Ausgabe 
(23.11.1915) 276. Zweites Blatt
Seite
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nr. 26ñ qzͤxeites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗

fragen erscheinen monatlich zwennal.

105. Jahrgang a

9 9 DieSiezener Familienblätter werden dem. Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Üreisblatt für den Ureis Gießen zweimal

General⸗Anzeiger für Oberhessen

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Das Amselfeld.

Wem nicht alle Zeichen trügen, so scheint eine für Europas Geschicke schon einmal weltgeschichtlich gewordene Stätte von neuem in den Brennpunkt der Ereignisse treten zu wollen. Das ist das sagen⸗ und liederberühmte Amselfeld, Kossowo polje, wie es die Serben nennen. Schon dringen von Osten und, nachdem sie den Paßausgang von Katschanik gewonnen haben, auch von Süden die Bulgaren, von Nordost und Norden her aber die deutschen und österreichisch⸗ungarischen Streitkräfte dem weiten Hochtale des Amselfeldes zu. Wer von Mitrowitza nach Uesküb reiste, dessen Blick bot sich das Amselfeld in seiner ganzen Ausdehnung, da es von der Bahn durchquert wird. Diese folgt im Laufe des. Sitnitzaflusses, der sich bei Mitrowitza mit einem anderen, west⸗ licheren Wasserlaufe vereinigt und nach dem Zusammenflusse den nordwärts weiterströmenden, jetzt so viel genannten Ibar bildet. Längs der Sitnitza eilt das Dampfroß zwischen schönen, kühnen waldbedeckten Bergketten nach Süden, bis es die Mündung des von Osten her in den Fluß einströmenden Lab erreicht. Der Lab bildet die nördliche Grenze des eigentlichen Amselfeldes. Das ist eine von vielen Hügeln, niederen Höhenzügen und Geländewellen Furchzogenes Hochtal zwischen Sitnitza, Lab und den Gebirgszügen im Osten und im Süden. 18 Stunden braucht man, um das Amsel⸗ 45 der Länge nach zu durchschreiten und 8, um es zu Pferde zu rchqueren. Das weite Gelände wird vielfach von Gebüschen und Baumgruppen unterbrochen, aus deren Wipfel die hier ungemein zahlreichen Amseln ihre lieblichen Lieder ertönen lassen und daher hat das Blachfeld seinen Namen erhalten. Es ist ein Gebiet von großer Fruchtbarkeit, dessen Reichtum jedoch nicht voll ausge⸗ nutzt wird, denn seit dem St. Veitstage des Jahres 1389, wo die große Schlacht auf dem Amselfelde stattgefunden hat, ruht der Fluch, ruht die Erinnerung des Blutes auf dem Amselfelde, und wie einst die Türken, so scheuen auch die Serben noch bis zum heu⸗ tigen Tage die todgeweihte Stätte. Zwar hat König Peter von e als 1913 das Amfelfeld serbisches Land geworden war, dort mit großer Feierlichkeit eine Entsühnungskirche gegründet, allein die Ereignisse scheinen darauf hinzudeuten, daß das Werk der Entfühnung von der Geschichte noch nicht geschlossen, daß das Amselfeld noch einmal zu historischer Entscheidung bestimmt ist. 5 Das Gedächtnis der großen Schlacht am 15. Juli 1389 ist bis heutigen Tage nicht erloschen. Als damals die christ⸗ liche Ritterschaft unter der Führung des Serbenzaren Lazar der Türkenmacht erlag, da war damit das Geschick des ganzen euro⸗ päischen Südostens entschieden. An diesem Tage wurde dieorien⸗ talische Frage geboren. Wenige Schlachten der Weltgeschichte tra⸗ gen ein so dramatisches Gepräge, wie die Sommerschlacht auf dem Amselfelde. Der Türkensultan Murad wurde in seinem Zelte von dem serbischen Helden Milosch verwundet; er selber aber schlug mit eigener Hand dem gefangenen Serbenzaren den Kopf ab, um bald darauf zleichfalls seine Seele auszuhauchen. So ließen beide Geg⸗ ner auf dem Amselfelde ihr Leben; den Türken aber ward der Sieg zuteil, angeblich weil der Schwiegersohn des Zaren Lazar, Wuk Brankowitsch, Verrat geübt, und mit seinen Rittern das Schlacht⸗ feld verlassen hatte. So erzählt eine der Schlachtensagen von dem Verräter: der verwundete Diener kehrt zur Kaiserin Militza heim und gibt ihr Bericht von den Ereignissen ber Kossowo und erzählt: Du hast nach Wuk Branlowitsch gefragt? Ewiger Fluch über ihn und die ihn gezeuget! Er hat bei Kossowo, den Zaren betrogen und seine 12 000 Ahnpfer verkauft. Bedenke, Frau, er hat diese alle mit sich genommen, 12 000 geharnischte Streiter! Noch heut erinnert auf dem Amselfelde an das große Ereignis des Jahres 1389 das Türbe oder Grabmal des Sultans Murad. Von Pristina aus ist es in fünfviertel Stunden mit Wagen zu erreichen. Es ist eine kleine, von mehreren Gebäuden umgebene Grabmoschee, die ein schlichtes Mausoleum enthält. Auf einge⸗ rahmten Papiertafeln an den Wänden sind der Stammbaum des Sultans, sein Todestag und einige Koransprüche verzeichnet; in der Mitte steht der mit prächtigen Teppichen belegte Sarg und am Kopfende liegt ein gewaltig großer weißer Turban.

Der Hauptort des Amselseldes ist Pristina, dessen Bahnhof allerdings nahezu 11 Klm. westlich von der Stadt liegt. In allen Kämpfen um das Amselfeld hat Pristina eine große Rolle gespielt; es ist eine typisch balkanische Stadt, von einem Dutzend Minaretten überragt. Die alte ehemalige Burg des Serbenkönigs Milutin wurde in der Türkenzeit noch als Regierungsgebäude gebraucht. Auf die Stadt blicken die schönen majestätischen Grenzgebirge des Amselfeldes hernieder; das ganze Land aber ist voll von den Lie⸗

dern und den Sagen, die das Gedächtnis der Kossowoschlacht feiern. Diese Lieder gehören zum schönsten, was die serbische Dichtung aufzuweisen hat in ihnen. klingt der ganze Stolz einer alten kriegerischen Rasse, klingt aber auch die nie endende Trauer über den Verlust der Blüte der serbischen Ritterschaft bis zum heutigen Tage wieder. Der Tag der Amselfeldschlacht ist schon seit Jahren

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Dienstag, 23. November 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗

leitung: 112. Adresse sür Drahtnachrichten⸗ Anzeiger Gießen.

im serbischen Heere mit einer militärischen Feierlichkeit begangen worden, und gerade die Erwerbung dieser geschichtsreichen Stätte im jüngsten Balkankriege hat das Nationalbewußtsein der Serben besonders gehoben und befriedigt. Wer aber kann heute sagen, welche Erinnerungen sich in näherer oder weiterer Zukunft an das Kossowo polje für Serbien knüpfen werden?

Aus Stadt und Cand.

Gießen, 23. November 1915.

Ein Weihnachtswunsch im zweiten Kriegsjahr. Wie das herannahende Weihnachtsfest Ge⸗ legenheit bietet, sich des Roten Kreuzes zu erinnern, zeigt folgendes nachahmenswerte Beispiel: Eine alte 85jährige Dame hat auch dieses Jahr wieder ihre Angehöri⸗ gen gebeten, von den herkömmlichen Weihnachtsgeschenken abzusehen und dem Zentralkomitee der Deutschen Vereine vom Roten Kreuz in Berlin dem Werte der üblichen Gaben entsprechende Geldbeträge auf ihren Namen e inzu⸗ zahlen, die Quittungen darüber aber als Festgeschenk ihr auf den Weihnachtstisch zu legen.

** Stadttheater. mals sei auf die Festvorstellung zu Großherzogs Geburtstag hingewiesen, die eine wohlvorbereitete Aufführung des Laube'schen SchauspielsDie Karlsschüler bringen wird. Unter der Spielleitung von Direktor Stein⸗ goetter sind in Hauptrollen beschäftigt die Herren Hellmuth, Steinhofer, Goll, Theiling, Dworkowski und Eu⸗ Pets sowie die Damen Rubens, Frenzel, Schild und

et

* Oberhessische Verein für innere Mission. Auf die Jahresversammlung des Vereins, die Mittwoch, 24. November, 3 Uhr nachmittags, stattfindet, sei nochmals hin⸗ gewiesen. Das Programm steht im Anzeigenteil dieser Nummer.

* Das Hauptsteueramt hält seine Geschästsräume am kommenden Donnerstag aus Anlaß des Geburtstages des Groß herzogs geschlossen. 8

Zwei Briefe. Bei einer Sammelstelle des Zen⸗ tralkomitees vom Roten Kreuz gehen, so schreibt dieRote⸗ Kreuz⸗Korrespondenz, bisweilen Geldbeträge ein, aus deren Begleitbriefen Opferfreude und Läuterung zu er⸗ kennen ist. So sendet ein Berliner Industrieller den Betrag von 50 Mark mit folgendem Geleitbrief:Gelegentlich eines Jubiläums wurden einer meiner Angestellten zu einer Blu⸗ menspende von Herrn... 50 Mark übersandt. Ich habe mir die Spende in Anbetracht der ernsten Zeit verbeten und über⸗ sende Ihnen beifolgend 50 Mark mit der Bitte, dem genann⸗ ten Herrn den Empfang zu bestätigen. Auch der zweite Brief bedarf keiner Erklärung; er läßt erkennen, wie die große, harte Gegenwart doch läuternd wirkt:In der Zeit von 1895 bis 1897 hatte ich in einem Keller eines Hauses zu.. Kanalarbeit(Hausanschluß) ausgeführt. Bei dieser Gelegenheit hatte ich von den in demselben Keller stehenden Getränken eine Flasche Likör entwendet Preis ungefähr 3 Mark und den Inhalt mit meinen Mitarbeitern aus⸗ getrunken. Ich bereue, diese Sünde getan zu haben und als Buße, da ich heute nicht mehr weiß, welche Straße es war, noch Hausnummer und Eigentümer ermitteln kann, sende ich das Sühnegeld dem Roten Kreuz zu. Aber auch die Zinsen davon sollen auf meinem Gewissen nicht lasten, indem ich mit aller Herzensliebe heute fünf Mark niederlege.

* Quartiergelder. Die Vergütungen für die im Monat Oktober in Bürgerquartieren untergebrachten Mannschaften des Landsturm⸗Infanterie⸗Ersatz⸗Bataillons 1 Gießen(1. bis 4. Kom⸗ pagnie) werden bezahlt an die Empfangsberechtigten, deren Namen beginnen mit: AK Donnerstag, den 25. November 1915, L8 Freitag, den 26. November 1915 jedesmal von 812 Uhr vor⸗ mittags und 25 Uhr nachmittags. Die Zahlstelle ist im Stadt⸗ haus, Zimmer Nr. 4. Es wird dringend erfucht, die Beträge an genannten Tagen abzuholen.

Kreis Büdingen. N

Büdingen, 22. Nov. Nicht weniger als 31 Gemeinden des Kreises führten der hiesigen Sammel⸗ und Einnahmestelle für Kriegshilfe in selbstloser Weise eine solche Fülle von Obst, Ge⸗ müse, Kartoffeln usw. zu, daß die Stelle kaum imstande war, den Segen zu bergen und zu verarbeiten. Einen großen Erfolg hatte auch die von zahlreichen Schulen vorgenommene Sammlung von Wildfrüchten, namentlich Schlehen und Hage⸗ butten. Neben diesen Gaben, die in erster Linie der Allgemeinheit und den Lazaretten zugute kamen, spendeten die Kreisbewohner auch ihren im Felde stehenden Landsleuten und Heimatstruppen⸗

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teilen große Mengen von Früchten. So übernahm der Obst⸗ und Gartenbauverein des Kreises den Versand von 88 großen Kisten mit Obst⸗ und Gemüsekonferven und 102 Eimern Marmeladen. 5 die Weihnachtskisten wurden ferner bisher 280 Dosen Obst⸗ onserven gespendet. Kein Wunsch, den die Feldgrauen in die Heimat schickten, blieb bis heute unerfüllt..

A Aus dem Kreise Büdingen, 23. Nov. Die Ge⸗ meinde Unter-Widdersheim mit Grund⸗Schwalheim, die zusammen kaum etwas ber 300 Seelen zählen, stifteten eine sogenannte Einheitskiste im Werte von ca. 260 Mk. für die Truppen im Felde als Liebes gabe.

Kohden, 22. Nov. Bahnarbeiter Richard Franz von hier, der bei Kriegsbeginn in einem Infanterie⸗Regiment im zweiten Jahre diente, hat seitdem ununterbrochen bei seinem Regiment gestanden und im Westen und Osten, und zuletzt in Serbien gekämpft. Er erhielt das Eiserne Kreuz 2. Klasse und die hessische Tapferkeitsmedaille; außerdem wurde er zum Unteroffizier befördert. Einem hiesigen Landwirt wurden in der Nacht vom 19. auf den 20, d. Mts. ein größerer Vorrat Aepfel und Birnen aus dem Hauskeller gestohlen. In der Eile hat der Dieb einen halbgefüllten Sack mit Obst im Hofe stehen lassen.

5 Kreis Büdingen.

. Büdingen, 24. Nov. Das Eiserne Kreuz erhielt der Unterzahlmeister Herbert im Res.⸗Inf.⸗Regt. 81.

r Ober⸗-Mockstadt, 22. Nov. Den Heldentod st arb im Westen der Wehrmann Spamer.

Kreis Friedberg. rr⸗ Busbach, 22. Nov. Am Totenfest abends 8 Uhr fand in der Stadtkirche, die sehr stark besetzt war, durch die Ver⸗ einigten Gesang vereine von hier unter Leitung des Mu⸗ siklehrers L. Marguth von Bad⸗Nauheim eine geistliche Musik⸗ aufführung,Der Jüngling zu Nain, Dichtung don Julius Sturm, komponiert von Robert Schwalm, statt. Außer den Gesang⸗ vereinen wirkten mit: Frau J. Vogt(Sopran), Butzbach, Frau Dr. L Schneider(Alt), Butzbach, Herr L. Marguth(Tenor), Bad⸗Nauheim, Herr G. Mörschardt(Baß), Friedberg, Orgel: Herr Lazarettinspektor Bauer.

A Ober⸗ Roßbach, 22. Nov. In der heimatlichen Erde wurde der Musketier Franz, welcher an einer schweren Ver- wundung im Lazarett zu Neuenburg an der Donau verstarb, bestattet.

a Reichelsheim, 22. Nov. Den Heldentod starb der Musketier Schnell im Res.-Inf.⸗Regt. 221.

Hessen⸗Nassau.

Marburg, 22 Nov. In der heutigen gemeinschaftlichen Sitzung der städtischen Körperschaften wurde Altbürgermeister Ge⸗ heimrat Schüler als Kreistagsmitglied wieder⸗ und Bauunternehmer Reissing neugewählt. Letzterer tritt an Stelle des 82 Jahre alten Kaufmanns Bücking, der über 40 Jahre Kreistagsmitglied war. 1 955 Frankfurt a. M., 22. Noy. Beim Spielen mit einem Wolfsspitz trug sich in der Familie eines hiesigen Geschäfts⸗ führers ein schwerer Unfall zu. Der sechsjährige Sohn wurde von dem Tiere derart in den Kopf gebissen, daß die halbe Kopfhaut abgerissen wurde und die Hirnschale bloß lag. Der Schwerverletzte mußte sofort dem Krankenhause zugeführt werden.

Fügen Sie Ihren Sendungen ins Feld 1 Schachtel Jays ächte Sodener Mineral⸗ Pastillen bei. Sie erweisen damit unseren tapferen Kriegern einen

doppelten Dienst.

Erstens sindJays ächte ein vorzüg⸗ liches Mittel gegen alle Erkältungen und zweitens wirken dieselben durst⸗ stillend. Verlangen Sie aber ausdrück⸗ lichFays ächte, weil minderwertige Nachahmungen bestehen.

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Bei Hindenburg. N

Ludwig Ganghofer veröffentlicht in derVossi⸗ schen Zeitung eine Schilderung, aus der wir mit Genehmi⸗ gung des genannten Blattes folgende Stellen wiedergeben: Mein Besuch im Hauptquartier des Marschalls fiel gerade mit der Zeit zusammen, in der zu Berlin derEiserne Hindenburg enthüllt würde. Die Freude über diese volkstümliche Ehrung seines Namens war in seinen Augen zu lesen, obwohl er über die Sache, als man an der Tafel von ihr redete, nicht viel Worte machte. Er sagte lächelnd:Ich besorge, meine gute Frau wird dabei eine unbehagliche Minute haben, wenn sie mir einen Nagel in den Leib klopfen soll.

Jedes Wort, das er spricht, hat die Prägung seiner Eigenart. Auch jede Bewegung. Immer muß ich ihn betrachten. Empfindet man die freundliche, stets mit Ernst und auch immer mit einem Lächeln gemischte Güte seiner Rede, hört man dieses ruhige Hin⸗ rollen seiner langsamen und gewichtigen Stimme, fühlt man die

liebenswürdige, Aufmerksamleit, die er dem Gast an seiner Seite widmet und die er für das Wort jedes anderen hat, und erfährt man von seiner Geduld für all das Vielfache, das suchend oder wünschend zu ihm kommt, so fragt man sich immer wieder: wie ist es möglich, daß ein Mann, der unter seiner Stirne das Ringen einer Welt umfaßt, noch Zeit und Empfänglichkeit hat für alles Minderwichtige, das mit dem Lauf jedes Tages an ihn herantritt?

Daß es so ist, das ist ein Maßstab für seine Art. Die viel⸗ beschäftigte Mittelmäßigkeit muß sich absondern, muß die Ellen⸗ bogen frei behalten, sich immer auf sich selbst besinnen. Je größer ein Mensch ist, um so leichter findet er zwischen aller Fülle seines Wirkens noch Zeit für kleine Höflichkeiten. Diese Wahrheit spürt man dem Marschall gegenüber, und da wird man bescheiden, wenigstens dicht vor seinen Augen. Ich hatte mir, bevor ich zu dieser Mittagstafel kam allerlei Fragen zurechtgelegt, auf die ich gern eine Antwort des Marschalls vernommen hätte. Doch als die kostbare Stunde für mich gekommen war, wurde jede egoistische Neugier stumm in mir, und alles war vergessen, was ich hatte fragen wollen. Was braucht man auch als Deutscher noch viel zu fra⸗ gen, wenn man den Feldmarsckall von Hindenburg im Gespräch sagen bört:Wir machen es. So schnell, wie es die Ungeduldigen haben möchten, kann es nicht immer gehen. Ein Glück, daß der geduldige Verstand daheim in der Maforität ist.

Um 1 Uhr war man zu Tisch gegangen, Punkt 2 Uhr erhob sich der Marschall. Mit der Zeit, in der ich ruhen kann, muß ich spar⸗ lich sein. Am Abend hat die Arbeit oft langen

Atem. Wie der Feldmarschall von Hindenburg häufig nachessen muß, so muß er auch täglich vorschlafen, um ein Wachender in jeder Nachtstunde sein zu können, die eine wichtige Entscheidung von ihm verlangt. 5 5 5

Den ganzen Nachmittag beschäftigte mich der starke und tiefe Eindruck, den die Eigenart seiner Persönlichkeit auf mich gemacht hatte, die herzliche, fast väterliche Wärme seines Wesens und sein kraftvoller, mit Bildern und Gedanken spielender Humor, dessen ruhiger Hammerfall immer die richtige Stelle trifft und lange Er⸗ örterungen überflüssig macht durch ein kurzes, klarstellendes Ur⸗ teil. Ob er von bedeutsamen Dingen oder von einer Nebensächlich⸗ keit der laufenden Stunde spricht, er findet immer einen Aus⸗ druck, der nie an die Sprache eines anderen erinnert, sondern stets sein eigenes Wort ist, voll Wille und Festigkeit in jedem Laut, ein Dokument seines klaren Menschentums. Und dieser ruhmreiche Feldherr, dessen soldatische Erfolge aus Bedacht und Kühnheit quellen, ist in seiner Art, sich unter Menschen zu geben, von einer so einfachen und selbstverständlichen Natürlichkeit, daß sie fast wie ein Widerspruch zum Weltglanz seines Namens berühren könnte. Welch ein stolzes Glück muß das sein: zu wissen, daß man in der wählenden Stunde ein Berufener war und ein Befreier seines Volkes wurde, ein Mithelfer an allem Zukunftswerden seiner Hei⸗ mat! Was war er für uns vor Ausbruch des Krieges? Und was ist er uns heute! Wie ehern und unverrückbar muß eine mensch⸗ liche Natur gefügt sein, um bei so jähem Aufstieg zur Höhe des Ruhmes keinen Wechsel und Wandel in sich selbst zu erfahren! Ein Offizier, der den Marschall kennt aus früheren Zeiten, sagte zu mir:Er ist heute genau so, wie er immer war! Ein Mann der starken Tat ist auch immer ein großer Mensch. Die Unwandel⸗ barkeit in jeder Wesensfaser ist eine angeborene und bleibende Eigenschaft des tiessten Menschentums.

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Dertaube Kurländer. So hieß der am Diens⸗ tag in Leipzig verstorbene Schriftsteller Theodor Hermann Pan⸗ tenius während seiner Berliner Studienzeit, obwohl er nicht im geringsten schwerhörig war. Als er am 30. September 1862 immatrikuliert wurde, war Geheimer Oberkirchenrat Niedner De⸗ kan der theologischen Fakultät, und als Pantenius sich in dessen Wohnung begab, öffnete ihm einkleiner, schmächtiger Mann in einem verschossenen, paletotartigen grauen Rock mit Seitentaschen, ohne Weste, so daß man ein nicht ganz zugeknöpftes Nachthemd sah. Die Füße stecklen in Pantoffeln. Das war der Herr Ober⸗ kirchenrat Niedner. Da er höchst undeutlich und überdies in einem wunderlichen Stil sprach, in dem es fast nur Hauptwörter und

Infinitive gab, so konnte man ihn nur schwer verstehen, und auch nur wenn man ganz in seiner Nähe saß. Man erhielt aber ber der Anmeldung, die beim Professor persönlich erfolgte von ihm einen Platz angewiesen.Nun hatte mir, so erzählt Pantenius, ein älterer Schüler von ihm verraten, daß Niedner immer die ersten zwanzig und auch sonst noch einige gute Plätze nicht der Reihe nach vergab, sondern für seine Lieblinge aufbewahrte. Als

ich mich daher bei ihm meldete, sagte ich lächelnd, ich wäre sehr schwerhörig und müsse um einen guten Platz bitten. Der Alte blinzelte mich lustig an, gab mir einen leidlichen Platz und nannte mich seitdem immer nur den tauben Kurländer. Nun war aber Pantenius im Herbst 1864 in den Ferien in der Hei⸗

bei Niedner meldete, gab der ihm den Platz 80. Pantenius:Den Platz kann ich wirklich nicht annehmen, Herr Geheimrat. Ich höre da keinen Ton. Niedner:Ich habe keinen anderen mehr frei. Warum sind Sie denn erst so spät gekommen? Pantenius erzählt die Ursache seines Fernbleibens, Niedner bietet ihm den Platz 40. Ich kann da nichts hören, Herr Geheimrat, Sie wissen doch daß ich harthörig bin! Niedner(nach längerem Blättern im Büch⸗

der Platz ist immer noch zu weit. Niedner(zornig aufspringend): Ich habe keinen anderen zu vergeben. Wenn Sie diesen icht haben wollen, dann bleiben Sie fort. Adieu. Damit ging er ins Nebenzimmer. Pantenius fühlte, daß Niedner Scherz trieb und

blieb sitzen. Nach einiger Zeit kam Niedner auch wirklich wieder

und sagte:Können Sie denn gar nichts hören? Pantenius: Ich bin stocktaub! Niedner:Na, dann nehmen Sie Platz 7.

Die ersten sechs will ich mir aber doch für die wirklich Tauben

aufbewahren.

Johannes Trojan ist in Rostock am Samstag im Alter von 78 Jahren gestorben. Trojan wurde zuerst be⸗ kannt als Mitarbeiter desKladderadatsch, dessen Redaktion er in der Blütezeit dieses Blattes seit 1862 angehörte und deren Hauptleitung er 1886 übernahm. Seit den 80er Jahren gab er eine große Zahl Gedichtbändchen und Humoresken, auch Kinder⸗ bücher heraus, und auch mehrere Naturschilderungen verdanken wir dem einstigen Mediziner. Trojan war am 14. August 1837 in Danzig geboren, und nachdem er zuerst Medizin, dann Philo⸗ logie studiert hatte, wandte er sich der Literatur zu. Nach seinem Ausscheiden aus der Redaktion desKladderadatsch siedelte er nach Rostock über, wo er seit 1909 als Schriftsteller und ständiger Mitarbeiter großer deutscher Zeitungen lebte. Die Universität

Rostock ernannte ihn zu ihrem Ehrendoktor. *

mat gewesen und verhältnismäßig spät zurückgekehrt. Als er sich

lein):Ich gebe Ihnen Platz 20. Pantenius:Tut mir leid,