Ausgabe 
(6.11.1915) 262. Drittes Blatt
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Nr. 202

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Drittes Blatt Erscheint taglich mit Ausnahme des Sonntags.

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DieGießener Famillenblätter werden dem

Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das

Kreisblatt für den Kreis Sießen zweimal

wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ . fragen erscheinen monatlich zweimal.

Gießener

General⸗Anzeiger für Oberhessen

165. Jahrgang

Anzeiger

Samstag, 6. November 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 8851, Schrist⸗

leitung: 12. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Aus Stadt und Cand. Gießen, 6. November 1915.

* Evangelischer Bund. Der Gießener Zweigver⸗ ein des Evangelischen Bundes will auch in der Kriegszeit Luthers Geburtstag nicht vorübergehen lassen, ohne das Gedächtnis an die gewaltige Tat der deutschen Refor⸗ mation zu erneuern. Er veranstaltet daher am Sonntag, 14. November, 8¼½ Uhr abends, einen Lutherabend in der Stadtkirche, auf dessen Programm Darbietungen der von Herrn Organisten Gör lach geleiteten Chorschule, eine kurze Eingangsansprache des stellvertretenden Vorsitzenden und vor allem ein Vortrag von Geh. Kirchenrat Professor D. Eck stehen. Dieser Vortrag wird das gerade jetzt außer⸗ ordentlich interessante Thema:Deutsche und eng⸗ lische Reformation behandeln. Der Eintritt ist, wie bei allen Veranstaltungen des Evangelischen Bundes, für die Mitglieder und alle evangelischen Gemeindeglieder voll ständig frei.

5 i Weihnachtsgaben für unsere hessischen Soldaten. Zu der in Nr. 259 desGieß. Anz. enthal tenen Mitteilung des Hessischen Landesvereins über die Weihnachtssendungen ins Feld schreibt uns der hie⸗ sige Zweigverein vom Roten Kreuz, daß die Einheits⸗ kisten folgenden Inhalt haben sollen: 10 Hemden, 10 Unterhosen, 10 Paar Handschuhe, 10 Paar Socken, 24 Taschentücher, 10 Paar Hosenträger, 24 Paar Fußlappen, 3 Wämse, 400 Zigarren, 500 Zigaretten, 20 Pakete Tabak, 6 Pfeifen, 6 Messer, 3 elektrische Lampen, 4 Pakete Kerzen, 300 Bogen Briefpapier, 12 Tintenstifte, 10 Dosen Konserven, 30 Tafeln Schokolade, Konfekt, 6 Mundharmonikas, 3 Spiele Karten, Seife. Die Hälfte der von hier abgehenden Kisten ist für den Osten bestimmt, so daß die Sendung spätestens am 11. November von hier abgehen muß. Die Spender, die ihre Gaben den Truppen im Osten zukommen lassen wollen, müssen sie deshalb bis spätestens zum 10. November bei der Liebesgaben⸗Sammelstelle vom Roten Kreuz ab⸗ geben. Es wird noch darauf hingewiesen, daß andere Sachen wie die angeführten nicht gewünscht werden, denn die Be⸗ stände an Pulswärmern, Kopfschützern und Kniewärmern 15 so groß, daß damit alle Truppen versorgt werden nnen.

u Hriegstätigkeit der Hassia⸗Vereini⸗ 8 Die Vorsitzenden der hiesigen militärischen Vereine des Landesverbandes, die den Vorstand der hiesigen Hassia⸗ Vereinigung bilden, waren am Donners⸗ tag a wieder zur Beratung und Beschlußfassung ver⸗ sammelt. Aus den Restbeständen verschiedener Spenden usw. wurden im ganzen 27 Unterstützungen an besonders bedürftige Veteranen und an e von Kriegsteil⸗ nehmern bewilligt. Es wurde weiter berichtet, daß das Gesuch an das Ministerium betr. Veranstaltung einer ein⸗ maligen kleineren öffentlichen Sammlung immer noch nicht genehmigt sei. Zum Schluß wurde noch über ver⸗ schiedene Maßnahmen zugunsten der im Kriegsdienst stehen⸗ den Kameraden beraten. Hauptsächlich soll versucht werden, Behörden und Privatpersonen darauf hinzuweisen, daß es eine vaterländische Pflicht ist, Geschäfte, deren Inhaber zum Kriegsdienst eingezogen sind, die aber Steuern und sonstige Abgaben unvermindert weiterbezahlen müssen, mehr als seither zu berücksichtigen. In den meisten Fällen waren die eingezogenen Geschäftsinhaber die Haupt⸗ arbeitskraft, sie konnten sich um Aufträge bemühen und durch ihre persönliche Bekanntschaft manches Geschäft ab-

schließen, was bei der Abwesenheit des Inhabers nicht zustande kommt. 5

* Stadttheater. Man schreibt uns: Der morgige Sonn⸗ tag bringt zwei Werke heiterer Gattung: Der Nachmittag Carl Rößlers bekanntes und beliebtes LustspielDie fünf Frank⸗ furter, und der Abend den neuen SchwankHerrschaft⸗ lichter Diener Veste cht, der sich hier wie überall als Schlager erweist. Beide Vorstellungen werden bei kleinen Prei⸗ sen gegeben. Es sei schon heute auf die Aufführung an Schil⸗ lers Geburtstag hingewiesen(Mittwoch, den 10. November), die 1215 587 und SchülervorstellungKabale und Liebe

ringt.

Anlagemusik. Morgen vormittag 11¼ Uhr findet in der Süd⸗Anlage Konzert der Kapelle des 1 Landsturm⸗Inf. Ers.⸗Batls. mit folgendem Programm statt: ChoralLobe den Herrn. OuvertureLeichte Kavallerie von Fr. v. Suppé. Lied Sei gegrüßt, du mein schönes Sorrent von A. Reckling. Carmen Sylvia Walzer von Ivanovici. Mit Sang und Klang. Potpourrie von H. Necke. Generalfeldmarschall v. Hindenburg⸗Marsch von Max Kaempfert.

i Ueberwinterung der Obstbäume. Beim Herannahen des Winters seien alle Landwirte darauf auf⸗ merksam gemacht, ihre jungen Obstbäu me in gehöriger Weise gegen Hasenfraß zu schützen. Das Umwickeln der Bäume mit Stroh oder Ginster, wie es vielfach üblich, ist nicht genügend, da der Hase diese beiden Schutzmittel leicht durchnagt; auch nisten sich im Stroh gern Obstbaumschäd⸗ linge ein. Einen wirklichen Schutz gewährt vielmehr nur ein dichtes Umbinden der Bäume mit Dornen. Bei der großen Bedeutung, welche der Obstbau zurzeit hat, liegt es in drin⸗

gendem Interesse der Obstbaumbesitzer, ihren Bäumen diesen,

leicht und billig zu beschaffenden Schutz angedeihen zu lassen.

Landkreis Gießen.

* Utphe, 4. Nov. Lehrer und Leutnant d. Res. Otto Kneipp, Kompagnieführer in einem Inf.⸗Regt., seit September vorigen Jahres Ritter des Eisernen Kreuzes 2. Klasse, erhielt für sein tapferes Verhalten bei dem letzten französisch⸗englischen Durch⸗ bruchsversuch nun auch das Eiserne Kreuz 1. Klasse.

Kreis Lauterbach. n i Lauterbach, 4. Nov. Der vor Kriegsausbruch in hiesiger Stadt tätig gewesene Schulverwalter August Stein⸗ mann wurde auf dem westlichen Kriegsschauplatz zum Unteroffr⸗ zier befördert. Er gehört dem Leibg.⸗Inf.⸗Regt. 115 an.

Kreis Schotten. 0

i Gedern, 4. Nov. Wie im vorigen Herbste, so wurde auch in diesem Jahre auf Veranlassung des hiesigen Zweigver⸗ eins vom Roten Kreuz eine Sammlung von Naturalien usw. für unsere verwundeten Krieger unter der Ortsbevölkerung veranstaltet. Die Gaben gehen teils dem Lazarett des Elisabethen⸗ Stifts in Darmstadt, teils dem Lazarett in Büdingen zu, in dem sich zurzeit eine größere Anzahl Gedener Krieger befindet. Infolge des vorhandenen Petroleummangels erhält unser elek⸗ trisches Ortsnetz immer mehr Anschlüsse, so daß die Installateure recht beschäftigt sind. Auch das geräumige Gotteshaus hat eine elektrische Lichtanlage bekommen, was bei den wöchentlich einmal stattfindenden Kriegsbetstunden sehr zustatten kommt.

A Rudingshain, 5. Nov Das Eiserne Kreuz erhielt der Gefreite Frank im 25. Pionier⸗Bataillon.

. Burkhards 5. Nov. Fürs Vaterland star b der Ersatz⸗ reservist Hainz im Landwehr⸗Infanterie⸗Regiment 118. i

Ober ⸗Seemen b. Gedern, 4. Nov. Gestern starb hier der Revierförster Reimann im Alter von 68 Jahren.

Kreis Friedberg.

A Friedberg, 5. Nov. Gestern wurde der hier im Ruhe⸗ stand lebende Lehrer Heinrich Steitz beerdigt. Der Ver⸗ storbene wirkte eine Reihe von Jahren segensreich in Beienheim.

. Wölfersheim 5. Nov. Die Hessische Tapferkeits⸗ medaille erhielt der Unteroffizier Jung im Infanterie⸗Re⸗ giment 168, das Eiserne Kreuz der Gefreite Roßmann im 1. Königlich bayerischen Fuß⸗Artillerie-Regiment.

Hessen⸗Nassau.

Wm. Kirchhain, 5. Nov. Der Musketier Heinrich Günther von hier hat seinen Angehörigen eine zerschossene Taschenuhr geschickt, welche sein Lebensretter geworden ist. Bei einem Gefechte erhielt Günther einen heftigen Schlag gegen den Unterleib und fiel um Man glaubte ihn von einer feindlichen Kugel schwer verletzt. Bei näherer ante e stellte sich heraus, daß eine Gewehrkugel den Deckel der Uhr zerschlagen hatte und im Gehäuse stecken geblieben war. Durch diesen Umstand blieb Günther von einer Verwundung bewahrt und erlitt nur eine schmerzhafte Kontusion, die aber bald wieder verschwand, so daß er wieder dienstfähig ist.

Briefkaften der Redaktion. [Anonyme Aufragen bleiben unberücksichtigt.) M. B. Das Zeichen 2 47 bedeutet zeitweilige Unbrauchbarkett wegen Krankheiten des Brustkelles Fünfundv erzigjährsger. Ihre ersten Fragen, ob und wann Sie ins Feld kommen, können wir Ihnen nrürlich nicht beantworten. 2 49 bedeutet zeitweilige Unbrauchbarkeit wegen Herzsehlers; A 49 Vorhandensein desselben Fehlers, aber Waffendienstfähigkeit: L 49 Untaualichkeit aus dem gleichen Grunde. Ihr Bekannter kann bei späteren Musterungen, wenn die zeitweilige Unbrauchbar keit nicht mehr vorhanden ist, natürlich eingezogen werden.

Handel.

z Gewerkschaft Gießener Brauusteinberg⸗ werke vorm. Fernie in Gießen. Der Grubenvorstand hat pro Kux die Ausschüttung von Mk. 100 für das 3. Quartal (Mk. 0 im Vorjahr) beschlossen.

? Neues Berqwerk in Hessen. Unter Oberleitung des Bergingenieurs Giebler-Siegen wird in der Gegend bei Lang⸗ göns an der Ausschließung eines Manganerz-Bergwerkes ge⸗ arbeitet. Die Ergebnisse der Vorarbeiten sollen bisher günstig sein. Auch an der hessisch-preußischen Grenze in der Gemarkung Lützellinden ist unter Oberleitung des Bergingenieurs Münker⸗ Gießen, im Auftrage eines Konsortiums, bereits mit Erfolg ein Bergwerksbetrieb entstanden. Bisher sollen schon über 30 Doppel- waggon Mangan gefördert sein. Das Unternehmen soll später an die Strecke Gießen⸗Franksurt unter Benutzung des Schienen- stranges des Kalckwerks Haas, Anschluß erhalten. 0

Märkte. se. Frankfurt a. M., 5. Nov. Auf dem heutigen Heu- und Strohmarkt war nichts angefahren.

FC. Wiesbaden. Viehhof⸗ Marktbericht vom 5. Nov. Am heutigen Viehmarkt standen zum Verkauf: 128. Rinder (darunter 2 Ochsen, 20 Bullen und 106 Kühe), 98 Kälber, 81 Schafe und 1 Schweine. Marktverlauf: Bei lebhastem Handel hielten sich die Preise wie am 1. des Monats, nur Schweine ließen im Preise etwas nach, der Auftrieb wurde bald geräumt. 1 1

Bekanntmachung. Betr.: 11 und 15 71 im 9 pe ee n Homberg ist die Maul⸗ und Klauenseu 1 Gießen, den 3. November 1915. 5 Großherzogliches Kreisamt Gießen. J. V.: Hemmerde.

Die Ausstellung des Gießener Kunstvereins. Von Paula Messer⸗Platz.

Wieder haben sich die Pforten des Gießener Kunstvereins auf⸗ wiederum ist es in der Hauptsache Erfreuliches und n Wertvolles, was seine Eröffnungsausstellung bringt.

Glücklicherweise hat man Geschmack genug besessen, sie im allge⸗ meinen vonZeitgemäßem rein zu halten. Denn die Berührung mit dem Krieg man muß es einmal offen sagen hat in der Kunst zwar eine ganze Sintflut von Bildern und Skizzen ge⸗ zeitigt, aber diese vermochten es meist nur, Illustration einzelner Geschehnisse zu bringen, fast nie eine Einfügung ins Schicksal⸗ mäßige, eine Umschmelzung ins Allgemeinmenschliche, sie ver⸗ mochten fast nie ein wirkliches Kunstwerk zu geben.

Vielleicht haben W. Page bei seinem toten Christus die Zeit⸗ geschehnisse mitschaffend in der Seele gelegen. Aber wenn dem so ist und der eger sowie die zagende Frauengestalt, die den Vorhang halten, lassen es vermuten so ist es auch ihm nicht, gelungen, das Wesen unserer schweren Gegenwart im Bilde zu jassen. Bei allem technischen Können, bei aller Bewältigung der Beleuchtungsschwierigkeiten, bei aller Kontrastierung von Warm und Kalt mutet uns dies Monumentalgemälde fast ein wenig akademisch an, fühlen wir den Schmerz dieser Mutter vor diesem ütter vor unseren Toten.

Weit besser geraten ihm seine Landschaften, die kräftig, breit⸗ spurig und unmittelbar aufgenommen sind. Ebenso das Figür⸗ liche. Dazu istWaltraut ein gutes Beispiel. Auch das Mädchen⸗ bild scheint ihm gelungen. Vielleicht ist er diesem temperament⸗ vollen Gesicht zwar in den leuchtenden tiefen Farben, doch nicht

ganz in der Haltung des Kopfes gerecht geworden. 5

W. Firle hat zwei seiner liebenswürdig ansprechenden Bil⸗ der gebracht. Besonders die alte Frau derAndacht ist gut in den hellen Raum hineingemalt.

oderner empfunden sind die Arbeiten von O. Jung, bei

denen das Problem der Luft, der Veränderung der Farbe durch sie und die Frage einer guten Farbigkeit überhaupt weit mehr in den Vordergrund treten. Das zeigen seine Porträts und Landschaften. Besonders glücklich ist das satte und abgestimmte spiel des Doppelbildnisses. Das Kinderbild aber erzählt indermärchenfür Kinder und solche, die Kinder lieb haben. Auch die Natur wird von diesem Künstler eigenartig und höchst malerisch aufgefaßt. Darum liegt ihm gerade die hessische Landschaft, deren unaufdringliche Schönheit sich so oft in Nebel und feuchte Schleier hüllt, aber gerade so ein Malerauge besonders entzückt. Man sehe nur, wie der Schiffenberg gleich einem Hauch über dem Walde liegt oder Königsberg in der Ferne dämmert.

Das sind Werke von hohem e

Mit offenen Sinnen hat R. Kröh im Odenwald sich um⸗ e und ein stillschönes Bild nach Hause gebracht. Es ist er⸗

ein

daß er und auch J. G. Mohr sich von allen billigen, Knalleffekten frei zu halten wissen, daß beide nur dasWie

ere wirken lassen. Und diese Wirkung ist gut,

sie in strengem Studium der Natur abgerungen wurde. das 2 1 läßt sich von L. Douzette's Arbeiten ch bei blassem Mondlicht schimmert im Schnee eine

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reichere Farbenskala, als er sie erlebt. Die Tonfeinheiten, die das scheinbare Weiß des Schnees bieten, hat M. Hager richtiger empfunden, und sie hat sie breit und bestimmt hingesetzt.

Gewiß wird es nie Pflicht des Künstlers bedeuten, die Land⸗ schaft einfach mit dem Pinsel zu photographieren. Aber der Durch⸗ gang durch die Persönlichkeit, das bewußte oder unbewußte Stili⸗ sieren muß einheitlich sein und damit in seiner Art so selbstver⸗ ständlich dastehen wie die Natur selber. Bildern, wie detVilla von H. Rüdisühli ist darum nicht vorzuwerfen, daß die Bäume stark stilisiert sind, sondern daß die Wolken darüber es nicht sind, wenigstens nicht entsprechend. Daß also die Einheitlichkeit fehlt und damit der ruhige und befriedigende Eindruck.

An O. Übbelohde's Radierungen läßt sich die Richtig⸗ keit des Gesagten leicht nachprüfen. Sie zeigen eine große und umfassende Stilisierung und gewinnen damit Stil in bestem Sinn. Dieser verleugnet sich auch nicht in seinen Oelbildern, so in der massig zusammengesehenen Bergkette desAbend. Frei⸗ lich erreicht sein Malen nicht die künstlerische Höhe seiner Zeichen⸗ kunst. Auf dem Bilde mit den Pappeln z. B. liegt etwas Nüch⸗ ternes, Lebloses, das in seinen Radierungen niemals zu spüren ist.

Graue, verträumtealte Häuser stellt H. Liesegang mit feiner Kunst grau und verträumt vor uns hin. Leben, junges farbiges Leben dagegen wird von H. Beithan wiedergegeben. Besonders in der lustigen BuntzeichnungWintervergnügen hat er es trefflich vermocht, charakteristische Mienen, Bewegungen und Farben zu fassen. Ein Griesgram sollte sich dies Bildchen zur Genesung in die Stube hängen.

Zumsich aufhängen verlocken noch mehr die Aquarelle von F. Huth. Ob er Blumen, herrschaftliche Räume, Bauernstube oder Garten gibt, immer ist es die Freude an der Farbe, ja ein Spielen, Tanzen und Jubilieren der Farben, das er hinzuzaubern versteht. Dieser Reichtum muß in der Umwelt nicht bloß entdeckt werden, es gehört auch eine besondere Begabung dazu, ihn gerade in Wasserfarben so vielartig festzuhalten. Hat diese Bauernstube nicht etwas von einem gesunden, derben Bauernlachen? Am meisten durchgefühlt, am interessantesten empfunden ist aber sicher das blaue Tintenfaß. Eine ganz köstliche, kleine Arbeit!

Ruhiges, gereiftes Schaffen zeigen wie immer G. Jahn's Radierungen. Sie sind sicher in der Linie und handhaben die Tech⸗ nik meisterlich, Hie und da dürfte ein Weglassen am rechten Fleck, wie es Übbelohde so gut versteht, mehr Abwechslung und frisch pulsierendes Leben hereinbringen. Freundlich stimmungsvoll wirken die singenden Strickerinnen, die in Komposition und see⸗ lischem Gehalt stark anDas Volkslied von Keller⸗Reutlingen erinnern. Derweibliche Akt liegt wundervoll auf der halbkreis⸗ förmig geschwungenen Basis. Ein hübsches Bild ist auchIm Mai. Hier merkt man besonders an der nicht leicht zu bewältigen⸗ den blumigen Wiese Jahn's Künstlerschaft.

Ist so der Eindruck der Eröffnungsausstellung ein durchweg guter, so fehlt es ihr doch nicht an einer unangenehmen Ueber⸗ raschung. Daß der ohnehin kleine Raum durch Unterbringung einer Stiftung noch kleiner wurde, ließ sich unter den gegenwär⸗ tigen Verhältnissen wohl schwer vermeiden. Ob es aber nötig war, auch noch die letzte große Wand, die gute Belichtung hat, zu opfern, scheint dagegen mehr als zweifelhaft. Künstlerische Rück⸗

fichten müßten über Gewohnheitsgründe Herr werden können. Die Türe hätte unbedingt in den dunklen, für Bilder fast unbrauchbaren Winkel zwischen Fenster und Wand untergebracht werden müssen. Moderne Bilder man braucht noch lange nicht zu den Kubisten zu gehen verlangen eine große Wand und Gelegenheit, bei der Betrachtung genügend Abstand nehmen Künstler werden zurückhaltender mit der Beschickung sein, wenn die Möglichkeit einer günstigen Unterbringung ihrer Arbeit fehlt. Man muß anerkennen, daß die ausgestellten Bilder des Gießener Kunst⸗ vereins stets geschickt und mit gutem künstlerischem Verständnis gehängt sind. Das wird in Zukunft noch schwieriger sein, als es bis jetzt schon war. Es ist nur zu hoffen, daß dem Kunstverein auch diese unerwünschte Beengung schließlich noch zum besten ge⸗ rate; daß in nicht allzuferner Zeit das Kunstleben unserer Stadt durch neue, größere Räume unterstützt werde.

Dey Wunsch nach räumlicher Erweiterung wird noch ver⸗ stärkt, wenn man sieht, welche Bereicherung dem Kunst durch die Dr. Bock⸗Gedächtnisstiftung zugefallen ist. Sie enthält Bilder älterer und moderner Malerei und unter beiden finden sich sehr wertvolle Stücke; so die minutiös gemalten Studienköpfe von J. Deichert oder das für jene Epoche typische Bildnis von Angelika Kaufmann. Durch eine schöne Kohle⸗ zeichnung ist A. v. Menzel vertreten und J. Israels durch eine famose FederzeichnungRattenpinscher. Aufrichtige Freude darf man an W. Hammacher'sRiviera haben, deren Vorzüge freilich unter dem engen Raum besonders leiden. M. Lieber mann'sWellen halten den Vergleich damit nicht aus, sie haben fast etwas Kalkiges. Auch zwei Stuck bietet die Sammlung, von denen dieSommernacht vor allem Aufmerksam⸗ keit verdient. Ein stimmungsvolles Triptychon von M. Lechter ist hervorzuheben und endlich als Hauptzierde ein kleines Porträt Richard Wagners von Fr. von Leu bach. Es läßt sich an ihm die charakteristische Malweise des Meisters beobachten, die hier nicht, wie in manchen späteren Bildern, einfach in einer braunen Sauce untergegangen ist. Mit, 20 Farben und ganz wenig an⸗ deutenden Linien wird eine überraschend plastische und lebendige Wirkung hervorgebracht.. f

Mit Dankbarkeit und Freude wird jeder auf diesen schönen und dauernden Zuwachs des Kunstvereins blicken. Es scheint uns eine würdige und vorbildliche Art, das Andenken eines Toten zu feiern, indem man dem Volk, dessen Leben er geschützt, neues geistiges Leben zuträgt. Möchten sich andere finden, die weiter bauen, bis unserer Stadt langsam, aus eigener Kraft eine gute Sammlung ersteht. Gießen aber sollte als erste deutsche Stadt den Mut haben, in ihrer Sammlung von Anfang an nur deut⸗ schen Künstlern sich zuzuwenden. Sie könnte das tun, ohne ein⸗ seitig zu erscheinen, denn die nahe Großstadt bietet genug Ge⸗ legenheit zum Studium der ausländischen Kunst. Zur Erinnerung an die große deutsche Zeit aber sollte der Deutsche auch seiner eigenen Kunst wieder liebend gedenken, seiner eigenen Künstler, die früher so oft beiseite stehen mußten, um Namen von fremdem Klang Platz zu machen. 5 2

Wenn unsere Stadt solch eine deutsche Sammlung hätte. Doch halt, ich ergehe mich in Zukunftshoffnungen! Aber wer hätte heute keine Zukunftshoffnungen?!

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