Ur. 258 Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sleßener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Urelsdlatt für den Kreis Gleßen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ tagen“ erscheinen monatlich zweimal.
Regierungsumsturz in Rußland. Haag, 1. Nov.(Zens. Frkft.) Reuter meldet aus Peters⸗ burg: Wie verlautet, ist Gore mnie wan Reichskanzler kernannt worden Die Ber enze tung teilt mit daz er mit der ober⸗ 51 Führung der auswärtigen Angelegenheiten betraut wird und bei durch den früheren Botschafter in Wien Schebelo unterstützt wird. Weiter wird berichtet, daß der Zar das Rücktritts ⸗ gesuch der Minister Sason ow, Charitonow und Kriwoschein angenommen habe und daß Eh o st ow Ministerpräsident werde. schon der Sturz Delcassés, dem der Umsturz des französischen Kabinetts folgte, erwiesen hat, wie gefähr⸗ lich das Balkanklima ist, so bestätigen die Nachrichten über den Ministerumsturz im Zarenreiche erneut jene Auffassung. Wie das Reuterbureau aus e meldet, wurde der bisherige Ministerpräsident Goremykin zum Reichskanz⸗ ler ernannt und zugleich mit der obersten Führung der auswärtigen An er betraut. Hierbei handelt es sich freilich 8 um eine formelle Verantwortung, denn wenn der greise Goremytin durch den früheren Bol⸗ schafter in Wien Schebeko hierbei unterstützt werden soll, so heißt das in Wahrheit, daß Schebeto die auswärtige Politik leiten soll an Stelle des dem Balkanklima erlegenen Ministers Sasonow. Betrifft dieser Ministerumsturz die aus⸗ wärtige Politik, so fällt der Rücktritt Kriwoscheins und Charitonows in das Gebiet der inneren Politik, während die Ernennung des neuen Ministerpräsidenten Chostow am Ende beide Gebiete berührt.
Was den Sturz Sasonows betrifft, so war er nach Delcassés Rücktritt zu erwarten. Die hefti Angriffe der russischen Presse gegen den bisherigen Mimsber des Aeußern, den man für das Abschwenken Bulgariens zu den Mitte⸗ mächten und für das Scheitern der Versuche, Rumänien und Griechenland auf die Gegenseite zu ziehen, verant⸗ wortlich machte, sprachen diefer Richtung deutlich, denn jene Angriffe waren ja von der Zensur gestattet worden. Erst der Großfürst Nikolajewitsch und jetzt Saso⸗ now, nachdem man in Frankreich Delcassé beseitigt hat. Wann wird der dritte Minister des Auswärtigen, Sir Edward Grey, wann der vierte, Sidney Sonnino,
an 5 50 1 5 95 nn Zar Nikolaus sich eingeredet hat, daß er sein eigener Oberbefehlshaber sei, so wird er doch schwerlich . seinen eigenen Minister des Aeußern spielen zu nnen. Und Polit. 9 0 1 dem 1 der auswärtigen Politi s kein Fachmann ist, wird also Schebeko damit beauftragt, die verworrenen Fä der russischen Politik nach Möglichkeit zu lösen. Er, der als einer der befähigsten russischen Diplomaten gilt, wurde . 8 b im März 1912 als Gesandter na t, wo er die Annäherung zwischen Rußland und Rumänien zustande brachte, die 5 1555 Er⸗ nemmung König Carols zum russischen Feldmarschall zum Ausdruck kam. August 1913 löste er Herrn dem Wiener Botschafterposten ab, wo man von ihm er⸗ wartete, daß er eine Verständigung mit der Donaumonarchie herbeiführen werde. Daß es ihm nicht gelang, ist kaum in erster Reihe auf ihn selbst zurückzufühven. Möglicherweise erwartet der Zar von ihm, daß er jetzt in Runtänien noch einmal erreichen werde, was ihm vor drei Jahren gelang. Aber die Hoffnung ist eitel; das enreich und der Vier⸗ verband überhaupt haben in Bukarest wie in Athen den Anschluß verpaßt. Die Diplomatie Hindenburgs, Macken⸗ sens, Gallwitz' usw. hat sich als stärker erwiesen. Der Durchbruch durch Serbien und dessen Zusammenbruch haben die Ohnmacht des Vierverbandes allzu deutlich aller Welt 92 damit etwa noch schwan Balkanstaaten er⸗ wiesen. 5 Die Bedeutung des Ministerumsturzes für die innere Politik liegt vor allem darin, daß der reaktionäre Go⸗ re mykin, der von der Duma oder gar von einer parla⸗
v. Giers auf.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Gberhessen
mentarischen Regierung nichts wissen will, durch die Er⸗ neunung zum Kanzler— eine Stellung, die seit Gortschakow nicht mehr besetzt wurde— mit am Ruder bleibt, wenn auch das Ministerpräsidium dem bisherigen Minister des Innern, dem Kammerherrn Chostow, übertragen wurde. Die Regierungspresse hatte Herrn Chostow schon früher als eine Art Diktator begrüßt, und er galt immer als ein Mann der scharfen Tonart der Arbeiterpartei wie den Liberalen gegenüber. Hält man damit zusammen, daß KHri⸗ woschein, der als Freund der Reformen gilt und zu dem die Duma und das Volk ein gewisses Vertrauen hegten, 1 eitig 1 mußte, so erhellt, daß der Ministerwechsel
3 Pestha ten am reaktionären Regiment, das weitere Regieren gegen die Duma bedeutet.
Im übrigen gilt, was für den jüngsten Kabinettswechsel in Frankreich galt, auch für den in Rußland. Es haben immerhin wieder einige alte Männer abgewirtschaftet und es sind einige neue an ihre Stelle gekommen, die eines Tages am Ende 4 anders über die endlose Fortsetzung des verlustreichen und hoffnungslosen Krieges denken lönn⸗ ten. Man weiß, daß in Rußland jetzt g e die oppositio⸗ nellen Kreise für die Fortsetzung des Krieges sind, weil sie davon den Sturz des despokischen Regimes erhoffen, wäh⸗ rend in den reaktionären Kreisen die Furcht vor der Revo⸗ lution eine zweifellose Kriegsmüdigkeit erzeugt hat. Die Weiterentwicklung dieses Prozesses wird man abwarten müssen und können wir abwarten. Ob und inwieweit der neue Ministerwechsel schon eine Etappe auf diesem Wege bedeutet, das wird vielleicht schon die nächste Entwicklung lehren.
Großherzogliche Zentrale für Mütter⸗ und Säuglingsfürsorge. rb. Darmstadt, 1 November.
m Rathaussaal fand am Samstag nachmittag die Jahres⸗ versammlung der Großh Zentrale für Mütter⸗ und Säuglingsfürsorge in Hessen statt. Großherzogin Eleonore wohnte der Versammlung bei. Finanzminister Dr. Braun eröffnete die Sitzung mit einer längeren Ansprache. Ueber die Entwicklung der Mütter⸗ und Säuglingsfürsorge seien 11 Anwesenden durch ihre rege Teilnahme an der bisherigen Tätigkeit bereits informiert; wichtiger erscheine fast die Frage: Was wird aus ihr unter dem Einfluß des Krieges, resp was wird uns in der Fürsorgefrage die Zukunft bringen? Unsere ganze seitherige Tätigkeit war gedacht als eine freiwillige und 155 ist jetzt eine Aenderung eingetreten. Vor allem ist heute sestzustellen, daß der Krieg auf dem Gebiet der Mütter⸗ und Säuglingspflege wesentliche Veränderungen gebracht hat, nament⸗ lich auf dem Gebiet der reichsrechtlichen Grundlagen und der landesrechtlichen Schutzmaßregeln. 8 5
Die erhöhte Fürsorge für die Mütter und die Süug⸗ linge werden die Hauptaufgabe für die Zukunft bilden. Der große Zerstörer Krieg ist auch ein großer Erhalter und Ausbauer geworden, insosern, als von den für die Fürsorge Berufenen scharf und klar erkannt wurde, welch ungeheuren Wert jedes einzelne Leben für die Allgemeinheit hat und daß es Pflicht ist, auch auf dem Gebiet der Reichsgesetzgebung mehr dafür zu tun, als dies bisher der Fall war. Es sind zunächst bestimmte Schutzmaßregeln für Ehefrauen, die bisher keiner Krankenkasse angehörten, und Unterstützungsvorschrif⸗ ten erlassen worden. Und ergänzt wurden sie durch die Vorschriften für Ehefrauen, deren Männer einer Krankenkasse nicht angehören. Die zweite wichtige Reihe von Vorschriften sind für die Wöchner⸗ innen ganz allgemein, auch auf ledige, die einer Krankenkasse nicht angehörten. Das ist ein sozial politisch durchaus zu begrüßender Fortschritt, insofern, als für uneheliche Wöchnerinnen ein Schutz bisher nicht vorhanden war. Das Reich hat die Fürsorge auch erweitert durch die Einbeziehung der Minderbemittelten und die Fürsorge für die unehelichen Kinder von Kriegsteilnehmern, wenn nur durch die Anerkennung der Vaterschaft in irgend einer rechtlichen Form diese seststeht Dann hat das Kind bestimmte Rechtsansprüche, einerlei, ob der Vater Mitglied einer Kranken⸗ kasse ist oder nicht. Der Inhalt der Schutz⸗ und Unterstützungs⸗ vorschriften geht im wesentlichen dahin, daß die Mütter Anfpruch
eine 2
Dienstag, 2. November 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universttäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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Neben dem Vorgehen der Reichsgesetzgebung konnte natür⸗ lich nicht ausbleiben, daß auch die reiwillige Liebes⸗ Tätigkeit mit eingriff und sich überall im Reiche regte. Und so sind wir auch bei uns in Hessen vor die Frage gestellt, ob die seiherigte Form und der Umfang der Mütter⸗ und Säug⸗ lingsfürsorge nicht wesentlich zu erweitern ist. 5 g
Minister v. Hombergk und der Redner sind der Ansicht, daß dies geschehen muß. Es ist klar, daß neben dem Reich auch der Staat wesentlich mehr für die Säuglings⸗ und Mütter fürsorge einzutreten haben. Und unter dem Einfluß der Wertung des Menschenlebens, unter dem Einfluß der gesamten Erfah⸗ rungen des jetzigen Krieges wird auch die Mitarbeit der hessischen Landslände nicht versagen. Wir beabsichtigen, bei den Landständen eine recht beträchtliche Summe für die Fürsorge anzufordern und, so schwierig auch die Budgetfrage zu erledigen sein wird, so hoffen wir doch, daß wir die Genehmigung der beiden Kammern für die Summen, die nötig sind, auch finden werden. Das be⸗ deutet aber dann auch, daß die ganze Organisation in eine engere Beziehung zum Staat gebracht werden muß; es wird eine nähere Verbindung der Fürsorgestellen mit dem Ministerium des Innern einzugehen sein. Daher werden wir die bisherige Für⸗ sorge, deren 8 uns an die Spitze in Deutschland ge⸗ bracht hat, natürlich nicht fallen lassen. Ohne Wesentliches auf⸗ zugeben, werden Staat und freiwillige Liebestätigkeit verständnis⸗ voll zusammen zu arbeiten haben. Das bisher Geschaffene muß sachlich erhalten und durch neue Kräfte und neue Aufgaben ver⸗ l werden. Der Staat wird dabei nur ein Kontroll⸗ und Mitarbeitsrecht erhalten. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!(Lebh. Beifall.)
Den Bericht über die Arbeit der Großh. Zentrale in den Geschäftsjahren 1913/14 und 1914/15 erstattete Gerichtsassessor Dr. Melior. Er legte die Gründe dar, weshalb die vor⸗ jährige Versammlung ausfallen mußte, und erläuterte dann die Richtlinien, die bei Begründung der Zentrale im Jahre 1905 maßgebend waren. Damals stellte sich die Säuglingssterblichkeit auf 15—16 Proz. im ersten Lebensjahre, während sie im Jahre 1912/13 auf 10,1 Proz. und 1913 auf 9,3 Proz. 1 Unter den erschwerten Umständen des ieges könne es als sehr günstig gelten, daß sie im Jahre 1914 nur um 1 Proz., auf 10,3 Proz. gestiegen sei; damit habe Hessen besser abge⸗ schnitten, als alle anderen deutschen Bundesstaaten. 5
Im Anschluß daran sprach Geh Rat Dr. Di etz seine Freude über die in Aussicht stehenden größeren staatlichen Mittel aus und bat, die Fürsorge bis zum Beginn des schulpflichtigen Alters zu erweitern. 5
Geh. Med.⸗Rat Dr. Rebentisch⸗ Offenbach gab der Hoff⸗ nung Ausdruck, daß die für die Erweiterung der Fürsorge not⸗ wendigen Mittel auch aufgebracht werden, die mit allen Kräf⸗ ten betrieben werden müsse. Der Redner bes wach dann näher die Verhältnisse, Einrichtungen und Erfolge in Offenbach, deren Be⸗ ratungsstellen dank der Tätigkeit der Aerzte auch während des Krieges beibehalten worden seien. J.
eber die Anstaltsfürsorge in der Kinderklinik der Universität Gießen und des Eleonorenheims ver⸗ 125 Kreisarztassistent Enzau die Berichte der Leiter dieser An⸗ talten.
Ueber die Schwesternschaft und die offene Fürsorge in Darntsändt berichtete die Oberin v. Gordon. Im Anschluß daran wurden von der Frau Großherzogin persönlich die An⸗ stellungsurkunden an vier jun Schwestern überreicht.
Ueber das Institut der Kreispflegerinnen und der Wander⸗ lehrerinnen berichtete die Oberin v. Below: besonders trug sie ihre mannigfachen, aber meist erfreulichen Erfahrungen vor, die sie und ihre Kollegin beim Abhalten ihrer zahlreichen Wanderkurse in den verschiedensten Teilen des Landes erlebt haben.
Nach den zum Teil sehr interessanten Berichten der einzelnen Kreispflegerinnen sprach Exz. Dr. Braun seine Freude aus, wobei er die Arbeitsfreudigkeit und die warmherzige Mittätig⸗ keit aller Helfer und Helferinnen an der großen Aufgabe mit herz⸗ lichen Dankesworten anerkannte.— Bei der dann vorgenommenen Ersatzwahl zum Ausschuß und zum Vorstand wurden alle aus⸗ scheidenden Mitglieder durch Zuruf wiedergewählt.
Der gegen 7 Uhr abends beendeten Versammlung schloß sich noch Sitzung des Ausschusses und der Leiter der Zweigstellen an.
N een era
Heinrich heine und die Baronin Betty Rothschild. (Aus unveröffentlichten Briefen.)
Die Beziehungen Heinrich Heines zu Baron James und Baronin Betty Rothschild, die bereits durch die im Frühjahr erfolgte Herausgabe unveröffentlichter Briefe des Dichters auf interessante Weise beleuchtet wurden, erfahren durch neue ungedruckte Briefe des Dichters, die der verdienstvolle Hine⸗
orscher, Prof. Friedrich Hirth in einem Aufsatze des neue⸗
sten Heftes der Deutschen Rundschau veröffentlicht, eine bedeut⸗ di
ame Erklärung und Ergänzung. Die Baronin Rothschild war in ihren Beziehungen zu Deutschlands größtem Lyriker nur durch das schöne Gedicht„Der Engel“ bekannt geworden, in dem Heine die geliebte und verehrte Frau besang. Man wußte nur, daß
Heine in seinen schlimmen Tagen von der Baronin materielle Hilfe 7
erhielt; die ideellen Beziehungen des Dichters zu der Bankiers⸗
frau treten erst in dem Briefwechsel eindrucksvoll zutage. Die Leide
Briefe lehren uns, daß Heine lange Zeit in starker seelischer Ab⸗ 7515 fen von der schönheitsdurstigen Gattin des Pariser Roth⸗ schild stand. Die Einzelheiten, die durch die bereits im Frühjahr bekanntgegebenen Briefe vermittelt wurden, erfahren durch den nunmehr gedruckten letzten Teil der Korrespondenz eine vertiefte Bestätigung. Die Briefe stammen aus Funden, die in den Archiven der Pariser Rothschilds gemacht wurden, das wichtigste Schreiben aber, das in Paris nicht aufgefunden werden konnte, befand sich im Archive des Wiener Hauses Rothschild. Und erst jetzt erscheint es möglich, das Verhältnis zu den Pariser Rothschilds in seinem vollkommenen Zusammenhang zu betrachten.
So vermag man dieser bisher unbekannten Liebes eschichte Heinrich Heines nachzugehen, einer Geschichte, die das Gefühls⸗ leben des großen Dichters der Liebe reinsten Seite zeigt. Wie hoch die Baronin Betty von Heine in e Weise als Mensch und Dichter e, geht aus einem
rief hervor, den sie am 29. Juni 1835 schrieb und der sich auf die Bitte der Sprachlehrerin ihrer Tochter, Fräulein Bosss, bezieht, die voller Begeisterung Heine aufgefordert hatte, bald mit einem neuen Werk an die Oeffentlichkeit zu treten.„Die Bitte,“ schreibt die Baronin,„die sie 5 Bossé) an Sie gewagt, muß Ihnen, werter Herr, ein sprechender Beweis Ihres so all⸗ gemein anerkannten Verdienstes sein. Möge diese leberzeugung, welche edles Selbstgefühl in ihrem Herzen erwecken muß, uns die reichen Blüten Ihres Geistes, womit sie unsere sieche vaterländische Literatur zu schmücken wissen, immer schöner und glänzender entfalten, und mir dadurch die stets neue Freude gewähren, 55 fernere geistige Genüsse zu verdanken. Ihre freundliche
rinnerung, und die zarte und schmeschelhufte Weise, auf welche Sie sie mir ausgedrückt haben, erreget meinen innigsten Dank,
Schon lange haben wir das Vergnügen, Sie zu sehen, entbehrt,
a 9 8 5 e daher bald Ihr freundliches Versprechen, uns zu suchen und unsere ländliche Stille durch Ihren heiteren Geist
zu beleben.“ Das zeresse, das der Wiener Rothschild, Anselm,
8 am, zeigt sich in einem anderen Schreiben der Baronin
an Hein
e ee e
Sie mir,
von seiner stärksten und 7
Betty:„Wollen Sie uns lieber Dr. morgen das Vergnügen]
machen im kleinen Familienkreis, unser angenehmer Tiscchenosse zu sein! Mein Bruder Anselme, ein äußerst geistreicher und ge⸗ bäldeter Mann, hegt den sehr natürlichen Wunsch, den liebens⸗ würdigen Verfasser der Reisebilder persönlich kennen zu lernen. ndem ich seinem Wunsche zu willfahren suche, finde ich auch
elegenheit, meinen eigenen Egoismus zu befriedigen, kommen Sie also ja, lieber Dr., denn Sie wissen, wie höchst willkommen Sie uns stets sind.“ An sein Schmerzenslager gefesselt, suchte Heine ie verehrte Frau durch Uebersendung der Buchausgabe seines „Atta Troll“ zu erfreuen. Die folgenden Zeilen aus einem Dank⸗ brief der Baronin, der vom 17. Mai 1847— dem Jahre des Er⸗ scheinens des„Atta Troll“— datiert ist, beziehen sich auf diesen Beweis seiner e e die ebenso geist⸗ wie gemütvolle
rau:„Ihr freundliches ken,“ schrieb die Baronin,„hat mich tief gerührt, Sie, den ich erst kürzlich so schwach, so erdrückt von n gesehen, gedenken meiner noch mit so freundlichem Sinne; und Ihre Dichterseele, trotz allen Ankämpfungen dieses heftigen physischen Uebels, ergießt vor mir in zarten Worten voetischer Empfindungen schöne Träume Ihrer idealen Welt. Gestatten werter Herr, daß ich mich in Dank zuerst an Ihr Herz, das mir Freude berritet, dann aber an Ihre glänzende schöpferische Phantasie wende, die mich so reich geschmückt hat. Sie wollten wohl nicht das Maß meiner Gesühle steigern, sonst hätten Sie mir gewiß ein Wörtchen über Ihre Gesundheit, die mir einen so wahrhaften Anteil einflößet, berichtet. Ich hoffe, werter Herr, daß es Ihnen besser ergeht, Ihre heitere Laune giebt mir dieses Vertrauen; und an dem so lebendig sprudelnden Borne Ih res Geistes, muß wohl auch der Körper wieder erstarken. Ich werde „Atta Troll“ sogleich lesen, und mich gewiß daran ergötzen.“ ie Reinheit der Gefühle aber, die die Baronin dem gesegneten Dichter und vom Schicksal heimgesuchten Menschen Heine entgegen brachte, erhellt aus den Zeilen, die sie am 29. Mai 1849 als
Antwort auf ein Kondolenzschreihen Heines in die„Matratzen⸗ gruft“ bringen ließ.„Der freundschaftliche Ausdruck,“ heißt es am Anfang, n Ge⸗
1 8 stets wohlwollenden und sympathis
fühle, hat mich um so tiefer ergriffen, als Sie, werter Herr, von physischen Leiden gemartert, mehr als irgend Jemand das Vor⸗ recht hätten, Anderer zu vergessen, um dem eigenen Wehe nach⸗ zuhängen. Aber es war ja von jeher das edle Privilegium höherer Geister sich über eigene Drangsale zu erheben, um mensch⸗ lich mit Menschen zu fühlen, und es kann mich daher von Ihrer Seite nicht erstaunen, tief rühren aber muß es mich wohl, daß Sie mich in der geringen Zahl Jener einbegreifen, die Ihrem 2 2 75 Andenken nahe geblieben sind; und sich Ihrer Freund⸗ chaft noch erfreuen.“ Und zum Schluß:„Lassen Sie mich hier einen herzlichen Wunsch, ein inniges Gebet für die baldige Lin⸗ 5 7 7 2 750 Hin misscher Sch 1 Güte. 5 i. en, wie sein himm tz ja n rei arheit über Ihre Seele verbreitet.“ 5705
Jugenderinne rungen an Maxim Gorki.
Maxim Gorki hat soeben seine Jugenderinnerungen in eng⸗ lischer Sprache veröffentlicht: ein höchst unerquickli hes Buch, das nur von düsteren Tragödien, von Schmutz und Elend zu be⸗ richten weiß und dessen Abfassung der Dichter des„Nachtasyls“ trotzdem für notwendig hielt,„weil es von häßlichen Tatsachen spricht, die auch in diesen Tagen noch nicht ausgestorben sind, Tatsachen, die auf ihren Ursprung zurückverfolgt und aus dent Gedächtnisse, der Seele des Volkes wie unserem eigenen und engen und beschränkten Leben mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden müssen“. Daß Gorki durch seine neueste Schrift die augenblicklich in 99 0 herrschende Meinung über Ruß⸗ land erschüttern wird, befürchtet er nicht, denn„in dem grauen⸗ haften Leben der Unseren wächst und gedeiht nicht nur die tierische Seite unserer Natur, sondern mit diesem Animalismus ist auch— trotz allem triumphierend, glänzend, gesund und schaffenskräftig ein Menschenschlag aufgewachsen, der uns dazu drängt, unserer Wiedergeburt und damit der Zeit entgegenzu⸗ sehen, in der wir alle friedlich und menschlich leben werden“. Gorki heißt bekanntlich Aleksef Maximowitsch Pjeschkoff; seine Eltern waren Vagabunden, als Waise wurde er von Verwandten aufgenommen, die ihm ihr Heim zur Hölle machten. Sein Groß⸗ vater war ein Tyrann, der seine Großmutter totschlug, seine Oheime rieten ihm zwar, wie er die Wirkung der großväterlichen Schläge am besten abschwächen könne, im großen und ganzen waren sie aber auch nicht besser als das Familienoberhaupt: Die einzelnen Mitglieder der Familie zankten und rauften sich beständig; die Kinder wurden dabei vollkommen vernachlässigt und hatten schließlich die Wut des Unterliegenden auszukosten, der sie zu Boden schlug,„wie Staub im Regen“„Ich fühlte mich selbst fremd in diesem Hause, und alles, was in ihm vorging, war nur eine Reihe sortgesetzter Messerstechereien, die mich lehrten, auf der Hut zu sein, und mich zwangen, aufs schärfste zu beob⸗ achten, was im Anzuge war.. Großvater peitschte mich, bis ich bewußtlos zusammenbrach, und dann war ich für einige Tage krank; bei jedem Geräusch aufschreckend lag ich, mit dem Gesichte nach unten, auf einem großen, du Bett in einem kleinen Raum mit einem Fenster und einer Lampe, die vor einem Hei⸗ ligenbilde in der Ecke immer in Brand gehalten wurde. Diese düsteren Tage vermittelten mir die größten Eindrücke. In ihrem Verlaufe entwickelte ich mich in wunderbarer Weise und merkte, daß ganz besondere Veränderungen in mir vorgingen. Ich be⸗ gann für andere zu fühlen und erfaßte ihre Leiden und die meinen mit solcher Eindringlichkeit, daß es mir immer war, als wäre mein Herz zerrissen und auf diese Wesse fühlend geworden.“ Trogdem betont Gorki, daß in seinen Verwandten auch gute Regungen lagen; als die in der Nähe ihres Häuschens liegenden Färbereien in Flammen standen, fiel seine Großmutter einem dgeworde⸗ nen Pferde in die Mähne und beruhigte es; und„wenn sie von Gott oder vom Himmel oder von den Engeln sprach, schien sie zu wachsen— ihr Gesicht verjüngte sich dann und ihre freuchten Augen einen seltenen Glanz au“ 5
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