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(12.11.1915) 267. Zweites Blatt
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Erscheinl täglich mit Ausnahme des Sonntags. J

DieSießener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Ureis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

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Gener

165. Jahrgang

Bundesratsverordnungen. Berlin, 11. Nov.(WTB. Amtlich.) In seiner heutigen Sitzung hat der Bundesrat eine Verordnung über die Regelung des Verkehrs mit Kaffee, Tee und Kakao beschlossen, die dem Reichskanzler in dieser Hinsicht eine ge⸗ wisse Ermächtigung erteilt. In drei weiteren Verordnungen hat der Bundesrat dem Reichskanzler die Ermächtigung er⸗ teilt, Höchstpreise für Buchweizen, Hirse, Obst mus, Zonig und sonstige Stoffe, die anstatt des Fettes zum Brotaufstrich dienen, und für Gemüse, Obst und Sauerkraut sestzusetzen. Die Höchstpreise werden für den Verkauf des Er⸗ zeugers festgesetzt. Des weiteren können dann die Gemeinden Höchstpreise für den Kleinhandel festsetzen. Gemeinden mit mehr als 10 000 Einwohnern sind hierzu verpflichtet. Die⸗ selbe Verpflichtung kann auch kleineren Gemeinden von den Landesregierungen auferlegt werden. Die obere Grenze der Höchstpreise im Kleinhandel kann vom Reichskanzler be⸗ stimmt werden. Für Buchweizen und Hirse ist außerdem die Verarbeitung zu Branntwein verboten worden.

Der Bundesrat hat in seiner Sitzung am 11. November beschlossen, daß Verträge über Lieferung von Butter, Kartoffeln, 88 Wild, Milch, Buchwei⸗ zen, Hirse, deren Verarbeitungen, Obstmus, sonstige Fettersatzstoffe zum Brotaufstrich, Obst, Gemüse, Zwiebeln und Sauerkraut, die zu höheren Preisen als den auf Grund der betreffenden Bun⸗ desratsverordnungen sestgesetzten Höchstpreisen abgeschlossen sind, mit Inkrafttreten der Höchstpreise als zum Höchstpreis abgeschlossen gelten, soweit die Lieferung zu diesem Zeit⸗ punkt noch nicht erfolgt ist. Ist der Höchstpreis vor dem 12. November festgesetzt, so tritt er insoweit an die Stelle des Vertragspreises, als eine Lieferung vor Inkrafttreten dieser Verordnung noch nicht erfolgte. Streitigkeiten zwi⸗ schen den Vertragsparteien entscheidet ein Schiedsgericht. Bei einem Lieserungsvertrage über die obengenannten Ge⸗ genstände, der vor dem 12. November abgeschlossen ist und für den ein Höchstpreis nicht besteht, steht die Befugnis zur Anrufung des Schiedsgerichts dem Käufer zu, wenn er be⸗ hauptet, daß ihm mit Rücksicht auf die veränderten wirt⸗ schaftlichen Verhältnisse die Erfüllung des Vertrages zu den vereinbarten Bedingungen nicht zugemutet werden kann. Auch hier ist jedoch die Anrufung des Schiedsgerichts aus⸗ geschlossen, soweit die Lieferung vor dem Inkrafttreten

ieser Verordnung erfolgt ist. Bei Verträgen über Lieferung von Milch und Butter hat auch der Verkäufer das 1 91055 1 bei den anderen Gegenständen nur dem Käufer usteht. 4 0 Der Bundesrat hat ferner beschlossen, die Kartoffel⸗ verordnung vom 28. Oktober dahin zu ergänzen, daß nicht nur der Reichskanzler, sondern auch die Landeszentral⸗ behörden oder die von diesen bestimmten Behörden befugt sein sollen, Großhandelshöchstpreise für Kartoffeln festzu⸗ setzen. Außerdem sollen die Landeszentralbehörden oder die von ihnen bezeichneten Behörden bestimmen können, daß eine Enteignung von Kartoffeln auch gegenüber Kartoffeler⸗ zeu mit weniger als einem Hektar Kartoffelanbaufläche zulässig sein soll.

Kriegsbriefe aus dem Gsten.

Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Die Kämpfe 11 5 Dünafront.

Der Schloßberg und Illuxt. Jelowka, 30. Oktober 1915. In Verbindung mit den Operationen der deutschen Kräfte, die auf der Straße WilkomirNowo⸗Alexandrowsk. Dünaburg vorgingen, stieß eine deutsche Gruppe über Schawli aus dem Jara⸗ Abschnitt ungefähr von der Linie Ponedeli⸗Skopischki in südöstlicher Richtung gegen Dünaburg vor. Am 12. September stand diese Gruppe ungefähr 70 Kilometer vor dem Brückenkopf Dünaburg; eine Strecke, die unter leichten Nachhutgefechten in zwei Tage⸗ märschen bewältigt wurde. Dann begann das kunstvolle System der russischen Brückenkopfverteidigung auch hier, man hatte die Auf⸗ gabe, die moderne Festung anzufassen. Die Russen haben aus den Erfahrungen dieser 15 Kriegsmonate gelernt, daß nur die Feld⸗ stellung vor schwerer und schwerster Artillerie schützt, und sie haben vor Dünaburg ein fast geniales System von Schützengräben an⸗

al⸗Anzeiger für Oberhessen

HGreitag, 12. November 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühlschen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schristleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul 8 straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: 1, Schrift⸗ leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen. K ͥ ͥ ͥ00ÄT200 ˙

gelegt. In einem Halbkreis von über 22 Kilometer Radius er⸗ strecken sich gegenseitig flankierende Gräben und Graben⸗ stücke, die durch Pioniere und Armierungsbataillone sorg⸗ sam ausgebaut sind. Bei Gut Schödern und bei Poppe (nordwestlich vom Schloßberg) hat dieses Labyrinth einen Ausbau erhalten, der es fast uneinnehmbar erscheinen ließ. In drei Etagen erstrecken sich die Schügenstellungen über das hügelige Land, so angeordnet, daß die obere Enie Schußfeld über die beiden anderen hat. Jeder Graben in sich ist so tief angelegt, daß beim Sturmangriff von einer Erdballustrade eine zweite Schützen⸗ linie, die hochspringt, über die erste hinweg schießen kann. Eine Doppelreihe ist so imstande, zu feuern. 5 i

Nachdem die Stellungen bei Poppe im plötzlichen Handstreich erstürmt waren, konnte auch diese starke Festungslinie bei Schödern nicht mehr bei ernstlichem Anfassen gehalten werden. In der darauf folgenden Linie, die zum größten Teil im Waldgebiet lag, spielte der fast 150 Meter hohe Schloßberg eine beherrschende Rolle. Trotz seiner Stärke wurde er am 22. Oktober als Angriffsziel bestimmt, weil er der schweren Artillerie wenigstens Objekt zum Wirken bot. Am 23. Oktober nach eineinhalbstündiger Einwirkung der schweren und schwersten Artillerie wurde der Schloßberg gestürmt. Die Trupzge ging sofort nach seiner Einnahme durch das zu Füßen des Schloßberges liegende Städtchen Illuxt hindurch und grub sich an den Kirchhöfen am Ost⸗ und Nordrande von e Vis auf 80 Meter liegt man sich hier in den Stellungen. gegenüber.

Bei den bisherigen Durchbrüchen dieser deutschen Gruppe durch 15 Linien des Brückenkopfes Dünaburg einschließlich dieses letzten Sturmes auf den Schloßberg wurden 85 Offiziere und über 5 Mann gefangen, 35 Maschinengewehre, 3 Minenwerfer erbeutet.

Die Ruine von Schloß Lassen bleibt zur Linken. Das mächtige steinerne Portal mit dem Pförtnerhaus, das am Wege liegt, ver⸗ sprach am Abend, als wir vorgestern von Nowo⸗Alexandrowsk kamen, ein fürstliches Quartier. Wir gingen durch den Park, in dem die hochstämmigen Rosen längs des Weges in der bitter⸗ kalten Nacht erfrieren mußten. Als ob es etwas gilt, wenn Schlösser verbrennen und Dinge, die jahrhundertelang vielen Augen eine Freude waren, verderben aus einer Scheune klang Musik, ein Armierungsbataillon spielte dadrinnen das Lied vom Prinzen Eugen, der Schnee glänzte unter dem Sternenhimmel. Der Weg schiebt sich ein wenig höher, jetzt mußte das Schloß kommen: Ruinen, die noch in ihrer sinnlosen Traurigkeit schön waren. Nur die Kapelle hatte der Brand verschont. Ein paar Land⸗ sturmmänner waren eben dabei, sich neben dem eichenen Chor⸗ gestühl zum Schlafe niederzulegen. Kosaken hatten das Gut beim Abzug angezündet. Es war ein Bild hier des ganzen Zipfels, da Kurland und Litauen zusammenstoßen: die Kirchen sind geblieben, damit man wissen kann, wo die Dörfer einmal standen. Was die abziehenden Russen nicht vernichteten, war vorher unter dem Häm⸗ mern unserer Artillerie gefallen, und was wir dann noch besetzten, was den beiden entronnen war, das zerschoß die russische schwere Artillerie. Man merkt es bei jedem Weg durch das Land hinter der Düna, daß die Russen wieder über genügend Munition verfü⸗ gen. Die Unterschiede zwischen den Kriegsschauplätzen im Osten und Westen fangen an, weniger scharf zu werden

Schloß Lassen bleibt zurück. Wir fahren dann geraden Wegs auf Illuxt, vorbei an den starken Waldstellungen von Wiltschany. Von Wiltschany an fängt die Luft an dick zu werden. Die Straße ist von den Russen eingesehen. Die Hügel auf dem rechten Düna⸗ ufer, auf dem eichn Teil der schweren russischen Artillerie steht, überhöhen das linke. Bei dem strahlend hellen Wintertag muß man jeden Mann auf der Straße erkennen können. Eine Vermutung, die sich auch bald genug bestätigt. Die Kirchtürme von Illuxt heben sich aus der Senkung, schräg links flimmern die Reste des roten Ziegelbaues der Brauerei Schloßberg, die zu dem Gutskomplex, der die Hügelkuppe einnimmt, gehört. Wir kommen an den Stel- lungen am Südhang des Schloßberges entlang, die Stellungen, die am. des 23. unter dem deutschen Trommelfeuer lagen. Hinter den Linien haben sich die Russen nach Art der Gräben auf dem westlichen Kriegsschauplatz Fuchslöcher gegraben, die tief unter der Erde liegen. Wenn unser Trommelfeuer einsetzt, verschwinden die Verteidiger in den Gräben, und wenn die Infanterie zum Sprung hoch geht, besetzen sie die Gräben wieder.

Eben betrachteten wir die Gräben, da sahen die Russen die kleine Gruppe. Man hörte den zweimaligen Abschuß, und dann kam auch der russische Gruß. Recht gut war der Einschlag etwa 40 Meter von der Stelle. Man mußte sich entlang der russischen Gräben ziehen. Es war doch ratsamer so.

Auf dem Schloßberg hatte am Sturmtage unsere schwerste Artillerie gelegen. Die mächtigen Krater saßen neben dem Guts⸗ haus, das durcheinander geworfen war, als hätte ein Riese mit den alten Mauern gespielt. Ein kleines Nebengebäude war ver⸗ schont geblieben, sonst war das große Gut mit Schloß und Brauerei, mit Ställen und Gärtnerwohnungen, mit Kavalierhaus und Kapelle ein Trümmerhaufen. In einem Keller, den sich ein Offizier als Quartier gesucht hatte, standen ein paar Möbelreste und an den weißgetünchten Wänden hingen ein paar Oelbilder

gute Oelbilder aus der Kapelle. Die Maria lächelte still auf den Knaben in ährem Arm hernieder, die heimatlose Mutten Gottes, die der deutsche Offizier vor dem russischen Feuer bewahrt hatte. Der jetzigeBesiter des Kellers war bei dem Sturm mit dabei gewesen. Hinter den Häusern hatten sich die russischen Reserven sammeln wollen, als die ersten Schweren einschlugen, waren sie auscinandergerannt, sie hatten gar nicht mehr ein⸗ gegriffen.Unten brannte Illuxt, wir stießen herunter. Durch. In der Kirche wer wußte, wie es weiter gehen sollte? lagen die paar Einwohner, die geblieben waren, auf den Ruinen, als wir eintraten. Ein Organist aus unserer Kompagnie getzte sich an, die Orgel und spielte:Ein feste Burg. Die Geschütze schriem laut dazwischen. Da fingen wir alle an zu singen. Offiziere Mannschaften. Die ganzen Verse. Man hörte das Brausen in der Luft nicht mehr. Dann ging's weiter gegen die Kirchhöfe.

Jetzt sind gestern die letzten Einwohner aus der Stadt entfernt worden. Eine tote Stadt liegt da unter dem russischen Feuer. Nur in den Kellern ist manchmal heimliches Leben. Die Straßen sind nur im Sprungschritt passierbar. Ein Haus nach dem andern fressen die Flammen. J 1

Eben da ich über dem Hügel hinter dem Herrenhaus nach der Stadt hinunter blickte, fing das russische Feuer auf die Stadt und die Hänge des Schloßbergs wieder an. 11 sah aus, als wollte der Russe seine Artillerie für künftige Dinge einschießen. Auch unsere Batterien setzten ein. Nicht gerade ernstlich.Es ist noch kein erregter Wortwechsel, sie sprechen über das gute Artilleriewetter, sagte der Leutnant. 5 5

Im Park liegt ein kleiner Stein: Ma douce petite chienne Folie, fidele amie de six ans 189298. Was war das für eine merkwürdige Zeit, da man kleinen Hunden Denkmälerchen setzte? Das Schloß ist Ruine, die alten Baumriesen des Parkes sind zer⸗ splittert, über dem gelben Laub leuchtet der Stein der Spielerei des Grafen Plater⸗Siebert, und sein lebendiger Jagdhund streift durch das tote Schloß. Ist nicht fortzubringen aus dem Gewirr von Steinen, wie die Pförtnerin auch, die mit ihren Kindern in den Ruinen kauert. 5

Wieder beginnen die russischen Geschütze. Die deutschen Lang⸗ rohre antworten. Es dröhnt in den Lüften herüber und hinüber über den Schloßberg und Illuxt.

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Wetteraussichten in Hessen am Samstag, den 13. Nov. 1915: Trüb und regnerisch, zeitweise aufklärend, etwas kühler. 5

1 Cetzte Nachrichten.

Aus Bagern. 5

München e Nos im F anzausschuß der

Kammer gab der Minister des Innern eine Erklärung ab,

wonach er alle Polizeibehörden angewiesen habe, der Zurück⸗

haltung von Kartoffeln und der Ueberschreitung der Höchstpreise aufs schärfste entgegenzutreten.

Türkisch⸗bulgarische Vorstellungen bei Griechenland.

Budapest, 12. Nov. Der türkische und der bulgarische Gesandte in Athen haben in einer neuen freundschaftlich gehaltenen Form bei dem griechischen Auswärti⸗ gen Amt Verwahrung dagegen eingelegt, daß sich in griechisch Mazedonien englische und französische Truppen auf⸗ halten können. Sie erklärten, daß in der dauernden Anwesenheit dieser Truppen eine Verletzung der griechischen Neutralität erblickt werden müsse und daß dieser Zustand nicht im Einklang stehe mit der griechischen Neutralität. Der neue griechische Ministerpräsi⸗ dent Skuludis erklärte, daß das Kabinett alles getan habe, was in seiner Macht stehe, und auch weiterhin alles tun werde, die Lage zu klären.

Der Lebensmittelmarkt in Frankreich.

Paris, 11. Nov.(WTB. Nichtamtlich.) Eine Verordnung des Polizeipräfekten bestimmt, daß in den Kaufläden Groß⸗ handels⸗ und Kleinhandelspreise für die gangbarsten Lebensmittel veröffentlicht und angeschlagen werden. Die Preise

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werden allwöchentlich von Vertretern des Groß⸗ und Kleinhandelss

festgesetzt. Aufstände in Indien.

Von der russischen Grenze, 12. Nov. Wie russische Konsularvertreter mitteilen, ist in Bombay und zahlreichen an⸗ deren Städten Indiens ein großer Aufstand der Mohameda⸗ ner und teilweise Hin dus gegen die englische Herrschaft ausge⸗ brochen. Mohamedanische und Matrosen anderer Massen gingen gegen die Engländer vor. In Bom bay ist es zu einem heftigen Straßenkampf gekommen. Aus den anderen Teilen des Lan⸗ des fehlen zuverlässige Nachrichten, da die Uebermittelungsmög⸗ lichkeiten zum größten Teil unterbrochen sind. Zahlreiche Eng⸗ länder, darunter auch die in Bombay sich befindl russischen

Kaufleute, haben auf Veranlassung des englischen Regierungsper⸗ 5 treters die Stadt verlassen. Auch von Ceylon werden neue Un⸗

ruhen größeren Umfanges gemeldet. Der Verkehr ist teilweise unterbrochen.

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Gießener Stadttheater.

5 Kabale und Liebe. Trauerspiel von Friedrich von Schiller.

literarischen U Stücke selbs.

jubel, der mit dem Eifer und der vollen Anteilnahme der ersten 1216 Lebensjahre nach jedem Aktschluß das Haus durchbrauste, kurzerhand überschwänglich zu nennen. Mit vorbehaltloser An⸗ erkennung sei auch an diesem Abend ein Kranz gereicht. Walter Dworkowski hatte mit sauberster Kleinarbeit und voller Be⸗ herrschung des überquellenden Stoffs die Szenen zu einem Ganzen von eindringlichster Leidenschaft geschichtet. Die Linien, in denen sich das alles hielt, atmeten Sicherheit und Würde. Es ist keine Alltagsaufgabe, dahinter das mit groben Hammerschlägen ge⸗ zimmerte Gerüst der Handlung zurücktreten zu lassen. Unsere Bühnenmitglieder unterstützten die Spielleitung mit vorbildlicher Hingabe. Martha Schild, zum ersten Male in dieser Spielzeit recht eigentlich am richtigen Platze, schenkte als Luise Außer⸗ ordentliches. In diesem unendlichen, gleich zu Beginn ohne Schranken einherflutenden Meer des Jammers immer noch Mög⸗ lichkeiten einer Steigerung der Teilnahme zu finden, das ist eine Forderung, die sich aus einer einfachen Entwicklung ergibt; gleich⸗ wohl kann sie nur von einer künstlerischen Persönlichkeit gelöst werden. Daß es sich dabei um eine Aufgabe von äußerster Delikatesse handelt, braucht nicht gesagt zu werden, denn das Mitgefühl wird vor solchen Abgründen menschlichen Leids nur zu leicht ratlos und schwankend. Frl. Schild fand den rechten Weg durch die furchtbare Zerrissenheit des unglücklichen Musikanten⸗ kindes mit intuitiver Sicherheit. Nirgends ein Schwanken, nir⸗ gends ein Uebermaß, aber in jedem Wort, in jeder Bewegung ein Erleben bis in die zartesten Seelenregungen und in jeden Nerv hin⸗ ein. Die Giftszene war trotz dieser Ausgeglichenheit noch ein Ding für sich, ein reines Kunstwerk von tieferschütternder Wirkung, des⸗ sen psychologische Seite hoch über das rein Stoffliche des Sterbens triumphierte. Vor solchen Darbietungen hat jede Ausstellung zu ver⸗ stummen, und es kann durch sie nur der Wunsch befestigt werden, daß die Künstlexin unserer Bühne recht lange erhalten bleibe. In Ferdinand Stein hofer als Major hatte sie den rechten Partner. Der trug das lodernde Feuer der Leidenschaft und den reinen Schild seiner Ehre hoch in den Händen und brachte den zähne⸗ knirschenden Schmerz so gut wie die Makellosigkeit des zwanzig⸗ jährigen Ritters ohne Furcht und Tadel zu Anschauung und Geltung. Es wäre dann des alten Miller von Wilhelm Hell- muth freudig zu gedenken, der mit vollkommener Wahrheit unter der grobsten Kraftsprache das weichste und kindlichste Gemüt versteckte und besonders in der Aussprache mit dem Präsidenten

den erstickenden, anfangs noch von der Untergebenenscheu an der

und zu hören bekam, wird man gern. darauf verzichten, den Beifalls⸗

Kette gehaltenen Grimm des betrogenen Vaters überzeugend her⸗ ausbrachte. Eine stilpolle Leistung voll kluger, reich modellierter Gegensätze war die Milford von Anna Rubens. Dem Sekretär, dem schleichenden Schurken und Seelenhenker, lieh Walter Dwor⸗ kowski eine vam pyrhafte Unheimlichkeit, dabei durch Maßhalten am rechten Ort dem Eindruck des Theaterbösewichts geschickt aus dem Wege gehend. Wohldurchdacht und durcharbeitet war auch der Präsident Ernst Theilings. Was der Figur vielleicht am Alter des grauen Sünders abgehn mochte, ersetzte ein aus⸗ gezeichnet verteiltes und motiviertes Spiel. Arthur Eugens holte aus dem Hofmarschall, diesem Typ von. entzückend boshafter Kenienschilderung, die entsprechenden Wirkungen heraus.

Es würde nicht leicht fallen, an der Vorstellung schwache Seiten zu entdecken. Einige Unebenheiten können nach Lage der Zeitver⸗ hältuisse mit gutem Gewissen übersehen werden. Jedenfalls dür⸗ fen Spielleitung und Künstler den enthusiastischen Beifall auf allen Plätzen als einen ehrlich verdienten Gewinn in Anspruch nehmen! Mögen diesem Abend noch manche gleichwertige folgen.

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40 Jahre Briefkasten. Jedes Ding währt seine Zeit, pflegt man zu sagen! Aber der Briefkasten hat seine Zeit schon überdauert und genügt auch heute noch allen Ansprüchen. Als man im Januar 1875 zum ersten Male den neuen der viel größer, fast doppelt so groß als der frühere ist, benutzte, war dem Verkehrswohl sehr geholfen, die Fortschritte des deutschen Postwesens unter seinem damaligen genialen Leiter überhaupt gehören zu den bedeutendsten unserer Zeit. Nicht jeder denkt so schrieb man damals bei seinem Anblick an die Bedeutung dieses Detailstückes im Postdienste und mancher wird lächelm, wenn er liest, daß dieser Kasten sowohl für das Publikum größere Be⸗ quemlichkeit gewährt, ja ganz neue Möglichkeiten der kürzesten Aufgabe umfangreicherer Probesendungen, Bücher, Broschllren bietet, als auch für die Postbeamten selbst eine Entlastung wesentlicher Art, endlich auch dem Streben nach kunstgewerblichem Fortschritt Genüge leistet. Letzteres geschieht durch die durchdachte, post⸗emblematische, kunstgerechte Gestaltung, die nun dem Publikum Jahre hindurch vorschweben und durch diese stete Anschauung helfen wird, den Sinn für schöne Form im Publikum wieder all⸗ gemeiner wachzurufen. Entlastung für den Postbeamten aber bringt die Konstruktion des Kastens mit sich, da sie den früher gebräuch⸗ lichen Einschubkasten erspart, der mühsam vom Beamten von Kasten zu Kasten geschleppt werden mußte.

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Briefkasten,

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