Ausgabe 
(22.10.1915) 249. Zweites Blatt
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127
 
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u. 240

Jpeites Blatt

Erschetal täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSleßener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

165. Jahrgang

ießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Zum Geburtstag der Uaiserin. (22. Oktober). Aus Berlin wird uns geschrieben:

Wo immer gute Deutsche auf dem Erdenball wohnen, wird heute das Wiegenfest unserer Kaiserin in stillem Ge⸗ denken begangen werden. In schicksalsschweren Tagen halten wir inne, um ihrer in Liebe und dankbarer Treue zu ge⸗ denken. Wie vor Jahresfrist, so verlebt die Kaiserin auch diesmal ihren Geburtstag nicht im Kreise ihrer Familie, denn ihr Gemahl steht an der Spitze seiner Heere im Felde, und dem Rufe des Vaterlandes sind auch ihre sechs Söhne i gt Der Krieg läßt keinerlei Unterschiede zu, und so ind die Geschicke der kaiserlichen Familie, das Fühlen und Denken der Trägerin der Kaiserkrone aufs engste verknüpft mit dem Schicksal des gesamten deutschen Volkes, von dem nach ehernem Gesetz jeder Einzelne dem Vaterlande seine Dienstpflicht zu erweisen hat. Noch viel wuchtiger und er⸗ schütternder als uns allen liegt die ernste und schwere Gegenwart unserem Kaiserpaar auf der Seele Höher als die Ueberlieferung treuer Anhänglichkeit steht das lebendige, auf Erfahrung und Urteil begründete Empfinden, daß die Kaiserin Auguste Viktoria im Laufe der Jahre sich mehr und mehr nicht nur als Herrscherin mit streng zugemesse nem, altem Brauch gemäß zu erfüllendem Pflichtenkreis, sondern auch als Landesmutter in des Wortes erhabenster Bedeutung erwiesen hat, deren Hingabe an das allgemeine Wohl um so fördernder und belebender wirkt, als diese Be⸗ tätigung von persönlichem und rein menschlichem Gefühl und Mitgefühl getragen ist. Das weiß jeder von uns, der einmal die schöne Gelegenheit hatte, näher hinein zu blicken in die Kreise gemeinnütziger Arbeit an der Kinder- und Armenpflege, der Krankenfürsorge, an den Angelegenheiten des Frauenerwerbs und anderem mehr.Nach Kräften. werde ich bemüht sein, der Arbeit des Glaubens und der Liebe, die in unserm Volke zur Linderung des inneren und äußeren Elends geschieht, mich dienend und anregend anzu⸗ schließen, um meine Pflicht gegen Gott und Menschen zu erfüllen. Die Saat, die in diesem Sinne schon im Frieden bereitet wurde, hat in diesem Kriege schon tausendfältig Frucht getragen. In doppelter Hinsicht ist die Kaiserin das Musterbild der deutschen Kriegerfrau geworden. Denn doppelt ist die Rolle, die der deutschen Frau und Mutter in. dem ungeheuren Heldengedicht auferlegt ist. Die Frauen sind Heldinnen im Leiden, denn der Krieg bedeutet für sie unendliche Leiden, die sie im Interesse des Vaterlandes auf sich nehmen müssen, während der Mann sein Heldentum kämpfend betätigt. Die Frau fordert aber auch ihren Anteil an der gewaltigen Arbeit des Krieges, indem sie die Sol⸗ daten pflegt und verpflegt, ihre Hinterbliebenen unter ihren Schutz nimmt, die Wunden der Kranken verbindet, über ihren Betten wacht und für ihre Waisen sorgt. Oben. aber auf der Höhe, wo die Helden der weiblichen Kriegs⸗ arbeit, sei es im Kittel der Arbeiterfrau oder der Fürstin, wo die Selbstlosen, die Sachergebenen, die Wahren wirken, wo aller Segen ausströmt, den Frauenhand und Frauen⸗ herz über den Fluch des Krieges breiten thront unsere Kaiserin als eine arbeitende Heldin, als des Vaterlandes erste und getreue Dienerin nach dem Pflichtbekenntnis Friedrichs des Großen, daß der Fürst des Staates erster Diener ist. In verantwortungsvollster Stellung erfüllt sie ihre Kriegspflicht in dem Bewußtsein, daß sie als deutsche Frau durch opferfreudigste Hingebung das vornehmste Bei⸗ spiel für alle Kriegerfrauen zu geben hat. Während das Leid des Krieges vor ihr ausgebreitet liegt, eilt sie von Lazarett 1 die Traurigen zu trösten, Tränen zu trocknen und Nöte zu lindern. Gar vieles, was heute in der Ver⸗ e an Beistand für Hilfsbedürftige und auch wie dies alles geleistet wird, ist der weitverzweigten Liebes⸗ tätigkeit zu verdanken, der sich unsere Katserin in stiller Treue widmet. Wie wir in diesen Tagen stolz sind auf unsere deutschen Frauen, die so tapfer und aufopfernd sind wie unsere Soldaten im Felde, so sind wir doppelt stolz, daß an der Spitze unserer Frauen unsere Kaiserin Auguste Viktoria steht, zu der heute unser Glückwunsch hell und laut empor⸗ dringt. Das Volk dankt ihr mit seiner ganzen Liebe, die sie in ihrem schweren Amt stärken und es ihr leichter machen möge. 8

Freitag, 27. Oltober 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

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Kriegsbriefe aus dem Often. Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Herbstfahrt von der Front in Litauen. Njemen-Armee, Mitte Oktober.

Der große Kampf bei Wilna ist längst vorüber, vorüber das Marschieren auf den aufgeweichten Wegen, vorüber das Denken an die Entscheidung. Die neuen Stellungen sind erreicht, unsere Erfolge festgelegt, und wenn die Russen bei Smorgon anrennen, so ist das an den betreffenden Stellen für die Truppe nicht immer leicht, aber es ändert nichts an der Lage, nichts an der Linie, die wir ausgesucht haben. Nachschub und Verpflegung, die in den Septembertagen nicht gleichmäßig zu bewerkstelligen waren, sind jetzt ausgeglichen, es gibt wieder regelmäßige Post, die Truppe kann wieder zu sich selbst kommen. Sie hatte es auch nötig, wie man sich vorstellen kann, wenn man die ungeheuren Marsch- und Kampfleistungen seit Anfang Juli ernst verfolgt.

Ehe ich mich an die Front, an der die Offensive nicht aus⸗ gesetzt hat, zur der Armee Below vor Dünaburg und Riga begab, mußte ich das nötige Winterzeug besorgen. So fuhr ich in diesen Oktobertagen die Strecke Wilna Berlin auf deutschen Bahnen. Es ist garnicht so schlimm, wie es aussieht. Zwei Tage. Ein. Stückchen Autofahrt und dann inzwischen ist es anders ge worden von Landworowo aus auf den eisernen Bändern lang⸗ am im Militärzug durch Litauen nach Ostpreußen. Schließlich D⸗Zug.

Kolonnen auf Kolonnen begegnen mir auf dem Wege hinter Wilna. Noch mußte ja, weil die Russen eine wichtige Ueber⸗ führung und den Tunnel vor Wilna gesprengt hatten und die Wiederherstellungsarbeiten damals noch nicht fertig waren, alles auf Achsen weiter befördert werden. Lange Knüppeldämme, die sich auf Kilometer erstrecken, haben die Straße fahrbar gemacht. Ich benne sie aus dem Zustande, da sie nur fahrbar war, wenn man sehr viel Glück, ein sehr gutes Auto und kein Gepäck hatte. Die saubere Arbeit unserer Wegbaukompagnien, die ich nun oft genug feststellen konnte, ist auch hier wieder bewundernswert. An vielen Stellen ist der Knüppeldamm von einer erstklassigen Chaussee nicht zu unterscheiden, und ich kann den berechtigten Arbeitsstolz verstehen, der die Erbauer dieser neuen Wege und Brücken sehr oft auf künstlerisch ausgeschmückten Tafeln den Vorbeifahrenden aufzeichnet.

Die Gegend ist einigermaßen trostlos. Nur der Herbst zeichnet rote und gelbe Tupfen in die Traurigkeit dieser Landschaft. Doch auch jetzt, um die Mittagszeit, ist der Blick nicht welt. Es ist einer von den Herbsttagen, die nicht an sich selbst genug haben, sondern schon von dem Winter sprechen. Vor Landwarowo gibt es Gemüseländereien, die Felder stehen voll von ausgezeich⸗ netem Grün⸗ und Rotkohl, da ich weiß, daß Wilna nicht gerade Ueberfluß an Nahrungsmitteln hat, stelle ich Segen mit erheb⸗ licher Freude fest. g 5

Der Bahnhof eine großse Anlage ist ziemlich unbeschädigt geblieben. Ein Zug ist eben, kurz vor 3 Uhr, fortgefahren. Ob heute noch ein anderer geht, ist ungewiß, um nicht zu sagen, un⸗ wahrscheinlich. Warten. Es ist die Kunst, die der Krieg jedem gelehrt hat. 2

Gegenüber dem Bahnhof steht die große Bahnhofs wirtschaft in einem Garten, der ganz ordentlich gewesen sein muß. Jetzt ist dieser Garten und dies Haus eine Stätte des Elends. Tausende von polnischen, litauischen und jüdischen Flüchtlingen lagen hier, um auf die Gelegenheit zur Heimfahrt zu warten. Sie kommen aus ganz Polen und Litauen, sie kommen aus Kurland und sie kommen auch aus Minsk. Der Kriegswind hat sie nach Wilna verschlagen, nach Wilna, das uneinnehmbar schien, und nun streben sie nach ihten Heimätsdörfern und Heimatsstädten, die in der deutschen Besetzungszone liegen. Die aus Minsk sind bewußt nach Wilna gegangen, in der Hoffnung, daß die deutsche Linie über die Stadt fortrückte und sie wieder nach Hause könnten. Die anderen haben die Russen wie Herdenvieh getrieben, damit die Ernte nicht ein⸗ gebracht werden sollte. Vielleicht ist das auch hier und da erreicht worden aber die Russen haben neu gesät bei dieser Methode, einen Haß, der einmal hoch in Ernte stehen wird. Die deutschen Landsturmmänner sind barmherziger zu den Vertriebenen als die flavischen Brüder, die die Flüchtlinge in Wilna verkommen und verderben ließen mit einer Gleichgültigkeit, die das andere Stück zu der Geschichte von den guten russischen Herzen ist. Die Frauen gehen zu der Feldküche und füllen sich ihre Geschirre mit Kohl⸗ fuppe. Man gibt so viel man kann. Milch für die Säuglinge und Kinder hat man freilich nicht, und die polnischen Mütter weinen, weil ihre Brüste versagen. Feuer werden entzündet, es wird schon kalt, und dann lagert alles um die Flammen. Juden und Polen halten nicht mehr den Abstand wie sonst in Dorf und Stadt. Elend reißt alle Schranken ein. Die deutschen Landsturmleute zeigen den richtigen Aufbau der Biwakfeuer, und sie bringen Holz und hören den Geschichten zu, die am Feuer aufwachen, den

Suwalki und Seyny, aus Ai n von dem riesigen Ko g ruffischen Heeres ritt. Auf einem trabte der Kosak, und wo seine äuser, und wo die Hufe traten, ver⸗ erin ein

Geschichten von der Flucht aus stowo und Kowno, den Gesch Iwan, der in der Nach lleinen ausgemergelten Lanze streifte, brannten die dorrte der Acker. Bei Troli Nowe hat ihm eine B

Marienbild vorgehalten. Da ist er in wilder Flucht dar ongeritten, und blaue Flammen stoben unter den Hufen des schwarzen Kleppers hervor. Die polnischen Mütter hüllen ihre Kinder

fester in die bunten Tücher, sie schlagen das Kreuzzeichen.

Ein goldner Sternenhimmel blüht auf. Die Umrisse des Ge⸗ rümpels, des Hausrats, der an den Zäunen, Bäumen lehnt, der überall hohe Stapel bildet, verschwimmen. Ein Messingknopf einer Bettstelle, ein Samowar, der Beschlag einer Truhe leuch⸗ ten matt auf.Wie lange sind Sie hier?Drei Tage sagt der alte Jude, der nach Suwalki will.Acht Tage sagt eine junge Frau, die dicht von der Grenze stammt. Sie spricht deutsch mit unverkennbarer ostpreußischer Klangfarbe.Man kann nicht so drängen mit dem Kind....

Ich gehe aus dem Feuerschein in das Dorf. Es ragt da der Neubau einer Kirche. Ein monotoner russischer Gesang klingt über das graue Feld, neben einer Scheune hocken russische Ge⸗ fangene. Sie bilden einen Kreis, in dessen Mitte eine Anzahl von ihnen knien und liegen, dahinter stehen die anderen. Die Stimme eines Vorsängers hebt sich ab. Das Lied ist wie der Herbsttag heute, eine riesengroße Traurigkeit quillt aus ihm heraus und liegt über dem Dorf. Mir ist es, als ob das Land singt von seinem Elend und seinem Irren. N

Plötzlich streift ein russischer Befehl die Schar. Sie stellen sich zu vieren auf. Der russische Unteroffizier meldet den Deutschen die Arbeitskompagnie, die zur Abendschicht geht. Sie treten ab, gehorsam, willig. Nach einem Augenblick schon sind sie von dem Grau des Abends verschluckt.

Inzwischen haben sich die Flüchtlinge im breiten Strom gegen den Bahnhof geschoben. Es soll doch ein Zug gehen. Die Rück⸗ sichtslosigkeit, die an den Feuern geschlafen hatte, wird wieder wach. Die Starken stehen vorne. Aber es nützt ihnen nichts, ihr Kämpfen, die Posten werden energisch, drängen alles zurück. Der Zug ist völlig mit Verwundeten belegt, ein Wagen ist für in Ur⸗ laub fahrende Offiziere und Mannschaften eingestellt. Wir sigen eng in dem Abteil dritter Klasse, trotzdem sind wir alle froh, daß wir es erwischt haben. 1

Die Abteile haben oben Verbindung. In dem Halbschlaf klingen. die Gespräche des Nebenabteils, in dem die zurückkehrenden Mann⸗ schaften sitzen.Emil, du tust immer so, als wüßtest du garnicht mehr, was ne Bahne is. Ick globe jar, du bist immer zu Juß gelofen? sagt eine Stimme, die sich immer wieder durch die schwäbischen Entgegnungen durchsetzt.Smorgon war eigentlich ne dolle Kiste.. det Brod, dat der Kerl in Slobodka hatte, war auch nicht jrade berühmt..Du hascht gut lache, mir hätten auch unberühmtes Brot gegesse...Hat der Lange eijentlich noch was gesacht? Die schwäbische Stimme antwortet, nicht.Isch war ein guter Kerle sagte ein anderer.

Der Zug rumpelt dazwischen. Wir löschen die Kerze aus. Tiefes Atmen, Rumpeln, Halten, Rumpeln. Draußen huscht die Landschaft vorbei. Es wird kalt. Die Sterne werden blaß, der Himmel graut wie Stahl. Kowno.

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Briefe vom serbischen Kriegsschauplatz. Telegramm unseres zum serbischen Kriegsschauplatz ent⸗ sandten Berichterstatters.

(Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Siegreiches Vordringen im serbischen Berglande. Kriegspressequartier der deutschen Südostarmee, 20. Okr.

Der deutsch⸗österreichische Vormarsch nach Serbien hat

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am gestrigen Tage bedeutende Fortschritte gemacht. Nach

dem verhältnismäßig leichten Vordringen verlangsamte sich

die Vorwärtsbewegung der verbündeten Armeen, da, je tiefer unsere Truppen in das Innere des Landes ein⸗ dringen, um so zäher und verzweifelter der serbische Wider⸗ stand wird. Die berüchtigte Sumpfgegend der Macva, die mit allen möglichen Kriegsmitteln zum äußersten Wider⸗ stand vorbereitet, große serbische Truppenmassen barg, wurde unter heftigen Kämpfen im nördlichen Gebiet ge⸗ säubert und der Feind unter erheblichen rlusten zum Rückzug gezwungen. Wenn auch dadurch die Kämpfe um das Macva⸗-Gebiet noch nicht als beendigt betrachtet wer⸗ den können, so ist dieser bereits errungene Erfolg insofern hoch einzuschätzen, als gerade dieser nördliche Teil am meisten versumpft ist und so den Verteidigern die günstigsten Widerstandsmöglichkeiten bietet. Die seit Kriegsbeginn mit 5 7c

hindenburgs Ahnen.

Immer ist es von höchstem Reize zu beobachten, wie ein ge⸗ lundes Geschlecht Wurzel schlägt, einem Baume gleich wächst und sich entfaltet, um schließlich in seiner höchsten Kraft und Blüte eine bedeutende geschichtliche Persönlichkeit hervorzubringen. So folgt man denn auch mit lebhaftem Interesse der Schilderung der Ge⸗ schichte des Geschlechtes von Beneckendorff und Hindenburg, die Prof. Arthur Sem rau in einer bei Walter Lambeck in Thorn demnächst erscheinenden Skizze auf Grund archivalischer Forschungen zum erstenmal in zusammenfassendem Ueberblick: zur Darstellung bringt und deren Aushängebogen uns durch den Verlag gütigst zur Verfügung gestellt worden sind. Die v. Beneckendorff, die im Wappen einen Widder⸗ oder Büffelkopf führen, gehören dem alten Adel der Neumark an. Schon unter den Rittern und Knappen, die am 9. August 1402, als der Orden die Neumark von der Hand der Luxemburger gekauft hatte, diesem zu Arnswalde huldig⸗ ten, befanden sich auch die Beneckendorffs. Nach dem Grundbesitze des Geschlechtes hat sich das Haus in drei Linien gespalten. Die erste und ursprünglich offenbar die Hauptlinie waren die Bmecken⸗ dorffs auf Wardin. Dieser Zweig erreichte seine höchste Blüte im 17. Jahrhundert und es treten aus der langen Reihe der Wardiner Beneckendorffs in dieser Zeit zwei Gestalten hervor, die menschlich wie geschichtlich besonders lebhaft fesseln. Es sind dies die beiden Kinder von Georg von Beneckendorff, seine Tochter Ilse und sein Sohn Hans, der Kanzler. Die Geschichte von Ilse von Beneckendorff und ihren Freiern ist ein echter Roman, der förmlich nach der Feder eines Alexis verlangt. Es war im Jahre des Heils 1589. Ilse von Beneckendorff zog, obwohl sie damals erst 15 oder 16 Jahre zählte, bereits viele Freier an den Hof zu Wardin. Sie war auch, was man eine gute Partie nennt, denn außer Ketten, Kleinodien und anderem Schmucke hat sie später noch 5000 Gulden baren Geldes mit in die Ehe bekommen. Einer der eifrigsten Bewerber um ihre Hand war ein Verwandter, Hans v. Billerbeck zu Jagow in Pommern, aber der Billerbeck fand im Hause Wardin keine besonders günstige Aufnahme, Abge⸗ sehen davon, daß er damals bereits ungefähr 40 Jahre zählte, war er auch mit einer Mutter und Schwester behaftet, die mit ihm zusammenlebten und über deren Charakter nichts Gutes umging; vielmehr wurden die Beneckendorffs bedeutet, daß die Biller⸗ ck schen Frauen sich vermutlich gegen Ilsegar feindselig er⸗

würden.. Aber so kühl sich die Wardinschen auch gegen

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den Billerbeck zeigten, er ließ nicht locker und kam 1589 nach Wardin, um sich die Zusage zu holen, konnte jedoch eine bindende Erklärung nicht erhalten. Als dann im nächsten Jahre der Bruder Hans auf Urlaub nach Wardin kam, hielt Bastian von Wedel um Ilses Hand an, und sie ward ihm auch gegeben. Wie Billerbeck kurz darauf bei einem Besuche hiervon erfuhr, da geriet der ver⸗ schmähte Freier, der ein leicht aufbrausendes Temperament besaß, darüber in begreifliche Erregung; es gab anzügliche Worte, hef⸗ tige Auseinandersetzungen, und dazu wurde noch wacker gezecht, die Köpfe wurden heißer und heißer und schließlich sprach der Billerbeck die Verwünschung aus:So gebe Gott, daß ihr an der Freie keinen fröhlichen Tag erleben möget. Und Gott sei Richter zwischen euch und mir und gebe einem jeden, als er in dieser Sache verdienet. Damit verließ der Erzürnte das Haus, und es hub nun ein langer Rechtsstreit an, der von 1591 bis 1603, also über ein Jahrzehnt gedauert hat und schließlich zu ungunsten des abgewiesenen Freiers ausging. Aber Frau Ilse erlebte den Ausgang gar nicht mehr; nach einer glücklichen aber kurzen. Ehe war sie im Frühjahr 1598 bereits verstorben.

Ihr Bruder Hans bedeutet zweifelllos den Höhepunkt der Wardiner Linie des Hauses Beneckendorff. Er hatte akademische Bildung erhalten, sich dann weit in Deutschland und Welschland umgetan und im Dienste verschiedener Regierungen gestanden, bis er schließlich Kanzler der neumärkischen Regierung zu Küstrin wurde. Als solcher hat er sich durch entschiedene politische Be⸗ gabung hervorgetan. Mit klarem Blicke erkannte der Kanzler v. Beneckendorff, daß die evangelischen Stände fest zusammenhalten müßten, um ihre Sache durchzufechten, aber er wußte auch, wie wenig von der Einigkeit der Evangelischen zu erwarten sei. Pessi⸗ mistisch bemerkte er in einem Schreiben vom Jahre 1619, selbst wenn das Stift Halberstadt oder Magdeburg angegriffen würden, so zweifle er, ob der obersächsische Kreis zu Hilfe kommen würde, weil man hohe Potentaten nicht offendieren will, lieber Con⸗ foederatos verlassen, daß ein Glied nach dem anderen abgezwackt und ruiniert wird. Die schwächliche Regierung des Kurfürsten Georg Wilhelm war nicht nach des Beneckendorffs Geschmack; mitten unter den Wirrnissen des 30 jährigen Krieges, 1632, ist er im 75. Lebensjahre verstorben.

Neben der Wardiner Linie kam mehr und mehr das Haus Pammin des Geschlechtes v. Beneckendorff empor, das durch vieler⸗ lei Tausch mit dem Adel der Umgegend seinen Grundbesitz gebildet und abgerundet hat. Ein Pamminer ist es gewesen, mit dem die

dorff, der 1709 nach Preußen versetzt wurde. Aber die Linie, die das Geschlecht in Preußen zu neuer Blüte gebracht hat, das war die Linie Altklücken, der die unmittelbaren Vorfahren des Siegers von Tannenberg angehören. Dort auf Altklücken n sie vom 15. bis zum 18. Jahrhundert in guten und bösen Zeiten gehaust, bis ein Sproß des Altklückener Zweiges durch seinen Beruf nach

Preußen geführt wurde. Das war gegen die Mitte des 18. Jahr⸗

os geschwã schienen sein Weiterblühen zu gefährden. Abe der neuen Heimat gewann es neue Kraft. Der erste Beneckendorff aus dem Hause Altklücken, der nach Preußen ging, war Christoph Wilhelm, der der sich mit einer ostpreußischen Erbin verheiratete und als Land⸗ wirt in Preußen niederließ. Vielleicht bestimmte ihn dazu auch die Erwägung, daß in Preußen bereits sein Oheim von mütterlicher Seite, Otto Friedrich von Hindenburg, ansässig war. In Preußen haben die Beneckendorffs ihren Besitz mehrfach gewechselt, bis ihnen die Hindenburgsche Erbschaft zufiel. Sie stammte von dem erwähnten, Obersten Otto Friedrich von Hindenburg, von dem sie auf seine Schwestern überging; nach deren Tode wurden die Beneckendorffs Erben der Hindenburgschen Güter. Es war Johann Otto Gott⸗

fried von Beneckendorff, der dies Erbe antrat. Sein ältester Sohn, Heinrich Wilhelm Ernst, schlug die militärische Laufbahn ein,

der er auch in der Zeit von Preußens tiefstem Nieder treu blieb; als Kommandant von Thorn hat er in diese eine segensreiche und noch unvergessene Tätigkeit entfaltet. jüngerer Bruder Otto Ludwig hingegen hatte vom Vater die Neigung zur Landwirtschaft ererbt und besaß in Neudeck ein gegründet Haus, dem reicher Kindersegen zuteil wurde. Welch ein Wandel hatte sich doch in der Geschichte des G

vollzogen. Gerade die Altklückener, die in alten Tagen hinter den Wardinern und Pamminern stets zurückgestanden hatten, waren, nach Preußen verpflanzt, zu kr und voller Entfal⸗ tung gelangt und hatte eine Reihe 11 r und auch in der

Oeffentlichkeit tätiger Männer hervorg Der Enkel jenes Otto Ludwig, der Sohn seines Sohnes Robert, ist unser Ge⸗ neralfeldmarschall, der, wenn er auch nicht in Altpreußen ge⸗ boren ist, doch die zähe, zielvolle Willenskraft des altpreußischen Charakters in sich trägt.