Ausgabe 
(13.8.1915) 189. Erstes Blatt
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Petersburg, 12. Aug.(WT. Nichtamtlich.) Die Nowoje Wremja meldet, daß Deutschland in völliger Verkennung der Stimmung Rußlands tatsächlich den Versuch gemacht habe, durch ein bekanntes deutsches Bankinstitut Verhandlungen über einen Sonderfrieden mit Ruß⸗ land anzuknüpfen. Die Vermittlerin habe zu verstehen ge⸗ geben, daß die deutsche Regierung bereit sei, Polen und Kurland zu räumen und Galizien und die Dardanellen Rußland zu überlassen, wenn der Türkei Aegypten zuge⸗ sichert werde und Deutschland freie Hand gegen die Verbün⸗ deten Rußlands erhielte.

Berlin, 13. Aug. Zu der Meldung über deutsche Friedens⸗ vorschläge, die in Petersburg gemacht sein sollen, sagt der Berliner Lokalanzeiger: Wir können es nicht laut genug erklären, ein Deutschland, das im Verein mit seinem Ver⸗ bündeten seit einer Reihe von Wochen die russische Armeen von einer Rückzugstellung in die andere wirft, nicht nur fast ganz Galizien von den Russen gesäubert, sondern auch den größten Teil Kurlands und Littauens besetzt, sämtliche Narewfestungen genommen hat, als Sieger in Warschau, die Hauptstadt Polens, eingezogen ist und bereits im Begriffe steht, von ganz Polen Besitz zu ergreifen, gerade dieses Deutschland kann am wenigsten Veranlassung haben, ausgerechnet in Petersburg Friedensangebote zu machen. Wer das glaubt, übersieht immer noch die verzweifelte Lage des von Tag zu Tag geschlagenen und zum Rückzug ge⸗ zwungenen russischen Heeres, übersieht oder unterschätzt den un⸗ aufhaltsamen Siegeswillen der deutschen Armeen zu Wasser und zu Lande, der im Westen wie im Osten nicht eher aufhören wird, als bis die Feinde endgültig geschlagen sind.

DasBerliner Tageblatt führt aus: Solange die Alliierten behaupten oder auch hoffen, daß sie uns besiegen und sogar vernichten werden, verbietet sich ein solcher Schritt von selbst. Diese Angaben sind so töricht, daß sie nur von sehr naiven Leuten ernst genommen werden können. Zugleich erkennt man aus ihnen die tieferen Gründe, die wohl ber der Verbreitung dieser Gerüchte die Hauptsache waren: Durch die Versicherung, Deutsch⸗ land habe in Petersburg Galizien angeboten, sollte in Oesterreich⸗ Ungarn Verstimmung hervorgerufen und durch die Behauptung, Deutschland wolle die Dardanellen Rußland überlassen, sollten die Balkanstaaten mißtrauisch gemacht werden. 5

In derDeutschen Tageszeitung heißt es: Ein jetzt geschlossener Friede würde für Deutschland vorzeitig sein, einerlei von welcher Seite die Friedensanregung gekommen wäre oder käme. Solche von unseren Gegnern kommende Anregungen würden von der Voraussetzung ausgehen, daß die deutsche Friedens⸗ sucht stärker wäre, als der Wille, die Erfolge voll reifen zu lassen, und als die Erkenntnis, daß nur dann die erforderliche zukünftige Sicherheit errungen werden könne.

DieKHreuzzeitung meint: Es ist sonderbar, daß der⸗ artige Ausstreuungen immer wieder Glauben finden können. Wir haben in diesen Meldungen wohl einen Versuch Englands zu sehen, etwaigen Friedensneigungen, die sich bei seinem russischen Ver⸗ bündeten zeigen sollten, von vornherein zu begegnen und ihn auf die Abmachung des solidarischen Friedensschlusses festzunageln.

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Die Kämpfe an den Dardanellen.

Konstantinopel, 12. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Nach zuverlässigen Ergänzungen und Nachrichten über die Landun⸗ gen der Engländer am 6. und 7. August läßt sich behaupten, daß diese Operationen nicht die Bedeutung besitzen, die ihnen die Engländer und Franzosen zuschreiben wollen. Die Landung in Karatschali an der Nordküste des Golfes von Saros umfaßte kaum 350 Mann, die rasch in die Schiffe zurückgeworfen wurden und etwa 20 Tote zurückließen. Nicht ein einziger Mann der feindlichen Abteilung ist an der Küste zurückgeblieben. Eine bedeutendere Landung fand am Golf von Anaferta statt. Die gelandeten englischen Truppen, ungefähr 15 000, gingen zunächst

in südwestlicher Richtung gegen Mestamtepe zweifellos in der Ab⸗

sicht vor, um die bei den Stellungen von Ari Burnu aufgestellten türkischen Truppen in der Flanke zu fassen. Aber dank der Schnei⸗ digkeit und dem Ungestüm unserer Truppen ist der Vormarsch des Feindes aufgehalten und sind die feindlichen Truppen sodann zurückgetrieben worden. Feststeht, daß auch an diesem Punkte dank der verfügbaren starken türkischen Reserven keine Gefahr besteht, daß der Feind Fortschritte macht. Konstantinopel, 12. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Das Hauptquartier teilt mit: An der Darda⸗ nellenfront wiesen wir am 10. August vier feindliche Angriffe auf unsere Stellungen zurück. Der Feind ver⸗ lor 3000 Tote bei einem Angriff gegen eine türkische Division. Unsere Truppen machten einen Gegenangriff, war⸗ sen den Feind aus seinen Stellungen und nahmen zwei Ma⸗ schinengewehre. Bei Sedd⸗ül⸗Bahr ließ der Feind am 10. Au⸗ gust nachmittags vor unserem rechten Flügel zwei Minen springen; sein Angriff wurde mit Verlust für ihn zurück⸗ geschlagen. Am 11. August vormittags vernichteten wir eine feindliche Streitmacht, die auf eine Kompagnie geschätzt wurde und einen Teil der Schützengräben unseres linken Flügels anzugreifen versuchte, vollständig. Von den anderen Fronten ist nichts Bemerkenswertes zu melden.

Italien und die Türkei.

Berlin, 12. Aug.(Zens. Bln.) Aus Rotterdam wird demB. L. berichtet: DieTimes melden aus Athen, daß die italienische Gesandtschaft die Türkei verläßt. Die Kriegs⸗ erklärung Italiens an die Türkei werde wahrscheinlich in Kürze erfolgen.

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Erneute Beschießung Dünkirchens.

Paris, 12. Aug.(WTB. Nichtamtlich.)Petit Jour⸗ nal meldet aus Dünkirchen: Die Umgebung von Dün⸗ kirchen wurde am Montag von schwerer deutscher Artillerie beschossen. Der Schaden ist unbedeutend.

Kriegstechnische Erfindungen.

Paris, 12. August.(WTB. Nichtamtlich.)Petit Pa⸗ risien meldet aus Turin: Der italienische Ingenieur Guarin hat einen Apparat erfunden, die Richtung der von Unterseebooten abgeschossenen Torpedos augenblicklich zu verändern und die Torpedos zur Explosion zu bringen, bevor sie ihr Ziel erreichen.

Paris, 12. Aug.(WTB. Nichtamtlich.)Petit Pa⸗ risien schreibt: Der Erfinder des Maschinengewehres, Maxim erklärt, er habe einen leichten und billigen Appa⸗ rat erfunden, der die erstickenden Gase unschädlich

mache. Wenn die Versuche, die demnächst stattfinden, befrie⸗ digen werden, so werde die französische und englische Armee damit ausgerüstet.

Die Anrufung der Hilfe Japans.

Paris, 12, Aug.(WTB. Nichtamtlich.)Echo de Paris läßt nochmals einen dringenden Ruf an England ergehen, seinen Einfluß auf Japan geltend zu machen und auf dem Abschluß eines japanisch-russischen Bündnisses zu bestehen.

Das neue Kabinett in Japan.

London, 12. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Das Reu⸗ tersche Bureau meldet aus Tokio: Das neue Kabinett ist gebildet worden. Der Premierminister Okuma über⸗ nimmt das Auswärtige Amt, Taketomi die Finanzen, Ikki das Innere, Katsundo Minura den Verkehr, Vize⸗ admiral Kato die Marine. Wie dieTimes aus Totio meldet, sei die Neuregelung nur eine vorläufige.

Rußland und Schweden.

Kopenhagen, 12. Aug.(WTB. Nichtamtlich.)Ber⸗ lingske Tidende meldet aus Paris: Zu einemFigaro Artikel, daß Rußland als Gegenleistung für gewisse Kom- pensationen die Alandsinseln abtreten solle, bemerkt der schwedische Berichterstatter desSjostedt, daß die Ab⸗ tretung Alaskas an die Vereinigten Staaten im Jahre 1867 einen Präzedenzfall hierzu bilde. Schweden könne Kom⸗ pensationen in Form von Handelszugeständnissen und einer Erleichterung des Durchfuhrhandels geben. Der Besitz der Alandsinseln würde Schweden die Sicherheit gewähren, die für das internationale Gleichgewicht unumgänglich not⸗ wendig sei. Wenn die Inseln in schwedischen Besitz kämen, dürften sie selbstverständlich niemals befestigt werden.

Aus Norwegen.

Kristiania, 12. Aug.(W. T. B. Nichtamtlich.) Meldung des Ritzauschen Bureaus. Das Storthing bewilligte gestern nachmittag in W Sitzung 9 Millionen Kronen zur Ver⸗ teidigung des Kristianiafjords, serner für die Flottenstation Kristiansund 223 000, für die Flottenstation Trondheim 590 000, für die Besetzung von Melsomvik 176 000, und für die Fabri⸗ kation von Torpedos 300 000 Kronen.

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Der Seekrieg.

London, 12. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Nach einer

Meldung von Lloyds Agentur sind die Fischerfahr⸗ zeugeUtopia,Ocenasgift,Esteraste,George Bor⸗ row,Joung Admiral,George Crabbe,Illustrous, Calm,Tresoire undWelcome versenkt worden. Die Besatzungen sind gerettet worden. Das gleiche Schicksal haben der britische DampferOakwood und die norwegische BarkMorna erfahren, deren Besatzungen gleichfalls ge rettet wurden. Berlin, 12. Aug.(Priv.⸗Tel.) DerLokalanz. meldet aus Kopenhagen: Ein holländisches Schiff landete in Vlaar⸗ dingen 12 Mann der Besatzung des in der Nordsee torpe⸗ dierten englischen RegierungsdampfersG. 11

Bergen, 12. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Der Bergener DampferAura ist heute früh von einem deutschen U-Boote vor Morstenen torpediert worden.Aura war mit Holz nach England unterwegs.

Kopenhagen, 12. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) Deutsche Torpedoboote hielten gestern vormittag südlich von Drogden den DampferTellus aus Stockholm und den DampferBoll⸗ sta d aus Kristiania an und beorderten beide abends südwärts. Sie wurden von einem deutschen Patrouillenboot begleitet.

Aus dem Reiche.

Die Sicherung unserer Obsternte. Berlin, 12. Aug.(WTB. Nichtamtl.) Da erfahrungs⸗ gemäß in vielen Bezirken Deutschlands für die Verwer⸗ tung des minderwertigen Obstes und der Wild⸗ früchte kein organisierter Zwischenhandel besteht, so hat die Zentral⸗Einkaufsgesellschaft in Berlin, Ab⸗ teilung Fruchtverwertung, Mittel und Wege gesucht, diesem Mangel abzuhelfen, um eine möglichst restlose Sammlung und Verwertung des minderwertigen Obstes, sowie der Eicheln, Kastanien, Bucheckern und Lindensamen zu erreichen. Zu diesem Zweck hat sie in ihrer Organisation eine Verbin⸗ dung zwischen den Produzenten und der verarbeitenden In⸗ dustrie bzw. der Landwirtschaft geschaffen. In Gegenden und Ortschaften, wo der Obstabsatz moch nicht organisiert ist(Land- wirtschaftskammern, Obstbauvereine, Obsthandel) darf er⸗ wartet werden, daß die landwirtschaftlichen Genossenschaften Sammelstellen übernehmen und damit den Verkehr zwischen Produzenten und Konsumenten erleichtern. Zum Teil soll so gewonnene Obst zu einer billigen Mischmarmelade, sog. Kriegsmus verarbeitet und den Konsumenten billig zugeführt werden, wobei sich die Z. E. G. eine gewisse Preis- kontrolle vorbehalten hat. Außer der Industrie können aber auch Kommunen und gemeinnützige Vereine minderwertiges W von den Genossenschaften durch die Sammelstellen eziehen.

Von besonderer Wichtigkeit ist es jetzt, alle fetthalti⸗ gen Früchte, wie Bucheckern, Lindensamen, Sonnenblu⸗ menkerne zur Oelgewinnung der Industrie zuzuführen und alle Futterfrüchte, z. B. Eicheln, Kastanien, zu sammeln, um damit die Landwirtschaft zu versorgen. Nähere Angaben finden sich in dem FlugblattAn die ländlichen Hausfrauen, das von der Verlagsabteilung der Z. E. G. in beliebiger Menge kostenlos verschickt wird.

Berlin, 12. Aug.(WTB. Nichtamtlich.) In der heutigen Sitzung des Bundesrats gelangten zur Annahme: Der Ent⸗ wurf des Gesetzes, betreffend Feststellung des Nachtrages zum Reichshaushaltsetat für das Rechnungsjahr 1915, der Entwurf des Gesetzes, betreffend Schutz von Verusztrachten und Berufs⸗ abzeichen für die Betätigung in der Krankenpflege, die Vorlage, betreffend Einschränkung der Arbeitszeit in den Betrieben, in denen Gespinste, Gewebe oder Wirkwaren aus Baumwolle usw. 8 werden und der Entwurf der Bekanntmachung über die ahlen nach der Reichs⸗Versicherungsordnung.

Aus Stadt und Land. Gießen, 13. August 1915. Gegen übermäßige Preissteigerungen. Aehnlich wie die sächsische Regierung, von deren Vor⸗ 7 wir in der gestrigen Nr. berichteten, hat nun auch ie hessische Regierung in Sachen der Lebensmittel⸗ teuerung das Wort genommen und Behörden und Publikum auf die Wichtigkeit der einschlägigen Bundesratsverord⸗ nungen hingewiesen. In einem offiziösen Artikel schreibt die Darmstädter Ztg.: Die Preise für zahlreiche Lebensmittel und sonstige Gegenstände des täglichen Bedarfs haben an vielen Orten eine Höhe erreicht, die in keinem Verhältnis steht zu den

Erzeugungs⸗ und Erwerbungskosten. Naturgemäß werden die in der Veränderung der Wirtschaftsverhälknisse durch

f 1 5 5 den Krieg begründeten Preissteigeru beseitigen lassen. Wohl aber kann Sorge dafür ge werden, daß die vorhandenen Vorräte dem Verb e halten bleiben und ihm zu Preisen zugeführt werden, nach den Umständen angemessen sind und keine unnötige Benachteiligung der Verbraucher enthalten. Durch das Reich sind in der Hauptsache die rechtlichen Grundlagen für ein Eingreifen der Verwaltungsbehörden geschaffen. Die all⸗ gemeinen Richtlinien für deren Vorgehen sind durch die zahlreichen Verordnungen des Bundesrats und die dazu erlassenen Ausführungsvorschriften im wesentlichen be⸗ stimmt. In ihrer Gesamtheit und in ihrem gegenseitigen Zusammenhange ermöglichen es diese Vorschriften, dafür zu sorgen, daß alle Waren, die für den täglichen von Wichtigkeit sind, rechtzeitig auf den Markt gelangen und zu angemessenen Preisen abgegeben werden. Wie wir hören, hat das Ministerium des Innern in einem Ausschreiben die Großh. Kreisämter und die Oberbürgermeister der Städte angewiesen, von den ihnen übertragenen Befugnissen aus⸗ giebigen Gebrauch zu machen. Ihre volle Wirkung werden die behördlichen Anwendungen jedoch nur äußerr können, wenn alle Beteiligten es für ihre vaterlän⸗ dische Pflicht erachten, die Durchführung der Maß⸗ nahmen nach Kräften zu fördern.

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Der Schmeerschorsch. i

Aus unserm Leserkreise geht uns folgender hübsche Beitrag zur Heimatgeschichte, verknüpft mit einer zeit⸗ gemäßen, vielleicht nicht von der Hand zu weisenden An⸗ regung, zu:

In Fir torf in Oberhessen wird noch das uralte Gewerbe des Schmeerbrennens, die Gewinnung von Tannenholzteer, der hauptsächlich zum Schmieren der Wagenräder Verwendung findet, und zwar in der einfachsten Jahrhunderte alten Form, von Georg Jung, genannt der Schmeerschorsch, ausgeübt. Er hat das Handwerk von seinen Voreltern übernommen. Noch vor einem Menschen⸗ alter waren hier ein halbes Dutzend Schmeeröfen im Brand und auch an anderen Orten der Provinz, z. B. in Streben⸗ dorf, Einertshausen, Großen-Buseck, Steinbach sowie in der Nähe des ausgegangenen Dörfchens Mengelshausen bei Lich brannte man noch bis in die Mitte des vorigen Jahrhun⸗

dertsSchmeer.

Das Schmeerbrennen ist eine saure und Win unlohnende Arbeit. Die Wurzelstöcke der im Winter ab⸗ gesägten Tannen müssen aus der Erde gehackt und gegraben, an den Ofen gefahren und hier in kleine Scheite gehauen werden. Nicht jeder Wurzelstock ist brauchbar; nur die mit gelber, ins Schwarze gehender Farbe wählt sich Schmeer⸗ schorsch als teerreich und zum Brennen geeignet aus. Die Scheite werden kunstgerecht in den Ofen gesetzt und dann wird unter diesen ein Feuer gemacht, das drei Tage und Nächte nicht ausgehen darf. Dabei heißt es achtgeben, daß die Hitze nicht zu groß wird oder das Feuer nicht ausgeht. Der runde, 2 Meter hohe zylinderförmige Brenn⸗ ofen besteht aus ungebrannten Lehmsteinen, ist oben offen und faßt etwa 3 Raummeter Holz. Nach der Füllung wird er verschmiert. Seine Sohle ist muldenförmig mit Sand⸗ steinen geglättet, und von der tiefsten Stelle führt ein Steingutrohr nach außen, aus dem Kienöl, Schmeer und Wasserdampf entweichen. In fußbreitem Abstand vom eigentlichen Ofen zieht sich rund um denselben ein aus Steinen gemauerter Feuermantel, der so hoch ist wie der eigentliche Ofen und an dessen unterem Teil die Schürlöcher sind. Als Heizmaterial dient Tannenholz. Füm Eimer Schmeer liefern eine Füllung. Das sind, ein Eimer zu 4 Maß- 8 Liter gerechnet, rund Zentner Schmeer. An Kienöl fällt ein knapper halber Eimer voll ab. Dieses Oel kauften früher die Apotheker mit Vorliebe, um daraus allerhand Salben zu machen. Im Ofen bleibt Tannenholz⸗ kohle zurück, die aber, weil die n und Schmiede von ihrer Benutzung abgekommen sind, unser Schorsch zu schöner Holzasche verbrennt, um mit ihr seine Kar⸗ toffeln zu düngen. Den gewonnenen Schmeer aber gilt es nun zu verkaufen, an den Mann zu bringen, und dies ge⸗ schieht ebenfalls noch in der althergebrachten Weise. Der Schmeerschorsch lädt einen Kübel voll auf seinen Schub⸗ karren und durchzieht damit die umliegenden Dörfer. Dort sagt man dann:Der Schmeermann kommt, es gibt Regen, wobei aber Ursache und Wirkung verwechselt werden. Das regnerische Wetter verleitet nämlich den Schmeermann zum Kommen, weil er bei diesem am ehesten die Bauern daheim antrifft.

Wie schon gesagt, ist diese grobe Art der Schmeer⸗

ewinnung eine nicht mehr rentable Arbeit. Früher galt

255 Schoppen Schmeer 6 Kreuzer= 20 Pfg. Wenn er auch in unserem Kriegsjahr fast auf das Doppelte im Preis gestiegen ist, so nährt das Handwerk doch noch lange nicht seinen Mann. Der Schmeerschorsch ist es auch schon lange leid.Hätt' ichs nicht gelernt, und wär' mir's nicht ans Herz gewachsen, dann gäbe ich es zur Stunde auf, so spricht der anspruchslose, wetterfeste Mann. 5 5

Der Gedanke aber drängt sich unwillkürlich auf, ob man nicht, weil infolge des Allkrieges die Schmieröhle so knapp geworden sind, die Schmeertanne wieder zu Ehren bringen, ihre Wurzeln und zwar auf rationellere Weise, vielleicht mit transportablen Oefen und Sägen im Walde selbst, gewinnen und das konsistente Fett, gemischt mit flüssigem Oel, als gutes Schmieröl zur Verwendung bringen könnte. 2 5.

* Der städtische Kartoffelverkauf findet, wie der Oberbürgermeister bekannt macht, jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag von 812 Uhr, Seltersweg 11 statt. Es werden Mengen bis zu 25 Pfund zum Preise von 7 Pfennig fürs Psund abgegeben. 1

Eine reiche Brombeerernte steht in Aussicht. Bei Wanderungen durch Feld und Wald kann man sich von dieser Tatsache überzeugen. Die Brombeerhecken, die man an den Berghängen und in den Tälern massenhaft an⸗ trifft, zeigen reichen Behang. Die Beeren, die zum Teil schon schwarz gefärbt sind, haben sich vorzüglich entwickelt, ind voll e und sehr saftreich. Für das Ein⸗ heimsen der in diesem Jahre doppelt wertvollen Beeren⸗ ernte sind die Schulferien besonders passend. Auch des Kreisamt weist in einer Bekanntmachung auf die Nutz⸗ barmachung der Brombeerernte hin.

* Feldpostdiebstähle. Von der hiesigen Post⸗ behörde mußte ein Beamter zur Anzeige gebracht werden, der seine Vertrauensstellung zur Unterschlagung von Feldpostsendungen benutzt hat. Die Diebstähle haben dank der Aufmerksamkeit der Behörde keinen größeren Um⸗ fang angenommen. e

Kreis Büdingen.

Berstadt, 11. Juli. Lehrer Jäger von hier, Leutnant der Landwehr im Res.-Juf.-Rgt. 88, erhielt die Hessische Ta pe sr⸗ keitsmedaille.

O Schwickartshausen, 12. Aug. In unferer Gemeinde

hat der Krieg ein weiteres Opfer gefordert. In den Kämpfen ur 73