Ausgabe 
(2.9.1915) 206. Zweites Blatt
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Areis Gießen zweimal wöchentlich. Die tandwirtschaftlichen zelt; fragen erscheinen monatlich zweimal.

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Gberhessen

Donnerstag, 2. September 101 f

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul.

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: e 51, Schrist:

leitung: 112. Adresse sür Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

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England ohne walestohle.

DieTimes sowohl wie Reuter malen trübe Bilder von den Einigungsverhandlun mit den Waliser Berg⸗ arbeitern. Die englische Oeffentlichkeit soll auf einen schlim⸗ men Ausgang vorbereitet werden. Derinnere Feind hat mobil gemacht. Kommt es zu keiner Einigung, das heißt, liefert sich die Regierung den Streiklustigen nicht mit ge⸗ bundenen Händen aus, so bricht der Sturm los. Die Re⸗ gistrierungsbill, mit der man die Arbeiter schrecken wollte, wird von diesem Sturm wie ein Blatt Papier fortgeweht werden. Ist schon der Bergarbeiterstreik an sich eine Kata⸗ strophe, die im Kriege moralisch verwüstend auf weite Volkskreise wirkt, so ist seine Wirkung auf den Bahnverkehr, auf die Munitionsindustrie und auf die Kohlenversor⸗ gung der englischen Flotte vernichtend. Ohne Waleskohle ist die britische ine einfach nicht aktionsfähig. Daher die schlotternde 2 Londoner Presse. Schon 1912 nannten dieTimes beiter⸗ screik diegrößte Katastrophe, die das Land seit der spani⸗ schen Armada bedroht hat. Damals war's Angstmeierei, heute, in den schwierigen Verhältnissen des Krieges, kann der Gedanke zu fur rer Wirklichkeit werden. Die Strei⸗ kenden verstehen keinen Spaß oder vielmehr nicht den Ernst der Stunde. Im Lande des vielgeschmähten und verleum⸗ deten Militarismus wäre ein solcher Streik im Nu durch Vernunft und Disziplin auf beiden Seiten beigele freien England ist dem ei

Die Berg⸗ haben jetzt beschlossen,an den früheren Beschlüssen 1 Damit sind die Be⸗ sehlüsse vom 20 April 1915 gemeint, worin der Streik angedroht wurde, falls die Forderungen auf eine Ver⸗ gütung von 20 Prozent nicht erfüllt werden. In der 1 der Beschlüsse hieß es, die Bergherren verdienten o Wlossal, daß die angebotene Vergütung von

10 Prozent viel zu gering sei. Zwischen jenen üssen und der heutigen ung liegen Erei e d 1 die Lage und Sti ig aufs äußerste verschärft wurde. Die

Lebensmittelpreise sind empfindlich gestiegen. 150 000 Gru⸗ benarbeiter 2

9 Art zu zwi wundet aus der Front zurü ee b

re sammlung 33

und schildern, wie 5 3 4 Da der underung des 8. ö 5 3 wieder Worte voll Lobes*

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auf der Suche der Wahrheit, weil er überzeugt ist, daß die Regierung ihre Preßorgane der Wahrheit die Tür verrammeln möchten. Bis in den Februar hinein war der Glaube des Volkes sehr stark gewesen, daß die Regierung ihre Verheißungen erfüllen könne. ensselig hatte man der Regierung nachgeredet, was sie in Sachen des Milltonenheeres Lord Kitcheners, der deutschen Untersee⸗ boote, der Aushungerung des Feindes, seiner militärischen Schwächung, dem Volke vorgebetet hatte. Heute aber hört

mit eili nnr schon während der Zeit, da man das Gas

man allenthalben: Die Regierung hat sich um ihren Kredit geredet. Gegen sie und ihre Versprechungen führen die Er⸗ eignisse und Tatsachen, wie die enorme Lebensmittelteue⸗ rung, der Mangel an Munition, an Fabrikarbeitern, das plötzliche Versagen der Kitchenerschen Werbetrommel, die schweren Verluste an Schiffen aller Art eine deutliche Sprache, die in allen Schichten verstanden wird. Die Streiks und die Versammlungen sind also mehr als rein wirtschaft⸗ liche Bewegung. Sie sind Proteste.

Die englische Regierung hat jetzt einen Todfeind im eigenen Hause. Er steht mit dem Dolch am Herzen der bereits stark gesthwächten englischen Weltmacht. Stößt er zu, so blutet Albion an einer Wunde, die lebens sefährlich und für den Krieg ausschlaggebend werden kann. 3 uns noch solche Bundesgenossen zu Hilfe, so wird der Weltkampf rascher entschieden sein, als man heute rechnet.

London, 1. Sept.(WTB. Nichtamtlich.) DieMorning Post bezeichnet die letzte Entwicklung in der Kohlen- krisis von Südwales als beunruhigend. Der Grund sei, daß die Grubenbesitzer die Zugeständnisse, die sie nach⸗ mittags in der Verhandlung mit Runciman gemacht hatten, am Abend wieder zurückzogen. Diese gänzlich unerwartete . habe die Gefahr geschaffen, daß der Generalstreik eintritt.

London, 1. Sept.(WTB. Nichtamtlich.) DieTimes meldet aus Cardiff: In Süd⸗ Wales erwartete man die Lon⸗ doner Nachrichten mit scheinbarer Ruhe, hinter der sich eine innere

Im Aufregung verbarg. Wenn den Maschinisten usw. die Kriegszulage

nicht bewilligt wird, wird die morgige Versammlung den General- streik wohl einstimmig beschließen. Bisher dehnte sich der Streik wenig aus; er umfaßt 12000 Mann.

Auch derDaily⸗Telegraph meldet aus Cardiff, wenn Run⸗ ciman und die Bergherren nicht nachgäben, beginne ein allge⸗ meiner Ausstand. g

Uriegsbriefe aus dem Osten. Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter Guerechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten] Die letzten Tage von Nowo⸗Georgiewsk. (Aus den Briefen des erbeuteten russischen Freiballons.) Rudka, 24. August.

Am Nachmittage des 19. August, als eben Fort III genom⸗ men war, zog aus der Zitadelle, wie ich erwähnt habe, ein rus⸗ sischer Freiballon in östlicher Richtung davon. Er verschwand bald hinter den Wolken und entkam glücklich; später ist er doch seinem Schicksale nicht entgangen. Er mußte beim Ueberfliegen der Armee Gallwitz landen und die Briefe, die er womöglich wie es sich herausgestellt hat nach Kiew bringen sollte, fielen in deutsche Hand. Bei der Armee Gallwitz, zu der ich mich wieder begab, durfte ich Einsicht nehmen in die Papiere.

Es sind meistens die letzten Briefe, die von den Offizieren Hand geschrieben wurden; die 2 1 vor 75 i nete. Oft sind die Zeilen auf irgend einen Zettel kaum leserlich hingeworfen, 0 n in den Ballonkörper ließ. Der Kommandant der Lustschiffer⸗Abteilung schreibt: In etwa zwei Stunden wird mein bester Offizier absliegen, der mich immer überreden wollte, daß ich aufstiege. Aber ich habe beschlossen, bei meinem Leutnant zu bleiben und dem Stabskapitän B. be⸗ fohlen, zu fliegen. Er wird daher auch möglicherweise 1257 Zettel zur Post befördernEs regnet. ich warte, bis Ballon gefüllt ist und dann lasse ich diesen Offizier mit einem anderen zum freien Fluge aufsteigen. Uns bleibt noch ein schlechter Aerostat, den wir in der Nacht abbringen, wenn wir Zeit genug haben, ihn mit zwei bis drei Mann zu besetzen Inzwischen wurde um 6 Uhr die Zitadelle genommen.

Ein paar Briefe sprechen noch von den Anfängen der Be⸗ lagerung, sie sind früher geschrieben, und die Schreiber haben sie N Augenblick der Beförderungsmöglichkeit nicht mehr ge⸗

Lem 4. August schreibt eine Schwester vom Roten Kreuz: Der Deutsche ist stark, und wir werden noch lange kämpfen

milssen. Bitte, ängstige Dich nicht, wenn Du erfährst, daß die Testung umzingelt ist. Es befinden sich ja hier fast zweihunderr Schwestern, und ich hoffe, daß Gott uns nicht verlassen wird. Wenn wir belagert sind, so werden wir noch lange sitzen müssen, bis die Unsrigen die deutsche Umklammerung durchbrechen. f Wie wenig in vielen Kreisen der Belagerten von der wirklichen Kriegslage bekannt war, zeigt neben dieser hoffnungsvollen Schluß⸗ bemerkung die Adresse einer Postkarte, die in russischer Sprache nach Lublin gerichtet ist. 5 7 Am 5. August macht sich die Einschließung die bekanntlich 3 erst am 9. vollendet wurde bemerkbar. Man bereitet sich auf die Belagerung vor:..- Die Post geht nicht mehr(erstaun⸗ lich, da doch noch Verbindung nach Praga sein mußte).Das Volk aus den Dörfern ist nach Rußland verschickt, und die Törfer werden angezündet. Tag und Nacht brennen die Gehöfte ringsum.. 5 3 Die letzten Briefe, die am Tage der Uebergabe geschrieben wurden, enthalten in fast denselben Sätzen die Beschreibung den Schlußkatastrophe der Hinweis daß Nowo⸗Georgiewsk durch Ver. rat gefallen sei, fehlt selbstverständlick nicht. 1 Auf einem dieser Zettelchen heißt es:... Herzlichen Gruß aus der belagerten und bereits vor der Uebergabe stehenden Festung Nowo⸗Georgiewsk; sie war unsere Hoffnung, aber man hat uns dem Etel von Deutschen verraten, plötzlich wie die Gänse. Augen⸗ blicklich befinden wir uns noch unter einem Hagel von Schrapnells und Bomben und entlassen unsere Ballons zur freien Fahrt, zer⸗ stören alles staatliche und private Eigentum und werden dann unser Schicksal erwarten.. 1

Aus einem anderen Briefe:Alles ist zur Uebergabe bereit. Die Forts sind gesprengt(was zum größten Teile nicht der Fall

war!und in der Festung alles verbrannt, sowohl Proviant und Vieh. An Pferden und Hornvieh sind etwa 6000 Stück ge.

tötet und mit Karbol übergossen worden. Etwa 2000 Pferde sind erschossen worden, kurz, augenblicklich herrscht das jungste Gericht,

Es fehlt in den letzten Grüßen nicht an Briefen, die das Tragische, das mit dem Fall jeder Festung verknüpft ist, zum Ausdruck bringen: 3

Liebe Tanja! 8

Wenn Du wüßtest, wie schwer es ist, eine Festung zu ver⸗ lassen, in der man seine ganze Dienstzeit verbracht hat! Jetzt nach zwei Wochen Kampf muß man von ihr scheiden. Tanja, bei dem Gedanken blutet das Herz, man ist traurig und weit 4 was man tun soll. Besser wäre es, schnell zu sterben, um nicht mit Schanden in die Heimat zurückzukehren. Die Festung, Tanja,

war eine uneinnehmbare Festung, und sie ift gefallen. Leb' wohl, und denke nichts Schlechtes überdas graue Vieh(sjerojs skotinje), wie wir Soldaten genannt werden G5). 18. August, 12 Uhr Nachts. 5 9 Liebe gute Witja! 3 Beschuldige mich nicht, daß Du keine Briefe erhältst, die ganze Zeit habe ich in den vordersten Stellungen verbracht unter dem Hagel der schweren deutschen Geschosse. Einen Tag schossen die Deutschen Tausende von Granaten in den Schützengraben meiner Kompagnie. Schützengraben vollständig vernichtet, sehr viele Tote. Ich habe aber durch den Willen Gottes mich noch bis zuletzt gehalten. Erst nach dem Befehl der Vorgesetzten, nachdem wir durch deutsche Umgehung bedroht wurden, bin i e

gegangen. Was num weiter wird, weiß ich nicht, das ist

Wille, aber nach Berlin gehen ist wie ein Messerstich, ich* habe sogar int. Schmutzig, heruntergekommen, halb tau! und schließlich auch entnervt, bin ich noch immer ganz von dem

Wunsche beseelt, auszuhalten bis zum Aeußersten, dem Tode.

Unser Abschnitt hat den Sturm ausgehalten, aber es heißt, der der benachbarte sei erlegen, und die Reserpen hätten die Hände bochgehoben und die Forts übergeben. Wenn ich lebend nach 4 Teutschland komme, werde ich Dir Nachricht geben; sollte es nicht der Fall sein, so denke meiner nicht mit schlechten Worten und heschuldige mich nicht, an der Uebergabe der Festung mit Schuld zu sein:Einer im Felde ist noch kein Krieger! lein tapferer, Soldat nützt allein auch nichts). 4 N

Man hätte Nowo⸗Georgiewsk überhaupt aufgeben ollen sagte mir ein hoher russischer Offizier.Oder man hätte es lange halten müssen. Ich habe an den Durchbruch gedacht, aber. Mir fiel beim letzten Brief das hoffwungslose Achselzucken der tapferen kleinen russischen Exzellenz ein. 1

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Nunst und wissenschafßt.

Julius v. Payer f. In der am gleichnamigen See gelegenen Ortschaft Veldes in Oberkrain, nahe der Kärtner Grenze und nicht fern vom italienischen Kriegsschauplatz, ist, wie wir gestern kurz berichteten, im fast vollendeten 73. Lebensjahr nur zwei Tage fehlen daran Julius v. Payer gestorben. Julius v. Payer war, so entnehmen wir einer Darstellung derKöln. Ztg., der Nansen Oesterreichs, wenn er auch nicht so weit in das ewige Eis eingedrungen ist, wie der erfolgreichere Skandinavier. In Schönau bei Teplitz in Böhmen geboren, wurde Paper nach dem Beisuch der Militärakademie in Wiener⸗Neustadt Offizier und zeichnete sich 1866 in der Schlacht bei Custotza gegen denselben Feind aus, der heute treubrüchig, aber erfolglos wiederum seinem Vaterlande gegenüber steht. Der Offizier war auch ein tüchtiger Bergsteiger, den die heimatlichen Alpen geschult hatten, und sein junger Forscherdrang umfaßte zuerst die Ortler⸗ und Adamellogruppe, über die er Arbeiten in Petermanns Mitteilungen veröffentlichte. Aber es trieb ihn weiter. Nach dem Eis der Gletscher, das des Meeres, nach der Majestät der Bergwelt, die der Arktis. 8 nahm an der zweiten deutschen Nordpolfahrt 1869 bis 1870 teil und drang mit Schlitten an der Osttüste Grön⸗ lands bis zum 77. Grad nördlicher Breite vor. Zu den Ergeb⸗ nissen dieser Fahrt gehören eine Reihe Aufnahmen des Kaiser⸗ Fran Joseph⸗Fiords. Mit Weyprecht zusammen übernahm Payer alsbald die Führung einer österreichischen Polarfahrt, die 1871 von Tromsö ausging, und drang zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja bis zum 49. Grad vor. Bei der Hauptexpedition 1872 im Polarschiff Tegetthoff wurden die Forscher schon unter 76 Grad 30 Min. vom Eis eingeschlossen und nordwärts getrieben. Sie entdeckten Kaiser⸗Franz⸗Joseph⸗Land, das Payer im Schlitten vom 24. März bis zum 26. April fast bis zum 83. Grad durchsorschte. Am 20. Mat war die Unternehmung genötigt, den Tegetthoff zu verlassen und in Schlitten und Booten die Rückreise nach Nowaja Semlja anzutreten, wo die Mannschaft am 24. August von einem russischen Fahrzeug aufgenommen wurde. Bald nach seiner Rücktehr nahm Payer den Abschied als Offizier und ließ sich in München als Maler nieder, wo er seine reichen und eigen⸗ artigen Eindrücke aus dem hohen Norden künstlerisch zu gestalten versuchte. Er trat mit einer Reihe von Bildern hervor, die die Franklinsche Nordpolunternehmung behandelten. Als Schriftsteller rfaßte er zahlreiche geographische Arbeiten, darunter sein Haupt⸗ Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition 1872

Ni riedrich Lienhards,

Zu einer Ehrung 5. ober 1915 seinen 50. Geburtstag begeht, hat sich gebildet, der sich an die Oeffentlichkeit mit fol⸗

wart zehamd in ber dudermefin0

.

jener sittlichen Kräfte, die der Krieg zum Erwachen brachte, und hat somit das Recht, gerade in unseren Tagen besonders gehört zu werden. Er stand in der Zeit der Verstofflichung geistiger Kräfte als ein Kämpfer für nationale Ideale Er hat uns das Land näher gebracht, das sich uns in der Zeit politischer Wirr⸗ nisse zu entfremden drohte: er wurde der Verklärer des Elsasses, unseres alemannischen Bruderstammes. Seine ganze Kraft stand mit der schrankenlosen Lauterkeit seines Wesens im Dienste des nationalen Ethos. Noch ist der Dichter aber in vielen Kreisen unbekannt. Darum erachtet es der unterzeichnete Ausschuß als seine Pflicht, den Tag nicht vorübergehen zu lassen, ohne auf die Bedeutung Friedrich Lienhards aufmerksam zu machen, und dahin zu wirken, daß seine Werke in weitestem Maße der sitt⸗ lichen Erneuerung unseres Volkes dienstbar gemacht werden. Wir wenden uns darum an jeden geistig interessierten Volksgenossen mit der Bitte, dem Gesamt⸗Ausschusse beizutreten, um unsere Arbeit zu fördern. Ein Plan über den Umfang unserer Vorhaben wird an die Mitglieder dieses Gesamt⸗Ausschusses versandt. An jede deutsche Bühne richten wir die Bitte, aus dem reichen dramatischen Schaffen des Dichters wenigstens ein Werk aufzu⸗ führen. Anfragen und Erklärungen sind an die Geschäftsleitung des Ausschusses zur Ehrung Friedrich Lienhards, Zähringen bei Freiburg i. Br. zu richten.

.Der Ehrenfriedhofder Marine. Der neue Garni⸗ son⸗Friedhof in Wilhelmshaven, dessen Anlage dem bekannten Gartenkünstler Leberecht Migge übertragen wurde, ist auf Anre⸗ gung Migges zu einemEhrengarten ausgestaltet worden, in dem die kriegsgefallenen Angehörigen unserer jungen ruhmvollen Ma⸗ rine zur letzten Ruhe gebettet werden sollen. Im neuesten Heft der Dekorativen Kunst berichtet der Künstler selbst über die Grund⸗ gedanken, die er bei der Ausführung dieser neuartigen Schöpfung zugrunde legte. Sein Friedhof hat mit anderen Friedhofanlagen nichts gemein. Alles stimmungsvolle Beiwerk, wieHeldeneichen, Kriegermäler usw. ist vermieden,um die, die es eigentlich an⸗ geht, unsere lieben Gebliebenen durch Schönheit zu ehren, durch bildhafthelle Wirklichkeit ihrer Liegestätte das Erinnern an sie und ihre Taten wach und stark zu erhalten dafür hilft nichts anderes, als die Sache selbst auf den Schild zu erheben, das Ding an sich in seltener Form zu steigern. Es ist eine rein gärtnerische Anlage, die Migge geschaffen hat. Für ihn waren jene beiden Massengräber, die er als frische noch formlose Hügel bereits vor⸗ fand, im weitesten Sinne tonangebend. Um sie schlossen sich die säumenden grünen Hecken, durch die die für die vielseitigen milr⸗ tärischen Bestattungszwecke notwendigen Räume geschieden würden. In der Mitte der gärtnerischen Anlage thront ein gewaltiger Hain aus grünen Linden, dessen Boden mit emem buntgestickken Blumenteppich geziert ist. Von seiner Mitte aus sieht man nach b vier Sonnenseiten in die blühenden Gärten des Friedens,

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bocgende Bände iber die Gräber der Aalenden Oelden 8

breitet. Während der Gesamtplan von schlichter großzügiger Ein⸗ fachheit ist, lebt sich im Schmuck der einzelnen Gräber die gärtnerische Kleinmalerei aus.Hier sollen im ersten Frühfahr allerlei bunte Zwiebeln aufblitzen, im dunklen Efeu von den noch winterlich rostroten Hecken! bald darauf rings an den Wänden leuchtend rote Rhododendron erglühen, schon begleitet von dem ersten Blau der vielen Hornveilchen, die nun den ganzen Sommer 7 hindurch die Massengräber schmücken, welche kleine Taxusmäuerchen beetförmig aus der Fläche gehoben haben. Der Ehrenfriedhof den Marine ist in gärtnerischer Harmonie mit dem großen Rüstringen 8 angelegt, von dem er einen, den weihevollsten, Tei ildet.* Ra diumbehandlung von Narben. Die Nach⸗ behandlung von Verletzungen hat in vielen Fällen ihr Augen⸗ merk auf die auf dem Boden der ursprünglichen Wunde entstande⸗ nen Narben zu richten. Aus kosmetischen und funktionellen Rück⸗ sichten muß man eine zu ausgiebige Narbenentwicklung zu ver⸗

hindern suchen, oder, wo dies nicht möglich ist, die vorbandens

Narbe zu verkleinern suchen. Denn die Entstellungen, die durch sich retrahierende Narben z. B. im Gesicht entstehen, müssen beseitigt werden, um die soziale Stellung des Verletzten nicht zu gefährden. Weiter stören Narbenzüge auch sehr häufig die Funktion der Gelenke oder heben sie ganz auf. Das Bestreben 7 des Arztes muß also auf eine gute Narbenbildung gerichtet sein: daß glatte, auf der Unterlage verschiebliche Narben ent⸗ stehen. Zu diesem Zweck kann man schlechte Narben chirurgisch behandeln, d. h. ausschneiden. Es gibt aber auch chemische Sub⸗ stanzen, welche die Eigenschaft besitzen, das harte Narbengewebe aufzulösen und zu erweichen. Als solches hat man in den letzten Jahren das Fibrolysin benützt. Neuerdings ist auch die Ra⸗ 3 diumstrahlung in den Bereich der therapeutischen Maß nahmen mit Erfolg gezogen worden. Im Radiuminstitut den Berliner Charits sind von Dr. Kamminer eine Anzahl von ver⸗ wundeten Soldaten behandelt worden. Schädliche Wirkun⸗ gen, außer einer vorübergehenden Hautentzündung, wur⸗ den nicht beobachtet. Die bisher bestehende Schmerzhaftigkeit schwand häufig, und auch die Beweglichkeit wurde wieder her⸗ gestellt. Das Narbengewebe verfärbte sich dabei bisweilen weiß. Besondere Erfolge wurden bei der Bestrahlung der Kiefernarben die oft jede 9 sewegung und mithin jede Ernährung un 1 möglich machen, erzielt. Die weitere Ausbildung der Method wird wahrscheinlich noch zu besseren Ergebnissen führen.

Mailand, 1. Sept.(WTB. Nichtamtlich.)Secolb meldet aus Rom: Vor einigen Tagen sind in Cirene Anti⸗ 3 quitäten von archäblogischer Bedeutung aus Tageslicht gekommen. darunter eine wunderschöne Zeusstatue, die der berühmten von Alexander dem Großen, die 1914 an dem gleichen Orte aus⸗ gegraben wurde, nicht nachsteht. 78