Ausgabe 
(29.9.1915) 229. Zweites Blatt
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Sweites Blatt

Erschemmi töglich mit Ausnahme des Sonntags.

nr. 20

DieSleßener Famillenblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zwernal.

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Mittwoch, 20. September 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühleschen Untversuäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrift

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

Kriegsbriefe aus dem Westen.

Telegramm unseres Kriegsberichterstatters. (unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten) Der Mißerfolg der französisch-englischen Offeusive. 8 Lille, 27. September 1915.

Gleichzeitig wie bei den benachbarten Armeen haben die Engländer und Franzosen fast an der gesamten Front der Armee des Kronprinzen von mit beträchtli Wucht angegriffen. Nachdem sie seit dem 20. mit einer horrenden Munitionsverschwendung ein ununterbrochenes Trommel⸗ feuer unterhalten hatten, das selbst für die Begriffe der Helden der Lorettohölle ungeheuer erschien, glaubten sie, 1 Schütz benwall genügend zermürbt zu haben und gingen am 25. stürmend vor. Die Franzosen, die bei ihren Angriffen auf der Front von Loretto bis Riviere, süd⸗ lich Arras, ausgiebig Gasbomben verwendeten, hatten dennoch nicht den mindesten Erfolg. Die Engländer richteten ihre Hauptanstrengungen auf die Strecke von Armentieres südwärts bis nach Monchy und steigerten sie besonders nordöstlich Fromelles, westlich in Gegend Lens und an den alten heißumstrittenen Punkten bei Festubert und Givenchy, ferner in der ganzen Gegend nordwestlich Lens. Während der Feind, namentlich die farbigen und weißen Engländer, ent⸗ sprechend auch die Franzosen, furchtbar blutige Verluste erlitt und seine dicht angrei Massen unter unserem Artillerie- und Infanteriefeuer dahinschmolzen wie ver⸗ spätete Schneeflocken in der sonne, gelang es ihm nicht, unsere eisenfeste Front zu erschüttern oder gar, wie es der Plan der gewaltigen Unternehmung hatte sein sollen, sie zu durchbrechen. Nur das ganz in einen Trümmerhaufen verwandelte Dorf Souchez räumten wir als unhaltbar.

Ferner hatten die von den Engländern an vielen Stellen ihrer Front, besonders aber bei la Bassse südwestlich des

Kanals unternommenen Angriffe mit giftigen erstickenden Gasen zur Folge, daß dort eine Division in geringer Breite in die zweite Verteidigungsstellung zurückgehen mußte, wo sie aber nicht nur den in Ueberzahl vorgehenden Engländern einen unzerbrechlichen Riegel vorschob, sondern von wo sie als⸗ bald selbst wieder zum Gegenangriff vorging. Eine westlich Aubers in unsere Stellungen eingedrungene Brigade wurde völlig aufgerieben. Von einem 800 Mann starken Gurkha⸗ Bataillon kehrten nur wenige zurück, während etwa 40 von ihnen N in unsere Hand fielen. Südlich des La Bassé nals hatte das Wetter die Gasangriffe der Eng⸗ länder begünstigt, während sie nördlich weniger wirkten. Hier verwendete der Feind mehr gewöhnliche Rauchwolken. Die bei Givenchy eingedrungenen Engländer wurden alsbald wieder hinausgeworfen. Daß es dem Feind diesmal mit seiner Unternehmung sehr ernst war, darauf ließen seine Vorbereitungen schließen. Er te seit Tagen eine bedeu⸗ tende Fliegertätigkeit entwickelt, auch versucht, auf andere Weise 2 i unserer zu zerstören; aber dank der Wachsamkeit unserer T war es ihm nicht gelungen, auch nur eine Eisenbahn⸗ oder eine i dung zu Unter den englischen Truppen be⸗ 7 etwa die Hälfte aus neuen sog. Kitchener⸗Divisionen, ie beim Angriff zwischen reguläre gestellt wurden, um i mehr geben. Unter den Gefangenen, deren Gesamtzahl in diesem Augenblick schon über 2500 beträgt, befindet sich ein igadegeneral, en Einbringun be tern selbst beigewohnt habe, ein Oberst und ein Oberst⸗ eutnant. Der für die taktische Lage völlig wertlose Erfolg Eindrü einer kleinen Beule in unsere vordere Linie, der durch die atemverpestenden Gilt dee nicht durch englischen Mut erreicht worden ist, ist mit dem Einsatz von einer ungeheuren Uebermacht und mit ganz unübersehbaren Verlusten des Feindes erzielt worden. An einzelnen Stellen liegen 600 bis 800 und noch mehr tote gländer vor unseren 1 bestürmten Linien. Scheuermann, Kriegsberichterstatter.

Bulgarischer voltshumor.

Wenige Völker nicht nur Europas, sondern der Erde über⸗ haupt, haben auf einem langen Wanderleben einen so reichen volkstümlichen Märchen⸗ und Sagenschatz bewahrt wie die Bul⸗ aren. Und noch erstaunlicher vielleicht ist es, daß dieses um eine politi und kulturelle Größe noch ringende Volk, wie Adolf Strauß in einer umfassenden ethnographischen Studie über die garen sagt,in unseren Tagen auch auf dem Gebiete des Sammelns unb Erforschens seiner alten Sagen, Sitten und Gebräuche eine staun te Tätigkeit entfaltete Eine ganz eigenartige Tiersagenwelt, die manchmal einen köstlichen Humor enthält, ist uns dadurch erhalten. Da ist z. B. die Sage von der Erschaffung der Frauen und ihrer Charaktertypen. Sie geht nicht bis auf Adam, sondern nur bis auf Noah zurück, den Gottes Güte mit einem Weibe und einer Tochter gesegnet hatte. Als er nun die Arche für die Sintflut bauen sollte, d üngte er dazu drei weise Meister, deren einer ihm aber nur unter der Bedingung 15 wollte, daß er seine Tochter zur Frau bekäme. Noah hätte sie ihm schon gegeben, aber die beiden anderen Meister wollten nicht leer ausgehen. nun war guter Rat teuer. Da verwandelte Gott, um Noah aus diesem Konflikt zu erlösen, 975 Katze und seinen Esel in Jungfrauen. Als es Tag war, and Noah drei Töchter vor, die alle einander gleich waren. Als er dies Wunder sah und die Katze und den Esel vermißte reimte er sich den Hergang zusammen. Er gab nun die drei Mädchen den Meistern, und die bauten die Arche. Nach etlicher Zeit traf Noah einen der Schwiegersöhne und fragte:Bist Du gesund und wohlauf? Wie lebst Du mit meiner Tochter?Gut lebe ich mit ihr, Vater, antwortete der Mann,aber wenn sie böse ist, schreit sie wie ein Esel!Ha, dachte Noah bei sich, das ist die aus dem Esel... Am nächsten Tage traf er den zweiten Schwiegersohn und fragte auch den, wie er mit seiner Tochter lebe.Wir leben 8 miteinander, Vater, aber wenn sie böse ist, kratzt sie wie eine Katze und miaut fürchterlich!Haha, dachte Noah bei sich,das ist die aus der Katze Am dritten Tage traf er den dritten Schwiegersohn und begann dasselbe Gespräch, wie er mit seiner Tochter lebe.Besser als gut, Vater, versetzte der Mann,man merkt es kaum, daß jemand im Hause ist, sie schaltet wie eine rechte Frau!Ach, das ist die, die von meinem Herzen kam, dachte Noah bei sich. Von diesen drei Töchtern des weinfrohen Patriarchen entstammen die Weiber: die einen schreien wie Esel, die andern kratzen wie die Katzen, wenn sie böse sind... Auch sonst lieben es die Bulgaren, die Frauen in irgendeinen Zusammenhang mit den Katzen zu bringen. Nach einer anderen ge wollte Gott der Herr gerade das Weib erschaffen und hatte Adam die bekannte Rippe herausgeschnitten, als die Katze heransprang und die Rippe entführte. Gott haschte noch schnell nach ihr, behielt aber nur den Schwanz in der Hand, aus dem er dann Eva schuf... Eine andere merkwürdige Sage knüpft sich an den Kuckuck, der durch die Frauen in die Welt gekommen ist. Einst war es so im Reiche, daß die Burschen jedes Jahr, so gegen Monat März in die Schlacht zogen und nur ur Zeit des Mähens oder gar erst zur Ernte wieder heimkehrten. Den rschen zogen auch ihre Schwestern nach und verfolgten von den Wipfeln der Bäume aus die Taten der Schlacht, und hier auf den Bäumen weinten sie oft bitterlichbratu, bratu!(Bruder, aer Weil nun die so sehr die beweinten (bulgarisch: kukali), so wurden sie in Kuckucks lt. Deshalb fliegen die Kuckucks auf den Bäumen herum und weinen ihren Brüdern Aber noch heute bauen sie kein eigenes Nest, denn sie sind ja ledige junge Mädchen

die sechzehnmonatige Irrfahrt des

polarforschers Stefansson.

Die amerikanischen Blätter brachten dieser Tage aus Ottawa die Nachricht von der Wiederauffindung des fkandinavischen Polar⸗

ich forschers Vilhialmur Stefansson, der als Leiter einer kanadischen

Polarexpedition im Juli 1913 auf seinem SchiffKarluk von Alaska abgefahren und im Herbst 1914 verschollen war und tot⸗ gesagt wurde Nunmehr veröffentlicht der Forscher imDaily Chronicle eine Schilderung seiner Abenteuer, der wir folgende Einzelheiten entnehmen:Als mein DampferKarluk mit der Bemannung in den Eisgewässern abgetrieben worden war, während ich mit sieben meiner Begleiter verlassen an Land bei unserer Station zurückblieb, beschloß ich, auch unter diesen Umständen die Aufgaben meiner Expedition mit Hilfe meiner Schlitten nach Möglichkeit zu erfüllen. Als wir unsere schwierige Reise begannen, hatten wir 25 Schlittenhunde. Durch einen Schneesturm verlor

ich bald zwei meiner besten Leute. Endlich begann unsere Wan⸗ derung über das gefrorene Gewässer; am 9. April waren wir bereits 50 Meilen vom Festland entfernt, waren aber nur wenig nordwärts gedrungen, da die Stürme uns parallel der Küste ge⸗ trieben hatten. Da unsere Hunde überanstrengt waren und zwei unserer Schlitten für das rauhe Eis zu leicht gebaut waren, ent⸗ schloß ich mich, drei Mann nach unserer Proviant⸗ und Lagerbasis 1 Nun bestand unsere Gesellschaft nur noch aus zwei Kameraden und mir, mit Proviant für Menschen und Hunde für einen Zeitraum von 40 Tagen. Außerdem hatten wir zwei Gewehre und 360 Patronen. Zwei Tage, nachdem die drei Be⸗ gleiter uns verlassen hatten, mußten wir den heftigsten Sturm der ganzen Reise bestehen. Trotzdem das Geräusch des Eisbrechens gegen die Klippen sonst meilenweit zu hören ist, konnten wir in jener Nacht infolge der Windstärke nichts als das Pfeifen des Sturmes vernehmen. In der Folge mußten wir viele Meilen über ganz dünnes Eis setzen. Wir waren nunmehr im Gebiet des ewigen Lichts. Das Tageslicht währte alle 24 Stunden, und da die Sonne zu wärmen begann, wäre dieses Eisgebiet ein oder zwei Wochen später wohl nicht mehr tragfähig gewesen. Unsere Arbeit aber harrte imund dort waren wir auch vor der Schmelzkraft der Sonne in Sicherheit. Unsere Vorräte gingen allmählich zu Ende, und am 15. Mai begannen wir bereits ernst⸗ lich Hunger zu verspüren. Die Hunde waren merklich abgemagert. Wir hielten an, um Seelöwen zu jagen. Ich rechnete aus, daß wir noch ungefähr 43 Tage brauchen würden, um das Banks⸗ land(die westlichste der arktisch⸗amerikanischen Inseln) zu er⸗ reichen. Während der folgenden Zeit hatten wir reichlich zu essen; wir erle eine Anzahl Bären und 40 Seelöwen. Am 24. Mai, 45 Meilen von der Küste der Banksinseln entfernt, gerieten wir in einen Oststurm, der 12 Tage währte. Als wir lagerten, kamen die Bären, ohne auf das Bellen der Hunde und un⸗ sere Schüsse zu achten, zu uns heran. Während der folgenden Zeit wurden wir durch den Wind gezwungen, 60 Meilen von unserer vor⸗ gesehenen Richtung abzugehen. Am Abend des 26. Juni erreichten wir die Banksinsel, 30 Meilen südlich vom Kap Alfred. Da ich, den von mir getroffenen Abmachungen gemäß, die Ankunft des Hilfs⸗ schonersNordstern für Ende August erwartete, brachten wir

den Sommer mit Jagden zu, wobei wir auch auf alle Fälle Winter⸗

vorräte ansammelten. Aber der 1. September kam und nichts war in Sicht. Wir bargen unser Trockenfleisch unter Steinen und wanderten südwärts. Am Kap Kellett fanden wir das Schiff Mary Sachs. Die Expedition derMary Sachs hatte angenom⸗ men, daß sie uns verzweifelt und dem Hungertode nahe auf Kap Kellett antreffen würde. Als sie uns aber nicht gefunden, hatten sie angenommen, wir seien tot. Außerdem hatte sich im letzten Sommer auch auf der Herschel-Insel die Nachricht von unserem angeblichen Tode verbreitet. Da es zu spät in der Jahreszeit war, um dieMary Sachs, die an Land gezogen war, wieder flott zu machen, setzten wir das Sammeln von Wintervorräten fort... Als der Winter nach vielen Querreisen vergangen war, entdeckten wir am 18. Juni ein neues Land im Nordosten. Wir erreichten es in 780 nördlicher Breite und 117 westlicher Länge. Wir überblickten eine 100 Meilen lange Küstenlinie. 40 Meilen im Osten erblickten wir Berge bis zu einer Höhe von 2000 Fuß. Auch sonst handelt es sich um ein sehr gebirgiges Land, das nur an der Küste flach ist und dann ansteigt. Arktische Tiere waren in großen Mengen vorhanden mit Ausnahme von Bären Da der Sommer schnell näher rückte, wandten wir uns am 22 Jun! zurück Wir folgten dann der Westküste der Melville ⸗Insel, wan⸗ derten über die Mercy⸗Bai und reisten quer durch die Banksinsel nach Kellett, wo wir am 8. Nugust wohlbehalten ankamen.

11. August kam der SchonerPolarbär an, den wir für unsere Zwecke mieteten. 5

Vermischtes.

» Merkwürdige Briefbeförderung Die Nachrichtendesörderung im Kriege hat nicht selten zu eigen- artigen Listen geführt. So erzählt ein englischer Kriegskorrespondent einen sehr merkwürdigen Fall aus dem 70er Kriege. Bazaine wollte, während er mit seiner Armee in Metz eingeschlossen war, eine Botschaft durch die deutschen Belagerungslinien hindurch⸗ gelangen lassen. Ein junger Mann zeigte sich wagemutig genug, das Unternehmen auszuführen. Zu diesem Zwecke ließ er sich einen Zahn ziehen und an dessen Stelle einen künstlichen einsetzen, in

dessen Höhlung in einer kleinen Hülse eine Chiffredepesche verborgen

wurde, die auf photographischem Wege zu mikroskopischer Winzig- keit verkleinert worden war. Dann verließ der Mann, gehüllt in die Lumpen eines Bettlers, die Stadt. Die Posten mußten blind

Max von SchillingsMona Lisa.

Aus Stuttgart wird uns geschrieben:

In Anwesenheit von Bühnenleitern und Musikern aus Nah und Fern hat am Sonntag Max von Schillings neues MusikdramaMona Lisa im Großen Haus des Stuttgarter Hoftheaters seine Uraufführung erlebt. Die Verfasserin des Textbuches, Beautrice Dovsky, legt Wert auf die Feststellung 9 ihre Dichtung schon vor dem Diebstahl des Bildnisses der Mona Lisa entstanden ist. Dieses Meisterwerk Lionardos, das rätselhafte Lächeln der. Frau, die Lionardo hier dar⸗ gestellt hat, bildet den Ausgangspunkt der Handlung. Die dra⸗ matische Einkleidung erinnert ein wenig an die Rahmentechnik, die wir ausHoffmanns Erzählungen kennen. Die erste Szene, eine Art Vorspiel, spielt im modernen Florenz. Ein vornehmes Hochzeits reiseparr, der Ehemann angegraut und von etwas finsterem Wesen, die Frau voll blühender, verlangender Jugend, besich⸗ tigen unter Führung eines Laienbruders den alten Palazzo Gio⸗

condo. ImSaal der Seufzer erzählt der Laienbruder die Ge⸗ schichte der unglücklichen Gioconda, und diese Erzählung nimmt vor dem Zuschauer szenische Gestalt an. Durch die Veerwandlung sehen wir uns in das Florenz des 15. Jahrhunderts zurückversetzt, wobei die rätselhafte Mona Lisa in der Gestalt der jungen schönen Fremden, ihr Gatte Francesco del Giocondo, in der Gestalt des finsteren Hochzeitsreisenden auftritt, während der Geliebte der Mona Lisa Gioconda Giovanni da Salviati, die Züge des jungen schönen Laienbruders trägt. Wir erleben einen Karnevalstag in. Florenz und das lustige Treiben im Hause des Francesco Gio⸗ condv, das plötzlich getrübt erscheint durch das Auftreten der traurigen Mona dußr Vorher schon hatten die von draußen hereindringenden Bußrufe Savonarolas und seiner Anhänger die düstere Stimmung vorbereitet. Mona Lisa ist ihrem angejahrten, Gatten, den sie auf Geheiß des Vaters heiraten mußte, inner⸗ lich fremd und weicht seinen Liebkosungen aus. Auch er fühlt schon längst die trennende Kluft zwischen ihnen. Seinen Gästen, 8 er Mona Lisas Bildnis von Lionardos Meisterhand zeigt, agt er: Mein Weib, das niemals lächelt, niemals bebt, Ich wie ein Schatten und dies Bildnis lebt! So lächelt Eva einst im Paradies, So lächelt Helena, Semiramis, Bath⸗ Seba und Kleopatra Ich muß das Rätsel ihres Lächelns lösen. Im weiteren Verlauf der Faschingsnacht ertappt Francesco Gio⸗ condo die Gattin in den Armen des jungen Geliebten. Giovanni flüchtet in den eisernen Juwelenschrein, den Francesco kurz vor⸗ her seinen Gästen 77 hatte und zu dessen kunstvollem Schloß nur ei 1 vorhanden ist. Franceco wirft die schwere Türe 1 den Nebenbuhler ins Schloß. Francesco weidet Seit

sich an den Qualen der verzweifelten Gattin. Er erzwingt ihre Liebe um den Preis des einzigen Schlüssels. Aber nachdem er sich an ihrem Kusse berauscht, übergibt er den Schlüssel nicht ihr, sondern er wirft ihn in den vorbeifließenden Arno. Doch wie der Ring des Polykrates wird der Schlüssel wiedergefunden und Mona Lisa überbracht; freilich zu spät, denn der Geliebte ist längst erstickt. Aber Mona Lisa rücht den Geliebten. Es gelingt ihr, den Gatten zum Betreten des Schreines Zu veranlassen, und krachend läßt sie die Türe hinter ihm ins Schloß fallen. Mona Lisa selbst wird wahnsinnig. Die Szene verwandelt sich hier wieder in die rt. Ergriffen lauscht die schöne funge Fremde dem Schluß der Erzählung des jungen Mönchs, während der Gatte 3 beiseite steht. Beim Abschied läßt die junge Fremde die Blumen von ihrer Brust dem jungen Laien⸗ bruder zu Füßen fallen und dieser erkannte in ihr das Gleichnis der Mona Lisa.

Schon beim Lesen dieser Inhaltsangabe wird man den Ein⸗ druck gewinnen, daß hier gewisse Einflüsse der Kinodramatik vorliegen. Dem Komponisten aber gab die Handlung Gelegenheit zur Entfaltung stärkster musikalischer Leidenschaftlichkeit. Die Szenen zwischen Mona Lisa und ihrem Gatten bilden in dieser Beziehung den Höhepunkt. Wer die moderne Tondichtung, die sich um Richard Strauß gruppiert, kennt, weiß, daß die Leidenschaft⸗ lichkeit weniger in der musikalischen Linienführung oder gar einer faßbaren Melodie als vielmehr in dem mitreißenden musi⸗ kalischen Kolorismus ihren Ausdruck findet. Wir haben hier Pa⸗ vallelerscheinungen zu gewissen Strömungen der modernen Ma⸗ lerei. er für diese musikalische Empfindungswelt das erforder- liche Organ besitzt, dem wird das neue Werk des Stuttgarter Generalmusikdirektors innerhalb dieser Empfindungswelt als eine bedeutende künstlerische Leistung erscheinen. In den Klangwirkun⸗ gen ist zweifellos viel Eigenartiges und vieles von hohem Stim⸗ mungsreiz. Einiges wie die reizende Serenade im zweiten Aufzug, wird sogar die befriedigen, die sich mit der modernen Musik dieses Schlags sonst nicht befremden können. Ein Fortissimo, das die Ueberleitung zum Schlußbild bildet, dürfte wohl das Un⸗ erhörteste sein, was jemals an orchestraler Kraftentfaltung ge⸗ leistet wurde; das war einfach erdbebenhaft und dürfte selbst den in diesen Dingen ja auch nicht zimperlichen Richard Strauß, der in der Hauptprobe, in die Partitur vergraben, einsam im ersten Rang thronte, in Staunen versetzt haben. Von lebhaftem musi⸗ kalischen Kolorit ist das Faschingstreiben, von starker Wirkung das Hineinklingen der Bußgesänge der Anhänger Savonarolas in die Faschingslust.

Schon bei der Hauptprobe, die vor einem dichtbesetzten Parkett vor sich ging, fand das neue Musikdrama rauschenden Beifall. Die e Hofbühne hatte aber auch alles getan, um ihm einen hollen Erfolg zu sichern. Die musikalische Leitung hatte

natürlich der Komponist selbst in Händen. Die Regie führte Hof⸗ rat Gerhäuser mit gewohnter Meisterschaft. Den wahrhaft köstlichen szenischen Rahmen hatte Prof. Bernharrd Pan tot ge⸗ schaffen? Für die leidenschaftdurchglühte Rolle des Francesco Giocondo hatte man den berühmten schwedischen Baritonisten John Forsell gewonnen, der sich wieder als glanzvoller Dar⸗ steller erwies und mit wahrhaft dämonischer Wucht seiner Aufgabe gerecht wurde. Die beiden andern Hauptrollen wurden von Frau JIracenna⸗ Brügelmann und dem neugewonnenen mit herrlicher Stimme begabten jungen Tenoristen Aagaard⸗ O estvig sieghaft durchgeführt.

*

Siegfried WagnersBärenhäuter an der Dresdner Hofoper. Aus Dresden wird uns geschrieben: Die Dresdner Hofoper war es Siegfried Wagner schuldig, daß sie ihn, der sich hier als Dirigent eine große Gemeinde gewonnen hat, mit einem seiner Bühnenwerke zu Gehör brachte. Man kannte hier den Komponisten nur aus den Bruchstücken seiner Werke, die er in Konzerten dirigierte. Die Hofoper hat num ihre Verpflichtung nachgeholt. Sie hat statt eins der neuen Werke Siegfried Wagners sein frühestes und populärstes, denBären⸗ häuter gewählt. Man darf dieser Wahl durchaus zustimmen. Denn unmittelbarer und ursprünglicher, naiver, spricht sich der Komponist in keinem seiner späteren, vielleicht reiferen Werke aus als in diesem ersten Werke. Man spürt es, wie Siegfried Wagner dieser Märchen⸗Stoff lag, den schon sein Vater einen offenen Stoff für eine komische Oper genannt und auf den ihn sein Lehrer Humperdinck nachdrücklich hingewiesen hatte. Und wenn auch hier und da in der Musik der Dreißigjährige sich noch nicht vom Orchester seines Vaters ganz frei zu machen verstand, so klingt doch in dieser Volksoper so viel Eigenes und Echtes, daß diese späte Dresdner Aufführung aufrichtig zu begrüßen ist⸗ Selten mag freilich früher dieses Eigene und Echte so koöstlich erklungen sein und so reizvoll Gestalt gewonnen haben wie in dieser Dresdner Erstaufführung, die aufs sorgfältigste vorbereitet, so glücklich gelang, daß sie dem anwesenden Komponisten nicht nur einen vollen und herrlichen Erfolg brachte, sondern das Werk auch in der Gunst des Dresdner Publikums ganz gesichert hat.

Dieser Erfolg ist sowohl der musikalischen Gestaltung unter Rei- ners Hand wie der Darstellung und der szenischen Gestaltung zu danken. Vogelstrom sang und spielte den Bärenhäuter, den jungen Soldaten Hans Kraft vortrefflich und hatte eine ihn noch übertreffende Partnerin in Charlotte Uhr. Unter

der Reihe der übrigen Darsteller muß der höchst komische Teufel Ludwig Ermolds gerühmt werden. Tollers Spielleitung traf den Charakter der heiteren, volksmäßigen Spielover aufs beste, unterstützt von den glänzendsten Szenenbildern. Siegfried Wagner darf mit diesem Sdner Erfolg zufrieden sein.

im Kriege.