Ur. 25 Fbeites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Gietzener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Ob
erhessen
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Montag, 18. September 105
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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5 Kiew in Erwartung.
Mit dem Falle des wolhynischen Festungsdreiecks wird der Weg nach Kiew frei. An dieser für Rußland furchtbaren Tatsache ändern alle Rückstöße und angeblichen Siege der Russen an der Serethlinie nichts. Ja, diese podolische Stel⸗ lung erscheint in dem Augenblicke als unhaltbar, in dem das nördlich gelegene Rowno in die Hände der Deutschen und Oesterreicher fällt und das Tor nach Kiew sich öffnet. Das weiß man nur zu gut im russischen Hauptquartier. Daher der rasende Widerstand im letzten Zipfel Ostgaliziens. Daher auch die ungeheuren Anstrengungen der russischen Heeresleitung in Kiew selbst, worüber jetzt nähere Nachrichten auf schwierigen, aber zuverlässigen Umwegen eingetroffen sind. Die Russen scheinen nach den großen Ent⸗ täuschungen in Polen dem alten Festungssystem Kiews am Dujepr nicht zu trauen. Kiew ist bekanntlich„Stromfestung erster Ordnung“. Die vorgelagerten Höhen westlich und südwestlich tragen Besestigungen in einem Umfange von 60 Kilometer. Auf dem rechten Dnjeprufer zählte man bisher zehn, auf dem linken sechs permanente Werke, die bis 18 Kilometer vorgeschoben liegen. Schon immer aber ver- mißten die Fachleute eine geschlossene e was die verantwortlichen Behörden wiederum durch die Schwierigkeiten des Geländes erklärten. Nun hat aber, wie es scheint, der große Lehrmeister Krieg auch hier seine Peitsche geschwungen. Tausende von Armierungsarbeitern sollen seit Wochen in Kiew tätig sein, uen die neuangelegten Vorstellungen auszubauen. Am 3. September besichtigte ein Ausschuß des Großen Generalstabes die neuen Anlagen, und unter den Ausschußmitgliedern befanden sich auch japanische Sappeuroffiziere, die sich durch eifrige Vermessungen nütz⸗ lich zu machen suchen. Zwischen den Vorstellungen und den eigentlichen Befestigungswerken sollen besonders zahlreiche Flatterminen angelegt worden sein. Ferner speichere man sehr große Mengen täglich neu eintreffender Artillerie- munition auf. Kiew dürfte zurzeit jedenfalls der Mittel- punkt eines gewaltigen russischen Heerlagers sein. Ungeheure Mengen von Getreide, Konserven, Ausrüstungsgegen— ständen und Ergänzungsteilen für die technischen Ma—
schinen sollen dort lagern. Kiew war eben bisher die große Etappe für die Front in Wolhynien und Podolien. Nun, da die altberühmte Stadt, das
Herz der Ukraine ein bedrohtes Ziel werden kann, glauben wir es gern, wenn berichtet wird, daß es dort aussehen soll wie in einem aufgewühlten Ameisenhaufen. Die Lazarette sind überfüllt. Gefährliche Seuchen, Cholera, Fleckfieber, Typhus und Dysenterie herrschen. Die Massen der durch⸗ flutenden Flüchtlinge sind kaum zu bewältigen. Seit der Eroberung von Luzk hat man mit der Räumung der Stadt begonnen. Die Akten der Zivil⸗ und Militärbehörden werden täglich unter Bewachung abtransportiert. Die Ban⸗ ken schaffen ihre Bestände nach Moskau. Die Lebensmittel- preise schnellen erschreckend in die Höhe. Das Brennmaterial wird knapp und die Zivilbevölkerung wird drangsaliert. Also dasselbe Bild wie in Riga und Wilna und allen anderen Städten, gegen die das Meer der verbündeten Heere heran⸗ wogt. Aber in Kiew dürfte das Schicksal und Verhalten der Bevölkerung doch von einem ganz anderen Interesse sein. Bekanntlich gibt es unter den Vertretern der frei
Berufe, und besonders unter der ukrainischen intelligenten Jugend, eine große Anzahl von nationalbewußten Patrioten, welche prinzipielle Feinde Rußlands und speziell des Zaris⸗ mus sind. Die Ukrainer lieferten seit jeher ein überaus starkes Kontingent für die Reihen der russischen Nihilisten und Revolutionäre. Da der Weg zur Befreiung der Ukraine durch Befreiung ganz Rußlands von dem Zarismus zu führen schien, opferten die ukrainischen Revolutionäre ihre ganze Kraft den allgemeinrussischen revolutionären Zielen. Erst die Lehren der Revolution 1905 und der wuchernde russische Nationalismus der neuesten Zeit haben die An- sichten geklärt. Nicht die Autonomie, sondern die Selb— ständigkeit Ukrainas ist jetzt die Losung. Erst der Krieg hat die Lage geändert. Die Ukrainer erwarten die Heere der Verbündeten als Befreier. Die Führer der ukrainischen Be⸗ wegung haben dem deutschen Kaiser ein Huldigungstele— gramm zugesandt, das sehr freundlich aufgenommen wurde. Wenn die Moskowiter also auch in Kiew ihr trauriges System der Knechtung und Ausplünderung der Einwohner angesichts des herannahenden Feindes anwenden, werden sie die längst befürchtete Katastrophe, den Aufstand und Abfall der Ükraine, nur beschleunigen. Und der Zar als Generalissimus wird hier kein Bindemittel, sondern nur das Schreckgespenst sein, das die Völker spaltet.
die vereidigung des Erzbischofs von Gnesen.
Berlin, 11. Sept.(WTB. Nichtamtlich.) Der„Reichs⸗ anzeiger“ meldet: Dem durch päpstliches Breve vom 30. Mai 1915 zum Erzbischof von Gnesen-Posen ernannten bisheri⸗ gen Domherrn Dr. Edmund Dal bor ist vom Kaiser durch Urkunde vom 11. September die landesherrliche An⸗ erkennung erteilt worden. Der Kaiser nahm heute mittag im Großen Hauptquartier den vorgeschriebenen Eid des Erzbischofs Dalbor entgegen Der Erzbischof wurde dem Kaiser von dem Minister der geistlichen Angelegen⸗ heiten vorgestellt. Er sprach dem Kaiser seinen Dank für die ihm bewiesene Huld aus, legte das Gelöbnis der Treue ab und leistete folgenden Eid:
Ich, Edmund Dalbor, ernannter Erzbischof von Posen-Gnesen, schwöre einen Eid zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden auf das heilige Evangelium, daß, nachdem ich auf den erzbischöf⸗ lichen Stuhl Gnesen-Posen erhoben worden bin, ich Seiner König⸗ lichen Majestät von Preußen, Wilhelm und Allerhöchstdessen recht⸗ mäßigen Nachfolger in der Regierung als meinem Allergnädigsten Könige und Landesherrn, treu, gehorsam und ergeben sein, Allerhöchst— dero Bestes nach meinem Vermögen befördern, Schaden und Nachteil aber verhüten und besonders dahin streben will, daß in den Ge⸗ mütern der meiner bischöflichen Leitung anvertrauten Geistlichen und Gemeinden die Gesinnungen der Ehrfurcht und Treue gegen den König, der Liebe zum Vaterlande, des Gehorsams gegen die Gesetze und alle jene Tugenden, die im Christen einen guten Untertan e mit Sorgfalt gepflegt werden, und daß ich nicht will, und daß ich keine Gemeinschaft oder Ver⸗ bindung, fei es innerhalb oder außerhalb des Landes, unterhalten will, welche der öffentlichen Sicherheit gefährlich sein könnten, und will, wenn ich erfahren sollte, daß in meiner Diözese oder anderswo Anschläge gemacht werden, die zum Nachteil des Staates gereichen könnten, hiervon Seiner Majestät Anzeige machen. Ich verspreche dieses alles um so unverbrüchlicher zu halten, als ich gewiß bin, daß ich mich durch den Eid, welchen ich Seiner päpst⸗ lichen Heiligkeit und der Kirche leistete, zu nichts verpflichte, was
eien dem Eide der Treue und Untertänigkeit gegen Ihre Königliche
Majestät entgegen sein könne. Alles dies schwöre ich, so wahr mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium. Amen!
Der Kaiser schloß den feierlichen Akt mit folgenden an den Erzbischof gerichteten huldvollen Worten:
Ich habe mich bewogen gefunden, Sie, Hochwürdiger Herr, bei dem Antritt Ihres Amtes persönlich zu empfangen, um das eidliche Gelöbnis der Treue, das Sie soeben abgelegt haben, selbst entgegenzunehmen. Ihrer harren schwere Aufgaben, die bei den besonderen Verhältnissen Ihrer Diözese, namentlich unter den gegenwärtigen Zeitumständen in mehr als gewöhnlichem Maße Weisheit und Treue erkordern. Wenn ich nach dem allzu schnellen Hinscheiden des Erzbischofs Likowski meine Zustimmung zu Ihrer Berufung auf den erzbischöflichen Stuhl Gnesen⸗Posen gegeben habe, so ist dies in dem Wunsch geschehen, daß Sie als ein guter Hirte der Ihnen anvertrauten Seelen in den Gemütern der Geistlichen und Diözesanen den Geist der Ehrfurcht und Treue gegen mich und mein Haus, der Achtung vor den Gesetzen des Landes, des Gehorsams gegen die von Gatt geordnete Obrigkeit und der Eintracht unter den deutschen wie polnischen Bewohnern der Diözese pflegen und nähren, auch mit besonderem Eifer sich die Versöhnung vorhandener Gegensätze angelegen sein lassen werden. Aus den Worten, die Sie soeben an mich gerichtet haben, entnehme ich mit Befriedigung das Gelöbnis der Treue gegen mich und mein Haus. Ich halte mich überzeugt, daß Sie in dieser Gesinnung Ihr verantwortungsvolles Amt zum Segen für Staat und Kirche und zum Heile unseres Vaterlandes führen werden. 8 Ihnen deshalb gerne meine landesherrliche Anerkennung erteilt. 0 Hierauf wurde dem Erzbischof die Anerkennungsurkunde ausgehändigt.
Aus Stadt und Cand. Gießen, 13. September 1915.
Eine neue Gartenkolonie in Gießen.
Im Umkreis vieler Städte sieht man vom Eisenbahn⸗ zug aus im Grün der Obstbäume versteckte Gärtchen mit kleinen Gartenhütten, überragt von Fahnenstangen und Stangen für Vogelnistkästen. Es sind Gartenkolonien, die überall entstanden sind nach dem Muster der Schreber- gärten in Leipzig. Dort ist diese Art von Gärten von dem Menschen⸗- und Kinderfreunde Moritz Schreber mit Unter⸗ stützung seines Freundes Ernst Hauschild zuerst ins Leben gerufen worden und hat alsbald Anklang und Nachahmung gefunden. Nach dem Muster von Leipzig haben sich bisher in vielen Städten Schrebervereine gebildet, die gekaufte oder gepachtete Grundstücke parzelliert, eingerichtet und zu einem billigen Pachtzins an ihre Mitglieder abgegeben haben. Da die Mitglieder meist nur ausgesprochene Gartenliebhaber sind, so ist es begreiflich, daß Pie Ausstattung der Gärten immer recht nett und hübsch ist. Wer daher die schönen Gärtchen einmal gesehen hat, dem gefallen sie, der wünscht auch eins zu besitzen. Inmitten einer solchen Gartenkolonie befindet sich meist ein Spielplatz für die Kinder mit einer gedeckten Halle, die bei schlechtem Wetter Unterkunft ge⸗ währt. Nach Schulschluß wandern die Kinder hinaus, um dort bei der Mutter ihr Vesperbrot zu genießen und nach der Anfertigung ihrer Schulaufgaben der Mutter bei der Arbeit zu helfen oder sich dem munteren Spiele mit den Kameraden hinzugeben, bis der Vater aus dem Geschäft oder aus der Werkstatt kommt, um sich noch einige Stunden durch die Arbeit und den Aufenthalt im Freien von den Anstrengungen seiner im geschlossenen Raume ausgeübten Berufstätigkeit zu erholen und der Scholle das abzuringen,
Uraufführung im deutschen Künftlertheater: Ernft Hardts„Rönig Salomo“.
Aus Berlin wird uns vom 12. September geschrieben: E nst Hardt hatte vor einigen Jahren mit dem Versdrama. „Tantris der Narr“ einen starken, überraschenden und anhaltenden Erfolg. Die Weiterentwicklung des Dichters erfüllte leider nicht ganz, was er zu versprechen schien. War die Tantrisdichtung bei allem äußerlichen Faltenwurf sprachlichen Schmucks auch von dem Inneren entsprühenden Feuer erfüllt, so erwies sich das nach⸗ folgende Werk„Gudrun“ schon merklich schwächer an dichterisch⸗ menschlicher Kraft, bedenklich zum rein Schöngeistigen hinneigend.
Das dreiaktige Drama„König Salomo“ das Sonnabend zum ersten Male im Deutschen Künstlertheater auf⸗ . wurde, zeigt ein aus bühnenmäßiger Aesthetik etwas chwaches Weiterschreiten auf der angedeuteten Linie. Der Stoff des Salomo-Dramas hätte es vertragen, mit starten, eindeutigen Farben auf die Bühne gebracht zu werden. Was Hardt gibt, ist ein lockeres Gewebe verschiedener Themen. Probleme und Hand⸗ lungen, die jedes für sich drei Akte hätten füllen können. Und trotz dieser Vielheit, oder vielmehr gerade ihretwegen, ist das Hardtsche Drama Stückwerk geblieben, das viel⸗ fach anregt und zu wenig befriedigt. Das Sterben des Königs David und die Thronbesteigung seines zweit⸗ geborenen Sohnes Salomo bilden das Handlungsgerüst, das —— verschiedenen Hemmungen und seitlichen Ausblicken ins Un⸗ ausgeführte umrankt wird. Des greisen Königs erstgeborener Erbe, der in jugendlich⸗brutaler Herrschersucht brennende Adenia, sucht mit List und Gewalt vorzeitig die Macht des Regenten an sich zu reißen. Sein Gegenspieler ist Salomo, der sanfte, jüngere Bruder, den„Gott liebt“. Die Heidin Abisag, das Jugendkind des Trüh⸗ kind des Frühlings und der Liebe, tritt zwischen die Beiden. Schon
mittert man hier das Problem des Stückes; aber Hardt eilt nervös weiter und stellt im zweiten Akt das letzte senile Aufflammen und den Tod Davids in den Vordergrund. David stirbt, den Kopf im Schoße der keuschen Abisag, deren junge Wärme seinen. fliehenden Atem bannen soll. Und während der König stirbt, in greisenhafter Sehnsucht sich an Abisag klammernd, flammt die dichterisch lebens⸗ voll gestaltete Liebesszene zwischen Salomo und Abisag neben. seinem Sterbelager auf. Diese Szene ist die beste des Stückes. Sie allein hätte an sich als Basis eines starlen Werles dienen können. Durch den zwischen Diesseits und Jenseits gesprochenen Fluch des Vaters verliert Salomo die Braut seines Herzens, bevor er sie noch ganz besaß. Adenia fällt in der Schlinge seier Ver⸗ schwörung; Salomo wird König. Ein weiser König, der durch den doppelten Tod der Geliebten die Kraft erhielt, sein Leben im Dasein seines Volkes zu finden. 8
Die Aufführung unter der guten, aber etwas einförmig breiten Spielleitung Dr. Arthur Eloessers, gab sich redlich Mühe, dem splitterigen Drama gerecht zu werden. Theodor Loos als Prinz und König Salomo künstlerisch durchdacht, aber etwas
11 knabenhaft und unbeständig in der Durchführung seiner aller⸗
ings schwer zu gestaltenden Rolle. Sybil Binder ließ als Abisag das symbolisch Gesteigerte nur angedeutet, war aber im übrigen erfreulich frisch und lebensvoll, Adolf Klein, ein, vortrefflicher Schauspieler aus der„alten“ Schule, gab den David mit den noch immer bewährten Mitteln des guten und wirk⸗ nnen Theaters. Ter in gedämmtem Haß fiebernde Sproß es Herrn Arthur Bergen war schauspielerisch in⸗ Das Publikum, sast vollzählza in der üblicken Zusammen⸗
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setzung der literarischen Berliner Premisre, etwas zurückhaltend, spendete nach dem zweiten Akt höflichen Applaus. A. B. —*
1 Hamburger Brief. Soldatenkunst.— Heimkehr der Austausch⸗ gefangenen.— Das Hansakreuz.
Seit ein paar Tagen ist im Altonaer Museum eine mit dem Titel„Soldatenkunst“ bezeichnete Ausstellung kunstgewerblicher Ar⸗ beiten zu sehen, die aus einer anderen Perspektive als der gewöhn⸗ lichen bewertet sein will. Man kann auch von einer Lazarettkunst sprechen, denn alle zur Schau stehenden Gegenstände sind in den Lazaretten Hamburgs und Altonas angefertigt worden. Dem Unter⸗ nehmen liegt ein bestimmter Plan zugrunde. Anfangs wurde die Aufmerksamkeit der Aerzte auf das lebhafte Tätigkeitsbedürfnis der Verwundeten gelenkt, die mit Vorliebe an kleinen handwerklichen Tüfteleien Zerstreuung suchen mochten. Man glaubte dann zu er⸗ kennen, daß es sich hier um etwas mehr handelte, als um einen bloßen Trieb zum Zeitvertreib, daß hier vielmehr aus meist ver⸗ borgenen volkstümlichen Begabungen bessere Werte nach Ausdruck und Form suchten, die nur in eine sichere künstlerische Bahn gelenkt zu werden brauchten. Darauf hat dann die Altonaer Fürsorge⸗ stelle für Kriegsgeschädigte im Einverständnis mit dem Sanitäts⸗ amt des 9. Armeekorps die Beschäftigung der Verwundeten auf methodischer Grundlage übernommen. Ein besönderer Ausschuß wurde für den Zweck gebildet. Es fanden sich freiwillige Spender, die das nötige Arbeitsmaterial beschaffen ließen. Mehrere Lehrer, Schüler und Schülerinnen der Kunstgewerbeschule, an der Spitze die Professoren Schwindrazheim und Stuhr, stellten ihr Können in den Dienst der guten Sache. Die jetzt eröffnete Ausstellung umfaßt nun das Ergebnis dieses eifrigen Zusammenwirkens.
Die ausgestellten Sachen bezeichnen einen Stand des nord⸗ westdeutschen Kunstgewerbes, wie er sich bereits seit ein paar Jahren auf gleicher Höhe hielt; aber man muß immer wieder berücksichtigen, daß Verwundete, die noch körperlich behindert sind, darin Proben einer sozusagen spontan ausgebildeten feineren Handfertigkeit ge⸗ ben. Zum größten Teile sind es kleine Gebrauchs- und Schmuck⸗ gegenstände in Holz⸗ und Flechtarbeit, die in jedem Hause ver⸗ wendet werden können: Zierkästen, Schalen, Dosen, Bilderrahmen, Vasen, Leuchter, Figuren, Körbchen und anderes mehr. Auch in Malerei und Graphik ist einiges vorhanden Ein Schuhmacher er⸗ weist sich als flotter Silhouettist. Alle Stücke sind mit Karten versehen, die Beruf und Namen des jeweiligen Hexstellers an⸗ zeigen. Ueberraschend ist es, daß mancher gerade an einem Gegen⸗ 91 sein bestes Geschick entfaltet, der ihm von Berufs wegen ern lag. Kaufleute gingen auffallend sauber mit Meißel und Messer um. Schuhmacher, mit gutem Humor begabt, schufen nette Figuren, in denen die Feinde der Rethe nach lariktert werden. Einfache Arbeiter treten als Kleinkünstler im Bauen von Kästen auf. Vieles erinnert an das unbefangene Wirken und Schaffen aus Kinderwelten. Das Kerben und Laubsägen kommt wieder zu Ehren. Hier und da findet sich auch an einem Stück der Vermerk, daß es allein von der linken Hand gemeistert wurde. Das Gesamte scheint auf einen einheitlichen gleichen Stil abgestimmt; er ist einfach, gesund, kräftig gehalten und betont das Heimatliche. Am auffallendsten aber berührt eine heitere bunte Farbigkeit das Auge. Sie deutet an, daß Sinn und Gemüt bei den Soldaten ihre Helligkeit bewahrt haben.
Die Sonntage in Hamburg und Altona erhalten jetzt durch die Peimkehr der schwerverwundeten Austauschgefangenen ihr eige— nes Ansehen. In Gruppen von 40—50 Mann kommen sie nach und nach aus Schweden herüber. Die Empfanasanstalten des
Volkes sind jedesmal so großartig, wie sonst bei Kaiserbesuchen. Auf dem Bahnhof findet ein festlicher Empfang statt. Eine reiche Tafel steht dort gedeckt. Und die Bürgermeister halten warm empfundene Begrüßungsreden. Die Straßen hinauf, die der Zug geht, beherrscht ein einziges wühlendes Gedränge. Dann fahren die offenen Automobile mit den Verwundeten herein. Und hinter jedem wälzt sich ein Rudel von begeisterten Kindern mit, die die Tücher schwenken. Von allen Seiten kommen kleine Mädchen und Buben gelaufen, bunte Blumensträuße in den Händen; sie drängen sich heran und reichen ihre Willkommensgabe den Heimkehrenden hin, die draußen in den unwirtlichen Gegenden des russischen Reiches duldeten und litten. Und die Krieger in den bekränzten Wagen erwidern auch die Grüße mit Tücherschwenken. So geht es den ganzen Weg fort. Es ist eine frohe Erregung ohnegleichen. Hier in Hamburg werden die Austauschgefangenen im Technikum am Lübecker Tor untergebracht. Der nordwestdeutsche Künstlerbund hat sich nun die Aufgabe gestellt, die belegten Räume mit geeig⸗ neten Bildwerken und dekorativen Mitteln auszuschmücken.
Inm Einvernehmen mit Bremen und Lübeck soll im hamburgi⸗ schen Staat jetzt, unter dem Einfluß der Kriegsverhältnisse, auch das Ordenswesen eingeführt werden. Der Senat hat bereits die Stiftung eines besonderen Ehrenzeichens, des Hanseaten⸗ kreuzes beschlossen. Durch die Verleihung dieses Kreuzes wird der Zweck verfolgt, hervorragenden Verdiensten Einzelner ohne Un⸗ terschied des Ranges und Standes Anerlennung zuteil werden zu lassen. Das Ehrenzeichen wird in der Größe von 40 Millimetern aus Kupferbronze hergestellt. Die mit rotem Email belegte Vorber⸗ seite zeigt in der Mitte das hamburgische Wappen, die silbern⸗ gefaßte Rückseite enthält die Inschrift: Für Verdienst im Kriege 1914. Der Orden hängt an einem in der Mitte weiß gestreifter roten Bande. Für seine Form diente als Vorlage das Hanfeaten⸗ kreuz, das vor hundert Jahren in dem Kampfe der Hansestädte um die Befreiung vom französischen Joche entstanden ist und damii historische Bedeutung gewann. Heinrich Greter.
Anzeiger Gießen. f. 8
* E28
— Eine berühmte Uhrmacherin. Marie Ebner von Eschenbach, die am 13. September ihr 85. Lebens⸗ jahr vollendet, hat nicht nur einen Roman„Lotti, die Uhrmacherin“ geschrieben, sondern ist selbst Uhrmacherin. Es ist eine übrigens in Wien häufige Liebhaberei, die die berühmte Dichterin hat. Sie zerlegt gern Uhren aller Art, putzt sie fein säuberlich, um sie dann von neuem zusammenzusetzen, und stellt auch selbständig Taschen⸗ uhren her. Zahlreiche Personen, Kinder befreundeter Familien und Freunde beschenkte die Dichterin mit Taschenuhren, die sie selbst angefertigt hatte, und es wird behauptet, daß diefe Uhren vorzüglich im Gange sind. Hieronymus Lorm, dessen Söhnchen auch eine Uhr von der Dichterin empfing,— damals war die zeider erst sehr spät zur Anerkennung gelangte Ebner⸗Eschenbach noch als Autorin wenig bekannt,— wurde von ihr brieflich befragt, wie sich die Uhr des Sohnes halte, und Lorm antwortete:„Ich wünsche Ihnen, daß alle Ihre Werke so gut gehen wie dieses.“— Dig Dichterin erzählte oft, daß diese Beschäftigung ihr zur Erholung von der literarischen Tätigkeit diene. Tie Uhrmacheret sei allein imstande, ihre Gedankenwelt völlig von jeder ande i
istande, ihre lt v 5 n geistigen Tätigkeit auszuschalten, was beim Lesen und bei der Unterhaltung nicht der Fall sei. Während ein noch so seffslades Buch, das eifrigste Respräch sie nicht von den Gescki hen und Gestalten, die
den schaffenden Geist gerade beschäftigten, Liebhaber ß dies die Uhrmacherei sehr oft zuwege, so daß diese ebpabesel ihr zum Sammeln neuer Kraft diente, wenn die geistige Arbeit sie einmal zu sehr anstrenate. 8
abzulenken vermocht


