ur. 155 Spdettes Blatt Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Siegener Famillenblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Ureis Gießen“ zweimal . wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ „ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Ein deutscher Stahlbund.
Von unserem W.⸗Mitarbeiter wird uns aus dem Industrie⸗ bezirk geschrieben:
Das deutsche Eisengewerbe geht seit Jahren darauf aus, die Mängel in seiner Organisation zu beseitigen und diese einheit⸗ licher auszugestalten. Bekanntlich gelang es bisher stets nur die Rohstoffe und die Halbfabrikate, allenfalls auch die schweren Er⸗ 8 se in Kohlensyndikat und Stahlwerksverband zu binden,
die meisten Fabrikate dem wechselvollen freien Wett⸗ bewerb ausgesetzt waren. Hin und wieder gelang es wohl, Preis⸗ konventionen zu gründen; aber diese waren meistens nicht von langer Dauer. Es entwickelten sich die oft trostlosen Preiszustände heraus, die, eine Folge der Ueberproduktion, so niedrig waren; daß sie nicht einmal die Selbstkosten deckten. Das Halbfabrikat war oft billiger als das Fertigfabrikat. Die Ueberzeugung von der Unhaltbarkeit dieser Zustände hat sich längst in den beteiligten Kreisen Bahn gebrochen. Die Bemühungen aber, ihnen abzuhelfen, sind stets an unüberwindlichen ierigkeiten gescheitert. Noch vor Ausbruch des Krieges hatten solche Verhandlungen, die sog. Produkte B(Stabeisen, Bleche, Draht, Röhren) zu syndizieren im Anschluß an die Verhandlungen zur Erneuerung des Kohlen⸗ sundikats statt Bekanntlich hat eine Gruppe von Werken, — en am Stahlwerksverband gleich groß sind, wie am Kohlensyndikat, ihre Zustimmung zum neuen Kohlensuydikats⸗ vertrag davon abhängig gemacht, daß auch jene Produkte B in Verbänden zusammengeschlossen würden. Die zu diesem Zwecke damals enen Verhandlungen wurden vor Ausbruch des Krieges ergebnislos eingestellt.
8 man nach den Gründen dieses negativen Resultates, so wird man sie zusammenfassend dahin deuten können, daß einer ö l der Beteiligten der ernste Wille fehlt. Sie stellten infolge⸗
bezüglich ihrer Beteiligungsziffern so hohe Anforderungen,
ihre Erfüllung von vornherein ausgeschlossen war. Es gibt eben noch eine Reihe Hüttenwerke, deren Ausdehnungsdrang auch — ganz befriedigt ist und die deshalb Verbände in den 1 kten B als lästige Fessel dieses Ausdehnungsdrangs emp⸗ finden würden. Daher rührt denn ihr passiver Widerstand gegen alle Syndizierungsbestrebungen der Produlte B. 1 Der Krieg dürfte nun mancherlei Aenderungen in der Stellung unserer industrie auf dem Weltmarkt im Gefolge haben. Und empfindet das Bedürfnis, sich schon heute über die Um⸗ wälzungen klar zu werden und Vorsorge zu treffen, ihnen zu be⸗ gegnen. Als erste Voraussetzung erkannte man in einer zu diesem Zweck abgehaltenen Besprechung in Düsseldorf den festen Zusammen⸗ schluß des Gewerbes. Die allgemeine Ansicht ging dahin, daß ohne ein— Gefüge, das Gewerbe nach dem Kriege schwere Zeiten zu gewärtigen habe. Um nun neue Grundlagen zu finden, wurde ein Arbeitsausschuß gewählt, der die Angelegenheit weiter ver⸗ folgen sollte. Dieser Arbeitsausschuß unter dem Vorsitz des Direk⸗ tors Müller von Gebr. Stumm hat nun als Ergebnis seiner Be⸗ vatungen einen Vertragsentwurf für die Gründung eines„Deutschen Stahlbundes“ ausgearbeitet, der sich auf erweiterter Grundlage entsprechend den Kriegswirkungen aufbauen soll. Der Stahlbund soll— Aufgaben allgemeiner Natur erfüllen, sich also nicht mit, kauf befassen. Im Gegensatz zu den früheren Be⸗ strebungen will man die Bewegungsfreiheit der Werke weniger beschränken und deshalb von einer ziffernmäßigen Bindung der Rohstahlerzeugung Abstand nehmen.
Wenn man die Aufgaben, die dem angestrebten„Deutschen Stahlbund“ in dem Satzungsentwurf gegeben sind, zusammenfaßt, so wird man sie als dreierlei bezeichnen können: a
1. dem deutschen Stahlgewerbe im Auslande noch mehr Freunde
und einen größeren Absatz zu erwerben,
2. im Inlande die Bildung weiterer Verbände lalso einen,
festeren Zusammenschluß) zu fördern, und die bestehenden zu
erhalten,
3. in Zusammenhang mit diesem letzteren Punkt seinen Mit⸗ gliedern einen wirksamen Schutz gegen neu entstehenden ungesunden Wettbewerb zu gewähren.
Den ersteren Zweck will man durch die Bildung geeigneter wirtschaftlichen Organisationen und Vertretungen im Auslande erreichen suchen; ferner durch das Studium fremder Länder und ihrer Bedürfnisse. Erleichtert würden diese Bestrebungen durch das Zusammenarbeiten mit ausländischen Handelsnieder⸗ — 25 mit Schiffahrts⸗Unternehmungen, mit Banken usw. Sicher . de sich einem deutschen Stahlbund hier noch ein weites Feld der Betätigung bieten, auf dem nach dem Kriege fruchtbringendo
und ihliche Tätigkeit entwickelt werden kann. Natürlich würde die Aufbringung reichlicher Mittel erforderlich sein, die die be⸗ siehenden Verkaufsorganisationen zur Verfügung stellen müßten.
Deer deutsche Stahlbund könnte seine Tätigkeit selbstverständlich Hand in Hand mit den Verkaufsverbänden ausüben.
Mit der zu 2 gestellten Aufgabe, die bestehenden Verbände zu
erhalten und die Bildung weiterer zu fördern, würde der deutsche
Stahlbund die bisherigen Bestrebungen lediglich fortzufetzen und
Kunst, wissenschaft und Ceben.
— Die baltischen Deutschen und ihr Land. Ueber dieses Thema sprach kürzlich Frl. C. Noelting im Anatomischen Institut in Gießen vor einer zahlreichen
Hörerschaft. Folgendes hübsche Referat über ihre Aus⸗ K
— sendet uns die Vortragende: Der Vortrag ndelte: 7 Vom Bruderstamm, der siebenhundert Jahr Auf fremder Erde deutsch geblieben war Und noch im Herzen deutsch geblieben ist,
Trotz Brand und Mord, Gewalt und arger List! Von treuer Arbeit, redlich dort getan, Daß Recht und Sitte finde freie Bahn! Vom„Gottesländchen“ wo in Tal und Höh'n Ruinen deutscher Ordensburgen steh'n! Und wo durch frisches grünes Wiesenland Sich lieblich zieht der Flüßchen Silberband. Von weiten Feldern, reich an goldnem Korn, Des Landmanns und des Städters Segens born, Auch von der Stadt am stolzen Dünastrom Mit mastenreichem Hafen, Gild' und Dom. Von Menschenherzen, warm und groß und frei, Dem neuen Herrn wie einst dem alten treu. Von Männern, deren tiese Wissenschast Auch unsrer Heimat täglich Segen schafft; Von Frauen, anmutreich und gütevoll,
* Der Armut spendend reichen Dankes Zoll;
Von Malerei und Dichtkunst und zugleich
Von aller Balten Liebe, echt und reich,
Für unsrer Geisteshelden Herrlichkeit,
Der Jugend reinstes, köstlichstes Geleit,
Von dunkler Wolken drohendster Gesahr!——
8 sie und mach den Himmel klar!
em Bruderstamm, den du aus schwerer Not So oft errettet hast, du treuer Gott!
ann Hus! Tod vor 500 Jahren. Am 6. Juli
Jahre vergangen sein, daß Johann Hus auf dem starb. Tro er für das Konzil von Konstanz
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en hatte, war sich Hus darüber klar, daß 1
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165. Jahrgang
ßener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
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Montag, 5. Juli 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen 3 Universitäts- Buch- und Steindruckerei.* R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul ⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: 51, Schrist⸗
leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
zu einem endlichen Ergebnis 5 führen haben. Der Schutz der bestehenden Verbände würde sich hauptsächlich auf den Stahlwerks⸗ verband zu erstrecken haben. Und die Förderung neuer Verbände hätte in erster Linie die B⸗Produkte, Stabeisen, Bleche, Draht, Röhren ins Auge zu fassen. Nachdem man von der allgemeinen Festlegung der ee Abstand genommen, um den. Werken die Bewegungsfreiheit nicht allzusehr zu beschränken, wird es sich nur noch darum handeln, für jedes einzelne Fabrikat die Beteiligungsziffer zu bestimmen. Aber das ist nach den bisher gemachten Erfahrungen eben auch nicht leicht. Alle Bemühungen zur Lösung der Syndikatsfragen für diese B⸗Produkte sind an den Beteiligungsziffern gescheitert. Obs in Zukunft möglich sein wird, über diesen springenden Punkt zu einer Lösung zu kommen, läßt sich heute noch nicht vorhersagen. Der Satzungsentwurf des zu⸗ künftigen deutschen Stahlbundes macht den Abschluß von Ver⸗ bänden in den genannten Produkten aber zur Voraussetzung für das Inkrafttreten des Stahlbund⸗Vertrages.
Die dritte Aufgabe, der Gruppenschutz der Mitglieder, birgt ebensolche Schwierigkeiten in sich. Er soll verhindern, daß neue Werke entstehen, die einen verschärften Wettbewerb verursachen und die Absatzmöglichkeiten beschränken. Wie schwer das ist, haben die bisherigen Erfahrungen gelehrt. Die eigenen Mitglieder gehen in diesem Punkte oft recht skrupellos vor, bauen neue Werke oder erweitern die alten und kümmern sich in solchen Fällen gar nicht darum, ob der Markt für die Mehrmengen aufnahmefähig ist oder nicht. Das hat sich im vergangenen Jahre noch recht deutlich am Blechmarkte gezeigt, wo Mehrmengen von 200000 Tonnen von neuen Werken herauskamen, die der Markt nicht aufzunehmen imstande war. Die Folge war ein starker Preisdruck, der die Preise bis zu den Selbstkosten herabdrückte und vielen kleineren Werken das Produzieren überhaupt unmöglich machte.
In wirtschaftlichen Fragen bleibt leider das Eigen⸗Interesse des einzelnen Betriebes ausschlaggebend für sein Verhalten der Gesamtheit gegenüber. Möglich ist, daß die Folgewirkungen des Kriegs die Geneigtheit zum stärkeren Zusammenschluß fördern. Wünschenswert wäre es jedenfalls, daß die deutsche Eisenindustrie zur Lösung der großen Aufgaben, die der Auslandsmarkt nach dem Kriege zeitigen wird, fest in sich geschlossen dastehen würde.
Aus Stadt und Cand. Gießen, 5. Juli 1915. 4 Auf dem Felde der Ehre gefallen. (Aus Hessen und den Nachbargebieten.)
Musketier Heinr. Merte, Inf.-Agt. 88, aus Marburg.— Musk. Wilhelm Enders, Ins.-Rgt. 17, aus Hainbach.— Res. Architekt Heinrich Kopp aus Worms.— Musk. Jakob Kühling, Ins.-Rgt. 221, aus Worms.— Ers.-Res. Friedr. Rein heimer, Ins.-Rgt. 118, aus Worms.— Kriegsfreiwilliger Georg Haas aus Worms.— Musk. Ernst Weber, Juf.-Rat. 186, aus Her- born. Ers.⸗Res. Ludwig Klieber, Ins.-Rgt. 49, aus Offen- bach a. M.— Gefr. Karl Wilh. Klose aus Biedenkopf.— Land- sturm-Pionier Franz Herm. Schneider aus Darmstadt. 8
** Amtliche Personal nachrichten. Der Groß- herzog hat dem Ober⸗Postschaffner Ludwig Heppner in Bü⸗ dingen das Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift„Für lang⸗ jährige treue Dienste“ und zum 1. Juli d. Is. der Krankenpflegerin des„Alice⸗Frauenvereins für Krankenpflege im Großherzogtum Hessen Schwester Ernestine Buß aus Holzheim, Kreis. Gießen, das Dienstauszeichnungskreuz für Krankenpflege in Silber ver⸗
liehen.
* Lesestoff an die Front. Man schreibt uns: Mehr und mehr häufen sich Briefe und Karten aus dem Felde, den Feldlazaretten und aus den Gefangenenlagern, die alle in wärmsten Worten dem Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft, Abt. Gießen, ihren Dank zum Ausdruck bringen für die Zusendung von Büchern und Zeitschriften. Manche schildern in ganz rühren⸗ der Weise die Freude, die das Eintreffen dieser Pakete ver⸗ ursacht. Bedenkt man, wie lang unsern braven Soldaten ein Tag im Schützengraben, in den Unterständen oder im Lazarett und in den Gefangenenlagern, in denen sie zum roßen Teil zum Nichtstun verurteilt sind, werden mag, fo ist diese Freude begreiflich. Wenn die an der Versendung beteiligten Persönlichkeiten die fertig gepackten Pakete und die wieder leer gewordenen Tische betrachten, so wird in ihnen immer wieder der Wunsch rege, diese freudespendende Tätigkeit noch länger fortsetzen zu können. Dazu bedarf es aber der Mithilfe der gesamten Bürgerschaft. Denen, die schon gespendet haben, herzlichen Dank! Möchte ihr Tun reiche Nachahmung finden! Der Frauenbund richtet gewiß kein unbescheidenes und lein vergebliches Ansinnen an seine Mitglieder und an den Leserkreis, wenn er bittet, noch
er viele Widersacher habe und daß seine Lage auf dem Konzil nicht leicht sein werde. Als er dann trotz dieses Briefes bald nach der Ankunft in Lonstanz gefangen gesetzt wurde, kamen auch die tapfersten seiner Freunde zu der Ansicht, daß es für Hus nur noch zweierlei geben könne: bedingungslose Unterwerfung vor dem onzil oder den Scheiterhaufen. Die Verhandlungen gegen Hus begannen am 5. Juni und endeten am 8. Juni 1415. Trotz der gehässigen Feinde, die gegen Hus auftraten und die in erster Linie dessen Scheiterhaufentod wünschten und herbeizuführen suchten, schienen mehrere Mitglieder des Konzils geneigt zu sein, das Acußerste von Hus abzuwehren. So ward ihm mehrmals bedeutet, daß ein Widerruf begangener Irrlehren, wenn der Widerruf nach göttlichem Gebot zu Unrecht erfolgt sei, nicht dem Widerrufenden selbst, sondern dem Konzil und dessen Mitgliedern zur Last falle. Aber Hus blieb standhaft in seinem Glauben, und auch als das Konzil bis zur Verlesung des Urteils nochmals eine Frist von vier Wochen sestsetzte, war in dem wegen Ketzerei Angeklagten noch keine Aenderung vor sich gegangen. Zur Verkündigung des Urteils wurde der 6. Juli, ein Sonnabend, bestimmt. Fast alle Mitglieder und viele Fürsten wohnten der Sitzung im Dom zu Konstanz bei. Nach Beendigung des Hochamts wurde Hus im Kleide eines Priesters vorgeführt. Aber schon kurz darauf, nach Erledigung einiger Formalien und der Verlesung des Urteils fielen Bewaff⸗ nete über den Verurteilten her und führten ihn hinaus auf den Platz vor dem Dom, wo gerade seine Bücher den Flammen über⸗ geben wurden, und weiter hinaus auf die Richtstätte. Dort war schon ein Scheiterhaufen aus Stroh und Holz errichtet worden. Noch einmal konnte Hus laut beten; dann schlugen die Flammen über feinem Kopfe zufammen. Die Asche des dreimal verfluchten Ketzers aber wurde in den Rhein geworfen. g
— Wie Ganghofer Kriegsfreiwilliger werden wollte. Ludwig Ganghofer, der, 1855 in Kaufbeuren geboren, am 7. Juli sechzig Jahr alt wird, hat uns während des jetzigen Krieges wiederholt von seinen Fahrten an die Front erzählt. Mit zu kämpfen, dazu war er jetzt schon zu alt, und beim letzten deutschen Kriege noch zu jung.— Aber 1870 hatte der erst fünf⸗ zehnjährige Knabe doch die feste Absicht, als Kriegsfreiwilliger in den Krieg zu ziehen. In Augsburg war er in Pension, um das Gymnastum zu besuchen. Da lief er fleißig mit den Schulkame⸗ raden auf den Bahnhof, um die durchziehenden Soldaten erfrischen
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einmal gründlich die häuslichen Bücherbestände durchzu⸗ sehen und auf dieses oder jenes Buch zu verzichten zugunsten 8 unserer tapferen Krieger. Es wird darauf aufmerksam ge⸗ macht, daß Adressen von Soldaten und Offizieren, die man mit Büchern bedacht wissen möchte, sehr erwünscht sind. Diese sowie Bücher nimmt Hausverwalter Todt im Gesell⸗ 5 schaftsverein, Sonnenstraße, in Empfang.
* Wer hat noch Goldgeld? Die bald nach 5 ausbruch in wahrhaft vaterländischer Gesinnung von vielen Seiten angebahnten Bestrebungen, das im Verkehr noch um⸗ laufende Gold geld so weit wie möglich der Reichs ban! zuzuführen, haben bisher einen sehr günstigen Erfolg gehabt. Hat sich doch der Goldbestand der Reichsbank seit Beginn des Krieges um fast 1 Milliarde Mark gehoben. Bei diesen Goldsammlungen haben sich auch weite Kreise des Groß— herzogtums Hessen hervorragend beteiligt. Aber immer noch befinden sich, wie uns von zuständiger Seite geschrieben wird, im Deutschen Reiche bedeutende Goldmengen außer⸗ halb der Reichsbank; ihr Betrag wird von berufener Seite auf die stattliche Summe von etwa 900 Millionen Mark veranschlagt. Es ist von der größten Wichtig⸗ keit, daß auch von diesen reichen Goldreserven noch ein erheblicher Teil der Reichsbank zugeführt und so dem all⸗ gemeinen Wohl dienstbar gemacht werde. Dank dem in reichem Maße bekundeten vaterländischen Gemeinsinn dürf— ten sich bei den Einwohnern der Städte und größeren Ort⸗ schaften jetzt keine nennenswerten Goldbeträge mehr befin⸗ den; dagegen ist anzunehmen, daß in manchen Gegenden die ländliche Bevölkerung noch größere Beträge von Goldmünzen zurückhält. Es gilt daher, die dankenswerten Bemühungen, den Goldschatz der Reichsbank zu stärken, fortzusetzen und den Sammeleifer weiter an⸗ zu regen.
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Kreis Schotten.
— Schotten, 2. Juli. Durch Geldsammlungen für das Rote Kreuz gingen dem Kreiskomitee des Roten Kreuzes in Schotten folgende Beträge aus den einzelnen Gemeinden des Kreises zu: Schotten 80 Mk., Ober-Seemen 150 Mk., Freienseen 120 Mk., Meiches 98 Mk., Herchenhain 120 Mk., Groß⸗-Eichen 70,10 Mk., Ula 70 Mk., Burkhards 62,20 Mk., Gonterskirchen 50 Mk. und Mittelseemen 10 Mark.
A Eichelsdorf, 2. Juli. Auf dem Felde der Ehre fand den Tod fürs Vaterland der Musketier Wilhelm Löffler im Infanterie-Regiment 254, 4. Kompagnie, im 25. Lebensjahre.— Dem Zeugseldwebel Heinrich Alt von hier wurde die Hessische Tapferkeitsmedaille verliehen. 8
— Ruppertsburg, 3. Juni. Der Kriegsfreiwillige Th. Fritsch von hier, Gefreiter im Reserve-Infanterte-Regiment 222, erhielt das Siserne Kreuz 2. Klasse.
— Laubach, 2. Juli. Der Jäger Georg Frank sowie der Oberjäger Karl Lamm, beide aus unserer Stadt, beim Kurhessi⸗ schen Jägerbataillon Nr. 11, Marburg, wurden mit der hessischen Tapfserkeitsmedaille ausgezeichnet. Lamm ist bereits Ritter des Eisernen Kreuzes 2. Klasse.
Kreis Friedberg.
r. Bad⸗ Nauheim, 2. Juli. Ein seltenes Jubiläum konnte Herr Eduard Baermann, Berlin-Schöneberg, be⸗ gehen, der in diesem Sommer zum 30. Male als Kur⸗ gast in Bad⸗Nauheim weilt. Die Großh. Bade- und Kur⸗ verwaltung ließ dem treuen Kurgast eine Ehren-Freikarte für die diesjährige Kurzeit, einen Blumenstrauß und ein Pracht⸗ album von Bad⸗Nauheim überreichen.
Bad- Nauheim, 3. Juli. Bis zum 1. Jui 1915 waren 10385 Kurgäste angekommen. Bäder wurden bis dahin 125 608 abgegeben.
O JFJeldkrücken, 3. Juli. Den Tod fürs Vaterland sta rb am 26. Mai der Wehrmann Konrad Schneider im Reservo- Infanterie-Regiment Nr. 222, 2. Kompagnie.
Starkenburg und Rheinhessen.
ch. Aus Rheinhessen, 2. Juli. Nachdem die Blüte der Reben einen so zufriedenstellenden Verlauf genom⸗ men hat, schreiten die Träubchen in der Entwicklung sehr gut voran. Man ist gegenwärtig beim zweiten Spritzen gegen die Peronospora und darf damit rechnen, daß es gelingt, diese Krankheit in ihrer Entwicklung zurückzuhalten, voraus⸗ gesetzt, daß nicht Witterungsverhältnisse Lintreten, die sie in ihrer Ausbreitung begünstigen. Geschäftlich ist es sehr lebhaft: es werden zu teils festen, teils auch weiter steigen⸗ den Preisen ständig Abschlüsse gemacht.
zu helfen.„Ich erinnere mich noch,“ so erzählt er,„daß ich vor Schreck völlig sprachlos war, als ich an den Straßenecken die De⸗ peschen von der Schlappe bei Saarbrücken angeschlagen fand. Und ich weiß noch, wie wir Jungens die Fäuste ballten, als man von den Siegeshymnen hörte, welche die französische Presse über die Feuertaufe des Prinzen Lulu aus der gallischen Posaune stieß. „Herr Gottsaxe! Jetzt mueß aber mit, was e Flint und en Säbel trage ka!“ Wir hielten es geradezu für ausgeschlossen, daß„Na⸗ bolion' ohne unsere Mithilfe besiegt werden könnte. Aber der beschäftigte Feldwebel, zu dem wir rannten, um uns als Frei⸗ willige ins deutsche Heer einreihen zu lassen, fertigte uns mit einer altbayerischen Grobheit ab, deren Wortlaut sich nach klas⸗ sischem Vorbilde wur durch Gedankenstriche andeuten ließe.“ Gang⸗ hofer war weder beleidigt, noch abgekühlt, sondern lief zu einem hohen Offizier, der ihn sehr freundlich aufnahm, ihm aber ernste Erma gen machte. Nun aber war er erst recht Feuer und Flamme und wollte auf eigene Faust ausreißen, wie das auch jetzt wieder viele Knaben getan haben. Er verkaufte sein silbernes Patenbesteck und hatte dreizehn Gulden. Er erzählt:„Mit drei⸗ zehn Gulden kommt man noch weiter als nur bis ins Feindes⸗ land! Aber wer eine große Heldentat vorhat, dem ist das Herz zu voll, als daß er den Schnabel gänzlich halten könnte. Diese Ursache zeitigte eine böse Wirkung. Als ich in der Nacht aus⸗ reißen wollte, waren meine dringend notwendigen Röhrenstiefel spitrlos aus meinem Stüble verschwunden. Auch die Absicht, bar⸗ fuß an den Rhein zu laufen, führte zu keinem Resultat; denn an der zurgesperrten Wohnungstüre war der Schlüssel abgezogen. Deutschland, Deutschland, wie wird es dir jetzt ergehen! In meinem Stüble setzte ich mich ans offene Fenster, tränte über die drei Stockwerke auf die nachtstille Straße hinunter, guckte hilflos zu den deutschen Sternen empor und heulte vor Zorn.“ Am Morgen aber, als er der Scharle halber doch die konfis zierten Stiefel wieder kriegen mußte, da war sein Vater da, den seine Wirtsleute heimlich hatten holen lassen, und verscheuchte mit milden Worten die Kriegslust des begeisterten Knaben. Nun ist sie in dem Alternden wieder erwacht und wie ein Jüngling, der der unverwüstliche Optimist auch mit grauen Haaren geblieben ist, singt und sagt er uns jetzt: 1 Von preiswerten Helden, von großer Kühnheit
et
Und wackrer Recken Streiten.


