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verlegen, die
Sweites Blatt
Erschein täglich mit Ausnahme des Soluliiags.
Die„Sießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Ureis Sießen“ zioe mal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Sell⸗ ragen“ erschemen monatlich zweunal.
Gießener
General⸗Anzeiger für Oberhessen
165. Jahrgang
inzeiger
Donnerstag, 18. November 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul ·
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: e851, Schrift⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichtem Anzeiger Gießen.
Die Wohnungsfrage in hessen Von Landeswohnungsinspektor Gretzschel. 5 Die Wohnungsfrage it, wie dies natürlich erschien, in der ersten Zeit des Krie zes nicht mehr in der Oeffentlichkeit behandelt worden Trotzdem haben indessen die interessterten Kreise ihre Ent⸗ wicklung weiter verfolgt und sie sind inzwischen auch vorsorg⸗ licherweise in Tätigkeit getreten. Es handelt sich zunächtt um die Frage, ob nach Beendigung des Krieges mit einer Wohnungsnot zu rechnen it. Die Entwicklung wird in den einzelnen Teilen des Reichs voraussicht⸗ lich eine außerordent ich ve schiedene sein. In den wirtschaftlichen Mittelpunkten, also insbe ondere in den Großstädten, und ebenso in den stark mit Industrie durchsetzten Gegenden werden die Ver⸗ hältuisse eine ganz andere Gestalt annehmen als dort, wo die Großstadtbildung in geringerem Grade fortgesch ritten ist und die landwirtschaftliche Bevölkerung noch einen erheblichen Teil der Einwohnerschaft ausmacht.
Hessen gehört zu densenigen Teilen des Reichs, in denen letzteres zutrifft. Eine Wohnungsfrage besteht freilich überall, ihre Formen wech eln und es kann sehr leicht vorkommen, daß in ländlichen und weniger gewerbereichen Landstrichen die Frage dringender ist, als in Gegenden mit starker industrieller Ent⸗ wicklung. So hat auch Hessen heute noch seine Wohnungsfrage. Aber es ist zu beachten, daß Hessen hinsichtlich der letzteren vor den anderen deutschen Bundesstaaten manches voraus hat. Es ist bekannt, daß das Großherzogtum in Bezug auf die Woh⸗ rungsfürsorge sowohl in Deutschland als auch im Auslande als Mufserland gilt, und das mit Recht. Denn in nur wenig anderen Stagten finden wir ähnliche Einrichtungen, die der Pflege des Wohnungswesens gewidmet sind, wie in Hessen. Die Woh⸗ nungsaufsicht wird hier schon seit mehr als 20 Jahren durchgeführt und seit 13 Jahren findet sie Anwendung nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Lande. Die gesamte Organi⸗ saton wird durch die dem Mini erium des Innern unterstehende Landeswohnungsinspektion geleitet und überwacht In anderen Staaten findet man dagegen zum Til kaum schüchterne Ansätze für eine solche an sich wichtige und für das Gesamtwohl segensreiche Einrichtung. Eine andere für das Wohnungswe sen in Hessen bedeutungsvolle Einrichtung it der hessische Zen⸗ tralverein für Errichtung billiger Wohnungen, der vor 15 Jahren auf Veranlassung des Reichstagsabgeordneten Freiherrn v. Hey 5 Herrnsheim in Worms gegründet wurde und dessen Protektor Seine Königliche Hoheit der Großherzog ist. Dem tatkräftigen Eingreifen dieses Vereins ist es gelungen, die gemeinnützige Wohnungsfürsorge in Hessen in weitgehendem Um⸗ fange zu organisieren. Er hat eine große Anzahl gemeinnütziger Bauvpereine ins Leben gerufen, die im Kleinwohnungsbau bereits tüchtiges gelei det haben, er hat es auch verstanden, die Gemeinden und Kreise für die Wohnungsfürsorge zu interessieren, auch hat er u. a durch Schaffung mustergültiger Entwürfe den gesamten Kleinwohnungsbau in günstiger Weise beeinflußt. Ein weiteres Vorbild ist in Hessen geschafsen in der Landeshypotheken⸗ bank. Sie hat ihre hauptsächlichste Aufgabe, Regelung des erst⸗ stelligen Hypothekarkredits, in mustergültiger Weise gelöst. Auch die
Entschuldung des Grundbesitzes durch Einführung regelmäßiger
Tilgung der Darlehensschalden hat sie in bemerkenswerter Weise gefördert Die Bank hat gemäß der Absicht des über ihre Errich⸗ kung erlassenen Gesetzes daran festgehalten, daß alle bei ihr ent⸗ nommenen Oypothesen getilgt werden müssen, und Ausnahmen hiervon nicht zugelassen. Da sie als gemeinnütziges Institut ar⸗
beitet, ist sie in der Lage, den Darlehenssuchern Hypotheken zu
den überhaupt möglichen günstigen Bedingungen 5 verschaffen. Ein ähnliches Inslitut haben nur wenig andere Staaten aufzu⸗ weisen. Zu erwähnen ist noch die Landes versicherungs⸗ anstalt. Unter der umsichtigen Leitung ihres Vorsitzenden Geh Regierungsrat Dr. Dietz hat die Anstalt von jeher eine Reihe wichtiger Wohlfahrtsbestrebungen mit ihren reichen Mitteln unter⸗ stützt, und es ist dies auch hinsichtlich des Kleinwohnungsbaues geschehen. Für die gemeinnützigen Bauvereine in Hessen ist sie chon immer die hauptsächlich e Geldgeberin gewesen. Sie steht in dieser e unter den deutschen Landesversicherungsanstal⸗ ten mit an erster Stelle.
Bei Prüfung der Frage, welche Maßregeln zu ergreifen sind, um einer Wohnungsnol nach dem Kriege in Hessen zu begegnen,
muß natürlich auf diesen Stand der Wohnungsfürsorge Rücksicht genommen werden. Es ist ohne weiteres klar, daß insbesondere der genannte De tralwohnungsverein und die Landeswohnungs⸗ inspeltion die Entwicklung der Wohnungsverhältnisse dauernd vor⸗ vigen und erforderlichenfalls uicht zögern werden, zweckdienliche Maßnahmen zu ergreifen.
Ob und inwieweit in Hessen mit einer Wohnungsnot zu rechnen ist, läßt sich jetzt noch nicht überblicken. Es steht fest, daß dor dem Kriege in einer großen Miihe hessischer Städte und Gemeinden Wohnungsmangel herrschte. War die Bautätig⸗ keit schon während der letzten Jahre vor dem Kriege sehr gering, so hat sie im Kriege fal ganz geruht. Allerdings haben einige Bauvereine auch während des Krieges gebaut, indessen geschah dies nur zur Befriedi fung augenblicklicher dringender Bedürfnisse. Während des Krieges it name t ich von jungen Eheleuten, wenn der Mann zum Heeresdienst eingezogen wurde, manche Wohnung verlassen worden, von denen ein Teil wohl nicht wieder in Be⸗ nutzung genommen werden wird, nämlich in den Fällen, wo der Mann auf dem Felde der Ehre gefallen ist. Gegenüber dieser Mög⸗ lichleit ist andererseits darauf zu verweisen, daß nach dem Kriege wahrscheinlich ein Abwandern der Bevölkerung aus größeren in kleinere Wohnungen in gewissem Grade stattfinden wird. Ferner werden erfah ungsgemäß kurz nach Kriegen viele Ehen geschlossen und es ist auch für die zahlreichen aus Kriegstrauungen hervor⸗ gegangenen Ehen, die nach dem Kriege ebenfalls einen Hausstand gründen, Wohngelegenheit zu schaffen. So kann allerdings mit einiger Sicherheit darauf gerechnet werden, daß nach dem Kriege ein erheblicher Bedarf an Wohnungen und insbesondere an Kleinwohnungen be ehen wird.
Zwei Fangen werden bei Deching dieses Bedarfs eine wichtige Rolle spielen, nämlich die Be schaffung der 2. Hypotheken, und die Verhinderung einer ungesunden Bodenspeku⸗ lation. Was letztere Frage anbelangt, so liegt die Gefahr nahe, daß bei siegreichen Kriegsausgange eine starke Treiberei in den Bodenpreisen stattfindet. Die nach dem Der Kriege gemachten Erfahrungen sind noch in Erinnerung. Da müssen namentlich die Gemeinden auf der Hut sein, denn hier können am besten sie in wirksamer Weide vorbeugen.
Sehr schwierig wird auch die Geldfrage sein, und man kann ruhig sagen, nicht nur hin ichtlich der zweiten, sondern auch in Bezug auf die er den Hypotheken. Die Geldknappheit, die schon vor dem Kriege be and, wird nach demselben kaum geringer sein. Es erwächst hier der Landessypothekenbank eine schwere Aufgabe und auch an die Landesversicherungsanstalt werden erhöhte An⸗ forderungen herantreten, da sicher die gemeinnützige Bautätigkeit einen großen Teil des Bedarfs an Wohnungen zu decken haben. wird. Die Beschaffung zweiter Hypotheken aber wird auf Schwie⸗ rigkeiten swoßsen, deren Ueberwindung die Zusammenarbeit aller Kräfte erfordert. Auch hinsichtlich des Zinsfusses werden sich Erschwernisse heraussellen, denn daß wenigstens für einige Jahre nach dem Kriege der Hypothekenzinsfuß im allgemeinen ein höherer sein wird, wie vorher, kann als sicher angenommen werden. Ein gangbarer Weg muß natürlich gefunden werden. Es wird also Aufgabe der obengenannten Organisationen sein, zu gegebener Zeit mit geeigneten Vorschlägen auf den Plan zu treten und die nötigen Vorarbeiten zu boenden. Gerade der Umssand, daß Hessen, wie schon bemerkt, seit laugem Einrichtungen für eine dem Ge⸗ samtnohl dienliche Regelung des Wohrmungswesens besitzt, wird die eutstehenden schwierigen Aufgaben wesentlich erleichtern.
Neben der Notwendigkeit der Erstellung einer genügenden An⸗ zahl Wohnungen tauchen aber jetzt noch einige andere Fragen auf, die ebenfalls die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit dringend er⸗ fordern. Bekanntlich besteht für kinderreiche Familien auch dann, wenn genügend Wohnungen vorhanden sind, immer in gewissem Sinne eine Wohnungsfrage. Diese Familien sind, soweit sie den weniger bemittelten Kreisen angehören, vielsach nicht in der Lage, eine ausreichende Wohtung zu bezahlen, oder sie be⸗ kommen überhaurt keine Wohnung, weil eben Familien mit vielen Kindern nicht gerne gesehen werden. Wir sind durch den Krieg belehrt worden, wie notwendig wir einen gesunden und kräftigen Nachwuchs brauchen. Daß dieser nicht in überfüllten oder ungesun⸗ den Wohnungen gedeihen kann, bedarf keiner weiteren Ausfüh⸗ rung. Es muß also daffir gesorgt werden, daß gerade diese Fa⸗ milien gute und ausreichende Wohnungen erhalten. Hier tritt ein besonders großes allgemeines Interesse in den Vordergrund, eine Aufgabe, deren Lösung Staat und Gemeinden obliegt.
Ein weiteres Erfordernis ist die Pflege des kleinen Eigenhauses. Dieses ist jetzt schon in Hessen sehr stark oer⸗ treten, aber es muß in noch höherem Maße wie bisher darnach gestrebt werden, auch minderbemittelten Familien den Erwerb eines Cigenheims mit Garten zu ermöglichen. 1
Endlich ist die Frage der Ansiedlung von Kriegs in validen zu erwähnen, eine Frage, die bereits von einem oberhessischen Großindustriellen, der bisher schon auf dem Gebiete der Wohnungsfürsorge prakt sch tälig war, aufgeworfen worden ist. Unter den Kriegsinvaliden wird macher, der vom Lande stammt, gerne die Gelegenheit ergreifen, sich auf dem Lande anzusiedeln und die ihm verbliebene Arbeitskraft durch Bestellung eines eigenen Gartens oder Ackers zu verwerten. Wie diese Frage in ihren Einzelheiten zu lösen ist, wird ebenfalls Gegenstand eingehender Prüfung sein müssen.
Die Wohnungsfrage, die wie nur wenig andere sehr tief in wirtschaftliche und soziale Verhältnisse eingreift, stellt mithin so⸗ wohl noch während des Krieges, als auch nach demselben eine Reihe von Aufgaben, deren Lösung für das Gesamtwohl des Volkes von größter Bedeutung ist.
Koloniale Urlegsziele. Das Kolonialwirtschaftliche Komitee, wirt⸗ schaftlicher Ausschuß der Deutschen Kolonialgesellschaft, hat
in einer Sitzung seines Gesamtvorstandes folgende Ent⸗
schließung gefaßt:
Das Kolonialwirtschaftliche Komitee hält es für unerläßlich, daß unbeschadet der Bestrebungen, die auf eine Sicherung und Er⸗ weiterung der Grundlagen der deutschen Volkswirtschast innerhalb Europas abzielen, eine Ergänzung derselben durch Aus gestal⸗ tung und Vergrößerung des deutschen Kolonial⸗ besitzes durchgesett wird. Es ist mit Bestimmtheit zu erwarten, daß auch in Zukunft sowohl die deutsche Landwirtschaft wie die deutsche Industrie überseeische Rohprödukte, wie Futtermittel, Baumwolle und Wolle Kaffee und Kakao, Kopra, Palmkerne und Palmöl, Erdöl und Sesam, Guttapercha, Kautschuk und Sisal⸗ hanf, tropische Hölzer und Gerbstofse, nutzbare Mineralien usw. in steigendem Maße benötizen werden Zur dauernden Sicherung ihres Bezuges ist die Deckung wen gstens eines ansehnlichen Teiles des deutschen Bedarfes aus eigenen Kolonien unbedingt erforderlich. In gleicher Weise liegt es im Interesse der Lebens⸗ fähigkeit der deutschen Industrie, daß wenigstens für einen Teil ihrer Ausfuhrerzeugnisse deutsche Kolonien einen gesicherten Ab⸗ satzmarkt bieten. Volkswirtschastlich, national und politisch ist es ferner von größter Bedeutung, die, wenn auch zurzeit nur kleinen Scharen deutscher Auswanderer in eigenen Kolo⸗ nien anzusiedeln, damit dem Deutschtum zu erhalten und die Ver⸗ teidigungsfähigkeit der Kolonien zu erhöhen. Als Grundlage der künstigen kolonialen Betätigung muß e werden von dem, was bisher in dreißigjähriger mühevoller Kulturarbeit ge⸗
schaffen worden ist. Daher ist in erster Linie an dem bisherigen Kolonialbesitz festzuhalten. Bei Erwerbung neuer Ko⸗
lonialgebiete ist einerseits ein organischer Anschluß an unsere bis⸗
rungszahl geei tigsten Nohstosfe
Kinder. Von Hans Heinrich Ehrler.
In die benachbarte Stadt kommen manchmal feindliche Flieger, rickten einigen zwecklosen Schaden an und nehmen wohl auch ein Mensckenleben weg. 1 5 a
Aber einmal haben sie auf einem Kirchplatz sieben spielende Knaben getroffen, die jetzt im Friedhof neben einander begraben liegen. Es war damals ein hell belebser Tag, und vom Rand einer weißen Wolke fiel das tödliche Geschoß aus dem Blauen herab. Man konnte über den grausamen Vorgang kaum traurig werden, so leicht gelüftet wars darüber her. Die kleinen Märtyrer hatten dem Vaterland ein freundliches Opfer gebracht.
Wenige Tage später ging ich an dem Kirchplatz vorüber und sah wieder Knaben dort. Gerade an der gleichen Kirchenstaffel, die bei jenem Angriff verletzt wurde: ich zählte, genau waren es wieder sieben. Auch der Himmel trieb lichtes Gewölk. Ich dachte betroffen: Sind es vielleicht die Getöteten? Oder ihre Brüder? und soll wieder gleiches geschehen? l J 5
Die Buben aber spritzten lachend zu einem Fangspiel aus⸗
einander. 0 hatte noch nie so im Sinnbild die heitere Erneuerung des Lebens gesehen; und plötzlich sah ich zum erstenmal klar die
Welt, in der sich das Dasein der Kinder weit von unserer Welt
begibt. 5
Seitdem betrachte ich sie alle wie merfwürdige Fremblinge. Ich spüre es schwerer, daß über uns Alten der Krieg liegt, daß er sich in uns versenkt und vermischt hat, unserem Wissen und unse⸗ rem Gefühl Schicksal werdend. über sie hin fliegt er als ein Wurf Freude bringender Winde.
Nur zwanzig, dreißig schnell vergangene Jahre führen als Brücke von ihnen zu uns, doch sehe ich jetzt eins, muß ich gleichsam eine Reise zu ihm machen. Vorsichtig lerne ich mit ihm sprechen, befragen, an ihm entdecken, die Hand auf seinen Kopf legen;
ehe ich von ihm, weiß ich nicht, ob ich etwas zu freuen oder zu kümmern mitnehme.
Erkenntnis bestürzt die Seele, wie nahe die Zeitalter unberührt nach einander hinlaufen, wie auch jetzt diese höchste Welle der Menschengeschichte neben uns zum Spiel wird. N f
Vorhin, ehe ich dies schrieb, hörte ich drunten Mädchen zum Ringelreihen singen. Ich verstand die Worte nicht, es war etwas
von einem Vater, vom Landsturm und von Polen.
Da kam noch eine Freundin um die Ecke, die dort in jenem Land zur Waise gemacht worden ist, ein Kaufmannstöchterchen, dem die Mutter etwas vornehmer als dorfüblich ein schwarzes Trauerkleid gemacht hat. Das Kind weinte velleicht eben daheim Tränen und ist davon noch schweren Muts. So steh' es eine Weile . aber dann kommt wie aus einem Schleier, schen und st hervor. In zaghaften Schritten, wie auf gefähr⸗
er als ob es eine Würde aufzugeben gälte, unter⸗
nehmen die Füße den Versuch der Annäherung. Die Augen strahlen hin zu dem Platz der Freude. Von dort wird die Freundin gesehen, der Reihen stellt sich und leis betreten rufen Stimmen: „Das Mariele!“
Dann ruft es wieder:„Mariele geh her!“
Die Kleine wird verketteter Hände wie in einen offenen Kranz aufgenommen. Ich höre die Mädchen wieder singen von einem Vater, vom Vandsturm und von Polen. Die Nachricht dorther war vorgestern gekommen.
Doch kürzlich schaute ich einem Elfjährigen zu, der mit einer selbstgefertigten Lanze nach einem Pflock warf. Einer Frage, die ich erst an ihn richten wollte, gab er im voraus die Antwort: „Mein Vater ist bei Ypern gefallen.“
Das sagte er dem Unbekannten. Dann warf er weiter; jeder Wurf saß, daß der Pflock zitterte. Und als er das Eisen eschmeidigen Griffs aus dem mißhandelten Holz zog, bog er achend den Kopf zurück:„Ein Engländer!“
i 555 dachte, der kommt bald an die Schwelle; er kennt schon die Rache. Beim Gehen grüßte mein Mund den ossenbaren Lateinschüler unmillkürlich lateinisch:„Macte puer!“
Er leuchtete heldenhaft, sprang auf mich zu und gab mir fest die Hand. 1
Wie grausam schön ist das, der Vater fällt, daß der Sohn saftiger spüre: Ich lebe!
Frohlockend greifen die jungen Hände nach dem blutigen Ge⸗ heimnis der furchtbaren Geschehnisse As Geschenk fällt ihnen der Krieg zu. Sie sind schon mit ihm fertig, wie mit einem ge⸗ pflügten und eingesäten Acker. 5
Und wenn sie später ihn betrachten und verstehen lernen, ist er ihnen bereits Geschichte.
Nur mehr ein Spiegel. J
Wie seltsam ist das, wir wohnen und atmen mit diesen so weit von uns entrückten Erben unter einem Dach, reden mit ihnen, freuen uns ihrer und nennen sie unser Fleisch und Blut kämpfen und sterben für sie.
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Warschauer Theaterleben im Uriege.
Warschau gilt von je als eine besonders rege Theaterstadt Das hat seine guten Gründe. Da alle anderen Herde des geistigen Lebens von den Russen mehr oder weniger erstickt wurden, so wurde das Theater in Warschau zum wichtigsten Gebiete geistiger und künstlerischer Regungen. Es war eine der wenigen Stellen, wo die Polen das lebendige polnische Wort, wenngleich freilich gedämpft genug, hören konnten. Auch nach dem Ausbruch des Weltkrieges ist das Warschauer Theaterleben keineswegs zum Stillstande ge⸗ langt; es nahm vielmehr, wie ein interessanter Bericht in der zu Wien erscheinenden Wochenschrift„Polen“ hervorhebt, insofern eine ganz merkwürdige Richtung, als die Warschauer Theater im
Kriege während der Russenzeit beinahe ausscil eßlich unter dem Zeichen des Lustspiels standen. Nicht nur, daß man vom alten Lustspielvorrate zehrte— auch die Originalerzeugung der polnischen Lustspielverfasser wuchs in ungewöhnlichem Maße, und
eines dieser Lustspiele„Das Warschauer Mädel und der Krakauer
Junge“, konnte— für Warschau ein unerhörtes Begebnis— 30
Mal hintereinander gespielt werden. Ergänzt wurde der Spielplan
durch eine Reihe von Sensations⸗ und Boulevardstückchen deutsch⸗ fresserischen Charakters, von deren Art allein die Titel schon hin⸗ länglich Kunde geben:„Der Ostmarkenverein“,„Die Preußen“, „Der preußzische Spion“ e tutti quanti. Schli⸗ 5h griff man uch noch zu auswärtigen, bes nders französ schen Stücke i dent chfeind⸗ lichen Gepräges Ein ganz merkwürdiger Zug des Warschauer
Theaterlebens dieser Zeit war der, daß die neuen Thegter wis
die Pilze aus der Erde schossen. Die russischen Behörden förderten die Theatergründungen mit allem Eifer: leichter konnte man eine Theaterkonzession erhalten, als etwa eine Bewilligung
zur Eröffnung eines neuen Lazaretts für verwundete russische Soldaten. Die russische Militärverwaltung wußte, was sie tat; sie wollte die in jener Zeit von den Warschauer Theatern ver⸗
lachheit und Gedankenlosigkeit befördern. Ein„Artisti⸗ heater“, ein„Zeitgemäßes Theater“, ein„Allgemeines
tretene sches
Theater“, ein„Lustiges Thaater“ und noch eine ganze Schaer
anderer solcher Gründungen trat ins Leben und fütterte die mehr als 200 000 Flüchtlinge aus der Provinz, unter denen sich ein gut Teil provinzieller Halbintelligenz befanden mit ihren Auf⸗ führungen. Dazu kam, daß weite Schichten des Warschauer Klein⸗ bürgertums sich die bekannte russische Verschwendungssucht gut zu Nutze gemacht und ihre Kassen brav gefüllt hatten; die halfen dann gleichfalls die Theatersäle füllen. Kurz, während draußen. gleichsam vor den Toren Warschaus, der furchtbarste aller Kriege tobte suchte man sich in den Warschauer Theatern bestens zu amüsieren 5 Aber nun kam der Tag der Wandlung. Als die deutschen Truppen in die alte polnische Königsstadt eingezogen waren, da fiel die Maske, da wandelte sich der Spielplan der Warschauer Thoater binnen kurzem vollständig um. Den Reigen eröffnete das„Polnische Theater“, das am 28. August den„Pater Markus“ von Slowacki, der im Jahre 1843 verfaßt worden ist, 5 ersten Male zur Aufführung brachte. Mit Begeisterung wurde s Werk empfangen und während einer langen Reihe von Vor⸗
stellungen war das Haus bis an die Decke gefüllt. Und nun folgten, 5
Schlag auf Schlag, die Werke der polnischen dramatischen Literatur, die bisher entweder ganz verboten, oder nur unter tiefeingreifenden Streichungen der russischen Zensur aufzuführen gewesen waren. Besondere Begeisterung 9 Wyspianskis„Lied aus dem Jahre 1831“, dessen vollständige fführung jetzt gleichfalls zum ersten Male von der deutschen Verwaltung freigegeben wurde. So ist seit
der deutschen Besetzung im Warschauer Theaterleben ein vollständ.i⸗
er und höchst bezeichnender Umschwung eingetreten: das polnische Theater darf, zum ersten Male seit mehr als wieder frei seine eigene Sprache sprechen.
acht Jahrzehnten 1


