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22 Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
7 2 Die„Sietener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Ureis Gießen“ zweimal
wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ ragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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105. Jahrgang
Unser Hindenburg.
Gu seinem 68. Geburtstag, 2. Oktober.)
Für alle Kreise des deutschen Volkes bildet der Ge⸗ burtstag des Generalfeldmarschalls von Hindenburg einen herzlich willkommenen Anlaß, dem tiefen Dank und der Verehrung für den großen Russenbezwinger erneuten be⸗ sonderen Ausdruck zu verleihen. Behörden und Vereine, Gesellschaften und Private haben Ehrungen mannigfacher Art beschlossen, und in erster Linie gilt der Tag in zahl⸗ reichen Gemeinden Deutschlands der Weihe eines Wahr⸗ zeichens für Zwecke der Kriegsfürsorge, feierlich eingelei⸗ teten Nagelungen und dergleichen— ganz im Sinne des großen Feldherrn.
Paul Ludwig Hans Anton von Hindenburg wurde am 2. Oktober 1847 in Posen geboren; in derselben Stadt, die durch die mehrwöchentliche Anwesenheit des Feldmarschalls im vorigen Winter zu besonderer Bedeutung in der Ge⸗ schichte des Weltkrieges n Die schlichte, fast un⸗ scheinbare Geburtsanzeige in Posener Zeitung lautete wörtlich:„Die heute nachmittag 3 Uhr erfolgte glückliche Entbindung meiner geliebten Frau Louise, geb. Schwickart, von einem munteren und kräftigen Söhnchen, beehrt sich ergebenst anzuzeigen Posen, den 2. Oktober 1847, Benecken⸗ dorff von Hindenburg, Lieut. und Adjut.“ Die Bürger⸗ schaft Alt⸗Posens ahnte, als sie die Anzeige las, wohl kaum, welche Bedeutung dieses glückliche Familienereignis dereinst noch haben werde; sie ahnte ebenso wenig wie die Eltern, der Premierleutnant Beneckendorff von Hinden⸗ burg und seine junge Frau, die Tochter des Posener Gene⸗ ralarztes Schwickart, daß Deutschlands guter Genius an der Wiege des Erstgeborenen stand, ihn zu behüten zu späteren großen Werken und wunderbaren Taten... Aus der damaligen engen Festung Posen ist nun längst eine moderne Großstadt und Residenz geworden. In ihrem Königsschloß, das gleich am äußersten Rande der Stadt als Wahrzeichen deutscher Stärke und Macht im Osten sich stolz erhebt, hat Hindenburg in seinem Hauptquartier die Pläne zur Zermalmung des Feindes geschmiedet. Die stolze Kaiserpfalz barg monatelang die Triebkräfte der gewaltigen Kriegsmaschine, die Ostpreußen zum zweiten Male vom Feinde säuberte. Und in derselben Garnisonkirche, in der einst seine Mutter konfirmiert worden war und später seine Eltern getraut wurden, wohnte der Sohn als Ober- befehlshaber im Osten am ersten Weihnachtsfeiertag 1914 dem Gottesdienst bei. Welch weltbewegendes Geschehen lag zwischen dieser feierlichen Stunde und dem Einst! Des Deutschen Reiches Herrlichkeit war inzwischen geboren
worden aus opferreicher Einigung der deutschen Stämme, bald freilich ebenso beneidet wie bewundert— und schließ— lich gefährdet und bedroht— und doch, unter Hindenburgs Mitwirkung und dank seiner genialen Strategie, so wunder⸗ bar gerettet und bewahrt! So wurde aus dem kleinen Posener Knäblein von 1847 durch die Macht der Gescheh⸗ nisse und die glanzvollen Taten eines aus hingebendstem beruflichen Wirken heraus geförderten Feldherrngenies ein Posener Ehrenbürger— ahlbeiche andere Städte und Uni⸗ versitäten haben ihm gleiche und ähnliche Ehren bezeugt— und aus dem„munkeren und kräftigen Söhnchen“ der Geburtsanzeige ein Held der Ostmark, der nicht nur seine heimatliche Erde aus Feindesnot errettete, sondern die russischen Heeresmassen viele Hunderte von Meilen von der Grenze wegtrieb. Zu frisch stehen ja vor uns allen seine ge—⸗ waltigen Siege bei Tannenberg— seine wuchtig nieder⸗ sausenden Schläge, mit denen er nachher den Russen so gründlich den Einfall in Deutschland aus Polen verleidete, mit dem folgenden Zusammenbruch der russischen Offensive im November— die schwere, e Niederlage, die er dem Feind im Masurenland bereitete, dieses endgültig von den asiatischen Horden befreiend— der so genial vor- bereitete und durchgeführte Frühlingseinmarsch in die Ost⸗ seeprovinzen— und dann der Siegeszug über Polens Metropole hinaus, das Bezwingen der russischen Festun⸗ gen, die er nach des Kanzlers Ausspruch„wie irdene Töpfe zerschmiß.“
Ist uns Hindenburg schon durch all diese Ruhmes— taten ans Herz gewachsen, so würde an dem Bild des Volkshelden, wie es uns vor Augen steht, doch ein mar⸗ kanter Zug fehlen, wollten wir nicht der ausgezeichneten persönlichen und rein menschlichen Eigenschaften gedenken, die den Feldmarschall auszeichnen. Vor allem ist es die schlicht vornehme, grundgütige Art seines Auftretens, die alle rühmen, die mit ihm in Berührung kamen. Dem Menschen Hindenburg ist die Verehrung der Truppen von Anbeginn an gesichert, denn sie sind von der festen Ueber⸗ zeugung durchdrungen, daß ihr Feldmarschall, im Gegen⸗ satz zu dem früheren russischen Generalissimus, niemals unmenschlich unnötige Blutopfer fordert, sondern nur um sicheren Gewinns und eiserner Notwendigkeit willen. Immer und immer wieder weist er alle, die ihm ihrem Dank und ihre Verehrung kundtun, darauf hin, daß er, was er errungen, nur den unvergleichlichen Soldaten verdanke, die zu führen ihm ein so großes Glück sei. Keine einzige Dankesantwort von ihm hat bisher diesen vornehmen Zug vermissen lassen, den wir bei Betrachtung der rein mensch⸗ lichen Charakterzüge, die ihn neben seinen Feldherrneigen⸗ schaften zum Volkshelden stempeln, nicht vergessen dürfen. So ist es nur zu verständlich, wenn heute das ganze deutsche Volk seinem Hindenburg aus tiefinnerstem Bedürfnis seine herzlichen benen de darbringt, den Kaiser sich zum Vorbild nehmend, der es an Zeichen persönlicher Hoch⸗ schätzung und Verehrung fürwahr nicht hat fehlen lassen, was man noch vor mehreren Wochen besonders deutlich wahrnehmen konnte, als Hindenburg beim Kaiserpaar im Posener Residenzschloß zu Gast war. Möge es diesem großen Sohn der ostmärkischen Erde vergönnt sein, den nächsten Geburtstag am Beginn eines sonnigen Lebensabends in beschaulicher Ruhe, a wie er es sich nach getaner Arbeit selbst wünscht, an der Seite seiner liebenswürdigen Ge⸗ mahlin zu feiern— und danach noch viele Jahre unge⸗ trübten Glücks in der gleichen Gesundheit und Frische zu verbringen, die wir heute an ihm bewundern.
Berlin, 2. Okt. Sämtliche Blätter gedenken des heutigen Geburtstages Hindenburgs, mehrere bringen auch sein Bild.
Die„Kreuzzeitung“ sagt: Feldmarschall von Hinden⸗ burg, der Befreier Ostpreußens und der Ostmark, der Russenschreck, der Festungszertrümmerer, wessen Auge blitzt nicht heller wessen Herz schlägt nicht höher, wenn es bei Nennung seines Namens seiner Taten gedenkt? Die ostmärkische Bevölkerung, in deren Mitte er monatelang, darunter mehrere Wochen in der Residenzstadt Posen, weilte, kennt noch mehr von ihm, als nur seine Taten. Sie hat auch den Menschen kennen und verstehen gelernt, daß seine Truppen ihm so blindlings ergeben sind.— 5
In der„Germania“ heißt es: Was auch wir ihm zu dan⸗ ken haben, läßt sich nicht knapper und ausdrucksvoller in den Worten ausdrücken, wie es der Kaiser tat, der ihm unseres nie verlöschenden Danles versicherte.
Die„Tägliche Rundschau“ schreibt: Einer, der vor kurzem Hindenburgs Gast war, erzählte mit Erstaunen— es war ein Sozialdemokrat— wie der Mann Hindenburg ihm friedlich, schlicht, ja bescheiden angemutet habe. Ist das wirklich erstaunlich!
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Samstag, 2. Oltober 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗
leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
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Die„Post“ führt aus: Er ist der Mann nach dem Worte Arenas, der beten kann, eine Persönlichkeit von wahrer Religiösi⸗ tät. Wir vertrauen ihm, daß er den engiltigen Sieg an unsere Fahnen heften wird. Wir wollen das Wort wahr machen: Möge der Geist von 1914 uns nie verloren gehen. Indem wir danach denken und handeln, ehren wir den großen Heerführer, so wit es dem deutschen Sinne entspricht.
Im„Berliner Lokalanzeiger“ wird die Frage auf⸗ geworfen, wo das größte Heldentum liegen mag, in jenen Jahr⸗ zehnten geduldigen Abwartens und eiserner Selbstzucht, die Hinden⸗ burg durchmachte, oder in der herrlichen Betätigung des einen Lebensjahres, das nun verflossen ist. Es sei unnötig, eine Ant⸗ wort auf diese Frage zu geben. Hindenburg selbst würde sie ab⸗ lehnen. Er schrieb vor kurzem, mir ist es gleich, was die Menschen sich von mir für eine Vorstellung machen, wenn ich nur König und Vaterland nutzen kann. Gerade in diesen Tagen, wo unsere Gegner alle Kräfte zusammenrafsen, um ihre verlorene Sache no zu retten, wo unsere tapferen Krieger den furchtbarsten Kampf durchkämpfen, der jemals getobt, soll sein schlichtes Wesen uns mahnen: Geduld, Ausharren, Durchh ilten. 1
Berlin, 2. Okt. Anläßlich des heutigen Geburtstages des Feldmarschalls v. Hindenburg sandte der west⸗ preußische Provinzialausschuß eine künstlerisch ausgestattete Glückwunschadresse mit einer Ansicht der Marienburg, wo Hindenburg seinerzeit, wie es in der Adresse heißt, die Befehle zu der großen Umfassungsschlacht bei Tannenberg ausgegeben hatte, an den Feldmarschall.
„Kristiania, 1. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Der nor vegische Geschichtsprofessor Oscar Albert Johnson schreibt in der „Tidens Tegn“ in einem Berliner Brief: Es war vielleicht in Norwegen die Meinung vieler, daß die Deutschen zwar ein fleißiges und flinkes Volk sind mit Anlagen für Organisation, aber daß ihnen die höhere Initiative und der intuitive Geist fehlen, die Franzosen und Engländer ihrer Meinung nach in ausgeprägtem Grade besitzen. Dies Urteil ist ungerecht. Die Leitung der deutschen Heere an der Ostfront zeugt entschieden von dem Genie Hin, den bur gs. Er muß ein genialer Feldherr sein, darüber kann, kein Zweifel herrschen. Das deutsche Volk jedenfalls bezweifelt es nicht und hat ihm ein gewaltiges Denkmal auf dem Königsplatz in der Nähe der Siegessäule errichtet. Keine andere der kriegführen⸗ den Mächte könnte etwas Aehnliches tun, ohne einen Mißklang zu erwecken und zum Spott herauszufordern. Deutschland kann es tun, ohne derartiges zu befürchten. Daß es es tut, ist ein machtvoller Beweis, nicht nur für das stolze Gefühl im Volke, sondern auch für das sichere Siegesbewußtsein, das die Nation durchströmt. Ueber⸗ haupt entfaltet das deutsche Volk jetzt im Kampfe mit so viel! und mächtigen Feinden eine überströmende Kraft. Was man auch über die Ursachen des Krieges meint, ob man Freund vder Gegner der deutschen Politik und Kultur ist, so müssen sie doch die größte
Achtung und Bewunderung einflößen. Niemand kann leugnen, daß
die Deutschen jedem ihrer Gegner bedeutend überlegen sind.
Aus dem Reiche.
Beschlagnahme von Decken. 8
Berlin, 1. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Im„Reichs⸗ und Staatsanzeiger“ veröffentlichen die vier deutschen Kriegsministerien unter Nr. W. M. 21/9 15 K. R. A. eine sofort in Kraft tretende Bekanntmachung betreffend die Be⸗ schlagnahme von Schlafdecken, Haardecken und Pferdedecken(Woilachs). Aus dem Inhalt sei folgendes hervorgehoben: Beschlagnahmt werden alle Schlafdecken, Haardecken und Pferdedecken in demselben Umfange, wie sie auf Grund der Bekanntmachung unter Nr. W. J. 734/8 15 K. R. A. vom 31. August 1915 meldepflichtig waren, ferner Deckenstoffe und nicht abgepaßte Deckenstücke. Beschlagnahmt sind ferner alle in der Arbeit befindlichen oder künftig her⸗ zustellenden Decken ohne Rücksicht auf Menge, Größe und Gewicht in dem Augenblick, wo sie den Webstuhl verlassen. Neue Herstellungsverträge für Woilachs und Schlafdecken werden zukünftig nur noch von der Königlichen Feldzeug⸗ meisterei Berlin abgeschlossen. Veränderungen in den Eigen⸗ tums⸗ oder Gewahrsamsverhältnissen der Decken sollen mög⸗ lichst dem Webstoff-Meldeamte mitgeteilt werden. Dieses wird ermächtigt, das Eigentum an beschlagnahmten Gegen⸗ ständen auf die von ihm zu bezeichnenden Personen oder Behörden zu übertragen. Ebenso sind alle Anfragen und An⸗ träge über die vorliegende Bekanntmachung an das Web⸗ stoff⸗Meldeamt zu richten. Von den amtlichen ü des Handels(Handelskammern usw.) sind Abdrücke e unentgeltlich gegen Einsendung des Portos erhältlich.
Friedrich Lienhard. Zu seinem 50. Geburtstage, 4. Oktober.
In seinen„Gedanken über Goethe“ spekuliert Viktor Hehn einmal darüber, welcher deutsche Gau wohl unseren nächsten großen Dichter hervorbringen möchte, und er kommt zu dem Er⸗ gebnisse, das Elsaß könnte es sein. Das Elsaß hat, seitdem es wieder deutsch geworden ist, unserem Schrifttume nur einen Dichter von Bedeutung geschenkt, und der hat es mit seiner engeren Heimat, wie auch im weiteren Deutschland, recht schwer gehabt. Es ist Friedrich Lienhard. Bei seinen elsässischen Landsleuten hat er für sein entschlossenes Bekenntnis zum Deutschtum wenig Dank
und Anerkennung geerntet, die Gunst des großen Publikums K
aber fiel ihm nicht zu, weil er sich immer rücksichtslos gegen den Strom der Mode gestemmt hat. Wie er dem Naturalismus der achtziger Je abgesagt hat, so ist er auch dem Psychologismus und dem Aestthetentume, die in den jüngsten Jahrzehnten in der deutschen Literatur die Herrschaft ausgeübt haben, fern geblieben, und so hat die literarische Mode im ganzen wenig für ihn übrig gehabt. Dafür hat sich um Lienhards Persönlichkeit und Werd eine Opposition geschart, die nach und nach zu einer wirklichen Gemeinde zusammengewachsen ist, und es ist für seine Stellung im deutschen Geistesleben doch bezeichnend, daß zu seinem 50. Ge⸗ burtstage si Gelehrte und Künstler, zusammengefunden haben, um für ihn zu zeugen und ihm zu huldigen.(„Friedrich Lienhard und wir“, er⸗ chienen bei Greiner und Pfeiffer in Stuttgart).
Ein Schulmeisterssohn, zu Rothbach im Elsaß geboren, wurde Lienhard als Kind Zeuge des Kampfes, der über seine Heimat ent⸗ schied, und während seiner Lehrjahre auf dem Gymnasium zu Buchsweiler und an der Universität Straßburg hatte er sich mit
jenem schwierigen Probleme geistiger und nationaler Zweispältig⸗ nach
keit auseinander zu setzen, mit dem der Gang ihrer Landes- geschichte die Elsässer belastet hat. Lienhard wählte für das Deutschtum, und er ist 00 seines Lebens dieser Wahl unver⸗ brüchlich treu geblieben. Doch hat er darum die Fäden zu seinem Elsaß nicht abgeschnitten; in der Vermittelung zwischen deut⸗
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über 70 deutsche Männer, Dichter und Schriftsteller, S
schem Geiste und elsässischer Sonderart hat er seine Lebensaufgabe erblickt und in einer Reihe von Werken, wie besonders den schönen„Wasgaufahrten“ und dem reichen Romane„Oberlin“, hat er Natur, Geschichte und Menschen des Elsasses mit liebe⸗ voller Feinheit geschildert. Als er die Theologie an den Nagel hing und den Entschluß faßte, sich ganz der Schriftstellerei zu widmen, da war für ihn, wie für alle jüngeren Schrift⸗ steller der Zeit die Stadt der Sehnsucht die neue Reichs⸗
hauptstadt, wo eine„neue Literatur“ sich bilden zu wol⸗ len schien. Wer das literarische Leben Berlins in den achtziger Jahren nicht aus eigener Erfahrung ken⸗
nen gelernt hat, der macht sich schwer einen Begriff davon, wig wunderlich sich darin ernst ringende geistige Kräfte und ein übles lüngelwesen vermischten und begegneten; auf die Dauer aber ge⸗ wann freilich das Klüngelwesen und damit noch-so mancher andere bedenkliche Einfluß die Oberhand, der im Berliner Boden fette Nahrung fand. 1 schwamm eine Zeitlang mit dem Strome des Berliner literarischen Lebens; er fand da manches, was ihm zu⸗ sagte, wie besonders den Kampf gegen falsche Theaterei, aber zur rechten Zeit gewann er die Kraft der Einsicht, daß das Berliner Le⸗ ben ihn aufzehren, aushöhlen, sich selbst untreu machen müsse. In seiner Schrift„Die Vorherrschaft Berlins“ zog er die Bilanz seiner Erfahrungen. Diese Schrift hat damals großes Aufsehen gemacht und ist noch heute nicht vergessen. Sie ist die timme geistiger Kreise, die Existenzberechtigung und Anspruch auf Einfluß haben, sie ist die Stimme eines Bekenners Bildet doch das Bekennertum überhaupt vielleicht den Kern von Lienhards inner⸗ stem Wesen: immer sind es seine eigenen geistigen und seelischen Erfahrungen und Erlebnisse, von denen er in seinen Werken Zeug⸗ nis ablegt und von vornherein war es Dichtung und nicht Litera⸗ tur, wonach er strebte und wofür er lebte. 5 die Jahrhundertwende zog sich Lienhard von Berlin Thüringen zurück, das in Landschaft und Geschichte mit seiner elsässischen Heimat so manche Aehnlichkeit zeigt, und dort fand er die ins Schwanken geratene Einheit mit sich selbst, fand er die Stille und die innere Sicherheit wieder, die ihm Be⸗ dürfnis find. Aus dem thüringischen Boden erwuchs sein Werk
„Wege nach Weimar“, worin er sich als begeisterten und verständ⸗
nisvollen Verkünder des klassischen deutschen Idealismus erwies; wohl zuerst mit diesem Werke 785 er den Weg zu weiteren Kreisen gefunden, die in Lienhard freudig einen Vertreter ihrer Bildungs⸗ ideale erkannten. Dagegen hat sich sein dichterisches Schaffen, das umfangreich ist und Lyrik ebenso wie Roman und Drama umfaßt, das Publikum nur sehr langsam erschlossen. Seine Dramen sind nur in Weimar und auf dem Harzer Bergtheater gelegentlich auf⸗ geführt worden; von seinen Romanen hat neben„Oberlin“ wohl das Bekenntnisbuch„Der Spielmann“ die wärmste Aufnahme ge⸗ funden. Lienhard gehört zu jener Klasse von Menschen, die Schiller einmal in einem Briefe an Wilhelm v. Humboldt gekennzeichnet hat, indem er sagte:„Schließlich würden wir alle uns doch schämen, etwas anderes zu sein, als Idealisten.“ Lienhard ist Vollblut⸗ Idealist; all seine Werke sprechen vom Ideale, leben vom Ideale und für das Ideal. Ihm verkörpert sich dies Ideal im Bilde eines vollkommenen Deutschtums, das ihm mit dem Bilde vollkommenen Geistes und vollkommenen Menschentums zusammenfällt. Seir Deutschtum gleicht dem Friedrich Schlegels, der darin nicht eine geschichtlich vollzogene Tatsache, sondern ein Zukunftsideal erblickt; sein Glauben an das Deutschtum ist eine Religion. Wenn der echte Dichter, wie es heißt, auch ein Seher ist, so hat Lienhard diese Eigenschaft bewährt. In seinem„Spielmann“ hat er 1913 geschrie⸗ ben:„Ich habe ein Vorgefühl, als ob unserem ganzen Europa eine Titanic⸗Katastrophe bevorstehe. Da fällt alles Schwärmerische und Unechte ab, und es bleibt bestehen Wahrhaftigkeit und Liebe, jene Liebe, die zugleich Güte und Treue ist.“
— Brüssel, 1. Okt.(WTB. Nichtamtlich.) Das vom Rhein⸗Mainischen Verband für Volksbildung in 5 77 a. M. errichtete und von Dr. Jaeschke geleitete Deut⸗ sche Theater in Belgien gab gestern abend im Parktheater in Brüssel seine Eröffnungsvorstellung. Ein von Leo Sternberg verfaßtes Schauspiel„Aussaat“, das starken Beifall fand, erläuterte sinngemäß den Zweck dieses Kriegstheaters. Hierauf kam Hans Sachs mit zwei Fastnachtsspielen und Schiller mit Wallensteins Lager zu Wort. U


