Erstes Blatt
— Beilagen: wöchentlich
Familienblätter; mal wöchentl. Kreis⸗ für den Kreis Gießen
(Dienstag und Freitag); zweimal monatl. Land-
viermal
esnummer
165. Jahrgang
ießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
——— 9 Uhr. Rotationsdruck und verlag der Brühl'schen Univ.⸗Buch⸗ und Steindrucerei R. Lange. Schriftleitung, Geschäftsstelle u. druckerei: Schulstr. 7.
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Donnerstag, J. Juli 1915
ZBezugspre monatl. 75 Pf., vbrtel⸗ jährl. Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatl. 65 Pf.; durch die Post Mk. 2.— viertel; jährl. aussch! Bestellg. Zeilenpreis: loral 15 Pf., ausw. 20 Pf.— Haupt- schristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für den politischen 1 9 das Feuilleton: Aug. Goetz; für Stadt und Land, Vermischtes und Ge⸗ richtssaal: Otto Braun; für den Anzeigenteil: H. Beck, sämtlich in Gießen.
Ein Erlaß des Saren.
(DS.) Großes Hauptquartier, 30. Juni. Westlicher Kriegsschauplatz.
Bei Arras fanden größere feindliche Unternehmungen auch gestern nicht statt. Hingegen machten wir in der Ver⸗ treihung des Gegners aus den Grabenstücken, die er im Laufe feiner wochenlangen Anstrengungen uns zu entreißen vermochte, weitere Fortschritte.. g
im Labyrinth(ördlich
Ein feindlicher Vorstoß Ecurie) wurde abgewiesen.
Durch fast ununterbrochene Angriffe auf den Maas⸗ höhen westlich von Les Epurges versuchte der Gegner seit dem 26. Juni abends vergeblich die von uns eroberten Stel⸗
en wieder zu gewinnen. Auch gestern unternahm er hier heftige Vorstäße, die sämtlich unter großen Ver⸗ lusten scheiterten. 8
Oestlicher Kriegsschauplatz. e Ereignisse. l
a Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Unser Angriff an der Gnita⸗Lipa macht Fortschritte. Oestlich und nordöstlich von Lemberg ist die Lage unveründert.
W dem Bug und der Weichsel erreichten D und österreichisch⸗ungarische Truppen die Gegend von Belz, Komarow. Zamocz und den Nordrand der Waldniede⸗ rung des Tanew⸗Abschnittes. Auf dem linten Weichselufer
in der Gegend von Zawichost und Ozarow hat der Feind den Rückzug angetreten.
Ein frindliches. wurde hinter unseren Linien zum Landen gezwungen. Die Insassen wurden gefangen ge⸗
Oberste Heeresleitung. **
— geredet! Im
likum doch Kwalitionsgenosse des leitenden Ministers, Bonar Law,
N Tatsachen würden für die ie englische Finanzhilfe und die Ueberlegenheit der eng⸗
mehr viel eigenes wolle.
Auch Rußland hat wieder einmal rauschende Worte hört, die umsomehr Aufmerksamkeit verdienen, da sie der Herr über Leben und Tod selber ausgesprochen hat, näm- lich der Zar! Nach zwei 8 Ministerstürzen und vielen verlorenen Schlachten redet er von der„unerschütter⸗ lichen Sicherheit einer strahlenden Zukunft“.„Der Feind wird niedergeschlagen werden müssen, sonst ist der Friede unmöglich.“ Mit dieser Parole will der Zar die Söhne seines Volkes auch weiterhin in den Tod schicken. Diese Parole sollten sich gewisse deutsche Friedensträumer unter der Sozialdemokratie einmal durch den Kopf gehen lassen! Die Latastrophe in Galizien betrachtet der Herrscher aller Reußen nur als„unvermeidliche Wechselfälle des Kriegs⸗ glücks“, im übrigen erhofft er von dem nationalen Problem, „die Bedürfnisse der tapferen Armeen zu befriedigen“, den⸗ noch den Sieg. Es scheint also, als habe der russische Gene— ralissimus beim letzten Kriegsrat alles Unheil, das über die russischen Heere hereingebrochen ist, dem Munitionsmangel und dem Mangel an Kriegsmaterial zugeschoben. Dieser„Er⸗ kenntnis“ wurde ja auch der bisherige Kriegsminister ge— opfert. Zum Schluß aber seines Appells an sein Volk kündigt der Zar an, daß er alle Maßnahmen beschleunigen wolle, um„die Stimme der russischen Erde zu hören“.„Spätestens für August“ sollen Duma und Reichsrat zusammenberufen. werden, und das Parlament soll bewirken, was draußen die russischen Armeen nicht gekonnt haben. Es ist der Geist der russischen Generalstabsberichte, der auch aus dem Erlaß des Zaren spricht! Bemäntelung der Lage bis zum letzten Zu⸗ sammenbruch. Auch der Großfürst Nikolajewitsch hat sich über die Kriegsaussichten geäußert. Die Londoner„Morning Post hatte ihn zu seinem glänzenden Rückzug beglück⸗ wünscht(), und der Tapfere hat(siehe die nachstehenden Meldungen!) darauf geantwortet, daß das russische Heer aus Grundsätzen seine Kraft entlehne und damit zu siegen edenke. Das deutsche Heer gedenkt jedoch auch weiterhin diesen lzen Grundsätzen mit Pulver und Blei zu Leibe zu gehen. „ 0**
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1 Der österreichisch⸗ungarische Tagesbericht.
Wien, 30. Juni.(WTB. Nichtamtlich.) Amtlich wird verlautbart: 30. Juni mittags. f Russischer Kriegsschauplatz.
In Ostgalizien sind an der Gnila⸗Liva und am Bug abwärts Kamionka⸗Strumilowa Kämpfe im Gange, die für uns erfolgreich verlaufen.
„ Zwischen Bug und Weichsel, weicht der Gegner weiter zurück. Die seinen Rückzug deckenden Nachhuten wur⸗ den gestern überall angegriffen und geworfen. Unsere Truppen haben die Tanew⸗ derung durchzogen und den Höhenrand bei Frampol und Zakilikow gewonnen.
„Durch die Erfolge der verbündeten Armeen östlich der Weichsel gezwungen, räumen die Russen auch westlich des Flusses Stellung nach Stellung. So sind sie auch heute nacht aus ihrer starken Gefechtsfront Zawichost⸗Ozarow⸗Sienno
wieder im Rückzuge gegen die Weichsel. Za wich ost wurde von unseren Truppen besetzt.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs v. Höfer, Feldmarschalleutnant. Berlin, 1. Juli. Die Lage an der Isonzofront rechtfertigt, wie verschiedenen Morgenblättern aus dem Kriegspressequartier gemeldet wird, volles Vertrauen.
Der russische Bericht.
Petersburg, 30. Juni.(WTB. Nichtamtlich) Bericht des Großen Generalstabs.
In der Gegend von Szawle wiesen wir schwache Angriffe der Deutschen zurück. Auf der Njemen— Narew⸗ Front und dem linken Weichselufer herrscht Ruhe. Der Vorstoß bedeuten⸗ der feindlicher Kräfte auf der Front zwischen den Quellen des Veprzflusses und dem westlichen Bug dauert an. Hier und auf den Stellungen der Nachhut in der Gegend von Tomascho w wiesen unsere Truppen am 27. und 28. Junt mehrere erbitterte deutsche Angriffe zurück. Die feindliche Dujestr⸗Armee, die durch neue ganz kürzlich in diese Gegend geworfene deutsche Truppen verstärkt ist, suchte durch erbittertste Angriffe auf die Front Bukatchevtzy Martin ow Verwir⸗ rung in unserm Rückzuge auf die Gnila—Lipa hervorzurufen. Diese Angriffe scheiterten aber unter außerordentlichen Verlusten für den
Gegner. Ein Erlaß des Zaren.
Petersburg, 30. Juni.(WTB. Nichtamtlich.) Meldung der Petersburger Telegraphenagentur. Ein kaiserl iches Re⸗ skript an den Ministerpräsidenten lautet:„Aus allen Teilen des Vaterlandes gelangen Stimmen zu mir, welche Zeugnis ablegen für den starken Willen des russischen Volkes, seine Kräfte dem Werke der Heeresausrüstung zu widmen. Ich schöpfe aus dieser nationalen Einmütigkeit die unerschütterliche Sicher- heit einer strahlenden Zukunft. Der lange andauernde Krieg verlangt immer neue Kraftanstrengungen. Aber indem wir die wachsenden Schwierigkeiten überwinden und den un ver⸗ meidlichen Wechselfällen des Kriegsglücks die Stirn bieten, wollen wir in unseren Herzen den Entschluß festigen und stählen, den Kampf mit der Hilfe Gottes bis zu einem voll- ständigen Triumph des russischen Heeres zu führen. Der Feind wird niedergeschlagen werden müssen, sonst ist der Friede unmöglich. Mit festem Vertrauen in die un⸗ erschöpflichen Kräfte Rußlands erwarte ich, daß die Regierungs— und die öffentlichen Einrichtungen der Industrie Rußlands und alle treuen Söhne des Vaterlandes ohne Unterschied der Mei— nungen und Klassen solidarisch und einmütig arbeiten werden, um die Bedürfnisse unserer tapferen Armeen zu befriedigen. Dieses einzige, nunmehr nationale Problem, soll alle Gedanken einigen und die Einigkeit des unbesiegbaren Rußland nach sich ziehen. Nachdem ich zur Erörterung der Approvistonierungsfragen einen besonderen Ausschuß unter Beteiligung von Mitgliedern der gesetzgebenden Kammern und von Vertretern der Industrie errich— tet habe, erkenne ich es als notwendig an, demzufolge den Zeit⸗ punkt der Wiedereröffnung der gesetzgebenden Körperschaften zu beschleunigen, um die Stimme der russischen Erde zu hören. Und da ich die Wiederaufnahme der Tagungen der Duma und des Reichsrates spätestens für August beschlossen habe, betraue ich den Ministerrat die durch die Kriegs zeit notwendig gewordenen Gesetzentwürfe meinen Angaben gemäß auszuarbeiten.
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ä Kritik im englischen Unterhaus.
Nikolajewitsch von einem englischen Blatt beglückwünscht!
London, 30. Juni.(WTB Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Die„Morning Post“, die am 24. Juni ein Telegramm an den Groß fürsten Nikolaus sandte, in dem sie ihn zu seiner Geschick⸗ lichkeit beglückwünschte, mit der er einen der be⸗ schwerlichsten Rückzüge der 3 geleitet habe, erhielt jetzt 8 Antwort: russische Heer ent⸗ lehnt ebenso wie die Alliierten seine Kraft den Grund⸗ sätzen, für die es kämpft, und dis einen schließlichen Sieg sicher erwarten lassen..
Russische Offiziere als Betrüger.
Berlin, 1. Juli. Wie der„Deutschen Tageszeitung zufolge aus Petersburg verlautet, haben die eingeleiteten Untersuchungen ergeben, daß die Warschauer Magazine von Offizieren in Brand gesteckt worden sind, die große Ver⸗ untreuungen sich bei Kriegslieferungen hatten 5¹ Schulden kommen lassen. Auch anderwärts haben die Offs⸗ ziere ähnliche Unterschleife begangen. Der Abgang in den Verpflegungsvorräten beträgt 10 000 Rubel. Zahlreiche Offi⸗ ziere wurden verhaftet.
Wien, 27. Juni.(WTB. Nichtamtlich) Aus dem Kriegspressequartier wird gemeldet: Unter der Kri ist ein Schreiben an den russischen General der Insan⸗ terie, Alexejew, Stabschef des Höchstkommandierenden . gefunden worden, das folgenden Wort⸗
Chyrow, den 18/1. Januar 1915. Euere hohe Exzellenz! Hochverehrter Michael Wassilijewitsch! Die als Offizier und anstündiger Mensch, dem der Ruf und das Ansehen der russischen Armee teuer sind, befiehlt mir, Ihnen diesen Brief 5 8 Mitteilung zu machen von S betrübenden Erscheinung in unferer Armee. Ich hatte t⸗ lich Gelegenheit, inkorrektes Verhalten einiger Offtziere gegen⸗ über fremdem Eigentum festzustellen, und ich habe auch nach Maß⸗ gabe meiner Kräfte dagegen angekämpft. Jetzt aber habe ich ganz bestimmte Nachrichten darüber erhalten, daß Offiziere viel ge⸗ raubtes Gut nach Rußland an ihre Familien schicken. Es werden Equipagen, Service, sogar kostbare Möbel versendet. Welche Schande! Welch niedrige Gesinnung! Alle diese Sendungen rollen über Lemberg und gelangen aller Wahrscheinlichkeit nach als Staatsgut zur Beförderung. All dem könnte man sofort ein Ende machen, wenn man eine Ueberwachung der nach Rußland 1 8 5 ten Sendungen einrichtete. Wahrscheinlich ließe sich sogar feststellen, was und wohin gesandt worden ist, besonders bei solchen Gegen⸗ ständen wie Eguipagen. Darüber amtlich zu berichten, halte ich nicht für möglich. Deshalb wende ich mich mit diesem Privat⸗ schreiben an Sie in der Ueberzeugung, daß Sie meine Empörung über diese einen Schatten auf die ganze Armee werfenden unwür⸗ digen Handlungen von Offizieren verstehen werden. Ich glaube nicht, daß ich mich irren könnte, denn meine Nachrichten stammen aus verschiedenen ganz verläßlichen Quellen. Ich bitte, diese Be⸗ lästigung zu entschuldigen und glauben zu wollen, daß nur die
Liebe zu unserer Armee und die ihr durch derartige Vorfälle zuge⸗ 1
fügte Belewigung mich zu diesem Schritte gezwungen haben. Ihr
Sie aufrichtig und tief verehrender, Ihnen herzlich ergebenen
A. Chwostow. Aus Rumänien.
Bukarest, 1. Juli.(WTB. Nichtamtlich.) Der Voll⸗
zugsausschuß der Konservativen Dissidenten wählte heute Filipescu zum Führer dieser Parteigruppe anstelle des verstorbenen Lahovary.
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Aus dem englischen Unterhaus.
London, 30. Juni.(WTB. Nichtamtlich.) Unterhaus. Der Generalstaatsanwalt sagte auf eine Anfrage: Die Re⸗ gierung erwäge ein Einschreiten gegen gewisse Ar⸗ tikel des„Labour Leader“ und den Brief Dr. Conybeares über die Tätigkeit des britischen„Stop the war comittee“. Artharr Markham fragte den Premierminister, ob die„höchste Autorität“, auf Grund derer er in Newceastle erklärt habe, daß die Engländer und die Alliierten nicht durch Mangel an Munition behindert seien, Kitchener oder ein anderer Beamter des Kriegsministerumns sei. Asquith erwiderte, er könne im öffentlichen Interesse diese Frage nicht beantworten. John Simon wandte sich bei Beant⸗ wortung der Frage gegen übertreibende und beunruhigende Jei⸗ tungsmeldungen über Luftangriffe, Arthur Markham fragte, ob das Kriegsministerium weiterhin Rekruten anwerben wolle, die es nicht ausrüsten könne. Tennant erwiderte, es wäre unzweckmäßig, das System jetzt zu ändern.
Bei der zweiten Lesung der Munitionsbill sagte Mac Neill(Unionist), er zweifle daran, daß die Bestimmungen der Bill ausreichten, und kritisierte die große Verzögerung einer solchen Gesetzgebung. Lloyd George habe neulich gesagt, man brauche acht bis neun Monate, um Werke zur Herstellung von Ge⸗ wehren zu gkünden. Er habe ferner mitgeteilt, während die Zentral- mächte vermutlich die Grenzen ihrer Produktion erreicht hätten, hätten wir eben erst die Schwelle unserer Möglichkeiten über⸗ schritten, und dies nach zehn Kriegsmonaten. Die Munitionsbill sei zugestandenermaßen nur ein Experiment. Haben wir Zeit, Experimente zu machen? Der Redner trat für den Staatszwang ein. Houston(Unionist) sagte, French und die Armee haben seit Monaten dringend mehr Munstion gefordert. Lloyd George scheine allein unter den Ministern den Mut zu haben, der Nation die Wahrheit zu sagen. Der Mangel an Geschsüczen und Munition sei unerhört und schimpflich. Die bisherige geringe Anteilnahme im Lande ssei die Schuld des Zensors, der die Wahrheit schimpflich verheimlicht habe.— Das Kriegsministerium, fuhr er fort, glaubte wahrscheinlich, daß wir uns durch den Kri fortwursteln könnten, wie im Burenkrieg. Aer die heutige Nag
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