dope Blau
0 N zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. 2 Die„Sießener Familienblätter“ werden dem
„Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das
„Kreisblatt für den kreis Gießen“
Kriegsbriefe aus dem Westen. 5 Von unserm Kriegsberichterstatter. (unberechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, verboten.) Großes Hauptquartier, am 15. November. „Ich halte die Stellung!“
Industriearbeiter aus den Spitzensabrilen, Spinnereien, Fär⸗ bereien des Vogtlandes, Bergmänner aus dem Erzgebirge, das ist der Ersatz des sächsischen Reserveregimentes, welcher in der großen Offensive in der Champagne die sogenannte„Balkon⸗ . hat. Diesen schlichten Helden aus der Gegend von Zwickau, Plauen und Schneeberg gebührt ein großer Teil des Dankes, welches das deutsche Vaterland denen schuldet, die in der vordersten Linie den Ansturm der französischen Uebermacht zum Scheitern gebracht haben.
Sie gehören zu den Veteranen der Champagne und haben diesen Teil des Krjegsschauplatzes immer da kennen gelernt, wo es am schlimmsten zuging. In der Frühjahrsoffensibe hatten sich die Franzosen schon die Köpfe an den Schützengräben des Regi⸗ mentes eingestoßen. Damals lernten die kleinen Sachsen, wie ich das Regiment von den Nachbartruppenteilen fast zärtlich habe nennen hören, was es heißt, gegen eine erdrückende Uebermacht durchzuhalten. Und damals erfuhren es die Franzosen an ihren fürchterlichen Verlusten, was es bedeutet, mit diesen Gegnern an⸗ zubinden. Die Entscheidung wurde damals im Nahkampfe mit Handgranaten erfochten.„Seither sind wir leidenschaftliche Ver⸗ ehrer dieser Waffe,“ sagte man mir,„und jeder trachtet darnach, ein Meister in ihrer Handhabung zu werden. Besonders die Stiel⸗ granaten mit Aufschlagszünder, 185 unsere Leute ihrer Form wagen Thorshämmer nennen, sind sehr beliebt und gelten als das beste Verteidigungs⸗ und Angriffsmittel im Nahkampf.“ Im Hand anatenwerfen ist seither ein wahrer Wetteifer entstanden. Die Leute haben sich Sportplätze hinter der Front eingerichtet, wo sie aus eigenem Antriebe Uebungen veranflalten und ihre 3 gegenseitig messen. Sie haben ihr Können jetzt gebrauchen nnen.
Seit langen Monaten hatte das Regiment eine Stellung be⸗
0 zogen, die ihren Namen der„Balkon“ dem Umstande verdankte, daß sie über die anschließenden Nachbarstellungen in die feind⸗
den letzten Wochen hatte man beobachtet, daß der Feind sich mit neuen Batterien in aller Vorsicht einschoß und dann die Batterien einstweilen schweigen ließ. Man wußte genau, daß ein
großer Angriff bevorstand und sah ihm mit Ruhe entgegen, im
ertrauen auf die hervorragende Beschaffenheit der Stellungen
und besonders auf den glänzenden Geist der Truppe, die es mit jeder Uebermacht aufnehmen würde.
Am 22. September, morgens früh um 7 Uhr, begann das Trommelfcuer, wie auch in der Champagne, der Schule dieses größten der modernen Kriegsschrecken, niemals ein entfernt ähn⸗ Iiches erlebt wurde. Zwei, drei und mehr Granaten schlugen in einer Selunde in den Abschmitt ein. Es war Unmmöglich, die Unter⸗ stände zu verlassen und selbst in denen war das Atmen schwer vor Pulverrauch und Erdstaub. Aber die Unterstände hielten und man sagte sich, lange würde der Feind das Trommeln in diesem Tempo
165. Jahrgang
54 Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. 5 R. Lange, Gießen. Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
fragen“ erschemen monatlich zweimal. General⸗Anzeiger
Samstag, 20. November 1015
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S251, Schrist⸗
* leitung: S 112. Adresse für Drahtnachrichten: für Ober e en Anzeiger Gießen.
önnen. Gegen den Abend erwartete man den cann gegen Mann, Leib eses Tages heimzahlen zu das Trommeln nach⸗ folgenden Tag und Einmal nur hatten euer übergegangen, n, die dem Feinde hießung machten.
nicht durchführen k. Angriff und freute sich darauf, dann N gegen Leib, dem am, ohne daß cht an und den über 70 Stunden lang. gesetzt und waren zu Sperrf eitig zahllose Flieger hochginge dem Erfolg d
men vor dem ersten Anl⸗ sen, Schritt für Schritt hauen sie die Saächsen zurück, deren dünne
n d die Kolonnen heulend auseinanderstoben.
elfeuer sogleich und ltenen Steigerung Trommelfeuer“ hat man als Na⸗ hlagen, aber eingesehen, daß die Hier versagt die men jeder Versuch der Schilderung. an dem letzten Tage auf der Stellung gepf von Explosionen z war. Man sah sch sondern nur noch Metallteile vo die das durchgemacht sagen nur:„Es war danken:„Wer das überlebt, haben sie alle bemerkt und als ungetilg genommen aus dem 72stündigen
baren Nahkampfe, der darauf fol einschlugen, waren amerikanische Leben keiner von den Mitkämpfern ve g, wie es begonnen hatte, setzte das Trommelfeuer um als Sperrfeuer hinter die Linie gelegt zu wer⸗ Stellung war nichts mehr zu erkennen. Die Gräben net, daß man nicht einmal
ahnen konnte, die Drahthindernisse weggefe ängst ging keine Fernsprech die Erde versenkt waren, ha
Darauf wurde das Tromm mit einer vorher für unmöglich geh „Maschinengewehr⸗ men dafür vorges
78 ses Wort keinen Begriff gibt.
schliche Sprache, hier versagt Hunderttausend Granaten sollen einem einen Kilometer breiten Abschnitt latzt sein. Kein Fußbreit war mehr da, der nicht rwühlt, mit Splittern gespickt und vollgehäuft hr den weißen Champagneboden, n krepierten Geschossen. Die Leute, haben, können es auch nicht schildern. Sie grausam!“ Jeder hatte den Ge⸗ der hat das große Los gezogen!“ ten Groll mit⸗ Trommelfeuer und dem furchk⸗ gte: die meisten Granaten, die Das wird in seinem
ier nicht me
ihren früheren Verlauf gt, die Unterstände alle leitung mehr; obwohl die tten sie die 28 Zentimeter⸗ ter den zerwühlten und zer⸗ Lebende stecken, ver⸗ missen, wie viele oder auch der Regimentskommandeur, der un⸗ Hin seinem zertrümmerten Unter⸗
icht auf den Erfolg ihres
waren eingeeb
verschüttet. L Drähte tief in Granaten erreicht und zerrissen. Un stampften Schollen mochten vielleich schüttet wie Maulwürfe. Aber niemand konnte wenige das noch waren, erschrockene Oberst Se stand, wußte es nicht. 0 Die Franzosen aber verließen sich nich Trommelfeuers, sondern machten, um g einen Gasangriff. Die Luft füllte Brom, und die Schleimhäute der Nase ders der Augen wurden schmerzhaft Nadeln hineinstäche. Aber unsere Gas Trommelfeuer schien del lösung, denn sie wußten, Und sie kamen, kamen an wie die über die Maas an den Rhein un Berlin antreten wollen. Stock gestützt, dann Zuaven m gegliederten Wellen, dahinter dichte, Widerstand kamen sie gemächlich üb Verschüttete, die sie gefangen nahmen epäck, und drangen, in der M . Wäldchen vor, in dem mit dem Nebel des Tages vermischte Zwischen den Bäumen tauchten Mä mit weißgrauem Lehm und Merg glichen; und diese unheimlichen Gest ihre Thorshämmer und ließen sie in die Rei
anz sicher zu gehen, noch „es roch nach bes Gaumens und beson⸗ sritzt, wie wenn man mit sken bewährten sich voll⸗ t Leuten der Gasangriff num endlich kommen sie. Sieger, die nun endlich den d von da den Spaziergang ran em dicker Major, auf einen, Tiralleurs, in mehreren tief unabsehbare Kolonnen. Ohne er die erste Stellung, fanden l, erbeuteten herrenlose Waffen ug, durchgebrochen zu sein, sich die dicken Gasschwaden n. Aber da stockte der Zug. nner auf, die über und über el bedeckt, eher Erdkobolden Hurra, schwangen
ich mit Nebel,
auf. Nach dem fast wie eine Er!
Stanislaus Cauers Hindenburg und Ludendorffbüsten.
Wie der Bildhauer die beiden Feldherren sieht. 5 Von Dr. Paul Landau. Der bekannte Königsberger Bildhauer Prof. Stanislaus Cauer
hat als erster das Glück gehabt, die beiden großen Feldherrngestalten des Oftheeres, Hindenburg und seinen Generalstabschef Ludendorff im Stein lebendig zu machen“, wie Dannecker einst von seiner Schillerbüste sagte. Viel eher als der„Schnauz“ ist es die riesige Gestalt des Generalfeldmarschalls von 1,85 Meter, die ihm das Martialische, Gewaltige verleiht und zu einem Vergleich mit dem„Kriegsgott“ herausgefordert hat. Dieser Hüne mit seiner ganz aufrechten Haltung scheint aus seinen tiefen Augen über die Menschlein unter ihm hinwegzusehen als einer, der, dem Himmel näher als die anderen, andre höhere Dinge schaut. Wenn er aber zu jemandem spricht, dann bückt er sich, wie große Menschen
tun, unwillkürlich zu ihm herunter, schiebt seine herkulischen Schul⸗ tern etwas vor und dadurch erhält seine hoheitsvolle, im edelsten Sinne militärische Haltung zugleich etwas Gütiges, Freundliches. Cauer hat diese straff⸗stramme und doch dabei vorgebückte Stellung sehr fein angedeutet, indem er mehr vom Oberkörper gab, als bei Büsten sonst üblich ist, durch eine schmalere, eher rechteckige
als guadratische Form der Figur aber alles Massige nahm und ihr eine feine Gliederung verlieh. So ist schon im Umriß diese seltene
Mischung von Kraft und Zartheit, von unbeugsamem Willen und
weicher Menschlichkeit angedeutet, die die Wesenheit des Feld⸗
marschalls ausmacht. 5 12 „Vom Groben ins Feine“— das ist der Weg, den der Bild⸗ bauer bei der Gestaltung dieses Kopfes gegangen ist und den auch der Blick des unbefangenen Betrachters geht. Die breiten Wangen⸗ flächen, die eckige Form des Kopfes, die durch das kurzgeschnitkene hochstehende graumelierte Haar verstärkt wird, die von vorn breit und lurz wirkende Nase— all das gibt dem Gesicht auf den ersten Blick wohl etwas Schweres, wozu die Unbeqpeglichkeit dieser in leisen Nüancen sprechenden Zügen beiträgt. Aber im Profil be⸗ trachtet, hat der derbe feste Schädel etwas überraschend Zartes, Feingliedriges. Die leicht gebogene, nun fast schmal erscheinende Nase hat einen äußerst vornehmen Schnitt. Die dicken, aber sehr sein modellierten Backenknochen sprechen nicht mit, so daß der Kopf geradezu lang und elegant bei aller Eckigkeit ist. Der Mund ist klein und zartlinig, meist unbewegt, wie überhaupt das ganze bedächtige ernste Gesicht. Nur manchmal ein kaum merkliches Zucken in den N an der Nase, ein leises Heben und Schürzen der Lippen! Das ist, wenn der Schalk, der diesen gewichtigen und emessenen Geist ziert, hervorblitzt und ein, plötzlicher leichter nnr über der langsamen schlichten Rede des Feldmarschalls glänzt. Es ist kein Lachen, kaum ein Lächeln, ein Zug voll liebenswürdigster Freundlichkeit, der dann seinen Mund umspielt. Auf dem selten bewegten, in erhabener Ruhe lebenden Antlitz ist der eigentliche Schauplatz der inneren seelischen Vorgänge die Stirn mit ihren starken Linien und markanten Falten. Aus den sest gestrafften, in intensiver Geistesarbeit gespannten Furchen über asenwurzel springt uns der Ausdruck eines ehernen Willens, ühef schlossenheit entgegen, und auf den ungewöhnlich hr die Brauen so majestätisch, daß man en und Senken die Erde erschüttern
f ihr steht am meisten eingegraben und von der übermenschlichen Kraft, die seine cht nur eherne Wucht des Wollens, und menschliche Wärme aus diesen das neben der Weichheit und Zart⸗ n Augen aus, die in tiefen Schatten iegen und doch in ihrer stahlgrauen n Schimmer von bestrickendem
So steht in diesem Antli vor uns, ein Mann ohne Falst harmonisch abgeklärter G Höhen und Tiefen durchmessen. geschwungen. Er verlangte von reien der Generalsuniform
6 ein großer guter echter Meusch ch, dem jede Pose welten eist, der das Leben in seinen sich zur reinen Klarheit empor⸗ dem Meister statt der Sticke⸗ seine lieben alten Gardelitzen am Kragen, aus dem reichen Ordenss chmuck, mit dem er seine Brust bedecken kann, wählte er die vier Ehrenzeichen, legt: den preußischen Orden Pour le zweiter Klasse mit Eichenlaub, die des Schwarzen Adlerordens, die höchste das Eiserne Kreuz erster Klasse, Und der Feldmarschall bat den
auf die er den größten Wert mérite, das Eiserne Preuz Erinnerung an 1870, den Stern Auszeichnung, und darzenter das Ehrenzeichen dieses Krieges. Künstler, diese Einzelheiten recht genau auszuführen.„Die modernen Künstler behandeln diese Vinge oft nur andeutend“, sagte er;„aber wenn so etwas ist, sehen Sie, Herr Professor, das ärgert einen alten indenburgs Büste den Menschen, so zeigt Luden⸗ daten. Es ist das Gesicht des ge⸗ Kommando, der schneidige Ausdrucksform geworden ist. Wie Brust heraus, umrahmt von dem zurückgeschla⸗ fein angedeuteten Militärmantel, jede Muskel großen Augen starr und geradeaus blickend— ist er jeder Zoll ein preußischer General. Die hohe, wundervoll „von der das kurze, glatt anliegende Haar die stark akzentuierte, scharf her⸗ ast etwas Raubvogelartiges hat, lugheit dieses schönen Gesichtes zum hem andern kleinen Zug an dünnen, feinen, engepreßt, fast aufeinander⸗ dieser strengen, zurückhalten⸗ ide versammelt, den der kleine, t verbirgt und in dessen Mund⸗ ines fernen Gewitters 1 weiche, angezogene Kinn Fettansatz erhöhen die klare Schönheit dieses 8 ürde noch mehr hervortreten, könnte die den hellen Teint des rotblonden Typus auch fremdes Blut blauen Augen, Geistesaristokrat, und gehärtet in ch neben Hinden⸗ fen des Unbewußten „Herz und Kopf“, wie „sie gehören nun einmal
nicht ordentlich ten Soldaten.“
erster Linie den So borenen Befehlshabers, dem da Lakonismus zur notwendigen
er so dasteht, die genen, künstlerisch gespannt, mit den
ausgearbeitete Stirn weit zurücktritt, verr er, vorspringende Nase, die im Profile f bringt uns die kühne kühle K. Bewußtsein, das hierin, Moltke erinnert. Etwas Moltkesches messerschärfen Lippen, die fest zusamm gebissen wirken. Der den Züge ist in dem elastischen Mur militärisch gestutzte Schnurrbart nich winkeln es zuckt wie das Wetterleuch. runde, edel geformte Kopf, das kleine,
ät den Denker,
wie in manch 1 haben auch die
Hauptausdruck
mit dem leichten Antlitzes, und sie Plastik auch die Farben geben: Mannes, in dessen so rein gem gemischt ist, und das kalte, die wie dunkle O der hier vor un der Glut eisern dem ahnenden, schauenden, aus den Tie schöpfenden Genie. So stehen sie zusammen Blücher von sich und Gneisenau sagte: zusammen“, nach des Generalfeldmarf *
chem strahlende Feuer der pale funkeln und blitzen. Er ist der s steht, eine Herrscherseele, gestählt zer Selbstzucht, der Verstandesmens
sausen. Der zerwühlte Boden wurde lebendig: Aus verschütteten Löchern krochen, wie das Drachensaatheer der Sage, Männer her⸗ aus, wischten sich die Kreideklumpen aus Nase und Augen und warfen sich mit geschwungenen Handgranaten auf die Franzosen. Im. Wäldchen stand eine mindestens vierfache Uebermacht
wohlausgeruhter, durch reichlichen Alkoholgenuß aufgepeischter Sturmtruppen gegen die schmächtigen Bergleute und Gardinen⸗
wirker, die 72 Stunden im Trommelfeuer unter der Erde gesessen
hatten, halb erstickt, ohne Schlaf und Ruhe, ohne warmes Essen. Und diese kleinen Sachsen, die wie die Rasenden drauf gingen, waren nicht zu bezwingen. Das Wäldchen konnte, obwohl sich ein Teil der Franzosen gut schlug, nicht genommen werden, auch nicht, nachdem sich die dichten Reservekolonnen der Franzosen heranschoben. Aber nun kamen auch die deutschen Bataillons⸗ reserven heran. Ein Handgemenge, fürchterlich, ohne Gnade, kommt in Gang. Einen Augenblick nur, dann weichen die Franzo⸗
Reihen sich durch immer mehr der gespenstigen Erdmänner mit den flackernden Augen verstärken, die dem Grabe entstiegen zu sein scheinen. Die französischen Gefangenen haben mit fast abergläubi⸗
schem Schauer von dem Schrecken berichtet, den ihnen diese Un⸗
heimlichen bereitet haben. S hon handelt es sich nicht mehr um den, Besitz des.. Wäldchens, sondern die Franzosen werden zurückgeschlagen. Bis um 6 Uhr, sieben Stunden lang, wieder⸗ holen die Franzosen ihre Angriffe mit stets neuen Kräften. Aber immer wieder werden sie vertrieben, müssen sogar die Stel⸗
lungen, die sie schon mit großer Geschicklichkeit und Behendigkeit 5
ausgegraben haben, räumen und als es dunkel wird, ist der ganze Balkon wieder in den Händen der Sachsen, und der Feind gibt das Unternehmen auf. 1
Dat trifft bei der Division, durch kühne Stafettenläufer, die im Sperrfeuer von Granattrichter zu Granattrichter wie ge⸗
duckte Katzen springen, die Meldung des Regimentskommandeurs ein:„Ich halte mit meinem Regiment die Stellung, und ich hoffe,
sie weiter zu halten.“. Schon waren die zähen, erzgebirgischen Bergleute daran, ihren Balkon mit Gräben und Unterständen so herzurichten, daß er trotz der im Verlaufe des Sturmes erfolgten zweiseitigen Umklammerung uneinnehmbar blieb, da kam der Befehl, der den müden Helden
bitter klang: Zurück! Die allgemeine Lage machte es unmöglich,
kden vorspringenden Teil länger zu halten. So ging es in die ein paar hundert Meter rückwärts gelegene Reservestellung. Laut⸗ los, verdrossen, gehorchten die Helden dem Befehl. Die Franzosen schossen die ganze Nacht in das verlassene Stellungsstück und merk⸗ ten erst am Morgen, daß es geräumt war.
Bei der Division hat man mir erzählt, daß die Meldung des Obersten:„Ich halte die Stellung“, in einer Stunde poller Sorge u. Ungewißheit wie Sonntagsglockenläuten durch das Zimmer klang.
Was die schlichten Worte bedeutenz welches Lied von Todes⸗ 5 mut und Heldentum sie sind, das wird die spätere Kriegsgeschicht⸗
schreibung dem Volke in der Heimat erzählen. Der Kampf um den Balkon, an dent wie an einem Eckpfeiler deutscher Kraft die wohl vorbereitete französische Champagneoffensive angeprallt und ge⸗ scheitert ist, wird eine Tat von Helden bleiben, die wir Deutschen im Herzen behalten werden, wie die Griechen ihre Männer im Eng⸗ paß von Thermopylä. Und dies ist die Leonidasstrophe in diesem Heldengesang: f Vorn die ausspringende Balkonecke, das war der Schlüssel⸗ punkt, der gehalten werden mußte bis zum letzten Mann ob⸗ schon jeder verloren war, der hier focht. Von da meldete der Offizier „Ich halte die Stellung noch mit 18 Mann!“
Etwas später:„Ich habe noch 12 Mann und hoffe, damit 13 f
die Stellung zu halten.“ l
Und abermals wenig später:„Ich habe noch 8 Mann.“— Das war seine letzte Meldung. Dann fällte auch ihn ein Kopfschuß⸗
Der Geist aber blieb lebendig. Und am Abend, als die große Offensive gescheitert war, da ging statt Siegesgetöses das an den offenen Gräbern so vieler Kameraden nicht aufjubeln konnte, durch die langen Schützengräben der deutschen Westfront das schlichte Gelöbnis:„Wir halten die Stellung.“
W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.
— Hans Heiling in Straßburg. Aus Straßburg im Elsaß wird uns geschrieben: Seit Hans Pfitzner, der bekannte Komponist der„Rose vom Liebesgarten“ und des„Armen Heinrich“, der Straßburger Oper vorsteht, wetden den Freunden des Stadttheaters hin und wieder musikalische Genüsse geboten,
die selbst an namhafteren Bühnen nicht zu finden sind. Die neueste
auserlesene Gabe dieser Art war eine Aufführung des zu Unrecht
fast vergessenen„Hans 9 eiling“ von Heinrich August
Marschner. Pfitzner, in seinem künstlerischen Schaffen selbst der
Romantik zuneigend, hatte das Werk, bevor er es herausstellte,
einer sorgsamen Prüfung unterzogen und mancherlei zurechtge⸗
rückt und beseitigt, sodaß es nun, von allem Staub befreit, in
neuem Glanz erstrahlte. Die Aufführung wirkte mit der Wucht.
eines starken musikalischen Ereignisses. Mit Staunen und Entzücken
vernahm das völlig ausverkaufte Haus die wundersamen Melodien,
die in buntem Wechsel von düsterster Tragik und erdenfernem Spuk
bis zu höchster Leidenschaft und ausgelassenster Lebensfreude die
traurigen Geschicke des um Menschenliebe werbenden Geisterfürsten
begleiten und zu dem Besten zählen, das die romantische Opern⸗ literatur von Wagner hervorgebracht hat. Pfitzner am Dirigenten⸗
pult ging in seiner kongenialen Auslegung jeder Stimmung nach
und riß das Orchester zu wahren Prachtleistungen hin. Den Hei⸗
ling sang und spielte Herr von Mangoff im größten Teil,
tragisch in seinem Leiden und heldenhaft in seinem Aufbäumen
gegen die sein Wesen nicht verstehenden Menschen. Für die Szene
hatte Prof. D aub ner Bilder geschaffen, die das Ganze bedeutsam
umrahmten. Pfitzner wurde mit den Darstellern oft und stürmisch
gerufen. H. S.
— Der zweite Pariser Frieden. Heute vor einem Jahrhundert, am 20. November 1815, wurde der zweite Pariser Frieden geschlossen, der ungleich ungünstiger für die Fran⸗ zosen ausfiel, als der erste vom 30. Mai 1814. Man ging auf die Grenzen von 1790 zurück, und Frankreich mußte die Festungen Philippsburg, Marienburg, Saarlouis und Landau mit dem Lande von der Saar bis zur Lauter, sowie was es von Savoyen behalten hatte, herausgeben. Die geraubten Kunstwerte wurden ohne weiteres zurückgenommen. Für die Kriegskosten der verbünde⸗ wurde Frankreich die Zahlung einer S Franken auferlegt, auch eine besondere lungsfristen und die einstweili die Verwendun Bevoll
6. No
20 zur timmt. 15


