Ausgabe 
(27.10.1915) 253. Erstes Blatt
Seite
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Nr. 255

Der Sießener Anzeiger erscheint täglich, außer Sonntags. Beilagen: viermal wöchentlich Glezener Familienblätter; weimal wöchentl. Kreis⸗ latt für den Kreis Gießen (Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land⸗ wirtschaftliche Zeitfragen Fernsprech-Anschlüsse: für die Schriftleitung 112 Verlag, Geschäftsstelledl Adresse für Drahtnach⸗ richten: Anzeiger Gießen. Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Abend vorher.

165. Jahrgang

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General⸗Anzeiger für Obehessen

Rotationsdruck und verlag der Brühl schen Univ.⸗Buch⸗ und Steindruckerei R. Lange. Schriftleitung, Seschäftsstelle und druckerei: Schulstr. 7.

Mittwoch, 27. Oktober 1015

Bezugsvrel,⸗ monatl. 85 Pf., viertel⸗ K ährl. Mk. 2.50; durch Aohole- u. Zweigstellen monatl 75 Pf.; durch die Post Mk. 2.30 viertel⸗ jährl. ausschl. Bestellg. Zeilenpreis: lokal 15 Pf., ausw. 20 Pf. Haupt- schriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für den politischen Teil und das Feuilleton: Aug. Goetz; für Stadt und Land, Vermischtes und Ge⸗ richtssaal: Otto Braun; für den Anzeigenteil: H. Beck, sämtlich in Gießen.

Ein erheblicher Erfolg der Armee Linsingen. Gute Fortschritte in Serbien.

e.) Croßes Hauptquartier, 26. Oktober. Amtlich.) 5 Westlicher Kriegsschauplatz.

Nordöfstlich von Souchez wurden feindliche Hand⸗ granatenangriffe abgewiesen. In den Kämpfen vom 24. Okt. sind an der vorspringenden Ecke nördlich von Le Mesnil in der Champagne etwa 250 Meter unserer Stellung vorüber⸗ gehend in Feindeshand gekommen. Gestern wurden die Fran⸗ zosen wieder daraus vertrieben. Fünf Offiziere und über 150 Mann blieben gefangen in unserer Hand. Nordöstlich von Le Mesnil hält der Feind noch einen kleinen deutschen Graben besetzt. Auf der Combreshöhe hatten un⸗ sere Sprengungen guten Erfolg. Französische Sprengungen im Priesterwalde blieben erfolglos.

g Oestlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg.

Der Illuxrt⸗Abschnitt nördlich von Illuxt ist wieder überschritten. Das bereits vorgestern vorübergehend genommene Gehöft Kasimirschki ist fest in unserer Hand.

Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. Russische Angriffe östlich Baranowitschi und gegen unsere Kanalstellung südlich des Wygonowskoje⸗Sees sind abgeschlagen. 5

Heeresgruppe des Generals v. Linsingen.

Oestlich von Kukli(westlich von Czartorysk) wurden in der Nacht vom 25. Oktober die feindlichen Stellun⸗ gen gestürmt; ein allgemeiner russischer Gegenangriff blieb erfolglos. Gestern wurden weitere Fortschritte gemacht. Der Feind ließ vier Offiziere, 1450 Mann und zehn Maschinengewehre in unserer Hand.

Balkan⸗Kriegsschauplatz.

Oestlich von Visegrad ist die Höhenlinie Suhagora Panos erreicht. Der Angriff der Armeen der Generäle b. Köveß und v. Gallwitz schreitet gut fort. Südlich von Palanka sind die Nordhänge des Racg⸗Tales in unserem Besitz. Weiter östlich sind Marcovac, Vk. Laole, Kurevo ge⸗ nommen. In den letzten drei Tagen sind 960 Serben gefangen genommen. 8 5 5 g

Von der Armee des Generals Bojad jeff liegen keine neuen Meldungen vor.

8 7 Oberste Heeresleitung.

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Der preußische Minister des Innern v. Loebell hat etwas vorzeitig um die Bedürfnisse der künftigen inneren Politik sich bekümmert, insofern er schon jetzt ein Programm über die Beeinflussung der deutschen Presse aufrollt. Der Vorwärts veröffentlicht den entsprechenden Erlaß des Ministers an die Landräte. Wahrscheinlich liegt ein Ver⸗ trauensmißbrauch vor, aber der Inhalt des ministeriellen Programms ist so bedeutungsvoll, daß man daran nicht vorbeigehen kann, wenn auch aus begreiflichen Gründen heute nicht mit voller Gründlichkeit in die Beurteilung der Angelegenheit eingetreten werden kann. In dem auch von derFrankf. Ztg. abgedruckten Aktenstück weist Herr v. Loebell seine Untergebenen darauf hin, daß die bisher von der Regierung angewandten Mittel weder dem Bedürf⸗ nis der kleinen Zeitungen genügt, noch auch eine nachhaltige politische Beeinflussung hätten sicherstellen können.

Ich habe aus diesen Gründen für die Bedürfnisse und die nachhaltige Beeinflussung der kleinen Presse einen Korrespon⸗ denz⸗ Apparat berektgestellt, der technisch und inhalt⸗ lich die verschiedenartigen Bedürfnisse der kleinsten und kler⸗ nen Zeitungen unter Berücksichtigung der verschiedenen Lei⸗ stungsfähigkeit der Zeitungsverleger befriedigen. Die im Verlage desZentralbureaus für die deutsche Presse G. m. b. H., Berlin SW 48, herausgegebenen Korrespondenzen werden künftig den erwähnten Zwecken der Versorgung und Beeinflussung der kleinen Kreis⸗ und Lokalpresse dienen. 3

Der Minister will das künftige Geistesleben, wie er weiter mitteilt, auch mit Hilfe billiger, fertiger Ma⸗ trizen beleben; er beruft sich dabei auf den bisherigen 7 auch bei der deutschen Parteipresse und fährt dann fort: 5 Der Text dieses gesamten Korrespondenzapparqtes esd von meinem Referenten überwacht und nachdrücklich beeinflußt. Eure Hochwohlgeboren ersuche ich, mit den Zeitungsverlegern und Re⸗ daktionen, soweit sie Ihrem Einfluß zugänglich sind, Fühlung zu nehmen, sie auf die erwähnten Korrespondenzen aufmerksam zu machen, ihnen die Benutzung ans Herz zu legen und ihnen des weiteren zu empfehlen, sich mit demZentralbureau für deutsche Presse(Berlin SW. 48, Friedrichstraße 16) wegen der Bezugs⸗ bedingungen der Korrespondenzen in Verbindung zu setzen.

Ein paar gänzlich unpolitische Anmerkungen kann man 7 diesem Vorhaben heute schon machen. Es ist richtig, daß

ie fertig stereotypierten Zeitungen vielfach im Brauche

waren, aber sie stellten keine Kulturblüte dar. Ganz allge⸗ mein sollte auf diese Weise keine öffentliche Meinung ge⸗ macht werden, und man kommt dabei auf ähnliche Betrach⸗ tungen wie beim Kapitel über billige Fabrikware und solide Handwerksarbeit im Sinne des Werkbundes. Die rein poli⸗ 118 Seite des Vorgehens Herrn v. Loebells soll unerörtert bleiben.

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Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht.

Wien, 26. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 26. Oktober 1915.

Rusfsischer Kriegsschauplatz.

Die südwestlich von Czartorysk kämpfenden k. und k. Truppen wiesen mehrere Angriffe russischer Schützen⸗Divi⸗ sionen ab, wobei sie zwei Offiziere und 500 Mann gefangen nahmen und ein Maschinengewehr erbeuteten.

Deutsche Regimenter warfen den Feind beider⸗ seits der von Nordwest nach Czartorysk führenden Straße. Insgesamt ließen die Russen in diesem Raume gestern 1450 Mann und zehn Maschinengewehre in der Hand der Ver⸗ bündeten.

Sonst blieb im Nordosten die Lage unverändert.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Der gestrige Schlachttag verlief im Verhältnis zu den vorangegangenen an der Hochfläche von Dober do ruhiger. Dagegen wurde um unsere Brückenkopfstellungen von Görz und Tolmein sowie im Abschnitt nördlich Tolmein bis zum Krn wieder äußerst heftig gerungen. Alle diese Kämpfe endigten mit dem vollen Mißerfolg des angreifenden Feindes.

Am Krn brachen drei Vorstöße der Italiener in un⸗ serem Feuer zusammen. Vor dem Mrzli Brh scheiterte ein feindlicher Nachtangriff. Gegen den Tolmeiner Brückenkopf bereitete nachmittags ein besonders leb⸗ haftes Artilleriefeuer neue Angriffe starker Kräfte vor. Spät abends schlugen unsere Truppen einen solchen Angriff auf die Höhe westlich von St. Lucia, heute zeitlich früh einen zweiten gegen die Stellung nördlich von Cocarsce, der bis zum Handgemenge führte, unter schwersten Verlusten für den Feind zurück. Der Raum von Descla stand zeitweise unter Trommelfeuer. Ein schwächlichet italienischer Angriff gegen Zagora wurde leicht abgewiesen..

Der Monte Sabotino, vor dem der Gegner in den letzten Tagen mindestens 2500 Mann verlor, wurde gestern nicht mehr angegriffen, wohl aber von der italienischen Ar⸗ tillerie heftig beschossen. Zahlreiche Granaten fielen auch in den Südteil von Görz. Abends griffen sehr starke feindliche Truppen die Padgora⸗Höhe an. Es half ihnen nichts, daß sie Bomben mit giftigen Gasen verwendeten. Sie wurden blutig zurückgeschlagen. e

Gestern ließen sich die Verluste der Italiener bei ihren Angriffen gegen die Hochfläche von Doberdo stellenweise übersehen. So liegen vor der Front eines unferer Infanterie⸗ Regimenter 3000 Feindesleichen.

An der Tiroler Front wiesen die Verteidiger der Lafraun⸗Stellung einen Angriff des italienischen 116. In⸗ fanterie-Regiments ab.

Südöstlicher Kriegsschauplaßz.

Die östlich von Visegrad vorgehenden österreichisch⸗ ungarischen Streitkräfte warfen den Feind an die Grenze zurück. Unter den Gegnern befanden sich neben serbischen Bataillonen auch montenegrinische.

Die im Nordwestwinkel Serbiens operierenden k. und k. Truppen der Armee des Generals v. veß nähern sich der oberen Kolubarg und der von den Serben vor unferer Reiterei geräumten Stadt Valjevo. Die von Obre⸗ no vac südwärts entsandten österreichisch-ungarischen Divi⸗ sionen entrissen dem Gegner nach erbitterten Kämpfen die starken Höhenstellungen südlich und südöstlich von Lazarevac.

Deutsche Truppen trieben den Feind über Arangje⸗ lovac zurück. In Topola und auf den Höhen östlich davon stehen österreichisch⸗-ungarische Kräfte im Gefecht. Die beiderseits der Morava vordringende deutsche Armee be⸗ müchtigte sich der Höhen nördlich Raca, des Ortes Markovac und weiterer serbischer Stellungen südöstlich von Petrovac.

Das Gebirgsland an der Donauschleife östlich der Klissura⸗Enge ist zum größten Teil vom Feinde ge⸗ säubert. Es wurden hier drei von den Serben verlassene Geschütze eingebracht, darunter ein schweres.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant. Ereignisse zur See.

Am 24. Oktober nachmittags suchte ein italienischer Flieger die Stadt Triest mit Bomben heim, wobei er, ohne einen Materialschaden anzurichten, drei Einwohner tötete und mehrere verwundete. Der Besuch wurde wenige Stunden später durch unsere Marineflieger in Venedig

erwidert, wo sie von ½11 Uhr nachts bis 1 Uhr früh in rascher Folge Arsenal, elektrische Zentrale, den Bahnhof, einige Festungswerke und andere militärische Baulichkeiten ausgiebig und erfolgreich mit Bomben mittleren und schwer⸗ sten Kalibers belegten und zahlreiche Brände verursachten. Am nächsten Morgen um 8 Uhr griff ein Seeflugzeuggeschwa⸗ der neuerdings Venedig an, wo noch ein vom nüchtlichen Bombardement herrührender Brand emporloderte. Außer den früher aufgezählten Gebäuden wurden diesmal auch Flugzeughalle und Kriegsfahrzeuge erfolgreich bombardiert. Schwächliche Versuche zweier feindlicher Flieger, unsere Aktionen zu stören, wurden durch unser Gewehrfeuer in kür⸗ zester Zeit vereitelt. Bei beiden Unternehmungen wurden unsere Flieger von starker Artillerie heftig, aber ganz erfolg⸗ los beschossen. Alle kehrten unversehrt zurück. 5 Flottenkommando.

* Ein Fliegerangriff auf Venedig. Berlin, 27. Okt. Oesterreichische Flieger griffen

am 24. Oktober gegen 10 Uhr abends in Venedig verschiedene

Stadtteile an. Eine Bombe traf, wie die Morgenblätter melden, das Dach einer Kirche und beschädigte ein bekanntes Wand⸗ gemälde von Tiepolo. Eine Brandbombe fiel auf den Markus⸗ platz nieder ohne Schaden anzurichten. Fünf andere Bomben fielen in die Kanäle, sowie auf verschiedene Stadtteile, wobei angeblich nur leichter Schaden verursacht wurde. Genau zu der⸗ selben Stunde und Minute, als die österreichischen Flieger Vene⸗ dig bombardierten, fand in dem allen Venedig⸗Reisenden wohl⸗ bekannten früheren RestaurantStadt Pilsen, neben dem Mrrr⸗

kusplatz, ein großes Bankett zu Ehren der Venedig be⸗

schützenden französischen und italienischen Flieger statt. Die Flieger saßen mit dem Bürgermeister zusammen, als die Bomben herab⸗ fielen. Die italienischen Zeitungen überbieten sich in Ausdrücken der Entrüstung wegen der Beschädigung des Wandgemäldes von Tiepolo. DerBerliner Lokalanzeiger meint dazu: Die Italiener wollen jetzt wieder das gleiche falsche Spiel treiben, das seinerzeit mit der Beschießung der Kathedrale von Reims getrieben wurde. Die Sentimentalität hat im Kriege keinen Raum; nach diesem Grundsatz handeln unsere Feinde, deshalb müssen auch wir danach handeln.

Ein deutsch⸗schweizerischer Fliegerzwischenfall.

Berlin, 26. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Am 17. Oktober warf eindeutscher Doppeldecker über schweizerischem Gebiet bei dem OrtgLa chaux de Fonds einige Bomben ab. Der Führer des Flugzeucs war durch Wolken und Dunst in der Orientierung voll⸗ ständig behindert und befand sich in dem besten Glauben, auf französischem Gebiet zu sein. Durch den Bombenwurf ist ma⸗ terieller Schaden angerichtet und auch vier Personen sind, glück⸗ licherweise nur leicht, verletzt worden. Auf den Protest der schweizerischen Regierung ist seitens der zuständigen deutschen Behörden eine Untersuchung eingeleitet worden, die die Rich⸗ tigkeit des oben geschilderten Tatbestandes ergeben hat. Selbst⸗ verständlich haben die deutschen Militärbehörden die für den Unfall Verantwortlichen, die damit gegen wieder⸗ holte Befehle verstoßen haben, zur entsprechenden Verant⸗ wortung gezogen. Gleichzeitig sind alle Fliegerabteilungen erneut vor dem Ueberfliegen neutralen Gebietes nachdrücklich gewarnt worden. Der schweizerischen Regie⸗ rung hat die kaiserliche Regierung unverzüglich ihr lebhaf⸗ tes Bedauern über den Vorfall ausgesprochen, sie von den getroffenen Maßnahmen in Kenntnis gesetzt und Leistung von Schadenersatz und Gewährung von Schmerzensgeldern zugesagt. Die schweizerische Regierung ist bei der Regelung dieses Zwischen⸗ falles der kaiserlichen Regierung in jeder Beziehung entgegen⸗ gekommen, so daß er nunmehr als vollständig erledigt betrachtet

werden kann. * 8

1 Vom serbischen Uriegsschauplatz. Die Hilfe des Vierverbandes für Serbien.

Paris, 26. Okt.(WTB. Nichtamtlich.)Petit Parisien glaubt bestätigen zu können, daß die russische Regierung in den letzten Tagen Vertretern des Vierverbandes ihre Absicht bekräftigt habe, sobald als möglich Serbien zu Hilfe zu eilen. Es handele sich nicht nur um eine Entsendung zur See, sondern um eine Entsendung beträchtlicher Truppen. Es seien Maßnahmen getroffen, damit diese Hilfe Serbien an be⸗ sonders empfindlichen Stellen der Ostfront wirksame Unterstützung bringe.

Lyon, 26. Okt.(WTB. Nichtamtlich.)Progres meldet aus Paris: Frankreich und England haben sich verpflichtet, je 150 000 Mann zu stellen, welche Serbien gemäß seinem Bündnisvertrag mit Griechenland Bulgarien gegenüber stellen soll.

Eine Niederlage der Franzosen und Serben

bei Strumitza.

Berlin, 27. Okt. Ueber eine Niederlage der Fran⸗ zosen und Serben bei Strumitza meldet lautBerl. Tagebl. dieTimes aus Athen: Der Kampf zwischen Krivolac und Strumitza ging am Freitag abend zu Ende.

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