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und nehmen nicht an, daß 5 Wieder lächelte er eigenartig, als sei er darüber besser unterrichtet.
8 a 5 g N Zweites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwlrtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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165. Jahrgang
jeßener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Mittwoch, 24. November 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrift-
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichtem Anzeiger Gießen.
Englands entlarotes Falschspiel. Eine interessante Unterredung aus dem Jahre 1912.
Aus Darmstadt wird uns geschrieben:
Anläßlich der jüngsten hessischen Kammerverhandlungen, zu denen auch der Abgeordnete Finger ⸗Pfeddersheim aus der Front nach Darmstadt beurlaubt war, erzählte dieser in Abgeord⸗ netenkreisen folgendes Erlebnis, das die, frühzeitigen Vorherei⸗ tungen der Engländer zu dem jetzigen Weltkrieg in grellster Weise beleuchtet: 5 5 5
Im Sommer 1912 befand ich mich mit meiner Familie in Ostende. Im dortigen Hotel wohnte auch ein sehr reservierter Herr im Alter von etwa 35 Jahren, dem Ansehen nach ein.
Deutscher, der mit niemandem verkehrte. Mit dem Portier hörte
ich ihn englisch sprechen. Man sah ihn nicht im Bade, nicht am Strande, noch in den Dünen, nur am Hafen habe ich ihn häufiger getroffen. Er schien einer bestimmten Tätigkeis nachzu⸗ gehen. Ins Hotel kam er nur zu den Mahlzeiten. 5 Eines Tages blieb der Fremde nach Tische im Lesezimmer, wo ich meine Zeitungen zu lesen pflegte. Er redete mich an, indem er sich vorstellte und sagte, er hätte gehört, daß ich deutscher Landwirt wäre; er interessiere sich sehr für die deutsche Land⸗ wirtschaft und bitte mich, mit ihm über einige Fragen, die ihn beschäftigten, zu reden, da ihm an einem sachmännischen Urteil gelegen sei. Ich stellte mich ihm zur Verfügung, und da er in reinem Deutsch gesprochen hatte, sagte ich, der Sprache nach scheine er Deutscher zu sein und zwar Norddeutscher. Er sagte, er sei Engländer, beherrsche aber das Deutsche vollkommen; er habe längere Zeit in Deutschland gelebt und in Berlin studiert, 1. a. Nationalökonomie. Da ich das Interesse, das er an der deutschen Landwirtschaft nahm, kennen zu lernen suchte, kam er mir mit verbindlicher Offenheit entgegen und sagte, er beschäftige sich mit Volkswirtschaft und Volksernährung; er sei Beamter und arbeite im englischen Ministerium. Er fragte nun, ob ich glaube, daß die deutsche Landwirtschaft bei einem Kriege mit Frankreich und Rußland, der ja, wie ich wohl wisse, nicht ausbleiben werde, imstande sei, das Volk zu ernähren. Ich erwiderte:„Ja, voll⸗ kommen“, und er fragte weiter:„Und wenn auch Italien gegen Sie geht?“ Ich antwortete:„Das schadet uns nicht viel. Auf Reis und Orangen können wir verzichten. Volk und Heer werden wir ernähren und das italienische Heer fürchten wir nicht, das halten die Oesterreicher im Schach. Uebrigens ist ja daran gar nicht zu denken, denn die Italiener sind seit Jahrzehnten unsere Bundesgenossen und werden nicht gegen uns gehen.“ Er lächelte mit einer Sicherheit, als wisse er das anders. Dann fragte er: „Und wieists, wenn auch England gegen Sie geht?“ Ein lauernder Blick folgte dieser Frage, die mir allerdings über⸗ raschend kam, als wolle er den Eindruck beobachten, den diese Frage auf mich machen sollte. Jetzt kannte ich das Interesse, das er als englischer Ministerialbeamter für die Leistungsfähig⸗ keit der deutschen Landwirtschaft hatte; die Tage von Algeciras waren noch in frischer Erinnerung und vor genau einem Jahre hatten die Belgier stark gerüstet. Gelassen sagte ich:„Mit England haben wir nichts zu tun; immer haben wir Freundschaft mit England gehalten und oft nachgegeben, wo wir im Rechte waren. Unsere Interessen berühren sich wenig Wir stehen gut mit England wir Krieg mit ihm bekommen.“
Er schien anzunehmen, daß ich einer bestimmten Antwort aus⸗ weichen wolle. Darum sagte er drängend:„Nehmen wir einmal an, Sie bekommen gleichzeitig auch mit England Krieg, was werden Sie da tun?“ Ich antwortete:„Sie werden unsere Häfen blockieren, unsern Handel aufheben.„Und dann müssen Sie verhungern!“ fiel er mir ins Wort. Mit aller Ruhe sagte ich, indem ich ihn scharf ansah:„Nein, Herr, dann werden wir nicht verhungern! Da irren Sie sich in unserer Landwirtschaft gewaltig!“
Der Engländer schien ob dieses Bescheides verblüfft und sagte, da wäre er doch sehr neugierig, zu hören, wie wir uns dann noch helfen könnten, worauf ich erwiderte:„Wir find imstande, unser Volk zu ernähren; bei uns verkauft jeder Landwirt, auch der klei⸗ nere, Getreide. Auf die Weizenzufuhren aus Argentinien müssen wir dann perzichten, aber wir werden Schwarzbrot essen, denn Korn dazu produzieren wir genug, so daß es reicht von einer Ernte zur anderen.“ Nun wollte er wissen, wieso wir genügend Roggen
hervorbringen könnten, worauf ich ihm erklärte:„Ebenschon jetzt reicht in einem mittelguten Jahre unser Korn aus. Aber wir sind imstande, den Ertrag noch zu erhöhen. Wir werden im Kriegsfall auf Bier und Zucker verzichten und dafür Brotfrucht bauen. Das brauchen wir aber nicht einmal. Wir werden den Gerstenbau nur einschränken und dafür mehr Korn bauen, und statt der großen Mengen Zuckerrüben, die teils roh, teils als Zucker ins Aus⸗ land gehen, wieder Korn und Kartoffeln pflanzen. Und dann reicht es sicher von einer Ernte bis zur andern! Wir allein haben Kali in der Welt, unsere Stickstoffabriken sind heute schon lei⸗ stungsfähig und werden es täglich mehr. An Phosphorsäure fehlt es nicht in Deutschland, wir sind also mit Düngemitteln versehen und die können Sie uns nicht abschneiden. Im übrigen sind wir nicht allein, wir haben starke Bundesgenossen in Oesterreich-Un⸗ garn, und vielleicht auch in der Türkei. Glauben Sie nur nicht, daß Sie uns aushungern werden, und wenn das kommt, worauf Sie hindeuten, was gewiß furchtbar wäre, dann werden, Sie un⸗ sere landwirtschaftliche Kraft kennen lernen und sehen, daß Ihre Rechnung falsch war.“ ö
Nun warf er ein:„Und wenn Sie eine Mißernte haben, dann sind Sie verloren!“„Rechnen Sie darauf nicht,“ sagte ich, „Mißernten, wie Sie sie meinen, gibt es bei uns nicht. Brotfrucht wächst bei uns immer; wenn auch mal eine Art nicht voll liefert, so gedeiht das übrige. Bei unserer Bewirtschaftungsweise und un⸗ serer Fruchtfolge, unserer Düngung und unserem Klima kommen wirkliche Mißernten nicht vor. In meiner 40jährigen Praxis habe ich eine solche nicht erlebt; warum sollte sie kommen ausgerechnet in dem Jahre, in dem Sie uns mit Krieg überziehen?“
Der Engländer wurde ernst und nachdenklich, er lachte wenig⸗ stens nicht mehr. Aber er vermachte es anscheinend nicht, sich von seiner Meinung, daß wir einer solchen Abschließung nicht gewach⸗ sen wären, sondern verloren seien, zu trennen, weshalb ich die Unterredung kurz abbrach. Ich redete nicht mehr mit ihm und nach einigen Tagen war er abgereist.
Heute wird der Herr an diese Unterredung denken und seine Meinung geändert haben; er wird haben einsehen müssen, daß seine Rechnung fal sch war. Man muß aus der ganzen Unter⸗ redung die Ueberzeugung gewinnen: Der Plan war schon damals fix und fertig und war offenbar so sehr von seinem Erfolge überzeugt und infolge der Einseitigkeit und mangelnden Kenntnis über die wirkliche Lage der ganzen wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland so in den Gedanken verrannt, daß man sich nicht einmal mehr die Mühe gab, ihn geheim zu halten.
Hindenburg in französischer Beleuchtung. Während man in Deutschland den Persönlichkeiten der gegne⸗ rischen Heerführer in ruhiger Unbefangenheit gerecht zu werden strebt, gefällt man sich in Frankreich darin, die deutschen Feld⸗ herrn in einer Weise herabzusetzen, die an Blödsinn grenzt. Und so wird eine Charakteristik Hindenburgs, die Paul Louis Hervier in der als Organ der Ultrachauvinisten noch aus der Bismarckzeit her berüchtigten„Nouvelle Revue“ entwirft, in Deutschland ungeteilte Heiterkeit erregen. Der gewaltige Russen⸗ schreck erscheint darin nämlich als halbverrücktes Original, das ganze Nachmittage stumm die Pfeife rauchend hinter einer Zeitung im Lindenkaffee zu Hannover saß und allenfalls mit einem gleich⸗ falls zur Disposition gestellten alten Kameraden wortlos eine nie partie spielte. Wie Hervier verrät, war in Hannover allglemein bekannt, daß es nur ein Mittel gebe, den alten Militär„mit den bösartigen Blicken, den die Gassenbuben für schrecklich erklärten“, milder zu stimmen: ihm einen Hund zu schenken oder ihm eine gute Zigarre zu spenden;„denn Hinden⸗ burg hat immer sehr stark geraucht, und das tut er noch jetzt und besonders nachts, wenn er keinen Schlaf finden kann, was häufig vorkommt.“ In Deutschland war diese Eigenheit des Feldmar⸗ schalls bisher unbekannt, aber Hervier schöpft„aus den besten Quellen“ und diese setzen ihn auch in den Stand, seinen Lesern mitzuteilen, daß Hindenburg vor dem Kriege und auch jetzt noch eigentlich ausschließlich unter dem Namen„der Mann von den Seen“ oder„General Dreck“ bekannt ist; der letztere Ausdruck wird besonders in Königsberg gebraucht, wo man den Feldmarschall ganz genau kennen gelernt hat und zwar auch hier als Original. Hindenburg brachte es nämlich fertig, eine Kanone aus den Be⸗ ständen der Garnison Königsberg zu entnehmen und mit dieser an die Masurischen Seen zu kutschieren; er ließ dort ganze Tage
Im deutschen Wilna.
Stolz weht vom Türme des hochaufragenden Schloßberges die Flagge schwarz⸗weiß⸗rot über der alten, blut⸗ und 118 5 etränkten Polenstadt, und auf den 30 Kirchtürmen und Kuppeln, 5 glänzend über die halbkreisförmig umfassenden Berge und Höhen ragen, liegt heller Herbstsonnenschein. In den Straßen aber, sowohl den modernen, gerade angelegten, wie in dem Ge⸗ wirre der altstädtischen Gassen tummelt sich der deutsche Soldat, und er ist scheinbar ein nicht ungern gesehener Gast zwischen den einheimischen Polen und Juden. Denn die Einwohner anderer Nationalitäten sind geflohen. Dafür sind aber viele jüdisch⸗pol⸗ 1 8 Jon an bn Rußlands eingetroffen,
ie„die sonst an Einwohner zählt, soll augen⸗ blicklich 200 000 zählen.. Jedenfalls pulsiert das Leben hier augenblicklich so mächtig, wie in jeder Großstadt Westeuropas. Lange Züge von Proviant⸗ kolonnen, häufig aus 50, 100 kleinen Russenwägelchen, das zottige Pferd unter das hohe Nackenjoch gespannt, ziehen aus und ein und sperren die schmalen Gassen, Reitertrupps traben über das schlechte, holperige Pflaster, und regelrechter Marschtritt klingt zu deut⸗ schem Soldatensange. Autos tuten, und russische Kutscher, im durch
Riemen gehaltenen Kaftan, den niedrigen Lackzylinder auf dem,
Haupte, schreien und schlagen auf ihre Rosse ein. Anm tollsten entwickelt sich das Leben abends, wenn die Bogen⸗ lampen ihr Licht ausstrahlen. Das ist, als wenn die Erde leib⸗
Menschen ausspeit. Das wimmelt
Sonst aber ist alles Notwendige teuer hier. Die Flasche Bier, allerdings fast ¼ Liter enthaltend, kostet 40—50 Pfg., die Tasse Kaffee ebensoviel, Zigarren sind kaum unter 15 Pfg. zu haben, Obst kostet das Pfund 60—80 Pfg., Wurst ist fast gar micht zu haben. Alkoholische Getränke— auch das Bier ist fast alkoholfrei — werden nicht geschänkt. Dafür wird sehr viel Tee, das Glas zu 10—20 Pfg., getrunken..
Die„Chargen“ aber und Offiziere suchen abends nach dem Essen in einem der Hotels, wo man für 2 Mk. ein Stück Fleisch mit Gemüse erhält, das„Caffée Parisienne“, den Treffpunkt der eleganten Wilnager Welt, vergleichbar in bescheidenem Maße mit einem der großen Charlottenburger Kaffees, auf, wo man bei nicht übler slawischer Künstlermusik, bei Bier. Tee und Kuchen in enggedrängter Fülle kameradschaftliche Erinnerungen in Ernst und Frohsinn austauscht. 5
Um 9 Ühr ist für die Mannschaften Zapfenstreich, gegen 10 leert sich der Raum. Um Mitternacht ist überall Schluß. Und wenn man dann, den Kragen hochgeschlagen, in sein Hotel oder das angewiesene Privatquartier durch die engen, eine lange, blut⸗ gefüllte Geschichte umfassenden Straßen schreitet, begegnet einem ab und zu eine marschierende Kolonne, eine Abteilung Geschütze oder lange, schleppende Wagenreihen, die hinausziehen, gen Osten, vielleicht 100 und mehr Kilometer weit in das Land, das jetzt deutsche Heere mit starker Faust halten.
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Angedrucktes aus Schopenhauers Erstlingswerken. In der Deußenschen Schopenhauer⸗Ausgabe wird nach dem Kriege der handschriftliche Nacklaß des Philosophen veröffent⸗ licht werden. Eine interessante Probe von dem, was von dieser Ver⸗ öffentlichung zu erwarten steht, bietet eine Reihe bisher unver⸗ öffentlicher Aufzeichnungen aus Schopenhauers Erstlingsmanufkrip⸗ ten, die wir den Aus hängebogen des Almanachs der Münchener Verleger„Deutsche Bücher 1915“ entnehmen, der nach seiner Ausgabe den Bücherfveunden kostenlos zur Verfügung stehen wird. Sie zeigen, in welchem Maße er schon früh die Kunstform des
Aphorismus beherrschte. Schopenhauer notiert sich: l Wie die schönsten Tonstücke am schwersten zu fassen sind und mur für Geübte, weil sie aus langen Sätzen bestehen und erst nach
lan, Irrgängen den Grundton wiederfinden, so kommen große Geister erst nach großem Zwiespalt, schweren Zweifeln, großen Irrtümern, langen Besinnen und Schwanken ins Gleichgewicht: wie
lange Pervendikel große Halbkeeise beschreiben. Kleine Geister sind bald mit sich und der Welt im Reinen und versteinern: jene aber grünen, leben, 0 78 sich ewig.
Was ist zu wünschen?— Ein Blick, der die Sonne untergehen sieht aus dem Kerker wie aus dem Palast: der ist zu wünschen, und sonst nichts.— Wer möchte ihn?— Alle.— Wer will ihn?— Der Hunderttausendste.
Die Menschen, welche nach einem glücklichen, glänzenden und langen Leben, statt nach einem tugendhaften Leben zu streben, gleichen den törichten Schauspielern, die immer brillante, siegreiche und lange Rollen haben wollen, weil sie nicht einsehen, daß es
lang in das Wasser hineinschießen, um die verschiedenen Grauab kaliber auf ihre Wirkung hin zu prüfen. Damit nicht genug, ließ er das Geschütz mit seiner Bespannung die furchtbarsten Wege machen, um die„Widerstandsfähigkeit des Bodens“ zu er⸗ gründen.„Wenn die Kanone stecken blieb, trieb er die Artilleristen an, sie frei zu machen, während er seine Uhr zog, um über die Zeit unterrichtet zu sein, die ein Geschütz braucht, um eine Panne zu überwinden.“ All diese Versuche wurden angestellt, um„die Festigkeit des Drecks in allen Gegenden der Provinz zu erkunden“ — daher der oben erwähnte Name. Natürlich vereinigen sich in einem solchen Manne wahrhaft molochartige Eigenschaften: er ist grausam, rücksichtslos, dickfellig und habgierig, dabei liebt er die asche. Diese Charakterzüge spiegeln sich in bezeichnenden Anekdoten ab, die Hervier seinen griselnden Lesern nicht vorenthält. In Insterburg hatten die Russen gewaltige Brotvorräte zurück⸗ lassen müssen, und da sie, wie sich der Franzose als echter Kultur⸗ mensch ausdrückt,„leider nicht alles zerstören konnten“, hatten sie diese durch Uebergießen mit Petroleum unbrauchbar gemacht. Hindenburg bestimmte, daß sie zur Ernährung der gefangenen Russen dienen sollten. Ein Adjutant machte ihn darauf auf⸗ merksam, daß das geschmacklos sei.„Geschmacklos,“ erwiderte der Marschall grimmig,„das Brot schmeckt ja nach Petroleum!“ Seine pedantische Rücks ichtslosigkeit wird durch einen Zug aus der Schlacht von Tannenberg erläutert. Hindenburg erwartete da— wieder einmal mit der Uhr in der Hand— die Ankunft eines Fliegers, der ihm über die russischen Stellungen berichten sollte. Der Flieger traf mit zwei Minuten Verspätung ein und der Marschall schickte ihn deshalb in Arrest. Für seine Dickfelligkeit soll eine Anekdote sprechen, die Hervier„einem Offizier“ verdankt. Eines Tages unterhielt man sich an der Tafel des Oberkommandierenden davon, was man alles tue, wenn man nervös sei. Dies und das wurde erwähnt und endlich wurde auch Hindenburg gefragt, was er in derartigen Fällen zu tun pflege.„Ich pfeife!“ gab er zurück. „Ich habe aber Exzellenz noch nie pfeifen hören,“ warf einer der Anwesenden ein, worauf der Feldherr schmunzelnd zurückgab: „Seit Kriegsausbruch bin ich eben nicht mehr nervös!“„Vor dem Ende des Krieges wird Hindenburg wohl noch pfeifen,“ setzt Hervier prophezeiend hinzu. Selbst in Hindenburgs„Habgier“ scheint sich nach den Franzosen seine Originalität nicht zu ver⸗
leugnen. Er läßt nämlich die Schlösser, die er bewohnt hat, nicht
eher verbrennen, als bis er sämtliche Hunde daraus zusammen⸗ getrieben und für sich requiriert hat. Er wählt daraus diejenigen, die ihm gefallen,„und so ist vor einigen Monaten ein ganzer Transport polnischer Doggen vom Hauptquartier Ost nach Hanno⸗
ver abgesandt worden. Ein vertrauter Ordonnanzoffizier beglei⸗
tete die Tiere und war zu der Reise durch einen besonderen, Paß tete die Tiere und war zu der Reise durch einen besonderenr hatte. Das alte Original aus dem Lindenkaffee legt sich auf diese Weise billig eine prächtige Meute an.“ Daß Hindenburg den Alko⸗ hol wie ein Russe liebt, ist für Hervier eine ausgemachte Sache;
der alte Herr ist aber schon zu 1 8 um Trinkgelage gut zu 8
vertragen, er leidet daher an häufigen Gichtanfällen, die ihn dazu
zwingen, seine Schlachten„von einem höchst prosaischen Rollstuhl
aus“ zu leiten. In Deutschland sei man darüber unterrichtet und f
sende ihm ganze Wagenladungen mit Heilmitteln zu. Ueberhaupt zeige Deutschland eine unbegreifliche Verehrung für den Marschall; immerhin gesteht Hervier zum Schlusse zu, daß Hindenburg, wenn auch kein Napoleon, so doch ein fähiger Truppensührer und ein geschickter Stratege sei. 5
Die widerspenstigen Tommys.
Die folgenden, für die„Disziplin“ in der englischen Armee bezeichnenden Geschichten aus dem 118 stammen aus dem Kriegs⸗ tagebuch eines englischen Stabsoffiziers, das auszugsweise von der„Daily Mail“ wiedergegeben wird: l arbeitend in meinem Zelt an der Bahnstrecke vor Armentieres. Ungefähr um 2 Uhr morgens wurde das Zelttuch am Zugang beiseite geschoben, und herein trat ein Soldat, der nach dem
wachthabenden Offizier fragte. Da ich diese Stelle versah, fragte
ich ihn nach seinem Begehren.„Ich möchte nach Rouen, Herr Hauptmann,“ sagte er.„Schön, aber woher kommst Du?“„Ir⸗ gendwoher. Ich bin nämlich Gefangener.“„Gefangener? ist Deine Wachtmannschaft?“„Sie haben sich in Givenchy betrunken und sind dort stecken geblieben. Außerdem haben sie mein Eisen⸗ bahnbillett verloren. Darum, Herr Hauptmann, möchte ich Sie um ein neues Billett bitten. Ich wurde zum Tode verurteilt. Aber hier
nicht darauf ankommt, was vder wie viel sie spielen, sondern wie
sie spielen.
Wie wir von einem Orchester, das sich vorbereitet, eine große schöne Musik zu erheben, nur verworrene Töne, vorübereilende Anklänge, hin und wieder anhebende Tonstücke, die aber nicht vollendet werden, kurz Stückwerk aller Art hören, so im Leben scheinen nur Bruchstücke, schwache Anklänge, unvollendete Anfänge und Probestücke von Glückseligkeit von einem befriedigten, genesenen, in sich reichen Zustande durch, aus dem Gewirre des Ganzen. Wel⸗ ches Stück auch einer im Orchester anhebt, er muß es fallen lassen, es gehört nicht her, es ist das rechte nicht, nicht das große und schöne, das kommen soll.
5 Lesen und Lernen ist das Betreten und Untersuchen der Ober⸗ fläche einer Kugel. Denken das senkrechte Eindringen in ihr Inne⸗ res. Ersteres ist bloß Mittel zu Letzterem. Man reist au Oberfläche der Kugel hin und her, um die Stellen zu suchen, wo man sich einsenken könne. Toren, Pedanten, Schulfüchse meinen, das Herumlaufen auf der Oberfläche sei die Sache, der Zweck:— und in diesem Irrtum ist auch jeder, sobald er zu sich sagt: „Ach, da habe ich, statt weiter zu lesen, in Gedanken gesessen“: „Ach, da habe ich, statt weiter zu lesen, in Gedanken gesessen“:— oder, wenn er sich freut, recht viel gelesen zu haben: denn da hat er sicherlich am wenigsten gedacht.
Jedes Gut will auf seinem eigenen Gebiet errungen sein und Besitzungen auf einem fremden Gebiet geben keine gültigen An⸗ sprüche. Liebe, Schönheit und Jugend werden nur von Liebe, Schönheit und Jugend erworben; durch Geld oder Macht kann man sie nur scheinbar, nicht wirklich, besitzen. Würden und Aemter
im Staat sind mur durch Tauglichkeit für den Staat zu erwerben:
durch hohe Geburt und Gunst kann man sie nur scheinbar, nicht wirklich besitzen. Freundschaft, Liebe und Anhänglichkeit der Men⸗ schen erwirbt man nur durch Freundschaft, Liebe und Anhängichkeit an sie; nicht nur nicht Geld, sondern sogar andere Verdienste, selbs die größten z. B. um Staat, Wissenschaft und Kunst, können hie nicht gelten, selbst wenn die andern sich alle Mühe geben, sie gelten zu lassen: nur scheinbar können sie alsdann, nicht aber wirklich uns jene Güter schenken. So sind Kunstwerke nur für den künst⸗ lerischen Sinn, Bücher nur für Verständige da— und so überall
Um zu wissen, wie viel Glück einer im Leben emofangen kann, darf man nur wissen, wie viel er geben kann.
Schöne Menschen werden ihren Körper am liebsten gar nicht oder so wenig und so leicht als möglich verhüllen: häßliche hin⸗ gegen durch die Kleidung und Schmuck sich aufhelfen wollen. Ebenso wird ein großer und vorzüglicher Geist streben, sich auf die einfachste, faßlichste, deutlichste Weise mitzuteilen. Schrift⸗ steller hingegen, die sich keines sonderlichen Werts und Gehalts ihrer Gedanken bewußt sind, bedienen sich eines schwierigen, krausen und verwickelten Periodenbaus, schleppen lange, ungewöhnliche Worte zusammen, kleiden triviale Gedanken in dunkle Phrasen: wenn man es liest, ist es, als sähe man einen ganz jämmerlichen winzigen, schwindsüchtigen, mißgeschaffenen Menschen in einem prächtigen, barbarischen, reichen, bunten Ornat daherschreiten.
„Eines Nachts saß ich
der


