Zweites Blatt
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Famillenblätter“ werden dem VAnzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Areis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
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165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
der Wiederaufbau des französischen 3 Maasgebietes.
Wer heute das französische Maasgebiet durchfährt, sieht über⸗ 2 all arbeitende Gruppen, die unter sachkundiger Leitung Bretter zu⸗ schneiden, Fundamente mauern und mit Hammer und Nagel fleißig gerumhantieren. Es sind das die Arbeiter der drei Gruppen, die * sich die Aufgabe gestellt haben, das verwüstete Land wieder in Ord- nung zu bringen, und seinen Einwohnern für den kommenden Winter ein Heim zu bieten. Eine davon setzt sich aus Engländern 4 8 und steht unter der Leitung von Mr. Edmund Harvey, em Abgeordneten für Leeds, der persönlich über den Kanal ge⸗ kommen ist, um bei der Ausführung der Baupläne mit Hand an⸗ 8 die zweite besteht aus örtlichen Unternehmern und die itte aus Pariser Spezialhäusern, die bei der Schnelligkeit, mit der alles fertiggestellt werden soll, nicht zu entbehren waren. Gebaut wer en zwei Arten von Häusern: die eine weist ziemlich spitze Dächer auf und besitzt Fenster, die sich nach außen öffnen; die andere decken sanfter geneigte Dächer, ihre Fenster öffnen sich nach innen und werden, wie es in Frankreich üblich ist, durch verschließbare Läden geschütt: äußerliche Unterschiede, die auf die Verschiedenheit der englischen und französischen Entwürfe zu⸗ rückgehen und nichts an den Bedingungen ändern, unter denen sie der Benutzung zugänglich gemacht werden sollen. Als Wohnungs- einheit ist überall ein Zimmer gewählt; eine Person hat das Recht, ein Zimmer von J zu 4 Metern zu beziehen, zwei müssen sich in ein Zimmer von 4 zu 4 Metern oder in zwei Stuben von 2 zu 4 Metern teilen; für drei Personen gibt es zwei Räume, für 4 bis 6 Personen drei, für 7 bis 9 Personen 4 und für 12 Per⸗ sonen 5 Zimmer von entsprechenden Abmessungen. Hinsichtlich der Miete ist grundsätzlich festgestellt worden, daß jeder dem Staate einen Franken und der Gemeinde 5 Franken Hauszins zu ent⸗ richten hat: erlegt er einen Teil der Herstellungskosten und be⸗ zahlt er eine wirkliche Miete, so kann er sofort Besitzer des An⸗ wesens werden. Schenkungen sollen zwar stattsinden, wenn der Gemeinderat den Antrag befürwortet, und das Häuschen auf einem von der Gemeide gemieteten oder ihr gehörigen Platze steht; bis jetzt sind aber derartige Bitten noch nicht eingelaufen, da wohl die Leute glauben, beim bloßen Mieten bessere Geschäfte zu machen. Die geforderten Entschädigungen sind überaus niedrig; ein Zim⸗ mer von 4 zu 3 Metern kostet 16 Franken Miete und 225, wenn es gekauft wird, während eine einzimmrige Hütte von den gleichen Abmessungen für 20 Franken Jahresmiete oder für 260 Franken auf ewige Zeiten zu haben ist. Ein Raum von gleichen Abmessungen mit einer Küche kostet das Doppelte, eine Küche mit 2 Zimmern das Dreifache, eine Küche mit 3 Zimmern in einem Einfamilien⸗ — 2 68 Franken Jahresmiete und 975 Franken, wenn es ge⸗ auft werden soll. Die Herstellungskosten schwanken, am billigsten arbeiten die Engländer, am teuersten die Pariser Spezialhäuser, die bis zu 950 Franks aufwenden.
Aus Grodnos Vergangenheit und Gegenwart. 5
Nur noch eine Feste hält Rußland an der so lange und zäh verteidigten Niemen⸗Linie, und auch ihr Fall scheint jetzt nur noch nach Tagen zu zählen. Wie Kowno, so überrascht auch Grodna durch seine malerische Lage. Der Njemen durchschneidet hier eine Hügellandschaft bildet ein landschaftlich überaus reizvolles Tal, dessen Ränder etwa 30 Meter hoch und ziemlich steil auf⸗ ragen. So, am tiefen Flußtale, liegt Grodno uf dem vechten Ufer des Niemens ausgebreitet— aber, freilich hält die Stadt, wenn man sie betritt, nicht, was der erste Blick auf sie zu versprecher scheint. Denn es ist eine Stadt von Hütten und Kleinhäusern, unter denen sich hier und da, gewissermaßen unvermittelt, stattliche Gebäude, alte Paläste und moderne Bauten erheben. Zu den Palästen gehört vor allen Dingen der Stefan Bathorys, der sich freilich die Verwandlung in ein Gasthaus hat gefallen lassen mitssen; er erinnert an Grodnos Glanzzeit, als es Königsresidenz war, und ebenso lenkt das zuletzt als Militärkasino benutzte Alte Schloz. das aus dem 15. Jahrhundert stammt, und von dessen Sarten man wohl die schönste Aussicht auf das Flußtal in ganz SGrodno genießt, an die bedeutende Vergangenheit der Stadt. Denn das Grodno von heut ist nicht mehr, was das Grodno von
Mittwoch, 1. September 1055
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
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Anzeiger Gießen.
General⸗Anzeiger für Gberhessen
von Tuch, deren Handel sich auf das Getreide stützt, und von den reichlich 40 000 Einwohnern, die die Stadt zählt, sind mindestens zwei Drittel Juden. Ein ganzes Viertel ist von mohammedanischen Tartaren bewohnt, die übrigens in Sokolka, auf halbem Wege zwischen Grodno und Bialystok, eine eigene größere Ansiedelung haben. Aber was ist Grodno nicht einst gewesen! Es zählt zu den wichtigsten und geschichtlich ältesten Städten des littauischen Landes, mit dessen Hauptstadt Wilna es von je in alter und reger Verbindung gestanden hat. Die Stadt hat nicht immer den heutigen Namen getragen, sondern hieß in alten Zeiten Ho— rodna, und unter diesem Namen wird sie im Jahre 1120 zuerst erwähnt, um von dieser Zeit ab in der Geschichte Polens und Litauens zu den meistgenannten und meistumkämpften Plätzen zu gehören. Die großen Völker- und Geschichtsschicksale haben fast regelmäßig auch Grodno in ihren Bereich gezogen der Mongolen⸗ sturm von 1241 hat die Njemenstadt beinahe weggefegt; später sind die Ritter vom Deutschen Orden wiederholt siegreich vor ihren Wällen erschienen und haben die Stadt durch schwere Zer⸗ störungen ihre Ueberlegenheit fühlen lassen. Ihre Glanzzeit setzte im 16. Jahrhundert ein, als König Stefan Bathorey, wie bereits bemerkt, Grodno zu seiner Residenz erhob, und seit 1675 hat jeder dritte polnische Reichstag hier seine Sitzungen ab⸗ gehalten. Die Geschichte des polnischen Reichstages ist es dann gewesen, die Grodno zu einem düsteren Namen in Polens Ge— schichte gemacht hat, denn hier ward im Jahre 1793 die zweite Teilung des Königreiches bestätigt, und im Jahre 1795 legte König Stanislaus August hier endgültig seine Krone nieder— finis Poloniae! Und so spiegelt sich denn auch in den bemerkens⸗ werteren Bauten, die das niedere und kümmerliche Häusergewimmel von Grodno überragen, die Tatsache wieder, daß seine Glanzzeit dem 16. und 17. Jahrhundert angehört. Die Bernhardinerkirche, deren Leidensstationen beachtenswerte Bildhauerwerke sind, ist kurz vor 1600 entstanden, und die Pfarrkirche, die ein gutes Jahrzehnt später erbaut ist, erzählt mit ihrem schweren Barockstile von der Zeit, wo Grodno der Mittelpunkt eines reichen und lebenslustigen
polnischen Adels war. 5
Aus dem Reiche.
Die Kriegsanleihe.
Berlin, 1. Sept. Sämtliche Morgenblätter enthalten an hervorragender Stelle die Aufforderung zur Zeichnung auf die dritte Kriegsanleihe. Ueber die ersten Millio- nen zeichnungen melden die Blätter u. a., daß die Continental⸗Caboutchouc⸗ und Guttapercha⸗-Compagnie in Hannover, die bei den ersten beiden Kriegsanleihen sechs Millionen Mark gezeichnet hatte, nochmals die Summe von sechs Millionen Mark anmelden wird. Der Vorstand des Verbandes der deutschen Eisenbahnhandwerker und ⸗arbeiter beschloß wiederum, den Betrag von zwei Millionen Mark zu zeichnen. Die Stadt Wiesbaden beteiligt sich an der neuen Kriegsanleihe mit einem Betrage von einer Million Mark.
Berlin, 31. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Der„Reichs⸗ anzeiger“ veröffentlicht eine Verordnung des Bundesrates betreffend Angestelltenversicherung während des Krieges. Diese bestimmt, daß die Zeiten, in denen der Ver sicherte im gegenwärtigen Kriege im Deutschen Reiche oder in der österreichisch-ungarischen Monarchie Kriegs-, Sani⸗ täts⸗ oder ähnliche Dienste geleistet hat, auf die rtezeiten und bei der Berechnung der Versicherungsleistungen an Ruhegehalt und Hinterbliebenenrenten als Beitragszeiten angerechnet werden, ohne daß Beiträge entrichtet werden. Sie ordnet die Rechte und Pflichten derer, die durch den
Krieg an einer ordnungsmäßigen Beitragsleistung oder an einer Beitragsleistung in der früheren Höhe behindert sind.
Breslau, 31. Aug.(WTB. Nichtamtl.) Der„Schles. Volksztg.“ zufolge hat Fürstbischof Dertram der österreichisch-schlesischen Landeskommission zur Fürsorge für heimkehrende Krieger den Betrag von 25000 Kronen ge— spendet.
München, 31. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Der bay e⸗ rische Landtag ist auf den 29. September einberufen worden.
Aus Stadt und Cand. Gießen, 1. September 1915.
Kriegs⸗Verbraucherausschuß.
Der Kriegsverbraucher⸗Ausschuß wird seine Tätigkeit nach folgenden Richtlinien ausüben: Er versolgt keineswegs eine einseitige Verbraucherpolitik, sondern will mit seinen Bestrebungen der Volkskraft in dem uns aufgezwungenen Kampfe dienen zum Wohle der Stadt und im weiteren Sinne des gesamten Vater⸗ landes. Seine Ziele sucht er zu erreichen: a) Durch Ein⸗ gaben und Uebermittelung von zweckdienlichem Ma⸗ terial an die zuständigen Behörden; b) durch Veröffent⸗ lichungen in der Presse, durch die den Produzenten, den Zwischenhändlern und Verbrauchern das Gewissen ge⸗ schärft wird, und durch die immer und immer wieder die vaterländische Pflicht vor Augen geführt wird, gerade in dieser schweren Zeit die Förderung der eigenen Sonderinter⸗ essen nicht bis zur Rücksichtslosigkeit gegen die Mitmenschen, insbesondere gegen den minderkräftigen Teil der Bevölke⸗ rung, zu betonen und zu verfolgen; e) durch Ueber⸗ wachung und Vergleichung der Preise am Ort und auswärts, insbesondere in Städten mit gleichen Ver⸗ hältnissen wie Gießen; d) durch Entgegennahme und ge⸗ eignete Benutzung und Verarbeitung von Beschwerden aus Verbraucherkreisen; e) durch Ausfindigmachen und öffentliche Empfehlung von besonders guten und billi⸗ gen Bezugsquellen.
Als nächste Aufgabe will der Ausschuß versuchen zu erreichen: 1. Ankauf von Gemüse und Obst durch die Stadt in großen Mengen zwecks Erreichung billigerer Marktpreise. 2. Ankauf von Winterkartoffeln durch die Stadt und Abgabe zu billigsten Preisen, in erster Linie an die minderbemittelte Bevölkerung. 3. Festsetzung von Höchstpreisen von Butter und Eier. 4. Andere
Organisation des Verkaufs der noch im Besitz der Stadt be⸗ findlichen Kolonialwaren durch Einrichtung von ge⸗
räumigen Verkaufsstellen an verschiedenen Plätzen der Stadt, und Abgabe in möglichst kleinen Mengen. 5. Maß⸗ nahmen der Stadt zur Versorgung der Einwohner mit — und billigen Wurst⸗ und Fleischwaren ins⸗ esondere Fett. 6. Verständigung mit den Stadtver⸗ waltungen der umliegenden Städte zwecks einheit⸗ licher Organisation des Marktwesens zur Bekämpfung der Preissteigerung. 7. Zuziehung von Mitgliedern des Kriegs⸗ ausschusses für Konsumenten-Interessen zum städtischen Lebensmittelausschuß zwecks gemeinsamer Fest⸗ setzung der als angemessen zu betrachtenden Marktpreise.
In der öffentlichen Verbraucherversammlung vom Sonntag wurde u. a. eine Entschließung gegen die unberechtigte Preissteigerung auf dem Lebensmittelmarkt angenommen, die folgenden Wortlaut hat:
Die heute, Sonntag den 29. August 1915 in der neuen Universitätsaula von 20 Vereinen hiesiger Stadt einberufene und von Angehörigen aller Bevölkerungsschichten und Berufsarten zahl⸗ reich 5 Versammlung verurteilt aufs schärfste die un⸗
Die Petersburger Eremitage.
3 Wenn die Russen den neuerdings gemeldeten Entschluß ver wirklichen und die Kunstschätze der Eremitage nach Moskau über⸗ führen, dann würde Petersburg bis auf weiteres seinen edelsten Schmuck und seinen kostbarsten Kunstbesitz verlieren. In dem er⸗ regten und oft überhitzten Leben der russischen Hauptstadt bildete das vornehme, stille Haus an der Millionaja ein. Eiland der Ruhe; hier war nicht Petersburg, nicht Rußland— hier war die
Kultur, war die Welt der Kunst. Aber freilich mochte es in diesen b Zeiten einem ganz echten Russen“ wohl ein stechender Gedanke sein, daß auch diese Schöpfung letzten Endes auf deutsche Anregung
und Wirksamkeit zurückzuführen war; denn die deutsche Fürsten⸗
tochter auf dem Zarenthrone, Katharina II., ist der erste russische
Herrscher gewesen, der die Sammlung von Kunstwerken in den
eich seiner Interessen gezogen und damit die Eremitage be⸗
3 hat. Katharina war ungemein rege tätig, um den völligen Mangel an wertvollen Kunstwerken, der zu ihrer Zeit noch in Hhetersburg herrschte, möglichst rasch und möglichst glücklich ab⸗ justellen. Sie kaufte überall, sie hatte überall ihre Agenten. eicht umsonst zieren den Eingangssaal zum ersten Stockwerke der
0 age noch heute die Büsten von Falconet, Diderot und anderen französischen Freunden der Kaiserin; gerade diese beiden waren neben Grimm eifrig für die Zarin auf dem Pariser Kunstmarkte
tig, während in Rom Raffael Mengs und der auch aus Goethes
wohlbekannte Kunst⸗ und Altertumskenner Hofrat Reifen⸗
die Kunstinteressen Katharinas in Rom vertraten. Eine Reihe
2 G„die sich ihr bot, hat Katharina entschlossen
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aber für
dem sparsamen Kö später ging die
ern es war als ein Festhaus für intimere Zusammenkünfte,
terh gen und Gesellschaften gedacht, eine.„Eremitage“, wie
an im sentimentalen Stile der Rousseau-Zeit gern sagte. In dieses
interpalais“ konnte Katharina über einen verdeckten
g und eine fliegende Brücke gelangen, ohne die Straße zu
Vallin de la Mothe errichtete das Gebäude im Jahre
später wurden die Räume durch Velten im Jahre 1775
ein italienischer Baumeister legte nicht lange darauf
9. 505 Namen 1 e
er genug zu; wi
Anweisung die Gäste, die sie in der
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draußen abzugeben, und unter den Anwesenden, wie auch mit ihr selbst allein auf dem Fuße guter Freunde zu verkehren. Die Kunstwerke, die durch Katherinas rasch einander folgende Ankäufe in Petersburg zusammenströmten, dienten zum Schmucke dieser eleganten, der heiteren Gesellschaft gewidmeten Räume, bis sie, schnell sich vermehrend, ganz von selbst zu einer kostbaren Galerie zusammenwuchsen. Von da ab haben alle Zaren den Kunstbesitz des russischen Hofes eifrig vermehrt. Aus den Tagen Alexanders J. ist besonders die Erwerbung der Gemälde bemerkenswert, die Josephine, die erste Gemahlin Napoleons, in ihrem Schlosse Mal⸗ maison vereinigt hatte. Es war eine kostbare und eine— billige Sammlung, denn sie setzte sich ganz aus Werken zusammen, die Napoleon auf seinen Feldzügen aus Deutschland und Italien ent⸗ führt hatte. Alexander bezahlte der Kaiserin für die besten Stücke dieser Sammlung 940 000 Franken; es befanden sich darunter u. a. die herrlichen vier Tageszeiten von Claude Lorrain, sowie aus⸗ gezeichnete Arbeiten von Potter und Teniers d. I., alles Werke, die der Kasseler Galerie entwandt worden waren. Unter den weiteren Vermehrungen der Eremitage sei nur noch die Erwerbung von 30 Bildern aus der Sammlung der Königin Hortense für 180 000 Franken im Jahre 1829 durch Nikolaus I., sowie die von 33 Bildern aus der Galerie von Godoy, dem„Friedens⸗ fürsten“, für rund 568000 Franken erwähnt. Alexander II. hat u. a. Raffaels Madonna Connestabile für 310 000 Franken er⸗ worben, Alexander III. aus dem für 800 000 Rubel angekauften 7 7 eum in Moskau der Eremitage 74 Gemälde über⸗ wiesen.
Aus all diesen Bemühungen und Bewerbungen ist nun eine Kunstsammlung allerersten Ranges entstanden. Allerdings sind die Bestände sehr ungleich, und es— die Frühzeit der italie⸗ nischen Renaissance und die deutsche Kunst in der Eremitage nur ärmlich vertreten. Dafür ist sie an Meisterwerken anderer Kunst⸗ zeit so reich, wie sonst wohl nur noch das Louvre und das Prado⸗ Museum. Hier braucht nur an die 40 Rembrandts erinnert zu werden, die den unvergleichlichen Schatz der Eremitage bilden, sodann an die schöne nirgends sonst erreichte Reihe von Werken van Dycks und des weiteren an die glänzende Vertretung der spanischen Schule, von der Velasquez sowohl wie Murillo hier mit Meisterwerken, zum Teil in großer Zahl, erscheinen. Ein Juwel der Eremitage bildet auch die Sammlung Poussinscher Werke, die nicht weniger als 20 vortreffliche Stücke umfaßt. Wenn einmal ein Kenner die Psychologie der großen europäischen Galerien schreiben würde, so möchte das eine sehr interessante Arbeit werden; denn so groß auch die Rolle ist, die bei der Entstehung von Kunst⸗ sammlungen der Zufall spielt, so zeigen sie sich doch mit Geschichte und Art ihrer Heimatsländer merkwürdig eng verbunden. Und so trägt denn auch die Eremitage bis zum heutigen Tage noch den Charakter einer glänzenden Hossammlung— der Sammlung eines Hofes, dem es nie an Mitteln gefehlt und der stets danach gestrebt hat, loste es, was es wolle, die glänzendsten Werke und die ge⸗ feiertsten Meisternamen sich zu sichern. Und zu diesem Charakter der Sammlung paßt auch der Rahmen, in dem sie geboten wird. Es war Nikolaus I., dem die Eremitage im wesentlichen ihre heutige
Eremitage empfing, an, ihren Titel ebenso wie Hut und Degen Gestalt verdankt. Er berief den bekannten Münchener Baukünstler
Leo von Klenze zur Durchführung eines gründlichen Umbaues, und auf ihn geht das vornehme, gräzisierende, der Feinheit nicht entbehrende Gebäude zurück, das heute die Schätze der Eremitage birgt. Ihre Räume aber sind mit einem verschwenderischen Reich⸗ tume ausgestattet, der auf Schritt und Tritt daran erinnert, daß es das reichste Fürstenhaus der Welt ist, dem diese Sammlung ihren Ursprung verdankt und dem sie noch heute zugehört. *
Sprachecke des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins.
Humor in der deutschen Soldatensprache.
Kleine Soldaten werden von ihren Kameraden mit mancherlei meist landschaftlichen Scherznamen bedacht, wie Köttel(Nieder⸗ rhein), Knösel(Niedersachsen; auch wie Mutze, das eine kurze Pfeife, eigentlich wohl eine Lichtschnuppe oder dergleichen bedeutet), Schniggel(Bayern— Schnecke). Der linke Flügelmann heißt wohl auch der Schwanz oder(im Königreich Sachsen) das Bauch⸗ knepypchen(d. h. Nabel) der Kompagnie. Besonders beliebt und weit verbreitet sind aber gewisse, auf die geringe Körpergröße gehende Spitznamen für die Leute der 12. Kompagnie eines Regi⸗ ments, wie Mündungsdeckel, Mündungsschoner, Pottdeckel, Helm⸗ spitzen, Kammerstengel, Scharhzwecken, Sohlennägel, Kochgeschirr⸗ aspiranten. Man ruft ihnen auch zu:„Husch, husch, ins Koch⸗ geschirr!“ Man müsse sie, so meint man, auf diese Weise weiter⸗ befördern, weil sie mit den andern nicht Schritt halten könnten. Ebenso gibt es für besonders lang aufgeschossene Leute allerlei Beinamen, wie Bohnenstange, Hopfenstange(Bayern), langer Heinrich, langer Lulatsch(Hannover), Schlambampel(Sachsen). Allgemeiner verbreitet sind auch hier manche Scherzunamen für die durch ihre Körperlänge auffallenden Leute der 1. Kompagnie eines Regiments, wie Wischstöcke, Wischstricke, Zollstöcke, Zielsäcke, Klapp⸗ messer, Langschäfter, Herrgottskitzler(Schlesien; hier liegt die scherzhafte Vorstellung zugrunde, sie könnten wegen ihrer Länge den Herrgott etwa mit einem Strohhalm am Bart kitzeln). Die langen Gardisten heißen in Bayern und Baden Heufresser. Sonst soll der gewöhnliche Infanterist den Gardisten auch ganz allgemein Wischstrick und dieser jenen wieder Sohlnagel nennen.
Imme(Essen).
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— Eisernes Geld. Der Beschluß des Bundesrats, eiserne Scheidemünzen prägen zu lassen, erinnert an die älteste Form von Münzen, die uns aus dem alten Griechenland erhalten sind. In den Trümmern von Heraion zu Argos haben sich kleine Bündel von eisernen Stäbchen gefunden, die in alter Zeit als Münzen im Umlauf waren und von den Gläubigen der Göttin geweiht waren. Sie hießen„Obeloi“(kleine Spieße) und wurden in handlicher Zahl zusammengebunden, um das Zählen größerer Summen zu erleichtern. Solch eine Handvoll hieß griechisch „Drachme“ und diente in späterer Zeit als Rechnungseinheit, so daß noch heute in Griechenland, das bekanntlich dem lateinischen Münzbund angehört, das Aequivalent des Frank diesen Namen trägt. Aehnlich war auch in Ostasien die kleinste Münzeinheit ein rundes Stückchen des billigsten, aber sehr brauchbaren Metalls,


