Ausgabe 
(4.8.1915) 181. Zweites Blatt
Seite
17
 
Einzelbild herunterladen

nr. 181 zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieGießener Familienblätter werden dem

Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das

Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal

wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Gberhessen

1

Mittwoch, 4. August 191

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S8 51, Schrift⸗

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Zur Beschlagnahme der Kupfererzeugnisse.

Durch die Beschlagnahme der Kupfererzeugnisse sind zum ersten Male wieder seit Einführung der Brotkarten f weite Kreise von einer wirtschaftlichen Kriegsmaßnahme betroffen. Aber die Bürde ist nicht schwer und das Opfer nicht groß. Ja, da einreichlicher Preis für die freiwillig abgelieferten Gegenstände bezahlt wird, ergreifen viele Ueine Leute die Gelegenheit, um ihren durch den Krieg ohnehin notleidenden Geldverhältnissen durch den Verkauf entbehrlichen Metallgeräts etwas aufzuhelfen. Eine weh⸗ 5 Stimmung à la 1809Kupfer gebe ich sich isen ist heute wahrlich nicht am Platze. Es handelt ich ja nicht um Geldmangel der Kriegsführung, wie damals, als die Patrioten ihren Ehering und das letzte Schmuckstück opferten, sondern um die Notwendigkeit, die vorhandenen Vorräte an gewissen Metallen zusammenzubringen und zu⸗ sammenzuhalten. Von diesen Metallen: Kupfer, Messing und Nickel ist Kupfer das wichtigste und notwendigste. Am Kupfer und seinen wirtschaftlichen Geheimnissen läßt sich auch am deutlichsten aufzeigen, um was es sich handelt und warum wir diesen wirtschaftlichen Metallkrieg führen: Unser innigst gehaßtes Old England hat im Verlauf der letzten Monate mit einer Reihe von Kupfergesellschaften, insbeson⸗ dere mit der Amalgamated Copper Co., der größten Kupfer- produzentin der Vereinigten Staaten, ein Uebereinkommen getroffen, das darauf hinausgeht, die gesamte amerikanische

ferproduktion unter englische Kontrolle zu bringen. Hin⸗ zu kommt natürlich eine um jeden Preis durchgeführte Blockade, so daß wir also kein Kilogramm Kupfer mehr auf dem Importwege hereinbekommen sollen. Die Engländer rechnen dabei folgendermaßen: Deutschland braucht im Kriege rund 100 000 Tonnen Kupfer jährlich. Seine Eigen⸗ produktion beträgt aber nur etwa 25000 Tonnen. Entzieht man ihm drei Viertel des notwendigen Bedarfs durch Blockade und Herrschaft über die Kupferversorgung, so unter- liegt es schließlich durch Munitionsmangel. An dieser Rech⸗ nung ist aber verschiedenes falsch. Einmal können wir aus dem Inland nicht 25000, sondern 40000 Tonnen(nach einer Statistik für das Jahr 1913) Kupfer hervorholen, wovon z. B. die Mansfelder Gewerkschaft allein schon den Haupt⸗ anteil mit über 20000 Tonnen liefert. Aber angenommen, wir könnten wirklich aus deutscher Erde jährlich nur 25000 Tonnen hervorholen. Die übrigen 75000 Tonnen und das ist der zweite dicke Fehler in der englischen Rechnung befinden sich dann nicht in der Ge⸗ walt unserer Feinde, sondern in den. Hän⸗ den unserer Hausfrauen, unserer Behörden, unserer Industriefirmen. Man macht sich wohl kaum die richtige Vorstellung, welche ungeheuren Mengen von Kupfer, Messing und Nickel bei uns aufgestapelt, aufgehoben, ver⸗ arbeitet und verborgen sind. Es handelt sich lediglich darum, das Vorhandene festzustellen und davon das Ent⸗ behrlichste herauszuziehen. In den letzten fünf Jahren sind in Deutschland jährlich mindestens 200 000 Tonnen Kupfer mehr eingeführt worden, als ausgeführt. ae haben sich unsere Bestände an Kupfer während dieser Zeit unter Berücksichtigung der heimischen Produktion um min⸗ destens 1 Million 150 Tausend Tonnen erhöht. Man ver⸗ gegenwärtige sich nur, welche Mengen Kupfers vor und erst recht nach der amtlichen Beschlagnahme in die Magazine der staatlichen Behörden, wie Eisenbahn, Marine, Militär⸗ verwaltung, geflossen sind. Man denke an die verschossene Munition, die von unserer Militärverwaltung mit be⸗ währter deutscher Gründlichkeit gesammelt wird. Die Pa⸗ tronenhülsen der kleinkalibrigen Geschosse und Granaten, die Grangtenzünder und einzelne Teile der eroberten Ge⸗ schütze bestehen aus reinem Kupfer, Messing oder Rotguß. In Deutschland ist infolge der hochgespannten Industrie⸗ tätigkeit und der verfeinerten Geschmacks⸗ und Kunst⸗ kultur eine kolossale Menge von verarbeitetem Kupfer auf⸗ gespeichert, das in seiner jetzigen Form entbehrlich wird. Schon in Friedenszeiten hätte die Kupferproduktion mit der stürmisch entwickelten Technik nicht Schritt halten können, wenn der Altmetallhandel nicht dafür sorgte, daß von

dem verhältnismäßig seltenen Metall nahezu nichts ver loren geht. Nur die zur Erzeugung von Kupfervitriol ge⸗ brauchten Kupfermengen kehren nie wieder zurück. Diese Kupferverbindung wurde auf Blätter und Baumstämme im großen Maßstabe zur Reblausbekämpfung gestrichen und ist nicht wieder zurückzugewinnen. Alles andere aber wurde, nachdem es seinen Zweck erfüllt hat, nachdem die Gegenstände, die es bilden half, unbrauchbar geworden, sind, für einen neuen Kreislauf der Produktion der In⸗ dustrie wieder zugeführt. Und aus diesem gewaltigen Vorrat schöpft jetzt die deutsche Heeresverwaltung nach Durch⸗ führung der Metallbeschlagnahme. Die Maßnahmen sind in denkbar mildester Form ausgedacht. Auf Kunstbewer⸗ tung, Bequemlichkeit und Einzelinteressen ist die größte Rücksicht genommen. Mögen die Gegner über das eifrige Suchen und Sammeln ihre Witze machen. Wenn sie das Er⸗ gebnis dieser deutschen Gründlichkeit auf den Schlacht⸗ feldern erleben, wird ihnen der Spott vergehen.

Kriegsbriefe aus dem Westen.

a Von unferm Kriegsberichterstatter. unberechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, verboben) Stimmungen und Gerüchte in einer französischen Kleinstadt.

9 Großes Hauptquartier, 31. Juli.

Heute gegen Abend, als ich mit meiner Arbeit fertig war und mir der Kopf vom Briefschreiben ein wenig summte, beschloß ich, weil der Grünspecht so laut durch die vergoldeten Buchen⸗ wipfel lockte, eine Waldfahrt zu machen. Aber es war ärgerlich. Wohin ich kam, scholl mir das Geklapper von Beilen und Sichel⸗ messern entgegen. Es war, als ob die ganze Gegend in den Wald gezogen sei, um Brennholz zu holen. Als mich eine Frau und ein paar Kinder als alten Bekannten begrüßten, fragte ich sie, warum heute alle Welt im Walde sich herumtriebe.Ja, es heißt, wir gehen einem neuen Winterfeldzug entgegen. Die Engländer sagen es, hat gestern in unserer Zeitung gestanden. Da sorgt jeder vor... obwohl... Die gute Frau stockte.Nun, Madame Vidal, mir dürfen Sie es schon verraten. Was sagt man denn, wieder?.... obwohl, fuhr Madame Vidal leise fort,man uns erzählt, daß unsere Armeen stark im Vordringen sind und uns am Jahrestage der Kriegserklärung befreien werden.Na dann, viel Glück. Und legen Sie ein gutes Wort für mich ein, sobald ich gefangen werde. Auf Wiedersehen, Madame Vidal!

Und ich ging fröhlich fürbaß in meinem grauen Jagdwams, das ich zuletzt aufden gesegneten Fluren von Letzin an der pommersch⸗ mecklenburgischen Grenze getragen hatte, und pfiff mir ein Lied⸗ chen.Herr Tom, der Reimer lag am Bach. Aber der Wald war heute unausstehlich. Ueberall krabbelten und knackten und klopften Holzsucher herum, als ob es gälte, den Jahrestag der Kriegs⸗ erklärung mit einem großen Freudenfeuer zu begrüßen. Mir schren, als ob der englische Pessimismus mehr Glauben bei der Bevölke⸗ rung gefunden habe als die Siegesnachrichten vom Vormarsch der eigenen Heere. Und als ich über der nächsten Höhe war und mir zu Füßen ein früher industriereiches, jetzt verschlafenes Städt⸗ chen liegen sah, entschloß ich mich, hinabzusteigen und in der Buvette einen Aperitif zu trinken.

*

In der Buvette trifft man um diese Zeit immer zwei Männer, mit denen ich mich gern unterhalte. Der eine ist Monfieur Antoine, Repräsentant einer Eisenfirma, der darauf hält, daß man ihn als Kenner Deutschlands respektiert. Denn auf einer Geschäftsreise nach Lüttich ist er, ganz ohne Auftrag und mit einem für echte Franzosen fabelhaften Wandertrieb, bis nach Aachen und von da bis Köln vorgedrungen. Wenn er über Deutschland spricht, so tut er es mit der Geste des weitgereisten Mannes, und ganz sicher weiß er es aus eigener Anschauung von. jenem Tag eher, den er imFränkischen Hof in Köln gewohnt hat und nicht etwa aus den Leitartikeln derHumanitée, wenn 27 1 sagt:Ja, die Deutschen sind ein fürchterliches Volk. Fürchterlich, weil sie Organisationstalent in sich haben. Vom ersten bis zum letzten Mann. Ich habe das gleich erkannt, damals, als ich in Deutschland reiste... Wir werden ar⸗ beiten müssen, um in diesem Kriege mit den Deutschen fertig 11 werden. Sie sind fürchterlich durch Organisation. Das ist es. 5

Er ist ein sehr kluger Mann und ich weiß nicht, warum, Herr Molinel manchmal. lächelt, obwohl er ihm immer Geht gibt. Herr Molinel, das ist in seiner Art eine tragische Gestalt. Er war ein armer Bauernjunge, der in Paris als kleiner Banclere angefangen und mit Spekulationen Glück gehabt hat.

als Rentner von den Geschäften zurückziehen zu können. Er besaß fünf kleine Zinshäuser und eine Schublade vollTitres, 1 Da kam der Krieg, mit Flammen ging er über den dritten Teil 2 des Städtchens dahin. Die fünf Zinshäuser sind ausgebrannt, die Titres sind Asche, Herr Molinel zweifelt daran, daß ihn 5 jemand entschädigen wird. Und nun lebt er bei seiner greisen Mutter auf dem väterlichen Gütchen, bekommt soviel Taschen⸗ geld, daß er seinen Aperitif trinken kann und träumt von der Zeit, wo er jedes Jahr vierzehn Tage nach Paris fahren, alle Theater besuchen und dann im Heimatstädtchen als Kunstsach⸗ verständiger auftreten konnte. Ob die Zeit nach dem Kriege wiederkommen wird? 1

Wir sitzen in einer dunklen Ecke und ich frage gradezu, was man wieder schönes erzählt. Ich hätte im Walde von großen Fort⸗ schritten der französischen Armeen gehört.Ach, sagen die beiden, was sich das Volk zusammenerzählt! Rethel soll heute nacht von unseren Truppen erobert, Vouziers angegriffen sein und die Besatzung von Verdun macht einen Vorstoß, um Sedan zum Jahres⸗ tage der Kriegserklärung zu befreien. Mit Sedan, das ist nun. das dritte Mal in vier Wochen; zu dumm. Aber es gibt Leute genug, die es glauben.

Und sie erzählen weiter. Vorgestern war das ganze Städtchen. voll Aufregung. Man hatte erzählt, in R., einem benachbarten 1 Flecken, habe die Bevölkerung einen Aufstand begonnen, der von den Deutschen blutig erstickt worden sei. Fünf Deutsche und sieben⸗ undvierzig französische Zivilisten seien umgekommen. Man wußte schreckliche Einzelheiten und alles ganz genau. Als dann am an⸗ dern Morgen Marktleute aus R. nach dem Städtchen kamen, waren sie baß erstaunt, als sie von allen Seiten mit Fragen bestürmt wurden. Was, aus Hunger sollen wir einen Aufstand gemacht haben? Aber wir haben ja weniger Hunger als ihr, denn wir brin⸗ gen euch das Gemsüse und das Obst und die Hühner hier auf den Markt. Wir leben mit unseren Deutschen sehr gut, namentlich unsere Kinder, denen sie Suppe und Brot schenken. Kein Wort war an der Geschichte wahr.Was wollen Sie, das sind kleine Auf: regungen des Krieges, sagt Herr Molinel... Nach dem Kriege werden wir darüber nicht schlecht lachen. Pierre Veber könnte dar⸗ über eine Farce schreiben. Und er besetzt in Gedanken die Rollen mit den Poriser Schauspielern, die er kennt, alle kennt.

Eine Gesprächspause entsteht und das ist mir lieb. Denn vor kurzem haben vorn am Fenster zwei alte Cultivateurs Platz ge⸗ nommen, aus deren laut geführter Unterhaltung mich einige

Stichworte anziehen.

Straßburg? sagt der eine.Du weißt sehr gut, daß ich 1870 dort gelegen habe. In einem Quartier voller Wanzen. Straßburg werden wir niemals zurückgewinnen. Du mußt gesehen haben, was die Deutschen für Wälle darum gebaut haben. Un⸗ einnehmbar, unmöglich. 1905, als ich meine Tochter in Lunsville besuchte, war ich dort und wollte mein altes Quartier wiedersehen. Alles verändert. Die ganzen Wanzenlöcher haben sie weggerissen und Straßen gebaut, ich sage dir, Straßen! Paxis brauchte sich nicht schämen, solche Straßen zu haben. Und alles deutsch. Wen du auf der Straße ansprichst, der versteht kein Französisch. Nein, daß wir Straßburg zurückgewinnen, das glaube ich nicht, niemals!

Ich kehrte langsam auf der Landstraße nach meinem Quartier zurück. Da rief mich ein alter Mann, der auf seinerbrouette, der einräderigen Schubkarre voll Knüppelholz, ansruhte und fragte mich nach der Uhr. Und als ich ihm Auskunft gegeben hatte, machte er ein geheimnisvolles Gesicht und raunte in der Sprache dieser Gegend, die leicht nachzumachen und schwer zu verstehen ist:

Hein? Il semble qu' L not avasse beau coup], Seine Augen leuchteten. Erst verstand ich ihn nicht. Dann ging es mir auf einmal auf!Es scheint, daß die Unseren tüchtig vorwärts kom⸗ men der gute Weißbart hielt mich in meinem Jagdwams für einen Franzosen. Ich weiß nicht, wie ich es tragen werde, wenn es mir je wieder beschieden sein sollte, auf den gesegneten Ge⸗ filden von Letzin einem Krummen nach dem Leben zu trachten.

Ja, mein Alter, erwiderte ich lachend.Das scheint mir auch. Paris ist fest in ihren Händen und Calais geben die Engländer überhaupt nicht wieder ßeraus. Aber der Alte hörte nicht zu.

Man sagt, daß sie morgen hier sein werden, oder übermorgen, um alle Deutschen zu vertreiben. Immerhin, muß man sagen, um viele Deutsche ist es schade. Viele von ihnen haben ein gutes Herz. Wenn ich ihnen erzähle, daß ich vier Söhne im Felde habe und für sieben kleine Enkelkinder Essen suchen muß, so geben sie mir immer etwas. Die Unseren geben nicht gern. Sie z. B. haben mir noch nie etwas gegeben.

Ich gab ihm zehn Sous, in französischem Kupfer, damit 8 bessere Meinung von den guten Herzen der Franzosen

mme. 6

Neulich habe ich auf derselben Straße einen andern alten 9 Mann angetroffen, der mich anbettelte. Er war ein Stelzfuß,

f Mit 46 Jahren hatte er das Ideal jedes Franzosen erreicht, sich ö 1

Kunst und Wissenschaft. Wieviel Zeitschriften gibt es in Deutsch⸗ land? Ueber den Umfang der deutschen Zeitschriftenliteratur gibt eine Statistik in der jetzt vorliegenden neuen Ausgabe von Sper⸗ lings Zeitschriftenadreßbuch erschöpfende Auskunft. Danach beläuft sich die Zahl der deutschen Zeitschriften in diesem Jahre auf 6421. Da das Jahr zuvor die Gesamtzahl der Zeitschriften auf 6896 berechnet wurde, so ergibt sich, daß unter den Einwirkungen des Krieges rund 570 Zeitschriften ihr Erscheinen eingestellt haben. Das ungeheure Wachstum der deutschen Zeitschriftenliteratur be⸗ kundet sich darin, daß die Zahl der Zeitschriften sich von 1892 bis 1914, also in nicht viel mehr als einem Menschenalter, nahezu berdoppelt hat. 1892 erschienen in Deutschland 3536 Zeitschriften, 1901 waren es bereits 5231, 1911 beinahe 6000. Die größte Zahl der Zeitschriften entfällt auf die GruppeRechts- und Staats⸗ wissenschaft, Politik und Volkswirtschaft, die ihrer 611 zählt. Der evangelischen Theologie und christlichen Volksliteratur widmen sich 494 Zeitschriften. 391 Zeitschriften beschäftigen sich mit Land⸗ und Forstwirtschaft, je 369 gelten dem Handel und Verkehrswesen, sowie der Heilwissenschaft, und schließlich hat auch noch die Gruppe Er⸗ i-und Unterrichtswissenschaft 345 Zeitschriften aufzuweisen. Alle anderen Fächer müssen sich mit einer geringeren Zahl von Fachzeitschriften begnügen. Am bescheidensten ist die Uhrmacher⸗ kunst, der nur 8 Zeitschriften zur Verfügung stehen; ebensoviele widmen sich der Luftschiffahrt, doch ist auf diesem Gebiete begreif⸗ licherweise eher auf eine Vermehrung zu rechnen, als bei den Uhr⸗ macherzeitschriften. Eine scharfe Kritikder französischen Presse. Heftige und bittere Vorwürfe gegen die Pariser Zeitungen werden in der Londoner Zeitschrift The Saturday Review ausge⸗ 1Die Gewohnheit des Diskutierens ist im französischen Pressewesen so tief eingewurzelt, daß man auch dann davon nicht abläßt, wenn niemand da ist, der in all diese leeren Betrachtungen dasSalz der Gegenrede streuen könnte. Darum klingt aus allen Artikeln dieser Axt, die jetzt in Frankreich erscheinen, eine Ner⸗ vosität, die so deutlich wie Worte sagt: Wann wird endlich der Friede zurückkehren, damit wir wieder untereinander streiten, uns gegen⸗ seitig angreifen und wenn die Gelegenheit es gestattet ver⸗ leumden können?. Man schreibt in öder Weise über die plat⸗ testen Dinge: über die Rolle Italiens im Kriege, über die Herr⸗ it der zukünftigen Völkerkarte von Europa, über das Ende Militarismus und den Anfang eines neuen goldenen Zeit⸗ für und gegen den Papst usw. Doch in keinem Punkt wird

5

man auf vernünftige Weise wirklich überzeugt, und so mehren sich die Keime der Unzufriedenheit. Auch die Militärkritiker, auf die zu Beginn des Krieges so viel Hoffnung gesetzt wurde, haben voll⸗ ständig versagt. Sie haben mit staunenswerter Schnelligkeit die redegewandten Nichtigkeiten ihrer Kollegen angenommen und die Kunst gelernt, täglich dasselbe, das heißt, nichts zu sagen. Doch die überquellende Sentimentalität in den Spalten der französischen Zeitungen ist unangenehmer als alles andere. Wann immer man eine Schilderung zu lesen beginnt, weiß man nach den ersten vier Zeilen, daß nun das übliche banale Tremolo folgen wird. Helden⸗ taten werden unerträglich, wenn sie nicht in dem Geiste berichtet sind, in dem sie vollführt wurden. Was man gegen alle diese Mißstände unternehmen soll? Nun, es ist nicht schwer zu erkennen, ob ein Journalist mag er früherer Minister oder was immer gewesen sein etwas zu sagen hat oder nicht. Wenn er im üblichen Fahrwasser schreibt, so lasse man seine Mondschein⸗Prosa nur ruhig in den Papierkorb wandern. Wenn er aber die in seinem Beruf gewonnene Erfahrung dazu benützt, uns vernünftig über Politik aufzuklären, so möge er gesegnet sein. Jedenfalls ist die französische Presse, wie sie sich uns heute darbietet, ganz und gar unbefriedigend. Wir verlangen nach Wahrheiten und Taten aber die Blätter sind nur voller Worte.

Daskriegerische Mobiliar. Der Krieg hat eine neue Art von Kleinkunst hervorgebracht. Es sind das die Gegenstände, die von den Soldaten hinter der Front aus Granat⸗ splittern und anderem Kriegsmaterial verfertigt werden. Ueber die Erzeugnisse dieser Art, die in Frankreich den Weg aus den Kampf⸗ linien in die Hauptstadt finden, weiß dasJournal des Debats interessante Einzelheiten zu berichten.Die Kunst⸗ und Gebrauchsgegenstände, die im Felde verfertigt werden, nehmen fortwährend an Zahl und Verschiedenartigkeit zu. Der am häufig⸗ sten von Soldaten verfertigte Gegenstand ist wohl das Papier⸗ messer. Es besteht aus einem Granatstück, dessen obere Hälfte sorgfältig geschliffen wird. Patronen dienen meistens zur Her⸗ stellung von Federhaltern. Doch drei aneinandergefügte Patronen ergeben ein wunderbares Feuerzeug; die eine enthält den Docht, die andere den Brennstoff, an der dritten wird das Rädchen zum Zün⸗ den angebracht. Man kann auch einen vorzüglichen Rauchtisch aus Patronen und Gewehrgeschossen zusammenstellen. Auf einer Holz⸗ platte, in die ringsum ein Kreis liegender Gewehrgeschosse als Umrahmung eingelassen ist, bringt man Patronen verschiedenen Kalibers an: eine große für Zigarren, eine kleinere für Zigaretten und eine ganz kleine für Streichhölzer. Wenn man besonders kunsterpicht ist, kann man auch jede dieser Patronen mit einem

Kreis kleiner Geschosse umgrenzen. Nun schraubt man noch die Aluminiumkapfel eines Schrapnells als Aschenbecher an und der herrlichste Rauchtisch ist fir und fertig. Die Raketen odenn Brander scheinen eigens erfunden worden zu sein, um als Kande⸗ laber zu dienen. Eine Anzahl davon, in kronenartiger Anordnung an drei Ketten aufgehängt, erweist sich als wunderbare Lampe für ein Wohnzimmer. Am meisten begehrt sind unexplodiertg Granaten. Was läßt sich nicht alles aus solch einer Granatg machen! Wand⸗ oder Stehuhren, Bonbonnieren, Blumenvasen, Wärmflaschen und e andere Gegenstände können daraus entstehen. Gibt es für einen Kamin einen eigenartigeren Schmuck, als eine Uhr in Form eines 75er oder 120er Geschosses? Die Granaten⸗Bonbonnieren ist allerdings etwas schwer, aber welche hübsche Entdeckung, wenn man in dem geöffneten Geschoß fried⸗ liche Schokolade findet! Und welch Stolz, welch herrlicher Trost für einen e Zivilisten, während des Schlafes die Füße an eine Wärmeflasche zu drücken, die in Wirklichkeit nicht weniger ist als ein echtes Geschoß... 5

(Ein leuchtender See. Auf der Jusel New Providence,

in der Nähe des Städtchens Nassau, dem englischen Regierungssitze, befindet sich ein kleiner See, der alsFeuersee bezeichnet wird. Seinen Namen hat er davon, daß er in dunkler Nacht, wenn sein Wasser in Bewegung gerät oder wenn ein Boot seine Furchen zieht, helles Phosphoreszenzlicht aussendet. Die Ursache dieses Leuchtens sind Mikroorganismen derselben Art, die auch das in südlichen Meeren oft zu beobachtende Meeresleuchten verursachen. Der ge⸗ nannte ersee steht mit dem Meere durch einen etwa 500 Mtr. langen Kanal in direkter Verbindung, und die Leuchtbakterien des Meeres konnten sich deshalb auch in dem Binnensee ansiedeln. Die physikalisch⸗chemischen Ursachen für die Lichtemission der Leucht⸗ or sind noch nicht genügend erforscht, selbst das bei Leucht⸗ käfern, z. B. dem Johanniswürmchen und den besonders in Bra⸗ silien vorkommenden Leuchts chmetterlingen Tängst bekannte Leuchten ist ein noch gänzlich ungeklärtes Phänomen. Nur soviel ist durch die e e in den letzten Jahren festgestellt worden, daß zur Lichterzeugung bei den Leuchtorganismen sich eine fast voll⸗ ständige Umsetzung der aufgewandten Energie in Licht vollzieht und daß im Gegensatze zu allen anderen Lichtguellen nur eine minimale Wärmestrahlung stattfindet. Die Leuchtorgauismen sind also imstande, ein außerordentlich viel ökonomischeres Licht zu er⸗ zeugen, als wir Menschen es mit Gasglühlicht, elektrischem Licht und selbst mit unseren Bogenlampen vermögen.

ñ̃ñ̃ñ̃ñäñäñäñä''