Ausgabe 
(12.7.1915) 161. Zweites Blatt
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3 im Balkankriege, General Sawow, welcher erklärte:

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zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

DieSlehener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Ureis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

Die Konferenz in Calais.

Wie das Londoner Pressebureau mitteilte, findet am morgigen Dienstag in Calais eine Besprechung der eng⸗ lischen Minister Asquith, Lord Crewe, Kitchener und Balfour mit Viviani, Delcassé, Millerand, aan Thomas und Joffre statt. Was haben sich diese Männer zu sagen? Die Zusammensetzung der Kon ferenz läßt auf eine allgemeine politische und auf eine mili tärische Tagesordnung, schließen. Grey fühlt sich den An- strengungen einer solchen Aussprache offenbar gesundheitlich noch nicht gewachsen, hat sich übrigens bei ähnlichen Aktio nen immer möglichst zurückgehalten. Lord Crewe soll ihn auch in Calais vertreten. Lloyd George kommt nicht mit. Seine Munitionssorgen mögen ihn zu Hause festhalten. Er hatte, wie man sich vielleicht erinnert, noch als Schatz⸗ kanzler in Paris vielbemerkte Besprechungen mit dem russi⸗ schen und französischen Finanzminister und hielt nach seiner Rückkehr im Unterhause eine aufsehenerregende Rede, in der er in 8 Tone die Schwäche der finanziellen 95 Großbritanniens zugab. Jene Gedankengänge haben ja soeben im Oberhause einen so scharfen und deutlichen Ausdruck gefunden, daß man in Calais dem nichts hinzu⸗ sufügen hätte. Also bleiben die Finanzmänner zu Hause.

r was will man in Calais? Zweifellos ist, daß England von Frankreich etwaes will, nicht umgekehrt. Will man, nachdem das Registrierungsgesetz glücklich durchgebracht ist, ich bei den Franzosen über die Grundlagen eines Wehr⸗

tgesetzes unterrichten? Kitchener und Balfour sind ja

eMilitaristen, aber Lord Crewe ist das Gegenteil

und geht auf einer solchen Informationstour nicht mit. Noch bis vor kurzem der Führer der Liberalen im, Oberhause, erblickt er in jeder Dienstpflicht einAttentat auf die per Freiheit. Dem Feldmarschall Lord Roberts, dem en Vorkämpfer der Wehrpflicht, rief er einmal wütend

25Die Nation wird nie ein solches Gesetz annehmen, weil die durchschnittlichen Eltern in den Mittel- und f ogar in den ehrenwerten Arbeiterklassen 55 nie mit dem Gedanken 1 könnten, ihre Söhne für einige Monate(im

Y im Lager mit Clementen zusammen zu sehen, die sie als den Auswurf(riff raff) des Landes de betrachten ge⸗ wohnt find. Lord Crewe würde also bedenklich stören, wenn man sich in Calais über die allgemeine Wehrpflicht unterhalten wollte. Bleibt nur die Annahme übrig, daß die englischen Minister ihre französischen Kollegen über die neueste Lage auftlären und sozusagen eine gemeinsame Mei- nung den Krieg verabreden wollen. Es hat sich ja in den letzten Wochen ein klaffender Abgrund in der öffent⸗ ae Meinung Englands und Frankreichs aufgetan, der unbedingt überbrückt werden muß, will man fürder noch 2 zusammenarbeiten. In London ist man in der Hitze

Munitions- und Registrierungsdebatte so weit ge⸗

en, dem Publikum falt die volle Wahrheit über die iegslage 1 sagen. Man brauchte die trübe Stimmung, um das durchzudrücken. Man mußte also zu⸗ geben, daß and nicht mehr Herr der Meere ist und daß es auch auf dem Festlande den Feind nicht schlagen kann, ja, daß es eigentlich den Krieg schon verloren hat. In Frankreich aber it man noch immer im Rausch, in den man sich seit dem strategischen Rückzug der Deutschen vor Paris in die Marnelinie hineinbegeistert hat. Die Niederwerfung Belgiens, die Besetzung Nordfrankreichs, das Versagen aller französischen Vorstöße, die furchtbaren Nie derlagen Rußlands, die Blamage Italiens, nichts vermochte den gallischen Wahn zu ernüchtern. Die Presse Vivianis ver⸗ langt immer noch die Rückgabe Elsaß⸗Lothringens, Wieder⸗ 8 und Entschädigung Belgiens, Abtretung des Unken Rheinufers und eine Kriegsentschädigung von hundert Milliarden. Dem französischen Volke wird immer noch vor⸗ gegaukelt, Deutschland stehe wirtschaftlich am Rande des Ab⸗ grunds und sei e so zermürbt und heruntergekom⸗ men, daß es heimlich rallhin Sendboten ausschicke, um den Frieden vorzubereiten. Alle diese Narreteien werden immer wieder geglaubt, und es gibt nur eine Stelle, die den nzosen Aufklärung und Ernüchterung bringen kann: London! Dort muß man es doch wissen, ob Deutschland

Friedensneigungen empfindet. Dort müssen doch Unterhänd⸗

ler vorgesprochen haben. Die ganze Weisheit des Elysee und des Quai d'Orsay bestand ja bisher darin, sich von London gängeln zu lassen. Man hat alles der englischen Regierung überlassen, in der Zuversicht, daß sie die besten Mittel und Wege wisse, um Deutschland diplomatisch zu demütigen. Diese Erwartung Frankreichs findet man in England nach⸗ gerade unbequem und peinlich. Man muß die lieben aus⸗ epowerten Bundesgenossen endlich auch in dieser letzten nung enttäuschen. Mag der offizielle Zweck der Konfe⸗ renz in Calais vielleicht die Einrichtung eines militärischen Oberbefehls der Entente sein zu diesem Behufe hat man ja quch den italienischen General Porro kommen lassen, der 25 n 3 N bereits Vor⸗ besprechungen hatte die geheime Absicht des englischen Ministerbesuchs ist, den Bundesgenossen die Augen zu öffnen und ihnen zu sagen, daß man in London nicht mehr an ieg und Lorbeeren glaubt und daß es nur noch gilt, die iederlagen auf allen Kriegsschauplätzen gemeinsam zu er⸗ kennen und sich danach einzurichten.

Sawow über die Kriegsaussichten. Wien, 11. Juli. WT. Nichtamtlich) DieReichspost

veröffentlicht eine Unterredung ihres Korrespondenten in Sofia

mit dem Oberkommandierenden der bulgarischen

Die heutige militärische Lage bedeutet für mich keine Ueberraschung. Ich habe nie daran gezweifelt, daß die Russen und Franzosen sich tapfer schlagen werden, doch habe ich ebenso gewußt, daß die Armeen Deutschlands und Oesterreich⸗Ungarns die milr⸗ tärische Ueber legenheit besitzen. Der Krieg ist ein großes Ringen, wo bald der eine, bald der andere Gegner schein⸗ bar zu Fall kommt. Endlich aber tritt die bedeutsame Kampfes⸗ phase ein, wo der eine Kämpfer die volle Gewißheit erlangt, daß

es der Ueberlegenere aus bestimmten Gründen und mit bestimm⸗ ten Mitteln ist. In dieser Phase scheint nun der Kampf zu stehen. Sie ist die vorletzte denn die Schlußphase ist jene des endgültigen über den Widersacher. Nicht die ungeheuere Macht der

sse ist die Bedingung des Sieges; nein, der feste Wille, die umft und Moral, das Einsetzen und Verteilen der Kraft, kurz alles das, was 95 mit dem Ausdruckmilitärische Orgam⸗

on z eichn.

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105. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Ober

Uriegsbriefe aus dem Often.

Von unserem zum Ostheere entsandten Kriegsberichterstatter (Unberechtigter Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.)

Ruhe an der Dubissa. Kurtowiany, Anfang Juli.

Wieder sieht die weiße hohe Spitze, der Turm von Szawle, über die staubige und sonnige Straße.Es ist Ruhe an der Du⸗ bissa, sagt der Artilleriehauptmaun. Wir schweigen und die Russen brabbeln ab und zu so ein bißchen.Ihr Auto kann ruhig bis zu der kleinen Kirche auf der Höhe fahren. 1

Da setzt das Heulen und Dröhnen ein, die scharfen weißen Wolken flattern über den Erlengebüschen vor uns.Sehen Sie, die Russen schießen sogar!

Auf der linken Seite der Straße gegen Sicht geschützt, geht es wieder auf den Hügel zu. Irgendwo aus den Erlengebüschen zur Seite werde ich angerufen. Die paar Schrapnells, planlos in das Gelände gestreut, haben doch Opfer gefordert. Zwei Ver⸗ wundete. Ein Brustschuß. Ich gehe zur leichten Artillerie, um, zu fragen, ob die Sache schlimm wäre, und das Auto für den Transport zur nächsten Verbandstelle zur Verfügung zu stellen. Da heult es wieder auf, und diesmal sausen zwei 12⸗Zentimeter⸗ Granaten in das Gestrüpp. Eine gräbt sich dicht neben dem Erd⸗ wall, an dem wir uns einträchtig allesamt niedergeworfen haben, ein. Die Leute springen auf und der Unteroffizier schreit, daß es eine absolute Schweinerei wäre, daß die gesamte Batterie auf einem Klumpen hocke.

Die beiden Verwundeten werden zum Auto gebracht. g

Und wie ist das mit der Flasche Rotwein? fragt der eine, der nur einen leichten Streifschuß am Bein hat.

Die hat dabei den Hals verloren, Kehlkopfschuß, sagt Mann.Und?

Und da habe ich sie alle gemacht, sagt der Kanonier strah lend. Das Gespräch wird unterbrochen, dann wieder sausen zwer Granaten. Diesmal dicht neben der Straße in das Erdreich.

So sieht Ihre Ruhe an der Dubissa aus!, sage ich zu dem Hauptmann, als ich zurückkehre und auf das Auto warte.Es ist auch heute seit acht Tagen der lebhafteste Tag, außerdem ist die Sache zu Ende.

Wirklich, die Russen tun keinen Schuß mehr. Es ist, als ob das Schicksal nur den einen armen Mann hätte fassen wollen, an diesem sonnenflimmernden, ruhigen Sommertag an der Dubissa.

Die Ordonnanz bringt einen tüchtigen Bottich voll frisch⸗ gefangener Karpfen, die im Eiswasser auskühlen.Die Karpfen

1 ein

15 es überall hier in den Fischteichen und das Eis ist von den.

auern massenhaft in den primitiven Eiskellern im Walde auf⸗

gestapelt. Eine Erdhütte, etwas Sägemehl darüber, und der Eis⸗

eller ist fertig. Nach sieben gänzlich alkohollosen Tagen haben wir auch gestern Bier bekommen.

Es ist ganz famos kalt, stelle ich fest, und die ruhige plauder⸗ same Stunde auf diesem Boden, der so viel Kampf und Not gesehen hat, scheint mir wie ein Traum, der wieder vergehen muß, wenn die schweren Mörser da dicht vor mir wieder ihren Mund auftun. Aber die Sonne spielt grün⸗blaue Blätterschatten auf dem dicken grauen Rohre, die Kanoniere liegen auf dem weichen Grund und räkeln sich.

Das Gespräch geht zu den letzten Kämpfen hier. Es gab da einen harten Augenblick für ein Regiment. Beim Vordringen aus dem Wald hinter uns waren die Linien etwas durcheinander ge⸗ kommen; als sie sich nun auf dem freien Gelände entwickelten, blieb eine Lücke, eine Kowpagnie lag ziemlich weit vorgeschoben. an der östlichen Seite dieses Lochs. Wie sehr oft hatten die Russen gut beobachtet, und plötzlich brachen vier neue Regimenter unter Hurrarufen zum Gegenangriff in Richtung gegen diese schwache Stelle vor. Die in weitem Vorgehen begriffene deutsche Kompagnie nahm Stellung. Sie war eben dabei gewesen, ein paar hundert gefangene Russen, die sich aus der alten Front ergeben hatten, hinter ihrer Linie zu entwaffnen, als der neue mächtige Angriff sich bemerkbar machte. Es war, als ob die ganze Kompagnie den Atem anhielt, als sie so plötzlich Sturm vor sich sah. Einer der russischen Offiziere versuchte, den Teil der gefangenen Mannschaft, der noch Gewehre besaß, dazu zu bekommen, wieder auf die Deutschen loszugehen, als die ferne grau⸗blaue Linie näher und näher kam. Ein Unteroffizier schlug ihm den Kolben über den Schädel, und ein paar Leute hieben gleich weiter auf die russische Mannschaft, die nicht schnell genug das Gewehr fortwarf. Das half. Aber von vorn kam die unausbleibliche Vernichtung näher. Hilfe von den übrigen Kompagnien war nach Lage der Dinge nicht rechtzeitig zu erwarten. Doch unsere Feldartillerie hatte gut auf⸗ gevaßt und den russischen Stoß rechtzeitig bemerkt. Die erste Lage gleich saß und dann gab die Batterie Schnellfeuer, was die Rohre halten wollten. Ein paar Augenblicke später konnte auch die natür⸗ lich langsamer sich einwendende schwere Artillerie in die sich etzt schon stauende russische Masse hineinhauen. Es sah aus, sagten die deutschen Infanteristen, als ob ein neuer Wolkenhimmel plötzlich über den russischen Linien entstanden wäre. Der erste Angriff brach noch vor der Kompagnie u Jählte man 500 russische Tote. Das war das Totenfeld an der Dubissa, von dem ich schon geschrieben habe. Es ist solche Wirkung der Artillerie nur möglich, wenn die feindliche Artillerie, wie es bei den Russen jetzt Regel ist, beim ersten Anzeichen des Rückwürts⸗ gehens, nach hinten gezogen wird. Die arme russische Infanterie wird geopfert wie Schlachtvieh, man setzt der vorwärtsgetriebenen, sterbenden Masse zu Liebe kein Geschütz mehr aufs Spiel. Es wird der Tag kommen, wo die Rechnung zwischen Menschenblut und Stahl, die da so kühl aufgestellt ist, ausgeglichen wird.

Eine Ordonnanz bringt Kaffee. Es wird aus fünf Tassen ge⸗ trunken, die natürlich alle verschieden sind und alle ihre Geschichte haben. Es gibt sogar Milch. Die schwere Batterie hat ihre eigene Kuh. Es ist ein kleines verkommenes, polnisches Stück Vieh, das nur eineinhalb Liter Milch gibt. Sie ähnelt dem verkommenen Lande, das auch nicht ein Fünftel dessen trägt, was es bei sach⸗ gemäßer Behandlung hergeben müßte. Ein Major führt mich später durch das sehr große Gut des Grafen Siebert Plata. Das einzige, was in Ordnung ist, ist die Fischwirtschaft, die noch von der Zeit des Deutschen Ordens herrührt. Jede Bodensenkung ist für Karpfen⸗ teiche ausgenutzt und ein deutscher Ingenieur, der die riesigen Moorstrecken bearbeiten sollte, hat scheinbar das Seinige getan, daß dies alte deutsche Erbe nicht auch verkommen ist. Bis zum Ufer der Niewiaza reichte einmal die Grenze des deutschen Ordens⸗ gebietes nach Osten(13841422); daß aber diese Gegend um Szawle dazu gehört hat, deuten nur eben noch die Fischteiche an.

Kaum an einer Stelle in Deutschland werden Ahorn und Linde eine solche Höhe erreichen, wie hier in diesem Gutspark. Es ist fruchtbarster, kalkreicher Boden, der schwere Ernte tragen könnte, wenn an Stelle des Latifundienbesitzers, der sein Geld in Mpnaco und Paris ausgibt, ein gründlicher Arbeiter wäre.

Die Waldtäler erinnern an Thüringen, die schweren Tannen stehen über einer leuchtend grünen, selbst jetzt noch saftigen Weide⸗ fläche, die für zen Viehbestand der hier operierenden Truppen qus⸗ genützt wird Denn auch dies Stück Land, in dem sich die Ope⸗ rationen abspielen, wird verwaltet. Wie etwas weiter hinter der Front die Verwaltungsarbeit der Etappe einsetzt, so sorgt hier unmittelbar bei der Linie ein besonderer Verwaltungsoffizier, daß nichts vorkommt. Er sorgt auch für die Bevölkerung und es ailt als Regel, daß, wer arbeitet, auch seine Ernährung sicher ge⸗

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usammen und auf 200 Quadratmeter sst

Montag, 12. Juli 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.

Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul-

straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S851, Schrist

leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

stellt bekommt. Ein außerordentlich gesunder, ein deutscher Grund⸗ satz der Bevölkerung gegenüber. Die jungen Polinnen suchen Walderdbeeren, ganze Körbe voll sah ich an das Lazarett abliefern, es wird ordentlich und ent sprechend gezahlt. Die Verwundeten sind mit diesen schönen S mersachen Erdbeeren und Krebsen auch recht zufrieden. Sie liegen in einer Kirche, die von außen den Anschein erweckt, als sei sie eine Ruine. Der Hauptraum ist aber völlig erhalten und wundervoll kühl. Nur Stroh fehlt, an seiner Stelle hat man, Wachholderreisig nehmen müffen, jetzt wird Heu da sein. Es mag ja sonst an diesem Ort weniger still und kühl und erholungs⸗ mäßig ausgesehen haben, aber kameradschaftlich wird es immer so gewesen sein, wie jetzt, da jede Erdbeere beinahe säuberlich ab⸗ gezählt wird, damit alle das Gleiche erhalten.

Wirklich, wenn man das weidende Vieh sieht und die Kolon⸗ nen⸗Pferde, die sich auf der Weide erholen, muß man an den allertiefsten Frieden denken, aber noch friedlicher wird das aus⸗ sehen, wenn man bemerkt, daß hier eine Rennbahn abgesteckt ist und in den nächsten Tagen ein richtiges Rennen geritten werden soll, Es sind an 50 Pferde gemeldet worden., Eben saust ein junger Offizier in vollem Galopp in den Auslauf. Man reitet sich für den Renntag ein es ist Ruhe an der Dubissa.

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

25. Hauptversammlung der Zentralgenossenschaft der hessischen landwirtschaftlichen Konsum⸗bereine.

bl. Dar mstadt, 12. Juli.

Am 10. Juli fand im Kaiserlaal zu Darmstadt die 25. Haupt- versammlung der Zentralgenossenschaft der hessisch. land⸗ wirtschaftlichen Konsumvereine statt. Der Vorsitzende Gutsbesitzer Hembes Ober⸗Olm, eröffnete und leitete die Versammlung und begrüßte die erschienenen Mitglieder und Vertreter der angeschlosse⸗ nen Genossenschaften.

Direktor Berg erstattete den Geschäftsbericht. Durch die Heranziehung der Zentralgenossenschaft zur Durchführung von, wirtschaftlichen Maßnahmen der Kriegsorganisation wurde ihre Tätigkeit bis auf den heutigen Tag bei ständigem Mangel an Hilfskräften in stzigendem Maße in Anspruch genommen. Bis zu Kriegsausbruch war der Geschäftsgang normal und ver⸗ sprachen die günstigen Aussichten der Rauhfutterernte eine Er⸗ mäßigung der Futtermittelpreise. Die große und schwere Zeit, die wir durchleben, stellt unsere Landwirtschaft vor Aufgaben, die nur dann zu lösen sind, wenn die wirtschaftlichen und insbesondere ge⸗ nossenschaftlichen Organisationen bis in ihre Einzelzellen hinein ihr Ganzes daran setzen, um ihnen gerecht zu werden. Je länger das Völkerringen anhält, desto mehr greift es auf unser gesam⸗ tes Wirtschaftsleben über, und es liegt in der Natur der Sache, daß der Nährstand die Landwirtschaft dabei ganz beson⸗ ders berührt wird. Wenn vielleicht auch nicht mit einer so langen Dauer des Krieges gerechnet wurde, so waz doch mit Sicherheit u erwarten, daß die Erhaltung unserer zu Kriegsausbruch reichen Viehbestände und die Versorgung unserer Landwirtschaft mit den zur Steigerung der Bodenproduktion erforderlichen Mengen Kunst⸗ dünger 5 Schwierigkeiten bereiten werden, denen nur durch eine planmäßige Regelung von Angebot und Nachfrage begegnet werden kann. Die ersten Wochen nach der Mobilmachung brachten eine förmliche Umwälzung im Warengeschäft. Nach Eintreffen der ersten Siegesnachrichten fing zwar das Geschäftsleben wieder an aufzuatmen, aber Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten stellten sich der ordnungsmäßigen Abwicklung der vorher getätigten Liefe⸗ rungsgeschäfte entgegen. Ein Teil der Lieferanten erklärten die ge⸗ tätigten Futtermittelabschlüsse unter Berufung auf die Kriegs⸗ klausel für dene oder waren nur bereit gegen Bewilligung eines höheren Preises dieselben zur Ausführung zu bringen. Ueber die Berechtigung dieser Forderungen entstanden Meinungsverschieden⸗ heiten, die eine völlige Klärung nicht fanden. Jedenfalls waren die Käufer einmütig der Auffassung, daß Waren, die vor Kriegsaus⸗ bruch noch ins Inland hereingeschafft werden konnten, unbedingt zu den Abschlußpreisen zu liefern sind. Sprunghaft gingen die Preise auf dem Markte in die Höhe, sie wurden aber unter dem Drucke der Verhältnisse gewährt.

In dieser Zeit lernen unsere Landwirte den Wert einer ge⸗ nossenschaftlichen Bezugsorganisation und die ein⸗ zelnen Genossenschaften den Zusammenschluß in eener leistungs⸗ fähigen Zentralgenossenschaft schätzen. Soweit diese noch Schlüsse laufen hatte, nützte sie die abnorme Marktlage nicht aus, sondern. betrachtete es nach wie vor als ihre vornehmste Aufgabe, den Ge⸗ nossenschaften durchaus einwandfreie Ware zu möglichst billigen Preisen zu liefern. Als Beweis dafür stellt der Berichterstatter die Frankfurter Börsenpreise im Sept. und Dez. 1914 in Vergleich 1 den von der Zentralgenossenschaft berechneten Preisen. Weiter stellte er fest, daß die Zentralgenossenschaft ihre Lieferungsverpflichtungen erfüllte, während einzeln stehende Genossenschaften vielfach im Spät⸗ jahr schon von ihren Lieferanten im Stiche gelassen wurden.

Das Düngergeschäft hat unter der Wirkung des Krieges ge⸗ litten; die Männer mußten fort und die Frauen glaubten auch einmal ohne Kunstdünger auszukommen. Dazu kamen noch Wagen⸗ mangel und Lieferungsschwierigkeiten. Auch der Kohlenbezug ge⸗ staltete sich besonders schwierig.

Wesentlichen Anteil nahm die Zentralgenossenschaft an den Arbeiten der Heeresverpflegung, die von der Landwirt- schaftskammer durchgeführt wurde. Der Wert der abgesetzten Natu⸗ ralien betrug 8 Millionen Mk.

Weiter wurde die Zentralgenossenschaft mit Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten derVerteilungsstelle für Futtermittel betraut, deren Aufgabe es ist, die Verteilung der Kleie, der zuckerhaltigen Futtermittel und der sonstigen Futter- mittel im gesamten Gebiet des Großherzogtums in gerechter Weise nach bestimmten Grundsätzen vorzunehmen.

Der Mitgliederstand beträgt 129(123 Genossenschaften end 6 Einzelpersonen). Der Warenbezug beläuft sich auf 502 752 Zentner im Werte von 1800 000 Mk. und bleibt nur unwesentlich hinter dem Umsatze des Vorjahres zurück.

Der Jahresabschluß ist günstig. Der Reingewinn beträgt 51826 Mk., wovon nach Stärkung der Reserven und Verzinsung der Geschäftsguthaben 32 295 Mk. in Form von Rückvergütung nach Vorschlag des Aussichtsrates ausgeschüttet werden sollen. Die Vermögenslage der Zentralgenossenschaft ist somit günstig. Allerdings wird die Stärkung der eignen Betriebsmittel als weitere Notwendigkeit empfunden. 0 ˖

Ueber die stattgehahte gesetzliche Verwaltungs reser ve erstattete der Vorsitzende Bericht. Es haben sich dabei keine Anstände ergeben.

Ueber das Ergebnis der Prüfung der Bilanz und der Jahres⸗ recknurng berichtet Bürgermeister Sensfelder, wobei Ueber⸗ einstimmung der Bilanz und Jahresrechnung mit den Büchern sich ergeben habe Die Hauptversammlung erteilte Genehmigung und Entlastung des Vorstandes. Die Wahlen wurden durch, Zuruf vollzogen. In den Vorstand wurde das statutmäßig aus⸗ scheidende Mitglied Herr Bürgermeister Keim- Wonsheim ein⸗

stimmig wiedergewählt. Aus dem Ausfsichtsrat hatten auszu⸗ scheiden die Herren: Oekonomierat, Bürgermeister Feller, Spiesheim, Wilhelm Kriegck II., Gettenau, Gutsbesitzer Jacob Schätzel VIII., Guntersblum, die sämtlich einstimmig wieder⸗

gewählt wurden. 3 3 f Nachdem die Tagesordnung erschöpft war, schloß der Vor⸗

sitzende mit Worten des Dankes die Versammlung.