Ausgabe 
(4.9.1915) 208. Zweites Blatt
Seite
25
 
Einzelbild herunterladen

zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGleßener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Areisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Gießener

General⸗Anzeiger für Gberhessen

165. Jahrgang

45.

Anzeiger

Samstag, 4. September 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S851, Schrift⸗

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Fünfprozentige deutsche Reichsanleihe von 1015. Dritte, Kriegsanleihe.

Längerals Jahresfriststeht Deutschlandeiner Welt von Feinden gegenüber in schwerem Kampfe, wie er in der Geschichtenichtseinesgleichen findet. Ungeheuer sind die Opfer an Gut und Blut, die der gewaltige Krieg fordert. Gilt es doch, die Feinde niederzuringen, die der Zahl nachüberlegen sind und sich die Vernichtung Deutschlands zum Ziel gesetzt haben. Diese Absicht wird an den glänzen⸗ den Waffentaten von Heer und Flotte, an den großartigen wirtschaftlichen Leistungen des von einem einheitlichen nationalen Willen . Deutschen Volkes zerschellen. Wir sehen, fest vertrauend auf unsere Kraft und die Reinheit des Gewissens, in dem von uns nicht gewollten Kriege zuper⸗ sichtlich der völligen Niederwerfung der Feinde und einem Frieden entgegen, der nach den Wor⸗ ten unseres Kaisersuns die notwendigen mili⸗ tärischen, politischen und wirtschaftlichen Sicher- heiten für die Zukunft bietet und die Bedingun⸗ gen erfüllt zur ungehemmten Entfaltung un⸗ serer schaffenden Kräfte in der Heimat und auf dem freien Meere. Dieses Ziel erfordert nicht nur den ganzen Helden⸗ und Opfermut unserer vor dem Feinde stehenden Brüder, sondern auch die stärkste Anspannung unserer finanziellen Kraft. Das Deutsche Volk hat bereits bei zwei Kriegsanleihen seine Opferfreudigkeit und ser⸗ nen Siegeswillen bekundet. Jetzt ist eine dritte Kriegsanleihe aufgelegt worden. Ihr Erfolg wird hinter dem bisher Vollbrachten nicht zurück⸗ stehen, wenn jeder in Erfüllung seiner vater⸗ ländischen Pflicht⸗seine verfügbaren Mittel der neuen Kriegsanleihe zuwendet.

Ausgegeben werden fünfprozentige Schuld⸗ verschreibungen der Reichsanleihe. Der Zeich⸗ nungspreis beträgt 99 co, bei Schuldbuchzeich⸗ nungen 98,80%. Die Schuldverschreibungen sind wie bei der ersten und zweiten Kriegsanleihe bis zum 1. Oktober 1924 unkündbar, gewähren also Jahre lang einen fünfprozentigen Zinsgenuß. Da aber die Ausgabe ein volles Prozent unter dem Nennwert erfolgt und außerdem eine Rück⸗ zahlung zum Nennwert na a Reihe von Jahren in Aus sicht steht, so ist die wirkliche Ver⸗ zzinsung nochetwas höher als ö vom Hundert. Die Unkündbarkeit bildet für den Zeichner kein Hin⸗ dernis, über die Schuldverschreibungen auch vor dem 1. Oktober 1924zu verfügen. Die neue Kriegs⸗ anleihe kann samit als eine ebenso sichere wie . e Kapitalanlage allen Volks-

reisen aufs wärmste empfohlen werden.

Fir die Zeichnungen ist in umfassendster Weise Sorge ge⸗ tragen. Sie werden bei dem Kontor der Reichs haupt⸗ bank für Wertpapiere in Berlin(Postscheckkonto Berlin Nr. 99) und bei allen Zweiganstalten der Reichsbank mit Kasseneinrichtung entgegengenommen. Die Zeichnungen lönnen aber auch durch Vermittlung der Königlichen See⸗ a ische Staatsbank) und der Preuß i⸗

chen Zentral⸗ enossenschaftskasse in Berlin, der Königlichen Hauptbank in Nürnberg und ihrer Zweiganstalten sowie sämtlicher deutschen Banken, Bankiers und ihrer ialen, sämtlicher deutschen öffentlichen Sparkassen und ihrer Verbände, bei jeder deutschen Lebens-

versicherungsgesellschaft und jeder deutschen Kredit⸗ n aft, endlich bei allen Postanstalten am Schalter erfolgen. Bei solcher Ausdehnung der Vermittlungs-

stellen ist den weitesten Volkskreisen in allen Teilen des Reichs die bequemste Gelegenheit zur Beteiligung geboten.

Wer zeichnen will, hat sich zunächsteinen Zeich⸗ nungsschein zu beschaffen, der bei den vorgenannten Stellen, für die Zeichnungen bei der Post bei der betreffenden, Postanstalt, erhältlich ist und nur der Ausfüllung bedarf. Auch ohne Verwendung von Zeichnungsscheinen sind briefliche Zeich⸗ nungen statthaft. Die Scheine für die Zeichnungen bei der Post haben, da es sich bei ihnen nur um eine Einzahlung handelt, eine vereinfachte Form. In den Landbestellbezirken und den kleineren Städten können diese Zeichnungsscheine schon durch den Postboten bezogen werden. Die ausgefüllten Scheine sind in einem Briefumschlag mit der Adresse an die Post entweder dem Postboten 9 oder ohne Marke in den nächsten Postbriefkasten zu

ecken. 0

Ueber das Geld braucht man zur Zeit der Zeich⸗ nung noch nicht sogleich zu verfügen, die Einzah⸗ lungen verteilen sich auf einen längeren Zeitraum. Die Zeichner können vom 30. September ab jederzeit voll bezahlen. Sie sind verpflichtet:

30% des gezeichneten Betrages spätestens bis zum 18. Okt. 1915,

20% des gezeichneten Betrages spätestens bis zum 24. Nov. 1915,

25% des gezeichneten Betrages spätestens bis zum 22. Deze 1915,

25% des gezeichneten Betrages spätestens bis zum 22. Jan. 1916

zu bezahlen. Nur wer bei der Post zeichnet, muß schon zum 18. Oktober d. J. Vollzahlung leisten. Im übrigen sind Teilzahlungen nach Bedürfnis zulässig, jedoch nur in runden, durch 100 teilbaren Beträgen. Auch die Beträge unter 1000 Mark sind nicht sogleich in einer Summe fällig. Da die einzelne Zahlung nicht geringer als 100 Mark sein darf, so ist dem Zeichner kleinerer Beträge, namentlich von 100, 200, 300 und 400 Mark, eine weitgehende Entschließung darüber eingeräumt, an welchen Terminen er die Teilzahlung leisten will. So steht es demjenigen, welcher 100 Mark gezeichnet hat, frei, diesen Betrag erst am 22. Januar 1916 einzuzahlen. Der Zeichner von 200 Mark braucht die ersten 100 Mark erst am 24. November 1915, die übrigen 100 Mark erst am 22. Januar 1916 zu zahlen. Wer 300 Mark gezeichnet hat, hat gleichfalls bis zum 24. November 1915 nur 100 Mark, die zweiten 100 Mark am 22. Dezember, den Rest am 22. Januar 1916 zu zahlen. Es findet immer eine Verschiebung zum nächsten Zahlungstermin statt, solange nicht min⸗ destens 100 Mark zu zahlen sind.

Der erste Zinsschein ist am 1. Oktober 1916 fällig. Der Zinsenlauf beginnt also am 1. April 1916. Für die Zeit bis zum 1. April 1916 findet der Ausgleich zugunsten des Zeichners im Wege der Stückzinsberechnung statt, d. h. es werden dem Einzahler 5% Stückzinsen von dem auf die Einzahlung folgenden Tage ab im Wege der Anrechnung auf den einzuzahlenden Betrag vergütet. So betragen die Stückzinsen auf je 100 Mark berechnet:

für die Einzahlungen bis zum 30. September 1915 2,50 Mk., der Zeichner hat also in Wirklichkeit nur zu zahlen für Stücke 96,50 Mk., für Schuldbucheintragungen 96,30 Mk.,

für die Einzahlungen am 18. Oktober 1915 2,25 Mk., der Zeichner hat also in Wirklichkeit nus zu zahlen für Stücke 96,75 Mk., für Schuldbucheintragungen 96,55 Mk.,

für die Einzahlungen am 24. Nopember 1915 1,75 Mk., der Zeichner hat also in Wirklichkeit mur zu zahlen für Stücke 97,25 Mk., für Schuldbucheintragungen 97,05 Mk. Für jede 18 Tage, um die sich die Einzahlung weiterhin ver⸗ schiebt, ermäßigt sich der Stückzinsbetrag um 25 Pfennig. Für die Einzahlungen ist nicht erforderlich, daß der Zeichner das Geld bar bereitliegen hat. Wer über ein Guthaben bei einer Sparkasse oder einer Bank ver⸗ fügt, kann dieses für die Einzahlungen in Anspruch nehmen. Spar⸗ kassen und Banken werden hinsichtlich der Abhebung namentlich dann das größte Entgegenkommen zeigen, wenn man bei ihnen die Zeichnung vornimmt. Besitzt der Zeichner Wertpapiere, so eröffnen ihm die Darlehnskassen des Reichs den Weg, durch Beleihung das erforderliche Darlehen zu erhalten. Für diese Darlehen ist der Zinssatz um ein Viertelprozent ermäßigt, nämlich auf%, während sonst der Darlehenszinssatz 90 beträgt. Die Darlehensnehmer werden hinsichtlich der Zeitdauer des Darlehens bei den Darlehenskassen das größte Entgegen⸗

kommen finden, gegebenenfalls im Wege der Verlängerung des ge⸗ währten Darlehens, so daß eine Kündigung zu ungelegener Zeit nicht zu besorgen ist.

Wer Schuldbuchzeichnungen wählt, genießt neben ciner Kursvergünstigung von 20 Pfennig für je 100 Mark alle Vor⸗ teile des Schuldbuchs, die hauptsachlich darin bestehen, daß das

Schuldbuch vor jedem Verlust durch Diebstahl, Feuer oder sonstiges

Abhandenlommen der Schuldverschreibungen schützt, mithin die Sorge der Aufbewahrung beseitigt und außerdem alle sonstigen Kosten der Vermögensverwaltung erspart, da die Eintragungen in das Schuldbuch sowie der Bezug der Zinsen vollständig gebührenfrei erfolgen. Nur die spätere Ausreichung der Schuldverschreibung, die jedoch nicht vor dem 15. Oktober 1916 zulässig sein soll, unterliegt einer mäßigen Gebühr. Die Zinsen erhält der Schuldbuchgläubiger durch die Post rortofrei zugesandt; er kann sie aber auch fortlaufend seiner Bank, Sparkasse oder Genossenschaft überweisen lassen oder sie bei einer Reichsbankanstalt oder öffentlichen Kasse in Empfang nehmen. Angesichts der großen Vorzüge, welche das Schuldbuch gewährt, ist eine möglichst lange Beibehaltung der Eintragung dringend zu raten.

Aus Vorstehendem ergibt sich, daß die Be⸗ teiligung an der Kriegsanleihe nach jeder Rich⸗ tung auch den weniger bemittelten Vollsklassen erleichtert ist. Die Anleihe stellt eine hochver⸗ zinsliche und unbedingt sichere Anlage dar. Dar⸗ über hinaus aber ist es eine Ehrensache des Deut⸗

schen Volkes, durch umfangreiche Zeichnungen die

weiteren Mittel aufzubringen, deren Heer und Flotte zur Vollendung ihrer schweren Aufgaben in dem um Leben und Zukunft des Vaterlandes geführten Krieg unbedingt bedürfen. Märkte. Gießen, 3. Sept. Marktbericht. Auf den beutigen Wochenmarkte kostete: Butter das Pid. 1,65 1,75, Hühnereier das Stück 15 Pfa., Käse das Stück 78 Pfg., Käsematte 2 Stück 60 Pfg.: Tauben das Paar 1,400,00 Mk., Hühner das Stück 2,50 3,00 Mk., Hahnen das Stück 1,50 2,50 Mk., Ochsen⸗ fleisch das Pfund Mk. 1,16 1,20, Kuhfleisch 9600 Pfg. das Pfund, Rindfleisch das Pfund 1,16 1,20 Mk., Schweine fleisch das Pfund 1,700,00 Mk., Kalbfleisch das Pid. 1,00 1,04 Mt., Hammelfleisch das Pfund 96110 Pig. Kartoffeln 100 Kilo 8 bis 8,50 Mark, Milch das Liter 24 Pfennig; Aepfel das Pfund 1020 Pig. Gurken große 1020, kleine 23 Pfennig. Bohnen 12-18 Pig. das Pid.: Spinat 15 bis 20 Pig. das Pfund; Wirsing 10 25 Pfg. das Stück, Gelberüben 68 Pfennig das Päckchen, Rotkraut 1025 Pfennig das Stück, Kohlrabi 58 Pfennig das Stück, Weißkraut 1025 Pfg. das Stück, Birnen 1015 Pfennig das Pfund, rote Rüben 68 Pfg., römisch Kohl 58 Pfennig. Zwiebeln der Zentner 1200 Mk. Marktzeit von 7 bis 1 Uhr.

Für Rheumatiker u. Neuralgieleidende.

In einem Tage von 1 entsetzlichen Schmerzen

efreit.

Herr Josef Wilhelm, München, schreibt:Seit 2 Monaten litt ich derart an Ischias, daß ich nicht gehen und nicht stehen und das Bett nicht verlassen konnte. Ich bätte aufschreien mögen vor Schmerzen. Kein Mensch glaubt, was ich gelitten habe. Nichts balf mir. Da brachte mir meine Frau aus der Apotheke Togal mit. Die Wirkung war geradezu wunderbar. Nachdem ich nur wenige Tabletten 1 hatte, war ich vollkommen wieder bergestellt. Ich gebe daher jedem Leidenden den Ra, sich sofort aus der nächsten Apotbeke das überaus billige und unfehlbar wirkende Togal zu besorgen. Niemand wird diese Ausgabe be⸗ dauern. Aehnlich berichten viele andere, welche Togal gegen Rbeumatismus, Hexenschuß. Schmerzen in den Gliedern und Ge⸗ lenken sowie bei Influenza und Kovfschmerzen gebrauchten. Es gibt nicht besseres. Alle Apotheken führen Togal-Tabletten. Best.: Aeld. act. salie. Chinin Mg. Li. 70618s⁸

Die eiserne Waschfrau

die kleinste, beste und billigste Waschmaschine der Welt, zum Preise von 8,00 Mk., wird am Montag, den 6. September, nachmittags um ½.ʒp) Uhr und abends um 8 Uhr, nochmals im Hotel Großher⸗ zog von Hessen im Saale, 1 Treppe, praktisch vorgeführt. 6030

f Karl Wilhelm. Zum 100. Geburtstag des Sängers derWacht am Rhein b 3 5 g in die Zeit großer nationaler Erhebung fällt der 200. Geburtstag des Sängers derWacht am Rhein, Karl Wilhelm, der am 5. September 1815 in Schmalkalden, dem kleinen Städtchen des Thüringer Waldes, als Sohu des in cht beschei Dasein sich genügenden Stadtmusikus Georg ilhelm geboren wurde. Schon früh trat die musikalische des Knaben zutage, die der Vater als Berufsmusiker nach Möglichkeit zu fördern suchte, bis sich Gelegenheit fand, den zwi zu einem au siebzehnjährigen Jüngling Heran⸗ senen bei tüchtigen Lehrern in Kassel unterzubringen, wo u. a. sogar der damals im Mittelpunkt des Kasseler Musiklebens stehende Louis Spohr sich seiner annahm. Nach einem weiteren Studienaufenthalt in Frankfurt a. M. fand man den Fünfund⸗ zwanzigjährigen in Krefeld in Amt und Würden eines schlichten Gesangvereinsdirigenten und Musiklehrers wieder. Genau ein Vierteljahrhundert blieb Wilhelm diesem Krefelder Wirkungskreise treu, und durch seine geschmackvoll gearbeiteten Lied⸗ und Quartett⸗ kompositionen erwarb er sich hier eine große dankbare Gemeinde. In Krefeld war es auch, wo er zu Beginn der 50er Jahre des

vorigen Jahrhunderts Max Schneckenburgers GedichtDie Wacht

am Rhein vertonte, ohne damals wohl selbst zu ahnen, daß gerade diese Komposition seinem Namen dereinst Unsterblichleit verleihen sollte. Im Juni 1854 bei Gelegenheit der silbernen Hochzeit des Prinzen Wilhelm von Preußen, des späteren Kaisers Wilhelm I., ließ der Komponist dieWacht am Rhein zum

ersten Male von seiner Krefelder Sängerschar einem größeren

Publikum vortragen. Die packende Weise errang sich sogleich einen

stitrmischen Lokalerfolg, aber erst ein Jahrzehnt später, ber dem

im Jahre 1865 in Dresden abgehaltenen deutschen Bundessänger⸗

fest, faßte das Lied auch außerhalb Krefelds Wurzel, bis die ihm

innewohnende Glut der Begeisterung im Juli 1870 bei Ausbruch des Krieges gegen Frankreich zur machtvoll hochlodernden Flamme

ward. Mit einem Schlage hatte das Lied seinen Weg ins Herz des

deutschen Volkes gefunden, und es war dem inzwischen in bittere

i dere Freude, als er

Not 7 en Komponisten eine ganz dieWacht am Rhein im November 1870 bei einem Berlinen seiner mißlichen

5 selbst dirigieren durfte. In Anbetr, materi Lage wurde ihm ferner 1871 ein ehrenvolles Schreiben Bismarcks eine jährliche nationale Rente von 1000 Talern a her vor Gaben gesammelt wurden,

alt und müde gewordenen siker, einen 10 können. Nur zwei Jahre hat Karl Wilhelm

Lieb Vaterland, magst ruhig sein! Treu, wie die Wacht am Rhein großer Zeit, 2 teht fest das Volk geeint In Ewigkeit. Und diese schlichte Stätte wird am 5. Septemver der Brennpunkt einer würdigen Gedenkfeier der Schmalkalder Bürgerschaft sein.

Viktoria!Gloria, Viktoria! singen unsere wackeren Feldgrauen in dem hübschen Liede, das aus den Melodien dreier bekannter Lieder zusammengesetzt ist und in dem sowohl von dem guten Kameraden Uhlands als auch von denVöglein im Walde, dieso wunderschön sangen und von derHeimat, in der es ein Wiedersehen gibt, die Rede ist. DiesesViktoria hält die Erinnerung daran fest, daß in früheren Zeiten auch die deutschen Soldaten jeden von ihnen errungenen Sieg mit dem RufeViktoria! begrüßten. Auch die Nichtkämpfer in der Heimat feierten die Siege ihrer Truppen durch diesen Ruf. Heute rufen die Soldaten bei einem Siege nicht mehrViktoria, sondern Hurra, das nicht minder siegesfreudig klingt und gewissermaßen schon die Aussicht auf einen neuen Sieg eröffnet. Aber noch eine andere Erinnerung an das einstigeViktoria-Rufen hat sich bis zum heutigen Tage erhalten. Schon im 16. Jahrhundert war es üblich, daß bei den Siegesfeiern die GeschützeViktoria schossen, und dieser Brauch ist bis zum heutigen Tage bei uns beibehalten worden. Nach jedem bedeutenden und entscheidenden Siege, der im Osten oder im Westen über unsere Feinde errungen wird, schießt im Berliner Lustgarten die Garde-ArtillerieViktoria. Das Viktoriaschießen besteht bekanntlich nach altem Herkommen aus 60 Schuß; beim Salutschießen am Neujahrstage wurden 101 Schuß, bei der Geburt eines 1 Prinzen 71 und einer Prinzessin 21 Schüsse abgefeuert. Warum man sich beim Viktoriaschießen auf die gerade Zehnerzahl, ein volles Schock, beschränkt, während man beim Salutschießen immer einen Schuß gewissermaßen als Zugabe hinzufügt, läßt sich nicht mehr feststellen. Wahrscheinlich verzichtet man beim Viktoriaschießen deswegen auf die Zugabe, weil man stets die baldige Wiederholung dieses Schießens erhofft. In den Berichten über die Siegesfeiern der Befreiungskriege begegnet man vielfach den Viktoria⸗Rufen. So berichtet uns Johann Peter Hebel, der humorvolle alemannische Dichter, von einem ganz eigenartigen Viktoria-Rufen in einer ausgezeichneten Anekdote seinesRheinländischen Hausfreunds, die den Titel trägt: Brassenheimer Siegesnachrichten von 1813. Er erzählt uns dort, auf welch merkwürdige Weise die Bewohner des kleinen Ortes Brassenheim von dem großen Siege der Verbündeten über Napo⸗ leon in der Völkerschlacht bei Leipzig Kenntnis erhielten:Im Spätjahr 1813 erfuhren wir Brassenheimer von dem Krieg in Sachsen auch lange nichts anderes als lauter Liebes und Gutes, wer nämlich französisch gesinnt war; und niemand hatte bei Turm⸗ strafe das Herz, etwas anderes zu wissen, noch viel weniger zu sagen, ausgenommen ein lustiger Kumpan, der Spielmann in der unteren Gasse, hat's gemerkt. Was tut der Spielmann? Er geht ins Amtshaus,Herr Amtmann, die Hochzeiten und Kirchweih⸗

tänze wollen heuer gar nicht recht geraten. Wolltet Ihr mir und meinen Kameraden nicht erlauben, dann und wann an einem Sonntag abends imRoten Löwen eine Komödie zu spielen für ein Geringes? Der Amtmann erwiderte:Reichenauer, das lob! ich an Euch, daß Ihr Euch lieber auf eine geziemliche Art fort⸗ helfen und Euern Mitbürgern einen lustigen Abend dafür machen wollt, als daß Ihr wieder Schulden macht oder stehlt. Also kündeten sie auf den nächsten Sonntag eine nagelneue Komödie an. Es sei die neueste, sagten sie, die es gibt. In derselben Komödie mußte einer mitspielen, der hieß Franz und hatte eine Frau mit Namen Viktoria, ein gar stattliches, handfestes Weibsbild. Im Verlauf der Komödie mußte es sich schicken, daß der Franz mit einem fremden Mann Verdruß bekam. Der Zank gebar Schimpf, der Schimpf gebar Schläge, und wer die meisten bekam, war nicht der fremde Mann, sondern der Franz, also daß er zuletzt seine Frau zu Hilfe rief. Weil sie aber Viktoria hieß, konnte er nicht Appolonia oder Kunigunda rufen, und also fügte es sich, daß, je mehr er Schläge bekam und je besser sie aussaßen, desto lauter rief er:Viktoria! Viktoria! Daran haben wir Brassenheimer, was verständige Leute unter uns sind, zum erstenmal gemerkt, wie es damals in Sachsen stehen mochte und was es zu bedeuten hatte, wenn man schrie:Viktoria! Viktoria! Der Herr Amtmann hat zum Glück nichts gemerkt. Wir könnten übrigens auch aus dem jetzigen Kriege manches ähnliche Beispiel davon anführen, wie der geschlagene Feind, je kräftiger er von uns angepackt war, def

lauterViktoria, Viktoria! rief. 5

Neuentdeckte pompejanische Fresken. In der Pariser Akademie wird über eine Anzahl künstlerisch hervorragender Fresken berichtet, die in jüngster Zeit in Pompefi autge⸗ funden wurden. Es handelt sich um Wandmalereien großen Stils, die von Kennern den Werken Tizians und Correggios an die Seite gestellt werden. Sie schmücken dastrielimium(Speisesaal) eines prachtvollen römischen Landhauses, das unweit derStraße der Gräber gelegen ist. Der Saal ich rechteckig und ungefähr 17 Meter lang. Die Bildwerke bedecken neun Wandfüllungen. Sechs Gemälde bilden eine zursammengehörige Folge, während die übrigen drei anscheinend gesondert für sich bestehende Arbeiten sind. Auf den sechs einander fortsetzenden Fresken ist die Kindheit und die Jünglingszeit des Gottes Dionysos dargestellt. Das erste Bild zeigt Dionysos als Kind, eifrig lesend, mit einer Rolle in der Hand; zwei Nymphen bewachen den jungen Gott; eine Dienerin eilt mit einer Schüssel herbei, auf der sich unter verschiedenen Gegenständen ein Lorbeerzweig befindet. Das zweite und dritte Bild zeigen Frauen bei der Vorbereitung zu einem Dionysos⸗Fest. Bacchantinnen tanzen auf den Fußspitzen nach der Musik, die ein Faun seiner Leier entlockt. Das nächste Bild zeigt Dionysos als

Jüngling; das Haupt mit Epheu geschmückt, sitzt er neben einer schönen jungen Frau, den einen Arm auf ihr Knie gestützt. Die

Frau stellt höchstwahrscheinlich die schöne Ariadne dar. Die sol⸗ genden Bilder schildern die Fortsetzung des Festes. Die drei

letzten Fresken scheinen mit den genannten in keinerlei Zusammen⸗

hang zu stehen; sie zeigen verschiedene weibliche Gestalten.