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(07/08/1915) 184. Zweites Blatt
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tr. 184 Zweites Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSletzener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zelt⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Die Argonnenkämpfe vom 15. H. Juli 1015.

ö Aus dem Großen Hauptquartier wird uns geschrieben: 5 Der 13. Juli bricht an. Am vorhergehenden Abend und während der Nacht sind in den deutschen Gräben die letzten Vor⸗

bereitungen getroffen worden. Jeder Einzelne weiß genau Be⸗ scheid, welche Aufgabe ihm zufällt. Bei dem Gedanken an den be⸗ vorstehenden Sturm klopft das Herz schneller, voll kampfes⸗ freudiger Erregung und Spannung. Was werden die nächsten 12 Stunden bringen? Vielleicht manchem lieben Kameraden den Tod, aber sicher allen den Sieg. Es kann ja gar nicht anders sein; wo deutsche Fäuste drein geschlagen haben, hat der Feind noch immer das Feld räumen müssen, wenn er sich auch noch so tapfer wehrte, und wenn auch noch so viel Blut fließen mußte. Damals im Herbst war's so, und im Januar und Februar auch, Wer als Freiwilliger vorne bei der ersten Sturmkolonne dabei sein wolle, hatte der Herr Hauptmann gestern abend gefragt. Da hatten sich alle gemeldet. So viele konnte der Hauptmann gar nicht gebrauchen, es mußte gelost werden. Ja, die daheim, wenn die dabei wären, die könnten stolz sein auf ihre Jungens.

a Jetzt fängt es an zu dämmern. Es wird ein kühler und trüber Morgen. Noch ist es nicht recht hell, da kommt schlürfend und heulend von weit hinten aus einer deutschen Batteriestellung die erste schwere Granate angesaust, schlägt mitten in die feindliche Stellung ein, berstet mit einem donnernden Krach und überschüttet weit und breit alles mit einem Hagel von Sprengstücken, Lehm⸗ klumpen und Steinen. Jetzt geht's los. In den nächsten Minuten meint man, die ganze Hölle täte sich auf, von allen Seiten saust und braust und pfeift und heult es heran und schleudert Tod und Vernichtung in die feindlichen Stellungen, die bald in einen

e Nebel von Staub und Qualm gehüllt sind. Neugierig trecken unsere Kerls die Köpfe über die Brustwehr und überzeugen sich von der guten Wirkung des Artilleriefeuers. Dieses Zu⸗ schauervergnügen dauert aber nur kurz, denn bald eröffnen auch die französischen Batterien und Minenwerfer ihr Feuer, das sich von Stunde zu Stunde bis zur rasendsten Heftigkeit steigert. Dieses stundenlange untätige Aushalten in dem mörderischen Granaten⸗ hagel ist viel schlimmer und zermürbender als der ganze Sturm.

Um 8 Uhr vormittags brechen am linken Flügel etwa in der Mitte zwischen dem Punkt 263 und 285 die 5, schlesischen Jäger und ein Metzer Infanterie-Bataillon zum Sturm gegen den vor⸗ geschobenen französischen Stützpunkt los. In 7 Minuten sind die ersten drei Gräben überlaufen, der Feind wird an dieser Stelle von beiden Seiten eingeschlossen, so daß er von hier aus den späteren Hauptsturm nicht mehr flankieren kann.

Währenddessen erreicht auf der ganzen Front die Heftigkeit des Artillerie- und Minenfeuers ihren Höhepunkt. Viele Gräben werden im Laufe des Vormittags auf feindlicher, wie auch auf deutscher Seite einfach eingeebnet. An einer telle schlägt eine Mine in ein französis Handgranatenlager, das mit flürchter⸗ lichem Krach in die Luft fliegt. Hinter der Front fand man am nächsten Tage in einem einzigen, durch eine schwere Mörsergranate d 5 Unterstand 105 tote Franzosen. Ohne auf das vernichtFeuer zu achten, sitzen die Beobachter unserer Ar⸗ tillerie an ihrem Platz und machen die nötigen Meldungen über die Wirkung des Feuers. An drei verschiedenen Stellen hielten in Sappenspitzen die Leutnants N 1 und Fritsche und der Offizierstellvertreter Bock nur wenige Meter vom feindlichen Gra⸗ ben entfernt den ganzen Morgen aus und leiteten von hier aus das Feuer ihrer Batterien. Kurz vor dem Sturm schleichen sich an einer anderen Stelle zwei Pioniere, der Vizefeldwebel Bansamier und Unteroffizier Tuttenuit, in einer Sappe bis dicht an die französische Stellung heran und bringen hier unter einem Hagel von Handgranaten und Minen in aller Ruhe eine doppelte Spreng⸗ ladung an. Punkt 11 Uhr 30 Minuten vormittags wird die Zündung in Tätigkeit gesetzt: Eine gewaltige Ergoien und im nächsten Augenblick stürmen schon die ersten Musketiere und Pioniere durch die Sprengtrichter hindurch auf den französischen Graben zu. Im Handumdrehen sind die noch unbeschädigten Teile des Drahthindernisses auseinandergerissen und zerschnitten, rechts und links sausen die Handgranaten den Franzosen an die Köpfe,

N

b 165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

n

Samstag, 7. Auguft 1915

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗

straße 7. Geschäftsstelle u. Verlag: 51, Schrift-

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten⸗ Anzeiger Gießen.

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und schon stürzt sich mit tollkühnem Sprung als Erster der Pionier Blum der 1. Kompagnie Pionier⸗Bataillons Nr. 16 in den feindlichen Graben. Es vergehen kaum ein oder zwei Mi⸗ nuten, da hat die erste Sturmwelle schon den vordersten Graben überrannt und stürmt weiter gegen die zweite und dritte Linie. Zur gleichen Sekunde ist auf der ganzen Front von der Bolante bis jenseits der Römerstraße der Sturm losgebrochen. An vielen Stellen werden unsere Leute in dem Augenblick, in dem sie aus dem Graben vorbrechen, von einem rasenden Infanterie- und Ma⸗ schinengewehrfeuer empfangen. Alles kommt nun darauf an, so schnell wie möglich die Hindernisse zu überwinden. An einer be⸗ sonders gefährlichen Stelle springt ein junger Offizier, Leutnant Freiherr v. Marschall, seinen Jägern weit voran mit einem einzigen Satz über das vier Schritte breite Drahthindernis. Die andern folgen ihm, vor ihnen liegt ein Blockhaus, aus dem zwei Maschinengewehre Tod und Verderben speien. Die Jäger stürzen sich darauf, schleudern ihre Handgranaten durch die Schießscharten und den rückwärtigen Eingang in das Innere und machen so die Bedienungsmannschaft der Maschinengewehre unschädlich. Drei, vier, fünf Gräben werden überlaufen, dann geht's hinunter ins Meurisson⸗Tal. Hier steht an gedeckter Stelle ein Minenwerker, den tapfer bis zum letzten Augenblick ein französischer Artillerie Hauptmann bedient. Seine Leute liegen tot oder schwer verwundet neben ihm. Gerade will er eine seiner gefürchteten Minen den Heranstürmenden entgegenschleudern, da springt ein Bauern⸗ sohn von der schlesisch⸗polnischen Grenze, der Jäger Kucznierz, neben ihn und ruft ihn zu:Hast Du uns immer beworfen mit großen Flügelminen, hier hast Du Belohnung. Der Offizier reißt seinen Revolver hoch, aber der schlesische Gewehrkolben ist schneller als die Kugel des Capitaines. Immer weiter stürmen die wackeren Jäger. In der Hitze der Begeisterung des Kampfes merken viele gar nicht, daß sie die Höhe 285, das ersehnte Ziel, überhaupt schon erreicht haben, und dringen darüber hinaus bis in die Vallse des Courtes Chausses vor. Inzwischen haben oben auf der Höhe die Offiziere in richtiger Erkenntnis der Lage einen großen Teil ihrer Kompagnien angehalten und beginnen sofort mit dem Festlegen und notdürftigen Herrichten einer neuen Stellung. Nur ein kleiner Trupp allzu Verwegener stürmt bis mitten in die französischen Batterien und Lager, an ihrer Spitze der Leutnant der Reserve Englisch der 3. Kompagnie des Jäger⸗ Bataillons Nr. 6. Die Jäger versuchen, voll Siegesbegeisterung über ihre wertvolle Beute, die eroberten Geschütze es sind 4 leichte und 4 schwere zurückzuschaffen: Unmöglich, es g nicht, die Kanonen sind zu fest eingebaut und zu schwer. So müssen sie sich damit begnügen, mit Aexten, Spaten, Beil⸗ picken und anderem Gerät die Richtvorrichtungen, Verschlüsse und Untergestelle der Geschütze kurz und klein zu schlagen, um wenig⸗ stens die preisgegebene Beute in zerstörtem, unbrauchbarem Zu⸗ stande dem Feinde zu überlassen. Im letzten Augenblick stopfen noch schnell der Jäger Wistoba und der Oberjäger Broll von vorne in die Rohre zweier Geschütze je eine Handgranate und erstören durch deren Explosion die Laderäume und andere Teile. Groll schleuderte eine weitere Handgranate in das in der Nähe befindliche Munitionslager, das mit gewaltigem Krach in die Luft fliegt, und dann gehts Marsch, sch zurück zum Bataillon, denn jede Minute längeren Zögerns hätte die Tollkühnen den heranrückenden französischen Reserven in die Hände geliefert. An einer anderen Stelle hatten die Jäger in aller Eile einen irken Motor, der zum Betriebe der in die Minenstollen führen⸗ en 1 diente, gründlich zerschlagen und zerstört. Dies alles hatte sich in kaum mehr als zwei Stunden gespielt. In der gleichen Zeit war auch auf allen anderen Teilen der Kampffront ein voller, 1 8 Erfolg errungen worden. Ganz besonders hatte ein Bataillon des Infanterie⸗Regiments Nr. 135 unter Führung des Hauptmanns Wegener bei der Er⸗ stürmung der Fille morte Hervorragendes geleistet. Das Ba⸗ taillon hatte von der schwarzen Kuppe aus angegriffen und mußte zunächst einen außergewöhnlich stark ausgebauten Stützpunkt des Feindes, die sogenannteSteinfestung, erstürmen. Das schnelle Gelingen dieses Angriffes ist zum großen Teil dem Leutnant d. R. Breithaupt der 2. Kompagnie zu verdanken, der mit seinem Zuge durch eine geschickte Umgehung durch den Meurisson⸗Grund den ind von hinten fassen und abschneiden konnte. An einzelnen tellen auf der Bolante wehrten sich die Franzosen mit ver⸗ zweifelter Zähigkeit und Widerstandskraft. Unseren Truppen war

ab⸗ unseren Truppen in den nächsten 1 825 2 Juni bis 13. i wurden

es hier nicht immer möglich, von einer Stellung zur anderen über den gewachsenen Boden vorwärts zu stürmen, sie mußten sich Schritt für Schritt durch das Gewirr von Sappen und Verbin⸗ dungsgräben vorarbeiten. Am Ausgang eines solchen Grabens atte sich ein französischer Offizier aufgestellt, der jeden Deutschen, bald er sich am anderen Ende zeigte, abschoß. Ein Soldat kniete neben ihm mit einem zweiten Gewehr, das er immer wieder nach jedem Schuß seinem Leutnant geladen reichte. Erst nach längerer Zeit gelang es einem deutschen Offizier durch eine wohlgetzielte Handgranate diesen zähen, heldenmütig kämpfenden Feind aus dem Wege zu räumen. 5 1 Auf dem anderen Flügel, östlich von der Römerstraße, hatte der Angriff anfangs nur geringe Fortschritte gemacht. Hier erwarb sich Leutnant Johanßen auch einer der wackeren schlesischen Jäger großen Verdienst dadurch, daß er im entscheidendem Augenblick die Möglichkeit erkannte, die von den 130 ern in der Front angegriffenen Franzosen von Westen her in der Flanke anzupacken und so zum Weichen zu bringen. Gleichzeitig durch⸗ brach an einer anderen, 500 Meter weiter östlich gelegenen Stelle Leutnant Nichterlein mit seiner 1. Kompagnie Infanterie⸗Regi⸗ ments Nr. 130 die feindliche Linie und drang in einige Blockhäuser ein, in denen er viele Gefangene, ein Ma chinengewehr, 2 Esels⸗ kanonen und 2 Revolverkanonen erbeutete. 5 Gegen die Höhe 285 unternahmen die Franzosen am Nach⸗ mittag mehrere Gegenangriffe, die aber von den 144 ern und Jägern abgewiesen wurden. Der Feind setzte das ununterbrochene schwere Artilleriefeuer unter Aufwand gewaltiger Munitionsmengen und zeitweise unter Verwendung von Granaten mit erstickender Gaswirkung bis zum späten fort. Als dann endlich ber Eintritt der Dunkelheit alle Gegenangriffe zerschellt sind und der Kampf langsam abflaut, liegt die französische Infanterie auf der anzen Front unmittelbar vor den neuen deutschen Stellungen. uf beiden Seiten wird mit fieberhafter Anspannung aller Kräfte daran gearbeitet, schnell wieder neue Gräben auszuheben, um am

nächsten Tage für eine Fortsetzung des Kampfes gerüstet zu sein.

Nach all den unerhörten Anstrengungen und Aufregungen des Kampftages herrscht bei unseren Truppen jubelnde, begeisterte, stolze Siegesfreude. Bis zum Aeußersten und Letzten hatte Jeder sein Bestes hergegeben. Im Laufe des Abends und der Nacht

stellen sich auf den Verbandplätzen viele Verwundete ein, die

schon frühmorgens einen Arm⸗ oder Beinschuß oder sonst eine ing erhalten hatten und trotzdem bis zuletzt mitgemacht

hatten, um ja nichts zu versäumen von diesem höchsten Glück

des Soldaten, dem Siege. Und Alle wissen es ganz u, daß am nächsten Tage die Kunde von den Heldentaten und dem Ruhm der Argonnenkämpfer in alle Welt hinausklingen wird, drüben zu

den Kameraden, die gegen die Russen kämpfen, und weit übers 3 Meer, und vor allem zum Vater und zur Mutter und all den.

Lieben zu Hause in der Heimat. WII.

Auf der gesamten Front hatten die deutschen Truppen im heißen Rin. des 13. Juli die 85 gesteckten Ziele voll und anz erreicht. Die Höhenlinie 285 la Fille morte war sest in deutschem Besitz. Der Feind hatte 64 Offiziere, darunter 1 Major und 9 Hauptleute, mehr als 3400 Mann als Gefangene, 2 Gebirgs⸗ und 2 Revolverkanvnen, 34 Maschinengewehre, 51 Minenwerfer, 5 Broncemörser und eine unübersehbare Menge Munition, Waffen und Gerät in unseren Händen gelassen. Mehr als 200 tote Franzosen bedeckten das Schlachtfeld und wurden von

den Argonnenkämpfen vom

5

n 116 Dfftderre und über 7000 Mann gefangen genommen, mehr als

4000 tote Franzosen gezählt, die Anzahl der Verwundeten ist auf schätzen. Daraus ergibt sich als Ziffer der gesamten französischen Verluste in diesem Abschnitt rund

mindestens 50006000 zu

16 00017 000 Mann.

Rückhaltlos erkennen unsere Truppen voll ehrlicher Hochachtung und Bewunderung an, mit welch zäher, todesmutiger Tapferkeit sich die Franzosen Schritt für S von einem Granatloch zum anderen 8e ft haben. Ob die da drüben wohl alle wissen, für welchen Zweck sie sich schlagen? Ob sie wohl alle an das Märchen glauben, daß die eroberungslustigen,

itt, von Graben zu Graben und N

deutschen Barbaren diesen Krieg heraufbeschworen haben, und ob

sie wohl alle uns Deutsche hassen? Sicher nicht. Aber sie tun

Warschau in Geschichte und Aunst.

Warschaus Geschichte und die Geschichte von Polen sind so innig miteinander a man die eine ohne die andere sich kaum vorstellen kann. Und doch gehört die Bedeutung von Warschau erst Polens 9956 5 Zeit an, und man kann mit Fug behaupten, daß die Geschichte dieser glänzenden und berühmten Hauptstadt mit der Geschichte des Niederganges des einst so mächtigen Polenreiches Hand in Hand geht. Warschau gehört nicht zu den alten Städten des Polenlandes; in der näheren Umgebung der Stadt tauchen z. B. Sochaczew, Blonie und Grojek bedeutend früher auf aus dem Dunkel der Zeit, und manch eine dieser jetzt so unbedeutenden Landstädte war rege und blühend, als da, wo heut die Alexanderbrücke die Weichsel überspannt und Warschau mit Praga verbindet, nur erst eine ärmliche Bevölkerung vonFlissen sich angesiedelt zu haben scheint. Die Anfänge Warschaus gehen nicht über das 13. Jahr⸗ hundert zurück. Hundert Jahre später, anno 1339 konnte Papst Benedikt XIII. den Platz allerdings schon bezeichnen alseinen mit Mauern umgebenen und mit allem Nötigen reichlich versehenen Ort, wo der Fürst von Masowien mit feuer Gefolge so oft ge⸗ wohnt. Doch darf man darum die Vorstellungen vom damaligen Warschau nicht zu hoch spannen; noch im 15. Jahrhundert, als Krakau, Warschaus alter Nebenbuhler, schon eine der bedeutendsten und ansehnlichsten Städte Europas war, hatte Warschau immer noch hölzerne Häuser und hölzern war auch noch seine Burg. So beginnt die große Zeit der Stadt erst im 16. Jahrhundert. Zum politischen Mittelpunkte des polnischen Volkes und Staates ist sie ler jenem Wahlreichstage von 1573 geworden, wo bei Praga auf sreiem Felde Heinrich von Frankreich, der Valois, im Wettbewerbe um die polische Königskrone den Sieg über den österreichischen Erzherzog und über den russischen Zaren davontrug. Dieser Reichs⸗ tag aber war bekanntlich auch der Anfang der schweren inneren Zer⸗ rüttung des polnischen Reiches. Am Ende dieses Jahrhunderts wurde dann Warschau, das bis dahin immer nur erst vorübergehend als Residenz ient hatte, durch Sigismund III. zur festen Haupt⸗ stadt des Reiches erhoben, und damit setzt die Epoche ein, der das Stadtbild von Warschau das Gepräge zu verdanken hat, das es im wesentlichen noch bis zum heutigen. je behauptet. Das alte Warschau hatte sich am hohen Flußufer westlich des trüben Weichsel⸗ stromes angestedelt, wo das Plateau steil zum Strome abfällt. Das war ein beherrschender Punkt und die alte Burg der Herzöge von Masowien, aus der nach vielen Wandlungen heut das stattliche, aber wenig ktervolle Schloß geworden ist, denr Stanislaus Poniatowski die letzte Form 1 hat, beherrschte den wich⸗ ligen Flußübergang, der weithin der einzige war, und zugleich das fruchtbare Niederland, das sich östlich und westlich des Stromes dehnt. Um diese Burg herum siedelte sich nun die Alt stadt an, ein winkeliges, wenig sauberes Viertel dichtgedrängter enger Straßen und Gassen, in dem sich Warschaus ehrwürdigstes Gottes⸗ alk die Kathedrale St. Johann, erhebt, eine gotische n

lenkirche von guten Verhältnissen, die an Denkmälern und Er⸗ exungen der polnischen Geschichte reich ist. Im allgemeinen ist arschau, wie sich aus dem ge seiner Geschichte ergibt, an ittelalterlichen Denkmälern nicht veich, und die Gebäude und Reste

jener Zeit sind vielfach durch Umbauten und Zutaten späterer Ge⸗ schlechter umgestaltet worden. Die Baustile, die in Warschau vor⸗ herrschen, das sind die schweren Formen der italienischen Spät⸗ renaissance, wie 5 das 17. Jahrhundert bevorzugte, und dann die Formen des Barocks in ihren mannigfaltigen Abwandlungen, bis herunter zur spielenden Anmut des Rokokos. Im 17. Jahr⸗ 1.5 nahm die Pracht und Verschwendung der Magnaten, die ich in Warschau anbauten, eine große Höhe an, und Paläste, wie der der Kasanowskis oder der Koniecpolskis, wiesen prachtstrotzende Säle voll schweren Gold⸗ und Silberschätzen auf. Italienische Bau⸗ meister kamen in die Stadt, bedeutende Kirchen im Stile der Zeit entstanden, und Warschau, das inzwischen gegen Norden hin eine stattliche Neustadt angesetzt hatte, entwickelte sich mehr und mehr zur glänzenden Residenz.

Dann kam der Höhepunkt: die Sachsenzeit. Das war die Zeit, wo Warschau seine schönsten Kunstwerke erhielt: noch ist das Palais Brühl als Denkmal jener Zeit erhalten. Und neben den Palästen entstanden die schönen und geräumigen Parkanlagen, durch die die sächsischen Herrscher sich in Warschau das beste Andenken erhalten haben. Ist auch das alte Residenzschloß der Sachsenkönige verschwunden, so ist doch der Sächsische Garten erhalten, dieses vortreffliche Spätwerk des Lenötre Stiles, das im Herzen Warschaus selbst gelegen, einen Ruhm der Stadt und den Mittelpunkt ihres eleganten Lebens bildet. Dort, am Sächsischen Garten, führt die große Lebensader, der Boulevard von Warschau, vorbei, dieKra⸗ kauer Vorstadt, die in der Anlage der Stadt die Achse des Flußlaufes wiederholt und das Rückgrat ihres schönsten Viertels, des Südviertels, bildet. Diese Krakauer Vorstadt ist ein reizvolles Stück Stadtanlage. Bald bequem sich verbreiternd, bald wieder kräftig zusammenziehend oder zu stattlichen Plätzen ausladend, läuft sie an Kirchen, Palästen und Monumentalgebäuden aller Art vor⸗ über, eine glänzende, elegante, stets belebte Straße, die sich schließ⸗ lich in der schönen Lindenallee der Aleja Ujazdowska fortsetzt und hier einen praterartigen Charakter annimmt. Glücklich wird so der Uebergang der dichten inneren Stadt zu einem lockeren, länd⸗ licheren Stadtcharakter vollzogen und den köstlichen Schlußpunkt dieses belebten Straßenrhythmus bildet dann das berühmte Lust⸗ schloß Lazienski, der kokette Bau aus der Zeit von Stanis⸗ laus Poniatowski, der sich so reizend mit seinem Gelb vom Grün, des Parkes abhebt und der in seinem Parke alle Verführungen der unerschöpflichen Gartenkunst des 18. Jahrhunderts birgt.

Lazienski ist ein kleines Juwel. Aber den Wert und Reiz Warschaus als Kunststadt machen nicht sowohl einzelne großartige Werte und Sehenswürdigkeiten aus, als der interessante Charakter der Stadt im ganzen; ihre malerische, durch Terrassen glücklich ausgenutzte ge an dem breiten Strome, die Mannigfaltigkeit wechselnder Bilder und Stadtansichten, die sie bietet, die Gegensätze, durch die sie überrascht. Die winkelige Altstadt, das ganz mittelalterlich anmutende Budenleben am Alten und Neuem Markte, dann unweit davon die Judenstadt, wo Judentum und Polentum eine so merkwürdige Verbindung ein⸗ gegangen sind, dann wieder die westliche Eleganz der großen

Hauptstraßen nicht viele Städte vereinen so bunte Bilder so nahe beieinander. Und dazu schließlich jenes eigentümliche, schwer

bestimmbare Fluidum, jeneWarschauer Luft, die jeder

Besucher der Stadt in allen Fingerspitzen fühlt. Lebt in ihr noch immer etwas aus den heiteren Festes⸗ und 5 des zweiten und dritten August fort? Ist der Geist des Rokokos aus Warschaus Gärten

dem Leben der Stadt den schnellen Pulsschlag, das eigentüm⸗ lich Anregende verleiht? Oder ist der Pulsschlag Warschaus der eines Fieberkranken? Denn immer herrscht hier eine ge⸗ spannte Erregung; Polentum und Russentum gingen wie Oel

und Wasser in der Stadt nebeneinander, ohne sich zu berühren,

ohne sich zu durchdringen; unter der Hülle eines glänzend regen Lebens bargen sich heiße Gegensätze, dunkle Pläne. Das alles hat vielleicht dazu beigetragen, um dem Leben Warschaus sein ganz besonderes Gepräge aufzudrücken. Es ist Europas letzte Großstadt gen Osten dahinter beginnt das Moskowiterland.

*

nicht ganz entflohen? Sind es die 2 schönen Polinnen oder i e erben das feurige Polenblut, das

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Frankreichs Schrei nach einem National⸗

dichter. Besitzt Frankreich einen Nationaldichter? DerT 5 ven dier ch erTemps

dichter haben, überhaupt keinen Dichter, der für uns dieselde Be⸗ deutung hätte wie Kipling für die Engländer, Verhaeren für die Belgier und d' Annunzio für die Italiener. Gewiß besitzen wir auch heute viele begabte Dichter, darunter einige von bemerkens⸗ werter persönlicher Ei als Ursache für das

anführen könnte. Erscheinungen dieser Art sind vor allem vom Zufall abhängig. Nur eingeheimnisvoller Einfluß des Himmels kann einen Nationaldichter hervorbringen, eine natürliche Anlage, deren Herkunft unbekannt ist und durch nichts ersetzt werden kann. Frankrrich, unter dessen Himmel so viele Dichter geboren wurden, besitzt gegenwärtig keinen einzigen Lyriker von überragender Bedeutung. Das ist mim einmal so, und es steht nicht in unseren Macht, es zu ändern.Wo sind die Dichter? fragt man, während die 9 aller Ereignisse sich abspielen. Im übrigen ist eine alte Beobachtung, daß die großen Krisen in der Geschichte meist erst in späteren 1 5 eine würdige Darstellung fanden. Dar⸗ um wollen wir trotz allem hoffen, daß eine neue Entdeckung ge⸗ macht wird, ein genialer Wurf, der aus dem Instinkt heraus die Seele des Volkes ausdrückt, wie etwa die Marsaillaise. Bisher wurde nichts geschaffen, was an eine Erneuerung dieses Sanges 1 0 0 könnte. Ohne die Verdienste von Rudyard Kipling, mile Verhaeren und Gabriele d'Annunzio herabsetzen zu wollen, hat man doch das Recht zu der Bemerkung, daß ihre durch den Krieg hervorgerufenen Reden und Schriften bei aller schuldigen Bewunderung bis jetzt nicht mehr als Improvisationen sind, die der Propaganda dienen. Auch einige unserer Schriftsteller haben in diesem Kriege bereits wertvolle patriotische Schriften veröffentlicht. Aber der französische Dichter, der das Lied deeses Krieges singen wird, liegt gegenwärtig handen ist im Schützengraben oder in den Windeln.

1 e age mit einemNein beantworten.Wir müssen leider eingestehen, sagt das Blatt,daß wir keinen Nala 8

mart. Doch es gibt nichts, was man tichtvorhandensein eines Nationaldichters

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wenn er überhaupt vor⸗ 5 15 5

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