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nr. 250 drittes Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Ureis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Gberhessen
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗ leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Zur Kriegszeit in London.
Von Karl Wichmann. II. Londoner Musik während des Krieges.
Auch in musikalischer Beziehung hat die Siebenmillionenstadt während des Krieges nicht gerade Großartiges oder Ehrfurcht⸗ gebietendes geleistet. Aus der Zeit des Hasses wollte sie um jeden Preis der Welt einen britischen Herold der Musik gebären. Aber dex allbritische Musikheros hat sich bis zum Augenblicke noch nicht eingestellt, weder auf dem Gebiete der Konzertmusik,
auf dem der Oper, trotz aller Lockungen und Preise, die
der„Alliierten“ spielt man zum größten Teil aus reiner Höf⸗ lichkeit. Nur Tschaikowsky und Debussy haben einen wirklichen Erfolg, während die Londoner Konzerte, die neue Werke angel⸗ sächsischer Tonsetzer vorführen, aufs Peinlichste durch den leeren Saal auffallen. Dagegen sind die Konzerte, in denen die Werke des Germanen Wagner zu Worte kommen, ausverkauft. Ein Be⸗ weis dafür, daß hie und da doch noch gesundes Denken an⸗ ist, trotz„Daily Mail“ und Genossen.
Als leidenschaftlicher Musikliebhaber stand ich fortwährend in Berührung und Fühlung mit den Londoner Kreisen, und die Leidenschaftlichkeit gebildeter Musiker gegen Deutschland und die Deutschen überraschte mich noch weit peinlicher als die des blin⸗ den, unverständigen Pöbels. Aber gerade die Künstler: Maler, Literaten und Musikbeflissene zeigen den ungeheuerlichsten Fana⸗ tismus. Sie traten mir mit schneidender Kälte entgegen, aus ihren Aeußerungen wehte es wie Gletscherluft und nach dem früheren, überaus warmen Gedankenaustausch berührte ihr hoch⸗ mütiger Ton beleidigend Mehr jedoch als alles andere schmerzte mich die völlige Verwandlung eines begabten Komponisten, dessen höchster Ehrgeiz es noch vor einigen Monaten gewesen war, in dem nun so verpönten Germany aufgeführt zu werden. Des früheren innigen Verhältnisses eingedenk, ging ich ihm Lebewohl sagen. Daß ich ihm trotz seines verwandelten Benehmens nichts nachtrug, schien ihn weich zu stimmen. Rasch kam das Gespräch auf das Unvermeidliche: den Krieg.„Und sind Sie wirklich überzeugt,“ fragte ich,„daß aus solchen Verhältnissen heraus das britische Publikum alle seine üblen Gewohnheiten ablegen wird? Beim letzten Konzert, das ich hörte, wurde zum Ersticken geraucht, und ich bedauerte die auftretende Sängerin aus tiefster Seele. Als ich vor wenigen Monaten die Aufführung einer Delius⸗Oper hörte, tranken ein paar Dutzend Damen Tee in⸗ mitten der Vorstellung und begleiteten Orchester und Solisten mit einem höchst erbaulichen Löffelgeklapper. Anstatt fortwährend nichts als Haß zu predigen— wäre es nicht am Ende besser, zur Abwechslung vor der eigenen Tür zu kehren? Was den bri⸗ tischen Musikheros betrifft, so lasse ich jedem gern seine Ueber⸗ zeugung; doch meinen Sie nicht auch, man sollte ihn etwas würdiger empfangen als zum Beispiel in dem häßlichen, plumpen
O; von Covent Garden, das in einer so scheußlich⸗ 0 tzigen Umgebung steht, daß man eher an eine Räuberhöhle s an einen Musentempel glaubt?“„Ja, es gibt noch zu verbessern,“ erwiderte der Komponist langsam und
ihm eigenen Blick in die Ferne. Dann gab er sich
einen Ruck,„Aber man muß eben mit den Wölfen len. Das ist busineß, verstehen Sie? Wenn ich heute meine Ueberzeugung äußern sollte, dann würde ich meinen Verleger verlieren
(der übrigens im Augenblick keinen einzigen britischen Kompo⸗ nisten veröffentlicht, trotzdem er überaus patriotisch tut), ich würde alle meine Stunden verlieren, aus denen ich, wie Sie wohl wissen, zum besten Teil mein bescheidenes Auskommen decken muß.“ Und immer mehr auftauend, erklärte er:„Ja, was Sie da über die notwendigen Reformen sagten, ist nicht ganz grund⸗ los. Und was den Patriotismus mancher Leute anbetrifft, so ist eben nicht alles Gold, was glänzt. Davon erhielt ich gestern wieder einen keineswegs angenehmen Beweis. Sie wissen, daß Ihre Landsleute aus unserem Orchester austreten mußten. Nun wollte ich einem Bekannten, der recht tüchtig ist, jedoch in äußerst dürftigen Verhältnissen lebt, eine freigewordene Stelle als Bläser verschaffen. Ein guter Bläser ist nicht jeden Tag zu finden. Da trat ein Konkurrent, ein Belgier auf den Plan. Der erklärte sich bereit, den Posten für das halbe Geld auszufüllen. Das Orchesterdirektorium erklärte, in erster Linie darbende Flücht⸗
linge aus Belgien unterstützen zu müssen. Freilich, wenn sie so billig zu haben sind... Und daher muß der Einheimische weiter darben... Mein Bekannter erllärte den maßgebenden patrio⸗ tischen Herren, daß sie Heuchler wären.“
Aus Stadt und Land. a Gießen, 23. Oktober 1915.
* Ersatz für Kupferkessel. In Nr. 231 des Gieße⸗ ner Anzeigers vom 1. Oktober 1915 findet sich unter dem Stich⸗ wort„Ersatz für kupferne Kessel“ eine Mitteilung eines Fachmanns, in der die Besitzer von Kupferkesseln gewarnt werden, ihre Kessel vorzeitig abzugeben und sich Ersatz anzuschaffen. Die Nachrichten über die in Kürze erfolgende Einziehung der Kupfer⸗ kessel sei nicht zutreffend, sie werde aber von den Fabrikanten benutzt, um die Preise zu steigern, die heute schon um 100— 200 Prozent erhöht worden seien. Vom Verein Deutscher Eisen⸗ gießereien wird uns hierzu mitgeteilt, daß diese Nachrichten auf falschen Voraussetzungen beruhen. In der Beschlagnahme⸗ verordnung des Kgl. Preuß. Kriegsministeriums ist ausdrück⸗ lich angegeben, daß nach dem 16. November 1915 die Enteig⸗ nung der nicht freiwillig abgelieferten, der Verordnung unter⸗ liegenden Gegenstände erfolgen werde. Zu diesen Gegenständem gehören Kupferkessel. Es ist aber unrichtig, zu behaupten, daß die Erzeuger der eisernen Ersatzkessel auf Grund dieser Ver⸗ fügung versuchten, die Besitzer von Kupferkesseln zur vorzeitigen. Ablieferung zu veranlassen. Im Gegenteil haben die Eisengieße⸗ reien das allergrößte Interesse daran, daß die Einziehung der Kupferkessel nicht zu schnell erfolgt, weil sie in einem solchen Falle durchaus nicht imstande sein würden, den Ersatz zu beschaffen. Des⸗ halb ist der Verein Deutscher Eisengießereien selbst beim Kriegsministerium vorstellig geworden, um dieses zu ver⸗ anlassen, bei der Einziehung auf die Möglichkeit der Beschaffung von Ersatz Rücksicht zu nehmen, und die Einziehung all⸗ mählich erfolgen zu lassen. Die Preiserhöhung beträgt übrigens für die Gußwaren 25 Prozent und ist vollauf gerecht⸗ fertigt durch die Erhöhung der Rohstoffpreise, die besonders für die Rohstoffe der Emaillierung diesen Prozentsatz bei weitem übersteigen.
n Der Oberhessische Verein für die Baseler Mission gedenkt Dienstag den 26. Oktober nachmittags 3½ Uhr im oberen Gemeindesaale in der Kirchstraße seine diesjährige Jahresversammlung zu halten. Im Mittelpunkte der⸗ selben wird der Vortrag von Direktor Dipper⸗Basel stehen über:„Der Einfluß des Weltkrieges auf die Baseler Mission“. Dieser ist bis jetzt sehr einschneidend gewesen und alle blühende, Missionsarbeit ist außer in China durch den Krieg lahmgelegt. Es werden neue Aufgaben zu lösen sein, sieht doch England die Baseler Mission als eine„deutsche“ Mission an und macht ihr Schwierigkeiten. Auf die Veranstaltung sei empfehlend hingewiesen.
** Von der Feuerwehr. Im Verlauf der Woche wurde die Brandwache zweimal in Anspruch genommen. Am Dienstag gegen Abend brannte im Neustädter Feld in der Nähe der Krofdorfer Straße ein großer Haufen Holz wolle, der von spielenden Kindern in Brand gesteckt worden war. Da bei dem herrschenden Winde Gefahr durch das Flugfeuer nicht ausgeschlossen erschien, rückte die Brand⸗ wache aus und löschte den Holzwollhaufen ab. Gestern abend gegen ½12 Uhr wurde die Brandwache zu Hilfe ge⸗ rufen, da in einem Hause am Seltersweg ein Faß mit Scha⸗ len in Brand geraten war. Bei Eintreffen der Wache war das Feuer bereits durch die Hausbewohner gelöscht.— Bei dieser Gelegenheit möchten wir nochmals auf die Ein⸗ richtung der öffentlichen Feuermelder hinweisen, die im Publikum noch nicht genügend bekannt zu sein scheint. Bei ausbrechendem Feuer ist es nicht nötig, nach der Wache oder dem Turmhaus zu eilen, um dort den Brand zu mel⸗ den, sondern es genügt, wenn der Meldende den nächsten Feuermelder durch Eindrücken der Glasscheibe mit dem Ellbogen und Druck auf den schwarzen Knopf betätigt, die anrückende Feuerwehr erwartet und ihr den Ort des Feuers mitteilt. Gedruckte Hinweise über die Lage des nächsten Feuermelders sind für jedes Haus auf dem städtischen. Tiefbauamt, Asterweg 9, erhältlich. 8
Kreis Schotten.
n. Schotten, 22. Okt. Für den Kreis Schotten wur⸗
den die Höchstpreise für Molkereibutter auf
2 Mk., für Landbutter auf 1,60 Mk. festgesetzt. Nach Orten außerhalb des Kreises darf bis zu den am Lieferungs- ort geltenden Höchstpreisen verkauft werden.
n. Eichels dorf, 22. Okt. Zun stellvertretenden Gemeinde⸗ rechner unserer Gemeinde wurde Karl Knodt I. verpflichtet.
Aus dem oberen Vogelsberg, 21. Okt. In einer den Zeiten angepaßten Weise geht. in diesem Jahre das Dreschen vor sich. Wenn in sonstiger Zeit ein Bauer die Dreschmaschine in den Hof bekam, hatte seine Frau schon tagszuvor für gute und reichliche Nahrung gesorgt, damit bei der Mahlzeit den„Dreschern; ein reich gedeckter Tisch bereitstand. Hatte der Bauer ausgedroschen, dann gab es oft auch noch ein Fäßchen Bier und es wurde die „Dreschkirmes“ gefeiert. Es ist hier nicht wie in anderen Gegen⸗ den üblich, daß der Maschinenbesitzer die zum Dreschen erforder⸗ 9 Arbeitskräfte selbst stellen muß— im Vogelsberg helfen ich die Leute einer Gemeinde gegenseitig aus— der Maschinen⸗ besitzer stellt nur den Heizer und zwei Einleger. In diesem Jahre nun, da dem Mann nicht mehr als ½ Pfund Brot zusteht, und überhaupt alle Lebensmittel im Preise bedeutend gestiegen sind, geht jeder mithelfende Mann nach Hause, um am eigenen Tische sein Mahl einzunehmen. Das Dreschen stellt sich dadurch für jeden Bauer billiger als in den Jahren zuvor.
Starkenburg und Rheinhessen.
ch. Aus Rheinhessen, 21. Okt. Nun ist in allen Gemarkungen unseres Weinbaugebietes die allgemeine Lese der Trauben im Gange, nachdem man sie im Hinblick auf die günstige Witterung und die Aussichten, die sich hin⸗ sichtlich der Verbesserung der Güte bei einer recht weiten Ausdehnung der Lese boten, solange als möglich hinaus⸗ geschoben hatte. Eine Reihe Gemarkungen hat die Lese schon eine ganze Zeit abgeschlossen und es scheint, als ob diese Gemeinden wenigstens hinsichtlich des Preises besser ab⸗ geschnitten hätten als die jetzt noch folgenden, denn die Preise haben nachgelassen. Im übrigen muß man bei der Beurtei⸗
Wein aus den besten Lagen nicht jetzt verkauft wird, sondern erst, nachdem er im Keller behandelt wurde und sich fertig und gebaut gibt. Die Güte des diesjährigen Weines ist durch⸗ aus zufriedenstellend und auch die Menge läßt— wenigstens in den meisten Gemarkungen— nichts zu wünschen übrig. Zuletzt erbrachten die acht Viertel in Oppenheim 20—36 Mark, in Nierstein 23—40 Mk., sogar bis 62 Mk., in Els⸗ heim für das Viertel 4 Mk., in Weinolsheim für die acht Viertel 20—21 Mk., in der Wörrstadter Gegend für das Viertel 1,90—2,10 Mk., in Partenheim für das Viertel 1.80 Mark, während Verkäufe vor dem Herbste 11—11,50 Mk. für den Zentner erbracht hatten, in der Gegend von Osthofen 2,50 Mk. für das Viertel. In Weinen früherer Jahrgänge ist kein besonderes Geschäft.
Hessen⸗Nassau.
Fulda, 21. Okt. In diesen 17 sind 100 Jahre verflossen, daß die ehemalige Fürstabtei Fulda aus preußischem in kurhessischen Besitz überging. Die preußische Herrschaft hatte damals nur 81 Tage Beim Uebergang Fuldas an Kurhessen erhielt die alte Fürstabtei die Bezeichnung„Großherzogtum Fulda“, und der Kurfürst von Hessen, Wilhelm J., fügte seinen Titeln den eines„Großherzogs von Fulda“ bei. Damit hatte das alte Hochstift zum siebenten Male seinen Herrn gewechselt. 1866— nach fast genau 51 Jahren— kam Fulda dann
sich auch„Fürst zu Fulda“ nennt.
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Gießzener Stadttheater.
Mein alter Herr. Lustspiel von Franz und Victor Arnold.
Eigentlich zwei Lustspiele neben⸗ und durcheinander, deren Serquickung durchaus nicht einzusehen ist: Eine tolle Uebers⸗ Kreuz⸗Heirat von der zweiten in die erste und von der ersten in die zweite Generation und eine unschuldige Alltagsliebesgeschichte, die ein paarmal über ihre eigene Gerissenheit stolpert und leider nur als Lückenbüßerin zu dienen hat, wenn bei der Kreuzmariage ein Szenen⸗ oder Personenwechsel erforderlich wird, oder der Faden sonstwie abreißt. Es ist baß erstaunlich, was einem nicht alles plausibel gemacht werden kann bezw. zu machen versucht wird. („Versucht wird“ triffts eher.) Man lacht viel und herzlich und ärgert sich schließlich womöglich, daß man den Spaßmachern so widerstandslos ins Garn gegangen ist. 5
Der„alte Herr“, nämlich der Baron Troß, fühlt sich noch wie ein Zwanzigjähriger, macht Schulden wie ein Leutnant, Dummheiten wie ein Sekundaner, häuft Hypotheken aufs Dach seiner Ahnen und Sorgen auf das Haupt seines ganz aus der Art geschlagenen, nämlich grundvernünftigen Sohnes und setzt schließlich allem die Krone auf, indem er diesem eine neue Mutter gibt, die zehn Jahre jünger als der Sohn ist. Soweit wäre man. Aber damit steht erst der erste Akt. Ein richtiges Lustspiel
t aber drei Akte. Der zweite ist also dem erwähnten Alltags⸗ iebespaar, einem schnoddrigen Leutnant und einem adligen Por⸗ zellanfabrikantenstöchterlein, gewidmet, das übrigens auch im ersten schon spukte und von dem soliden Schwiegervater mit rauher Hand und kaufmännischen Grundsätzen getrennt worden war. Im zweiten Akt geht es nicht besser, denn eine wiederholte Attacke auf das Herz des Alten, der übrigens im Hause des„alten Herrn“ und seiner zu jungen Frau vor sich geht, mißglückt ebenfalls kläglich. Der dritte Akt ist den Liebesleuten günstiger gesinnt. Es gelingt dem Leutnant, den Schwiegervater von seinen Haufmannsfähigkeiten zu überzeugen, worauf nach einigem Sträuben der Segen erfolgt. Mittlerweile haben sich die Autoren wieder auf den Namen des Stücks besonnen und führen dem„alten Herrn“, dessen einzige Angst die vor der Wiederverheiratung seiner patenten Schwieger⸗ mama mit ihren Millionen ist, seinen eigenen Sohn als Schwager zu. Der hat nämlich sein Herz ebenfalls entdeckt und die Schwieger⸗ mutter seines lebenslustigen Papas geehelicht. Mit diesem Problem für einen Gesetzeskundigen und Stammbaummaler verabschieden
0 e Autoren, nicht ohne noch einmal augenzwinkernd ver⸗ i zu haben, daß der„alte Herr“, wenn er recht artig sei, nun noch ein ü n bekommen könnte, dessen Vater sein
Filius und dessen Mutter seine Schwiegermutter ist. Diese ganze e
der sie die lichen, Wie die tolle
nimmt man natürlich nur von der Seite, von Arnold 1 1 15 25 15— Idee großgepäppelt und aufgeputzt wird— Geschicklichkeit und Bühnenkenntnis wäre einer besseren Sache
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würdig. Das Ganze wird in einem durchaus nicht so unwahr⸗ scheinlichen Deutsch dahergeplaudert und erscheint bei dem spru⸗ delnden, stets auf ziemlich geraden Beinen dahinwandelnden Dia⸗ log viel weniger auf unsere Harmlosigkeit zu spekulieren, als es wirklich der Fall ist. Das ist aber auch das einzige, was an diesem alten Herrn und seiner Umgebung ernst zu nehmen ist. Alles andere gehört nicht der Literatur, sondern dem Reiche der Schellen⸗ kappe an, und deshalb drückt die Kritik wieder einmal beide Augen verständnisinnig zu. 5 Gespielt wurde der zwei Stunden lange Scherz so, daß ein be⸗ trächtlicher Teil der Zuschauer vor Lachen nicht aus und ein wußte. Neben der Fülle von geschickt aufgemachtem und aneinanderge⸗ reihtem Witz zweiter Garnitur verhalf dem Stück das munter einherflitzende, selten verfehlte Tempo zu seinem Erfolg. Es er⸗ wies sich zum wiederholten Male, daß die Hoffnung auf manchen heiteren Abend im Theater nicht nur im Spielplan, sondern auch im Personal begründet ist. Die beste Arbeit machte Wilhelm Hellmuth mit seinem Kommerzienrat von Schimmelmann. Was der zu sagen hatte, kam aus einer köstlichen und überlegenen Jovialität in Wort und Geberde, und zwar— der Vorzug sei dem Künstler dankbar attestiert— ohne jede„Manier“. Rudolf Goll gab dem alten Porzellanbaron wenig nach. Sein„alter Herr“ war ebenfalls eine Leistung, die ihren Zweck erfüllte: Man lachte. Den Windhund von Leutnant, dem die Autoren sogar ein ehrliches Herz in die goldverschnürte Brust hineingedichtet haben, ließ Ferdinand Steinhofer recht ergötzlich schnarren und sporenklirren. Hübsch gezeichnet war auch der solide Sohn des Titelhelden, den Ernst Theiling gab. Otto Conradi trug die 70 Jahre und den würdigen Gehrock eines treuen, dumm⸗
pfiffigen Faktotums mit Anstand und Humor. Und wenn die
Damen Burghoff, Rubens und child zuletzt genannt werden, geschiehts nicht, weil sie weniger Anerkennung zu bean⸗ spruchen hätten, sondern weil sie weniger zu Worte kamen. Erstere schwenkte die Zöpfe der kleinen Leutnantsbraut recht niedlich, die zweite war eine Schwiegermutter ohne jede von deren herkömm⸗ lichen Eigenschaften, also recht sympathisch, und Frl. Schild stattete ihre Rolle, die für sonstige gute Eigenschaften wenig Ge⸗ legenheit bot, für alle Fälle mit viel Liebreiz aus. Die Spiellei⸗ tung, die aufmerksam ihres Amtes gewaltet hatte, war Direktor Steingoetters Verdienst. Ein Fehler sei nicht übergangen: Im ersten Akt wurden ein paar Pointen gar zu offensichtlich auf den Präsentierteller gelegt. d=. *
— Ein Gespräch mit Napoleon über den Welt⸗ krieg. In der Form eines Phantasiegespräches mit Napoleon veröffentlicht Henry Cheron im„Journal“ einen Artikel, der, als Satire auf die Heeresleitung, die Diplomatie und die Zensur Frankreichs im Weltkriege, für das deutsche Publikum von beson⸗ derem Interesse erscheint:„Napoleon hat Zeit seines Lebens so viel mit Kriegen zu tun gehabt, daß uns auch seine Meinung
über den Weltkrieg von besonderem Interesse sein muß. Darum unternahm ich ohne Zögern die Reise nach dem himmlischen Para⸗ dies. Aber wo den großen Kaiser aufsuchen? Nach längerem Suchen traf ich ihn in lautem Gespräch mit Alexander dem Großen, Hannibal und Julius Cäsar. Sie stritten über den Krieg, Alexan⸗ der sprach über die Balkanfragen, für die er sich als ehemaliger König von Mazedonien besonders sachverständig hielt. Hannibal interessierte sich vor allem für die Westfront. Julius Cäsar stu⸗ dierte den italienischen Feldzug. Mit allem schuldigen Respekt erlaubte ich mir, Napoleon aus dieser erregten Unterhaltung zu reißen. Er war hierüber durchaus nicht böse und erklärte mir, daß er sich im Paradies nicht minder langweile, als seinerzeit in St. Helena. Auf meine Frage nach seiner Meinung über unseren großen Krieg erwiderte Napoleon:„Ich bin über alle Einzel⸗ heiten der Kämpfe genau unterrichtet. Wir erhalten hier die offi⸗ ziellen Tagesberichte sämtlicher iegführenden. Ich habe mich selbst früher so oft mit derartigen Angelegenheiten abgegeben, daß mir auch heute die kleinsten Einzelheiten verständlich sind. Außerdem können Sie sich ja denken, daß ich alle Oertlichkeiten der Westfront persönlich sehr genau kenne. Doch ich muß sagen: wenn ich England und Rußland auf meiner Seite hätte, würden die Dinge anders aussehen.“ Ich fragte den Kaiser, wie er über die diplomatischen Unternehmungen auf dem Balkan denke. Er fing an zu lachen, und er lachte so laut und lange, wie ich es noch niemals gehört habe. Ich begriff sofort, daß er nichts von den Feinheiten unserer hervorragenden Diplomatie verstünde und war darob sehr beleidigt. Er sagte nur, daß es stets sein Prinzip ge⸗ wesen sei, die Kräfte der Armeen nicht auf verschiedenen Kriegs⸗ schauplätzen zu zersplittern. Ich stimmte ihm nicht bei, denn ich bin der Ansicht, daß seine veraltete Strategie gegenüber den ge⸗ waltigen Fähigkeiten unserer jetzigen Führer schwächlich war. Schließlich bemerkte er mit großer Lebhaftigkeit:„Um den Sieg zu erlangen, braucht man vor allem Organisation, methodisches Vorgehen und Administration!“ Hier aber unterbrach ich den Kaiser, indem ich, alles Zeremoniell außer acht lassend, einwarf, daß er uns ja die Administration hinterlassen habe.„Das ist wahr,“ entgegnete Napoleon,„aber diese Administration hatte ich für mich eingerichtet. Als ich gestorben war, wurde sie ein Kör⸗ per ohne Kopf. Sie ist nur noch der Schatten ihrer selbst. Die Administration muß der Zeit entsprechend geändert werden, dies trifft besonders für die Kriegszeit zu.“ Hierauf sprachen wir über die Zensur, und Napoleon befragte mich über die diesbezüglichen gegenwärtigen Verhältnisse in Pranfresch„O,“ antwortete ich, „unsere 9 91 105 ist großartig. Sie wird nur aus Gemeinheit von unserer Presse ungerecht angegriffen und verleumdet. Man darf
die militärischen Operationen, über die Diplomaten, die Minister, den Unterstaatssekretär, die äußere Politik, die innere Politik. Aber sonst ist Frankreich ein freies Land.“ Worauf Napoleon
erwiderte, ich solle keine Witze machen!.. 4“ 0
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in Frankreich über alles schreiben und sprechen, nur nicht über 1
lung der Preise in Berücksichtigung ziehen, daß gerade dern 5
endgültig an die Krone Preußens, deren jeweiliger Träger


