Ausgabe 
(30.10.1915) 256. Zweites Blatt
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Ur. 250 Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGlehener Kamllienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Areis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Das Sammlungslabinett Briand.

Nach dem alten französischen Wahlspruch,der König ist tot, es lebe der König hat man diesmal in Frankreich die Kabinettsneubildung vollzogen. Das Ministerium Vi⸗ viani ist tot, es lebe das Kabinett Briand! Ja, die Pariser Offiziösen versuchen den lieben Franzosen und den anderen, die es glauben wollen, einzureden, daß eigentlich gar kein Kabinettswechsel stattgefunden hat, sondern nur der bis herige Minister des Innern, Aristide Briand, zum Ministerpräsidenten und gleichzeitigen Minister des Aeußern avanciertsei, während der bisher leitende Mann Viviani eit Justiz abgeschoben wurde. Nun, so harmlos ist die Sache eineswegs. Wenn man den bisherigen Ministerpräsidenten im neuen Kabinett mit der zurzeit völlig einflußlosen Justiz abfand, so sieht das sehr nach einem Akt der Kabi⸗ nettsjustiz aus. Erst Delcasse und dann Viviani! Zwei von den in erster Reihe für diesen Weltkrieg verantwortlichen französischen Staatsmännern sind bereits kaltgestellt. An den dritten, den kleinen, rundlichen, bedeutungslosen, mit seinem Lothringertum prahlenden Advokaten Poincaré, der freilich nur eine Puppe in den Händen der Grey, Iswolski und Delcassé war, hat die Flut noch nicht herangereicht. Noch hat die Kabinettskrisis sich nicht zur Präsidentschafts⸗ krisis erweitert, weil noch kein Mann da ist, der das Danaergeschenk dieser stärksten Verantwortung auf sich nehmen, der die Entschlossenheit und die Kraft hätte, das zermürbte Frankreich von der Katastrophe zu retten, der es entgegentreibt.

Aber schon die Umbildung des Kabinetts zeigt deutlich, wie die Unzufriedenheit im Lande mit der Politik der Del⸗ casse, Viviani, Poincars und Genossen wächst. Denn um dieser trotz der scharsen Zensur immer deutlicher zum Aus⸗ druck gelangenden Opposition zu begegnen, hat man die un⸗ beliebtesten der Verantwortlichen ausgeschifft, hat man jetzt durch Hinzunahme von ausgeprägt Konservativen, wie Denys Cochin und Meline, und des greisen, über den Par⸗ teien stehenden Freyeinet ein Kabinett der Sammlung, in dem nach britischem Muster alle großen Parteien vertreten sind, gebildet, um auf diesem Wege noch einmal alle Fran⸗ zosen unter einer Fahne zu sammeln. Denn darüber darf man sich nicht Ae cen das neue Kabinett ist ein Ministerium des nationalen Widerstandes. Wie lange es das sein wird, und ob es sich überhaupt als dieRegierung der Unsterblichen so nennt Clémenceau spöttisch das Kabinett, weil Poincaré drei seiner Kollegen aus der Aka⸗ demie Francaise, also drei sogenannte Unsterbliche, hinein⸗ gebracht hat erweisen wird, das steht freilich auf einem andern Blatt.

Zunächst ist jedenfalls der Einfluß Englands, das seine

ndesgenossen zum Durchhalten aufmuntert, in dem Kabi⸗ nett gewachsen, was schon aus der Ernennung des Gene- rals Gallieni zum Kriegsminister und des Admirals Lacaze zum Marineminister hervorgeht. Denn es war König Georg von England, der auf Kitcheners Rat die Er⸗ nennung von Fachleuten für diese Posten gefordert hatte. Auch in der Frage des Saloniki-Unternehmens, über das

Delcasss gestürzt war und in gewissem Sinne auch Viviani

stürzte, da er sein Versprechen, daß die Russen durch Ru⸗ mänien marschieren und Italien gleichfalls mitmachen m

Geldgeber England gemacht. Aber ob er auch in der Folge durch dick und dünn mit den Briten gehen wird, die frei lich aus Calais ein zweites Saloniki gemacht haben, weiß man nicht.

Briand, der ehemalige Anarchist, der sich in seiner Sünden Maienblüte für die Herstellung von Bomben freilich nicht zu kriegerischen, sondern zu anarchistischen Zwecken begeisterte, ist auf dem Gebiet der auswärtigen, Politik ein Laie, und er bringt diesen Dingen eine durch Kenntnisse nicht getrübte Unbefangenheit entgegen. Sein junger Mann, Jules Cambon, der frühere Bot⸗ schafter in Berlin, dem man den Posten eines General selretärs für das Auswärtige übertragen hat, und der seinem Chef anscheinend nicht nur die rechte Hand, son dern auch Kopf sein soll, galt immer als ein Mann des Frie- dens. Man weiß, daß er sich redlich bemüht hat, zur Ver⸗ meidung dieses Weltkrieges beizutragen, den er als einen guerre stupide, als einen unsinnigen Krieg bezeichnete. Es gibt auch Leute, welche Briand nachsagen, er gehöre nicht zu denen, die Frankreich zur höheren Ehre Albions weißbluten lassen wollen. 5

Aber das alles sind Dinge, die fürs erste noch nicht in Frage kommen. Bis auf weiteres ist das Kabinett Briand ein ausgesprochenesKriegsministerium, muß Briand die unselige Erbschaft vonViviani sel. Witwe unverändert fortsetzen, muß er diesenstupiden Krieg auf den fran⸗ zösischen Schlachtfeldern wie auf denen des Balkans fort- setzen, bis entweder der Mut Briands bezw. die Mutlosig- keit der Franzosen groß genug für ein Einlenken, für die Einkehr und Umkehr ist, oder bis eine neue Krisis die letzten von denen hinwegfegt, welche in Frankreich für die Politik der Grey und Delcassé verantwortlich, der Anstiftung zu dem Verbrechen dieses mörderischesten aller Kriege schul dig sind.

Paris, 29. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Agence Havas: Die politischen Kreise betrachten die Lösung der ministeri ellen Krisis als bevorstehend. Gemäß den beveits gemachten Mittei- lungen soll Briand die Ministerpräsidentschaft mit dem Aeußern übernehmen, mit Julos Cambon al i

Generalsebretär. Pivians würde die Justiz übernehmen, Ribot die Finanzen behalten, General

Gallien! würde Kriegsminister werden und Admiral Lacaze Ma-

rineminister. Außerdem soll sich Briand die Mitwirkung von Freycinet, Combes, Léon Bourgeois, Denis-Cochin und Meline gesichert haben, deren Mitarbeit der Regierung den Charakter nationaler Einigkeit sichern würde. Die anderen Minister seien: Sembat, Guesde, Malvy, Doumerque, Clementel und Painleve. Die Unterstaatssekretariate des Krieges würden aufrechterhalten bleiben. Das Unterstaatssekretariat der Handelsmarine soll in ein Unterstaatssekretariat der Marine umgewandelt werden, dessen . ein Deputierter im Departement Morbihan erhalten würde.

Paris, 29. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Agence Havas. In dem Briefe Vipianis an den Präsiden⸗ ten Poincaré, in dem Viviani den Rücktritt des ge⸗ samten Kabinetts unterbreitet, heißt es:

Anläßlich der letzten Interpellation in der Kammer, die ich beantwortete, mußte ich feststellen, daß sich einerseits trotz meiner Bemühungen eine bedeutende Minderheit für die Bil- dung eines Geheim-Kabinetts aussprach, welches ich förmlich ablehnte, daß andererseits über 150 Deputierte durch ihre Stimmenthaltung das Vertrauensvotum, welches ich klar

Richard Strauß'Alpensinfonie. Uraufführung in der Philharmonie in Berlin.

Aus Berlin wird uns geschrieben: Dem Meister gefällt es, in die Reihe seiner Bühnenwerke eine Sinfonie einzuschieben. Die Welt, soweit sie friedlich ist, horcht auf; und selbst die Kämpfer draußen möchten einen Nachhall des Eveignisses erleben. Wir haben die vorbereitende Kniebeuge zum Kotau⸗Finale gewisser Schreiber mitangesehen und wußten es: dem Werke kann der Premierenerfolg nicht fehlen. Aber ge⸗ wohnt, Richard Strauß immer wieder in eine neue Form schlüpfen zu sehen, fragen wir uns: worin liegt das Ueberraschende dieser Sinfonie? Und es tönt uns zurück: der Meister sucht die Allmutter Natur auf, um in ihr sich selbst zu finden, in ihr sich zu erneuern. Wir kennen die Genesis des Werks; ahnen, mit welcher Andacht Strauß die Hochgebirgsnatur anschaut; und möchten nun einen Reflex dieser Anschauung in dem Schaffen eines Tondichters ge⸗ nießen, der an neuem Vorwurf neue, in eigener Werkstatt ge⸗ formte Ausdrucksmittel erprobt. Wie weit der Weg der Pastorale über Weber und Wagner zu unserem tondichtenden Zeitgenossen. Indes ist die beschreibende sik zur gegenständlichsten Schilderung fortgeschritten. Sollte sie nun nicht aus ihr das Seelische ent⸗ wickeln können, das allein dem Bild die Leuchtkraft gibt? Noch atmen wir wie trunken die Waldespoesie des WagnerschenSieg fried. Kann uns Strauß, der uns mit feiner Parallele zum Leben die Alpen auf- und abführt, mit seinen gewachsenen Mitteln einen neuen, einen Hochgebirgsrausch geben? Täuschen wir uns nicht: Richard Strauß ist sich gleichgeblieben. SeineAlpensinfonie hat Farbe, hat Stimmung, sie ist wild im Choatischen, fein im Durchfichti, en; sie zeigt neue Eroberungen des Instru⸗ mentators in Zwischentönen, aber sie entläßt uns mit dem Ge⸗ fühl, daß das Bildhafte, das Gegenständliche nicht überwunden ist.

Wir spüren deutlich zwei Gegenströmungen. Die Phantasie des Orchestermenschen arbeitet von außen nach innen, sie be⸗ fruchtet sich am Nebel, am Sonnenaufgang am Wald, am Wasser⸗ fall, an blumigen Wiesen, am Herdengeläute, am Gletscher, am Gewitter und Sturm, am Sonnenuntergang. Sie möchte aber auch den umgekehrten Weg machen. Da besinnt sich der Naive auf sich

selbst und wird doppelt naiv. Wir kennen seinen Trieb zur Ein⸗ fachheit. Es ist eine Rückerimterung an die Jugendzeit, da er aus Mozart und seinen nächsten Nachfahren lebte. Kurze Motive zeigen]

Eigenwert, wir sind ihnen oft und meist da begegnet, wo d

sich zum Effekt, und die Modulation ist, wenn sie durch Dickicht und Gestrüpp vordringt, kühn und straußiscch genug, um je⸗ dem Modernen zu genügen. Anfang und Schluß sind des Meisters würdig. Vergnügte B-Moll-Stimmung umrahmt das farben prächtige Gemälde. Die Wirkung ist gesichert. 5

Sie wird durch den Bau des Werkes in Frage gestellt. Es liegt nahe, im Gedanken auf die Domestika zurückzugreifen. Kein Zweifel: dort, wo der häusliche Herd den Tondichter zum Schaffen stimmte, schwingt trotz alledem mehr Seelisches: der hat auch die Hand des Baumeisters geführt, der die Sonatenform mit dürf⸗ tigem Matexial kühn erweiterte und zu Geschlossenem rundete. Hier hat aller Aufwand an kunstvoller Stimmführung die Ein- heit nichts schaffen können. Bild reiht sich an Bild, in fünfzig Minuten haben wir wohl alles erlebt, was uns Klangphantasie und höchste Meisterschaft bieten können. Denn daß dieses Stück gerade wegen seiner Gegenständlichkeit ein echter Strauß, eine Fortsetzung des Sinfonikers, vor allem aber des letzten Musik⸗ dramatikers ist; daß er deutlich die Spuren desRosenkavalier und derAriadne trägt, dieses Bewußtsein trägt jeder mit sich. Zumal in einer Aufführung durch den anfeuernden Komponisten und das Dresdener Hofopernorchester, das bei aller Ausdrucks⸗ kraft das Grelle bis auf gewisse in der Partitur begründete Blechbläserhürten dämpfte und alles Feine wie durch einen Schleier gab. So hat das effekt⸗ und stimmungsvolle Werk vor einem vielfarbigen Publikum von Musikern, Musikschriftstellern und Musikfreunden in höchsten Ehren bestanden. Prof Dr. Adolf Weißmann.

Gottfried Ueller der Deutsche.

der langerwarteten neuen Lebensbeschreibung Gottfried Kellers, die Emil Ermatinger seit Jahren vorbereitet, gibt der Cottasche Verlag dieser Tage den ersten Band, der des Dichters Leben enthält, aus; Kellers Briese und Tagebücher werden später das Werk vervollständigen. Ermatinger hat die bekannte Biographie von Jakob Baechtold benutzt, im ganzen aber doch ein völlig neues und selbständiges Werk geschaffen, was ja schon durch die Fülle neuen Materials über Kellers Leben und Persönlichkeit, das seit Baechtolds Buche zutage gefördert worden ist, bedingt war. Und so erscheinen Leben und Schaffen des großen schweizer Dichters hier zum ersten Male in einem völlig runden, allseitig beleuchteten Bilde. Ein Abschnitt des Ermatingerschen Buches, der gerade jetzt die Aufmerksamkeit besonders fesselt, gilt seinem Verhältnisse zu Deutschland. Friedrich Pecht hal in seinen Lebenserinne⸗ rungen die Behauptung aufgestellt, daß Keller für Deutschland eigentlich wenig Verständnis und noch weniger Liebe besessen habe. Diese Behauptung wird von Ermatinger kräftig zurüch⸗ gewiesen und gründlich zuxrückgestellt. Wohl konnte Keller gelegent⸗ lich gegen die anmaßende Zudringlichkeit einzelner Deutscher kräftig losziehen, mit Deutschland als ganzem aber fühlte er sich aufs innigste verwachsen. Schon 1841 betonte er die Wichtigkeit der Kenntnis der deutschen Kultur für den Schweizer, und fünf Jahre später, in der Gedichtsammlung von 1846, ließ er in dem Gedichte Am Vorderrhein den jungen Bergstrom herniederwallenim mein zweites Heimatsland: O grüß mir all die deutschen Brüder, die herrlichen, längs deinem Strand. Und in derEinkehr unter- halb des Rheinfalls ist er beglückt über den stillen Ort am alten Rhein,wo, ungestört und ungekannt, ich Schweizer darf und Deutscher sein. Er hatte es nicht vergessen, daß die deutsche Lyrik der Revolutionszeit seine eigenen Lieder erweckt hatte, und er wußte, wieviel er selber der deutschen Kultur verdankte. Im erstenGrünen Heinrich läßt er sein Ebenbild gegenüber den boden⸗ und wurzellosen Bemühungen, eine schweizerische National⸗

Samstag, 30. Oktober 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul-

straße 7. Geschäfstsstelle u. Verlages 51, Schrist⸗

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

ht und habe diese An⸗

trittsgesuch dasjenige aller meiner Amtsgenossen.

Paris, 29. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Die Kammer hat sich ohne Debatte auf Samstag vertagt.

Paris, 29. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Agence Havas. Der Rücktritt des Kabinetts Vivianr wird amtlich bekanntgegeben. Poincaré hat die Demission angenommen und Briand mit der Neubildung des Kabinetts be⸗ auftragt.

Aus dem Reiche.

Berlin, 29. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Der Beirat der Reichsprüfungsstelle für Lebensmittel ist am Frei⸗ tag vormittag unter dem Vorsitz des Ministerialdirektors Lusensky in seinem Ausschuß für Milch, Butter, Käse und Eier zunächst in Erörterungen über die Regelung des Verbrauchs von Butter und Kunstfetten eingetreten. Im allgemeinen ging die Ansicht dahin, daß die Einführung von Reichsbutterkarten zur Einschrän⸗ kung und gleichmäßigen Regelung des Verbrauchs erwünscht sei. Es wurde ferner Mitteilung über die in Aussicht genommene Regelung der Preise und Verteilung der Hunstspeisefette gemacht. Diese Fette sollen vorzugsweise der minderbemittelten Bevölkerung zur, Verfügung gestellt werden. Für unbedenklich erachtet wurde eine Einschränkung der Erzeugung von Fettläse, während die Herstellung von Weichkäse, besonders Quark, im all- gemeinen als erwünscht und zwar unter Festsetzung von Höchst⸗ preisen erachtet worden ist. Auf eine einheitliche Regelung für das ganze Reich ist von mehreren Seiten Wert gelegt worden.

Für Rheumatiker 1. Neuralgieleidende.

In einem Tage von seinen zun set lichen Schmerzen

befreit.

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kultur zu schaffen, bekennen:Der französische Schweizer schwört zu Corneille, Racine und Molidre, zu Voltaire und Guizot, je nach seiner Partei, der Tessiner glaubt nur an italienische Musik und Gelehrsamkeit, und der deutsche Schweizer lacht sie beide aus und holt seine Bildung aus den tiefen Schachten des deutschen Volkes. Um den Schutz deutscher Bildung in sich zu vermehren und sich seines Deutschtums bewußt zu werden, war er mit seinem Stipendium seinerzeit nicht nach dem Orient, sondern nach Deutsch⸗ land gegangen.

Mit der größten Spannung verfolgte dann Gottfried Keller während des Kampfes von 1870/%71 die Siege der Deut- schen. Seiner Sympathie für das stammverwandte Volk gab er um so energischeren Ausdruck, je stärker jahrhundertalte Gewöh⸗ nung den größeren Teil seiner Landsleute noch an Frankreich e Auf einem Briefkuvert vom 30. September 1870 stehen die zerse von seiner Hand:Kommt herbei, ihr Völker, und seht, wie eines der eueren untergeht! Auch in demProlog zu Beethovens 100. Geburtstag tönt die Erregung jener Tage nach. Dem neuen Reich oder dessen Oberhaupt aber eigentliche poetische Huldigungen darzubringen glaubte er dem Republikaner nicht angemessen. An dem großen Kommers, den die Reichsdeutschen in Zürich am 9. März 1871 zur Feier der Wiederaufrichtung des Reiches in der Tonhalle veranstalteten, und die von seiten der Fran zosen und Franzosenfeinde zu lärmenden und höchst peinlichen Kundgebungen benutzt wurde, nahm Keller teil. Ein Jahr darauf hatte er Gelegenheit, ein umfassendes Bekenntnis seiner Auf⸗ 09855 des Verhältnisses der Schweiz zu Deutschland abzulegen. Bei der Abschiedsfeier des nach Straßburg berufenen Professors Gusserow ipt März 1872 sprach er einen Toast, in dem er ausführte, der Scheidende solle die Straßburger von ihren alten Freunden, den Zürchern, grüßen und ihnen sagen, sie möchten sich nicht allzu unglücklich fühlen im neuen Reiche. Viel leicht käme eine Zeit, gleichviel ob nächstens oder in fünfhundert Jahren, da sich dieses neue Reich so entfalte, daß es Staals⸗ formen der verschiedensten Art, also auch republikauische, ver⸗ tragen und in sich aufnehmen könne; dann wäre eine freiwillige Rückkehr der Schweiz zu Deutschland doch nicht ganz unmöglich. Kellers Trinkspruch wehte in der schweizerischen und deutschen Presse vielen Staub auf und kränkende Beschuldigungen wurden gegen ihn erhoben, so daß der Dichter sich veranlaßt sah, seine mißverstandene Rede öffentlich zu erläutern. Er erklärte sich da vor der Hand mit seinem Vaterlande und dessen Stellung zur übrigen Welt noch lange zufrieden, sah aber eine Gefahr in der Richtung, die den förmlichen Einheitsstaat einführen wolle uns dadurch den alten Bau des Schweizerhauses aushöhlen könnte. In solchem Falle könne doch die Notwendigkeit eintreten, daß die Schweiz in freiem Verein mit ähnlichen Staatsgebilden zu einem großen Ganzen ein Bundesverhältnis treiben könnte. Wenn ich für einen solchen Anschluß ein solches Unterkommen in künftigen Weltstürmen mit Vorliebe an Deutschland dachte, so geschah es, weil ich mich doch lieber dahin wende, wo Tüchtig⸗ keit, Kraft und Licht ist, als dorthin, wo das Gegenteil von alledem herrscht.

So dürfen wir uns heut manchen unliebsamen Erlehnissen gegenüber der Gewißheit erfreuen, daß der große Schweizerdichter sich als echter Deutscher und dem deutschen Volle geisti aufs innigste verbunden fühlte. Und dabei wollen wir auch seines Dioskuren Konrad Ferdinand Meyer gedenken, der seinem Hauptmann Daxelhofen, als ihn der Franzmann zum Sturme gegen Mainz führen will, die kernigen Worte auf

die Zunge legt:Den König laß ich grüßen das Deutsche Reich befehd' ich nicht. f

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