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(29.11.1915) 281. Zweites Blatt
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Jpeites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSießener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Ureis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ srogen erscheinen monatlich zwennal.

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165.4 Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Gberhessen

Uriegsbriefe aus dem Osten.

* 2 Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Am Rigaischen Meerbusen. 5. Tuckum, 19. Nobbr. Am 13. Juli setzte sich die Gruppe, die den äußersten linken Flügel der Niemenarmee decken sollte, in Bewegung, die Spitzen erreichten noch am gleichen Tage nach einem Marsch von 52 Kilo⸗ metern Goldingen. Die Rusen leisteten keinen nachhaltigen Wider⸗ stand, die Reichswehr⸗Druschinen marschierten, was die Knochen ten wollten, rückwärts.Sie treiben uns wie die Gänse, die eutschen, sagten sie.Väterchen muß aus Mitau marschieren, Väterchen wird Riga auch verlieren, sangen sie. Was immerhin ein eigenartiges, russisches Soldatenlied ist.

Die Brücke über die Windau wollten sie sprengen, natürlich, aber es ging eben sehr schnell. 35 Sprengkasten kamen nicht zur Entzündung. Die deutschen Pioniere entfernten mit kaltblütiger Verachtung der Gefahr die Kästen, und die rheinischen Jungens konnten trocken über die Windau. Der Marsch ging schnell weiter. Das natürliche Ziel war Tuckum. Zwar waren russische Kavallerie, die ausgezeichneten 20. finnischen Dragoner, in dem ausgedehn⸗ ten Waldgebiet nördlich der Straße sestgestellt, aber preußische Kürassiere und Ulauen sicherten die Flanke, der Marsch ging schnell weiter Am 17. Juli wurde Samiten erreicht, am 18. Tuckum. Die sehr starken Stellungen vor Tuckum wurden nicht nachhaltig verteidigt. Es kam zu kleinen Gefechten, Kavalleriezusammen⸗ 5 20 in denen die Petersburger Reitschule blutige Verluste erlitt.

Die einrückenden Truppen fanden in Tuckum vielleicht noch 400 Einwohner. Auch über Tuckum und aus Tuckum war ein brei⸗ ter Flüchtlingsstrom gegen Riga geströmt. Bei Schlock versank die verwitterte alte Floßbrücke unter der Last der Wagen und sich drängende Menschen. Die deutschen Vorhuten näherten sich schon, da schossen die Russen vom andern Ufer der Aa unbarmherzig in die Masse, bei Kalezen spielte sich die gleiche entsetzliche Szene ab. Ein grausamerer Ausropttungskrieg als ihn der russischeVetter gegen den Letten geführt hat, ist auch in Polen nicht gegen die Schwesternation geführt worden, er ist in seiner Wirkung für die Letten entscheidender, denn der kleine Volksstamm wird die Vernich⸗

tung wohl der Hälfte seiner Seelenzahl kaum überstehen. Man kann über die Letten denken, wie man mag, ihre Eigenschaften schwan⸗ ken im Lichte der Darstellung, dieses Schicksal hat das fleißige Volk nicht verdient. Die Kurländer, die die Handlungsweise der Russen voraussahen, bedauern das verführte Volk. Ihre War⸗ mungen hätten nichts gefruchtet. Verhetzt, verdorben von lettischen auf russischen Seminaren deten Lehrern, die das Deutsche und den Deutschen haßten, konnte sich der kleine Stamm nicht leicht auf den klugen Weg finden. Ganz allmählich sieht ihn der Lette 1125 1 die Tiefe des Volksbewußtseins ist die Erkenntnis des russischen rnichtungsschlages gegen die Letten noch nicht gedrungen. Aber

es sind Anzeichen, daß man auch mit den verdorbenen Augen wieder sehen lernt, obwohl der klare Blick kaum zu viel Anderem dienen könnte, als die Gründe der Volksvernichtung deutlich mit Anklage gegen sich selbst und mit Haß gegen Rußland zu erkennen. Zum Teil mit dem Rest der flüchtenden lettischen Landbevöl⸗ ferung erreichten die deutschen Truppen die Linie vor der Aa und ben Strand des Rigaischen Meerbusens in ungefähr der Linie, die auch heute noch immer gehalten wird. Landoperationen von ent⸗ 4 Stile finden in dem sumpfigen Gelände schwere Hinder⸗ nisse.

Schon General Pork hat 1812 bei seiner Operation in Kur⸗ land die Schwierigkeiten der Sumpfwälder, die dicht hinter den Dünen begisnen, kennen gelernt. Einen Knüppeldamen, den York hat anlegen lassen, fand man beim Waldhauen vor ein paar Ih⸗ ren in Großspirgen bei Tuckum. Die preußischen Vorposten standen damals am Meeresufer bei Dubbeln, bei Holenhof am Babit⸗See und von dort im anschließenden weiten Bogen über Olai bis zur Düna bei Dahlenkirchen. Eine Linie also, die mit der heutigen viel Aehnlichkeit hat.

Die englische Flotte fuhr damals mit Kanonenbooten in die breite Mündung der Aa und zeigte sich ziemlich tätig. Die Tätigkeit der 1 fi n Flotte beschränkt, 155 bei der jetzigen Operation gegen Riga auf Abstreifen der Küste mit Torpedo⸗ und Kanonenbooten und gelegentlichen Beschießungen der offenen Hakel⸗ werke(kleine Flecken) längs der Küste. Einmal, im September, kam es zu einer größeren Operation von See aus. Im September liefen zehn Einheiten der russischen Flotte aus Dünamünde aus, legten sich vor die Küste zwischen Raggasen und Angern und be⸗

gannen eine stundenlange Beschießung aus den schwersten Kalibern in der Richtung der vermuteten deutschen Stellungen, die natürlich von der See her flankiert werden. 4000 Granaten wurden auf das Gelände bei Dumbo geworfen, ohne daß eine Wirkung erzielt worden wäre, weil jede Beobachtung der Wirkung von See ausgeschlossen ist und die Flachbahngeschütze gewisse Winkel der Stellungen überhaupt nicht erreichen können. Als unsere Langrohre antworteten und die Kommandobrücke und den Schornstein eines Kreuzers trafen, zog sich die Flotte zurück.(Daß auf der Brücke hohe russische Marineofsiziere tötlich verwundet worden sind, ist inzwischen russi⸗ scherseits zugegeben worden. Man war der Meinung, daß durch das gewaltige Bombardement unsere Leute völlig erschüttert sein müssen, und in dichten Kolonnen stieß nach dieser Artillerievor⸗ bereitung die russische Infanterie vor. Mit großer Ruhe ließen die Rheinländer die Russen bis dicht an das Draltverhau, und dann begann das Mähen. Nach russischer Anweisung an die Regimentskommandeure sind beim Sturmangriff 50 Prozent Ver⸗ luste unter der Wirkung der heutigen Feuerwaffen als normal zu bezeichnen und erst bei 7080 Prozent als schwere anzunehmen. Der russische Oberst, der sein eben abtransportiertes Regiment beim Mühlenbach einsetzte, dürfte seine Verluste auch nach dieser russischen Auffassung als recht schwere festgestellt haben. Seitdem ist es zu bedeutenden russischen Angriffen mit größerem Einsatz an dieser Küstenfront nicht mehr gekommen. Kemmern, der hübsche Villen⸗ und Badeort, der an den Schweselquellen daselegante Riga sah eine Dampfbahn führte zum Badestrand, der von hier bis Riga Badeort neben Badeort zeigt Kemmern liegt in Trüm⸗ mern zwischen den beiden Linien. Der beherrschende Kirchhof von Wisman an der Aa ist fest in unserer Hand. In den ersten No⸗ vembertagen wurde er unter blasendem Horn,Gewehr rechts, Sprung auf, marsch, macsch! mit Hurra wie auf dem Ererzier⸗ platz im Morgengrauen genommen, nachdem am Tage vorher eine Offizierspatrouille den zuerst nur mit russischer Feldwache be⸗ setzten als besonders wichtig erkannt hatte. Das russische Bataillon, das sich dann in der Nacht einnistete, wurde dann eben bei dämmern herausgeworsen. l

Der zunehmende Wellengang macht inzwischen auch alle kleinen Operationen und Beunxuhigungen von der See her schwieriger. Landungen haben die Russen überhaupt zu militärischen Zwecken auch in der günstigen Jahreszeit nicht versucht. Sie setzten ge⸗ legentlich ein paar Mann an Land, um längs der Küste zu reguirieren, auch der etwas größere Landungsversuch südlich Kap Tomesnees hatte leinen anderen Zweck. Inzwischen ist der Küsten⸗ schutz ausgebildet, die stürmische See unser Bundesgenosse⸗

Von der Beobachtungsstelle einer schweren Kanonenbatterie in dem Dünengelände sah ich auf die grau und weiß aufschim⸗ mernde zackige Fläche des Rigaer Merbusens. Der Wind riß die Wellen in weißen Brechern an den Strand und faßte hart den winterlichen Wald hinter uns. 5

Die Brandtuinen der zerschossenen Fischerdörfer standen in der winddurchheulten Einsamkeit. Weit, stahlhart, großartig war dies Bild. Die rheinischen Jungens dachten an das liebliche Bild ihrer Heimat, sahen durch das Scherenfernrohr und vergaßen! Hebt sich nicht dort ein schmaler Strich über die Horizontlinie? Aller Wille sitzt in den Augen Nichts, Wellenrauschen, ein Sturm⸗ vogel, Wind. Die rheinischen Augen sehen hart auf das harte, bal⸗

tische Meer.. 5 Wellenrauschen, Einsamkeit, Dienst Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Morgen⸗

Aus Stadt und Land. Gießen, 29. November 1915.

Landesverrat.

Verrat am eigenen Vaterlande galt stets als schweres Verbrechen, und in Kriegszeiten als das schwerste Ver⸗ brechen. Wer wissentlich und in Erkenntnis der Tragweite seines Tuns irgend eine Handlung begeht, die unserer Kriegsführung Hindernisse und Schwierigkeiten bereitet, ist ein Landesverräter. Unser Vaterland hat heute zwei Fron⸗ ten, draußen den eisernen Wall der Schützengräben: um diese Front ist uns nicht bange, denn wir wissen, daß der Heldengeist unserer Leute sie schützt; und im Lande selbst eine Front, von deren Sicherung der Erfolg alles Opfer⸗ mutes und alles Blutvergießens unserer Leute draußen ab⸗ hängt: unsere Volksernährung. Wer diese Front ge⸗ fährdet, ist auch ein Landesverräter. Wer Lebensmittel vom Markt hält, um sich zu bereichern, wer Wucherpreise verlangt,

Aunft und Wissenschaft.

Wiener Bilder eines Dänen. Obgleich die Haupt⸗ n Nordens Mitteleuropa e in der

lenzialisch was macht Wien,

gesteht, er habe haltend⸗teil⸗ Totenhaus be⸗

die er an jeder

in einem Privathause Zimmer und

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Gang änderun die P

auch! wandten aufgefunden worden ist. Ein schmales Köpfchen mit

konnte, der bisher über Spitzwegs Liebesleben lag. Wie er in

in dieser schweren Zeit all ihren Reiz und all ihre Schönheit zu bewahren, so ist das, wie der Besi gestehen muß, gelungen. Leben und Gedränge in den Kaffee häusern, wie nur je, und es wird wohl auch jetzt Tag für Tag die halbe Million Tassen. Kaffee getrunken. Die Theater gefüllt, und nirgends eine Spur von vordringlichem Chauvinismus Man spielt englische fran⸗ zösische und russische Stücke; die Hofoper führt Donizetti auf und als Vertreter der Wiener Literatur erklärt bei einem Mahle im bekannten SchriftstellervereineConcordia Raoul Auernheimer, daß man Englands Bann überfeindliche Kunstwerke, Frank⸗ reichs Ausftoßung feindlicher Forscher aus der Akademie mit der Mahnung beantwortet: lernt englisch und französisch! Das ist die Stimmung und der Geist, den Anker Kirkeby in Oesterreichs Hauptstadt fand; das berichtet er inPolitiken seinen dänischen Landsleuten. Ob sie sich wohl endlich überzeugen lassen werden?

Spitzwegs einzige Liebe. Karl Spitzweg, der un⸗ übertroffene Schilderer der Kleinbürger und Philister und zugleich einer der Bahnbrecher moderner Malerei in Deutschland ist Zeit seines Lebens Junggeselle geblieben. Sollte es möglich sein, daß diesem zart und lebhaft empfindenden Künstlerherzen die echte Liebe fremd geblieben ist, wo wir doch wissen, daß Spitzweg auf der Höhe seines Lebens, so um das dreißigste Lebensjahr, bei allen Festen unter den Ersten war und sich schon ganz gern von dunklen Augen und weißen Schürzenbändern gefangen nehmen ließ. Einem glücklichen Zufall verdankt es Hermann Uhde⸗Bernays, der treffliche Biograph des Meisters, daß er kürzlich den Sleier lüften

der eben beim Delphin⸗Verlage in München erscheinenden Volks⸗ ausgabe seines schönen Spitzweg⸗Buches mitteilt, war des Künstlers einzige Liebe ein lustiges Abenteuer, das traurig endete und das vielleicht die Ursache geworden ist, daß Spitzweg Junggeselle blieb. Er hatte einem bildsauberen Tischlermeisterstöchterlein aus Tölz, Klara Lechner, die jung mit einem Webermeister Raab in München verheiratet worden war, zu tief in die Augen gesehen und mußte die ganzen Unerfreulichkeiten eines Ehescheidungsprozesses über⸗ winden, ehe er die Geliebte zu sich nehmen konnte W wie weit es Spitzweg gelungen war. die durch die religiösen Be⸗ stimmungen einer Heirat mit Klara Raab entgegenstehenden Hinder⸗ risse zu ent enen, da der Tod sie ihm plöglich von der Seite riß. Dieses Ereignis hat den fröhlichen Künstler völlig verwandelt, er hielt ernsthaft innere Einkehr und fuchte in stiller Arbeit Er⸗ satz für das verlorene Glück. Klaras Bild hielt er ständig im Herzen fest, ohne jedoch jemals ihren Namen zu nennen: und wenn Uhde⸗Bernays das Geheimnis seiner Liebe jetzt doch hat enthüllen können, so ist Spitzwegs Kunst die Schuld daran geworden. Denn er, der niemals Bildnisse gemalt hat, schuf doch ein kleines Brust⸗ bild Klara Raabs, das nun kürzlich im Versteck bei ihren Ver⸗

ir wissen nicht, End

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Montag, 20. November 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts⸗ Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

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straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗

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wer seine Lebensverhältnisse nicht einschränkt im Maße, wie es die Umstände jetzt erfordern und die Regierung teilweise angeordnet hat, kann kaum auf eine andere Bezeichnung An⸗ spruch erheben. Wer heute noch die Phrase erhebt von der Pflicht zur Wahrung des höchsten Selbstinteresses, sei er Händler, Erzeuger oder Verbraucher versündigt sich am Vaterlande, am Volke, an sich und seinen Kindern. Ueber die deutsche Gewissenhaftigkeit und das deutsche Pflichtgefühl, über die staatliche Disziplinierung der deutschen Bürger hat man oft im Auslande gewitzelt. Aber die Tugenden müssen uns jetzt helfen, siegreich durchzuhalten. Wir stellen an alle Händler, Produzenten und Verbraucher die unbedingte Forderung: mehr Pflichtgefühl gegen unser Volk, gegen unser schwer ringendes Vaterland. Eure Gewissen⸗ haftigkeit sei der eiserne Wall der inneren Frontlinie, ohne den die Schützengrabenfront geschwächt wird und zusammen⸗ brechen muß. Allen im Volke, die es angeht, muß es in die Köpfe gehämmert werden; es ist eine Zeit, die von jedem Opfer verlangt, von jedem restlose Einspannung in die Zwecke des Vaterlandes beansprucht. Denke keiner, auf ihn komme es nicht an. Es kommt auf jeden Einzelnen an, da gibt es keine Entschuldigung und keine Ausnahme. In diesem Kriege ist jeder Einzelne des Volkes Soldat, und von seinem Verantwortungsgefühl und seinem verantwortungsbewußten Handeln hängt unsere Zukunft ab. Der Ring unserer Feinde zwingt uns alle dazu, Diener des Staates zu sein. Wer anders handelt, handelt ehrlos und kuxzsichtig. Die Ver⸗ braucher, aber auch die rechtschrffenen Händler und Produ⸗ zenten sollten ihrerseits mithelfen, alle Fälle von Bewuche⸗ rung und Hinterziehung von Waren unerbittlich zur Be⸗ strafung zu bringen. Jeder, der das tut, erfüllt eine Gewissenspflicht von öffentlichem Interesse. *

Vom Publikum verschuldete Brandunfälle, denen Feldpostsendungen zum Opfer gefallen sind, haben sich in letzter Zeit besonders gehäuft. So sind in Brand ge⸗ raten: am 9. Oktober auf dem östlichen Kriegsschauplatz ein Eisen⸗ bahngüterwagen mit Feldpostpäckchen für eine Reservedivision. Die Ladung ist bis auf 30 Beutel ein Raub der Flammen gewor⸗ den; am 16. Oktober im Osten ein Kraftwagen mit Post für eine Landwehrdivision. Von der Ladung sind 2 von der Postsammel⸗ stelle in Leipzig abgesandte Beutel mit Feldpostpäc chen fast voll⸗ ständig verbrannt. Größerer Schaden ist nur durch die besondere Umsicht und Geistesgegenwart des Wagenführers verhiltet worden: am 16. Oktober ein Eisenbahngüterwagen mit Feldpostpäckchen für das Ostheer. Von der aus 360 Beuteln bestehenden Ladung sind 150 vernichtet worden, außerdem war der Inhalt von 60 Beuteln teilweise beschädigt; am 20. Oktober ein mit Feldpost, und Paketen für das Ostheer beladener Eisenbahngüterwagen. Als das Feuer bemerkt wurde, hatte es bereits soweit um sich gegriffen, daß vom Wageninhalt bis auf wenige Palete und Gegenstände aus verbrann⸗ ten Sendungen nichts mehr geborgen werden konnte; am 26. Ok⸗ tober auf dem westlichen Kriegsschauplatz die Ladung eines Güter⸗ postwagens. Trotz sofortiger Löschversuche breitete sich das Feuer infolge des herrschenden starken Windes schnell aus, so daß der Inhalt von 5 Beuteln vollständig und von weiteren 10 zum Teil dernichtet wurde. All diese Fälle sind nach dem Ergebnis der Feststellungen höchstwahrscheinlich auf Selbstentzündung feuergefährlicher Gegenstände zurückzuführen. Die beklagenswerten Vorkommnisse beweisen, daß die aus Anlaß frühe⸗ rer Brände wiederholt ergangenen dringenden Warnungen vor Ver⸗ sendung feuergefährlicher Gegenstände, wie Streichhölzer, Benzin, Aether usw., mit der Feldpost zum Schaden der Allgemeinheit wie unserer Krieger und ihrer Angehörigen noch immer nicht die er⸗ forderliche Beachtung finden. Die Mahnung, die Versendung sol⸗ cher verbotenen Gegenstände unbedingt zu unterlassent nird daher nachdrücklichst wiederholt und zugleich erneut darauf hingewiesen, daß Zuwiderhandlungen nach 8 367 unter 5 a StGB. trafbar sind und im Betretungsfalle ausnahmslos gerichtlich

verfolgt werden. 5 Kreis Friedberg. 0 a Nieder⸗Wöllstadt, 28. Nov Zu Leutnants beför⸗ dert wurden die Brüder Richard und Wilhelm Luley. i Burg⸗Gräsenrode, 28. Nov. Zum Leutnant d. N befördert wucde der Lehrer Karl Schäfer.

dunklem Lockenhaar und großen dunklen Augen schaut uns ent⸗ gegen: das war Meister Spitzwegs erste und letzte Liebe. 0 Ein Held des Kriegs und des Humors. Ein solcher war Friedrich von Kyau, der am 5. Mai 1654 zu Oberstrohwalde in der Oberlausitz als der Sohn eines Kurbranden⸗ burgischen Oberstwachtmeisters geboren ward und als humoristi⸗ scher Hofrat August des Starken, sächsischer Generalleutnant und Kommandant der sächsischen Festung Königstein im Jahre 1733 starb. Diese Karriere hatte er ebenso seiner kriegerischen Tüchtig⸗ keit wie seinem Humor zu danken. Sein Gönner Oberst von Schö⸗ ning brachte den lustigen Kyau in vornehme Kreise zu deren Be⸗ lustigung und sorgte dafür, daß er, der als gemeiner Soldat eingetreten war, zum Fähnrich aufrückte. Freilich waren seine Scherze nach dem 8 Geschmack recht derb, aber sie ent⸗ sprachen dem seiner Zeit. So ließ er sich einmal tot sagen und einsargen. Als man den Sarg in aller Förmlichkeit zu Grabe trug, entstand plötzlich im Sarge Lärm, und während die Träger entsetzt flohen, stieg der lustige Fähnrich vergnügt aus dem Sarge. Der Scherz schien denn doch zu arg, und der auferstandene Fähn⸗ rich ward auf die Festung nach Spandau geschickt. Als die Kur⸗ fürstin bald darauf die Festung besichtigen kam, ließ Kyau, der dies vorher erfahren hatte, ein Transparent anfertigen, das allerlei zerbrochene Gegenstände darstellte, wozu er ein Verschen machte, das besagte, daß das Bild sein Glück darstelle. Mit diesem Transparent schmückte er das Fenster seiner Zelle um Empfange der Fürstin. Diese lachte über den Scherz und sorgte für Kyaus Begnadigung. Ein Duell zwang ihn später, über die Grenze zu fliehen und in Sachsen Dienste zu nehmen Da August der Starjʒte ein Freund lustiger Streiche war, stieg Kyau hier schnell empor und wurde Generaladjutant des Kurfürsten und Königs von Polen, der den anstelligen Mann auch zu diplomatischen Mis; sionen benutzte. Als er dem Greisenalter nahe war, sehnte er sich nach Ruhe und wurde auf seine Bitte Kommandant der Festung Königstein. Als der Neujahrstag des Jahres 1733 herannahte, fühlte er sich kränklich, und er war sicher, daß es mit ihm zu e gehe. Er ließ die ganze Garnison der Festung zusammen⸗ berufen und zur Parade aufmarschieren, nahm die Glückwünsche entgegen und hielt folgende Anrede:Hameraden und Freunde! Ein gewaltiger, unbesiegter und unbesiegbarer Feind naht in den nächsten Tagen unserer Festung. Aber er hat es nur auf einen abgesehen, und der bin ich. Ich werde mich ihm ergehen als rechtschaffener Kommandant, der seiner Pflicht getreu seine Schanze bis zum letzten Augenblick behauptet hat! Rührung erstickte seine Stimme, auch alle Zuhörer waren tief ergriffen, denn Kyau war allgemein beliebt. Dann ging er auf sein Zimmer, das er bis zu seinem Tode, der am 19. Februar 1733 erfolgte, nicht mehr verließ.