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2ꝛ8 zweites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Ureis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗
fragen“ erscheinen monatlich zwennal.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Donnerstag, 25. November 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S851, Schrift⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten; Anzeiger Gießen.
Staatliche maßnahmen zur Regelung der Bolfsernährung.
Der Zwang, die grundsätzliche Organisation unserer Ver⸗ kehrswirtschaft unter den obwaltenden Umständen— Sperrung von der ausländischen Zufuhr— in einer Weise zu regeln, daß die Volksernährung gesichert ist und kein Hindernis für unsern Willen zum Turchhalten bietet, hat eine Fülle von Maßnahmen. seitens des Staates nötig gemacht. Jetzt, wo gangbare Wege zur Lösung der kritischen Fragen gefunden worden sind, ist es an der Zeit, zurückzuschauen und in kurzen Strichen das Bild fest⸗ . das heute unsere Nahrungsmittelversorgung und ihre
rganisation bietet, die Fülle der gesetzlichen Anordnungen knapp
und für jeden verständlich zu skizzieren.
1. Maßnahmen betreffend die Sicherung der Broter na hrung(Getreide, Mehl). Einige Zahlen beleuch⸗ ten die Lage auf diesem Gebiete; der Roggenertrag 1912/13 betrug rund 11.9 Millionen Tonnen, davon für den Konsum vexfügbax 8,1 Millionen Tonnen. Diese Menge überstieg unseren Bedarf,
so daß wir einen Ausfuhrüberschuß von 0,53 Millionen Tonnen
hatten. Anders liegt die Sache bei Weizen: einer Erzeugung von 4,5 Millionen Tonnen 1912/13, wovon 3,75 Millionen für menschlichen Konsum freistehen, steht ein Einfuhrüberschuß von 1,99 Millionen Tonnen gegenüber. Dieses Minus kann durch Sperrung der Roggenausfuhr nicht behoben werden; es bleibt noch ein relativ beträchtlicher Ausfall an Brotgetreide, wenn die aus⸗ ländische Zufuhr unterbunden ist. 0
An diesen Tatsachenzusammenhang knüpft die Regelung unserer Brotgetreideversorgung an: die beiden nächstliegenden korrelaten Maßnahmen Aus fuhrverbote(31. Juli 1914) und Ein⸗ fuhrerleichterungen(4. August) wurden ohne Verzug er⸗ griffen; als ergänzende Maßnahmen traten herzu am 24. Oktober 1915 die Einführung von Ausnahmetar ifen zu Zwecken der besseren und billigeren Verteilung der vorhandenen Getreide⸗ vorräte über das Inland, beziehungsweise der Erleichterung der Zufuhr von den Grenzen her. Einer von vielen Seiten befür⸗ worteten Anregung, die Verwendung von Roggen zur Branntwein⸗ produltion zu verbieten, wurde nicht stattgegeben, weil dadurch doch nur ein geringer Prozentsatz(2¼% der Ernte) erspart werde. Nur so weit die Kürzung des Durchschnittsbrandes die Produktion der Kornbrennereien einschränkte, wurde Roggen für den Konsum reser⸗ viert(0,16 Millionen Tonnen). Weit wichtiger war das Verbot,
„Brotgetreide und Mehl als Futtermittel an das Vieh zu
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versetzt sein. Mit diesen Maßnahmen war f. teil des Brotgetreidegusfalles ersetzt. Freilich fir die absolute
verfüttern, denn hier handelte es sich um bedeutende Mengen: ungefähr ein Viertel der deutschen Roggenernte und ein Zehntel der Weizenernte fiel 1912/13 dieser Verwendung anheim. An diese Maßnahmen schlossen sich solche zur Streckung des Ge⸗ treides. Eine Steigerung der für den Konsum freistehenden . wurde erstrebt durch die Bestimmung, schärfer Nenn 72 5 Verfügung 995 59 Oktober 1914 sollte
au rozent, zen qu E ausgemahlen werden. Nur für besondere Verwendung konnte ae e in feinerer Ausmahlung durch die Landesbehörden gestattet werden. Unter demselben Datum erging eine weitere Maßnahme zur
Streckung der Vorräte. Allem Weizenbrot muß mindestens 10 Pro⸗
zent gioggenmehl zugesetzt werden, alles Roggenbrot muß mit minde⸗
stens 5 Prozent Kartoffelflocken, Walzmehl oder Stärkemehl,
201 bezw. mit mindestens 20 Prozent gequetschten oder geriebenen Kartoffeln bedeuten
Sicherung genügten die bisherigen Maßnahmen noch nicht; solange
eine genaue fortlaufende llebersicht über den Vorrat und eine
Kontrolle der Verwendung fehlte, war in der Bedarfsversorgung]
ein unbekannter Faktor. Statistische Bestandsaufnah⸗ men waren nötig als Grundlage für eventuelle neue Maßnahmen 8 vom 29. Oktober 1914 über die Bestandsauf⸗ nahme an Brotgetreide und Mehl). Bei all dem aber blieb be⸗ sorgniserregend der hohe Stand der Brotgetreidepreise, verursacht durch den Druck des Verbrauchs und die Ungewißheit der Händler und Produzenten über die lünftige Marktlage. Hier griff die
Regierung ein mit der Festsetzung von Höchstpreisen am
28. Oktober. Diese Höchstpreise wurden später um 5 Mark pro Tonne gesteigert im Anschluß an die sich einbürgernde Handels⸗ gewohnheit, sie als Produzentenhöchstpreise zu betrachten. Eine weitere unwesentliche Aenderung der Höchstpreisnotierung wurde verfügt am 23. Juli 1915.
Es stellte sich bald heraus, daß die Vorräte an Brotgetreide trotz der getroffenen Maßnahmen in bedrohlicher Weise zusammen⸗ schmolzen, teils durch weitere Verfütterung, teils durch Konsum⸗ steigerung. Demgegenüber verschärfte man teilweise die alten Bestimmungen, teils ergänzte man die Politik der kleinen Mit⸗ tel durch ganz neue tiefgreisende Maßregeln. Die Bekanntmachung vom 5. Januar 1915 ordnete eine schärfere Ausmahlung des Brot⸗ getreides an: Weizen bis zu mindestens 80 Prozent und Roggen bis zu mindestens 82 Prozent. Das Verfütterungsverbot wurde nochmals nachdrücklichst wiederholt und weiter ausgedehnt. Unter demselben Datum wurde angeordnet, daß alles Weizenbrot min⸗ destens 30 Prozent Roggenmehlzusatz enthalten muß, das K-Brot wurde zwangsweise eingeführt und 10 Prozent an Kartoffelpro⸗ dukt, bez anderen, Surrogatprodukten(Gerstenmehl, Hafermehl usw.) als Mindestzusatz festgelegt. Eine Reihe kleinerer Maßnah⸗ men wurde erlassen zum gleichen Zweck der Streckung der Vorräte, bezw. der Einschränkung des Konsums(Verbot der Verwendung
der] Reichsverteilungsstelle,
von Mehl für technische Zwecke 22. Dezember 1914, bezw. 18. Fe⸗ bruar 1915).
Die grundlegenden neuen Maßnahmen bestanden in der Uebernahme der Getreidevorräte auf die All⸗ gemeinheit und in der straffen Regelung des Brot⸗ und Mehlkonsums bis zum einzelnen Verbrau⸗ cher(Bekanntmachung vom 25. Januar 1915) Die schwierige Organisationsfrage wurde prinzipiell dahin gelöst: die allgemeine Leitung liegt bei einer zentralen Reichs ver teilungsstelle. Sie hat die Vorräte planmäßig für das Reich umzulegen. Das Herausziehen der Vorräte und die Bearbeitung ist der Kriegs⸗ getreidegefellschaft zu überlassen, die als privates Unter⸗ nehmen nach kaufmännischen Gesichtspunkten geleitet, dazu alle nötigen Voraussetzungen besittt. Als letztes Organisationsglied schließen sich an sie die Kommunalverbände die die effektive Verteilung an die Bäcker und von dort zum Konsumenten in der Hand haben. Grundsätzlich hält man wegen der Einfachheit und der Kostenersparung daran fest, daß Selbstversorgung da statt⸗ haben soll, wo sie ohne Gefährdung der ganzen Aktion und ihres Zweckes statthaben kann. Das ist der Fall betreffs des Eigen⸗ verbrauchs der Landwirte und betreffs des Eigen⸗ verbrauchs der selbstwirtschaftenden Kommunen diese können aus den in ihrem Bereich befindlichen Getreide- und Mehl⸗ vorräten die auf sie entfallende Quote unmittelbar übernehmen. Die Kriegsgetreidegesellschaft bekam ein faktisches Getreide⸗ monopol, am 1. Februar war alles Brotgetreide zu ihren Gunsten beschlagnahmt. Die Reichsverteilungsstelle setzte dann am 9. Februar 1915 den Satz von 225 Gramm Mehl pro Kopf der Bevölkerung fest, mußte aber schon im März diesen Betrag heruntersetzen auf 200 Gramm, freilich bei Rückstellung einer er⸗ heblichen Reserve als Sicherung für alle Fälle. Das Getreide⸗ monopol wurde ergänzt durch das Mehlmonopol, das in Preußen den Kommunalverbänden, in Bayern den Bezirksämtern übertragen wurde, mit dem Recht der Festsetzung von Höchst⸗ preisen. Am 1. Februar unterfiel alles im Bereich der betref⸗ fenden Verbände befindliche Mehl diesen, Ueberschüsse über die im Verhältnis ihrer Bevölkerung ihnen zustehenden Menge hat auf Verlangen die Kriegsgetreidegesellschaft, selbst zu übernehmen, bezw. sich um ihren Verkauf zu bemühen. Die Rechtsform der Aneig⸗ nung der Vorräte war freihändiger Verkauf, bezw. Enteignung auf Grund der Höchstpreisbestimmungen. Es hat sich sehr be⸗ währt, daß die mit den örtlichen Verhältnissen vertrauten Kom⸗ munen die Verteilung an die Bäcker und die Regelung des Kon⸗ sums selbständig überwiesen bekamen. In kleinen Gemeinden und einfachen Verhältnissen bot es wenig Schwierigkeit, daß jeder Konsument nur die ihm zustehende Höchstmenge an Brot oder Mehl erhielt; wo die Verhältnisse komplizierter lagen, ergab sich allgemein als bester Ausweg die Zuweisung sestbestimmter Be⸗ zugsrechte in Form von Brotkarten.. f
Mit diesen Maßnahmen war im wesentlichen die Brotgetreide⸗ politik der Regierung abgeschlossen. Es sind nach manchen tasten⸗ den Versuchen und unvermeidlichen Korrekturen Wege gefunden worden, die klar und übersichtlich sind und ihren Zweck durchaus erfüllen. Ohne Uebertreibung kann man sagen, daß die Regelung der Broternährung mustergültig ist; wirksame Maßnahmen der Versorgung: Ausfuhrverbot, Einfuhrerleichterung, Reservie⸗ rung für den menschlichen Konsum, Streckung; wirksame Maßnah⸗ men der Organisation: Kriegsgetreidegesellschaft und Kom⸗ munalverbände, wirksame Maßnahmen der Dis ponierung: Festsetzung eines Höchstmaßes auf Grund der Bestandsaufnahme, Brotkarte.
Jahresversammlung des Oberhessischen vereins
für Innere Mission. Gießen, den 24. November 1915.
Während die Jahresversammlung im vorigen Jahre des Krie⸗ ges wegen ausfallen mußte, war es dieses Jahr möglich, sie, wenn auch in kleinerem Rahmen, abzuhalten. Sie wurde mit gemeinsamem Gesang und mit einem vom Vorsitzenden Professor D. Schian gesprochenen Gebet eröffnet. Danach begrüßte der Vorsitzende die Anwesenden und erläuterte den Jahresbericht für 1914 und 1915, der gedruckt vorlag. Auf seinen Wunsch wurde er von der Versammlung ermächtigt, dem früheren Vorsitzenden, tirchenrat D. Schlosser⸗ Frankfurt a. M., den Dank für seine dem Verein geleistete langjährige Arbeit aus usprechen. Die Ver⸗ einsarbeit wurde natürlich durch den'ieg stark beeinflußt; der Verein ließ in den Oberhessischen Lazaretten und bei den hessi⸗ schen Regimentern an der Front religiöse Schriften mancherlei Art verteilen. Auch wurden in Gießen und anderen Gemeinden religiöse
Kriegsvorträge gehalten, die sehr gut besucht waren. Hier und da sind kirchliche Gemeindeblätter entstanden, die den Zusammenhang der Feldzugsteilnehmer mit der
matkirche aufrecht erhalten und aus dem Bedürfnis der ersteren hervorgegangen sind. Als Ergänzung zu dem Bericht be⸗ merkte Pfr. Lic. Gombel, daß in Reiskirchen ein Kinderhort entstanden sei, der Aussicht auf Fortbestand habe. Der Vereins⸗ geistliche des Landesvereins für Innere Mission, Pfr. Mem⸗ ment ⸗Darmstadt, berichtete, daß er im Dekanat Grünberg meh⸗ rere Vorträge über Innere Mission gehalten habe. Ueber den Stand der Kasse gab Fabrikant Kñaufmann, hier, Auskunft; es wurde ihm vom Vorsitzenden der Dank des Vereins zum Aus⸗ drucke gebracht. Hierauf hielt Pfarrer Bechtols heimer, hier, den angekündigten Vortrag über die Frage:„Hat die evan⸗
Hei⸗⸗
gelische Kirche in diesem Kriege versa Frage ist von dem bekannten Redner und Laienapostel Johan⸗ nes Müller in Nr. 9 der„christl. Welt“ aufgeworfen und teilweise bejaht worden. Sie gibt viel zu denken und hat zu vielen Erörterungen Anlaß gegeben, die im allgemeinen Müllers ufer⸗ lose Kritik der Kirche zurückweisen und es betonen, daß die evangelische Kirche durch den Krieg zur Gemeindekirche gewor⸗ den sei. Ihnen tritt auch der Vortragende bei. Die christliche Kirche, insonderheit die evangelische, so führte er aus, war immer auf dem
Plan, wenn es galt, in großen Zeiten die geistige Führung des
Volkes zu übernehmen. So entfaltete sie auch jetzt eine reiche
Tätigkeit in Predigt, Seelsorge und Jugendunterricht, um die
göttlichen Wahrheiten den Menschenherzen nahe zu bringen. Die
Gottesdienste gewinnen zusehends an Anziehungskraft, die Lieder
unserer Kirche werden mit Freuden gesungen und gebetet, dienen
zur Stärkung des Glaubens. Auch übt die Kirche eine große Lie⸗
bestätigkeit an den Kämpfern an der Front wie an ihren be⸗
dürftigen Angehörigen. Aus diesen und anderen Gründen lann
die gestellte Frage nach jeder Richtung hin mit gutem Gewissen ver⸗ neint werden.
Die Aussprache über den Vortrag eröffnete der Vorsitzende, indem er auf die freiwillige Arbeit der Inneren Mission hinwies und die subjektive Art der Fragestellung Johs. Müllers ins rechte Licht rückte. Er besprach sodann die Frage des Einflusses der Kirche auf den Kriegswucher, Theater u. a. m. Pfarrer Aus feld hier rügt den Mangel an Lazarettgeistlichen in den hiesigen Lazaretten und wünscht sodann Vertiefung der durch den Krieg hervorgerufe⸗ nen religiösen Bewegungen. Prof. D. Schöll⸗Friedberg will die Frage dahin beantworten, daß die evangelische Kirche mit ihrer Kriegstätigkeit nicht dem Sinne des
Christentums entgegen⸗ gehandelt habe. Pfarrer Lic. Go m
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bel⸗ Reiskirchen hält es für unangebracht, dem in Zeitschriften aufgetauchten Gedanken einer Reichskirche näherzutreten. Pfarrer Schmaltz⸗ Rockenberg wünscht der Kirche mehr Einfluß auf die führenden Stände unseres Volkes. Superintendent D. Petersen⸗Darmstadt preist die stille Pflege der Ewigkeitskräfte durch die Kirche, die der Krieg an den Tag gebracht habe, und die der Ruhm der Kirche bleiben werden. Pfarrassistent Hofmann hier bedauert, daß die organisierte Arbeiterschaft eine ausgesprochene Stellung zur Arbeit der Kirche nicht genommen hat. Pfarxxer Groth-Rödgen wünscht mehr Einfluß der Schule und der 5 Nachdem noch einige andere Redner gesprochen, faßt der Vor⸗ sitzende die ausgesprochenen, Gedanken in einem Schlußwort zu⸗ sammen und spricht die Hoffnung aus, daß die Tagung alle Teilnehmer zum weiteren Nachdenken und fleißigen Arbeiten an⸗
treiben möge. 2 die nach 6 Uhr ihr Ende erreichte,
An die Verhandlung, 1 0 schloß sich, wie üblich, um 8 Uhr ein Abendgottesdienst in der Groth ⸗Rödgen über
Stadtkirche an, in welchem Pfarrer(
Sffenb. 3, 8 predigte. Kirchengesangverein und Chorschule ver⸗
schönten auch diesmal die Feier durch ihre prächtigen Vorträge. 3
Märkte. Marktpreise.
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be- 115 Bingen, 24. Nov. Stück 6 Pfg., Endivien 8-15 Pfg. 50 Pig., Weißkraut 15—50 Pfg., Wirsing 1020 Pfg., Blumenkohl 2560 Pfg., Kohlrabi 5 Pfg., Karotten d. Pfd. 1200 Pig., Lauch das Stück 5—8 Pig, Sellerie 10—15 Pig., Zwiebeln das Pfd. 25.—00 Pfg., Tomaten 1560 Pfg., Birnen 15—00 Pfg., Aepfel 12—00 Pf Butter das Pfund 2,11 Mk., Käse, weich, das Pfund 25 Pfg., Hand⸗ käse das Stück 18 Pfg., Eier das Stück 22 Pfg.
e. Wiesbaden, 24. Nopbr. Viehmarkt. Auftrieb: 128 Rinder(darunter 12 Ochsen, und 116 Kühe), 196 Kälber, 51 Schafe, 138 Schweine. Der gesamte Auftrieb wurde zu gleichen Preisen wie am 22. ds, gehandelt und bei lebhaftem Geschäft wurde schnell der Markt geräumt. ö
Buschsalat das
—.—— Meteorologische Beobachtungen der Station Gießen. 2— 8 2 2 8 2 533 85 1915 5* 8 5„ N 5 24. 25— 2,3 4,9 90—— 10 Bed. Himmel 24. 9p— 2,5 4,887—— 10 15 1. 25. 7—d 1,7 4,8 93— 0 55 5
1915„1 0 1015
öchste Temperatur am 23.— 24. Nov. Niedrigste 23.— 24.
55 5 9
Auch as Llebesgabe im Feide begehrt! im Fesdpostbrief portofres.
Nunst und Wissenschaft.
Goethe über Deutschland⸗ Zukunft. In dieser Zeit der großen weltgeschichtlichen Ereignisse, in der so viele alte und neue Prophezeiungen die Oeffentlichkeit beschäftigen, erscheint für uns Deutsche ein Gespräch Goethes von besonderer Bedeutung, das der Dichter in dem wildbewegten Jahre 1813 mit dem 1847 verstorbenen Jenenser Professor der Geschichte, Heinrich Luden, über die Zukunft Deutschlands führte. Die Unterredung, die in den demnschst erscheinenden Erinnerungen von Heinrich Luden„Goethe über Deutschlands Zukunft“(Verlag Karl Curtius, Berlin] aufgezeichnet ist, fand im November 1813 in Weimar statt. Unter der Einwirkung der damaligen Ereignisse und in Anknüpfung an den von Luden vorgebrachten Plan, zum Heile der deutschen Freiheit eine politische Zeitschrift zu gründen, machte Goethe die folgenden Aeußerungen, die Luden wörtlich niederschrieb:„Die großen Ideen,“ sagte Goethe,„die Ideen von Freiheit, Volk, Vaterland sind in uns; sie sind ein Theil unsers Wesens, und Niemand vermag sie von sich zu werfen. Auch liegt mir Teutsch⸗ land warm am Herzen. Ich halte ihn so fest als Sie, den Glauben an Teutschlands Zukunft. Ja, das teutsche Volk verspricht eine Zukunft und hat eine Zukunst. Das Schicksal der Teutschen ist, mit Napoleon zu reden, noch nicht erfüllt. Hätten sie keine andere Aufgabe zu erfüllen gehabt, als das römische Reich zu zerbrechen und eine neue Welt zu schaffen und zu ordnen, sie würden längst zu Grunde gegangen sein. Da sie aber fortbestanden sind, und in 0 Kraft und Tüchtigkeit, so müssen sie, nach meinem Glauben, eine große Bestimmung haben, eine Bestimmung, welche um
so viel größer sein wird, denn jenes gewaltige Werk der Zerstörung des römischen Reiches und der Gestaltung des Mittel⸗Alters, als ihre Bildung jetzt höher steht. Aber die Zeit, die Gelegenheit uin menschliches Auge nicht vorauszusehen, und mensch⸗
zu e oder herbei zu führen. Uns Ein⸗
0 nur übri Jeden nach seinen
die Bildung des
Volkes zu mehren, zu stärken und durch dasselbe zu verbreiten nach allen Seiten, und wie nach unten, so auch, und vorzugsweise, nach oben, damit es nicht zurück bleibe hinter den anderen? ölkern, sondern wenigstens hierin voraufstehe, damit der Geist nicht ver⸗ kümmere, sondern frisch und heiter bleibe, damit es nicht verzage, nicht kleinmütig werde, sondern fähig bleibe zu jeglicher großen That, wenn der Tag des Ruhmes anbricht.“
— Die Musikim Schützengraben. Ein deutscher Ver⸗ wundeter, Frib Simon, erzählt in der„Neuen Zürcher Zei⸗ tung“ wie innig unseren tapferen Kriegern im Schützengraben die Musik aus Herz gewachsen ist, wie sie ihnen Trost und Unterhaltung spendet und wie sie alles anstellen, um sich ein wenig musikalische Unterhaltung im Schützengraben zu verschaffen. Da ist zunächst die Mundharmonika, im allgemeinen, wie Simon bemerkt, et⸗ was Scheußliches, was einem die ganze Sonntagsstimmung verder⸗ ben kann.„Draußen im Felde habe ich sie lieben gelernt. Die Harmonika ward uns ein unentbehrlicher Kamerad an guten und schlimmen Tagen. Auf dem Marsch straffte sie mit ihrem belebenden Rythmus den Müden die Glieder und spendete uns Erquickung in der trostlosen Oede stumpfsinnigen Dahindämmerns. Im Sckützengraben machten uns ihre einfachen Weisen lustig und heiter. Ihr Klang schien uns süß und einschmeichelnd, eine Erho⸗ lung von der Disharmonie der sinnbetäubenden Explosionen. Dagegen ist die Laute in den Unterständen ein sehr seltener Gast. Es ist bedauerlich, daß man sie dort fast nicht vorfindet. Dies gute altdeutsche Instrument könnte in den Schützengräben des Westens viel Freude und Fröhlichkeit bereiten. Neben der Harmonika spielt das Grammophon eine recht bedeutende Rolle. Daheim ist es ein Schrecken, aber draußen im Feld bietet es viel Unterhaltung. Es macht nicht bloß Mufik— es hat Persönlichkeit, Humor, Witz., Eine ganze Kompagnie kann das Grammophon unterhalten. Das Klavier dagegen ist in den Unterständen nicht in Mode gekom⸗ men, und es ist eine Ausnahme, wenn aus leerstehenden Häusern nebst anderem Hausrate emmal auch ein Klavier zur Ausstattung
graben aber mehrere Musikfreunde zusammenfinden, da versuchen sie wohl auch ein Orchester zu bilden. Simon erzählt von einer solchen Schützen grabenkapelle. Die Melodie führte eine große Ziehharmonika. Eine kurze dicke Tonpfeife, die einst so beliebte Okarina, die man auch häufig in den Gräben zu hören bekommt, verstärkte sie mit ihren spitzen Tönen. Die anderen Instru⸗ mente dienten mehr oder weniger zur Hervorhebung des Rythmus. Sie waren alle draußen ue worden. Ein zum Dreieck gebogenes altes Gasrohr wurde mit einem Holzstab angeschlagen:
das Triangel. 0 Becken. Das Interessanteste von allem war ein Instrument, das
Kirche auf die Jugend.
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d. St., Rotkraut d. St. 20 bis
eines Schützengrabens verwandt worden ist. Wo sich im Schützen⸗ 13
Zwei reguirierte Kochgeschirrdeckel dienten als
zugleich Pauke und Trommel ersetzte, austelle des Glockenspiels 5
Verwendung fand und außerdem noch der Baßgeige nahekommende, aber nach ihrer Höhe nicht genau bestimmbare Töne erzeugen konnte. Dies Unikum bestand aus einem dicken, über meterhohen Holzknüppel, dessen beide Enden ein mit Nieten befestigter Eisen⸗ draht verband. Gewissermaßen als Steg hatte man eine große, leere e fest zwischen Draht und Stock geklemmt. Am Kopfe des Knüppels waren mehrere Blechdeckel von Guttalindosen mit Nägeln eingeschlagen, die lustig klapperten, wenn man das
Holz auf den Boden stieß: Glockenspiel und Pauke. Als Fiedel⸗ bogen diente ein mit zahlreichen Einkerbungen dünner Holzstab/ Schlug man mit diesem Stab lebhaft auf den genannten Draht,
so klang es wie ein Trommelwirbel; strich man sanft über ihn her, so summte und brummte es wohlgefällig, wie ein Kontrabaß. Das war unsere Schützengrabenkapelle.“
3. Darmstadt, 25. Noy. Das Leipziger Schauspiel⸗ haus hatte mit Niebergalls köstlichem„Datterich“ einen erfreulichen Erfolg. Besonders bemerkenswert war auch die histo⸗ rische Gewandung: man spielte vor Kulissen von anno dazumal, vor Kulissen mit aufgemalten Fenstern und Schränken und auf ver⸗ kleinerter Bühne.


