Ausgabe 
(22.9.1915) 223. Zweites Blatt
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Nr. 225

Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

165. Jahrgang

DieSießener Famillendlätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Sießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fstagen erscheinen monatlich zweimal.

General⸗Anzeiger für

Gießener Anzeiger

Oberhessen

mittwoch, 22. September 10,

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

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Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul 1

ftraße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrift⸗

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.

nierende Punkt dieses Krieges. Der schönste und genialste strategische Einfall, den die Deutschen und Oesterreicher seit Beginn des Krieges gehabt haben, ist jedenfalls der, dessen Ausführung sie eben vorhaben, es handelt sich darum, vor den Alliierten in Konstantinopel zu sein. Wenn es ge⸗ lingt, dann ist meiner Meinung nach unsere Sache wohl nicht verloren, aber der Krieg wird noch ein Jahr länger dauern, d. h. also in den Winter 1916/17 hinein. Aber ein anderer Brief tröstet, daß der Krieg im Handumdrehen zu Ende sein könne:in Paris betet man viel, daß Friede werde... Daß endlich Friede werde, das ist wohl die Hoffnung der ganzen Welt. Aber daß dieses Land, das nun die Sieb⸗ hnjährigen hinausgeschickt hat auf die Schlachtfelder, daß iese Nation, die nicht mit der Kraft, sondern mit der Hilf⸗ losigkeit eines Geblendeten nach den gewaltigen Säulen tastet, worauf Deutschland ruht, nicht die Bedingungen 1 5 Friedens der lt diktieren werde, dessen sind wir gewiß.

Französische Hoffnungen.

Wollte man die Stimmung, mit der das französische Volk der Möglichkeit eines zweiten Winterfeldzuges ent⸗ gegensieht, nach den Berichten der noch immer marneschlacht⸗ begeisterten Pariser alf beurteilen, so könnte man glau⸗ ben, daß Frankreich wirklich erst jetzt, nach vierzehn verlust⸗ reichen Kriegsmonaten, zur Sammlung aller seiner militä⸗ rischen und e Kräfte und damit zum Bewußtsein seiner Unbesiegbarkeit gelangt sei. Wie Simson, dem im Herker der Philister die alte Kraft wieder kam, seine Feinde erschlug, so wird wenigstens in der Phantasie des Temps undFigaro Frankreich eines Tages das Joch der verhaßten Boches abschütteln und das vom deutschen Militarismus geknechtete Europa mit dem Geschenk der lateinischen Freiheit beglücken.

Aber Simson, der mit seiner Kraft die beiden Säulen bewegte, begrub sich selbst unter den Trümmern des Palastes wird Frankreich auch zu diesem Heroismus bereit sein?] Denkt Frankreich überhaupt daran, welches Wagnis dieses Spiel der letzten Kraft bedeutet; weiß es, daß der Mythus, auch wenn er Wirklichkeit werden sollte, auf alle Fälle tragisch enden muß, weil diese letzte Kraft eben keine wirk⸗ liche, positive Kraft, sondern die selbstvernichtende Kraft der Verzweiflung ist?

Der wundergläubigen Pariser Presse kommt es nicht darauf an, Unmöglichkeiten ins Unerhörte zu steigern, wenn sie damit nur den Zweck erreicht, über die Opfer, die Frank⸗ reichs letzte Widerstandskraft erschöpfen, sich und die verant⸗ Bolt. bes pie 5 1 debt r n deutlich 0

olk, iese Opfer selbst bringen muß, fühlt lich un schwer, daß das Wunder sich nicht ereignen wird und daß ein zweiter Winterfeldzug die nun leerstehenden Depots nur mehr mit Verwundeten und Kranken, aber nicht wieder mit frischen Truppen anfüllen wird.Nun zieht man die Sieb⸗ zehnjährigen ein, schreibt eine Mutter.Doch das sind schon keine Männer mehr, sondern nur kleine Jungens N Und in einem andern Brief von Anfang August heißt es: Die Achtzehnjährigen sind schon lange fort und die Sieb⸗ zehnjährigen werden demnächst ausrücken. Es wird niemand mehr zurückbleiben; aber was ist da zu machen. Dabei wächst die Not im Lande. Eine Dame schpeibt Mitte August aus Paris, daß sie in sechs Bäckereien gewesen sei, um Brot zu kaufen, aber nirgends gab's etwas. Man sagte ihr, man wolle Brotscheine einführen, wie in Deutschland. Aber: das wäre entsetzlich, schreibt sie,wenn es bei uns so käme, wie bei den Boches

Die meisten Klagen hört man aus landwirtschaftlichen Kreisen. Der Regen hat dem Brotgetreide geschadet, Hafer gibt es kaum, die Kartoffeln verfaulen in der Erde und die Weinernte verspricht in einigen Gegenden nur geringen Er⸗ trag, in anderen haben Reb kheiten die Wetnernte vernichtet. Vielfach fehlt es an landwirtschaftlichen Ma⸗ chinen, vor allem aber fehlt es überall an Arbeitskräften. Eher sollten sie auch kommen, wenn man schon diemou⸗ tards in die Schützengräben hi chickt! Es gibt zwar spanische, 1 und marokkanische Tagelöhner, aber doch u wenig, und außerdem vertragen sie sich nicht, immer mit en Franzosen. Die Löhne steigen bei diesem Mangel an Ar⸗ beitskräften ganz beträchtlich. Aus dem ement Maine⸗ et⸗Loire berichtet anfangs August eine er an ihren Sohn, daß sie für einen Knecht 180 Frs., für einen anderen 145 Frs. und für einen dritten, den sie schon früher an⸗ gestellt hatte, 100 Frs. Monatslohn bezahlen müsse. Ein Tagelöhner habe sogar nicht weniger als 10 Frs. pro Tag gefordert.Dein Vater hat ihn aber nicht angestellt.

Es gibt nur wenige Optimisten, die auch ihren Briefen die nämlichen Phrasen anvertrauen, die sie* in ihrer Zeitung zu lesen gewohnt sind und die zu den Tat⸗ sachen oft in einem komischen Kontrast stehen. So schreibt ein alter Herr:Was die Ereignisse im allgemeinen be⸗ ade so habe ich meine Auffassung noch nicht geändert; lles geht gut, 7 gut, hauptsächlich aber in Rußland. Aber leider an Dardanellen geht es nicht, fährt er nun, bedentlich werdend, fort.Und gerade hier ist der domi⸗

Aus Stadt und Land. Gießen, 22. September 1915.

Die Kriegsbeschädigtenfürsorge im

Großherzogtum Hessen.

Durch eine Bekanntmachung des Großh. Ministeriums des Innern vom 9. August 1915 hat die Kriegs beschädi gten⸗ Fürsorge für Hessen eine neue Organisation er halten, für die sich weitere Kreise interessieren dürften. Bisher lag die Durch⸗ führung der Kriegsbeschädigten⸗Fürsorge in den Händen eines Landesausschusses, der auf Grund freier Vereinbarung zusammen⸗ getreten war und sich aus Vertretern der Großh. Staatsregierung, der Militärverwaltung, der verschiedenen Berufsstände, verschie⸗ dener sozialer Vereinigungen usw. zusammensetzte. Daneben waren in den größeren Städten des Landes Ortsausschüsse für die Kriegs⸗ beschädigtenfürsorge gegründet worden, die den Landesausschuß in der Durchführung der Kriegsbeschädigtenfürsorge unterstützten. Durch die obengenannte Bekanntmachung hat nun die Organisation eine straffere Zusammenfassung und eine bessere Gliederung er⸗

en.

Ter Landes ausschuß, der bisher aus 17 Mitgliedern bestand, wurde auf 4 Mitglieder beschränkt. Von diesen Mit⸗ altedern wird je eines vom Hessischen Landesverein vom Roten Kreuz, von der Landesversicherungsanstalt für das Großh. Hessen, vom Ministerium des Innern, vom Sanitätsamte des 18. Armee⸗ korps ernannt. Zurzeit sind als Mitglieder bestellt: Ober kon⸗ sistorialpräsident D. Nebel, Geh. Regierungsrat Dr. Dietz, Ministerialrat Hölzinger und Generalarzt Dr. Lin demann. Zum Vorsitzenden des Landesausschusses wurde Geh. Regierungsrat Dr. Dietz ernannt. Dem Landesausschuß steht zur Beratung ein Beirat zur Seite, in den Vertreter des Kultus, der Organisationen des Handels, der Industrie, der Landwirtschaft, des Handwerks, der Post⸗ und Eisenbahnperwaltung, der sozialen Fürsorge, der verschiedenen Arbeiterorganisationen, der Presse usw. abgeordnet werden. Der A e sall sich 8 2 g 1 0 ben N ie führung der Fürsorge im ganzen ob. Für die Bearbei⸗ tung der einzelnen Fürsorgefälle wird gemäß 8 8 der ein⸗

ermähnten Bekanntmacharng in jedem Kreis oder mehrere Kreise zursammen ein Kreisausschuß für die iegsbeschädigten⸗Fürsorge gebildet, dem der Kreisrat, Vertreter des en Kreuzes, der christlichen Konfessionen und des israeli⸗ tischen Kultus, der Arbeitgeber und der Arbeiterverbände sowie der öffentlichen Arbeitsnachweise angehören sollen. Nach Bedarf können auch für einzelne Orte Ortsausschüsse errichtet oder Vertrauens⸗ männer bestellt werden. Der neugebildete Landesausschuß hat in seiner ersten Sitzung, die am letzten Freitag stattfand, die Lan⸗ desversicherungsanstalt Großh. Hessen zur Ge⸗ schäftsstelle bestellt und beschlossen, daß wegen der Organisation der Kreisausschüsse alsbald mit den Kreisräten des Landes in Ver⸗ bindung getreten werden solle. Ferner wurden für die Tätigkeit des Landesausschusses und der örtlichen Ausschüsse Richt⸗ lin ren aufgestellt, die demnächst im Druck erscheinen. Der Landes⸗ ausschuß hat sich der neugegründeten Zentralstelle für die Kriegsbeschädigtenfürsorge in Berlin angeschlossen und wird auch in dem engeren Reichsarbeitsausschuß für die Kriegsbeschädigten⸗ Fürsorge durch Geh. Regierungsrat Dr. Dietz vertreten sein. Gleichzeitig gehört der hessische Landesausschuß dem Ausschuß für die Kriegsbeschädigten⸗Fürsorge in Frankfurt a. M. an, der sich über den Bezirk der Provinz Hessen⸗Nassau, des Großherzog⸗ tums Hessen und des Fürstentums Waldeck das Gebiet des Mitteldeutschen Arbeitsnachweisverbandes erstreckt. Der hessische

Landesausschuß ist aber eine selbständige Landesorganisation, die 5 die wirtschaftliche Fürsorge für die Kriegsbeschädigten im Groß⸗ f herzogtum Hessen unmittelbar durchführt. a

Es darf danach erwartet werden, daß die Kriegsbeschädigten⸗ Fürsorge im Großherzogtum Hessen in Kürze vollständig organisiert und in der Lage sein wird, ihre ebenso wichtige, 5 wie dringende Aufgabe im ganzen Lande planmäßig in Angriff 5 zu nehmen. Betont muß aber werden, daß die einzelnen Organi⸗. sationen der Kriegsbeschädigten⸗Fürsorge nur dann mit nach⸗ 1 haltigem Erfolge tätig werden können, wenn sie von allen 5 Schichten der Bepölkerung bei ihrer Arbeit nach⸗ drücklichst unterstützt werden. Die Organisationen benß⸗ a tigen vor allem für die so wichtige Aufgabe der Berufsberatung J freiwilliger Mitarbeiter aus den verschiedensten Er⸗ werbsständen. Ferner gilt es, die so schwierige Frage der Ar⸗ beitsvermittelung für die Kriegsbeschädigten zu lösen, was nur 5 dann erreicht werden kann, wenn die Arbeitgeber möglichstes Ent⸗ 9 gegenkommen en und so weit irgend angängig Kriegsbeschä. digte in ihren Betrieben wiedereinstellen. Es ergeht darum an die ganze Bevölkerung die herzliche und dringende Bitte, nach Möglichkeit dabei mitzuwirken, daß unseren Kriegsbeschädigten die Rückkehr ins Erwerbsleben erleichtert wird, 5 daß sie wieder schaffende und Werte erzeugende Glieder der Volksgemeinschaft werden.

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** Amtliche Personal nachrichten. Der Groß⸗ herzog hat am 18. September d. Is. die von der Stadtverord⸗ netenversammlung zu Bad Nauheim getroffene Wahl des Bade⸗ 8 meisters Franz Kissel zum unbesoldeten Beigeordneten der Stadt f Bad⸗Nauheim auf die Dauer von sechs Jahren bestätigt. 3 3 den Ruhestand versetzt wurde am 18. September ds. Js. der Ge⸗ 1 richtsvollzieher mit dem Amtssitze in Mainz, Christoph Franz Schütz, auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner lang⸗ jährigen treuen Dienste, bis zur Wiederherstellung seiner Gesund⸗ 4 heit, mit Wirkung vom 1. Oktober 1915. Der Großherzog

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hat am 18. September d. Is. den Hochbauaufseher bei dem Hoch⸗ bauamt Mainz, Andreas Dorn zu Mainz, auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste, in den Ruhestand versetzt und ihm aus diesem Anlaß das Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen ver⸗ liehen Der Großherzog hat am 18. September d. Js. den Bauauspiranten Georg Hufer aus Ernsthofen mit Wirkung vom 1. Oktober d. Is. an zum Hochbauaufseher ernannt.

Landkreis Gießen. a

O Langsdorf, 21. Sept. Der Kanonier Jakob Wenzel von hier beim Badischen Fuß⸗Artillerie-Regiment Nr. 14 erhielt die Hessische Tapserkeitsmedaille. Der seit einiger Zeit als vermißt gemeldete Musketier Ernst Bender beim Res.-Inf. Rgt. 224 hat jetzt an seine Eltern geschrieben, daß er am 30. August in russische sei. K 8

2 Allendorf a. d. Lahn, 20. Sept. Unser bisberiger Pfarrer Ludwig Hainebach hielt am vergangenen Sonntag seine Abschiedspredigt. Er hatte in unserer Gemeinde sein Amt jast zwölf Jahre unermüdlich, treu und gewissenhaft ausgeübt. Seiner Abschiedspredigt legte er das Wort zugrunde:Gnade ser mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesu Christo! Bei seiner Antrittspredigt vor zwölf Jahren kün⸗ dete er seinen religiö en Standpunkt an mit dem Text:Ich bringe euch nichts Neues, sondern das Alte von Jesus, dem Gekreuzigten. Das hat er in seiner Amtszeit wahrgemacht; was er predigte, lebte er auch praktisch aus. Die Gemeinde verliert in ihm vieles und bedauert seinen Weggang; sie wünscht ihm aber gleichzeitig für seinen neuen Wirkungskreis Leihgestern alles Gute.

Kreis Schotten.

Laubach, 20. Sept. Bei der am Donnerstag, Freitag und Samstag dahier vorgenommenen Aepfelversteigerung an der Kreisstraße wurden streckenweise so niedrige An gebote gemacht, daß eine Genehmigung nicht erteilt werden konnte. Dagegen waren die Preise bei der heutigen städtischen Avpfelversteigerung sehr gut, besoners war Taselobst zum Teil sehr gut bezahlt. Auch waren Birnen sehr begehrt und gut bezahlt. Die Gemeinde hat einen Erlös von 1356 Mark erzielt. Es ist ein Segen an Obst, besonders Kernobst hier, wie kaum zuvor. Da⸗ gegen war an Zwetschen Mangel. Auswärtige Händler waren nicht eischienen. Die Obstversteigerung nahm einen ganzen Tag in

Anspruch. Kreis Lauterbach. f Aus demoberen Niddertal, 20. Sept. Zum ersten⸗ mal hatte es heute nacht im hiesigen ganzen oberen Tale Eis gefroren und stellenweise stark gereift.

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Gendarmen; aber nicht zur Freude der Bauern. Denn sie geraten in sehr lustige Bedrängnis wegen desKornes, den Gemeinde⸗ vorstand nicht ausgenommen, wissen sie doch nicht, wessen Korn gestohlen ist, und sie fühlen sich ja alle nicht ganz rein vor dem Gesetz. Derheilige Franz hat sso Gelegenheit, ihnen ein schmerzliches Schweigegeld für ihr böses Gewissen abzulisten, und dem Mühlenbauer wird dann noch ein besonders empfind⸗ liches Lösegeld aufgebrummt. So wird die Moral durch die Un⸗ moral gerettet.Wer beschummeln will, wird beschummelt, das ist die ußsentenz, zu der sich der Mühlenbauer bekehrt. Kurz, es ist eine derbe, herzhafte Komödienhandlung, in der der dritte Akt der lustigste und stärkste ist. Die Aufführung stand unter der trefflichen Leitung von Direktor Viehweg. Hans Sturm als Mühlenbauer und Wildenhain als heiliger Frauz boten leben⸗ digstes Leben. Das ganze brachte einen starken und lebendigen Erfolg und der Autor wurde lebhaft gerufen. *

Karl Anton Ewald f. Der Begründer der Lehre von den Magenkrankheiten, Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Karl Anton Ewald in Berlin, ist kurz vor Vollendung seines 70. Geburts⸗ tages er ist am 30. Oktober 1845 geboren nach längerer Krankheit gestorben. Er war, so schreibt dieVoss. Ztg., geborener Berliner. In seiner Vaterstadt und in Heidelberg machte er seine akademischen Studien. Er schloß sich während seiner Studienzeit be⸗ sonders an den Physiologen Pflüger, an Virchow und an den Kliniker Frerichs au. 1870 erwarb Ewald mit einer Untersuchung Zur Histologie der Speicheldrüse den Doktorgrad. Nach Ab⸗ legung der Staatsprüfung wurde er 1871 Assistent an der Berliner medizinischen Universitätsklinit unter Frerichs. Von hier aus habilitierte er sich 1874 als Privatdozent für innere Medizin, wurde 1882 zum außerordentlichen Professor, 1896 zum Geh. Medizinalrat und 1909 zum ordentlichen Honorarprofessor er⸗ nannt. Nach seinem Ausscheiden aus der Frerichschen Klinik lei⸗ tete Ewald eine Zeitlang die städtische Frauensiechenanstalt. 1886 wurde er als Nachfolger von Hermann Senator zum leitenden Arzt der inneren Abteilung des Augustahospitals ernannt, der er bis heute vorstand. Die wissenschaftlichen Arbeiten Ewalds be⸗ treffen verschiedene Gebiete der inneren Medizin; manche davon sind auch der Physiologie zugute gekommen. Zu seinem Sonder⸗

ebiete machte Ewald allmählich die Lehre von den Erkrankungen 25 Verdauungsorgane. Sein Hauptwerk war seinLehrbuch der ückes; und die beiden ee ce enkrankheiten, dem er eine Darstellung der Lehre von der

Araufführungen. 5 Aus München wird uns geschrieben: Die Stollbergbühne. Das Münchener Schauspielhaus riskierte seit langem wie⸗ der einmal eine Uraufführung. Es gab das dreiaktige Stücklein Am Teetisch von Karl Sloboda zu sehen. Im Mittelpunkt des Stückes steht eine liebe, treue und gescheite Frau in der nicht as ungewöhnlichen Situation zwischen zwei Jugendfreunden. 0 einen hat sie dereinst in jugendlicher Schwärmerei geliebt. den andern, ernsten, geheiratet. Aber der Geliehte von ehedem ist immer noch der Held ihrer Träume. Der Gatte, um seine Seelenruhe besorgt, veranlaßt denNebenbuhler, der in Wirk⸗ lichkeit gar keiner ist, zu einem amerikanischen Duell, in dem der andere das schwarze Los zieht. Am nächsten Tage schon erfährt man, daß der lebenslustige Mann Selbstmord verübt hat. Doch die Befriedigung über die wiedergewonnene Ruhe ist für den hemann nicht ungestört: Seine Frau sagt ihm seine Tat ins Gesicht zu und zeigt ihm ihre Verachtung. Der Gatte ist gebrochen und freut g aus voller Seele, als der Totgemeldete in eigener son ins Zimmer tritt, um wie gewöhnlich mit den Freunden den Tee zu nehmen. In diesen drei Akten wuchert der Ver⸗ fasser üppig mit seinem Reichtum an in keiten, aber die bewußte Art ihres Vortrages wirkt stöxrend, und bas beabsichtigte Bild eines eleganten, ein wenig zynischen Lebemannes erwächst in der Gestalt desHausfreundes zu der Karikatur eines selbstgefälligen Don Juan⸗Renommisten. Die Darstellung wurde von den Herren Weigert, Gerdes, und Fräulein Rosar bestritten. 0 ö 12 Aus Leipzig wird uns geschrieben: Im Leipziger Schau⸗ spielhaus ging die dreiaktige BauernkomödieStron von Hans Johst als Uraufführung in Szene. Diese Komödie ist ein Milieustück im besten Sinne: und diese sächsischen Bauern sind durch und durch wurzelhafte Gestalten, die in Gehaben und Ton natur gepackt sind. Eine bühnenfeste Handlung 3 sich um ergötzlich ausgeführten Konflikt, der in n Verhältnissen Gegenwart begründet ist. Der Mühlen⸗ bauer ist bei den vorgeschriebenen Kornangaben ein bißchenun⸗ nau gewesen und hat Korn alsStroh geschmuggelt. Ein

kann, hat f. dem eh

zufällig eine Scheune brennt, ung vorausschickte In der Lehre von den Magenkrankheiten 15 5 1 wird ertappt vom! hat Ewald eine Reihe sehr tüchtiger Schüler ausgebildet. Um die

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öffentliche

f Gesundheitspflege in Deutschland hat sich Ewald durch seinen Anteil an der Schaffung der Kinderheilstätten an den deutschen Seeküsten verdient gemacht. Seit über 30 Jahren ver sah er das Amt des Hauptschriftführers der Vereinigung für Seehospize. Nicht zu vergessen ist seine langjährige Tätigkeit als Bibliothekar der Berliner Medizinischen Gesellschaft und als Redakteur derBerliner Klinischen Wochenschrift, die er als Nachfolger Waldenburgs vom Jahre 1881 bis 1907 leitete.

Abraham a Sancta Clara und derSoldat. Unser sprachgewaltiger Bußprediger liebte es bekanntlich, seine Zuhörer durch allerlei unterhaltsame Wortspielereien zu fesseln. Zu einer solchen regte ihn auch das WortSoldat an, von dem er sagt:Zu erinnern sind aber alle rechtschaffenen Kriegsmänner, daß sie sich den Namen Soldat wohl vor Augen stellen und den⸗ selben nicht für sich(von vorn), sondern zurücklesen, woraus ihre ganze Regel mit einem Wort geschrieben abzunehmen ist; denn das Wort Soldat heißt zurücktad los: Als ein steifer und tapferer Soldat ohne Tadel und Mangel leben. Auch mit allerlei originellen Etymologien würzte Pater Abraham seine Rede und in dieser Hinsicht läßt er sich auch über denSoldaten ver⸗ nehmen. Dieser phantastischen Deutung nach wäre das Wort eine Zusammensetzung der beiden lateinischen Vokabeln sol Sonne und dat gibt. Unter einem Soldaten hätte man also einen zu verstehen, der sein Gut so großmütig und verschwenderisch hin⸗ gibt, wie die Sonne ihre Strahlen. Dies wird ausgeführt mit den Worten: Die Sonne, diese allgemeine Weltampel, dieser strahlende Fürst der Planeten, diese lieb⸗ und lebenssaftige Amme aller Erdengeschöpse, heißt nicht alleinIhr Durchleuchtigkeit, sondern auchihr Gnaden, weil sie aus angeborener Milde ihre schutz⸗ und schatzreichen Strahlen allen Geschöpfen gnädiglich spen⸗ dieret, weswegen ihr lateinischer Name sol also von den Ge⸗ lehrten anatomieret wird: Sua omnia largitur, sie verschenkt all das Ihrige. Daher das Wort Soldat(sol dat) soviel als freigebig autet. Wir würden Abraham a Sancta Clara aber Unrecht tun, wenn wir glauben, daß er die wahre Herkunft desSoldaten nicht gekannt hätte. In der Zeitschrift für deutsche Wortforschung hat Hans Strigl in einer fesselnden Abhandlung über die Sprache dieses Wortgewaltigen darauf hingewiesen, daß er an einer anderen Stelle, wo von soldbegehrenden Kriegsleuten die Rede ist, das Sätz⸗ lein einflichtZumalen das Wörtl Soldat von Sold herrührt. Uebrigens sprach er auch die scherzhafte Vermutung aus, daß Schildwache mit dem Wonschelten zusammenbängen moge, weilfast ein jeder Soldat und Wacht schilt. 1

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