Ur. 253 Zweites
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Eießener Famillenblätter“ werden dem
8„Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das
„Kreisblatt für den Areis Gießen“ zweimal
wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
105. Jahrgang
bießener Anzeige
Mittwoch, 27. Oktober 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul ⸗
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: 51, Schrift
leitung: S912. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Der Umschwung in Athen. Aus Berlin wird uns geschrieben:
Die letzte Antwort Griechenlands an den Vierverband ist in zwei Lesarten durch die Welt gegangen, in einer schwächeren, schwächlichen und in einer überraschend energi⸗ schen. In der schwächeren wird bedauert, daß der Vierver⸗ band die griechische Politik nicht verstehen wolle. In der energischen Form wird dem Vierverband rundweg der Stuhl vor die Türe gesetzt. Die zweite Lesart, die energische, ist höchstwahrscheinlich die Aichlige In der ersten waren nur einige einleitende Höflichkeiten der griechischen Note zu⸗ sammengestellt. Griechenland wartet nun, daß die Vierverbandstruppen, auch jene, die bereits nach dem Kriegsschauplatz abgegangen sind, über Saloniki zur See wieder abtransportiert werden. Die Athener Regie⸗ 55 ist entschlossen, soweit die griechische Militärmacht reicht, die gelandeten Truppen entwaffnen und in Ge⸗ fangenenlager internieren zu lassen. Reicht nun Grie⸗ chenlands militärische Stärke zu einem solchen heroischen. Entschluß aus? Die Antwort der militärischen Fachleute, von denen sich König Konstantin beraten ließ, soll Ja ge⸗ lautet haben. Während in den früheren Kriegen Griechen⸗ lands die Stärke des Heeres zehn Divisionen betrug, ist sie durch die Reformen der letzten Jahre auf vierundzwanzig Divisionen gebracht worden. 15 diesen Reformen gehörte auch die Aufstellung von zwölf Artillerieregimentern und vier Abteilungen Gebirgsartillerie. Die Erfahrungen des
letzten Balkankrieges haben ferner dazu geführt, daß die Luftschiff⸗ und Verkehrstruppen jetzt im griechischen Heere durch eine neue Luftschifferkom⸗
pagnie, ein neues Telegraphenbataillon und ein Bataillon Verkehrstruppen vermehrt worden sind. Endlich hat die Kavallerie, eine Vergrößerung um zwei neue Regimenter erfahren. Man rechnet insgesamt eine Kriegsstärke von 450 000 Mann aus, wahrlich eine Macht, die den in Saloniki eingedrungenen Vierverbandstruppen die Spitze bieten kann, zumal in den letzten Tagen das griechische Korps bei Saloniki um zwei Divisionen verstärkt worden ist und weitere Ergänzungen dem Prinzen Nikolaus, dem Kommandanten der Salonikier Streitkräfte, schleunigst zu⸗
hen sollen. Für die Durchsetzung seines Hausrechts zu ande braucht Griechenland nicht zu bangen. Was man in Athen wohl heimlich immer noch fürchtet, ist ja nur Eng⸗ lands Seemacht, die Bedrohung der griechischen Küsten durch die britischen Schiffe. Die materiell schwache griechische Flotte ist einem Angriff stärkerer Seestreitkräfte auf offe⸗ nem Meere nicht gewachsen. Die zahllosen Hafenstädte liegen für das Feuer feindlicher Kriegsschiffe offen und ungeschültzt da, und mam hat es ja soeben in Dedeagatsch erlebt, wie heldenhaft sich Albion dünkt, wenn es gegen alles Völker⸗ recht unverteidigte Kütstenstädte zusammenschießen läßt. Aber es ist nicht alles militärischer Erfolg, was knallt. Solche Beschießungen sind ein üblicher britischer Bluff. Sollte man ihn 881 an griechischen Küsten versuchen, so hat die hellenische Flotte doch soviel kleine Seekriegsmittel, wie und Unterseeboote, daß den englischen, fran⸗ zösischen oder gar italienischen Schiffen bald die Lust zur Annäherung vergehen dürfte. Die insel⸗ und buchtenreichen Gewässer bieten ein vorzügliches Betätigungsfeld für den Verteidiger. Das Personal der griechischen Flotte besitzt große Erfahrung in moderner Kampfführung zur See. Im letzten Kriege haben sich die Besatzungen griechischer Schiffe mehrfach ausgezeichnet, und die erfolgreiche Tätigkeit des Panzerkreuzers„Georgios Averoff“ bildet ein Ruhmes⸗ blatt in der Seekriegsgeschichte Griechenlands. Somit er⸗ scheinen auch die Aussichten, daß Griechenland zur See allen Drohungen und Augriffen des Vierverbandes standhalten kann, durchaus günstig. Große Seeschlachten braucht es dem
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Gegner nicht zu liefern, und im übrigen wird, ganz wie im großen Weltkriege, die Entscheidung zu Lande fallen. Griechenland hat in seiner Absage an Serbien darauf hin⸗ gewiesen, daß die„griechischen Streitkräfte in Reserve ge— halten werden im Hinblick auf eine spätere bessere Verwen⸗ dung“. Der Augenblick dieser Verwendung rückt heran. Der Vierverband hat es nachgerade mit allen auf dem Balkan verdorben. Wenn auch Griechenland offiziell Verhandlungen mit Bulgarien in Abrede stellt, so beweist doch sein friedlicher und freundschaftlicher Ankauf gewaltiger Mengen bulgari⸗ schen Getreides, daß Athen und Sofia sich verstehen, sich ver— tragen. Man lacht über den Vorschlag der englischen Ge⸗ sandten, die Frage der Beteiligung Griechenlands gegen Bulgarien dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten, und man fürchtet in Athen für Saloniki weniger von seiten der noch weit nördlich kämpfenden Bulgaren als von seiten des eingedrungenen Vierverbandes. Gegen diesen bäumt sich der griechische Unwille auf, und wenn nicht alle Zeichen trügen, ist es keine diplomatische Pose, keine leere Demonstration mehr, sondern die starke Geste eines Volkswillens, der sich durchsetzen wird. 5
Athen, 26. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Agence d' Athenes. Eine halbamtliche Note, die in den Blättern veröffentlicht wird, erklärt die Gerüchte über eine beabsichtigte Verletzung serbischen Gebietes durch Griechenland für unrichtig. Die Note fügt hinzu: Die griechische Re⸗ gierung hat niemals daran gedacht und kann niemals daran denken, irgend einen Teil des einem verbündeten Staate gehören⸗ den Gebietes zu besetzen. Ebenso entschieden werden die Erklärun⸗ gen abgeleugnet, die nach der Behauptung des Budapester Blattes „A Villag“ der griechische Gesandte in Sofia dem Ministerpräsi⸗ denten Radoslawow gegeben haben soll. Diese Erklärungen, die von der Wiener Presse wiedergegeben sind, beziehen sich auf die Besetzung von Doiran und Sengheli durch Griechen⸗ land zum Schutze Salonikis und auf die Beweggründe der griechi⸗ schen Mobilmachung. Ebenso entbehren die Mitteilungen des Blat⸗ tes über Verhandlungen Griechenlands mit Bulgarien jeder Begründung.
Sofia, 26. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der bul⸗ garischen Telegraphenagentur. Die griechische Regierung beauftragte einen Ausschuß, bestehend aus dem Sektionschef im Verkehrsministerium, Bujucas, dem Abteilungsvizechef der Na⸗ tionalbank Sotrorius Vanakopulos und dem Sekretär im Mi⸗ nisterium des Aeußern, Delusos, sich nach Sofia zu begeben, um für Rechnung der Regierung in Bulgarien Getreide an⸗ zukaufen und die Frage der Verfrachtung zu regeln. Die Mit⸗ glieder des Ausschusses sind bereits in Sofia eingetroffen.
Als ich in Aesküb war. Eine Reiseerinnerung. Von Paul Zschorlich(Berlin).
Den reißenden Ibar entlang, durchs wilde Kopaonikgebirge⸗ hindurch war ich in der Stadt Novipasar angelangt, in einer Märchenstadt, reich an weißen Minaretts, in saftiges Grün ge⸗ bettet und von hohen Gebirgen* Von hier bis Mitro⸗ witza waren es noch zehn Stunden genfahrt. Unvergeßlich ist mir der hohe Paß, über den der steinige Weg führte. Volle fünf Stunden ging es bergan. Man schämte sich fast vor den beiden) Pferden, denen Unglaubliches zugemutet wurde. Dann sausten wir holter die polter an Bergabhängen entlang und durch Gebirgs⸗ bäche hindurch nach Mitrowitza hinunter, wo der langentbehrte Pfiff einer Eisenbahn fast vertraulich anmutete.
Mitrowitza ist Endstation der von Saloniki heraufkommenden, in Uesküb sich gabelnden Bahn, deren anderer Strang nach Nisch führt. Damals— die Serben waren gerade Herren des Landes geworden— ging nicht alle Tage ein Zug und wenn er fuhr, brauchte er für die 120 Kilometer anstatt der fahrplanmäßigen sechs Stunden beinahe das Doppelte. 8
Am Schalter in Mitrowitza verlangte ich eine Fahrkarte nach Uesküb. Der serbische Beamte sah mich groß an und ließ das Fenster wieder herunter. Ich trommelte an die Scheiben, denn ich dachte; eine Ungehörigkeit ist der andern wert, und verlangte, als er öffnete, abermals eine Karte nach Uesküb. Da brüllte er: „Es gibt kein Uesküb mehr. Die Stadt heißt jetzt Skoplje!“
Diese kurze, aber gründliche Lektion am Fahrkartenschalter belehrte mich also darüber, daß der türkische Name„Uesküb“ unter dem neuen Regiment verpönt und daß es bedenklich war, ihn noch zu gebrauchen.. 5
Die Fahrt ging durch das historisch berühmte Amselfeld, eine von Gebirgszügen eingeschlossene Ebene, die in alter Zeit von Fruchtbarkeit strotzte, heute aber kaum noch als Viehweide gut ist. Hier ist die Völkerschlacht von 1389 geschlagen worden, deren glücklicher Ausgang die türkische Herrschaft in Südost⸗Europa auf Jahrhunderte befestigte. In der dortigen Gegend werden be⸗ sonders viel die alten serbischen Volkslieder gesungen, die vom Ruhm vergangener Tage erzählen. Das Kossowo polje(so heißt im Serbischen das Amselfeld) spielt eine große Rolle in ihnen. Ja, wenn es nur aufs Singen ankäme, dann stünde die serbische Herrschaft auf anderen Füßen!
Es scheint, daß die Serben auf genau demselben Weg auf dem sie vor zwei Jahren nach Süden von Krajewo über Raschka und Mitrowitza bis nach Uesküb vorgedrungen sind, nun nach der Eroberung von Uesküb ins Innere zurückfliehen. Das Ibartal besitzt eine schöne breite Straße, auf der es sich gut fliehen, aber auch gut verfolgen läßt. Nur oberhalb Uesküb, wo die Gebirgsmasse der Schar Planina durchschritten wird, ist infolge des dort befind⸗ lichen Engpasses Vorsicht für ein nachrückendes Heer geboten, da sich die Serben vermutlich an dieser Stelle in den Hinterhalt legen werden. Dann aber ist die Straße bis Mitrowitza und darüber hinaus frei. Schwerlich wird freilich das Amselfeld, wenn es die Bulgaren passieren, zu einem Schlachtfeld werden. Denn sich zu einer größeren Schlacht zu stellen, ist den Serben schon aus Gründen der Zahl nicht mehr möglich.
Die Fahrt hinunter nach Uesküb ist malerisch. Ein mächtiger Gebirgsstock erhebt sich zur Rechten; der fast 3000 Meter hohe Ljubotin, die höchste Erhebung der Schar Planina, in deren Schluchten selbst im Hochsommer dicker Schnee liegt. Dieser Berg ist es, der Uesküb einen so imposanten Hintergrund verleiht. Man befindet sich doch hier auf der Höhe von Rom! Und die Hitze gibt im Sommer der mittelitalienischen Temperatur wahrlich nichts nach. Und doch blinken die Spitzen der Schar Planina wie des nur 1850 Meter hohen Karaschitza weiß ins Tal hinunter. Gern hätte ich einen Abstecher in das wilde Gebirge gemacht, das von der Bahnstation Orhanie in wenigen Stunden zu erreichen ist, aber von allen Seiten wurde mir abgeraten, denn die albanischen Stämme, die dort drinsitzen, üben Raub und Erpressung heute noch so unbefangen, wie es ihre Väter taten. Ohne militärischen Schutz ist ein solcher Ausflug nicht möglich. Der Ljobotin ist übrigens eines der dankbarsten Gemsenreviere, die es heute noch gibt.
Nach der Durchquerung eines großartigen Felsdefilés fährt der Zug, der auf jeder kleinen Bahnstation mindestens zehn Minuten gehalten hat, im Bahnhof von Uesküb ein. Diese Hauptstadt der Provinz Kossowo zählt etwa 60 000 Einwohner, ein buntes Ge⸗ misch von Türken, mohammedanischen Albanesen(Arnauten), Bul⸗ garen, Serben, Griechen, Juden und Zigeunern. Die Türken bilden mit den Albanesen, zu denen auch(katholische) Miriditen kommen, etwa die Hälfte der Bevölkerung, ein Viertel machen die Bulgaren aus, die unter der serbischen Eroberung natürlich be⸗ sonders schlimm daran waren, da sie sich hassen, wo immer sie sich begegnen. Malerisch am Wardarfluß gelegen verkörpert Uesküb trotz des starken slawischen Einschlags das Türkentum der alten 1 Will man den echten, alten Türken sehen, der von moderner
tur noch völlig unberührt geblieben ist, so muß man ihn hier suchen. Der Orient drängt sich dem Reisenden hier viel mehr auf als selbst in Konstantinopel, das von Jahr zu Jahr mehr west⸗ europäischen Einfluß verrät. In Uesküb aber, dessen Eisenbahn⸗ verbindung von Westeuropäern so gut wie gar nicht benutzt wird und das außerhalb des großen Verkehrs liegt, ist alles beim Alten geblieben. Nur im Innern Kleinasiens sieht man heute noch einen so primitiven, altertümlichen Bazar. In Uesküb grüßen sich die alten Türken noch mit der ganzen Feierlichkeit und liebens⸗ würdigen Umständlichkeit, die sie ihrem Salem aleikum zu ver⸗ leihen wissen, hier werden die religiösen Vorschriften peinlich genau genommen. Wenn der Muezzin zum Gebet ruft, breitet sich eine plötzliche Ruhe über die ganze Straße und jeder Gläu⸗ bige widmet sich unbekümmert um das, was um ihn herum vorgeht, für eine bis zwei Mimtten seiner Andacht. Das Händlertum auf der Straße könnte einen preußischen Polizeipräsidenten zur Ver⸗ zweiflung bringen und das Ausschreien der Waren nicht minder. Da kommt der Mann mit den Honigkuchen, ein andrer bietet
Kunst und Wissenschalt.
— Uraufführung von Lienhards„Münch⸗ hausen“ in Weimar. Man schreibt uns aus Weimar: Als Nachfeier zum fünfzigsten Geburtstage des Dichters brachte unser Hoftheater das vieraktige Lustspiel„Münchhausen“ in liebevoller Einstudierung heraus und erzielte vor dem fast aus⸗ verkauften Hause einen warmen, herzlichen Erfolg, der sich nach jedem Akte in mehrfachem Herausrufen kundgab. Der Erfolg ist um so höher zu werten, als er nicht durch derbe Situationskomik, son⸗ dern durch feinen Humor und sinnige Symbolik erzielt ist. Wie schon in seinem„Till Eulenspiegel“, hat der Dichter hier eine volkstümliche Figur in den Mittelpunkt einer anmutig be⸗ wegten Handlung gestellt und zur Trägerin tieferer Ideen gemacht. Aus dem Lügenbaron, der nur aus Pralhanserei ausschneidet, ist der bewußte Vertreter einer Weltanschauung geworden, die über die Nüchternheit des Alltagslebens sich erhebt und auf den. Flügeln der Phantasie die Grenzen von Raum und Zeit über⸗ springt. Ein Feind jeder gemeinen Lüge, sieht der gütige Schloß⸗ herr sich von einer diebischen Dienerschaft umgeben, und selbst seine Wirtschafterin, die er zur Baronin erheben wollte, hat ihn getäuscht. So findet der Vereinsamte Zuflucht aus einer ver⸗ logenen Wirklichkeit bei seinem Neffen Hans, der ihn versteht und
seine Phantasien nicht verspottet. In trefflicher Maske gab Hans ritz Gerhard den Titelhelden und verkörperte in Haltung, ort⸗ und Mienenspiel so feinfühlend die Absichten des Dichters, daß diese Figur in ihrer inneren Größe glaubhaft emporwuchs: ihm galt unter den Darstellern mit Recht der Löwenanteil des Beifalls. Johannes Riemann gab den jugendlichen Hans mit verhaltener Innerlichkeit. Märchenhaft war die Sommer⸗ F der phantastischen Wildnis von Münchhausens Park. Die fführung ist ein Zeichen für das ernste künst⸗ lerische Streben des Weimarer Hoftheaters. Dr. A. St.
— Ein Besuch bei Wieland und Goethe im Jahre 1783. In außerordentlich anschaulicher Weise erzählt das Tagebuch eines Züricher Studenten über eine Reise von Halle nach Weimar im Frühjahr 1783. Der Studiosus hieß Johann Heinrich Landvet und war ein Better jenes Salomon Landvet, den Gottfried Keller in dem„Landvogt von Greifensee“ in den „Züricher Novellen“ unsterblich machte und dessen freundlicher Biograph, David Heß, sich Goethes Wertschätzung erfreuen durfte.
Aus dem zweiten Bande der zwölf Bände umfassenden, in Privat⸗ besitz befindlichen Tagebücher wird nun im letzten Heft der „Schweiz“ der besonders interessante Abschnitt wiedergegeben, in dem der junge Student den Abstecher nach Weimar und den Aufenthalt daselbst erzählt. Ausgezeichnete Empfehlungsbriefe Züricher Freunde, auch Lavaters, öffneten dem jungen Landvet
dem i begleitenden Landsmann, Hartmann Friedrich
6 von Escher, alle Türen. In den Mittelpunkt des Tagebuch⸗
Berichtes fallen die Erzählungen über die Besuche bei den„großen Gelehrten“. Zuerst kam Wieland dran.„Abends konnten wir
noch Herrn Wieland sprechen; er empfing uns mit vieler Höflich⸗
keit. Da er eben vom Hofe kam, so mar er sehr geputzt. Allein ich fand den Mann gar nicht an ihm, den ich erwartet hatte. In seiner Physiognomie konnte ich nie den Verfasser des Oberon und so vieler schlüpfriger Gedichte erkennen. Seine hohe Stirn kündet Verstand und Witz an, sein Mund ist ziemlich breit und die Nase etwas habichtsartig. Sein Auge scheint etwas wollüstig. Hie und da haben zwar die allmählich herannahenden mehreren Jahre in seinem Gesicht Furchen zu graben angefangen. Indessen blickt noch ein Schimmer von sanfter Röte auf seinen Wangen durch. In Gesellschaft scheint er recht gern das große Wort zu führen. Wir blieben wohl eine halbe Stunde bei ihm.“ Wieland erzählt ihnen von seinem Züricher Aufenthalt, von der Freund⸗ schaft mit Bodmer und wie er allgemach hinter die Art seiner dichterischen Produktion, die mehr Imitation gewesen, gekommen sei. Den Bericht über den Besuch bei Wieland schließt das Tagebuch mit folgender ergötzlicher Bemerkung:„Sehr unangenehm ist für einen Fremden die fatale Gewohnheit, daß, wenn man mit Wieland im Gespräch ist, alle Augenblicke eines seiner vielen Kinder (denn er wird deren nun in wenigen Wochen neun haben), bis⸗ weilen auch erwachsene Leute, die Türe halb aufmachen, um die Fremden zu besehen, und dann wieder schnell zuschließen; man weiß nicht, ob man sitzen bleiben oder aufstehen soll. Er entschul⸗ digte sich, seine Kinder, die kleinen Affen wären immer so neu⸗ gierig, die Fremden zu sehen, die zu ihnr kämen. Indessen sollte ein solcher Mann dergleichen Unanständigkeiten nicht dulden“ Der Besuch bei Goethe fiel kürzer aus.„Er empfing uns sehr höflich. Seine Physiognomie ist stark und eben nicht einn.„ die Nase ziemlich groß. Seine schwarzen Augen sind lebhaft und verraten einen feurigen Geist. Jetzt schreibt er nicht mehr viel, weil er, wie er sagt, so sehr mit Geschäften überhäuft ist. Unser Gespräch betraf ganz gleichgültige Dinge. Man merkt es ihm an, daß er sich Mühe gibt, seine Würde zu behaupten und immer zu repräsentieren.“
— Fabre und der ahnungslose Pasteur. Der kürzlich verstorbene berühmte Entomvloge Jean Henri Fabre, den Victor Hugo einmal begeistert den„Homer der Insekten“ ge⸗ nannt hat, war nicht mir ein hervorragender Gelehrter, sondern auch ein Mann von einer seltenen Herzensgitte und frei von jedem nationalen Vorurteil, so daß ihn auch die deutsche Wissen⸗ schaft und die zahllosen Freunde, die er sich auch bei uns durch seine Forschungen erworben hat, aufrichtig betrauern. In einer seiner unterhaltenden Plaudereien erzählt der greise Einsiedler von Seévignan leinem provinzalischem Dörfchen, in dem er sich in 40 Jahren endlich ein kleines Besitztum„zusammengedarbt“ hatte), mit dem ihm eigenen Humor, wie auch die Unwissanheit ihr Gutes haben kann. Er hat diese Weisheit des Lebens an dem berühmten L. Pasteur erfahren, der damals zur Untersuchung der sogen, Kalksucht der Seidenraupen, die die ganze südfranzö⸗ sische Seiden hucht zu ruinieren drohte, die Provence bereiste un eines schönen Tages bei Fabre vorsprach. Man muß ihn das
nun Folgende selbst mit seinem leichten freundlichen Humor er⸗ zählen lassen.„Ich möchte gern Kokons sehen,“ erklärte der For⸗ scher mit dem Weltruf,„ich habe sie noch nie zu Gesicht bekommen und kenne sie nur dem Namen, nach. Können Sie mir nicht einige verschaffen!“ Fabre eilte zu seinem Nachbar und schaffte sofort eine ganze Kollektion Kokons zur Stelle. Pasteur nimmt eines von den Gespenstern, dreht es zwischen den Fingern hin und her und untersucht es neugierig wie einen merkwürdigen, vom anderen Ende der Welt gekommenen Gegenstand. Nachdem er es vor dem Ohr hin und her geschüttelt hat, sagt er ganz über⸗ rascht:„Das gibt ja einen Laut von sich, es muß etwas darin sein!“„Gewiß, die Puppe, eine Art Mumie, in die sich die Raupe verwandelt, bevor ein Schmetterling daraus wird,“ erklärt Fabre nicht ohne Erstaunen über die Ahnungslosigkeit des Gelehrten. Der forscht weiter:„Und in jedem Kokon steckt ein solches Ding?“ „Freilich, zum Schutze der Puppe hat die Raupe den Kokon ge⸗ sponnen.“„Ah!“ und ohne weiteres wanderten die Kokons in die Tasche des Gelehrten, der sich mit Muße über diese große Neuigkeit, die Puppe, unterrichten wollte.. Jean Henri Fabre war ein Mann von unbedingter Wahrheitsliebe, und so darf diese kleine Geschichte, die im dritten Teil der von der Kosmos⸗ Gesellschaft für Naturfreunde herausgegebenen Fabreschen„Bil⸗ der aus der Insektenwelt“ enthalten ist, als völlig authentisch angesprochen werden. Pasteur wußte nichts von Kokons und rettete doch die Seidenzucht durch Entdeckung ihres Schädlings. Fabre zog daraus die Nutzanwendung, mit voraussetzungslosen Nichts⸗ wissen auch an seine Forschung gehen zu sollen, und er verdankt diesem Entschluß seine prächtigen Beobachtungserfolge.
Die Kriegsverluste der Orford⸗Universität. Die Orford⸗Universität, die berühmteste Hochschule Englands, hat, wie die„Times“ in einer sentimentalen Betrachtung ausführt, schwer unter dem Kriege zu leiden. Nach den bisherigen Nennun⸗ gen werden zum neuen Semester nur 300 neue Hörer erscheinen, während die Zahl der Neuankömmlinge sonst 1000 betrug. Alles in allem wird die Universität in diesem Jahre nur 600 Hörer versammeln statt der sonst üblichen 3000. Eine große Zahl der Orford⸗Studenten steht im Felde oder im Dienste der Kriegs⸗ verwaltung; und auch die Zahl der Universitätsangestellten wird durch den Krieg ständig verringert. So geht, wie die„Times“ bemerkt, die Oxford⸗Universität einem„völligen Mangel an Men⸗ schen und Geld entgegen. Das Defizit des Jahres 1915 bringt die Anstalt in eine mehr als schwierige Lage. Die Erhaltungs- kosten müssen auf das Notwendigste beschränkt werden. Die freien Lehrstellen sind noch nicht neu besetzt, eine Anzahl davon soll auf⸗ gegeben werden. Ebenso werden mehrere Kollegien geschlossen. Bisher sind 540 Angehörige der Universität gefallen, 60 werden vermißt. Auch die anderen Universitäten und Hochschulen Eng⸗ lands sind infolge des Krieges in eine Lage gebracht, die ihr
d unverändertes Fortbestehen zum Teil in Zweifel stellt.
——


