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N 8 Erscheinl täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Sießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Kreis Sießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Gegen Italien! Kriegsbericht von Paul Lindenberg. Vom K. K. Kriegspresseguartier genehmigt.
II. Tas verzauberte Triest.— Eine Wanderung.— An der Riva. — Nächtliche Bilder.— Geheimnisvolles Weben.— Kanonen⸗ sprache.— Auf dem Balkon.— Der feindliche Flieger.— Die Bomben fallen.— Seltsame Lichter. Triest; 5. Juli.
Eine verzauberte Stadt habe ich kennen gelernt, von geheim⸗ nisvollstem Märchenreiz umwoben.— Eine Stadt, die sonst zu den lärmendsten und fröhlichsten gehört und die plötzlich in eine Art von Dornröschenschlummer versenkt wurde, in dem nur der dumpfe Schall von Kanonenschüssen oder, wie in dieser letzten Nacht, das Surren eines feindlichen Fliegers und das Krachen seiner Bomben hineintönt!———
In drückendster Sonnenglut hatten wir vier— ein schwe⸗ discher und ein spanischer Berufsgenosse, die wir eine besondere kleine Gruppe des K. K. Kriegspressequartiers unter Führung eines der liebenswürdigsten und umsichtigsten österreichischen Offiziere bilden— die Fahrt hierher angetreten, zu der es selbstverständlich Ne besonderer Erlaubnis bedarf. Als wir, kurz oberhalb von Triest, einen neuen, fast zweistündigen Aufenthalt haben sollten, in Obeina, da beschlossen wir flugs, das Gepäck in der Obhut un⸗ erer Burschen zu lassen und zu Fuß unser Ziel zu erreichen. nd wach kurzer Wanderung bereits blickten wir voll tiefen Ent⸗ zückens hinab auf die schöne, weiße Stadt, auf das blaue Meer, über dem der feurige Sonnenball hing, auf all' die lieblichen, aus dichtem Grün hervorlugenden Ortschaften an den sanft auf⸗ steigenden istrischen Ufern der herrlichen Bucht.
Durch kleine Dörfer, in denen manch' hübsches Häuschen und manche stattliches Besitztum öd' und verlassen war, gings hinab, vorüber an den Trattorien und Osterien, deren weinbesponnene Terrassen vergeblich ihrer sonstigen Besucher harrten, durch Wein⸗ berge und schattenspendende Wäldchen. Ueber allem lag eine ver⸗ haltene Ruhe, auch über Triest selbst, dessen weites Hafenbecken nur wenige Dampfer aufwies, aus deren Schornsteinen kein Rauch emporstieg. Und nirgends auf den schimmernden Wellen eines der bunten Fischersegel, keiner der weißen Nachen, keins der flinken Motorboote, die sonst so zahlreich die blauen Wogen durchfurchten. In den heiligen Sonntagsfrieden der südlich-köstlichen Natur mischten sich statt des frommen Halls der Kirchenglocken die immer deutlicher zu vernehmenden Kanonenschläge von Monfalcone her.
Ihm lauschten bei der erfrischenden Abendbrise auch all' die hunderte von Spaziergängern und ⸗gängerinnen an der Riva, der wundervollen Promenade längs des Hafens. Ein—4 Durch⸗ einander an hellen Kleidern, blumengeschmückten Hüten der elegan⸗ ten Damen, bunten Sonnenschirmen, mit vielen schönen weiblichen Erscheinungen und nur ganz vereinzelten Uniformen. Aber kein lautes Geplauder, kein helles Lachen, kein heiteres Begrüßen, wie ich's früher hier gefunden, die Schenken cle die lärmenden Ausrufer verschwunden, desgleichen die Schiffer, die damals so drängend ihre„Barka, Signor, Barka Signorina, uns angeboten, dafür viele Polizisten, mit dem Karabiner an der einen Schulter. Gedämpft alle Gespräche, gedämpft die ganze Stimmung.——
Zwei Stunden später. Triest ist in tiefstes Dunkel 8 In den—. vielsach gewundenen Gassen, die zur
iva führen, sieht man laum die Entgegenkommenden, man hört nur den Schall ihrer Tritte, leicht kann man aufeinanderprallen; gut, daß wir nicht mehr in der t der Bravos leben. Am Ufer nicht das geringste Licht, keine Laterne, kein Schein aus den dicht⸗ geschlossenen Fenstern der hohen Häuser nahe dem Hauptplatze; der Leuchtturm versendet nicht seine flimmernden Strahlen und die Blinkfeuer nicht ihre grünen und roten warnenden Zeichen. Schemenhaft, wie Gestalten der Unterwelt, wandeln die Leute vorüber oder sitzen auf den Steinquadern am Meer. Man hört nur vereinzeltes Tuscheln und Flüstern, als ob keiner den Nachbarn traut, als ob jedes deutlicher gesprochene Wort böse Folgen haben könnte. Man glaubt, in der nächsten Sekunde zu straucheln, zu fallen, zu versinken, man hat das Gefühl, als ob jäh irgendeine N aus dem Erdboden, aus den raunenden Wogen, aus der Luft uns unversehens treffen könnte! a Aller Blicke sind nach der Küste rechts gerichtet, von dort hallen die Kanonen herüber, man sieht zuweilen, trotz großen Entfernung, das Aufblitzen des Mündungsfeuers, dann das abgeblendete Leuchten eines nwerfers, der wie tastend das Meer und den Himmel absucht.
Traumhaft schöne, aber auch geheimnisdurchflutete Sommer⸗ nacht des Südens an der heißumstrittenen Adria!
Und im Gegensatz dazu das wechselnde Getriebe im rückwärts gelegenen Saal des prunkhaften Excelsior-Hotels, in welchem wir Wohmung genommen. Still und dunkel seine langgestreckte Außen⸗ seite, aber wenn der Pförtner die schwere Tür 2 hören wir fröhliche Musitweisen, und in dem hinteren großen Raum mit seiner Verdi⸗Büste, mit seinen Palmen und Blattpflanzen, sitzen
. zweites Blatt
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165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
SF.
Samstag, IT. Juli 1915
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S8 51, Schrist⸗
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bei Bier und Wein, bei Limonade und Kaffee an den Marmortisch⸗ chen geputzte Weiblein und Männlein, sich lebhaft unterhaltend und die Stunde voll genießend. Hier herrscht nicht jene drückende, gedämpfte Stimmung, und der kleine geflügelte Gott beweist aufs deutlichste, daß er nicht dem Beispiele vieler Triester gefolgt und sein Geschäft aufgesteckt hat! Unwillkürlich kam mir der Gedanke: wenn jetzt jemand in diese Ur en lachende, genießende, lie⸗ belnde Schar hineinriefe:„Ein feindlicher Flieger kommt!“— Aber man soll nicht den Teufel an die Wand und nicht den Flieger an den Himmel malen!——
Nein, es gefiel mir nicht hier unten! Ich nehme mir ein Fläschchen Vöslauer mit hinauf, und sitze alsbald in seiner Ge⸗ sellschaft und jener einer guten Zigarre auf dem Balkon meines, im ersten Stockwerk gelegenen Zimmers, in welchem, wenn nicht die hölzernen Läden dicht geschlossen sind, die elektrischen Lampen nicht aufgedreht werden dürfen. Sogleich umfängt mich von neuem der ganze seltsame Zauber dieser seltsamen Nacht, und ich kann das schon vorher gehegte Gefühl nicht loswerden, als ob in ihrem Sckoße irgendetwas Unheimliches schlummert, das des schrecklichen Erwackens harrt. Vielleicht empfinden es ebenso die Menschen da unten, die schattenhaft auf- und abwandeln oder vorn an den Molen sitzen, still, wortlos, gespensterhaft, trotz der elften Stunde nicht ihre Behausungen aufsuchend.
Ueber mir hängen am blauschwarzen Himmel die Sterne, so klar und glänzend, so nah, als ob sie an unsichtbaren Fäden be⸗ festigt wären, und man sie, wenn man eine hohe Leiter hätte, abschneiden könnte. Noch deutlicher, wie bisher, ist der Geschützhall zu vernehmen; ich sehe in der klaren Luft das rötliche Platzen einzelner Granaten und die silbernen Leuchtkugeln der Schrapnells, und denke der Tapferen, die treu diese Stadt und ihr Vaterland schirmen. Und nun wird meine Aufmerksamkeit gefesselt durch ein erst weißliches, dann rotes Feuer, das rechts jenseits der Stadt auf halber Höhe aufflammt, verschwindet, wieder erscheint und wie ein kleiner Scheinwerfer nach bestimmter Richtung blinkt. Seltsam! Jede Beleuchtung ist doch sonst so streng verboten!
Ist's nicht plötzlich wie das Surren eines Flugzeuges? Sollte mir die Phantasie einen Streich spielen? Nein, ganz deutlich höre ich es. Der große Scheinwerfer sucht gleich einem ungeheuren Auge den Himmel ab, reicht aber nicht bis hierher.
Da rasch hintereinander je zwei gewaltige Schläge mit dröhnen⸗ dem Krachen, links von mir. Das hörte sich ja wie Bomben an! Auf der Riva, unter mir, Laufen und Rufen:„Warda! Warda!“ (Schaut! Schaut!“)„Ecco Marina!“—„Ecco! Ecco!“— Die Säbelscheiden einzelner dahinhastender Polizisten klappern lärmend auf dem Pflaster, als ob ihre Träger sagen wollten: „Keine Angst— wir sind auch noch da!“— Gar bald wieder tiefste Ruhe! 5
Je näher man der Gefahr ist, desto weniger achtet man ihrer! Mitternacht ist nahe, der Wein ausgetrunken, die Zigarre ausgeraucht.
Am 1 8 Morgen erfuhr ich, wie nah die Gefahr an mir im Schatten Nacht auf eiligen Schwingen vorübergehuscht. Einige hundert Meter weiter hatte der feindliche Flieger sechs Bomben abgeworfen.
Schönes, liebes Triest, so
gereinigt scheinst du vielleicht doch moch nicht zu sein, trotzdem
eurer Besen deine vielsprachige
Bevölkerung gekehrt und die Spreu vom Weizen gesondert. Unkraut schießt noch hier und da hervor! die öster⸗ N cht da hinten hält gut Stand, und aller Verrat nichts nützen!——
Aus Hessen.
Zusammenberufung der Zweiten Kammer.
rb. Darmstadt, 16. Juli. Der Finanzausschuß der 2 Kammer hat bei seinen jüngsten Beratungen dem ammerpräsidium die Einberufung aller Kammermitglieder empfohlen, um den einzelnen Fraktionen Gelegenheit zu geben, sich darüber auszusprechen, ob eine Verlängerung des Gesetzes vom 18. Dezember 1914, wonach die Dauer der im vorigen Herbst abgelaufenen Landtagsmandate um ein Jahr verlängert wurde, den Wünschen der Kammer entsprechen würde. Gleichzeitig sollen sich die Kammermitglieder über die Berufung eines parlamentarischen Ausschusses für Lebens⸗ mittelversorgung und sonstige wirtschaftlich wichtige Fragen schlüssig machen. Kammerpräsident Köhler hat zu diesem Zweck die Zweite Kammer auf Freitag, den 23. Juli, vor⸗ mittags 10½ Uhr, zusammenberufen. Wenn sich die Frak— tionen für eine weitere Verlängerung der Mandatsdauer ent⸗ schließen, wird die Großh. Regierung einen diesbezüglichen Gesetzentwurf zur Vorlage bringen, zu deren Erledigung als— dann die beiden Ständekammern imkommenden September zu einer kurzen Tagung einberufen wer- den sollen. N
In der Künstler⸗Kriegskneipe.
Am Rande von Berlin. Bauplätze und wieder Bauplätze. Dazwischen ein einsames stattliches, ganz modernes Haus. Es ist still in dieser noch erst im vollen Entstehen begriffenen Gegend von Wi mersdorf. Aber gegen die Mittagszeit beginnt es in der slillen Straße lebendig zu werden, und von den verschiedensten Seiten steuern auf die„Großloge Hamburg⸗Berlin“, die sich das einsame Haus erbaut hat, Männer und Frauen der verschiedensten Lebens⸗ alter zu. Wer sie sich näher betrachtet, bemerkt bald, daß sie zu⸗ meist ein besonderes Gepräge haben. Einen gewissen künstlerischen dug in Haltung und Geberde, in Gang und Kleidung. Und es E. auch Künstler, die sich hier zusammenfinden. Künstler aus
verschiedensten Provinzen des holden Landes der Kunst: Mu⸗ siker und Maler, Literaten und Schauspieler, Sänger und Sän⸗ gerinnen. Die Kunst, sagt ein altes, bitteres Wort, geht nach Brot— hier trifft das wortwörtlich zu: alle diese Jünger der 5 8 7 Mittagsmahle zu. Die Großloge ist zur
nstler⸗Kriegskneipe ge n 475 g
F nützigen Einrichtung, die hier geschoffen worden ist, ein er⸗ richtendes und fesselndes Bild. Schon im September 1914 machte man sich an das Werk, die durch den Krieg so hart mitgenommene Künstlerwelt Berlins durch die Schaffung billiger Speisegelegen⸗ heit zu unterstützen. Vor acht Monaten hat das Unternehmen in den Räumen der Großloge Hamburg-Berlin seine endgültige Unterkunft gefunden. Die im ersten Stock belegenen Säle und Nebenräume, sowie eine großartig ausgestattete geräumige Küche im Erdgeschosse wurden für das einnützige Werk unentgeltlich zur ügung 8 n den ersten Monaten kamen 115 zahlreiche Zuwendungen, daß das Mittagessen damals noch für 30 Pfennige verabreicht werden konnte, doch 5 Sommerszeit leider fast ganz nachgelassen. Aber auch jetzt noch ver⸗ abreicht der Verband der tierenden Künstler Deutschlands, der der Träger des Werkes ist, 3 400 bis 500 Portionen: E heute er tusgesamt mehr 53 000 Essen verteilt. Und 1 rs
ist dabei anzuerkennen, daß der Musikverband sich seine engeren Kunstangehörigen beschränkt, sondern ohne e alle Kihnstler gastlich hier zu Tische lüdt. Daber ist ihm
ben diese Unterstützungen in der] L
der Schutzverband deutscher Schriftsteller insofern behilflich, als er bedürftigen Angehörigen der Literatenzunft Eßmarken zur Verfügung stellt.
Ersteigen wir die Treppe, die zum ersten Stock führt, so ge⸗ langen wir an die Kasse. Hier muß jedermann sich seine kleine grüne Karte kaufen— sie sieht etwa wie eine Eisenbahnfahrkarte zweiter Klasse aus und kostet ganze 40 Pfennige. Dafür gibt es ein vollständiges Mittagessen. Was haben wir heute zu erwarten? Ein Blick auf die„schwarze Tafel“ belehrt uns darüber: Erbsen⸗ suppe— Braten mit Kartoffeln und Spinat— Schokoladenspeise — Kaffee.“ Nun das läßt sich schon hören und ist ein Mahl, das bei einem Preise von 40 Pfennigen aller Achtung wert ist. Und nun hinein in die Stätte der Speisefreuden: einen freundlichen, festlich hellen Saal in Blau und Gold und Weiß. Da stehen denn die langen weißgedeckten Tische, und da sitzen und speisen sie, sie alle, die die rauhe Hand des Krieges mehr oder weniger hilf- los an den Strand geworfen hat. Junge Damen in hellen Klei⸗ dern, die die Gäste bedienen, eilen geschäftig hin und her. Es gibt auch einen Nebentisch der Nimmersatten— das sind die Stammgäste, die schwer zu befriedigen sind, und einmal und noch einmal„nachverlangen“. Auch ihre Wünsche werden befriedigt und hungrig verläßt wohl kaum einer den Saal. Dann nach dem Essen führt der Weg in den Garten. Auf die Kaffeestunde freuen sich die meisten der Gäste der Künstlerkriegskneipe vielleicht am 1. des. b Spe er hegen neren, zu das nige. ist di ichen Unterhaltung, u Bild, das sich hier bietet, ist wahrlich nicht ohne Interesse. Was für Typen, die sich hier zusammenfinden! Hier der alte Musik⸗ lehrer mit dem glatten Gesichte eines englischen Diplomaten, der mit einem jungen Mädel mit kur; geschnittenem blonden Haar und ohne Hut spricht. Eine hübsche kleine Schwarze liest im„Niels hne“, eine andere mit einem Jungengesicht blättert in emem Bande Nietzsche. Daneben ein russischer Mediziner, der sich jetzt wohl oder übel als Klavierspieker in einem Kaffee des Westens durchschlägt. Ein schmächtiger Maler erörtert mit seinem Nach⸗ barn die endlosen Fragen der Behandlung von Luft und Licht: eine kleine rotblonde belgische Cellistin, die bei Kriegsausbruch aus Brüssel flüchten mußte, ein Modellmädel im Schwabinger Stil, eine komische Alte. wer könnte all diele Tupen erschöpfen!
Aus Stadt und Cand. Gießen, 17. Juli 1915. Der Ernte entgegen.
Früher als sonst, lange, ehe des Sommers Mitte über⸗ schritten war, hat sich ins Landschaftsbild die Farbe der reifenden Saat, das fahle Gold der Roggen- und Weizen⸗ felder, gemischt. Unter den sengenden Strahlen, die in den letzten Wochen tagaus, tagein auf die Fluren brannten, stand zwar alles Wachstum stille, und manche Pflanze ver⸗ schmachtete, aber nach köstlicher Blütezeit reifte dafür die Sonne auf Millionen Halmen die Brotfrucht, die uns die 1 . Hand des Feindes 2 7 gönnt und die uns die⸗ mal nur die heimatliche Scholle schenken kann. Schwer neigen die Aehren die Häupter; Korn an Korn, mancherorts bis zu siebenzig, achtzig an einer einzigen, trägt der schwanke Halm. Und durch die raunende Saat geht es wie die Er⸗ N füllung des Versprechens, daß uns das Vertrauen zt Kraft des vaterländischen Bodens nicht getro haben soll.
Im flachen Land ist die Sichel schon durch manches Feld
egangen, und auf den Stoppeln stehen die Garben zu⸗ 1 und warten des Wagens, der 7 zur Scheuer führt. Die Getreideernte hat begonnen. Sonst war sie dem Lan mann und dem Händler vornehmlich Sache einer rastlosen, keine 1 kennenden Arbeit und des klingenden Lohnes dafür; heute ist sie dem ganzen deutschen Volke Herzenssache. Von der Aussaat an haben unser aller Wüns und Hoffnungen das Samenkorn begleitet; als im Frühjahr die kraftvolle Saat in nie gesehener Ueppigkeit empor«⸗ wuchs, und als später der befruchtende, leise Wind in dem blühenden Halmenmeer spielte, da schlug so manchem, der sonst den Hafer nicht vom Roggen zu trennen wußte, das Herz zuversichtlicher, und wenn heute das Korn die Ver⸗ sprechen des Lenzes einlöst, dann weiß es nicht nur der Bauersmann, sondern auch der Städter in seiner ganzen Bedeutung zu werten. Und nie sind auch dem Großstadt⸗ kinde die Würde und Ehre der mütterlichen Heimaterde so deutlich geworden, wie in diesen Tagen, wo wir ihr allein das Leben danken. Als Wochen um Wochen kein Regen das schmachtende Land erquicken wollte, da suchten auch in den Städten die Augen den Himmel ab nach den Wolken, die nicht Kühle allein, sondern vor allem das Gedeihen der Wiesen und Felder bringen sollten; als im Gewitter schwerer Hagel vom Himmel schlug, zagte auch drinnen in den Häusern der Stadt mancher im Gedanken an die leidenden Saaten. So war das Denken des ganzen Volkes eng mit der Natur verbunden; und daß es nicht nur dabei bleibt, das werden wohl die kommenden Wochen schwerer Arbeit hoffentlich glanzvoll erweisen: die Erntehilfe, die schn im vorigen Jahre, wo erst ein kleiner Teil der männli⸗ 2 Bevölkerung die Sense mit dem Schwert vertauscht hatte, so notwendig war, muß in diesem Jahre noch vieß kräftiger einsetzen und auch hier wieder zeigen, wie dan ganze Volk nur den Willen kennt, im guten wie im bösen zusammenzustehen. 5 1
Von der Saat bis zur Ernte ist dem Getreide und allem andern, was draußen auf den Feldern wächst, ein anderen Weg vorgezeichnet gewesen als sonst. Den Pflug zogen nicht Schimmel und Brauner; die gehn draußen irgendwo unterm Sattel oder schleppen das Geschütz. Langsam wanderten dies⸗ mal die Rinder in den Furchen. Und wo dem Landmann ein Pferd geblieben ist, muß es ebenso wie die Menschen doppelte Arbeit tun. Wo sonst mit weitausholendem Schritt der kräf⸗ tige Säemann ging, da mußte mancher Alte die zitternden 11555 noch einmal über die braunen Felder setzen und die Körner streuen, oder Frauen mußten zum Saattuch greifen. Die sonst das Saatgut geworfen hatten, streuen jetzt draußen einen anderen Samen in Furchen, die von heulenden Gra- naten gezogen werden. Und was am einschneidendsten unter allem Fremden und Neuen ist: Im Augenblicke, wo der Halm vom Boden getrennt ist, ist die Frucht dem Verfügungsrecht des Einzelnen entzogen und gehört der Allgemeinheit. Aber hinter all diesen Opfern steht die tröstliche Gewißheit, daß iht Zweck und ihre Notwendigkeit vom Volke verstanden und da sie selbst willig und geduldig getragen werden. Auch das wird für alle Zeit zu dem Besten gehören, was in diesem Kriege
SDI zur Zahnpflege 3 Man ist froh, zur sehen, daß sie sich hier werktätiger Hilse erfreuen. Auch in anderer Weise hat man sich der Gestrandeten 3 4 Der Wilmersdorfer Magistrat hat dem Verbande stostenlos ein Gartengrundstück überlassen, auf dem die Gäste der Künstlerküche unter kundiger Leitung Kartoffeln und allerlei Gemüse angepflanzt haben. So haben sie Gelegenheit zu gesunder Arbeit und können selbst dafür sorgen, daß Küche und Keller ihrer Kriegskneipe sich immer von neuem füllen. 1 1 * f* —„Fiasko“ machen. Unter den verhältnismäßig wenigen Fremdwörtern, die wir aus der italienischen Sprache aufgenommen haben, ist der Ausdruck„Fiasko“ eines der am häufigsten gebrauch! ten. Ursprünglich war er nur in der Sprache der Kulissen üblich und bedeutet das Gegenteil von„Furore“.„Furore“ macht, wen sein Publikum zu einem wahren kuror, einer Wut— der Ba 3 geisterung natürlich— entflammt. Fiasko ist das Gegenteil. In diesem Sinn, als Ausdruck für Mißerfolg, für ein Mißlingen ist l das Wort auch in unsere Umgangssprache übergegangen. Wenig be⸗ kannt aber dürfte sein Ursprung sein, denn klasco heißt ja wört⸗ lich eigentlich„Flasche“ Es ist nicht, wie man vielfach glaubt, als eine Anspielung auf die Zerbrechlichkeit des Glases aufzufassen, 28 das Wort stammt aus dem Sprachschatz der Glasbläser. Sill ein Glasbläser, was bei seiner Arbeit häufig vorkommt, eine Kugel plasen, so erfordert das einige Vorsicht. Man hält dabei das Glasröhrchen, an dessen Ende die Kugel entstehen soll, senkrecht nach unten, nachdem es erst zugeschmolzen und durch Stauchen etwas verdickt worden ist. Die Kunst bestebt zum darin, daß man an⸗ fangs langsam bläst, damit das dicke Ende sich gleichmäßig ver teilt Bläst man zu rasch so lange das Glas noch sehr weich it, o bildet sich zwar schnell eine Kugel, diese hat aber unten eine cke Stelle, deren Gewicht ste noch nach unten auszieht, daß sie langgestreckt, also flaschenförmig wird. Die Kugel ist mißlungen und der Glasbläser sagt, er hat statt einer solchen eine Flasche fiasco— gemacht. Hoffen wir, daß die Italiener, wenn auch W übertragenen Sinn, recht gründlich und häusig„kiasoo“ machen und daß es für sie keinen anderen„kurore“ gibt, als den 5
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„furor teutonicus“— den sie wohl bald recht gründli kennen lernen werden. g 1 1 a


