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standpunkt aus raten darf,
Ur. 248 zweites Blatt Etrscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Areisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
ießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Gberhessen
Donnerstag, 21. Oktober 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul · straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrift ·
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
Serbien vor der bernichtung. 5 Die Hauptstadt Serbiens ist nicht mehr Belgrad, auch nicht mehr Nisch oder Kragujevac. Die Residenz des alten kranken Königs Peter wird nun Momast ir sein. Nach Monastir sind laut Reutermeldung die nationalen Archive Serbiens und die serbische Nationalbank verlegt worden. Das diplomatische Korps siedelt dorthin über, und wenn auch einige Regierungsbehörden noch kurze Zeit in Nisch verbleiben, um das Gesicht zu wahren, so weiß man doch, daß auch sie sich in die Nähe der griechischen Grenze retten werden. Monastir liegt nur wenige Kilometer vom griechi⸗ schen Gebiet entfernt am Endpunkt des Bahnzweiges von Saloniki her(die andere Strecke geht östlich von Saloniki nach Uesküb). In Monastir hört die Eisenbahn und Serbien auf. Es beginnt die alte Balkanwelt der Saumpfade, der 1 aufklimmenden Maultiere, der knarrend vorwärts⸗ kriechenden Ochsenwagen. Wenn es dem Ende zugeht, wenn die Deutschen und Oesterreicher und Bulgaren heranstürmen, wird es für die letzten Regierungsbeamten, für den Hof und die befreundeten Diplomaten an der Zeit sein, sich ein Ge⸗ spann nach Griechenland oder nach Albanien zu sichern. Und mit diesem Uebertritt wird militärisch und politisch der letzte Schritt getan sein, der die völlige Niederlage und Uebergabe des Landes an die siegreichen Gegner bedeutet. Wieviel Wochen oder Tage vergehen, bis dieses Ende da ist, bleibt gleichgültig. Niemand bei Freund und Feind zweifelt, daß es so kommen wird. Mögen die Vierverbändler auch wirklich 300 000 Mann oder noch mehr in Saloniki aus⸗ schiffen, mag es im griechischen oder bisher serbischen Maze⸗ donien noch zu einer großen Auseinandersetzung kommen, zu einem zweiten Gallipoli kommen, die serbische Frage wird durch das Schwert rasch entschieden sein. Die Abrech⸗ nung ist bald erledigt. Die Serben haben sich bisher mit der⸗ selben Tapferkeit und Zähigkeit geschlagen wie zu Anfang des großen Krieges und wie in den Balkankriegen, aber die serbische Armee befindet sich heute bereits in einer derart kritischen Lage, daß man ihr auch vom strengsten Ehren⸗ es nicht weiter auf die Waffenentscheidung ankommen zu lassen. Denn was jetzt noch folgt, ist ein trauriges Blutvergießen, das an den Zielen dieses Balkankrieges, vor allem an der politi⸗ schen Züchtigung Serbiens, nichts mehr ändert. Die Verant⸗ wortung eines weiteren Kampfes auf Leben und Tod kann von der Regierung des Landes nicht mehr getragen werden. Die Regierung Pasitsch's mußte wissen, daß es sinnlos gewesen wäre, wenn die Zentralmächte den Kampf gegen ihre Hauptgegner siegreich zu Ende geführt, den eigent⸗ lichen Brutherd des Weltkrieges aber in der Hauptsache unberührt 1 hätten. In den ersten vierzehn Mo⸗ naten des Krieges haben die Serben reichlich Gelegenheit fich 10 über ihre„ Ver gangenheit 8 en, sich ihrer völlig falschen Orientierung bewußt zu werden und zu versuchen, durch entschlossene Umkehr und Ein⸗ linkung in eine neue Richtung wieder gut zu machen, was sich wieder gut machen ließe. Schwache Anläufe dazu sind von den führenden serbischen Politikern mehrmals gemacht worden, namentlich als ihnen die Art und Weise, wie ihre großmächtigen Freunde serbische Interessen opferten, um damit die italienische Hilfe zu kaufen, die Augen über die wahre Natur der russischen, englischen und französischen Gunst etwas geöffnet hatte. Die Angst vor Italien war ja auch die Ursache, weshalb Serbien zum zweiten Male seine Truppen nach Albanien schickte, und dies in einer Zeit,
da es jeden Mann gegen den kommenden Angriff Deutsch⸗
wenn politi
lands und Oesterreich-Ungarns nötig hatte. Es ist bekannt, wie verzweifelt die Serben sich gegen die italienischen Aspi⸗ rationen wehrte, die ihm von der Adria⸗Küste noch weni⸗ ger zugestehen wollen, als es selbst der„Erzfeind“ Oester⸗ reich⸗Ungarn tat. Nur unter dem Drucke Rußlands und Englands gab Serbien nach und ließ sich zugunsten des neuen Bundesgenossen opfern, dem die Aufgabe übertragen worden war, Oesterreich⸗Ungarn zu zerschmettern.
Die serbische Regierung hat nichts getan, um das Land
von der abschüssigen Bahn wegzureißen. Sie hatte nicht die moralische Kraft, rechtzeitig auf unerfüllbare Wünsche zu verzichten, um erreichbaren Zielen zuzustreben. Sie hat sich als unbelehrbar erwiesen. Wenn sie nun auch das letzte versäumt, die Vernichtung von 300 000 tapferen ser⸗ bischen Soldaten durch einen gewiß nicht grausamen, aber unerbittlichen Feind hintanzuhalten, wird sie der ewige Fluch der Geschichte treffen. Vielleicht wird dem alten Pe⸗ ter und dem alten Pasitsch noch im letzten Zufluchtswinbel, in 1 die Erleuchtung kommen, ehe es zu allem zu spät ist.
London, 20. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Das Reutersche Bureau verbreitet folgende Meldung der„Morning Post“ aus Athen: Das diplomatische Korps in Nisch siedelt heute nach Monastir über, wohin auch ein Teil des Auswärtigen Amtes, alle nationalen Archive und die serbische Nationalbank verlegt worden sind. Die Regierung bleibt vorläufig in Nisch.
Kriegsbriefe aus dem Westen. i Von unserm Kriegsberichterstatter. unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, nerboten)
Die Gefangennahme 5 von zwei französischen Jägerkompagnien. 5 Großes Hauptquartier, 16. Okt.
Bei den Kämpfen um die Vimyhöhe ist es bei einem kühnen Handstreich der Garde gelungen, zwei französische Jägerkompag⸗ nien abzuschneiden und soweit sie noch am Leben waren, zu Ge⸗ fangenen zu machen. Ich sprach Leute von uns, die daran betei⸗ ligt waren, und habe dann die Franzosen vor ihrem Abtrans⸗ port gesehen und gesprochen. Das gab die seltene Gelegenheit, daß man einmal ein kleines Stückchen eines Kampfbildes in der Beleuchtung von beiden Seiten sah, und zwar in Schilderungen, die noch unter dem frischesten Eindruck des Erlebnisses standen.
Die Gardisten, die ich sprach, machten wenig Worte von der Sache. Sie hatten herausgebracht, daß die Franzosen ein Graben⸗ stück vor ihnen besetzt hatten, welches sie für unbesetzt hielten. „Da müssen wir die Kerle wieder hinausschmeißen. Das ist denn doch zu frech!“ Durch Schleichpatrouillen wurde bei Eingang der Dunkelheit erkundet, daß ein etwa 200 Meter breites Graben⸗ stück, welches zwischen zwei feindlichen Kompagnien die Verbin⸗ dung herstellte, nicht oder nur schwach besetzt war. Welche Kühn⸗ 1555 dazu gehört, in einem völlig deckungslos kahl geschossenen, ortwährend von Maschinengewehren abgetasteten Gelände eine solche Erkundung zu machen und sie so zu bestätigen, daß darauf ein Plan gewagt werden kann, davon machten die Teilnehmer kein Aufhebens. Der Abend war früh hereingebrochen und war sehr dunstig, das unterstützte das Gelingen. Lautlos, unter Benutzung jeder Ackerfurche, jedes Granatentrichters und jeder schwachen Deckung, die von eingeschossenen Unterständen und hin und wie⸗ der von unbeerdigten Toten geboten wurde, ging es vorwärts. Der Feind merkte nichts. Ein paar Posten, die im Graben ge⸗ troffen wurden, wurden lautlos zum Schweigen gebracht. Es war gelungen, Maschinengewehre mit nach vorn zu nehmen und im Graben in Stellung zu bringen. Damit war der Erfolg des Wag⸗ nisses entschieden.„Dann haben wir sie nach rechts und links angegriffen und nach einer bösen Nacht, in der sie keine Gegen⸗ wehr versuchen konnten, mußten sie sich alle ergeben. Es waren feine schneidige Kerle, diese Franzosen, alles sehr anständige Leute, die getan hatten, was möglich war, solange das Handgemenge im Graben ihnen noch helfen konnte. Wir haben sie sehr freund⸗ lich behandelt.“ So etwa lautet der Bericht unserer Leute.
Diese Franzosen sah ich, wie sie zum Abtransport antraten. Vorher war aus einem großen Suppenkessel Essen an sie verteilt worden, Löffelerbsen mit Speck, die sie sich munden ließen; sie behaupteten aber, wenn dies Essen auch gut und kräftig sei, so sei deutsche Küche doch nicht französische Küche. Auf die Dauer werde ihnen diese Kost und besonders das deutsche Brot zu schwer sein. Das war das Einzige, wovor sie sier fürchteten. Im übrigen waren sie davon überzeugt, daß man sie in Deutschland gut und achtungsvoll als unterlegene 5 behandeln werde. Im An⸗ fange habe man ihnen wahre Schreckensbilder über die elende Behandlung entworfen, die ihre kriegsgefangenen Kameraden in Deutschland erleiden müßten. Heute glaube daran niemand mehr, als die Pariser Zeitungsmacher. Aber was man von denen zu halten habe, wisse man in der Armee. Die müßten erst einmal an die Front kommen, um zu sehen, wie es zugeht!
Man hatte jedem der Gefangenen einen mit seinem Namen ver⸗ sehenen Leinwandbeutel gegeben, um seine Habseligkeiten mitneh⸗ men zu können. Nur wenige von ihnen hatten noch ihre Koch⸗
Nunst und Wifssenschaft. die Freiflächen in den deutschen unddeneng⸗ lischen Großstädten. Eine für die künftige Entwickelung der deutschen Städte ee bedeutsame Frage hat Martin Wagner zum Gegenstande seiner Dissertation zur Erlangung der Würde eines Doktor⸗Ingenieurs der Technischen Hochschule zu Berlin 7 Seine Untersuchung gilt nämlich dem„sanitären Grün er Städte“, und zwar versucht Wagner eine Theorie der für das gesundheitliche Gedeihen der Großstadtbevölkerung notwendi⸗ gen Freiflächen zu begründen. Stübben hat eine Berechnung aufgestellt, wonach auf den Kopf der städtischen Bevölkerung 2 Quadratmeter an Freifläche als das notwendige Normalmaß anzusetzen sind. Diese Berechnung leidet jedoch unter dem Mangel, daß Stübben nur die Versorgung der großstädtischen Bevölkerung mit Parkflachen ins Auge gefaßt hat. Von nicht geringerer Be⸗ deutung aber als die Beschaffung ausreichender Parkanlagen ist auch die Fürsorge für die spielende und sportliche Betätigung der Großstadtjugend, wodurch ein erheblich größeres Maß von Frei⸗ fläche, als Stübben errechnet hat, sich als notwendig herausstellt. Wagner kommt zu dem Ergebnisse, daß unter Berücksichtigung dieses Bedürfnisses 6,5 Quadratmeter auf den Kopf der Bevölke⸗ rung als das Normalmaß an Freifläche in den Städten anzu⸗ setzen sind. Unter Zugrundelegung dieser Zahl hat er die Verhält⸗ nisse in einer Anzahl deutscher und englischer Großstädte verglichen. Dabei hat sich herausgestellt, daß in 5 englischen Großstädten über 500 000 Einwohner 6,1 Quadratmeter Freifläche auf den Kopf kommen und in 5 Städten zwischen 300000 und 400 000 Einwohnern sogar 9,1 Quadratmeter. Nur in den 10 englischen Städten zwischen 100 000 und 300 000 Einwohnern, die unter⸗ sucht wurden, blieb die Freifläche unter dem Normalmaße von 6,5 Quadratmeter zurück. Anders und leider wesentlich ungünstiger stellen sich die Verhältnisse in den bei der Untersuchung berücksich⸗ ligten deutschen Städten. Am günstigsten ist das Verhältnis noch in 14 Städten von 200 000 und 300 000 e in denen das durchschnittliche Freiflächenmaß auf den Kopf der Bevölkerung 4,3 Quadratmeter beträgt. In 4 Städten zwischen 300 000 und 400000 Einwohneren kommen 3,8 Quadratmeter Freifläche auf den Kopf, in 24 Städten zwischen 100 000 und 200 000 Ein wohnern nur 2,9 Quadratmeter und in 6 Städten von 500 000 und mehr Einwohneren gar nur 2 Quadratmeter. Mit Recht macht Wagner zu diesen Zahlen die Bemerkung, daß es 1 1 7 wünschenswert sei, diesen Stand der Freiflächenpolitik in Deutsch⸗ land auch für die Zukunft als den„normalen“ beizubehalten, man sich klar macht, daß diese Einschränkung der Freiflächen⸗ politik auf Kunen der Jugendpflege und der Versorgung der Groß⸗ Jädte mit ausrei chenden Spie ben geschieht. Die Jugendpflege
wird nach dem Kriege noch viel weitere und nachdrücklichere Rück⸗ sicht erfordern, als bisher, und damit wird auch die Vermehrung der Freiflächen in unseren Großstädten zu einer besonders wichtigen Aufgabe werden. 5
— Weibliche Geistliche in Dänemark. Nicht weni⸗ ger als acht junge Damen liegen gegenwärtig in Dänemark dem Studium der Theologie ob, und die Zukunft dieser Damen erregt vielfaches Interesse, weil sie nämlich unter den gegenwärtig noch geltenden Bestimmungen keine Aussicht haben, die Kanzel zu be⸗ steigen. So hat denn auch der dänische Minister der inneren An⸗ selegenheiten an den Frauenverein die Frage gerichtet, welche
emter und Stellen man denn eigentlich beim Theologiestudium der Frauen ins Auge gefaßt habe, und für welche geistliche Betäti⸗ gung sich nach der Ansicht des Vereins die Frauen am besten eigneten. Der Verein hat kurz entschlossen die Antwort gegeben, daß sich die Frauen wohl für die Aemter am besten eigneten, für die sie Lust und Fähigkeit besäßen und vor allem gerade für den Prediger⸗ beruf. Bereits hat ein Geistlicher angefragt, ob nicht eine von den acht Theologiestudentinnen mit ihren Studien zu Ende gelangt sei; er brauche einen Helfer im Amte und möchte gern eine Frau in dieser Stellung sehen. Kann sie ihn auch noch nicht auf der Kanzel vertreten, so gebe es doch genug, worin er ihre Mitarbeit sehr vorteilhaft verwenden könnte. Die junge Dame würde dann also zunächst in das Amt eines Kaplans eintreten und es scheint nach allem die Zeit keineswegs fern, wo der erste weibliche Kaplan in den Stand der dänischen Geistlichkeit eintritt.
— Die Romantik des Avalaberges. Wie gemeldet wurde, haben unsere Truppen die bedeutendste, alle andern Werke beherrschende Höhe des Fortgürtels um Belgrad, den 565 Meter hohen Avalaberg, mit stürmender; Hand genommen. Die Wichtig⸗ keit, die diese Stellung schon früher besaß, mag daraus hervor⸗ ehen, daß bereits die Römer, wahrscheinlich unter Kaiser Dio⸗ letian, hier einen jener stark befestigten Warttürme errichteten, die als Luginsland ebenso die Donaulinie wie die Rheingrenze begleiteten. Die uralte Burgruine, die den Gipfel des Avala krönt, dürfte den Rest dieser altrömischen Veste darstellen. Der heutige Name des Berges ist arabisch von dem Worte„avali“„groß, hoch“ hergeleitet und stammt erst aus der Türkenzeit. Nachdem das römische Fort in den Stürmen der Völkerwanderung zerstört war, entstand auf seinen Ruinen während der altserbischen Zaren⸗ zeit, die ihren Höhepunkt um die Mitte des 14. Jahrhunderts unter Stefan Duschan erreichte, das Schloß Zrnov. Nördlich von die Schloßruine wird ein sagenhaftes Grab, Portschin grob, gezeigt, in dem nach der einen Tradition ein Woiwode Portscha bestattet ist, der im Kampfe mit den Türken fiel, während nach, mohamme⸗ danischer Ueberlieserung dort ein„Ghazi Portscha“ im Streit gegen die Christen sein Leben ließ.„Die ziemlich aut erhaltene, unregel⸗
geschirre, die meisten hatten statt deren Konservenbüchsen, kleine Blecheimer aus einem Spielzeugladen, der immer wieder gefüllt
wurde, wenn er leer war.„Laßt's euch gut schmecken,“ sagte der
wohlbeleibte badische Landwehrmann, der die große Suppenkelle schwang.„Satt müßt ihr werden, das habt ihr verdient!“ Viele saßen oder lagen auf der kalten regennassen Erde, Das seien sie gewohnt, meinten sie. Die letzten Wochen auf den Höhen vor Arras falle ein Spaß gewesen. Was jetzt nachkomme, werde ihnen leicht allen.
Als das Mittagsmahl beendet war und die Gefangenen ihre Eßnäpfe geputzt hatten, ertönte der Befehl, daß die Gefangenen ihre Sachen aufnehmen und sich in Reihen zu vieren aufstellen sollten. Gleichzeitig erschien der französische Hauptmann und der Unterleutnant, die mit gefangen worden waren. Der Hauptmann ging mit gesenktem Kopf grüßend an seinen Leuten vorüber, der Unterleutnant schüttelte jedem einzelnen Mann die Hand, wünschte ihm einen guten Tag und sprach ein paar aufrichtende Worte da, wo es nötig war. Es war ein für seinen Grad älterer Mann, der aus dem Unteroffiziersstande hervorgegangen war und einen ganz vorzüglichen Eindruck machte. Ich muß sagen, daß ich überhaupt noch niemals im ganzen Kriege einen französischen Gefangenenzug gesehen habe, der durchweg so tadellos aussah, wie diese Jäger. Mehrere von ihnen sprachen deutsch, fast alle ge⸗ hörten den gebildeten Schichten oder dem gehobenen Mittelstande an, ohne Ausnahme waren sie sehr gut gekleidet und beschuht, wenn auch jetzt ei 196 in Zivilistenmänteln und Mützen gingen, die man ihnen gegeben hatte, weil sie ihre Kommißmäntel und Stahlhelme im Schützengrabenkampf verloren hatten.
Sofort nachdem die Offiziere erschienen waren, übernahmen diese selbst die Ordnung der Kolonne, und alles klappte mit sol⸗ datischer Pünktlichkeit. Während nun die Namen der Gefangenen mit den Listen verglichen wurden, hatte ich reichlich Gelegenheit, mit den Leuten zu sprechen. Sie erzählten ihre Gefangennahme folgendermaßen: 5
Da man der Ansicht war, daß die gegenüberliegenden Stellun⸗ gen der Deutschen infalge des Trommelfeuers so zerschossen seien, daß die Deutschen zu einem Angriffe unfähig seien, hatten sie den Befehl bekommen, einen vorgeschobenen Graben zu besetzen, der sonst wegen des von den Deutschen darauf gelegten Artillerie⸗ feuers unhaltbar war. Dies geschah im Lauf des Nachmittags, ohne daß die Deutschen, welche nur das regelmäßige Artilleriefeuer unterhielten, davon anscheinend etwas bemerkten. Es stellte sich sofort heraus, daß die Besetzung ungünstig war, da zwischen den beiden benachbarten Kompagnien eine Lücke bestand. Eine ent⸗ sprechende Meldung ging auch an die Division ab. Warum dennoch keine Abhilfe geschaffen wurde, wußte niemand. Einige behaup⸗ teten, es sei zurückgeantwortet worden, man möge ruhig sein. Die Deutschen, die angreifen könnten, lebten nicht mehr. Der Hauptmann, den ich fragte, zuckte die Achseln. l 8
Plötzlich seien sie, bald nach Einbruch der Dunkelheit, ganz unvermutet von den Deutschen, über deren Zahl sie ganz im Un⸗ klaren waren, überfallen worden. Im ersten Augenblick erregte der unerwartete Handgranatenangriff Panik, dann raffte man sich rasch zum Widerstande auf, und es kam: zum Bajonett⸗ und Kolben⸗ kampf, ja zum Ringen und Würgen. Dieser Nahkammyf hatte allen den größten Eindruck gemacht.„Wir wissen, daß wir Grenadiere gegen uns hatten. Secrenom! Das waren Herkulesse. Aber die Jäger zu Fuß sind auch Soldaten! Das war wirklich einmal ein
5 Deutschen und Franzosen, Mann gegen Mann und an Leib!“ Wie sich das Handgemenge weiter entwickelt hat, vermochte keiner der Franzosen zu schildern. Sie wurden jedenfalls, das mußten sie zugeben, immer weiter zurückgedrängt, bis plötzlich deutsche Befehle ertönten und die Deutschen sich darauf schnell von ihnen zurückzogen. Hier besteht ein Widerspruch zwi⸗ schen der deutschen und der französischen Darstellung, denn die Deutschen behaupten, daß es schwer gehalten habe, ihre wütenden Kameraden aus dem Handgemenge mit dem Feinde zu lösen, als der Befehl ertönte, den Graben zu räumen und bis zu den Ma⸗ schinengewehren zurückzugehen. Jedenfalls fanden sich die Fran⸗ zosen im Verlaufe des Hrabenkampfes gegen eine ihnen ganz unerklärliche Sandsackbarrikade, die in ihrem Schützengraben aufge⸗
richtet war, gedrängt und konnten weder vorwärts noch rückwärts. In diesem Augenblick des allgemeinen Gedränges und der unent⸗
wirrbaren 5 begannen, nachdem die Deutschen unsicht⸗ bar geworden waren, deren Maschinengewehre den Graben zu flankieren. Die Wirkung war fürchterlich. Die Toten fielen so . daß sie, wie ein Gefangener sagt, nicht mehr um⸗ inken, sondern nur noch in die Knie knicken konnten. Wer noch konnte, der rettete sich in die Unterstände. Hier standen alle die anze Nacht hindurch eingezwängt wie„Oelsardinen in einer B se“. Wer die Nase hinaussteckte, den riß das Maschinengewehr, mit dem die Deutschen den Graben alle Augenblicke abkämmten, auf die Erde. So verging die Nacht. Das Morgenlicht kam spät. mäßig angelegte, oblonge Burg besitzt,“ wie eine neuere Unter⸗ suchung feststellt,„einen quadratischen Hochturm, drei halbrund vorspringende kleine Bastionen und einen nun halb verschütteten Graben;“ der starke Oberbau ist nach den Forschungen von Kanitz der ganzen Technik nach in der Türkenzeit entstanden. Bei den Be⸗ lagerungen Alt⸗Belgrads spielte ein Raubschloß eine große Rolle, das der Pascha des Smederevoer Sandschak 1442 nach dem Abzug des berühmten Ungarfürsten Johannes Hunyady errichtete und das zum ersten Male urkundlich den Namen Havale⸗ Avala führt. Es erschwerte bei jeder Belagerung die Verproviantierung Belgrads aufs äußerste; Sultan Mohammed II., der Erobere: Konstantinopels, hat seine Befestigungswerke noch beträchtlich ver⸗ stärken lassen. Nach der Befreiung Serbiens bildete der Avalaberg für die Einwohner Belgrads ein beliebtes Ausflugsziel. Auf dem Wege dahin kommt man an Kumodrasch vorüber, wo im ersten serbischen Unabhängigkeitskampfe 1804 gleich heftig wie ber dem mehr nordöstlich gelegenen Mokrilug gekämpft wurde. Später führt der Weg an Belipotoks vorüber, dem Geburtsorte des Ban⸗ diten und Raubmörders großen Stils, Vasa Tscharapitsch, der 1806 bei dem Sturme auf Belgrad erschossen ward und durch den Glücksfall dieses Todes zu einer Art von serbischem Nationalhelden emporstieg. Mit diesen serbischen Nationalhelden ist es bekannt⸗ lich eine eigene Sache: es hat jeder„Haiduk“ oder Buschräuber die Anwartschaft darauf, der durch allerhand kühne Taten beim Hammelstehlen oder als Wegelagerer die Phantasie des Volkes be⸗ schäftigte. Für so ziemlich alle„Volkshelden“ des Serbenvolkes läßt sich diese fragwürdige Vergangenheit urkundlich oder aus der Volksüberlieferung nachweisen. Bald hinter dem Dörfchen Vasa Tscharapitschs beginnt die 1893 erbaute, modern chaussierte Straße, die in sanfter Schlängelung zwischen neueren Aufforstungen zum Avalaschloß emporführt. Die Umgebung des Schlosses bildete im Frieden einen beliebten Tummelplatz für die Zigeuner, die allent⸗ halben in Serbien recht zahlreich vertreten sind. Eine Zeitlang hatte man große Hoffnungen auf den Mineralreichtum des Avala gesetzt und umso 9 kostspielige Quecksilbergruben angelegt, als man die Reste alter Bergwerksschächte entdeckte. Aber die Sache war ein Mißerfolg, der zwecklos Hunderttausende verschlun⸗ gen hatte, zu denen vorsichtigerweise der um seine Beteiligung an⸗ gegangene„Quecksilberkönig“, der Londoner Rothschild, keinen Pfennig beigesteuert hatte. Seitdem begnügte man sich mit der Aus⸗ beutung einiger Blei- und Braunkohlengruben. So hat der Avala nach einer wechselvollen romantisch Verg nheit eine recht nüchterne Gegenwart erlebt, und die Reste der Romantik werden wohl jetzt unter den Volltreffern unse e Artillerie von der Erde verschwunden sein.
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