Ausgabe 
(3.7.1915) 154. Zweites Blatt
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Zweites Blatt

Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.

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DieGlehener Familienblätter werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt, das Kreisblatt für den Kreis Gießen zweimal wöchentlich. DieLandwirtschaftlichen Seit⸗ fragen erscheinen monatlich zweimal.

165. Jahrgang

Gießener Anzeiger

General⸗Anzeiger für Oberhessen

Samstag, 3. Juli 1015

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen 7 Universitäts- Buch- und Steindruckerei.

R. Lange, Gießen. 4 Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗ straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗ 1

leitung: 112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.

Die Weiterentwicklung der Kämpfe in Galizien.

Aus dem Großen Hauptquartier erhalten wir über die Weiterentwicklung der Kämpfe in Galizien das folgende Tele⸗ gramm:

1. Die Armee Mackensen hatte sich bis zum 27. Mai abends auf dem östlichen Sanufer einen großen Brückenkopf geschaffen, der sich in einer Ausdehnung von etwa 70 Klm. von Nacklo über KalnikowZapatow Radawa bis zur Lubaczowka⸗Mündung er⸗

reckte. Während der auf dem anderen Sanufer verbliebene rechte Armeeflügel sich kämpfend näher an die Nordfront der Festung Przemysl heranschob, versuchten die Russen die Brückenkopfstellung von Norden her zu dur chen. In der Zeit vom 27. Mai bis 3. Juni führte der Feind alle nur irgendwie verfügbaren Re⸗ serven zu nächtlichen Angriffen gegen die deutschen Truppen vor.

bwohl er im Laufe von 8 Tagen etwa 15, allerdings

teilweise schonstarkgeschwächte Divisionen in fort⸗[ T

währenden Nachtangriffen gegen die Linien von dreideut⸗ schen Divisionen zum Sturme ansetzte, hatte er kein Glück. Es gelang ihm an keiner einzigen Stelle, gegen die deutschen Li⸗ nien auch nur den ingsten Erfolg zu erzielen. Dagegen waren eine blutigen Verluste außerordentlich schwer und die Truppe nach m Mißlingen der ersten Angri bringen. Tie russischen O 9 5 der Front zurück und suchten durch Drohungen mit der affe die zögernd Vorgehenden in den Kampf zu treiben. Eine Offensiwe bei Tage wagte man aus Furcht vor der deutschen Ar⸗ tillerie überhaupt nicht mehr. Nur noch vom Nachtgefecht versprach man sich Erfolg, weil bei dieser Kampfesweise allein die zahlen⸗ mäßige Ueberlegenheit zum usdruck kommen konnte. Die un⸗ disziplinierten, nur wenige Wochen ausgebil⸗ deten Ersatzmannschaften versagten aber bei den nächt⸗ li Kämpfen in dem waldigen Gelände. Die Zahl der Ueber⸗ läufer e sich von Nacht zu Nacht. Dazu fehlte es russischer⸗ seits an Offizieren, um die schwierige Führung der Truppe im gefecht zu ermöglichen. Aus solchen Gründen mußte der in

der Nacht vom 2. zum 3. Juni geplante Generalangriff unter⸗ bleiben. So mißlang das Unternehmen. Ganze Divisionen mußten in den letzten Tagen zurückgenommen werden, weil ihre Zuverläs⸗ 9 9 erschüttert war. Die Verluste waren so schwer gewesen, ß die Gefechtsstärke einzelner Divisionen nicht viel mehr als 3000 Bajonette betrug, statt einer normalen Kriegsstärke von

16 000 Mann. Am 12. Juni war der Augenblick gekommen, in dem die deutsche Offensive, nachdem inzwischen die Festung Przemyfl gefallen war, weiter geführt wurde.

Der Feind hatte sich vor der deutschen Armee und vor den beiden, an diese anschließenden österreichischen Armeen in starken Stellungen eingebaut, die durchbrochen werden mußten, bevor die Offensive der ü in Richtung Lemberg vorwärts getragen werden konnte. Am 12. Juni schritten unter dem Befehl des General⸗Obersten von Mackensen der linke Flügel der deutschen Ar⸗ mee und der daran anschließende rechte Flügel der Armer des Erz⸗

erzogs Josef Ferdinand zum Angriff über Lubaczowka und San

nweg in Richtung auf Sieniawa und die Höhen östlich davon.

r Feind hatte sich jenseits der Lubaczowka auf gewohnte Weise in mi a tzengrabenreihen. Um 8 Uhr vormittags nahm die deutsche Infanterie den Lubaczowkabach, ver⸗ trieb den Feind aus seiner ersten, bald darauf auch aus seiner zweiten Stellung und ging dann gegen den Kolowkawald vor. während links davon deutsche und österreichische Truppen die Höhen von Sieniawa in Besitz nahmen. Aus dem Kolowkawalde mit 5 Uebermacht herausbrei schritten die Russen zum abend⸗ ichen Gegenangriffe. Obwohl sie diesen durch heftiges Artillerie⸗ und Minenwerferfeuer unterstützten und von drei Seiten zu gleicher

e nur noch schwer vorwärts zu

Zeit anstürmten, wurden ihre sämtlichen Angriffe abgeschlagen und] P

in den Wald zurückgeworfen, wohin alsdann die Deutschen folgten. In dem ausgedehnten Forste kam es in den nächsten Tagen zu schwierigen Waldkämpfen. Den vordringenden Kompagnien traten überall kleine russische Trupps entgegen, die sich im Walde ge⸗ schickt eingenistet hatten. Auf Bäumen und hinter Astverhauen saßen russische Schützen; auch Maschinengewehre waren verschie⸗ dentlich im Walde aufgestellt. Mitten im Forste hatte der Feind

zen angelegt, die von Drahthindernissen umgeben und durch

fiziere blieben infolgedessen] fecht

Englisches Faustrecht zur See vor 100 Jahren.

Vor über 100 Jahren veröfsentlicht und doch wie der aktuellste Beitrag zu den heutigen Zeitereignissen liest sich eine Abhandlung überHandelssystem und Seekodex der Ozeanokraten, die A. v. Kirchenheim in dem dieser Tage erscheinenden Juliheft der Deutschen Revue(Stuttgart, Deutsche Verlags⸗Anstalt) wieder ans Licht zieht. Der Aufsatz erschien im Jahre 1813 in denEuro⸗ päischen Annalen, die Cotta in Tübingen verlegte. Der Ver⸗ fasser erweist sich darin als ein genauer Kenner der britischen Seerechtspraxis und ihrer Gewaltst

seiner überfüllten 1 e h Mi i

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Schützengräben untereinander verbunden waren. Der Angriff gegen. diese Stellungen war mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Im engsten Anschluß an österreichisch-ungarische Truppen, die gleich⸗ falls in den Wald eingedrungen waren, gelang es, den Angriff vorwärts zu tragen. Nachdem die feindliche Waldstellung durch Mörser- und Minenwerferfeuer an einer Stelle erschüttert und sturmreif gemacht war, wurde sie durchbrochen und nach Ost und Nord aufgerollt. Der Feind trat nunmehr den Rückzug aus dem Walde an. Dies war am 16. Juni. Inzwischen waren die übrigen 1 2 der Armee des Generalobersten Mackensen nicht müßig ge⸗ ieben.

2. Nachdem der linke Flügel der deutschen Armee am 12. Juni die Offensive eröffnet hatte, traten rechter Flügel und Mitte am 13. Juni zum Angriff an. Es handelte sich durchweg um einen Angriff gegen stark befestigte russische Stellungen. Dieser begann nach entsprechender Artillerievorbereitung um 5 Uhr morgens. Auf dem rechten Flügel leisteten die Russen in den an der Wiß⸗ nia gelegenen Ortschaften zähen Widerstand, der durch den deut⸗ schen Angriff gebrochen wurde. Auch die österreichisch-ungarischen ruppen des Generals von Arz schritten durch die östlich an⸗ schließende Waldzone vor. Preußische Garde-Regimenter fanden in dem Häusergewirr südlich des Szklo in der Umgebung von Mlyny anfänglich heftige Gegenwehr. Als aber der Feind von hier vertrieben und auch Tuchla im Verein mit Nachbartruppen genommen war, drangen Gardetruppen in einem Zuge bis auf die Höhen westlich von Wielkie Oozy vor. Die nördlich davon echtenden Truppen durchbrachen gleichfalls die vorderen feind⸗ lichen Linien. Das Ergebnis des Tages war, daß die sehr star⸗ ken feindlichen Stellungen auf einer Breite von 50 Kilometer durchbrochen wurden und daß ein Raumgewinn von 3 bis 9 Kilo meter nach Osten erzielt war. Aber schon standen die Truppen vor einer weiteren, wohlausgebauten russischen Stellung, in der der Feind am nächsten Tage erneuten Widerstand leistete. Auch diese Stellung, in der die Russen mit nicht weniger als 19 Divi⸗ sionen unser Vordringen aufzuhalten suchten, wurde am 14. Juni durchbrochen, worauf der Feind in der Nacht vom 14. zum 15. Juni den Rückzug in die sogenannte Grodekstellung antrat.

Nur in der Gegend von Oles zy ce leistete der Gegner noch nachhaltigen Widerstand. Diese Stadt wurde am 15. Juni von den Truppen des Generals von Em mich erstürmt.

In den Tagen vom 12. bis 15. Juni hatte die deutsche Armee 34000 Gefangene gemacht und 70 Maschinengewehre erbeutet. Gefangenenaussagen und erbeutete Papiere ergaben interessanta Einblicke in den Zustand des russischen Heeres. Es herrschte großer Mangel an Artillerie- und Infanterie munition; auch die Knappheit an Gewehren war wieder sehr groß geworden. Bei dem Mangel an Munition und Waffen macht sich die demoralisierende Wirkung der deutschen schweren Artillerie n besonders bemerkbar.

Ein russischer Offtzier schreibt:Uns gegenüber lie Smal soviel deutsche als wir und haben sehr viel schwere Munition. Ein derartiges Höllenseuer habe ich während der ganzen neun Monate nicht mitgemacht. Wie geht es Wolidia? Ich wünsche ihm nicht dasselbe durchzumachen. Besser tot als derartige Qualen.

Unter dem Eindruck der großen Verluste wächst die Unlust der rusfischen Truppen, in den Kampf zu gehen. Auch der Offizier⸗ mangel wir immer fühlbarer. Vielfach führen Fähnriche Ba⸗ taillone. Die Disziplin der Truppen ist im Sinken. Die Kosa⸗ ken werden zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf die ganze Front verteilt und haben den Auftrag, die Truppen am Ueber⸗ laufen zu verhindern und auf Zurückweichende zu schießen. Das Verhältnis zwischen Offizier und Mann ist sehr schlecht geworden. Vielfach werden Fälle bekannt, daß Offiziere von ihren eigenen Leuten erschossen wurden. Die sinkende Zuver⸗ sicht der Truppen such man durch religiöse Einwirkung und phan⸗ tastische Nachrichten zu heben. Als solche gab man bekannt, daß rzemysl zurückerobert sei und daß dortselbst 45000 Deutsche kapituliert, und daß die Italiener große Fortschritte gemacht hätten. Fünf japanische Hilfskorps seien unterwegs.

Um die Truppen am Ueberlaufen zu verhindern und vor Ge fangennahme zu warnen, werden angebliche Greueltaten deutscher Soldaten bekannt gegeben. Ein derartiger Befehl hat folgenden Wortlaut:

Der Infanterist.. des Isborkischen Regiments wurde mit anderen Soldaten gefangen genommen. Er gab an, daß sie zu könnte oder wollte, so sei ihnen gestattet, selbe zu verkaufen an wen sie wollten, nur nicht an den Feind und seine Bundesgenossen; auch nicht an Länder, die unter seinem Einflusse ständen; endlich überhaupt nicht an Völker, die, wären sie gleich neutral, doch dem englischen Handel irgend Beschränkungen gesetzt hätten...

Die folgenden Grundsätze beschäftigen sich mit den Metho⸗ den, durch die England seinemSeerecht Geltung verschaffen will.5. Um über Befolgung dieser Vorschristen zu wachen und den Völkern Zeichen seiner Oberherrlichkeit über die Meere zu geben, wird England alle neutralen Schiffe, sie mögen unter dem Schutz von Kriegsschiffen segeln oder nicht, durch Abfeue⸗ rung einer Kugel zwingen, vor seiner Flagge die ihrige zu strei⸗ chen; es wird mit gewaffneter Hand sie betreten und die Vor⸗ zeigung ihrer Papiere heischen; ihre Ladungen selbst im An gesichte ihrer Häfen und Küsten durchsuchen; Schiff und Ladung wegnehmen, wenn der geringste Verdacht obwaltet, daß sie die Bedingungen nicht erfüllten, unter denen England den Neutralen zu handeln gestattet; endlich von ihren Matrosen diejenigen pres sen, die es als seine Untertanen ansehen will, wenn sie gleich seit langen Jahren in neutralen Stagten nationalisiert worden sind. 6, Jede Auflehnung gegen diese Anordnungen, jeden Versuch der Neutralen, ihren Handel auszudehnen, ihre Flotte aufzurichten, ihre angeborenen Rechte auf das Weltmeer zu revindizieren, wird England als eine Kriegserklärung ansehen und als einen Angriff auf seine Seeherrschaft ohne vorläufige Kriegserklärung bestrafen, entweder durch die Wegnahme ihrer Schiffe und Kolo⸗ nien, oder durch Verbrennung ihrer Werften oder durch Bom⸗ bardierung ihrer Hauptstädte oder auf jede andere ihm gefällige Weise. Zum Schluß führt der Verfasser aus, daß die Idee der politischen Freiheit Europas England auf den Gipfel der Macht und des Reichtums gehoben und alle Völker für England in Wafsen gebracht habe, daß aber dieselbe Idee, zur Idee der Freiheit der Meere erhöht, die Fahnen der Völker gegen dieses selbe England vereinigen werde!

*

Die alten Stiefel in der Kriegszeit.Haben Sie jemals darüber nachgedacht fast nehme ich Anstand, an. diese hochansehnliche Versammlung eine so lederne Frage zu rich⸗ ten haben Sie jemals darüber nachgedacht, was aus den alten Schuhen und Stiefeln wird, die wir alljährlich wegstellen? Weit mehr als einst die hochgelehrte Versammlung von Naturforschern und Philosophen, die der große Chemiker August Hofmann in einer festlichen Rede mit diesem Seitenblick ins triviale Alltags- leben überraschte, interessiert uns heute, wo die Wiedernutzbar⸗ machung aller Abfälle ein wichtiges wirtschaftliches Problem bildet, diese auf den ersten Anschein mehr unterhaltende Frage recht ernst⸗ haft. Wenn bei einer Einwohnerzahl von rund 4 Millionen in Groß-Berlin auf den Kopf jährlich nur ein Stück Schuhzeugaus⸗ gemustert wird, so ergibt das einen Berg von altem Leder und schiefen Absätzen, dessen Größen- und Gewichtsverhältnisse die überall 8 für phantastische Zahlen schwärmenden Stamm-

nachen tischstatistiker in einer ihrer zahlreichen Mußestunden ausrechnen

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einem deutschen Offizier geführt worden seien, der eigenhändig 5 von ihnen mit dem Revolver niedergeschossen hätte. Der In⸗ fanterist habe sich ins Gebüsch geflüchtet und sei Dank der Dunkel⸗ heit entkommen. Er fügte hinzu, daß die Deutschen die russischen Verwundeten in den San werfen. Unterschrieben: Stogow, Or⸗ donnanzoffizier des Generalstabes des 21. Armeekorps.

Zusatz des Stabskommandanten:Das Gesagte ließ der Korps⸗ kommandant allen Mannschaften bekannt geben.

Börsen⸗Wocheunbericht. Frankfurt a. M., 2. Juli.

Nach der überaus günstigen Entwicklung unserer Kriegs⸗ lage und im Hinblick auf die Hauen in Hand damit sich für uns besser gestaltenden politischen Verhältnisse lag für die Börse auch in der abgelaufenen Woche kein Anlaß vor, die zuversichtliche Haltung aufzugeben und sich Zurückhal⸗ tung aufzuerlegen. Gegen Monatsschluß war das Geschäft im freien, Verkehr vorübergehend wohl etwas ruhiger, nach Erledigung der Monatsabwickelung trat indes die Unternehmungslust aufs neue hervor und eine allgemeine Aufwärtsbewegung der Kurse kam wieder in Fluß. Selten ist ein Halbjahrswechsel so glatt und leicht verlaufen wie diesmal. Am offenen Geldmarkte hat man davon kaum etwas verspürt. Die Börse hat zurzeit keinen Bedarf, und Handel und Industrie sind dank der prompten Aus⸗ zahlung der Behörden reichlich mit flüssigen Mitteln versehen, Der Satz für tägliches Geld ist denn auch bereits auf 4 Prozent und darunter gegangen. Der Privatdiskont stellt sich auf etwa Prozent und für feinste Ware selbstverständlich noch darunter. Der flüssige Geldstand kann auch diesmal wieder in erster Linie einheimischen Anleihen zustatten, von denen namentlich die öprozentigen Kriegsanleihen und Reichsschatzanweisungen er⸗ höhter Kauflust begegneten. Gute Nachfrage zeigte sich auch im Einklang mit Wien für österreichisch-ungarische Werte, ebenso für rumänische Rente. In anderen fremden Renten waren die Um⸗ sätze weniger von Belang. Das Hauptinteresse der Börse, nament⸗ lich der Spekulation, richtete sich natürlich auf Industrie⸗ papiere, zumal die Berichte aus den verschiedensten Industrien andauernd günstig lauten. Speziell in der Eisenindustrie l hat auch in dieser Woche die Aufwärtsbewegung der Preise weitere Fortschritte gemacht. Sie ist im wesentlichen eine natürliche Folge der durch den Krieg verursachten fortgesetzten Erhöhung der Selbst⸗ kosten der Werke. Auf dem Eisenmarkt, wo sich das Geschäft zum

weitaus rößten Teil auf Kriegsbedarf erstreckt, bleibt die Nachfrage andauernd sehr lebhaft. Die Werke sind durchweg auf längere Zeit bis an die Grenze ihrer

Leistungsfähigkeit beschäftigt und verlangen bei Uebernahme neuer Aufträge zumeist ausgedehnte Lieferfristen. Auf dem Koblen⸗ markt zeigen sich naturgemäß ebenfalls recht befriedigende Ver⸗ hältnisse. Die arbeitstägliche Förderung ist seit dem Monat Ja⸗ nuar ständig gestiegen. Ebenso und in noch stärkerem Verhältnis l die Kokserzeugung und der Koksversand. Neben der Monta- industrie befinden sich aber auch alle anderen für den Kriegsbedarf

arbeitenden Industrien in günstiger Lage und die Aufmerksamkeit der Börse bleibt denn auch in erster Linie auf die sogenannten Kriegs⸗ und Rüstungswerte gerichtet, die ihre Kurse in dieser Woche zum Teil wieder ansehnlich befestigen konnten Im Vordergrunde standen dabei Ludwig⸗Loewe⸗Aktien, Rhein⸗Metall, Deutsche Waffen, Hirsch⸗Kupfer, ferner alle Autowerte unten Führung von Daimler und die Aktien von Schuh⸗ und Leder⸗ fabriken, von denen Adler u. Oppenheimer besonders regem In⸗ teresse begegneten. Elektrowerte und die Aktien chemischer Fabriken waren ebenfalls vielfach gefragt und höher. Auf den übrigen Ver⸗ kehrsgebieten war das Geschäft ruhiger, die Haltung aber auch hier im allgemeinen recht fest.

Märkte. 1

FC. Wiesbaden. Viehhof- Marktbericht vom 2. Jul. Auftrieb: 71 Rindern(darunter 9 Ochsen, 6 Bullen, 56 Kühe), 0 76 Kälber, 21 Schafen, 64 Schweine. Das Geschäft war lebhast und zu den gleichen Preisen wie am 28. Juni wurde der Austrieb

gehandelt und bald alles geräumt.

Odol ue

mögen... Ohne Scherz: es handelt sich, wie man auf der Stelle sieht, um geradezu riesige Materialwerte, deren weiteres Geschick vor allem in der Epoche des Wirtschaftskrieges nicht gleichgültig* sein kann. Es ist ein Stück Philosophie des Müllkastens, das hier angeschnitten wird. In den schönen Tagen des satten Friedens wanderte ein ausgemustertes Stiefelpaar gewöhnlich erst in den Besitz einesarmen Reisenden, der es dann in der Herberge, in Berlin in derPalme, dem städtischen Asyl für Obdachlofe, oder imKaffee Dalles einer von der fragwürdigen Zunft des halbdunklen Berlin bevorzugten Volksspeisehalle des Nordens

für etliche Groschenverschärfte, die dann nach einem Natur⸗ gefetz, daß das Leben auf der Walze regiert, in Schnaps umgesetzt wurden.. Der Stiefel aber tat irgend einem Allerärmsten seine Schuldigkeit, bis er auch den bescheidensten Ansprüchen nicht mehr genügte und verächtlich weggeworfen wurde. Viele gehen vorüber, achtlos mit dem Blick das verunzierende Element am Wege strei⸗ fend sie ahnen ebenso wenig wie die zahllosen Hausfrauen, die heute mangels der früheren Bettlernachfrage das(aus Sparsam: keitsgründen viel weiteraufgetragene) Schuhzeug dem alles verschlingenden Müllkasten überantworten, daß diese alten Stiefel wie der Phönix aus der Asche, buchstäblich so, eine wundersaue Auferstehung erleben, daß schöne Frauen vielleicht einmal die Quintessenz dieser elenden Lederlumpen in strahlender Farben⸗ pracht an ihren Gewändern tragen werden.. Im feurigen Pro⸗ zeß nämlich vollzieht sich die Läuterung der überall sorgfältig ge⸗ sammelten Stiefelruinen. Langsam geröstet, werden sie zu einer 5 Schlappkohle genannten Masse, die, mit Eisen und Potaschs geschmol zen, als sog. gelbes Blutlaugensalz aus dem Schmelztiegel des Fabrikanten hervorgeht. Noch ein Prozeß, der zum zweiten Male Eisen zuführt und eine der prachtvollsten und berühm: testen technischen Farben ist fertig, dasBerliner Blau, das sich allen Mitbewerbern zum Trotze sieghaft behauptet. Aber das Blutlaugensalz, die vorletzte Station auf dem merkwürdigen Wand⸗ lungswege der alten Stiefel, wird noch in anderer Weise industriell außerordentlich wichtig: der große Liebig hat eine einfache Methode gelehrt, es in Zyankalium überzuführen, das zentnerweise für den Prozeß der galvanischen Versilberung und Vergoldung An- wendung findet, und der Chemiker Scheele hat durch Blutlaugen⸗ salzexperimente die Blausäure entdeckt, die im Französischen und Englischen noch immerpreußischer Säure(acide prussigne; Ibrussis acid) heißt. Alles das spielt jetzt in der chemischen Industrie eine große Rolle. Alte Stiefel find, wie man sieht, eine wirtschaftlich noch recht wertvolle Sache und dürfen also voll⸗ auf beanspruchen, wo Mars die Stunde regiert, etwas rücksichts⸗ voller angesehen zu werden, als es sonst im täglichen Leben üblich war. Viele Leute haben die komische Angewohnheit, ausgemustert Schuhzeug zu verbrennen, obwohl das stets nur unvollkommen gelingt und für die Geruchsnerven nicht besonders erfreulich i

Sie mögen aus dieser Stiefelplauderei die Hamletweisheit mit auf den Weg nehmen, daß das ein Brauch ist, von dem der Bruch mehr ehrt als die Befolgung.