Nr. 199
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
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Die„Gießener Famillenblätter“ werden dem
Anzeiger“ viermal wöchentli
1 entlich beigelegt, das
„Arelsblatt für den Ureis Gießen“ zweimal
wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Seit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Gießener
General⸗Anzeiger für Oberhessen
165. Jahrgaug
nzeiger
Mittwoch, 25. August 1915
Rotationsdruck und Zerlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul-
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S251, Schrift-
leitung: S112. Adresse für Trahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
Mb. Deutscher Reichstag.
17. Sitzung, Dienstag, den 24. August. Am Tische des Bundesrats: Dr. Delbrück, Dr. Lisco. Präsident Dr. Kaempf eröffnet die Sitzung um 3½ Uhr.
Die Verlagung des Reichslages.
Der Antrag auf Vertagung des Reichstags bis zum 30. November wird vom Hause ee 8 f
die wirlschafllichen Maßnahmen.
Unterstaatssekretär Dr. Michaelis
wendet sich gegen die gestrigen Angriffe des Zentrumsabgeord⸗ neten Dr. Pfleger wider die Reichsgetreidestelle, die frühere Kriegsgetreide⸗Gesellschaft. Die Reichsgetreide⸗Gesellschaft wurde beschuldigt, daß sie Artikel gegen Bezahlung in die Presse gebracht 12 5 daß sich unter ihrem Personal auffällig viel Juden befunden aben, und daß sie gewissermaßen als eine Versicherung gegen die Schützengrabengefahr benutzt werde. Unter ihren Beamten habe sich eine große Zahl von reklamierten Dienstfähigen befunden. Leider hat Herr Dr. Pfleger diese Vorwürfe nicht in der Kom⸗ mission erhoben.(Zuruf; Das hat er doch getan! Zustimmung.) Dann ist es nicht zu meiner Kennrnis gekommen, dann bitte ich um Entschuldigung. Mir ist gesagt worden, es wären allerdings nach dieser Richtung Unzuträglichkeiten vorgekommen.(Hört! hört!) Der Kriegsmimister hat mir das gesagt, aber er hat hinzu⸗ gefügt, daß er kein Urteil darüber habe, ob die Leitung der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft hieran eine Schuld treffe. Die Ver⸗ handlungen darüber sind noch in der Schwebe.
Die ser Vorwurf. daß die Organisation als eine Versicherung egen den Schützengraben anzusehen sei, richtet sich gegen ihre Leitung und in letzter Linie gegen mich. Es ist selbstverständlich: wenn eine Gesellschaft während des Krieges zusammengesetzt wird und mit einemmal eine derartige Riesenaufgabe übertragen er⸗ hält, dann muß das Personal sozusagen zusammengewürfelt wer⸗ den. Der ganze Bestand der wirtschaftlich tätigen Personen war bei Begründung der Gesellschaft in alle Winde verstreut, ein 1 Teil war im Felde. Da konnte man nicht fragen, ob der Jetreffende militärpflichtig sei, ob er reklamiert oder felddienst⸗ fähig oder nur garnisondienstfähig sei, ob er wegen Krankheit zu⸗ rückzustellen oder überhaupt dienstfrei sei. Von vielen Persön⸗ lichkeiten muß man sagen, es wäre gut gewesen, sie wären überhaupt nicht in den Apparat eingetreten. (Hört, hört!). Wir haben selbstverständlich im Laufe der Geschäfte immer mehr gesiebt und Ungeeignete hinausgetan. Als auf im⸗ mer höhere Altersklassen zurückgegriffen wurde, haben wir selbst⸗ verständlich darauf gehalten, daß Drückebergerei nicht vorkommt. (Unruhe.) Unter den Angestellten der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft —und wahrscheinlich auch in anderen Kriegsorganisationen waren auch solche, die lieber am Schreibtisch sitzen als daß sie z. B. schippen(Unruhe)— es ist zweifellos, daß unter ihnen manche sind, die dem Vaterlande so besser dienen, als wenn sie schippen (Unruhe); das kommt überall bor, auch bei Behörden(Unruhe).
Wir haben uns bemüht, mit den Militärbehörden in Fühlung zu bleiben, und diejenigen, die hinausmüssen, auch herauszu⸗ stellen. Am 1. Juni waren von 862 Angestellten 624 Männer. Von diesen 624 Männern waren 425 reklamiert.(Hört, hört! und Unruhe.) Seit dem 1. Juni haben wir der Militärbehörde zunächst 132 bezeichnet, die wir freigeben, die wir als nicht mehr unentbehrlich bezeichnen. Bis 0 18 sind diese alle eingefordert worden, so daß von diesen 425 Männern 114 eingezogen waren. Am 4. August waren noch 311 Angestellte reklamiert.(Hört, hört!) Nach einer ernstlichen Untersuchung sind von ihnen 171 Personen kriegsverwendungsfähig(Hört, hört!), arbeits⸗ und garnisondienstfähig sind 78, zeitweilig dienstuntauglich 47 und dauernd untauglich 17.(Lachen.) Nach einer Abrede zwischen der Leitung der Gesellschaft und dem stellvertretenden Generalkommando des 8. Armeekorps sollen die Kriegsverwen⸗ dungsfähigen von uns in der Zahl von 120 im Laufe der nächsten Zeit zur Verfügung gestellt werden. Das ist nicht erst auf Grund der Verhandlungen des Reichstages geschehen, 1 die Leitung selbst wollte diejenigen, die enkbehrlich und kriegsverwendungs⸗ n ausscheiden. Dann bleiben von den 311 Reklamierten n. 15
In zahllosen anonymen Zuschriften ist der Vorwurf erhoben worden, daß die Leiter der Gesellschaft direkt diese Zurückstellungen begünstigen; man hat sie sogar bezichtigt, sie hätten persönliche Vorteile davon. Ich habe alle diese Anschuldigungen gegen die Leiter der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft so gründlich untersucht, als wenn ich darüber auf Grund eines Amtes Recht zu sprechen hätte. Man hat sich nicht entblödet, zu behaupten, daß einige von ihnen wegen persönlicher Vorteile die westlichen Mühlen mehr berücksich⸗ tigt hätten als die östlichen, daß sie dadurch Gewinne erzielt hät⸗ ten, die in die Taschen der betreffenden Herren geflossen wären. Eine Treuhandgesellschaft hat die Verhältnisse der Kriegsgetreide⸗ Gesellschaft genau untersucht.
In unserem Aufsichtsrat sitzen die Bürgermeister der größeren Gemeinden, außerordentlich geschäftserfahrene Leute, die Leiter großer industrieller Unternehmungen, wir haben einen Beirat, worin die Interessentengruppen vertreten sind. Alle Bücher, alle Räume haben wir ihm geöffnet. Sie haben auf das Eingehendste alles geprüft. Ich hoffe, daß auch einer aus dem Hause dabei ge⸗ wesen ist, der aufsteht und das bestätigt. Sie müssen sich klar machen, daß die Gegnerschaft gegen eine solche Gesellschaft ganz natürlich groß ist.(Sehr richtig! links.) Wir haben den Handel ausgeschaltet, also sind die Händler unsere Gegner.(Sehr richtig! inks.) Wir haben die Müller, große wie kleine, nicht befriedigt. Es ist eine der vielen unbesieglichen Unwahrheiten, daß die gro— ßen Müller große Vorteile gehabt hätten. Das ist nur in ber⸗ schwindenden Fällen anfangs der Fall gewesen, wo die großen Müller daneben von Kommunen oder der Heeresverwaltung be⸗ schäftigt worden sind und die Verteilung nicht so gleichmäßig erfol⸗ gen konnte, wie es im zweiten Jahre möglich sein wird.
Unsere Karten ergeben ganz deutlich, daß die östlichen und mitteldeutschen Mühlen verhältnismäßig besser fortgekommen sind als die westlichen. Die Geschäftsführer sind aus Sorge vor Vor⸗ würfen darin zu weit gegangen. Ich habe das als fehlerhaft be⸗ mängelt. Sie hätten trotz der zu erwartenden Kritik die westlichen ganz gleich heranziehen müssen wie die östlichen. Auch wenn man mit Menschen⸗ und Engelszungen dagegen redet, würden die Vor⸗ würfe immer weiter erhoben werden. So ist es mit der Land⸗ wirtschaft. Wir haben tief in ihre wirtschaftlichen Verhältnisse ein⸗ greifen müssen, aber was hat die K G für Unbill wegen der Kleie erleiden müssen. Ein agrarischer Abgeordneter hat noch im Früh⸗ jahr gesagt, er wolle zwar den Verdacht nicht zu seinem 1 5 machen, aber man könne sich nicht wundern, wenn die Geschäfts⸗
führer so mit der Kleie zurückhielten, damit ihre Geschäftsfreunde erst die anderen Futtermittel recht teuer verkaufen könnten.(Hört, dätle links.) Die K. G. hat nie mit der Kleie zu tun gehabt. Das ätten die Betreffenden wissen müssen. Es hat nie eine Organi⸗ sation gegeben, die derartig allen Interessentengruppen gegenüber wehrlos dagestanden hat.
Ein westpreußischer Abgeordneter hat erzählt, in der K.-G. spreche man davon, das Getreide hätte im Frühjahr eine Keim⸗ zeit und fügte hinzu, man dächte wohl an Saatkartoffeln, was in der betreffenden Versammlung großes Gelächter und jubelnden Beifall hervorrief. Wenige Tage darauf bekam ich einen Brief der Westfälischen Landwirtschaftskammer, sie fühle sich veranlaßt, mit vollem Ernst auf die Gefahr hinzuweisen, die bei der Lagerung des Getreides in den kommenden Monaten auftrete, weil ja eine Keimung stattfinde. Man hat der K.-G. Sachunkunde, Inter⸗ essentenwirtschaft und Bevorzugung der Juden vorgeworfen.(Hört! hört!) Einen Großgrundbesitzer, der zu mir geschickt worden war, habe ich gefragt, wie sein früherer Getreidehändler geheißen hätte. (Heiterkeit.) Er hieß Schlesinger.(Heiterkeit.) Wenn eine Gesell⸗ schaft den Getreidehandel für das ganze Deutsche Reich auf die Schulter nehmen soll, so kommt sie um den Getreidehandel nicht herum, und wenn darin in der Hauptsache jüdische Herren sind, so muß sie darauf zurückgreifen, selbst wenn, was natürlich nicht der Fall ist, eine Unterscheidung zwischen Juden und Christen gemacht werden sollte.
Ich gebe ohne weiteres als richtig zu, daß unter unseren Leuten solche mit schwachem Mut und schwachem Wol⸗ Len sind, die vielleicht lieber auf dem Drehschemel sitzen als im Schützengraben; aber ich muß es unbedingt ablehnen, daß die Ge— schäftsleitung selbst eine Organisation, also etwas bewußt Ge— wolltes wäre, die sich damit beschäftigt, eine Versicherungsanstalt für solche zu bilden, die sich vor dem Schützengraben drücken wol⸗ len. Werden solche Vorwürfe in der Oeffentlichkeit erhoben, so gehen sie selbstverständlich ins Ausland und werden dort mit Wonne aufgegriffen, wie wir uns ja mit Recht über die Drückebergerei in Nachbarstaaten lustig machen. Die Männer, die an der Spitze des Unternehmens stehen, haben mir gestern sämtlich erklärt, sie müßten mir ihr Amt vor die Füßelegen. Ich mußte ihnen sagen, sie möchten abwarten, ich würde für sie eintreten. Ich kann die Verantwortung nicht übernehmen, daß die Bevölkerung regelmäßig ihr Mehl erhält und das Heer versorgt wird, wenn nicht darauf Rücksicht genommen wird, daß wir bei der Auswahl unseres Personals zunächst darauf sehen, was der Mann für die große nationale Aufgabe nützt, die der Gesellschaft übertragen ist.
Daneben kommt dann die Frage, ob der Mann besser in den Schützengraben hinein oder schippen muß, wenn es sich namentlich nicht mehr um junge Leute handelt. Wenn ich sage, daß ich die Verantwortung nicht übernehmen kann, so ist das keine Redens⸗ art. Ich habe dieses Wort sonst nie in meinem Leben ausgespro⸗ chen. Ich bitte Sie darum: Prüfen Sie; es steht Ihnen nach wie vor die ganze Geschäftsführung der K.-G. offen. Aber haben Sie doch auch das Zutrauen zu mir, daß ich mir der großen Aufgabe voll bewußt bin. Wenn Sie mir das konzedieren, dann kann ich den Herren heute auch sagen, sie sollen mir die Gefolgschaft nicht verweigern, sondern weiter zu Diensten sein und mir und dem Vaterland die großen Aufgaben lösen helfen, die uns bevorstehen. Das ist so namenlos schwer, daß die meisten keine Ahnung davon haben. Sollen wir sie lösen, so dürfen wir die Leute, die an der Spitze stehen, nicht vergrämen. Man hat sogar einen Herrn als Drückeberger bezeichnet, der als Unteroffizier in einem Gefangenen⸗ lager Dienst als Dolmetscher tat und der für einen bei uns aus⸗ scheidenden Direktor als Ersatz herangezogen werden sollte, obwohl der Mann 44 Jahre alt war und obwohl sein Vorgänger, der auch schon 40 Jahre alt war und einen sehr wichtigen Posten versah, unbedingt in den Felddienst hinaus wollte. Also ich bitte um Gerechtigkeit und darum, daß man sich den ungeheuren Widerstand klar macht, gegen den wir zu kämpfen haben, und daß man sich dessen bewußt wird daß durch mangelhaft geprüfte Vor⸗ würfe wie die hier vorgebrachten eine große vaterländische Aufgabe geradezu gefährdet wird. Sorgen Sie dafür, daß wir nicht den Mut verlieren durch Tadel und Kritik, die vielfach ungerechtfertigt an der Leitung der K.⸗G geübt worden sind.
Abg. Dr. Spahn(Zentr.):
Ich möchte noch einmal feststellen, daß der Abg. Pfleger die hier vorgebrachten Dinge auch bereits im Ausschuß erwähnt hat. Im übrigen hat sie ja der Unterstaatssekretär Michaelis auch zugege⸗ ben.(Sehr richtig! im Zentrum.) Voon 624 Männern sind 425 rekla⸗ miert worden. Ich glaube, es gibt im Deutschen Reiche keine ein⸗ zige Behörde, wo derartiges der Fall ist.(Lebhafte Zustimmung.) Mindestens sind die reklamierten Personen in anderen Betrieben auf die Hälfte reduziert. Hier sind von 425 reklamierten nur 17 dienstuntauglich gewesen.(Lebhafte Zustimmung im Zentrum.) Der Kriegsminister hat im Ausschuß erklärt, die Beschwerden über die Verwendung dienstfähiger Personen in der K. G. seien zu seinen Ohren gekommen und erst daraufhin habe nicht die Kriegsgetreidegesellschaft, sondern das Kriegsministerium aus sich heraus Anlaß genommen, die Personen, die von der K. G. für ihre Zwecke eingestellt worden seien, untersuchen zu lassen.(Leb⸗ hafter Beifall.)
Unterstaatssekretär Dr. Michaelis:
Man muß unterscheiden zwischen dem, was der Kriegsminister uf Grund von Anzeigen getan hat und dem, was ganz systematisch on dem Generalkommando und uns allmählich durchgeführt
wurde. Die Auswahl der Diensttauglichen aus dem Bestande unseres Personals, die wir entbehren konnten, ist unabhängig von den durch jene Denunziationen veranlaßten Erhebungen erfolgt.
Abg. Wamhoff(ul.):
Wir haben alle das Streben, wenn möglich die jetzige Teuerung 1 aber wenn man nach den Gründen sucht, so muß man doch sagen, daß man etwas zu viel Theorie getrieben 175 und daß auch die Statistik im ersten Kriegsjahr etwas gemißbraucht wurde. Auch wir wünschen, daß diejenigen am härtesten bestraft werden, die mit Brot⸗ und Korngetreide Wucher treiben. Die Futtermittelnot auf dem Lande ist groß. Wir leiden na⸗ mentlich an dem Mangel an Kraftfuttermitteln. Mit Kartoffeln allein können wir das Vieh nicht füttern. Eine Gersteverwer⸗ tungs⸗Gesellschaft haben wir ja, aber wir bekommen nichts von ihr. Also ich sage, der Theoretiker ist zu viel gehört worden, und der Mann aus dem Volke zu wenig.(Sehr richtig!)
Glücklicherweise haben wir im Brotgetreide eine gute Mittel⸗ ernte; und wir meinen daher, daß die Brotrationen etwas erhöht werden könnten. Die Haferernte aber ist schlecht. Mein Freund Böhme hat Ihnen dargelegt, welche großen Fortschritte unsere Viehzucht gemacht hatte. Vergleichen Sie aber einmal die Tiere von früher und jetzt. Man empfiehlt, den Fleischverbrauch einzu⸗ schränken, das Fleisch an einzelnen Tagen der Woche überhaupt nicht zu verkaufen. Ich fürchte, dabei wird nicht viel heraus⸗
kommen. Es gibt sehr viele Familien, die nicht auch nur jeden zweiten und dritten Tag Fleisch essen können.(Sehr richtig!) Entsetzlich leidet die Landwirtschaft unter dem Arbeitermangel. Jetzt ist es etwas besser geworden. Bei der Verteilung der Gefan⸗ genen sollen aber auch die kleineren und mittleren Landwirte be⸗ rücksichtigt werden. Das dürfte nicht an der Aufsicht scheitern. Wenn in einen Ort 40 Gefangene gelegt werden, und jeder Bauer 2 bis 3 bekommt, so ist es nicht nötig, daß überall ein Gendarm mitgeschickt wird.(Sehr richtig!) Die Leute denken gar nicht dran, auszureißen. Sie freuen sich, daß sie aus dem Lager in die Landwirtschaft hineinkommen. Ich habe einen Belgier, dem die ländliche Arbeit so gut gefällt, daß er mir sagte, er möchte seine Frau nachkommen lassen.(Heiterkeit.) 5 5 5
In der Geschichte des Krieges von 1870/71 bildet die Pflege der Kranken und Verwundeten ein Ruhmesblatt unserer deutschen Frau. Ein gleiches Ruhmesblatt haben sich die Frauen auch in diesem Kriege erworben. Das wird wohl jeder bestätigen, der unsere barmherzigen Schwestern und Diakonissinnen hat auf den Bahnhöfen für die Soldaten sorgen sehen.(Beifall.) Wer aber jetzt auf das platte Land kommt, der sieht, wie dort die Frauen arbeiten, wie sie sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend abrackern, wo ihnen ihr letztes Pferd und ihr letzter Knecht ge⸗ nommen ist, sie selbst hinter dem Pflug gehen, selbst pflügen und säen müssen. Auch das ist ein Ruhmesblatt für unsere Frauen. Nicht nur unsere Soldaten, nicht nur unsere Heeresleitung und unsere Regierung schreiben mit ehernen Lettern die Geschichte dieses Krieges, sondern wir alle wünschen, daß auch die Frauen ihr Ruhmesblatt in dieser Geschichte gewidmet bekommen. Sie haben es in der Tat verdient!(Lebhafter Beifall.).
Staatssekretär Dr. Delbrück:
Im Interesse der schwer angegriffenen Beamten der Kriegs⸗ e 1115 ich nochmals das Wort nehmen. Als diese Sachen im Ausschuß vorgebracht wurden, war weder der Unterstaatssekretär Michaelis noch ich selbst zugegen. Wir durften beide annehmen, daß diese Angelegenheit, da es sich um die Kriegsgetreide⸗Gesellschaft handelte, auch bei diesem Gegenstand zur Sprache gekommen wäre, und nicht beim Kriegs ministerium. (Sehr richtig!) Die Kriegsgetreide⸗Gesellschaft ist im vorigen Win⸗ ter gegründet worden, als die Anforderungen an Mannschaften noch sehr viel geringer waren als heute und als der Arbeitsmarkt völlig durcheinander war. Bei der Riesenarbeit, die plötzlich an die Kriegsgetreide⸗Gesellschaft herantrat, nahm man, was man be⸗ kommen konnte. Eine Organisation, von der die Verpflegung des ganzen Volkes abhängt, kann nicht zu einem bestimmten Termin ihr mühsam eingearbeitetes Personal in großer Zahl wechseln; das kann nur allmählich abgeschoben werden.(Sehr richtig!) Sa erklärt sich, daß sich in der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft eine große Anzahl von im Laufe des Krieges militär⸗ bzw. dienstpflichtig ge⸗ wordenen Personen befand, die nur allmählich abgegeben werden konnten. Täglich erscheinen bei mir Vertreter der Industrie, Ver⸗ treter der Landwirtschaft und reklamieren Angestellte, die im
Interesse unserer Kriegsbereitschaft unentbehrlich sind. Niemand
findet etwas dabei.(Sehr richtig!). 8. Wenn die Kriegsgetreidegesellschaft vielleicht etwas zuweit, gegangen ist in der Reklamation(Hört! hört!), so hat sie das doch nur aus der Besorgnis getan, ob fie auch ihre Aufgaben erfüllen könnte; und da wagt man es(mit der Faust auf den Tisch schla⸗ gend) hier den Vorwurf zu erheben, daß sie eine Versicherung gegen den Kriegsdienst wäre!(Lebhafte Bewegung.) Dagegen muß ich die mir unterstellten Beamten mit aller Entschiedenheit in Schutz nehmen!(Zustimmung links.) Dem Kriegsminister waren Denunzationen zu Ohren gekommen, er hatte eine Untersuchung eingeleitet, ohne etwas von den Schritten der Leitung der Kriegs⸗ 5 getreidegesellschaft zu wissen. Herr Abg. Spahn, Sie schütteln den Kopf. Soll ich das etwa dahin deuten, daß die mir soebe gemachten dienstlichen Meldungen meiner Beamten falsch sind (Lebhafte Unruhe im Zentrum.) N
Von den 627 männlichen Angestellten der Kriegsgetreide⸗ gesellschaft sind kriegsverwendungsfähig, d. h. zur Verwendung im Schützengraben geeignet, 171 Personen. Von diesen 171 Personen werden im Interesse der Aufrechterhaltung eines ordentlichen Ge⸗ schäftsbetriebes der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft nur 120 in Raten abgegeben, so daß 51 Personen, die kriegsverwendungsfähig sind, übrig bleiben, die aber nicht entbehrt werden können, weil sie in leitenden Stellungen sind. Unter den jetzt abgeschobenen Kriegs⸗ verwendungsfähigen sind nur 8 gediente Leute, alle übrigen sing ungedienter Landsturm.(Hört! hört!) Die Bemühungen zur Ver⸗ fügungstellung dieser Leute sind von der Leitung der Kriegs⸗ getreide-Gesellschaft in Gemeinschaft mit dem Generalkommando des III. Armeekorps veranlaßt worden— das stelle ich hler aus⸗ drücklich fest—: sie sind allein zurückzuführen auf die Initiative der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft.(Hört! hört!) Insbesondere ist die militärdienstliche Untersuchung von der Geschäftsleitung selbst bei dem Stellb rtretenden Generalkommando beantragt worden, (Hört! hört!) Ein Beauftragter der Kriegsgetreide-Gesellschaft hat bei dem Generalkommando des III. Armeekorps um mili—⸗ tärische Untersuchung der Angestellten gebeten.(Hört! hört!)
Ich scheue die Kritik nicht und erkenne das Recht des Parla⸗ ments zur Kritik in vollem Umfange an. Ich habe in der Kom⸗ mission wiederholt ausgesprochen, daß ich dankbar bin, wenn mir Beschwerden über die nachgeordneten Aemter und Verwaltungen vorgetragen werden, damit ich sie untersuchen kann. Ich muß mich dagegen verwahren, daß man dem Leiter und den Beamten dieser Stelle, die unter schwierigsten Verhältnissen im Kriege ein ver⸗ antwortungsvolles Amt wahrzunehmen hatten, solche Vorwürfe macht, wie sie gestern der Abg. Dr. Pfleger erhoben und sie heute der Abg. Dr. Spahn gutgeheißen hat, und das in einem Augen⸗ blicke, wo, wie Sie wußten, vom Kriegsmindster eine Untersuchung eingeleitet war, aber das Ergebnis noch nicht vorlag.(Unruhe.)
Abg. Dr. Spahn(Ztr.) f 1 betont, daß man die Angaben über die Zahl der dienstfähigen Be⸗ amten der Kriegsgetreide⸗Gesellschaft heute zum ersten Male von dem Unterstaatssekretär Dr. Michaelis gehört habe;
Abg. Koch(Vpt.) 1 5
Man darf es nicht immer so hinstellen, als ob allein die Groß⸗ grundbesitzer das Vaterland erretten, die größten Opfer bringen die kleinen Landwirte, die sich schwer um die Aufrecht⸗ erhaltung ihres Betriebes sorgen müssen. Man soll auch nicht so tun, als ob die Höchstpreise zu niedrig wären. Wenn das Reich genügend Kraftfuttermittel zur Verfügung stellen würde, könnten sie sogar noch niedriger sein. Unsere Ernte verspricht gut zu werden, ich habe noch kaum so entwickelte Aehren gesehen. Der Abgeordnete von Gamp hat gestern erzählt, wieviel Pferde er ver⸗ kauft hat, da hat also Herr Stadthagen einen großen Fehler ge⸗ macht, als Herr von Gamp ihm sein Gut schenken wollte und er es nicht annahm.(Große Heiterkeit.) Die Kriegsgetreide-Gesell.
schaft muß mit höheren Kosten arbeiten, da die übermäßige Zen⸗
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