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Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags:
Die„Gießener Famillendlätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das
1505. Jahrgang
5 0 0 le en ex 3 El 9 E Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗ 1
Donnerstag, 7. Ostober 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. 4
unudtan een den nen heren, koeimal straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S 5l, Schrift a 7. G 1 A 1 77 Ob 5 leitung: 2112. Adresse für Drahtnachrichten. 1 2 5 65
5 eneral⸗Anzeiger für Oberhessen Wiebe oe 1
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über 19 Gäste! Am längsten hielt der bekannte Gasthof„Alpen- können auch zur Umschnürung der Postsendungen, insbesondere 55
Uriegsbriefe aus dem Westen. ruhe“ durch, aber als die Zahl seiner Gäste auf drei herunter⸗ der über 50 Gramm schweren Feldpostbriefe mit Wareninhalt 4
. 3 egangen war, mußte er auch schließen. Interlaken war diesen(Päckchen) verwendet werden, vorausgesetzt, daß sie haltbar sind
. Telegramm unseres Kriegsberichterstatters. ommer beinahe verlassen. Im Hotel Viktoria, wo man im und eine feste Umschnürung damit hergestellt werden kann. Dünner 1 (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) August sonst nur durch Verbindungen und Gnade Unterkunft] Draht(sog. Blumendraht) ohne Umspinnung ist zur Verpackung 5
Die farbigen Mitkämpfer F war, f Gast, der Se 8 1705 9 9 75 1 5 e e b eee 55 5 dh nicht 1 5
z ereit war, illkommen. Die Gasthöfe in Interlaken, die] läßt un erletzungen des Personals un eschädigungen dern
als Feinde der Engländer und Franzosen. offen waren, mußten in der Regel ein Dienerpersonal halten, Briefbeutel und anderer Postsendungen durch den Draht un⸗ 5
3 Großes Hauptquartier, 5. Okt. Bei einer aus den Kämpfen im Artois eingebrachten Gruppe von Tunesiern und Marokkanern fiel es mir auf, in welch ver⸗ ächtlicher und überhebender Weise diese dunkelhäutigen Leute jeden
Verkehr mit den weißen Franzosen ablehnten, während sie sich mit besonderer Beflissenheit auf einen freundlichen Fuß mit den 1115 ie
schen n zu stellen versuchten. Als i zum Teil 8 g französisch sprechenden, sehr intelligenten Leute nach dem Grunde dieses Verhaltens fragte, gaben sie mir einstim⸗ mig zur Antwort, daß sie sich nicht als Gefangene, sondern als Gäste des mit ihrem Padischah verbündeten Deutschen Kaisers betrachteten. Sie seien keine 4 Untertanen, sondern sie haßten aus vollem Herzen ein Land, welches sie gezwungen habe, gegen ihren Glauben und gegen ihr Gewissen Soldaten gegen ein Volk zu werden, welches ihnen niemals feindlich gewesen sei. Niemand von ihnen habe gewußt, als man sie gegen das Gesetz, obwohl sie ihre erzwungene Dienstzeit schon abgeleistet hätten, nochmals gezwungen habe, die französischg Uniform anzuziehen. Daß es gegen Deutschland ginge. Erst bei ihrem Eintreffen auf dem Schlachtfelde hatte man ihnen mit dem Hinzufügen gesagt, daß Deutschland der Feind der Mohammedaner sei. Durch Fahnen mit Ausschriften, welche die deutschen Soldaten vor ihren Schützen⸗ gräben aufgestellt hätten, und durch indische Truppen, denen deutsche Flieger gedruckte Briefe in ihrer Landessprache zuge⸗ worfen hätten, hätten sie schließlich erfahren, daß der vom Padischah
en Frankreich und England erklärte Heilige g sie auf die Seite der Deutschen rufe. Aber da die nordafrikanischen Moslems wohl gut genug seien, um ein Volk von französischen Schwäch⸗ lingen, welches sein Vaterland gegen die tapferen Deutschen mit eigener Kraft nicht mehr verteidigen könne, zu beschützen, während der tapferste Moslem es unter der von ihm verteidigten fran⸗ zösischen Trikolore nicht einmal bis zum Unteroffizier bringe, so seien die Aufstandsbewegungen unter den Mohammedanern von den französischen Offizieren blutig unterdrückt worden. Indessen schuntren alle Gefangenen mit dem heiligsten Eifer ihres Glaubens, daß keiner von ihnen mehr einen Schuß auf die Deutschen abgegeben habe, seit sie wußten, daß der Deutsche Kaiser der Verbündete des Padischah sei. Frankreich habe sie seit Beginn des Krieges von jeder Verbindung mit ihrem Vaterlande und ihren Familien ab⸗ geschnitten, nur um zu verhindern, daß sie die Wahrheit erführen. Ein solches Land verdiene schmähliche Verachtung und verächtlich seien auch die französischen Offiziere, die ber allen gefährlichen Untern. die eigenen L schonten und dagegen die ge⸗ zwungenermaßen zu Verteidigern des schwächlichen Frankreichs gepreßten Moslems vorantrieben, um ihr Blut gegen die unüber⸗ windlichen Deutschen zu verspritzen. Dieser Auffassung der Sach⸗ lage entsprach vollkommen das unglaublich verächtliche Verhalten der mohammedanischen Nordafrikaner gegen die weißen franzö⸗ sischen Mingefangenen. Ganz allgemein sprachen alle die Hoffnung aus, daß man sie in Deutschland nicht als Gefangene behandeln, sondern sie als Verbündete ebenso gut wie die bewunderns⸗
werten Soldaten ausbilden, und sie dann gegen die verhaßten zösischen Bedrücker ins Feld führen werde. Als ich ihnen klarzumachen versuchte, daß dies aus v i
ölkerrechtl
Gründen wohl kaum angehen werde, zeigten sie sich tief enttäuscht und sprachen die Hoffnung aus, daß man sie wenigstens ihrem wahren Herrn, dem Padischah, als Soldaten gegen Franzosen und Engländer zur Verfügung stellen werde
Das von Haß und Fanatismus glühende Wesen dieser Nord⸗ afrikaner hat mir zum ersten Male in diesem Kriege völlig klar⸗ gemacht, welche Gefahr sich die Franzosen und Engländer durch b dieser sie aus tiefster Seele. und
senden rbigen in einem europäͤischen iege großgezogen haben. W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.
Die Not der Schweizer Gasthöfe. F von 2 r der Gale deze 9 8 5 des Krieges zu leiden hat. Grind ek. wald, das sonst so belebte freundliche Oertchen, wo man in der Hochzeit des Betriebes mit Not und Mühe Unterkunft zu finden pflegte, steht leer und verödet. Die Mehrzahl der Gasthöfe ist geschl sen geblieben; die geöffnet hatten, verfügten zusammen
das doppelt so zahlreich war, wie die Gäste, die zu bedienen waren. In der ganzen Stadt mag die Zahl der Fremden 100 bis 150 be⸗ tragen haben. Etwas günstiger lagen die Verhältnisse in Pontre⸗ sina und St. Moritz: diese Orte wurden von Schweizer Gästen besucht, da allgemein darauf hingewirkt wurde, daß das Schweizer Publikum nach Möglichkeit durch Reisen im Lande dem notleidenden Gasthofgewerbe einigermaßen zu Hilfe komme. Ein wirkliches Leben herrschte nur in Loeche⸗les⸗Baines am Fuße der Gemmi. fan⸗ den sich nämlich alle die gichtkranken Franzosen und Italiener ein, die durch den Krieg verhindert waren, die gewohnten deutschen und österreichischen Badeorte aufzusuchen; die Gasthöfe waren voll und man lebt dort so lustig und vergnügt, als ob es keinen Welt⸗ krieg gäbe, der Europa heimsucht und die Schweiz ruiniert. Der Mitarbeiter der„Times“ mußte zu seiner Verwunderung erleben, daß ihm die Erlaubnis zur Bereisung des Funka⸗Passes nicht erteilt wurde, wie denn überhaupt kein Fremder Erlaubnis erhielt, nach Andermatt oder irgendwo in die Nähe des Gotthardpasses zu reisen. Er fand die häufigen Paß⸗ und Zolluntersuchungen, denen der Fremde gegenwärtig in der Schweiz unterworfen ist, so beschwerlich, daß er meint, zum Vergnügen werde jetzt wohl kaum ein Fremder nach der Schweiz gehen. Auf einer dreiwöchent⸗ lichen Reise hat er denn auch keinen einzigen Engländer im denne getroffen. Hoffentlich werden die Schweizer das verschmerzen önnen!
Aus Stadt und Cand. »Gießen, 7. Oktober 1915. Auf dem Felde der Ehre gefallen. (Aus Hessen und den Nachbargebieten.)
Musk. Hubert Bastian, Inf.-Rat. 254, aus Offenbach a. M. — Wehrmann Heinr. Schmidt, Landwehr⸗Inf.⸗Rgt. 116, aus Offenbach a. M.— Kriegssreiw. Albert Glater, Landw.⸗-Inf.⸗ Rgt. 13, aus Wetzlar.— Gefr. Phil. Stein aus Herborn.— Res. Ludwig Damm aus Herborn.— Res. Heinr. Döll, Inf. Rgt. 140, aus Borsdorf.— Assistenz-Arzt Addy Hein, stellv. Batl.⸗Arzt im Res.⸗Jägerbat. 22, aus Darmstadt.— Ers.⸗Res. Karl Walter, Res.⸗Inf⸗Rgt. 81, aus Wetzlar.— Landsturm-Rekrut Karl Weimer, Inf.⸗Agt. 143, aus Aßlar.— Wehrm. Hermann Pfaff aus Herborn.— Landsturmmann Karl Würtenberger aus Offenbach a. M.— Leutn. d. Res. Karl Faulhaber aus Offenbach a. M.— Landwehrm. Peter Schaefer, Landw.-Inf.⸗ Rgt. 116, aus Offenbach a. M.— Landsturmrekrut Phil. Illges, Inf.⸗Rgt. 352, aus Ober⸗Flörsheim.— Stellv. Batl.⸗Arzt Unter⸗ arzt A. Hein, Res.⸗Jägerbat. 22, aus Darmstadt.— Landsturm⸗ mann Heinr. Wennel aus Stockheim.
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un Anpflanzung von Nußbäumen. Zur Er⸗ haltung und ng der in den letzten Jahren stark gelichteten Nuß baumbestände empfiehlt das Kriegs⸗ ministerium in einem Erlaß die Anp ung junger Nuß⸗ bäume in eindringlicher Weise. Für die Anpflanzung kom⸗ men hauptsächlich die geschützten Gegenden Süddeutschlands in Frage. Nach dem Urteil Sachverständiger und von Schaft⸗ 1 ür die das Nußbaumholz in e kommt,
raucht ein Nußbaum, ehe er ausgiebig industriell ver⸗ arbeitet werden kann, 50— 70 Jahre Wachstum. Da der Nuß⸗ baum ebensoviel gibt wie die Linden, Platanen, Kastanien usw., empfiehlt der Erlaß seine Anpflanzung auf Kasernenhöfen, in Kasernengärten und an geeigneten Stellen auf Truppenübungsplätzen. Gegebenenfalls ist die Anpflanzung von Obstbäumen zugunsten der Anpflanzung von Nußbäumen zurückzustellen. Die Anregung der Militär⸗ behörde dürfte auch Gemeinden und Privatleuten zur Nach⸗ ahmung zu empfehlen sein.
»* Bindfadenersatz. Die Reichspostverwaltung teilt mit: Um dem Mangel an Bindfaden aus Hanf, Baumwolle u. dergl. abzuhelfen, sind verschiedene Ersatzmittel in Gebrauch ge⸗ nommen worden, von denen u. a. Bindfaden aus Papierfasern, mit Papier oder anderen Stoffen umsponnener Draht usw. sich im all⸗ gemeinen als brauchbar erwiesen haben. Derartige Ersatzmittel
vermeidlich sind, namentlich wenn die Umschnürung und der Ver⸗ schluß nicht sorgfältig ausgeführt werden.
Landkreis Gießen..
O Grünberg, 6. Ckt. Bei den schweren Kämpfen an der
Westfront fiel von hier der Dachdecker Konrad Fatum.—
Gardefusilier Christoph Ritter erhielt die Hessische Tapfer⸗
keitsmedaille. Kreis Alsfeld.
v Ober⸗Ohmen, 6. Okt. Den schweren Kämpfen an der Westfront ist auch Lehrer Leutnant d. Res. Gorr zum Opfer ge- fallen. Am vorigen Donnerstag starb er den Heldentod. Zweimal war er bereits verwundet worden, einmal in Frankreich, das andere Mal in den Karpathen. In dem Gefallenen verliert die Ge- meinde einen tüchtigen, beliebten Lehrer. Ein anderer, früher hier wirkender Lehrer Müller ist im August schwer verwundet worden.
Ruppertenrod, 5. Okt. Landwehrmann Johann Kratz wird seit dem großen Angriff unserer Feinde an der Westfront vermißt. Nach einer hier eingegangenen Mitteilung ist er durch einen Schuß ins Bein verwundet und jedenfalls gefangen worden, Der Vermißte hat den Feldzug von Anfang an in vorderster Front
mitgemacht. Kreis Schotten.
A Aus dem vorderen Vogelsberg, 6. Okt. Gegen⸗ wärtig ist man mit dem Ernten der Hackpflanzen: Dick⸗ wurz und Kohlrüben, Kraut und Wirsing, beschästigt. Die damit bestandenen Felder werden mit Korn und Weizen bestellt. Das Schönackern der Karloffeln, d. i. das Nachackern nach der ersten Knollenernte, ist noch nicht beendigt. Wie die Kartoffeln, so liefern auch alle anderen Erdgewächse vortreffliche Erträge. Dickwurz und Kohlrüben sind vollendet gewachsen. Mit den Kartoffeln machen sie volle Keller. Diese dürsten aber nicht reichen, um alle Vorräte zu bergen. Da die männlichen Arbeitskräfte mangeln, so müssen die Schulkinder kräftig mitarbeiten. Notferien, die die Be⸗ hörden bewilligen, geben dazu willkommene Gelegenheit.
Kreis Wetzlar.
ng. Lützellin den, 6. Okt. Bei den letzten schweren Kämpfen starben den Tod fürs Vaterland: Metzgermeister Wilhelm Al len- dörser im Landwehr⸗Insanterie⸗Regiment Nr. 116 und Jäger Jung im Jäger-Bataillon Nr. 11. Ersterer war seit Kriegs- beginn im Felde und war kurz zuvor in Heimat⸗Urlaub gewesen.
Hessen⸗Nassau.
J. Aus dem Kreise Marburg, 6. Okt. Am Abhange des höchsten Punktes des Lahngebirges, dem etwa eine Stunde südlich der Stadt Marburg gelegenen Frauenberg mit der gleichnamigen Ruine, wurden eine Wohnstätte nebst einigen 1 Gräbern aus der sogenannten Hallstattzeit, also einige Jahr⸗ hunderte vor unserer Zeitrechnung, bloßgelegt und interessante Funde zutage gefördert. Vor einer Reihe von Jahren wurden am sog. Geldberg bei dem jenseits des Ebsdorfer Grundes gelegenen Dorfe Mardorf im Krelse Kirchhain ähnliche Funde gentacht.
Frankfurt a. M., 6. Okt. Vom 1. November ab wird die hiesige Kriegsfürsorge eine beträchtliche Er⸗ höhung ihrer Unterstützungssätze vornehmen. Es werden erhöht die Mindestsätze von 30 Mark monatlich für Haushaltungsvopstände auf 36 Mark, von 15 Mark für jede weitere im Haushalt lebende erwachsene Person auf 20 Mk. und von 10 Mk. für jedes Kind auf 15 Mk. Ferner stellt die Kriegsfürsorge allen Kriegerfrauen Kartoffeln für 7 Mark den Doppelzentner zur Verfügung. Sollte der Einkaufspreis für Kartoffeln höher als 7 Mark sein, dann übernimmt die Stadt die Kosten des Preisunterschiedes.
Wiesbaden, 6. Okt. In der Walramstraße stürzte sich heute früh die zwanzigjährige Dina Schneider aus ihrer Mansarde auf den Hof. Sie war nach wenigen Augenblicken tot. Vor etwa drei Jahren hat die Schwester der Lebensmüden . auch durch Sturz aus demselben Fenster gesucht und gefunden. g
m. Bebra, 6. Okt. Ein Unglücksfall hat sich gestern nachmittag auf dem Bahnhof Bebra ereignet. Der Bahnassistent Jckler aus Rotensee bei Hersfeld geriet unter die Räder eines Eisenbahnwagens, die ihm über die Beine gingen, so daß dieselben fast vollständig vom Körper getrennt wurden.
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Kunst und Wissenschaft.
— Goethes Mutter zur Zeit des Franzosen⸗ krieges. In diesen Tagen, die Viele leiden und Tausende von Frauen aus Sorge um ihre Lieben zagen sehen, ist es von mehr als kulturhistorischem Interesse, sich in die 75 Goethes zurück⸗ zuversetzen und sich das Beispiel echt weiblich⸗deutschen Mutes in Erinnerung zu rufen, das Goethes Mutter in den— damals so schlimmen— Monaten der französischen Gefahr ihren Mit⸗ bürgern bot. Wiepiel schwere und zudem für Deutschland unglück⸗ liche Kriegsjahre hatte Frau Aja mitzumachen! Um 1793, während der für uns so wenig rühmlichen Campagne gegen die Franzosen, zitterte man in Frankfurt wochenlang vor einem Ueberfall des Feindes, der das nahe gelegene Mainz bereits erobert hatte. Die wildesten und unsinnigsten Gerüchte durchschwirrten die Stadt, und in später Abendstunde erscheint im Nachtgewand und völlig aufgelöst eine Freundin bei Frau Rat und erzählt aufgeregt von glühenden Kugeln, mit denen die Franzosen von jenseits des Rheins Mannheim bombardieren. Ach was, meinte die alte Dame gleichmütig, das könne doch nicht sein, denn die Kugeln müßten, wenn sie über das breite Vysser geflogen seien, längst wieder kalt sein, bis sie nach Mannheim hineinkämen. Sprachs und legte sich zur größten Verwunderung ihrer ganz verblüfften Freundin ruhig ins Bett. Auch als der weite Roßmarkt, auf den sie von ihren. Fenstern blicken lonnte, sich mit Fliehenden und Fuhrwerk der⸗ artig füllte,„daß einem angst werden konnte“, verliert Frau Aja den Kopf nicht, sondern wünscht,„daß alle feigen Memmen fortgingen, so steckten sie die anderen nicht an“. Inzwischen pflegt sie Verwundete, speist ihre preußische Einquartierung und hat ein„königlich Plaisir“, mit welchem Appetit die Soldaten den Schweinebraten verzehren, den sie ihnen vorsetzt. Abends geht sie in die„Comedie“, damit der Geist frisch bleibt, schläft ihre acht Stunden und ist immer bei gutem H Nur einmal läßt sie sich von der allgemeinen Angst und Verwirrung anstecken. Die Franzosen sind derartig mit 58 und Eigentum umge⸗ gangen, keiner ist mehr seines Lebens sicher, daß Frau Rat auf dringende Vorstellungen ihrer Freunde ihre Möbel und sonstigen Kostbarkeiten in den Keller bringen läßt und mit ihren Mägden auf eine Nacht nach Offenbach zu Madame la„emigriert“. Aber schon am nächsten Tage kehrt sie ganz beschämt wieder in den goldenen Brunnen“. wenn die Franzosen die Stadt auch wieder beschießen, sie geht nicht mehr fort. Wohl bricht sie in einem Brief an den Sohn einmal in den Stoßseufzer au:„Herr jemine! Wahrhaftig die Frau Aja wird recht ge⸗ 12— Gott! erhalte mir meinen guten Muth und mein fröh⸗ liches Hertz.“ Ihre gute Natur half ihr über vieles hinweg, ihre Zeitgenossen fast
m Scherz.
erlagen. Wie oft vertreibt sie Wie Räflich schabert sie ihrem
Sohn ihre„Flucht“ nach Offenbach, die wirklich gar nicht ge⸗ fahrlos war, denn die Stadt wurde heftig beschossen und brannte bereits an allen Ecken und Enden: dazu war für viel Geld und gute Worte kein Fuhrwerk zu haben und alles in wildester Auf⸗ regung und Verwirrung.„Es ist ein Odemholen unter Henkers⸗ hand,“ gesteht sie selbst über diese schrecklichen Tage, und doch ängstigt sie sich nicht vorher, sondern spart ihre Kräfte für die Unterstützung ihrer Mitmenschen.„Denn wir können dem Rad des Schicksals, ohne zerschmettert zu werden, doch nicht in die S en greifen.“ Das ist der Grundgedanke ihrer köstlichen bodenständigen Lebensphilosophie. Vielleicht findet manch eine unsichere Seele in diesem kernigen Wort einen Trost.
— Unbekannte Briefe Ifflands. Ein paar bisher nicht bekannte Briefe Ifflands, die einen wertvollen Beitrag zur Charakteristik des Menschen, des Schauspielers und des Theater⸗ direktors Iffland bieten, veröffentlicht Professor Dr. Ludwig Geiger im„Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen“ In der reichhaltigen Autographensammlung des Geh. Rat Töbe in Breslau befinden sich 15 Briefe und Billette Ifflands. Manche von ihnen sind bereits gedruckt, wenn auch nicht immer(wie vor allem ein Schreiben an den gefeierten Schauspieler Unzelmann vom 1. September 1798) korrekt ediert, andere ver⸗ dienen nur eine kurze Erwähnung aus Gründen der Vollständigkeit, während sieben Briefe zum Teil über die Fachwelt hinaus allge⸗ meines Interesse haben. Da ist ein Schreiben, das offenbar an den Verlagsbuchhändler Georg Joachim Göschen in Leipzig grrichtet ist, mit dem Iffland seit 1790 in freundschaftlichen, durch ein persönliches Zusammentreffen geförderten Beziehungen stand. Der bekannte Verleger ist für uns eine nicht uninteressante Persönlich⸗ keit, weil sein völlig verxengländerter Enkel Viscount of Goschen ihm 1903 eine ausführliche Biographie gewidmet hat. Ihm schreibt Iffland in seiner unendlichen Herzensgüte, die sich nie verleug⸗ nete:„Ihre Krankheit hat mich erschreckt; meine Zudringlichkeit, die ich begehen mußte, betrübt mich. Nie soll das wieder der Fall sein! Nie!“ Es ist bezeichnend, daß die gesperrten Worte auch im Oxiginal unterstrichen sind. Ein Brief an einen sonst unbekannten Theodor Huldig bezw. an einen Herrn v. Hagen ist, wie Geiger weiter ausführt,„aus einem allgemeinen Grunde sehr merkwürdig: Ablehnungen angebotener Stücke seitens der Theaterdirektion pflegten und pflegen namentlich jüngeren un⸗ bekannten Autoren gegenüber mit einer stehenden Formel zu er⸗ folgen— Iffland, zu dessen Fehlern allerdings eine ungemeine Schreibseligkeit gehörte, macht von solcher Formel keinen Gebrauch, sondern geht mit einer Ausführlichkeit, die bei dem vielbeschäftigten
anne schwer begreiflich ist, nuf das Stück ein. Denn einer der
8 8 0 in Ifflands Charakter ist seine Menschlich⸗ it.“ Die letzten
. iefe stammen schon aus der Zeit, da der große Maun der Thenteraelt fündig Eile, Fir bübsce Wie
schrieb er von seinem Landhause am Tiergarten, in dem er schon Schiller zehn Jahre früher bewirten durfte, an„die Königliche Schauspielerin Madame Bethmann“, womit die berühmte Frau Friederike Unzelmann⸗Bethmann gemeint ist:„Die Nacht war leidlich, dennoch will ich heute Abend ruhig und still im„Vieh⸗ garten“ ausharren und mich still ausruhen und strecken, weil das angegriffene Ganze es nötig macht.. Wie herrlich war denk gestrige Abend! Er hat mich angegriffen. Doch, lieber nicht leben als nicht angegriffen sein können!“ Mit dem„Viehgarten“ ist natürlich der Tiergarten vor seinem Berliner Hause gemeint — dieser Humor ist bei Iffland eigentlich ebenso fremdartig wie die Philosophie des letzten Satzes. Jedenfalls vervollständigen diese von Prof, Geiger ausführlich erläuterten Briefe in bedeut⸗ samer Hinsicht das landläufige Bild Ifflands, der vielseitiger und im edelsten Sinne humaner war, als ihn die Tradition kennt.
— Kriegskunstausstellungen in Weimar. Man schreibt uns aus Weimar: Die von Ernst Vollbehr zum Besten der Nationalstiftung für die Hinterbliebenen der im Kriege Gefallenen im Großh. Museum am Karlsplatz ausge⸗ stellten 201 Studien„Von der Front“ üben starke Anziehungs⸗ kraft aus. Die Ausstellung wurde in Gegenwart der Großherzogin am Sonntag eröffnet, und der Maler, der zu den verhältnismäßig wenigen Künstlern gehört, die zum eigentlichen Kriegsschauplatz zugelassen wurden, erläuterte mit Ernst und Humor die Ent⸗ stehungsgeschichte seiner teilweise im feindlichen Schrapnellfeuen und unter anderen„Hindernissen“ aufgenommenen Bilder. Schützengräben, Unterstände, Geländeabschnitte, Schlösser, zer⸗ schossene Gehöfte und unterirdische Höhlen an der Aisne, die leben⸗ sprühenden Bildnisse deutscher Heerführer(Kluck, Heeringen u. a.) und unserer braven Landsturmmänner, auch unserer weißen und farbigen Feinde, bilden ein außergewöhnlich anziehendes Ganzes, eine lebendige Urkunde unserer Zeit.— Eine andere nicht minder ansprechende Art von„Kriegskunstausstellung“ haben gegenwärtig die deutschen Verwundeten des hiesigen Reservelazaretts der Gr. Kunsthochschule mit Arbeiten veranstaltet, die von viel Geschick und Liebe zeugen! Schnitzereien in Linoleum und nament⸗ lich in Holz, die Prachtstücke sauberster Herstellung enthalten; dar⸗ unter Haushaltungsgegenstände jeder Art, Blumenständer, Rahmen, Truhen, Tische in Ornamentschnitzerei und Kindermöbel in Korb⸗ pflechtarbeit, bestimmt für die Großherzoglichen Kinder. Da die ausgestellten Gegenstände sämtlich angekauft wurden, sind die Liebhaber und Besucher auf Nachbestellungen angewiesen, die zun Freude der fleißigen Krieger recht zahlreich erfolgen. Eine aller liebste Puppenwiege, dunkelbraun gebeizt, ausgeführt nach den freien Entwurf eines Landwehrmanns, der sie nach einem Modell aus dem 18. Jahrhundert kunstvoll schnitzte, ward von der Großes herzogin für die Spielstube der Prinzessin 1 ne*
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