Zweites Blatt
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sletzener Famillendlätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zwennal.
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105. Jahrgang
ßener Anzeiger
General⸗Anzeiger
Mittwoch, 8. September 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühlt'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul⸗ straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗
leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Die politik Japans.
Er hilft mir, hilft mir nicht, von Herzen, mit Schmerzen, klein wenig oder gar nicht... Der Dreiverband hat dies Spielchen seit einem Jahr betrieben, hat Hilfe flehend bei Portugal, Bulgarien, Griechenland, Rumänien und Italien augepocht, aber der Erfolg war gering, denn Portu⸗ gal bann sich selbst nicht helfen, die Valtanstaaten wollen
und Italien, das auf den Dreiverbandsleim kroch, bisher nur ein wenig. Da kehren denn die Londoner,
ser und Petersburger Diplomaten wieder zu ihrer alten
fen, wie so oft im Laufe dieses Kriegs⸗
0 Aaig 5 f a Japs, komm, geh mit mir! Es wird denn auch wieder einmal den verzweifelnden Völkern des Vierverbandes in Aussicht gestellt, daß nun die japanische Hilfe endlich kommen werde. — 0 0 7 ein Te f aus—.— demzu ie japani gierung bereit sei, ein größeres Europa zu senden; die Botschafter in Peters⸗ Paris, Rom und London verhandelten mit den be⸗ Regierungen über die Lösung dieser Frage.“ Ob diese Kunde wirklich noch irgendwo ernst genommen wirdꝰ jetzt ist der Hoffnung die erste Enttäuschung gefolgt. Vor zwei en hatte das„Petit Journal“ be⸗ richtet, daß der neue japanische Minister des Auswärtigen Ischi in don mit Grey wegen etwaiger Uebernahme neuer Verpflichtungen Japans zugunsten des Vierverbandes ver lt habe. Jetzt aber wird von japanischer Seite fest⸗ gestellt, daß„Ischi Europa keineswegs vollkommen befrie⸗ digt verläßt, namentlich wegen der von Grey in London erhobenen For zur Begünstigung seines Handels mit den großen britischen Kolonien. m dürfe für die Arbeiten zugunsten der russischen Armee noch anderen Lohn vom Vierverband als einen rein finanziellen erwarten“. Diese Sätze kennzeichnen die Lage. Das Land der aufgehen⸗ den Sonne fühlt sich nicht verpflichtet, dem Vierverband weiter zu helfen, sondern es verlangt im Gegenteil noch mehr Entgelt für die bereits geleistete Hilfe, für den Ueber⸗ fall auf Kiautschau und für dis Waffen- und Munitionsliefe⸗ an Rußland. Die Andeutung über die Begünsti⸗ gung des Handels mit den britischen Kolonien zeigt auch, wohin die Wünsche der Japs zielen. Seit langem fordern sie freie Einwanderung nach Kanada, Australien und Neu⸗ seeland, aber dort, wo man aus wirtschaftlichen wie aus
e ehen des Mutter⸗ staates mit den Gelben ü ist, wilt man einer solchen Invasion nichts wissen.* 150
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meisten geleistet und gelitten fahren“ Nun, Japan will nicht am schlechtesten fahren, und nicht daran, sich jetzt noch, wo über den Aus⸗ 1 e kein Zweifel mehr bestehen kann, mit 5 lebenden in⸗
den. Ganz abgese. daß bie leistun . a 5 e wenig lei ähi mardschurische Kenbehn nur ein 9— 14 5 wertloses Einsetzen japanischer Kräfte gestatten würde und daß die Finanzen Japans in denkbar elendestem Zustande 1 — 3 Aue nne wie di Se 1 7 me e i curf des Nah ber Mitte, dessen Koreanisierung—.— 10
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Wallenrod, erf-Res⸗ inhardt aus Allendorf a. d.
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zäher Energie betreibt, während es dort gerade jetzt auf die verschärfte Konkurrenz der Union stößt und durch die in Amerilla erfolgte Bestellung von Unterseebooten für China ernstlich beunruhigt ist. Nebenbei bemerkt, diese scharfe Kon⸗ kurrenz in China und der Streit um die japanische Ein⸗ wanderung in Kalifornien sollten den Präsidenten Wil⸗ son eigentlich ernster beschäftigen als die im Zusammen⸗ hang mit der deutschen Unterseebootsaktion er⸗ örterte Frage, die jetzt anschei so formuliert wird:
Dürfen Amerikaner naß werden?
Aber ebenso wie die smarten Yankees aus Besorgnis vor dem nur auf die günstige genheit wartenden Japs sich hüten dürften, den Bogen zu überspannen, werden die
Japaner, die nicht nur aus dem entsprechenden Beweggrund heraus, sondern auch aus all den angeführten Gründen sich hüten, dem Hilferuf des Vierverbandes Folge zu leisten. Nicht zuletzt aus„Rücksicht“ auf Engl —— gelungen, den französischen
donkurrenten für absehbare Zeiten( Italienern ist es auf dem besten Wege dazu allem noch, den gefährlichsten Nehenbuhler in Asien, näm⸗ lich Japan, nach Möglichkeit zu schwächen, und dazu möchte sich Albion deutscher und— japanischer Mitarbeit bedie⸗ nen. Ein un pie hell ausgesonnen, aber doch zu durch⸗ sichtig, denn die hellhörigen Ja de ihre Bundes genossen kennen, sind keine dummen Ital 1
Aus Stadt und cand. Gießen, 8. September 1915.
Auf dem Felde der Ehre gefallen. (Aus Hessen und den Nachbargebieten.)
Leutnant d. Res. Oberlehrer Mart riedrich, Inf.-Rgt. 96, aus Brensbach.— Landwehrmann Johs. Al p aus Lauterbach.— Landsturmmann Karl Fölsing, Inf.⸗Rgt. 116, aus Reuters. — Unteroffizier Wilh. Stieler, Rat. 168, aus Schwarz.— Unteroff. Heinr. Grünewald, Res⸗Ins.-Rgt. 83, aus Schwarz. — Offizier-Stellv. Friedr. Spahn, Inf.-Rgt. 172, aus Schwarz. — Res. Ernst Beutel, Res.-Inf.⸗Rgt. 116, aus Darmstadt.— Hauptmann und Batterieführer Otto Fresen ius, Ref.-FJeld⸗Art.-
Agt. 25, aus Darmstadt.— Gesr. Ernst Seibold, Res.-Inf.-] Personen, die geförderten Gütermengen betruge 1 2 Sfßen Erf.⸗Res. Otto Nu Int. Das Steuersoll betrug 740699 Mk. An Steuern wurden
Rgt. 116, aus Offenbach a. M. Rgt. 118, aus Offenbach a. M. gierungsbauführer Erich Tugend, 49 Landsturmmann Rob. Bräuer, Inf. — Landsturmmann Ernst Pullma stadt.— Landwehrm. Christ. Seib — Musketier Wilh. Deckmann Medenbach, Res.-Ins.-Rgt. 64,
Landsturmmann Großh. Re- 1 aus Mainz.— -Rgt. 78, aus Dillenburg. Inf.-Rgt. 141, aus Darm- Inf.-Rgt. 167, aus Wallau. leichenbach.— Res. Wilh. 25 baden.
Auszeichnungen. Die lische Tapferkeits⸗ Medallle wurde verliehen an Unteroffizier Lucius aus Forst⸗ haus bei Echzell, Gesreite⸗ ar, Lepper aus Reiskirchen bei
. J Wettershaln, Ersatz-Res. 2 Musk. Streuber aus Lollar, Exl-Res. Neiß aus—.— Sülzen, Kreis Worms, Ers.-Res. Schlitt aus Alsfeld, sämtlich im ersten Bataillon des Insanterie-Regiments 160, und Musketier Eichert aus Gießen.— Der Unteroffizier Georg Wahl aus Gießen und Reservist Gefr. Franz aus Gießen wurden mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.
* Große Jungwehrübung in der Wetterau. Sonntag, 12. September, findet in der Gegend von Nieder⸗ Wöllstadt, Assenheim und Nieder⸗Florstadt eine große Geländeübung sämtlicher Jungwehren des
Friedberg(Hessen) statt. Wegen 8 Teil beträchtlichen Anmärsche werden„Blau“ und„Rot“ wohl kaum vor drei Uhr nachmitt, aufeinanderstoßen.
Schaulustige tun gut, wenn sie, nach luß der Felddienst⸗ übung, Einmarsch aller Kompagnien in Assenheim ab⸗ warten, der gegen sechs Uhr abends mit Militärmusik
erfolgt. Die Oberleitung li in den Händen bewährter Offiziere. In Oberhessen wurde noch keine Jungwehrübung
von solchem Umfang durchgeführt.
* Kriegsanleihe. Die Provinz Oberhessen wird sich an der dritten Kriegsanleihe mit 1½ Million Mark beteiligen.(Vorher 200 000 Mk. und 500 000 Mk.)
* Taunusklub. Die Hauptausschußfitzung des Gesamt⸗ Taunus⸗Klubs tritt am 10. Oktober in Frankfurt a. M. zusammen. Die Hauptversammlung folgt dann am 24. Oktober gleichfalls in Frankfurt. 8
Landkreis Gießen.
Langsdorff, 7. Sept. Der von hier gebürtige Lehrer Otto Roth, gegenwartig Unteroffizier im Inl.-Regt. 116, der schon seit Beginn des Krieges im Felde steht, wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.
X Aus Ober hessen, 7. Sept. Um den Zusammenhalt der Häuser und aller ihrer Angehörigen zu kräftigen, die alten An⸗ ordnungen und Gesetze, insbesondere die Erb⸗ und Brudereinigung vom 21. Mai 1578 zu wahren und mit den veränderten Rechtsver⸗ hältnissen in Einklang zu bringen, haben, wie vor einiger Zeit schon kurz berichtet, das Fürstliche baus Solms⸗ Braunfels, das Fürstliche Haus Solms⸗Hohensolms-⸗Lich, das Gräf⸗ liche Haus Solms⸗ Rödelheim, das Gräfliche Haus Solms Laubach und das Gräfliche Haus Solms⸗ Wildenfels einen Familienvertrag geschlossen, welcher als„Fürstlich und Gräf⸗
lich Solmsischen Häusern erneute Erb⸗ und Brudereinigung“ be⸗
zeichnet werden soll. Diese erneute Erb⸗ und Brudereinigung verfolgt vor allem den Zweck, für die vertragschließenden Häuser gemeinsame Vorschriften: in Ansehung ihrer Familienverhältnisse und Güter festzusetzen.
Kreis Büdingen.
Borsdorf, 6. Sept. Der seit einigen Wochen vermißte Gefreite Heinrich Michel hat seinen Angehörigen mitgeteilt, daß er sich in russischer Gefangenschaft befindet.
Kreis Wetzlar. * Wetzlar, 7. Sept. Durch erneuten Zuwachs aus dem Tucheler Lager(Westpreußen) ist die Zahl der hiesigen Ge⸗ fangenen auf 7895 Mann gestiegen.
Hessen⸗Nassau.
Marburg 7. Sept. Dem jetzt in Druck erschienenen Verwaltungsbericht des Kreises Marburg vom Jahre 1914 ist zu entnehmen, daß der Kreis außer dem Grund⸗ vermögen, bestehend aus der Kreisbahn, dem Kreishaus, dem Kreissteinbruch usw. ein Kapital vermögen von rund 47 526 Mk. besitzt. Die Kreisb ahn beförderte im Berichtsjahre 104027 n 41 436 Tonnen.
erhoben in je einer Gemeinde 350, 325, 277, 235, 230 und 165 Prozent, in je zwei Gemeinden 275 und 220 Prozent, in drei Gemeinden 100 Prozent, in sechs Gemeinden 175 Prozent, in je acht Gemeinden 300 und 225 Prozent, in vierzehn Ge⸗ meinden 250 Prozent, in siebzehn Gemeinden 150 Prozent und in neunzehn Gemeinden 200 Prozent.— Die Strafkammer verurteilte heute einen fungen Burschen aus Silberg im Kreise Biedenkopf, der vor einiger Zeit eine 60 Jahre alte Frau aus demselben Orte auf der Landstraße mit seinem Rade so anfuhr, daß diese infolge der erhaltenen Verle st ar b, wegen fahrlässiger Tö u einem Monat Gefängnis.
X Hanau, 7. Aus dem Bericht über den Geschäfts⸗ betrieb der Hessischen Brandversicherungsanstalt“ für das Jahr 1914 ist zu ersehen, daß das Ergebnis insofern ungitnstig gewesen ist, als die chädigungen ftr Feuer⸗ und Blitzschäden usw. den zehnjährigen Durchschnitt um 601 882 Mk. 2— Die Zahl der im Bereiche der Anstalt, d. i.
irk Kassel, vorgekommenen Brände und Blitz⸗ schäden betrug im Jahre 1914= 768 und die hierfür verwil⸗ ligte Gesamtentschädigung einschließlich 23 328,55 Mk., für Lösch⸗ beschadi en 2 152 387,18 Mk. Den größten Schaden hat mit 494515 Mk. ein am 10. Dezember 1914 in Meerholz bei
Gelnhausen vorgekommener Brand verursacht.
Bettenfrage für Gesunde und Kranke? Ist am besten 4 wenn die unter D. R.⸗G.⸗M. Nr. 420 684 und D. R.⸗G.⸗M. Nr. 420 685 der Möbel⸗ und Betten⸗ fabrik Th. Brück, Gießen, Ecke Schloßgasse—Kanz⸗ leiberg, patentamtlich geschützten Sprungfeder⸗Ma⸗ tratzen„Unerreicht bequem“ und dreiteilige Auflage Ma⸗ traßen„Stabil“, die seit Jahren eingeführt und aufs 8 bewährt, gekauft werden. Alle Klagen über knarrende 1252 atratzen, ungesundes, hartes und kaltes 1 hören auf. 2a.
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„Ramasan“. Von Otto Lott hammer(Konstantinopel).
Nur ist die malerische Stadt am Bosporus für die Dauer eines Monats wieder um eine Schönheit reicher. Lichterkränze, Lichter⸗ kronen stehen mild leuchtend Bern den Nachthimmel. Sie scheinen über Stambul zu schweben. die Nacht ist schwarz, und das Auge erkennt nicht, welches Haupt diese Lichterkronen zieren Mit 3 Monde zeichnet sich der schwarze— ach, so schöne — Schattenriß Stambuls deutl gegen den Himmel ab, und man steht mum, daß die Minaretts so lichtergeschmückt sind. Die Galerien, von denen aus der Muheddin zum Gebete ruft, sind ringsum in ihrer ganzen Höhe mit kleinen Oellämpchen behängt. Gewaltigen, geputzten Weihnachtsbäumen aus einem Vorwelt⸗Ur⸗ wald glei die schlanken Säulentürme. Aber nicht genug des .. Zwischen den Minaretts der großen Moscheen hängen weithin I. Inschriften, die die heiligen Namen Gottes in Ries wiedergeben. Kleine Oellämpchen weiß man an Schnüren und Drähten dabei geschickt anzuordnen. Und im den Moscheen selbst, da gaukelt und flackelt und tanzt ein Meer E Fast weihnachtlich ist's einem ums Herz. Fer res den Wehre, bn io fe lic de lufee
i em Weihnachtsfest sehnen, so freut sich die türkische Kinderwelt auf den— 125 den großen Fastenmonat der isla⸗ mitischen Welt, der Mitte Juli beginnt und Mitte August endet. EE e ui Semen zu fasten: F 0 i gen, nicht Sehnen,
1 bängliches Erwarten. Aber diese Fastenzeit ist ja durch⸗ — keine 22755 9 dien Gegenteil, 5* Ff und reichlich
jähren ser Zeit, mur die Essenszeiten ver⸗ tauscht. Es ist während dieses Mondes alles„so— anders“, N Kindergemüt fühlte sich davon
nicht angezogen?
so auf den Kopf gestellt. „Wie jeder türkische Hausstand, so muß natürlich auch unsere Schule, die Istambul Sultanisei, diese ee 85 Um die Qual des Fastens zu verkürzen, schlafen die Schüler bis 10 Uhr vormittags. Da gerade die großen Sommerferien sind, wird der Unte durch die neue Tagesordnung in keiner Weise betroffen. Die Schüler tun, wozu sie ihre Laune treibt. Die große Hitze zwingt aber dazu, sich ruhig und gemessen zu be⸗ wegen. In fatalistis Gleichmut wandeln sie im engen Hof im schwülen Galata⸗ auf und ab, räkeln sich gelangweilt auf den Bänken, dieser und jener hält ein Buch unter die Nase. Der Hunger, der sich im Laufe des Tages einstellt, läßt sich schon
aber daß man bei 32 Grad Celstus im Schatten au
wahrlich leine„Aber sie wissen, dal Gaumens eine religiöse hammedanischem Glau-
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Magens naht dann endlich die Stunde des Sonnemunterganges. Gespanntes Lauschen in die Weite. Da endlich dröhnt der erste Kanonenschlag über das Goldene Horn, ein zweiter antwortet aus einem fernen Stadtteil, überall her grollt es dumpf, schwach und schwächer auch von der asiatischen Seite des Bosporus. Schon hat die Glocke im Schulhofe schrill zum Sammeln geläutet, und die hungergepeinigte Schar strömt in den Speisesaal, um das „Iftar“⸗Mahl einzunehmen. Mit diesem schließt das Fasten, und die Völlerei beginnt. Völlerei ist's wenigstens in den reichen Privathäusern.„Iftar“ bedeutet Fastenbruch wie das englische z breakfast“. Die Fesseln des Magens sind gesprengt, aber mit ihnen zugleich die Fesseln jeder guten Schulordnung. nach dem Essen— es ist unterdessen gegen 8 Uhr abends geworden— dürfen die Schüler in der Stadt lustwandeln. Was das heißt, kann nur der beurteilen, der das Nachtleben ntinopels kennt. In Gruppen ziehen sie nun los, von den Abe⸗Shützen an bis zu den 20jährigen. Sie bevorzugen bei ihren nächtlichen Gängen das europäisch⸗ langweilige Pera, wohl weil es das Feinere, Vor⸗ nehmere vortäuscht. Hinüber nach dem alten, echten Stambul, wo sich das türkische Ramasantreiben abspielt, gehen sie selten. Anders
der Tyrannei und der Ehrlosigkeit entworfen, wie sie damals in den Schulen in Lancashire weit verbreitet waren, und er hat durch seine Anklage den Anstoß zur Besserung mancher Ver⸗ 8 im englischen Schulwesen gegeben. Der Typus des herz⸗ osen und grausamen Schultyrannen ist in Mr. Saueers dar⸗ gestellt, einer Gestalt, deren hart gezeichnete Züge kein Leser des Romanes je wieder vergißt. Es ist nun eine alte Streitfrage, ob diese Gestalt der freien Erfindung des Dichters entstamme oder auf ein Urbild in der Wirklichkeit zurückzuführen sei. Die über⸗ wiegende Antwort war bisher die, daß man Mr. Squeers auf Rechnung der schöpferischen Phantasie des Dichters zu— habe, zumal da Dickens selbst in der Vorrede zur ersten Volks⸗ ausgabe des Romanes ausdrücklich ausgesprochen hat, Squeers fei der Vertreter einer Klasse und nicht ein Induviduum. Nun ist aber jetzt ein bisher noch unbekannter Brief von Dick ens ans Licht gekommen, durch den der urkundliche Be⸗ weis geführt wird, daß Mr. Squeers wirklich gelebt hat. Er hieß im Leben William Shaw und war, wie sich versteht, Schulhalter in Lancashire. Der Brief, um den es sich handelt, ist in den Besitz eines Londoner Antiquars gelangt. Er stammt
mein alter Torwächter am oberen Schuleingang. In seinem mantel⸗[aus dem Jahre 1838 und ist an Frau S. C. Hall, eine damals
artigen Ueberrock, mit seinem langen weißen Barte, seinem würde⸗ vollen, gemessenen Wesen, das Haupt mit dem Turban bedeckt, scheint er mir in die Gesellschaft der alten biblischen Erzväter zu gehören. Er bedeutet mir, daß ich während des Fastenmonats zwischen 9 und 10 Uhr vergeblich Einlaß begehren würde. Gegen 9 Uhr abends findet nämlich in den Moscheen das große Nacht⸗
bet des Ramasan statt,„Teravih“ genannt. Das ist Erzvaters
iel. Er versäumt es keinen Abend, und wohnt dem Gebet bald in dieser, bald in jener Moschee bei.
Nach Mitternacht kommen nun die Schüler von ihren Streif⸗ zügen zurück. Die Tafeln im Speisesaal sind von neuem gedeckt, und gegen 1 Uhr findet sich die Schar zu dem sehr reichlichen und kräftigen Sahur⸗Mahl ein, der letzten Stärkung für den kom⸗ menden Fasttag. Noch ein Viertelstündchen harmlosen Sichergehens im Schulhof, und dann geht's in die Schlafsäle. In den Familien wird das Sahur⸗Mahl gegen Morgengrauen eingenommen. Ein Trommler durchzieht die türkischen Stadtteile. Dumpf und schauer⸗ lich dröhnt das Kalbfell der großen Pauke unter seinem Schlägel durch die schweigende Nacht als Zeichen, das letzte Mahl vor⸗ zubereiten.
Dann— es ist etwa 3 Uhr geworden— vollen wieder Kanonenschläge über das morgenstille Meer. Ihr Echo verklingt in den leichten Nebelgewändern, die um Stambul hängen. Der neue Fasttag hat begonnen
*
— Das Urbild vou Schulmeisters Squeers in Dickens!„Nikolas Nickelby“.„Nikolas Nickelby“ Duens belanutlich ein furchbares Bild von ber Graufamkelt
bekannte Schriftstellerin über irisches Leben gerichtet. Darin sagt Dickens:„Verlassen Sie sich darauf, daß die Gemeinheiten dieser Lancashirer* nicht leicht übertrieben werden können, und daß ich über die strenge Wahrheit soviel Komik gebreitet habe, wie nur möglich, um den Leser nicht durch schimmere Bilder abzuschrecken und zu peinigen. Ich habe den Schuft gesehen, von dem Sie sprechen. Sein Name ist Shaw; vor 8 oder 10 Jahren ist er vor Gericht gezogen worden, und wenn ich mich nicht irre, ist noch einmal ein Rechtsstreit gegen ihn anhängig gemacht worden von den Eltern eines unglücklichen Kindes, dem er ein Geschwür am Kopfe mit einem tintenbefleckten Federmesser öffnete, wodurch er den Tod des Kindes herbeiführte“ Dickens erzählt in dem Briefe weiter, auf welche Weise er die Schul verhältnisse von Lancashire studierte. Er reiste unter angenommenem Namen hin und überbrachte einem dortigen Anwalt einen Brief von einem Londoner Berufsgenossen. Dickens gab sich als der Ver⸗ treter seiner Witwe aus, die ihr Kind in einer Schule in Lancashire unterbringen wollte. War es nun der Eindruck seiner Persönlichkeit oder des des überbrachten Empfehlungsbriefes, kurz: der Lancashirer Anwalt rückte zögernd mit der Sprache heraus, und indem er bat, ihn nicht als Urheber dieser Warnung zu nennen. drückte er den Wunsch aus, die Witwe möchte ihr Kind lieber nicht nach Lancashire zur Schule schicken, sondern irgend etwas anderes mit ihm anfangen. Englische Dickensforscher sind bereits dem geschichtlichen Mr. Shaw auf die Spur gekommen; man at den Prospekt seiner schönen Schule entdeckt, wonach er sü
r 400 Mark im Jahre bereit erklärte, die ihm anvertt öglinge— unglücklich zu machen. 1
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