t. 22 b rttess Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
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Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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15065. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
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5 Samstag, 2. Oktober 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schristleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul
straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
Kriegsbriefe aus dem Westen.
Telegramm unseres Kriegsberichterstatters. (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.) Kronprinz Rupprecht bei den Gefangenen in Lille.
..„den 28. September. Kronprinz Rupprecht von Bayern besichtigte die zahl⸗ reichen eingebrachten Gefangenen aus der gegenwärtigen englisch⸗französischen Offensive. Während des Besuches trug sich ein kennzeichnender Vorfall zu. Man hatte den Angehö⸗ rigen eines halbwilden Stammes die Erlaubnis erteilt, Hammel nach ihrer heimatlichen Sitte zu schlachten, d. h. sie mit einem ungeheuren Henkersbeil zu enthaupten. Plötz⸗ lich gerieten die braunschwarzen Männer in große Auf⸗ regung; sie konnten sich nicht darüber einig werden, in welcher Himmelsrichtung die Augen der Hammel bei der Enthauptung blicken müßten, und fürchteten, verhungern 51 müssen, bis ein 1 ihnen mit einem Kompaß ie Himmelsri ihrer heiligen Stätten klar machte, worauf die Schla⸗ vorgenommen werden konnte. Der inz besichtigte dann das Lager der französi⸗ schen Gefangenen und ließ sich von diesen die neuen Stahl⸗ Ime zeigen, über welche die Gefangenen lebhafte Klage i„da ihnen die kesselförmigen Ungetüme viel zu schwer auf dem Kopf lasten und dennoch selbst gegen Querschläger und Sprengstücke gar keinen Schutz bieten. Im Laufe des Tages treffen immer neue lange Züge von Gefangenen in buntfarbigstem Gemenge ein. W. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.
Was ein Amerikaner an Bord eines deutschen U-Bootes erlebte.
Es war am 28. Juni d. J., als das norwegische Schiff Cam⸗ bus Kenneth“, welches von Portland in Oregon mit einer Weizen⸗ ladung nach Queenstown fuhr, im irischen Kanal an der Südküste von Irland von dem englischen Hilfskreuzer„Woodnut“ ange⸗ sprochen wurde. Auf dem Schiffe befanden sich Matrosen der ver⸗ schiedensten Volkszugehörigkeit, darunter auch Deutsche. Die Leute von der„Woodnut“ meinten grienend, die Deutschen würde man bei ihrer Landung alsbald„abklemmen“; im übrigen gaben sie der„Cambus Kenneth“ den Rat, sich vor deutschen U-Booten in. acht nehmen und wünschten ihr gute Reise Es dauerte nicht lange, als die Ahnung der englischen Blaujacken sich erfüllte und ein U-Boot in Sicht der„Cambus Kenneth“ erschien. Bald war die Sachlage geklärt, die deutschen Matrosen wurden an Bord des U-Bootes genommen, die übrige Mannschaft in Rettungsboote verstaut, und kurze Zeit Pere lag die„Cambus Kenneth“ am Grunde der See. Mit den deutschen Matrosen, die auf so unerwar⸗ tete und erfreuliche Weise vor der ihnen prophezeiten„Abklem⸗ mung“ gerettet worden waren, hatte sich ein flinker kleiner Deutsch⸗ Amerikaner an Bord des U-Bootes eingeschmuggelt. Es war der 17jährige Carl Frank List, der von deutschen Eltern geboren, aber vollkommen amerikanisiert war. Immerhin gelang es ihm dank seinem Namen und seiner Kenntnis des Deutschen, sich unter die kleine deutsche Schar einzuschmuggeln, die an Bord des ÜU⸗Bvotes übernommen wurde, und so konnte List volle 11 Tage mit U 39, nicht als Gefangener, sondern als Gast des Bootes an seinen kühnen Kreuzfahrten teilnehmen und sich von der Art des deutschen Unter⸗ seebootkrieges und vom Leben an Bord eines deutschen U-Bootes ein selbständiges Bild machen. Im„New York American“ wird jetzt sein eigener Bericht über die Erlebnisse dieser 11 Tage ver⸗ öffentlicht, worin sich mancherlei Anziehendes findet. Der junge List berichtet, ohne Partei zu ergreifen; er fühlt und stellt sich nicht als Deutscher, aber seine ganze Erzählung ist getragen von höchster Achtung für die Leistungen des U-Bootes, für die nie wankende Pflichttreue seiner Besatzung und für die vornehme Art seiner Kriegführung. Man fühlt seiner schlichten Erzählung an, in wie hohem Maße ihm der Befehlshaber des Bootes, Kapitänleutnant von F., eine noch jugendliche Erscheinung mit wetterhartem Ge⸗ sichte, der immer auf dem Posten war, imponierte, und nicht weniger Bewunderung zollt er der Mannschaft, die auch unter den schwersten Anforderungen und Strapazen nie müde wurde. In den 11 Tagen da List an Bord der U 39 mitfuhr, hat dies wackere Boot 11 Schiffe versenkt, aber nie hat List dabei irgendwelche Anzeichen jenes giftigen Hasses bemerkt, dessen Gegenstand sich die Briten glauben, sondern, wenn wieder ein Schiff auf den Grund der „See hinabgeschickt worden war, dann sagte die deutsche Mann⸗ e trocken:„Wieder eins weg!“ und ging zum nächsten Punkte Tagesordnung über. Wo ein Schiff nur in Sicht kam, da war U 39 wie der Teufel dahinter, mochte es ein Engländer oder ein Neutraler, mochte es von englischen Torpedobooten beschützt sein oder allein fahren. Einmal traf es einen großen Passagier⸗ dampfer, der von vier britischen Zerstörern geleitet wurde. Dieser durfte nach dem Völkerkriegsrechte, da er militärisch bedeckt war,
ohne Anruf torpediert werden, doch ging nach Lists Bericht der Schuß von U 39 fehl, und die Reisenden, die mit diesem Siffe fuhren, wissen vielleicht heut noch nicht, welcher Gefahr sie ent⸗ gangen sind. War aber ein Schiff ohne militärische Bedeckung, so ist es, wie List hervorhebt, regelmäßig nach den Gebräuchen und Vorschriften des Völkerrechts zuerst angerufen worden und bevor es versenkt wurde, sind stets alle Maßregeln zur Rettung der Besatzung getroffen worden Auch wurden von neutralen Schif⸗ fen nur solche versenkt, die Bannware für die Verbündeten mit sich führten; angehalten aber wurde jedes neutrale Schiff, das das scharfäugige U-Boot sichtete, und so wurde während dieser 11 Tage u. a. auch ein Grieche, ein Holländer und ein Spanier 1 die jedoch, wie sich erwies, kein Banngut an Bord atten. Das höchst zweideutige Verhalten der britischen Schiffe geht aus Lists Erzählung ganz unwiderleglich hervor. Er berichtet, daß viele britische Lastdampfer Schnellfeuerkanonen mit sich führten, die unter den Persenningen verborgen und auf weitere Entfernung nicht zu sehen waren; er bemerkt auch, daß kein englisches Schiff, das angerufen wurde, von selbst stoppte, noch seine Flagge zeigte; ja der„Caucasian“, der am 1. Juni von U 39 versenkt wurde, hatte, um seine Feststellung zu erschweren, oder unmöglich zu machen, seinen Namen abgekratzt. Merkwürdig ist, in wie verschiedener Weise sich der Untergang der der Versenkung geweihten Schiffe vollzieht. Zuweilen sinken die Schiffe in fünf Minuten, zuweilen dauert es Stunden, indem sie die Luft im Schiffsraume noch längere Zeit schwimmend erhält. In solchem Falle pflegte das deutsche U-Boot sich dem Schiffe zu nähern und sein Ende durch ein paar Schüsse zu beschleunigen; dann gab es wohl eine gewaltige Explosion und das Schiff flog in die Luft. Bei einer Ex plosion dieser Art wurde ein großes Motor⸗ boot an Deck des Schiffes hoch in die Luft geschleudert, um dann auf die See zurückzufallen. Der schönste Untergang, dessen Zeuge List war, war der der Segelbark„Fiery Croß“, die sich mit vollen. Segeln wagerecht auf die See legte und so in die Tiefe ging. Man. sieht, daß U 39 recht lebhaft beschäftigt war; in den Zwischen⸗ pausen aber sah List die Mannschaft still und friedlich an Deck, wie sie rauchten, plauderten, ihre kleinen Scherze machten odar sich an ihren Kreuzen freuten— denn das„Eiserne“ hatten sie bereits alle. Schließlich machte das Boot, als es seine Torpedos und seine Munition verbraucht hatte, kehrt, und nahm den Weg zum Vaterlande, wo es wohlbehalten einlief. Die wetterharten Männer in ihren vor Nässe und Schmutz starrenden Anzügen, meint der junge Amerikaner, seien wie wirkliche„Barbaren“
ans deutsche Land gestiegen. 5
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Sonderblatt
des Gießener Anzeigers
mit dem Tages bericht der
obersten hecreslcitung
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Austrager und in der öcschaftsstelle des bletzener Anzeigers.
Aus Stadt und Cand. Gießen, 2. Oktober 1915. Revision der Quittungskarten der In validenversicherung.
In den nächsten Wochen wird eine gründliche Prüfung der Onittungskarten von hier wohnhaften Näherinnen, Schneiderinnen, Büglerinnen, Wasch⸗ und Putzfrauen, Monats⸗ frauen, Gelegenheitsarbeitern usw. vorgenommen. Insbesondere werden Erhebungen darüber angestellt, ob in den Zeiten, für welche Beitragsmarken nicht eingeklebt sind, eine die Versicherungspflicht begründende Beschäftigung stattgefunden hat, und gegebenenfalls die betreffenden Arbeitsgeber zur Anzeige gebracht. Es ist derjenige Arbeitgeber, bei welchem eine der genannten Personen erstmals in der Woche beschäftigt wird, verpflichtet, eine Beitrags⸗ marke zu verwenden, aber alle folgenden Arbeitgeber derselben Woche sind ebenfalls haftbar, sobald die betreffende Marke nicht zur Verwendung gelangte, d. h. es hat der folgende Arbeitgeber die Marke einzukleben, wenn dies von dem vorhergehenden unter⸗ lassen wurde. Man lasse sich deshalb unter allen Umständen vor Beginn der Arbeit die Quittungskarte vorlegen
und überzeuge sich, ob die Markenverwendung in Ordnung ist. Diese selbstgeübte Kontrolle ist das beste Mittel, um sich vor Strafe zu schützen. Man zahle den Arbeitslohn nicht eher aus, bis die Quittungskarte beigebracht, die Marke eingeklebt und durch Auf⸗ schreiben des Beschäftigungstages entwertet ist. Arbeitgeber, die dies unterlassen, haben in jedem einzelnen Falle Geldstrafe bis zu 300 Mark zu gewärtigen. Die Zahlung des halben Betrages in barem Gelde an die betreffende Person schützt nicht vor Strafe— das Gesetz verlangt, daß die Marke tatsächlich in die Quittungs⸗ karte„eingeklebt“ und entwertet wird. 5 5 Man schenke deshalb dieser sozialen Einrichtung eine größere Aufmerksamkeit, nicht nur um sich selbst vor Schaden zu bewah⸗ ren(die Strafe wird sicher höher als eine ganze Anzahl ersparter Beitragsmarken), sondern auch im Interesse der zu versichernden
Personen selbst, die vielfach über die weittragende Bedeutung ihrer
Versicherung noch in Unkenntnis sind. Man lasse sich nicht bestim⸗ men, ein Auge zuzudrücken bei denjenigen, die da glauben, sie
müßten sich eine unnütze Ausgabe ersparen oder dem Arbeitgeber
einen Gefallen tun, indem sie ihm verschweigen, daß auch noch für eine Versicherungsmarke zu zahlen ist— noch nehme man Rück⸗ sicht auf das persönliche Empfinden mancher Personen, die sich „genieren“ ihre Karte vorzulegen, oder die es unter ihrer Würde halten, die gesetzliche Beitragshälfte zu fordern. Diese Empfind⸗ lächkeiten sind hier nicht am Platze. Vor allem aber sol⸗ len die Arbeitgeber, insbesondere die Hausfrauen und Damen, die ihre Waschfrau oder ihre Schneiderin entlohnen, es nicht mehr als lästige Zumutung betrachten, was ihnen als Teil ihrer gesetzlichen Verpflichtung auferlegt wurde, d. h. sie sollen dafür sorgen, daß die Beitragsmarke richtig eingeklebt und ent⸗ wertet wird. Hier sei besonders bemerkt, daß auch Klavierlehrer und alehrerinnen, sowie Sprachlehrer und Klehrerinnen, die Un⸗ terricht in den betreffenden Familien oder in der eigenen Woh⸗ nung erteilen, versicherungspflichtig sind, sobald ihr Stunden⸗ geld den Betrag von zweitausend Mark im Jahre nicht übersteigt. Es ist dies bisher nicht genügend beachtet worden und wird es sich für diejenigen, die noch keine Quittungskarte besitzen, empfehlen sich alsbald eine solche ausstellen zu lassen, und die rückständigen Marken zu verwenden. Die Kontrolle erstreckt sich auf alle, die durch die Art ihrer Beschäftigung verpflichtet sind, die Beitrags⸗ marken in die in ihrem Besitze befindlichen Quittungskarten selbst einzukleben und zu entwerten. Die Arbeitgeber sind ber Meidung von Strafe verpflichtet, dem Beamten der Versicherungsanstalt alle zur Feststellung des Arbeitsverhältnisses und des Lohnes nötigen Angaben zu machen. Sie sowohl wie die zu kontrollieren⸗ den i können zu polizeilicher Vernehmung herange⸗ zogen werden. Personen, die aus irgendwelchen Gründen die Markenverwendung unterlassen oder ihre Quittungskarte noch nicht umgetauscht haben, müssen dies ungesäumt nachholen.
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* Religiöse Kriegsvorträge. Der erste der drei Vorträge mit dem Gesamtthema„Das deutsche Christen⸗ tum und der Krieg“, die Prof. D. Schian im Auftrag des Oberhessischen Vereins für innere Mission in der Stadtkirche hält, wird Montag, den 4. Oktober, 8 Uhr abends(pünkt⸗ lich) stattfinden und das Thema behandeln:„Die reli⸗ giöse Bewegung im ersten Kriegsjahr“. Der Eintritt ist für jedermann frei. g
** Landwirtschaftlicher Verein für die Pro⸗ vinz Oberhessen. Sonntag, den 10. Oktober 1915, nach⸗ mittags 2½ Uhr, findet im Saale der Gambrinusbrauerei zu Nidda eine ordentliche Mitgliederversammlung mit folgender Tagesordnung statt: 1. Bericht über die allgemeine Geschäftslage, 2. Rechnung für 1913, 3. Voranschlag für 1916, 4. Wahl eines Stellvertreters für den Vizepräsidenten, 5. Vor⸗ trag des Herrn Professors Dr. Kleberger zu Gießen:„Die Gestaltung des landwirtschaftlichen Betriebs in der Kriegszeit“.
* Anlagemusik. Morgen vormittag 11½ Uhr wird in der Süd-Anlage Konzert, ausgeführt von der Kapelle des Land- sturm-Insanterie-⸗Ersatz-Bataillons Gießen, stattfinden. Die Spiel⸗ solge bringt: Hochzeitsmarsch a. d.„Sommernachtstraum? von F. Mendelssohn; Ouverture z. O.„Des Teufels Anteil“ von Auber; Ständchen von Frz. Schubert; Les Patineurs(Die Schlitt⸗ schnhläufer), Walzer von E. Waldteufel; Soldateska 1870— 71, e von H. Seidenglanz; Alte Kameraden, Marsch von Teike.
Silberhochzeit feiern am 5. Oktober Telegraphen⸗ sekretär Waas und Frau geb. Ostheim. 1
Kreis Büdingen.
* Ortenberg, 1. Okt. Die Wormser Jugendwehr kam heute durchs Bleichtal ziehend hier durch, um die Wanderung durchs Niddertal nach dem Vogelsberge weiter fortzusetzen. Hier wurde eine Gefechtsübung vorgenommen, die viele Zuschauer her⸗ beilockte, dann ging es mit Gesang und Spiel weiter gen Gedern. Führer der Abteilung ist Lehrer Vonalt⸗Worms.
Kreis Friedberg. „ Friedberg, 1. Okt. Der Kriegsfreiwillige Egly, Unter⸗ offizier in einem Reserveregiment, wurde zum Offizierstell⸗ vertreter befördert.
Kaspar v. Zumbusch 7.
In Kaspar v. Zumbusch, der am 22. November 1830 zu Herze⸗ brock in Westfalen geboren war, ist der älteste Meister deutscher Bildhauerkunst dahingegangen; denn selbst der greise Adolf v. Donndorf, der als letzter Vertreter der Rietschel⸗Schule in Stuttgart lebt, steht dem Dahingegangenen noch um ein volles Jahrfünft an Lebensalter nach. Zurtusch gehörte zu den geborenen Bildhauern. Er schnitzte und modellierte schon, als er noch Knabe war, und es ist für seine ganze Künstlerlaufbahn vorteilhaft ge⸗ worden, daß in der Ausbildung, die er genoß, weniger das aka⸗ demische, als das technische Element in den Vordergrund trat. Seine Künstlerschaft hatte in seinem Handwerk immer einen gol⸗ denen Boden, und in einer Zeit, deren Massenverbrauch an Monu⸗ mentaldenkmälern so manche gute bildnerische Begabung aufgezehrt
hat, hat sich Zumbusch immer eine gesunde Frische, eine gewisse f
herzhafte Ursprünglichkeit und Kraft zu bewahren vermocht. Mün⸗ chen und Wien sind die beiden S. ätze seines Künstlerlebens gewesen. In München erhielt er seine Ausbildung, erregte er durch sein Talent frühzeitig Aufmerksamkeit und Interesse und fand einen tatkräftigen Förderer in H. Eggers. Nachdem er zwei Jahre lang in Italien studiert hatte, kehrte er wieder nach Mün⸗ chen zurück, um alsbald reiche Beschäftigung zu finden. Grab⸗ mäler, kirchliche Werte(wie die neuen Altäre der Münchener Frauenkirche), Bildnisbüsten und zahlreiche andere Arbeiten gin⸗ damals aus seiner Werkstatt hervor und besonders hat er Für König Ludwig II. viel gearbeitet. In seinem Auftrage hat Zumbusch damals eine Reihe von Gestalten, aus den Wagner⸗ chen Opern, wie Siegfried, Lohengrin und Brunhild, vollendet. Zum ersten größten Wendepunkt seines Lebens wurde dann der Wettbewerb um das Monumentaldenkmal, daß König Maxi⸗ milian II. in München errichtet werden sollte. Bei dem Wett⸗ bewerb errang Zumbusch den ersten Preis, und heute gehört das Denkmal, das angesichts der Isarbrücke und des Maximilianeums seinen Platz gefunden hat, zu den bekanntesten plastischen Groß⸗ werken der bayerischen Hauptstadts Der Hauptwert dieser Schöpfung liegt in dem geschlossenen Aufbau des Gesamtwerkes, in dem kräf⸗ Zuge, der die ganze Anlage beherrscht, und schließlich in Blicke für monumentale Verhältnisse, dem es das Maxi⸗
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miliandenkmal verdankt, daß es auf weitem Raume und gegen starke Baummassen sich voll zu behaupten vermag. Das Modell zu diesem Werke war auch auf der Wiener Weltausstellung von 1878 zu sehen, wurde dort viel beachtet und besprochen und gab die Veranlassung zu Zumbuschs Berufung nach Wien. Wien war im Begriffe, in neuer Gestalt zu erstehen, es hatte einen großen Bedarf an plastischen Monumentalwerken, und in Zum⸗ busch war, wie sich bald zeigte, ein Meister gefunden, der diesen Wdarf als echter, jeder Achtung werter Künstler zu befriedigen verstand, ohne doch über den Geschmack der Zeit in dem Maße e daß er Anstand und Widerspruch erregt hätte. umbusch hat für die neue Kaiserstadt an der Donau eine ganze Reihe von Werken geschaffen. Er eröffnete seine Wiener Tätig⸗ keit mit dem Beethovendenkmal, das sich durch seine ausdrucks⸗ volle Hauptgestalt auszeichnet, während die allegorischen Sockel⸗ iguren auf Originalität nicht Anspruch erheben könneu. Sein Hauptwerk aber bleibt das wahrhaft gewaltige Denkmal der Kai⸗ serin Maria Theresia, das sich seit 1888 zwischen dem Kunst⸗ und dem Naturhistorischen Museum erhebt, und das noch einmal unwiderleglich Zeugnis dafür ablegte, mit welcher Sicherheit Meister Zumbusch die Verhältnisse einer Monumentalanlage zu ge⸗ stalten und zu beherrschen verstand. Unter den gewaltigen Bau⸗ werken, die das Maria⸗Theresiadenkmal umgeben, hält sich das Monument fest und in sich geschlossen als ein mächtiger plastischer Block, den die majestätische und doch zugleich auch wieder weiblich anmutige Gestalt der großen Kaiserin würdevoll und frei be⸗ herrscht. Der interessante Sockel, zu dem Hasenauer die Archi⸗ tektur geliefert hat, schließt sich an Rauchs Friedrichdenkmal an, geht aber darüber insofern hinaus, als an allen vier Ecken die Reitergestalten österreichischer Feldherren als völlig ausgebildete Freiplastiken selbständig heraustreten, wodurch der Sockel des Denkmals ein starbes Eigenleben erhält und sich in der Riesen⸗ masse der Anlage kräftig behauptet. Seitdem hat Zumbusch für Wien noch eine ganze Reihe wohlbekannter Denkmäler geschaffen; es sei nur an das Radetzky-Denkmal, an das Reiterdenkmal des Erzherzogs Albrecht und das Standbild des Kaisers Franz Joseph in der Treppenhalle der Universität und an das des lehrenden Billroth unter den Hofarkaden erinnert. Seine Schaffenskraft ist ihm bis ins hohe Greisenalter binein treu geblieben; es
ist nur erst etwa ein Jahrzehnt her, daß er ein Standbild des
Rande Bernhard von Meiningen vollendet hat. Auch ein Groß⸗
denkmal für Kaiser Wilhelm I., das auf dem Wittekindsberge in
seiner westfälischen Heimat, ist von Zumbusch geschaffen worden. *
— Die neue englische Oper in London. Wieder einmal soll, wie aus London berichtet wird, dort der Versuch unternommen werden, eine englische Oper ins Leben zu rufen und während der ganzen Spielzeit im Betriebe zu halten. Die Unternehmer sind der bekannte Thomas Beecham im Vereine mit Robert Courtneidge; die Reihe der Vorstellungen wird diesen Sonnabend im Shaftesbury⸗Theater mit- Gounods„Romeo und Julia“ eröffnet. Es folgen dann„Madame Butterfly“,„Hoff⸗
manns Erzählungen“, die„Boheme“ und der unvermeidliche
„Faust“; weiterhin sind auch Mozarts„Zauberflöte“ und„Fi⸗ garos Hochzeit“ in Aussicht genommen. Die Besetzung der Opern erfolgt durchweg mit englischen Sängern und Sängerinnen, von denen manche sich bereits Ruf erworben haben, während eine Reihe anderer Künstler zum ersten Male im Rahmen großer Londoner u erscheinen wird.
unternehmen mit Spannung, aber auch mit einiger Sorge entgegen. Bisher ist noch kein Versuch, eine englische Oper zu be auf einen grünen Zweig gekommen, und die Londoner Musik⸗ schriftsteller richten daher an das Publikum einen nachdrücklichen Appell, im Interesse des nationalen Musiklebens das Unter⸗ nehmen des Herrn Beecham kräftig zu fördern. Für die gegen⸗ wärtigen Zeitverhältnisse ist es bezeichnend, daß die englische Oper nur sogenannte„kleine“ Eintrittspreise erheben wird, was den bisherigen Gepflogenheiten des Londoner Theaterlebens gänz⸗ lich widerspricht. Die Oper im Shaftesbury⸗Theater erklärt, daß sie auch Werke englischer Tondichter aufzuführen beabsichtige,
wobei man allerdings fragen muß: woher nehmen und nicht stehlen? Jedenfalls aber macht die Londoner Presse das Publi⸗ kum darauf aufmerksam, daß das Schicksal dieses Unternehmens
darüber entscheiden muß, ob eine englische Oper in Lond überhaupt lebensfähig ist oder ob England den diesem Gebiete ein für allemal aufzugeben hat.
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