nr. 200 zweltes Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Areis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen zeit⸗ tagen“ erscheimen monallich zweinial.
Gie
165. Jahrgang
jener
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7
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die Front von der Nordsee bis Indien.
Von einem Kenner des Orients wird uns geschrieben:
In einem Mitte vorigen Jahrhunderts in Kalkutta er⸗ schienenen lischen Geschichtswerk des Engländers Carey finden sich erkungen über einen weit zurückliegenden Vorgang, die interessante und lehrreiche ziehungen zu der gegenwärtigen Wendung im Weltkriege aufweisen. Es heißt da in wortgetreuer Wiedergabe:„Ein ungewöhnliches Projekt wurde 1789 von den Franzosen in Erwägung ge⸗ zogen. Es handelte sich um einen Vormarsch durch Aegypten nach Indien, und man hörte, daß eine sehr bedeutende Expedition im Mittelmeer vorbereitet wurde.... In der Zeitung„Le Redakteur“ erschien ein bemerkenswerter Artikel von Barbault Royer, der unter anderem die nachstehenden Bemerkungen enthielt: Nur durch eine absolute Niederwerfung seiner Macht(Englands in Indien) können wir den größten Rivalen zerschmettern.
Solange Britannien den Reichtum Bengals in ee Klauen t, wird jede fremde Macht den verführenden Einfluß einer Bestechungen verspüren. Gibt es ein Mittel, zu ver⸗ hindern, daß die Rupien von Orissa(Münzen in einem Teil von Indien) Könige zum Meineide verführen oder deren Hörige antreiben oder deren hungrige Bataillone unterstützen? Wir müssen alle unsere Anstrengungen ver⸗ einen und einen Schlag auf die Quelle seines Reichtums ausüben. Europa und Asien muß von den gleichen Schlä— en widerhallen. Indien muß durch einen Vorstoß über bas Rote Meer unterworfen werden, und unser Sieg im Osten muß die Hoffnung unseres Feindes endgültig ver⸗ nichten, daß er den Sturz seines Thrones in Europa in jenem Teile der Welt wieder wettmachen könne.“
Glaubt man bei diesen Worten nicht, daß sie jetzt ge⸗ schrieben sind, freilich nicht in einem französischen Blatke? Gilt es nicht noch heute, daß,„solange Britannien den Reichtum Bengals in seinen Klauen hat, jede fremde Macht (man denke an Belgien, Griechenland und Rumänien) den verführenden Einfluß seiner Versprechungen verspüren“ wird? Und deshalb muß„Europa und Asien von den leichen. widerhallen“. Und weil wir jetzt in diese
hase des We 8 treten, deshalb die Sorge Englands, deshalb die mancherlei Friedensstimmen jenseits des Kanals, deshalb aber noch mehr die verzweifelten militärischen An⸗ strengungen, deshalb letzte Versuch, durch die Landung in Saloniki einen Keil zwischen die deutschen Heere und die Türkei, zwischen Oecident und Orient, nämlich Aegypten und Indien, zu treiben, deshalb endlich Kitcheners Orten⸗ tierungsreise nach dem Orient.
Die„Assiociated Preß“ hat zweifellos Recht, wenn sie behauptet, daß die Sorge um Aegypten, dem die neueste türkische Offensive gilt, und die Alarmnachrichten aus Indien, der Grund für die Reise Kitcheners sind, der sich zwar nach dem Balkan begebe, dessen Endziel aber Aegypten und Judien sei. Daß Serbien heute nicht mehr zu retten, der Durchbruch der Mittelmächte zur Türkei nicht mehr zu verhindern ist, gibt die Presse des Vierver⸗ bandes offen zu. So soll denn Kitchener anscheinend die Liquidation des Balkanunternehmens vornehmen, um mit dem verfügbaren Truppenrest England da zu verteidigen, wo es sterblich ist, am Suezkanal und am Ganges.
Enver Pascha hat es offen ausgesprochen, daß das Kriegsziel der Türkei die Wiedereroberung des ihm im Jahre 1882 entrissenen Pharaonenlandes ist, und alle Meldungen aus Aegypten lassen erkennen, daß die 11 bis 12 Millionen Fellahs die Türken als Befreier be rüßen werden. Noch ernster aber als Englands ägyptische itt seine indische Sorge. Die Unruhen in Bombay, in Nagpur, Alla⸗ habed und Mirsapur, die Absetzung des Nazim von Hayder⸗ abad, des treuesten Vasallen Englands, und die Tatsache, daß der einflußreichste Radja, der von Dhagalpur, sich an
die Spitze der Aufstandsbewegung gestellt hat, zeigen, daß
die Gärung in Indien zur Revolution angewachsen ist, daß England somit jetzt zum Kampf auf der Front von der Nord⸗ see bis zum Indischen Ozean gezwungen ist.
Es liegt auf der Hand, daß die Briten Indien zunächst in Aegypten, am Suezkanal zu verteidigen suchen. Denn
Oerrschaft. Von der Türkei über Aegypten ist, seitdem der Scheich ül Islam seine fünf Fetwas über den Oschihad er⸗ lassen hat, durch die mohammedanischen Orden, die, wie der Kadrija, Mandanija, Rachmanija, Maulanija, Rafaja, Saadija und Selamisa, ihren Sitz in Kairo haben, die Kunde vom heiligen Krieg nach Persien, Indien und ed en überall hingetvagen worden, wo der Sultan als hadim ül Quarnaim Scherifian, d. h. als Beschützer der heiligen Ge⸗ setze und als gesetzliches weltliches Oberhaupt aller Koran⸗ gläubigen gilt. Nicht ohne Grund hat man die indischen Trup⸗ pen nach Europa gebracht, wo sie sich nicht nur zur Ehre, sondern zum Nutzen Englands verbluten, denn jeder tote Inder bedeutet einen Ausständischen weniger, während man englische Territorialtruppen in aller Heimlichkeit nach Indien schaffte. Und Kitchener, den„Schlächter von Omdurman“ und den Reorganisator der indischen Armee, zum Schutze des Nilreiches und des Sonnenlandes entsendet. Wird er dieser Aufgabe jetzt noch gewachsen sein, wo nicht nur die 65 Millionen Mohammedaner Indiens in voller Gärung sind, sondern diese sich mit den Hindus zu verständigen be⸗ ginnen und zugleich der Emir von Afghanistan sich mit dem ehrgeizigen Plane trägt, wieder den Thron der Ghasniwiden in Delhi aufzurichten? Als Disraeli im Jahre 1876 die Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien erhob, erklärte er Indien für den Grund- und Eckstein des britischen Welt⸗ reiches. Sollte es jetzt sein Grabstein werden in diesem Weltkriege?
Aus dem Reiche.
Eine amtliche Erklärung zum Erlaß des Ministers v. Lvebell.
Berlin, 14. Nov. WT. Nichtamtlich.) Einer Veröfkent⸗ lichung des„Zeitungsverlags“ folgend,. sich die Presse mit dem Erlaß des Preußischen Ministers des In⸗ nern vom 7. August 1914, der die Versorgung der klei⸗ nen Presse mit Artikeln und Nachrichten versah, die dem Ernst der Stunde Rechnung tragen sollten. Es braucht kaum betont zu werden, daß Erlaß eine reine Kriegs⸗Maßnahme war, getroffen unmittelbar nach Ausbruch der Feindseligkeiten, als sich noch nicht übersehen ließ, in welcher Weise die amtliche Be⸗ richterstattung über die Kriegsereignisse und die dem Kriegsverlauf folgende Entwicklung der auswärtigen Politik geregelt werden. würde. Die Nachrichten⸗ und Artikel⸗Versorgung, die der Kriegs⸗ erlaß vorsah, bezog sich denn auch allein auf militärisch⸗ und aus⸗ wärtig⸗politische Angelegenheiten. Sie betraf lediglich diese allge⸗ meinen nationalen Angelegenheiten, verfolgte Ziele der inneren Politik jedoch in keiner Weise. Der Erlaß wollte eine Garantie schaffen für die Zuverlässigkeit der Nachrich⸗ ten. Er wollte die einmütige Haltung der Nation auch behördlicher⸗ seits stützen und bezog sich deshalb auf die gesamte kleine Presse ohne Unterschied der Parteirichtung, ohne Rücksicht auf die son⸗ stige Stellung der einzelnen Organe zur Regierung. Daß in der Durchführung des Erlasses in einigen Fälllen, besonders in der anfänglich irrtümlichen Auslegung des Rechtes des Belagerungs⸗ zustandes seitens der nachgeordneten Behörden zuweit gegau⸗ gen ist, soll nicht bestritten werden. Der Minister des Innern. erkannte das in einer weiteren Anweisung vom 6. Oktober 1914 ausdrücklich an und schuf sowohl in den ihm zur Kenntnis ge⸗ brachten einzelnen Fällen unberechtigten Eingriffs in die Presse⸗ freiheit wie auch allgemein Abhilfe. Späterhin erwies sich der Kriegserlaß vom 7. August 1914 angesichts der patriotischen Haltung auch der gesamten kleinen Presse und der anderweitig stchergestellten Verbreitung zutreffender Nachrichten als gegenstands⸗ los. Deshalb wurde der Erlaß vom 7. August 1914 ersetzt durch den Erlaß vom 19. April 1915, der sich darauf beschränkt, für die künftige Friedenszeit eine publizistische Vertretung der Ab⸗ sichten und Ansichten der Regierung in den dem Einfluß der Re⸗ ierung zugänglichen Kreisorganen sicherzustellen. Zu diesem Ineck peltte der Minister des Innern einen den Bedürfnissen der kleinen 1 weiteren Maße und durch modernere zeitungs⸗ technischen Mittel entgegenkommenden Korrespondenz⸗Apparat an Stelle der neuen Korrespondenz bereit. Die Art und die Wirkung der auf diesen Zweck beschränkten und sich bezogenen Erlasse wur⸗ den kürzlich klargelegt.
Berlin, 13. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) In der heu⸗ tigen Sitzung des Bundesrats gelangten zur An⸗ nahme: Der Entwurf einer Verordnung über Errichtung einer Verwaltungsstelle für private Schwefelwirtschaft, der Entwurf einer Verordnung über das Verbot der Goldaus⸗ fuhr, der Entwurf einer Verordnung über Einwirkung der Fürsorge für 2 5 von Kriegsteilnehmern auf deren
Unterstützungswohnsitz.
mit diesem Seeweg nach Indien steht und fällt dort seine nnn y dd y d d
Gießener Nonzertverein. Max⸗Reger⸗Abend.
Ein interessanter Abend— interessant durch die Werke, wie durch die Personen, deren Bekakintschaft er uns vermittelte. Zwar Reger ist uns Gießenern nun schon ein alter guter Be⸗ kannter, den wir immer wieder genn kommen sehen; haben wir ihm doch aus den legten Jahren die erhabensten Eindrücke zu ver⸗ danken, unvergeßlich sein Konzert mit Marteau, unvergeßlich seine Orchesterabende mit den„Meinigern“— aber neu die beiden Werke, die er diesmal brachte, neu die Bekanntschaft mit dem alt⸗ berühmten Gewandhaus⸗Quartett, dessen jetzige Zusammensetzung freilich nur noch 1 Julius Klengel das Beiwort al t berühmt führen mag Meister Klengel ist noch immer der alte treffliche Meister. Sonst dünkt uns die Zusammensetzung von Heute nicht so boden⸗ ständig, nicht so gewachsen, wie vordem. Die Herren haben sich wohl mehr zufällig zusammengefunden und bilden noch keine ge⸗ schlossene Einheit, so selbstverständlich e in technischer Hinsicht ihr Spiel war. Die Wiedergabe von thovens Harfen⸗ quartett entbehrte der notwendigen klassischen Größe und innerlichen Stimmung— es mag freilich doppelt schwer sein, zwischen so
ausgesprochen modernen Werken wie denen Reger's einem solchen V
Beethoven gerade in der Stimmung gerecht zu werden. 5
Denn diese beiden Werke Regers sind im höchsten Maße musikalischer Impressionismus, in den ersten Sätzen mit einem eradezu kleidoskopartigen Wechsel an Empfindungen, der keine Ruhe aufkommen läßt. Stimmungen— doch keine rechte Stim⸗ mung. Fast möchte ich sagen, so große, weitausgesponnene Werke vertragen keinen Impressionismus denn da jagt ein Eindruck den andern und was in kurzen kleinen Stücken ein Vorzug ist, das wird den großen zum Nachteil. Deshalb sind in diesen Impressionen Regers die bestgelungenen Sätze die Vivace Sätze, die dahin⸗ huschen wie Visionen und trotz ihrer absoluten Länge wie im Nu vorüber sind. Einheitlichkeit zeigen die Largo⸗Sätze, besonders der des Quartetts Gewiß, großzügig sind die ganzen Werke, be⸗ sonders in dieser Wiedergabe durch den Komponisten selbst; beiden Werken eignet daß sie von Satz zu Satz immer klarer herauswach⸗ en Bei der Violinsonate dünkt mich das Andantino con variazioni jenem ruhelosen Impressionismus schon ganz entrückt.
Wunderbar mar die Leistung des Komponisten am Klavier und in der Führung der Mitwirkenden. Hier mag man nicht von Tech⸗ nik reden, sie kritt ganz zurück, ist fast ganz gleichgültig geworden
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General-Anzeiger für Oberhessen
Montag, 15. November 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brübl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag:e 51, Schrift⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichtem Anzeiger Gießen.
Essen, 13. Nov.(WTB. Ni tamtlich.) Herr 1 von Bohlen und Halbach erhielt ein Telegramm des Kaisers und Königs, in dem es heißt: Minister von Loehell meldete mir den Beschluß der Firma Friedrich Krupp, zugunsten kinderreicher Familien gefallener oder schwer beschädigter Krieger eine Krupp⸗Stiftung von 20 Millionen Mark im Anschluß an die für Hinterbliebene bestehende Nationalstistung zu errichten. Ich danke Ihnen und den Ih sizen auf das wärmste für dieses erneute Zeugnis hochherzi ser und vaterländischer Ge⸗ a sinnung, würdig des großen Namens Trupp, dessen Ruhm als erster Waffenschmied Deutschlands durch das glänzende Vorbild auf den Bahnen sozialer Fürsorge und Opferwi ligkeit verherrlicht wird.(gez.) Wilhelm I. R. 4
An versitäts⸗ Nachrichten. 5 Frankfurt a. M., 13. Nov. Im gegenwärtigen Wintersemester sind an der Untversität Frankfurt bisher 24 Studierende neu immatrikuliert worden. Die Ge samtzahl der immatrikulierten Studierenden beträgt nunmehr 1002, gegen 613 im Winter 1914,15 und 854 im Sommer 1915. Zur Teilnahme an den Vorlesungen sind außerdem für das lausende Semester bis jetzt 45 Gasthörer und 235„Besucher“ zu⸗ gelassen. Namentlich die letzteren Zahlen werden sich noch wesent— lich erhöhen, da die Zulassung als Gasthörer oder Besucher auch jetzt noch erfolgen kann.
Marburg, 14. Nov. In der Aula der Universität fand gestern mittag in üblicher Weise die endgültige Immatriku⸗ lation der Studierenden statt. Der derzeitige Rektor, Professor Dr. Elster, erinnerte in seiner Begrüßungsansprache daran, daß dies berci ls das dritte Kriegssemester sei. Er gedachte anschließend der im Felde stehenden Marburger Studenten und Dozenten, deren Zahl ins gesamt weit über 1000 betrage und bezeichnete es als eine ernste Pflicht der Zurückgebliebenen, sich der ernsten Zeit in jeder Beziehung würdig zu zeigen. Trotz aller Schwierigkeiten sei es ge⸗ lungen, alle Lehrfächer an der Alma mater Philippina aufrecht zu erhalten. Die Damen und Herren(unter letzteren befanden sich auch bereits mit dem Eisernen Kreuz geschmückte Kriegsteilnehmer) traten dann an den Rektortisch heran und nahmen unter Hand⸗ f schlag ihre Matrikel im Empfang. Die Gesamtzahl der Studieren⸗ den, einschließlich der Kriegsteilnehmer, beträgt 1912, außerdem 1 sind noch eine Anzahl Damen und Herren zum Hören der Vor⸗ lesungen zugelassen.
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Gerichtsfaal.
Berlin, 13. Nov.(W. T. B. Nichtamilich. In dem Prozeß
gegen die beiden Gesundbeterinnen Ahrens und Hüs gen
beuntragte der Staatsanwalt gegen die Angeklagten je ein Jahr
Ge ängnis. Nach kurzer Beratung hat der Gerichtshof die An- 0 geklagten dec fahrlässigen Tötung für schuldig erklärt und erkannte
gegen beide auf je sechs Monate Gefängnis. 3
Vriefkasten der Redaktion.
9. X. Sosern das Einkommen aus der Hinterbliebenen⸗ versorgung usw. pro Jahr wenigstens 500 Mk. beträgt, erfolgt in Hessen die Heranziehung zur Einkommensteuer.
Kl. So ern ausländische Ofsiziere im Frieden zur Dienstleistung beim Deutschen Heer oder der Marine kommandiert sind, oder an Manövern und dergl. teilnehmen, sind denselben die 8 gleichen Ehrenbezeugungen zu erweisen, wie den deutschen Oifizieren.
Meteorologlsche Beobachtungen der Slallon Gleßen. 1
3
8. f 3 22 38„ 2 SSS SSS 2 e de e e e ee f 8 S i i A 8 8 8 7— 5 922 S 14. 2%— 51145 69—— 9 Bew. Himmel 14.5— 27 4.9 87—— 9 5* 15.— 0,9 4,1 83—— 3„* ö ö Höchste Temperatur am 13. bis 14. Nov. 1915 6.9˙ C. Miedrigste 1 1,„ ids 21
Delederschlag: 0,1 m 45
Die Aerzte empfehlen 1 ulver Je Asthma-dgariho, Kanter, m. 210
D. R. G. M. No. 26122 und 26617. Erhältlich in d. Apotheken. Lsse8s Apotheker Neumeier, Frankfurt am Main.
über dem Vermögen, solch rasch wechselnde Eindrücke so klar einen vom andern abzuheben und dem Hörer vorzuführen. Was sonst zu einem Chaos entarten müßte, hier ward's Ereignis. Gediegen war das Spiel Wollgandt's in der Sonate und erstaunlich die Sicherheit des Zusammenspiels im Quartett— alles in allem ein interessanter Abend.
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e Venedig im Kriegskleid. Ueber die Veränderung, die das früher so lepensfreudige. strablende Venedig infolge des Krieges durchgemacht hat, schreibt der Italien⸗Berichterstatter des „Journal des Débats“ seinem Blatte:„Es gibt so gut wie gar keine Fremden mehr in Venedig. Der Anblick der früher von Ver⸗ gnügungs⸗ und Kunstreisenden aller Länder lebhaft bevölkerten Plätze ist wie ausgewechselt. Vor den einst so besuchten Palästen, an den Anlegeplätzen der Gondeln, überall ist der Unterschiet zwischen dem Einst und Jetzt zu bemerken. Die Akademie der Schönen Künste, die einst so viele Reisende an sich zog, ist jetzt gesperrt. Die wertvollen Gemälde wurden sämtlich 1 gebracht. Alles, was irgendwie von Wert ist, wurde nach Möglich⸗ keit verborgen. So ist Venedig heute für den Beschauer seines größten Schmuckes beraubt. Auf den Lagunen ist der Verkehr der ergnügungsgondeln und Motorboote völlig ins Stocken geraten. Bei Nacht bietet Venedig denselben Aublick wie alle Städte Italiens, die in der Kriegszone liegen. Das Platzkommando hat den folgenden Befehl ausgegeben:„Von 7 Uhr abends an muß in allen Teilen der Stadt und der Umgebung vollkommene Dunkel⸗ En herrschen. Wer dieser Vorschrift nicht aufs äußerste nach⸗
mmt, wird streng bestraft.“ Sowie der Abend herabsinkt, muß alles, Straßen, Plätze, Lagunen und Kanäle, in durch nichts unterbrochene Dunkelheit getaucht sein. Dann bietet sich ein Gegen⸗ laß von seltsamer Wirkung dar: in den Kaffee⸗ und Gasthäusern, eren Fenster dicht verhängt sind, ist alles wie üblich erleuchtet; tritt man aber— durch drei bis vier Reihen dicker Stoffvor⸗ hänge, die vor der Türe angebracht sind— auf die Straße, so fin⸗ det man sich mit einem hlage in stockdunkler Nacht. Die Männer und Frauen irren wie düstere, gleitende Schattengestalten umher. Nur alle 200 Meter deutet ein etwas hellerer Punkt eine ver⸗ schleierte, in einem verborgenen Winkel stehende trübe Gas⸗ laterne an. In dieser seltsam anmutenden Finsternis wirkt der Schimmer der Sterne und der bleiche Schein des Mondes doppelt
so stark als öhnlich. Zitternd spiegelt die Mondscheibe sich auf den stillen Hassern der vereinsamten Kanäle. Es gibt weder die
N r e r.. einst so beliebten Serenaden mit Mandolinengezirpe und alten Liedern auf dem Canale grande, noch sonst Musik oder vernehm⸗ barere Laute. Nur selten unterbricht der charakteristische Ruf eines Gondelführers vorsichtig und gedämpft die todesartige Stille, die über der Stadt ausgebreitet ist...“
Die erste Doktorpromotion in norwe⸗ gischer Bauernsprache. Ueber den Kampf, den die nor⸗ wegische Bauern⸗ und Volkssprache, das sogenannte„Landsmaal“, mit der alten, aus dem Dänischen entstandenen und im wesent⸗ lichen 1155 noch heute mit ihm deckenden„Reichssprache“(riksm um völlige Gleichberechtigung schon seit Jahrzehnten Juhrt, ist in der deutschen Presse wiederholt berichtet worden. Dank der Unterstützung der Volksvertretung und der Regierung haben die Vertreter des Landsmoal einen Erfolg nach dem anderen er⸗ 1 rungen; der Unterricht in dieser Sprache gehört zu den Zwangs⸗ 5 Schulfächern, und selbst in den akademischen Unterricht und Be⸗ 5 trieb hat die Bauernsprache bereits gesetzliche Aufnahme gefun⸗ den. Wie weit sie es auch auf diesem Gebiete gebracht hat, be⸗ weist der Umstand, daß in Christiania, wie uns von dort geschrie⸗ ben wird, unlängst die erste Doktorpromotion in Landsmaal skattgefunden hat. Der Prüfling war ein vorteilhaft bekannter 17 5 85 auf dem Gebiete der norwegischen Volkskunde, Herr Kult
iestöl; seine Doktorarbeit behandelten einen interessanten Gegen⸗ 5 stand, nämlich den Ursprung der norwegischen Volksmärchendich⸗ tung in dem altnordischen Sagenkreise. Sowohl Herr Liestöl, wie sein Opponent, Prvfessor Koht, bedienten sich bei der Prüfung des Landsmaal, und nur dem zweiten Opponenten, dem bekannten 1 Professor Olrik, war es als geborenem Dänen ge⸗ 80 sich auch bei dieser Gelegenheit seiner Muttersprache zu be⸗
enen.
Stockholm, 13. Nov.(WTB. Nichtamt ich.) Die Akademie der Wissenschaften hat beschlossen, den No b für Physik für 1915 zwischen den Professoren W. H. Bragg und seinem Sohne W. L. Bragg in Cambridge zu teilen. Die Preisträger haben sich Verdienste um die Erforschung von Kristall⸗ Strukturen mit lelst Röntgenstrahlen er⸗ worben. Der Nobelpreis für Chemie für 1915 hit die Mademie dem Professor R. Willstätter in Berlin⸗Dahlem für Unter⸗
schwedische— elpreis
phylle, zugeteilt.
suchungen der Farbstoffe im Pflanzenreiche, in erster Reihe Chloro⸗
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