Ur. 255 Mittwoch, 6. Ottober 1015
Erscheim täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gießener Famlillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Ürelsdlatt für den Ureis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ sragen“ erscheinen monatlich zweunal.
105. Jahrgang
gener
Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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2 10 292 Die„Cefahr“ von Saloniki.
Wenn man nicht wüßte, wieviel an allen Unternehmun— en des Vierverbandes Bluff und Mache ist, könnte man ast glauben, Bulgarien sei durch die Truppenlandungen in Saloniki in eine schiefe Lage gekommen, es habe zuviel gewagt und gehe nun, von den Verbandsmächten zu Wasser und zu Lande blockiert, einer sehr unsicheren und trüben Zukunft entgegen. Als ob man in Sofia nicht alle Mög⸗ lichkeiten wohl vorbedacht und trotzdem sich entschlossen hätte! König Ferdinand, Radoslawow und das bulgarische Volk lassen sich durch die Ankunft der 1 h in Sa⸗ loniki so wenig aus der einmal betretenen Bahn drängen wie durch die Kündigung der russischen Freundschaft. Son⸗ derliche Achtung hatte man in Sofia vor beiden en lange nicht mehr, weder vor dem aus tausend Wunden blutenden Rußland noch vor den jedes Lorbeers entbehren⸗ den Dardanellenkämpfern. Wieviel sind es denn auch? Man rechnet auf 150 000% Wenn sie es versuchen sollten, außer in Saloniki 975 in Kawalla, nahe der bulgarischen Grenze zu landen, werden ihre Kräfte noch mehr zersplittert sein. Und bedenken die englischen und franzöfischen Strategen nicht, daß durch die W ihrer Dardanellenkämpfer türkische Armeen zu neuen Schlägen frei werden? Bul⸗ garien ist heute der Freund der Türkei. Man wird sich rasch darüber e haben, wie man dem etwa am
thrazischen Küstenstreifen eindringenden gemeinsamen⸗
Feind einen ebenso warmen Empfang bereitet wie auf der Halbinsel Gallipoli. Als Bulgarien mobil machte, haben alle Fachleute übereinstimmend ausgerechnet, daß die bul⸗ garische Armee eine halbe Million Feldsoldaten ausrücken lassen wird. Das genügt, um neben der mazedonischen Ak⸗ tion gegen Serbien die Helfer im Südgasl in Schach zu halten. Griechenland, wenn es wirklich, durch Nötigung
wird nicht sehr bei der Sache sein und sich mit der Verteidi⸗ gung seines Gebietes begnügen, dessen Neutralität von den neuen Bundesgenossen so wundervoll gewahrt wurde. Die
8 g iigung hat de und Erpressung gezwungen, sich dem Vierverband anschließt, 1
los ge n a 8 Feinde vortragen. Die deutschen Offi⸗
ziere, die das bulgarische Heer kennen, setzen die größten Erwartungen auf die Durchführung des Infanterieangrisfs. Schon im Valkankriege zeigte sich, daß die Infanterie vor⸗ dagligh ausgebildet und nach, een Grundsätzen für en Angriff erzogen war. Wir haben ferner in den lang⸗ dauernden Dardanellenkämpfen die Erfahrung gemacht, daß der eine der damaligen Gegner, das türkische Heer, in der kurzen Frist der wenigen Friedensjahre tüchtig gelernt hat Wir können mit demselben Rechte annehmen, daß auch dic Kriegsarbeit des bulgarischen Heeres frühere Fehler, deren Wirkung noch in Erinnerung sind, jetzt vermeiden wird. Und darum: Es steht auch im Kampfe mit dem ganzen Vier verband nicht schlecht um Bulgarien. Die„Alliierten“ wer⸗ den sich voraussichtlich dort ihr zweites Gallipoli holen.
Aus Stadt und Fand. Gießen, 6. Oktober 1915.
Auf dem Felde der Ehre gefallen.
(Aus Hessen und den Nachbargebieten.)
Kriegsfreiwilliger Fritz Streb, Res Jäger-Bataillon 24, aus Griedel.— Musketier Karl Jung, Res.-Inf.⸗Agt. 252, aus Wald- girmes.— Musketier Karl Mutz, Inf.⸗Rat. 166, aus Niederbiel. — Landsturmrekrut Karl Dickel, Res.-Ins.⸗Rgt. 118, aus Brauer- schwend. Landsturmrekrut Rob. Hänsel, Res-Inf.-Agt. 87, aus Offenbach a. M. Otto Kimpel, Res.-Ins.⸗Rgt. 118, aus Büdingen.— Dragoner Otto Wehr aus Glauberg.
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Amtliche Personal nachrichten. Der Groß ⸗ herzog hat mittelst Entschliezung vom 2, September dss. Is. genebmigt, daß dem Chemiker Anton Grüßner in Darmstadt die Tienstverrichtungen eines beeid teten Uebersetzers und Dol⸗ meischers für die ungarische Sprache für die Geichäfts bereiche sämt⸗ licher Ministertien übertragen werden. Der Großherzog Posisekretär Theodor Buri in Offenbach das Ritter— kreuz zweiter Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.— Der Großherzog hat am 18. September ds. Is. solgenden Beamten der Hessisch-Preußischen Eisenbahngemeinschaft aus Anlaß ihrer am 1. Oktober d. Is. ersolgten Versetzung in den
Süd, Hedderichstraße 59“ schreibt uns:„Die Liebesgaben⸗ depots der Ostfront bezeichnen uns die reichliche Ver⸗ sorgung der Truppen mit Rotwein als durchaus un⸗ erläßlich zur Verhütung der Seuchengefahren und zur Erhaltung der. jener hervorragend kapferen Verbände, deren beispiellos große Erfolge gegen⸗ wärtig unsere Herzen höher schlagen lassen!— Die Depots der Westfront und die Lazarette in den Etappengebieten zitten besonders um Ueberlassung von Büchern und Zeitschriften, um unsern Braven in den Schützen⸗ sräben die Zeit der langwierigen Stellungskämpfe, unsern Zerwundeten die Zeit der Schmerzen und Heilung zu ver⸗ ürzen.— Auch in allen übrigen Gegenständen, die der Tapfere vor dem Feind notwendig hat, besteht fortwährend steigender 7 wie: Wäschestücke: Hemden, Strümpfe usw. Im Hinblick auf den kommenden Winter: alle Woll⸗ sachen, Kopf-, Brustschützer, Leibbinden usw.; Genußmittel: Tabak, Zigarren usw.; Nahrungsmittel: gute Konserven usw.; Geb eauchsgegenstände: Taschenmesser, Bestecke, Taschen⸗ lampen, Kerzen usw. Wir bitten um Zuwendungen durch
Roten Kreuz, Gießen. Nur wenn wir alle Kräfte zu⸗ sammenfassen, durchhalten, auch auf dem Gebiet der Liebes⸗ tätigkeit für die kämpfenden Truppen nie und nimmer er⸗ lahmen, wird uns der ganze Sieg und die Wiederkehr des gesicherten Friedens zuteil werden!“
* Von der Erfrischungsstelle des Roten Kreuzes am Bahnhof wurden im Monat September 17106 durchkommende Soldaten, darunter 951 Verwundete, ver⸗ pflegt. Die Uebernachtungsstelle wurde von 277 Soldaten benutzt. Die freiwillige Sanitätskolonne 1 64¹ Krankentransporte aus und leistete in 125 Fällen ander⸗ weitig Hilfe..
Oeffentliche Bücherhalle. Im September wurden 2247 Bände ausgeliehen. Davon kommen auf: Erzählende Literatur 1276, Zeitschristen 163, Jugendschriften 218, Gedichte und Dramen 44, Literaturgeschichte 17, Länder- und Völkerkunde 38,
Naturwissenschaft und Technologie 140, Heer- und Seewesen 23,
die örtliche Sammelstelle des Zweigvereins vom
Kulturgeschichte 31, Geschichte und Biographien 138, Kunstgeschichte 20,
Dardanellenkämpfer werden i also wahrscheinlich ganz. rn 15 1 5 Haus- und Landwirtschaft 14, Gesundheitslehre 15, Religion und auf sich angewiesen sein, wenn sie das Wardar⸗ mann u eee booie den. Ded Philosophie 47, Staats wissenschalt 11, Sprachwissenschalt 21, drend⸗:
tal für Serbien offenhalten wollen. Wie ungeheuer schwierig das ist, lehrt ein Blick auf die Karte. Das bulgarische Gebiet reicht mit einer weit vorgestreckten Landzunge bis sehr nahe an das Wardartal und dessen Bahnlinie heran. Ein halber Tagesmarsch und bulgarische Pioniere können die Schienen aufreißen.„Die Zeit ist das schnellste Pferd“, sagt ein bulgarisches Sprichwort. General Fitschew, der bulgarische Generalstabschef, wird diesen Vorteil zu nutzen wissen. Daß die von Serbien drang⸗ salierte Bevölkerung Mazedoniens bei solchem Vormarsch der Bulgaren den Franzosen und Engländern nicht zu Hilfe kommt, sondern die Befreier aus Sofia mit offenen Armen empfa wird, müßten sich die Herren Hamilton und d' Amade doch auch klar machen. Oder sollten sie gar den
Schachner zu Mainz das Silberne Kreuz des Verdienstordens Philipps des Großmütigen; dem Packmeister Wilhelm Zissel zu Worms, dem Weichensteller Johann Ehmig zu Wörrstadt und dem Babhnwärter Peter Appel zu Heidesheim das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrist„Für treue Dienste“.— In den Ruhestand versetzt wurden auf ihr Nachsuchen am 31. August d. Is. der Packmeister Wilhelm Zissel zu Worms, am 1. September d. J die Zugführer Kaspar Kern und Christstan Debor zu Frank- furt a. M., am 2. September dss. Is der Zugführer Heinrich Germann zu Frankfurt a. M., am 11 September ds. Is. der Wagenmeister David Schachner zu Mainz und am 16. Sep- tember ds. Js. der Weichensteller Wudelm Stork zu Langen, sämtlich in der Hessisch-Preußischen Eisenbahngemeinschaft, vom 1. Oktober d. Js. an.— Am J. Oktober d. Is. wurde der Piand⸗ meister Karl Jakobi zu Mainz auf sein Nachsuchen, unter An-
sprachliches 36 Bände. Nach auswärts kamen 57 Bände.
Das Wiesbadener Brunnen⸗ Kontor ersucht uns um Aufnahme folgender Notiz: Unseren Soldaten im Felde sowie Kriegspatienten soll nach dem Beispiele anderer fiskalischer Quellen-Tirektionen auch die Anwendung des Wiesbadener Kochbrunnens umsonst zugänglich gemacht werden. All den Vielen, denen die Anwendung des„natürlichen Wies⸗ badener Kochbrunnen-Quellsalzes“ bei ihren Katarrhen der Atmungs- und Verdauungsorgane usw. ein Bedürfnis geworden ist, wird dieses Naturprodukt in einer Anzahl kleiner handlicher Packungen für je eine Portion bereitwilligst direkt zugestellt. Die Versendung erfolgt nur vom Brunnenkontor in Wiesbaden aus, dem die Adressen der Empfänger aufzugeben sind.
Kreis Friedberg. Friedberg, 6. Okt. Die Wormser Jugendwehr
lan verfolgen, längs der Struma au ia loszumarschie⸗ erkennung semer bisberigen treuen Dienstie, vom J. Oktober d. Je. 101i 5 5 90 — 210 o den e 1 1 5 i 1 ab bis zur Wiederherslellung seiner Gesundheit in den Ruhestand Nen dee e 5 5 fassen? Es wäre eine Aufgabe, gegen die das mißglückte Wale Der Hessische Landesverband des All wehren von Bad⸗Nauheim und Friedberg teilnahmen. 5
Dardanellenabenteuer ein Kinderspiel war. Der Stier würde sie sehr schnell auf beide Hörner gespießt nach Saloniki zurückwerfen. Denn die gewaltigen Gebirgszüge beider⸗ seits der Struma sind schlechterdings nicht zu forcieren. Sie sind eine Festung, wie sie nur die Natur einem glücklich gelegenen Staate verleiht. 8 verlor zwar im Frie⸗ den von Bukarest wichtige Lan 5 1 Aber es ist anzunehmen, daß eine militärisch so elbe e Nation unter der vorausschauenden Leitung einer zielbewußten Regierung die Zeit des Weltkrieges in jeder Beziehung benußt hat, um auch die zur etwaigen Verteidigung nötigen Anlagen u schaffen. Bulgarien braucht auch bei der neuesten Wen⸗ 8 der balkanischen Dinge keinen Verteidigungskrieg zu führen. Es wird, wenn es losschlägt, den Angriff zweifel⸗
Berliner Uriegsnacht.
Man schreibt uns:
In diesen Nächten werfen die Reklameschilder der frriedrich⸗ straße nicht mehr ihre in allen Regenbogensarben flimmernden Strahlen über eine hastig und lärmend dem Vergnügen nachjagende Menge. Die ehemals so grell leuchtenden Ausschriften der Bars und Weinlokale spiegeln sich nicht mehr in dem von den zahllosen Autoreifen blank gescheuerten Asphalt, bis die fahle rgen⸗ dämmerung das Spiel von Licht und Schatten mit ihrem weichen Grau fortwischt. Und auch im Berliner Westen dringt durch die vorhangverhüllten Straßenscheiben der Nachtlokale nach 1 Uhr kein verräterischer Schimmer mehr. Die Berliner Nacht, das be⸗ rühmte Berliner Nachtleben, wurde mit dem Kriege der Strenge des Gesetzes unterworsen. 5 5
In allem Positiven, in Energie, Arbeitskraft und Fortschritt konnte auch die Kriegszeit den lebendig⸗lauten Schritt der Reichs⸗ hauptstadt nicht hemmen oder dämpfen. Es scheint im Gegenteil, als habe die durch das Fieber und die gesteigerten Erfordernisse des Jetzt auf die Probe gestellte Spannkraft sich noch mehr konzen⸗ triert und gestählt. Luxus und Vergnügen aber, besonders das allzulaute, aus der Jugend Berlins überschäumende Vergnügen, wurden eingedämmt. Das Berliner Nachtleben ist nicht mehr; oder besser gesagt: es ist gefügig geworden, bescheiden und in sehr geregelte Bahnen geleitet. 15 5
Merkwürdig und in ihrer Art nicht ohne Bedeutung sind die mannigfachen Veränderungen, denen die Berliner Nacht im Kriege unterworfen wurde. Die sorglose, manchmal ein wenig über die Schranken gehende Stundenreihe zwischen 11 Uhr abends und 6 Uhr morgens wurde geregelt und in bestimmte, vom Gesetz geforderte Abschnitte geteilt. Um 9 Uhr— Lokale, die früher erst um 11 Uhr ihre ersten Gäste aufnahmen, sind jetzt um diese Zeit gesteckt voll— um 9 also schlägt für alle Freunde der mit grünen, gelben oder roten Flüssigleilen gefülllen Liförgläschen die Po izeistunde. Mehr als ein Stammgast der verschiedenen Bols⸗ oder sonstigen Stuben zieht besorgt seine Uhr, um die Grenze nicht zu verpassen, dic das Bestellen eines letzten Tropfens gestattet. Pünktlichkeit war stetes eine hervorragende Tugend Berlins: eine Minute nach 9 bleiben die Hälse der Flaschen und Fläschchen erbarmungslos zu⸗ gestöpselt. Dann rückt die Zeit der harmlosen„Hellen“ und „Dunklen“ und der noch harmloseren Schokoladen und Kaffees heran Und es ist, als ob diese Bändigung der flüssigen Gemüsse auch die äußere Erscheinung und selbst die Gemüter der Berliner Nachtgäste beeinflußt hätte. Die Gespräche tönen in gemilderten Akkorden von 1555 zu Tisch, und jedesmal stellt man von neuem mit Erstaunen fest, wieviel„Familienpublikum“ erschienen ist. Im Grunde sind es aber, soweit der Kriegsdienst nicht seine Rechte geltend gemacht hat, dieselben Leute wie ehedem; nur geben sie sich nicht mehr so lebe und weltmännisch. Sie sitzen ruhig plaudernd vor ihrem harmlos gefüllten Gläsern und Tassen und finden den
gemeinen Evangelisch⸗Protestantischen Missions- vereins wird Sonntag, den 24. Oktober, in Friedberg seine Jahresversammlung abhalten. Vormittags 10 Uhr soll in der Stadtkirche ein Gottes dienst stattfinden, in dem Pfarrer Mar x von Darmstadt predigen wird. Um 312 Uhr schlietzt sich daran an eine Vorstandssitzung und Vertrauensmännerversammlung im Kasino. Nachmittags 2 Uhr wird für Knaben und Mädchen von 10 Jabren an aufwärts in der Burgkirche ein Jugendgottesdtenst gehalten, in dem Missionsdirektor Lie. Dr. Witte- Berlin eine Ansprache hält. In der Aula des Gymnasiums um 4 Uhr nach- mittags wird eine öffentliche Hauptversammlung die Jahres- versammlung abschließen.
„ Liebesgaben für die Allgemeinheit der kämpfenden Truppen. Die„Abnahmestelle freiwil⸗ liger Gaben Nr. 2 des 18. Armeekorps in Frankfurt a. M.⸗
neuen Zustand einfa⸗ Gemütlichkeit anscheinend durchaus er⸗ freulich und zufriedenstellend.
Um 11 macht sich ein bemerklicher Zustrom bemerkbar. Da die Kriegsbestimmungen alle Vorstellungen nach dieser Zeit verbieten, da selbst die Kabaretts bescheiden um 11 Uhr schließen, suchen die Gäste all dieser an mehr oder minder witzigen aktuellen Darbietun⸗ gen reichen Stätten die verschiedenen Lokale auf, um in Licht und Wärme die Schlußstunde abzuwarten. Und hier zeigt sich eine für den Berliner wirklich bemerkenswerte Neuerscheinung. Während manche Leute früher den geliebten Nachtbummel nicht lange genug ausdehnen konnten, beginnt man jetzt schon um 12 zu
ähnen und in verdächtiger Weise nach Mantel und Hut zu schielen. as Bewußftsein, daß eine höhere Gewalt die Zeit begrenzt, rückt den Gedanken an das Schlafengehen in greifbare Nähe. Außerdem will man— oder man tut wenigstens so— sich das Zubettgehen nicht diktieren lassen. Man begibt sich eben eine halbe Stunde früher nach Hause und hat so das erhebende Bewußtsein, nach eigenem Belieben mit seiner Zeit zu schalten. 125 Eins endlich ist jetzt mehr als je die Stunde der Geister. Denn diese Geister haben Blut und Knochen bekommen in Gestalt der Polizeibeamten, die Zucht und Sitte mit der Uhr in der Hand bewachen. Dann, wenn alles auf die Straße eilt, wenn die Autos gerufen und die Straßenbahnen gestürmt werden, hat es einen Augenblick lang den Anschein, als sei die alte Berliner Nacht wieder lebendig geworden. Aber das ist nur ein Aufflackern vor dem Erlöschen. Zehn Minuten später tuten die Autos verhallend um entfernte Ecken, die letzten Straßenbahnen knirschen schwer⸗ beladen über die Gleise, und die weniger Glücklichen, die keine Fahr⸗ gelegenheit erwischt haben, trotten friedsam, strategische Bemerbin⸗ gen und Prophezeiungen austauschend, den heimatlichen Penaken zu. In den Fabriken aber, in den Aemtern, Druckereien, Zeitungs⸗ gebäuden und Werkstätten ist alles und jedermann unermidlich auf seinem Posten. Denn die gewaltige Ader des Organdsmus, der Berlin heißt, die Ader, durch die der Strom der Arbeit rinnt, schlägt in unvermindertem Gleichmut den rastlosen Takt des Willens und Könnens. Berlin schläft intensiver in diesen Kriegsnächten— aber es wacht auch noch intensiver als je zuvor
— Fritz Lien hards 50. Geburtstag wurde in Straß⸗ burg zu einer von weitesten Kreisen getragenen Ehrung des Dichters, des Vorkämpfers für das Deutschtum im Elsaß, ge⸗ staltet. Am Samstag fand im„Fürstenhof“ ein ausverkaufter Lienhard⸗Abend statt, bei dem. Universitätswrofessor Dr. Schulz Lienhards literarische Persönlichkeit würdigte. Sonntag Vormittag erschien beim Dichter eine Abordnung der Universität Straßburg unter Führung des Rektors Professor
Schwartz und überreichte ihm das Ehren⸗Doktor⸗Diplom. Außerdem teilte Bürgermeister Dr. Schwander dem Jubilar im Namen der Stadt Stratzburg mit, daß die Stadt sein Porträt
Nach Schluß der Uebung gegen ½2 Uhr, marschierten die drei Jungwehren unter den Klängen der Friedberger Bataillonsmusik in Friedberg ein, wo die Wormser Mannschaften verpflegt wurden. Die jungen Leute konnten nicht genug die freundliche Aufnahme rühmen, die man ihnen allerwärts in Oberhessen bereitet hat.
Hessen⸗Nassau.
und in fast allen Nachbarstädten Betrügereien in größerem Maßstabe.„Leutnant“ Kroll trug die Uniform eines Offi⸗ ziers vom Inf.-Regt. Nr. 20 und das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse. Die hiesige Polizei nahm den Mann am Sonntag fest und entdeckte in ihm den längst gesuchten Fahnenflüchtigen Max Moras aus Tempelhof.
— ä— von einem elsässischen Künstler malen lasse und es im städtischen Museum unterbringen werde. Am Abend fand im Stadttheater die Erst⸗Aufführung von„Odysseus auf Ithaka“ statt vor vollständig ausverkauftem Hause. Die Aufführung hatte einen starken Erfolg. Der Dichter wurde zum Schluß viele Male ge⸗ rufen und mit Blumen und Kränzen überhäuft.
— Deutsch⸗bulgarische Bündnisse vor 1009 Jahren. Es ich eine eigentümliche weltgeschichtliche Erschei⸗ nung, daß das Bulgarenreich gleich nach seinem Eintritt in die europäische Geschichte und unmittelbar nach der Christianisierung des Volkes in enger Fühlung mit dem Deutschen Reiche seine erste größte Zeit vorbereitete. Jene älteste Zeit des 9. Jahrhunderts brachte nun merkwürdigerweise gleich die ersten unmittelbaren Be⸗ ziehungen zum Deutschen Reiche Der seit etwa 845 regierende Bulgarenfürst Boris kämpfte 853 als Bundesgenosse Karls des Kahlen an der Seite des mährischen Fürsten Rastislaw gegen die Franken Ludwigs des Deutschen, erlitt aber eine schwere Nieder⸗ lage. Schnell entschlossen wechselte er die Partei und schloß sich dem deutschen Sieger an, gegen den sich wiederum sein Sohn Karl⸗ mann emvört hakte. Dessen schnell zusammengerafftes Aufgebot ward zerstreut; Ludwig und Boris aber schlossen 864 in Fulln an der Donau einen Bundesvertrag, der, 892 durch Kaiser Arnulf von Kärnten erneuert, bis zur Jahrhundertwende bestehen blieb. In diesen persönlichen Besprechungen ward, wie es in dem un⸗ geheuren expansiven Missionszuge der Zeit lag, auch der Annahme des Christentums durch die neuen bulgarischen Bundesgenossen ge⸗ dacht, dernen Kulturstufe noch recht primitiv geblieben war. Ihre Verkehrsmittel waren Rinder und Schafe; Sklaven dienten in schwerer Abhängigkeit, wurden auch wohl gewinnbringend nach Byzanz verkauft. Wer krank war, dem wurden wundertätige Steine umgehangen; dem Toten gab man seine Diener und Frauen in die Gruft mit. Es war an der Zeit, in die Unkultur die strahlende Leuchte der Christenlehre zu tragen, und nur an einer seltsamen Verkettung der Umstände lag es, daß nicht deutsche Glaubensboten bei dem hochbegabten Volke Eingang fanden. Schon unterhandelte Fürst Boris durch Vermittlung König Ludwigs des Deutschen mit Papst Nikolaus I., der die vecht merkwürdigen Anfragen des Natur⸗ menschen mit einer nie müde werdenden Geduld beantwortete— da erhielt plötzlich aus noch nicht recht geklärten Gründen eine byzantinische Partei am Bulgarenhofe Oberwasser und Kaiser Michael III., der„Caligula Ostroms“, wurde der Taufpate des Boris, der nach ihm den Namen Michael annahm. Die Entwicklung der europäischen Politik brachte es mit sich, daß der deutsche Ein⸗ fluß auf die Balkanländer mit seiner Abdankung— er legte 888 nach 36 jähriger Regierung die Krone nieder und zog sich in ein Kloster zurück— für ein Jahrtausend ausgeschaltet wurde; die Erinnerung an die alten Beziehungen aber mag wohl dazu bei⸗ tragen, die neuen bulgarisch⸗deutschen Sympathien und Interessag
enger zu knü
— Frankfurt a. M., 4. Okt. Seit längerer Zeit ver⸗ übte ein angeblicher Leutnant Walter Kroll hier


