisen sind die hier getroffenen Maßnahmen.
Das ist der heutige Stand der Dinge in der Regelung der Fleisch⸗ und Fettversorgung. Es hieße überspannte Erwartungen hegen, wollte man annehmen, daß die Verhältnisse damit eine endgültige und alle Teile vollauf befriedigende Lösung gefunden hätten. Das sind Ziele, die andere Voraussetzungen haben als die⸗ jenigen sind, unter denen die Wirtschaft des Reiches jetzt steht. Es kann rebus sic stantibus sich immer nur um Kompromisse und enger gesteckte Zielpunkte handeln.
Büchertisch.
— Lic. E. Moering, Mit verschleppten Osst⸗ preußen an der Wolga. Berlm W. 35, Verlag des Evan- gelischen Bundes. 88 S. mit zwei Bildern. 1 Mk., gbd. 1,50 Mk.— Der Verfasser, Pfarrer in Breslau, war bei Kriegsausbruch in Riga. Was er dann dort und in monatelangem Aufenthalt
bei Frost und Hitze in Krasny Jar bei Astrachan erlebt hat
und wie er es schildert, das ist erschütternd. Wir haben wenig so 1
anschauliche und lehrreiche Schilderungen aus diesem Krieg.
3 Märkte. Marktbericht.
1
Gießen, 30. Nov. Auf dem heutigen
Wochenmarkte kostete: Butter das Pfd. 1,90— 0,00, Hühnereier das
Stück 20 00 Pfg., Käse das Stück 7—9 Pfg., Käsematte 1 Stück 3—0 Pfg., Kartoffeln der Zentner 3,75 bis 0,00 Mark, Milch das Liter 26 Pig., Aepfel der Zentner 6 bis 8 Mk., Spinat
2022 Pig. das Pfund, Wirsing 10—15 Pfg. das Stück, Gelbe⸗ rüben 10—12 Pfennig das Pfund, Rotkraut 15—25 Pfennig
das Stück, Rosenkohl 20—25 Pfg. das Pfund, Kohlrabi 6 bis 8 Pig. das Stück, Weißkraut 15-25 Pig.
15 Pfg., bessere 00—00 Pfg. das Pfund, römisch Kohl 6—8 Pfeonig, Zwiebeln der Zentner 27—28 Nüsse 100 Stück 5060 Pfg., Blumenkohl 20—50 Pfg.,
10 12 Pfg.
Marltzeit von 8 bis 2 uhr.
OTN
Auch as Liebesgabe im Feide hegehrt! im Fesdpostbriet portotrel) 5
im schwingen sie jubelnd der Königsloge zu. Niemand schaut mehr auf die Bühne: wie ein stürmisches Meer wälzen sich die über⸗ schäumenden Wogen der Begeisterung dem Fürstenpaare zu. Der
Vorhang fällt, aber nicht eher endete dieses Beifallsrasen, unten
dem das königliche Paar sich wieder und wieder dankend verneigen
muß, bis die Trompetenfanfaren aus dem Wallensteinschen Lager
durch das Haus tönen.“ Der König sandte dem Künstler am andern
Tage sein lebensgroßes Bildnis. Noch ein hübsches Nachspiel hatte
der Abend für Possart. Darüber berichtet er:„Wenige Ta nachher erhielt ich aus Speyer einen Brief meines Bruders. Er
hatte schon, da er noch Assessor war, den 60er Krieg als Inten⸗
danturrat mitgemacht, und jetzt stand er als Intendant der vierten
Kavallerie⸗Division„Prinz Albrecht Vater“ im Feld. In Speyer
meldete sich der Stab beim Kronprinzen. Auch mein Bruder war darunter. Als der hohe Herr seinen Namen hörte, war er auf ihn zugetreten:„Sind Sie verwandt mit dem Possart, der gestern abend in München den Prolog zum Auszug der Truppen verfaßt
hat?“„Mein Bruder, Königliche Hoheit, ist am Hoftheater en⸗
gagiert“„Sehen Sie mal, ich habe gefürchtet, der junge Mann könne Dummheiten machen, aber er hat sich sehr anständig heraus⸗
das Stück, Birnen 7 bis rete Rüben 7—8 5 5 t
Tomaten das Pfund 25—30 Pfg., Sellerie 6-10 Pfg. das Stück, Endwien
deen Sefittfe n
Hier läßt sich der Jubel nicht mehr zurückdämmen, die Offtzieren Parkett springen auf die Sitze, sie ziehen die Degen und
gebissen.“ Es war die erste Nachricht, die ich aus dem Felde 2
erhielt.“
— Volkstümliche Vorlesungen in Hamburg. Aus Hamburg wird uns geschrieben: Hamburg macht sich jetzt daran, indem es den Forderungen der Zeit folgt, volkstüm⸗ liche Vorlesungen einzuführen. Man geht dabei von dem Gedanken aus, daß einem durch die neuen Probleme des Krieges verstärkt entwickelten Drange der Allgemeinheit nach Wissen Ge⸗ nüge getan werden muß. Die Zeitfragen häufen sich. Täglich wird das Interesse neu angeregt: hier für bisher unben, Landgebiete, Völkerschaften, Berge, Flüsse, Städte, dort für un⸗ vermutet in den Weltverkehr eingreifende Sachen der Technik, des Handels, der allgemeinen Wirtschaft. Tausende wollen dar⸗ über unterrichtet sein. Es ist also mit diesen Vorlesungen die Aufgabe gestellt, der großen Menge nach allen Richtungen hin Aufschlüsse zu geben, durch die sie klare Einblicke in die vielen Wandlungen der Welt und Zeit gewinnt. Das volkstümliche Vor⸗ lesungswesen wird auf breiter organisatorischer Grundlage ein⸗ gerichtet, nach einem einheitlichen, von akademischen Grundsätzen getragenen System Die Leitung des neuen Unternehmens liegt in den Händen der Patriotischen Gesellschaft. Damit ist bereits die Gewähr gegeben, daß es im sozialen Sinne, zum Nutzen und zur geistigen Förderung der Gesamtheit gepflegt und weiter
ausgebaut wird. Der Arbeitsausschuß wird gebildet von den Prof.
Dr. Voller, Dr. Borchling, Dr. Debelius, Oberschuldirektor Dr. Gerstenberg, Pastor Kirstling, Lehrer von Borstel und Redakteur Emil Krause. In Aussicht genommen sind zunächst, beginnend in diesem Winter, Vortragskurse zu je sechs Stunden in Ge⸗
schichte, Literaturgeschichte, Kunst, Naturwissenschaften und Technik.


