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dieser Frühlingstage. Ueber ben Kindern, den Frauen, den Blumen,
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1 a Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags. 5
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „KMreisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen zeit fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
Mb. Deutscher Reichstag.
10. Sitzung, Dienstag, 18. Mai 1918.
Das Haus und die Tribünen sind voll best. 0
9 setzt. Am Tisch des
8 Dr. v. Vethmaun Hollweg, Dek . Jagow, Dr. Solf, Dr. Lis co, b. Tirpib,
Dr. Helfferich. 12 2
85 5 Präsident Dr. Kaempf eröffnete die Sitzung um 2% Uhr mit folgender Ansprache:
Beim Beginn des folgenden Tagungsabschnittes begrüße ich Sie auf das berzlichste Wir tönnen in 5 85 Urbeit 9 55 in der vollen Zuversicht, die uns der bisherige Gang der kriegerischen Ereignisse gibt. Ohne Ueberhebung, aber mit der ruhigen Ent— schlossenheit im Gefühle der Kraft und Einigkeit und in dem Be— wußtsein, das in der Gerechligkeit unserer Sache wurzelt, sieh das deutsche Volk ruhig der Zutuuft entgegen, die uns die Entwicklung aller unserer Kräfte bringen soll zum Heile und zur Größe unseres 8 geliebten Vaterlandes.(Lebhafter Beifall.) 1
933 Ich begrüße unter uns unseren Herrn Kollegen von Graefe, der in der Schlacht in den Karpathen verwundet ist, aber sich
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l 1 unserer großen Freude wieder unter uns befindet. Wir inschen ihm baldige völlige Wiederherstellung.(Lebhafter Vei—
ll.)
Vor Eintritt in die Tagesordnung nimmt fkanzler Dr. v. Bethmann Hellweg. 2
Reichskanzler Dr. v. Bethmann Hollweg:
8 Ihnen ist bekannt, daß sich die Beziehungen zwischen Oester— reich⸗Ungarn und Italien in den letzten Mo-
das Wort Reichs-
naten stark zugespitzt haben. Aus der gestrigen Rede des ungarischen Ministerpzäsidenten Grafen Tisza werden Sie entnommen haben, daß das Wiener Kabinett in dem aufrich⸗ tigen Bestreben, die ständige Freundschaft zwischen der Doppel— 1 monarchie und Italien zu sichern und um den dauernden großen
Lebensinteressen beider Reiche Rechnung zu tragen, sich zu weit— gehenden„Konzessionen auch territorialer Natur an Italien entschlossen hat. Ich halte es für zweck— mäßig, Ihnen diese Konzessionen zu bezeichnen.
1. Der Teil von Tirol, der von Italienern bewohnt ist, wird
an Italien abgetreten.
2. Ebenso das westliche Ufer des Isonzo, so weit die Bevöl⸗ kerung rein italienisch ist und die Stadt Gradiska.
3. Triest soll zur freien Stadt gemacht werden, eine den ita⸗ lienischen Charakter der Stadt sichernde Stadtverwaltung und eine italienische Universität erhalten. N
4. Die italienische Souveränität über Valona und die daz gehörende Interessensphäre soll anerkanat werden. J
5. Oesterreich-Ungarn erklärt seine politische Uninteressiertheit hinsichtlich Albaniens.
6. Die nationalen Interessen der italienischen Staats- angehörigen in Oesterreich-Ungarn werden besonders berüchsichtigt. 17. Oesterreich⸗Ungarn erläßt eine Amnestie für militärische
und politische Verbrechen, die aus den abgetretenen Gebieten stammen.
8. Wohlwollende Berücksichtigung von weiteren Wünschen Italiens über die Gesamtheit der das Abkommen bildenden Fragen wird zugesagt.
9. Oesterreich-Ungarn wird nach Abschluß des Vertrages eine feierliche Erklärung über die Abtretungen abgeben.
10. Gemischte Kommissionen zur Regelung der Einzelheiten der Abtretungen werden eingesetzt.
11. Nach Abschluß des Abkommens sollen die Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee, die aus den besetzten Gebieten
Mittwoch, 10. Mai 1015
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerel, R. Lange, Gießen.
Schriftleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul⸗
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 51, Schrift
leuung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen.
stammen, nicht mehr an den Kämpfen teilnehmen.(Lebhaftes
Hört! Hört!) Ich tann weiter hinzufügen, daß Deutschland, um die Verständigung zwischen beiden Vundesgenossen zu fördern und zu festigen, dem römischen Kabinett gegenüber im Einverständnis mit dem Wiener die volle Garantie für die loyale Ausführung der Bedingungen ausdrücklich zu⸗ gesichert hat.(Hört, hört!) Oesterreich-Ungarn und Deutsch— land haben hiermit einen Entschluß gefaßt, der, wenn er zum Ziele führt, nach meiner festen Ueberzeugung auf die Dauer von der überwältigenden Mehrheit der drei Nationen gutgeheißen wird.(Lebh. Beifall.) Mit seinem Parlament steht das italie— nische Volk vor der freien Entschließung, ob es die Erfüllung alter nationaler Hoffnungen auf friedlichem Wege erreichen will, oder ob ges das Land in den Krieg stürzen und gegen die Bundesgenossen von gestern und heute mor⸗ gen das Schwert ziehen will.(Lebhaftes Hört, hört!) Ich mag die Hoffnung nicht ganz aufgeben, daß die Wagschale des Friedens schwerer sein wird als die des Krie— ges. Wie sich aber auch Italien entscheiden möge, in Gemeinschaft mit Oesterreich-Ungarn haben wir alles im Bereiche der Mög— lichkeit liegende getan, um ein Bundesverhältnis zu stützen, das im deutschen Volke fesie Wurzel gefaßt hatte und das den drei Reichen Nutzen und Gutes gebracht hat. Wird der Bund von einem Partner zerrissen, so werden wir iK Gemeinschaft mit dem andern auch neuen Ge⸗ fahren zuversichtlich and festen Mutes zu be⸗ gegnen wissen!(Brausender sich immer wiederholender Beifall und minutenlanges Händetlatschen, an dem sich auch die Tribünen beteiligen.)
Als die stürmischen Beifallsfundgebungen sich gelegt haben, er. klärt der Präsident Dr. Kaempf: Wir treten jet: ii die Tages⸗ ordnung ein.
Die Rechnung über des Schutzgebietes Kiautschou wicd erledigt.—
Es folgt die erste Beratung des Gesetzentwurfs zur Einschrän⸗ kung der Verfügungen über Miet- und Pachtzinssorderungen.
Die Vorlage wird auf Antrag der Abgeordneten Stadt⸗ hagen(Soz.) und Warmuth(Rp.) an eine Komnassion von 14 Mitgliedern verwjiesen.
Damit ist die Tagesordnung erledigt. Der Präsident erhält die Ermächtigung, den Zeitpunkt und die Tagesord⸗ nung der nächsten Sitzung selbständig zu bestimmen, da die Arbeiten der Stickstoff-Monopolkommission und der eben ge. nannten Kommission erst erledigt werden müssen.
Schluß 271 Uhr.
den Haushalt
Pressestimmen.
Berlin, 19. Mai. In zwölfter Stunde“ überschreibt die
„Vossische Zeitung“ ihre Betrachtungen über die gestrige Reichs⸗ tagssitzung. Sie kennzeichnet damit ihre Auffassung von der Bedeutung der Erklärungen des deutschen Reichskanzlers, die von sämtlichen Morgenblättern geteilt wird. Die„Kreuzzettung“ sagt: Wenn sich der Reichskanzler entschlossen hat, nicht wie man annahm, über Italien erst zu sprechen, wenn in Rom die Entscheidung gefallen sei. so ist das ver⸗ mutlich in der Absicht geschehen, noch in letzter Stunde der ita⸗ lienischen Oeffentlichkeit eine Mahnung zuzurufen, indem er ihr die in der Tat außerordentlich weitgehenden und völlig verbürgten Zugeständnisse der Zentralmächte vorhielt, ihr andererseits aber auch jeden Zweifel daran nahm, daß Italien es im Falle des Zwistes mit der ganzen Kraft der beiden verbündeten Reiche zu tun haben werde. Der Reichskanzler wollte die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben, daß die Wagschale des Friedens schwerer sein werde alls die des Krieges.
Der„Vorwärts“ sagt: Die Ausführungen des Reichskanz⸗ lers fanden lebhaften Beifall und werden auch von der großen
In Schönbrunn. Wie Kaiser Franz Josef im Kriege lebt. Wien, im Mai.
5 Das große Garten varterre vor dem„Lustschloß“ Schönbrunn.
Ein riesiges Viereck. Ringsum uralte Bäume mit ganz jungem Grün. Viereckige Bäume, denn sie sind an Wipfeln, Zweigen und en nach der abgezirkelten Gartenkunst Le Nortes verschnitten. Kinder spielen auf den feingekiesten Wegen im Sand. Frauen aus den umliegenden Bezirken sitzen auf den Bänken. Und über allem liegt breit, fröhlich und optimistisch die glitzernde Sonne
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den Bäumen und der cremegelben Fassade des Schlosses mit den nilgrimen Fenstern, die nicht verschlossen sind. Ein feldgrauer Posten schreitet die Front des Schlosses ab. Nur einer! Ein Burggendarm steht vor dem Schloß. Nichts regt sich, nichts bewegt sich in der Spätnachmittagssonne. Verzaubert scheint Schloß und Park. Nie in diesen neun Monaten habe ich an irgend einen rt den Frieden so stark und sicher gespürt wie vor diesem
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3 Fenster, hinter dem die endgültigen Beschlüsse des Krieges, der
Politik im Innern und Aeußern, der Landsturmeinberufungen und der Ernennungen im Offizierskorps vom Leutnant bis zum Armeekommandanten gefaßt werden. Dort oben, im zweiten Stock⸗
werk, im Flügel links, ist das Fenster, das Fenster von Oesterreich.
Immer ist einer da auf dem weiten Platz, der es einem zeigt: „Sehen Sie dort, dort hinter dem Fenster sitzt der Kaiser.“ Und man steht da, gebannt und gespannt, vielleicht, daß man durch 1 5 455 ten der Jalousien seine Gestakt erblickt oder den Schatten seiner Gestalt. Ganze Gruppen von Feldgrauen sammeln sich an. Sie haben truppweise in der„Menggerie“ den braunen Bären befucht, das Affenhaus, die buntgefiederten, kreischenden Papa⸗ en, sie haben lauter Ulk getrieben mit dem lauten Lärm der brüllen Türe, und nun umfängt sie feierlich groß und mit einer atentraubenden Andacht die große Stille des Platzes vor dem Fenster des Kaisers. Ganz stille stehen sie da: Bauernburschen
aus der Steiermark, Bauern aus Ungarn, aus Galizien und der
Bukowina. In diesem Schloß wohnt ihr oberster Kriegsheer, für den sie gekämpft, ihr Leben gewagt und 1728— haben: Hun⸗ 1 Tausende und Millionen Soldaten. Und er ist— wie es
j, e von einem einzigen Soldaten bewacht. Fast unge⸗
Nur von der Liebe seines Volles, seiner Wiener betreut. nd die Bauernsoldaten aus der Steiermark, Galizien und Ungarn schütteln die Köpfe, wirllich: sie haben das„allerhöchste Hoflager“ sich anders gedacht, von einem Wachlordon umgürtet, von Parade und Prunk, starrenden Waffen und schimmernder Wehr umgeben, Kommen und Gehen, Auffahren und Schnarrpostenrufen! r nichts rührt sic). a 8 Hoöchstens, daß ein prunkloser Diener in lodengrauer Livree auf der Terrasse erscheint und ein Fenster öffnet, oder; im Schloß⸗ fährt ein rasches Auto vor, geschäftsmäßig, ohne„Gewehr⸗ ⸗r-aus“-Ruf, und über die Weiße Treppe verschwindet ein liger Herr im Frack, Aktenbündel unter dem Arm: Minister⸗
In dem verzauberten, wie im Tornröschenschlaf versunkenen. wird vom Morgen bis in die Nacht rastlose Arbeit getan. iller sern der Stadt flimmern hier zuerst die Lichter der
u u ½ Uhr am Morgen! Der Kaiser steht
en Toilette folgt das frugale
Frühstück. K⸗Brot? Der Kaiser hatte versönlich Befehl gegeben, daß der ganze Hofstaat mit ihm gleich dem letzten Bürger des Reiches seine Brotkarte und sein Mischbrot erhalte. Bei der Brot⸗ karte ist es geblieben. Und für den Hofstaat, zu dem nun seit Kriegsbeginn auch die Thronfolgergattin Erzherzogin Zita gehört, auch bei dem K⸗Brot. Für den Kaiser selbst setzte, sein Leibarzt Dr. Kerzl endlich die Beibehaltung des gewohnten Gebäcks, wenig⸗ stens zum Frühstück durch. Mehr gab Franz Josef nicht zu. Und— zum Glück— braucht seine Gesundheit kein Mehr, obwohl der Krieg auch physisch größere Anstrengungen an ihn stellt, als der Friede. l
Um vier Uhr schon setzt seine Arbeit ein. Bis sieben Uhr gilt sie der Aufarbeitung der während der Nacht eingelaufenen De⸗ peschen. Besonders wichtige Nachrichten werden ihm auch während der Nacht sofort vorgelegt: über seinen besonderen Befehl wird der Kaiser in solchen Fällen aus dem Schlummer geweckt. Punkt sieben erscheint der Kurier„mit frischen Sachen“, Punkt neun erscheint die erste Amtsperson der Chef der Militärkanzlei, General Bolfras. Ihm folgt der Obersthofmeister, dann Freiherr von Schießl, der Chef der Kabinettskanzlei, dann andere Personen⸗ zur„befonderen“ Audienz: der Minister des Auswärtigen, Baron Burian, der österreichische und der ungarische Ministerpräsident, Ressortchefs usw. Besonders einer ist jetzt fast täglicher Gast: von ein paar Generalstäblern mit Kartenmappen begleitet, der elegante Reichskriegsminister v. Krobatin, der an der Hand von Detail⸗ plänen und ad hoc gearbeiteten Skizzen dem Kaiser Situations⸗ berichte gibt. Oft dauern diese Vorträge, bei denen Franz Josef, der älteste General seiner Armee, mit seiner Meinung nicht zurück⸗ hält, bis zu zwei Stunden. Erst um 12 Uhr mittags, nach acht⸗ stündiger Arbeit, gönnt er sich die erste Pause einer scheinbaren Ruhe, während deren ihm das zweite Frühstück, ein Fleischgericht und ein Glas österreichischen Weins, auf dem Schreibtisch serviert wird. Dann solgt bis ein Uhr der Spaziergang, der im Winter in den hohen, luftigen Zimmerräumen der„großen Galerie“ stattsand. Und wiederum Arbeit bis fünf: zwölf Stunden am Tag. Rastlos, Sonntags wie Wochentags. Das Leben ist sehr intensiv hinter den Jalousien des stillen n
r. H. W.
Gießener Nonzertverein.
5 Gießen, 19. Mai.
Unser feldgrauer Mitbürger Wilhelm Backhaus steellte nochmals seine große Kunst in den Dienst der vaterländischen Sache; diesmal galt sein Wirken einem ganz besonderen Zupeck, nämlich der Kriegsbeschädigten⸗Fürsorge, jenem höchst dankens⸗ werten Streben, unsere Verwundeten wieder möglichst erwerbs⸗ fähig zu machen, auch wenn sie durch ihre Verwundung ihrem seitherigen Wirkungskreis entzogen werden. Die man früher resig⸗ niert ihrem Invaliden ⸗Schicksal überließ, sollen eine ihrem Zu⸗ stunde angepaßte neue Tätigkeit erlernen, sollen vor allem lernen, was Uebung und Energie auch bei schweren und schwersten Be⸗ schädigungen noch zu ersetzen, zu leisten vermag. Daß man sich ieser großen Aufgabe im Gegensatz zu früheren Zeiten mit Ent⸗ schiedenheit und Erfolg zuwendet, ist auch eines der großen Zeichen einer großen Zeit. 5
Gerade die Kunst eines Wilhelm Backhaus aber vermag zu zeigen, wie schier unbegrenzt die Möglichkeiten der Ausbildung
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Alter 1 1 3
Masse des Deutschen Volkes freudig begrüßt werden in der Hoff⸗ nung, daß doch noch eine weitere Ausdehnung des furchtbaren Krieges vermieden werden kann. Dringend zu wünschen ist es,
daß diese Hoffnungen sich erfüllen. Jedoch läßt die Rede des Reichs⸗ kanzlers darüber keinen Zweifel, daß das Reich und sein Bundes⸗
genosse allen Gefahren gewachsen sein werden.
In der„Germania“ liest man: Es ist ein Beweis, nicht nur für die Wahrheitsliebe, sondern auch für die innere Kraft und Stärke, welche auf deutscher und österreichischer Seite die Lage beherrscht, daß der Reichskanzler die Italien zugestandenen Kon⸗ zessionen so frei und öffentlich kundmachen konnte. Die Wirkung der Rede wird hoffentlich nicht fehl gehen. ö Italien so stark sein wird, daß sie auf die Entscheidung der Regie⸗ rung und auf die Haltung des Volles einen durchschlagenden Erfolg ausübt und eine Wendung herbeiführt, muß abgewartet werden.
In der„Freisinnigen Zeitung“ wird hervorgehoben, daß die Wichtigkeit der Worte des Reichskanzlers dadurch sichtbar gemacht werde, daß Herr von Bethmann Hollweg gegen seine b Gewohnheit einige Stellen von einem Manuskript ablas.
Der Berliner„Lokalanzeiger“ führt aus: Man möchte sagen, daß die Bekanntgabe oder Anerbietungen Oester⸗ reich-Ungarns an Italien alle zur Besinnung bringen wird, die nicht allein den Krieg um des Krieges willen verlangen. Und wenn die schwankenden Bundesgenossen trotz alledem sich auf die Seite unserer Feinde schlagen, wenn sie trotz alledem entschlossen, sein sollten, dem Freunde von gestern und heute in den Rücken zu fallen, dann gibt es tatsächlich keine andere Erklärung, als daß sie sich treulos nach der anderen Seite bereits ver- pflichteten, während sie mit Oesterreich-Ungarn noch verhandelten. Wenn aber die Donaumonarchie sich zu so ungeheuer weitgehenden Zugeständnissen bereit erklärt und wenn Deutschland die Garantie für ihre loyale Durchführung übernimmt, so lann der Grund nur sein, daß sie über den Augenblickhinausdenken, daß sie nicht nur für den Augenblick die Neutralität Italiens sichern, sondern daß sie den Dreibund nach wie vor für ersprießlich halten und ihn deshalb durch eine neue Gestaltung für die Zulunft fester fügen wollen. Opferwilligere Freundschaft hat es in der Geschichte kaum gegeben. Deshalb hat das Wort des Reichskanzlers, die Schale des Friedens werde in Italien vielleicht doch noch schwerer wiegen als die des Krieges, kheoretisch und sachlich volle Be⸗ rechtigung.
Das„Berliner Tageblatt“ schreibt, auch die italieni⸗ schen Deputierten, die sich morgen in Rom zu der e scbeldend Sitzung vereinigen werden, sollten sich diese Frage in der letztem Stunde noch einmal vorlegen, wenn auch der großen Masse die irrsinnigsten Phrasen wirksamer scheinen als das ernsteste Argu⸗ ment. Der deutsche Reichskanzler hat am Schluß seiner Rede ge⸗ sagt, wir„würden mit Italien den Bund zerreißen und mit dem anderen Partner auch neuen Gefahren zu lich und festen Mutes zu begegnen wissen“ und diese Auffassung wird von dem ganzen Volke bedingungslos geteilt. Will das italienische Volk, was wir tief bedauern würden, sich wirklich in diesen sinnlofesten aller Kriege stürzen, so sind seine beiden bisherigen Verbündeten zur Abwehr und Antwort bereit.
Die„Deutsche Tageszeitung“ bezeichnet die Rede des
Reichskanzlers als meisterhaft und hebt die letzten Worte hervor, die die Ruhe und Zuversicht wiederspiegeln, mit der das deutsche Volk, das deutsche Reich und seine Regierung für alle Fälle ge⸗ wappnet sind und gewappnet sein können.
Die Revolution in Portugal. Lissabon, 18. Mai.(Ctr. Frkft.)„Havas“ meldet: Auf dem Bahnhof von Entroncamento wurde Chagas, als er von Porto kommend dort eintraf, um die Minister⸗ präsidentschaft zu übernehmen, durch den Sen. Freitags mit Revolverschüssen angegriffen. Freitags wurde durch Gendarmen getötet, Chagas schwer verwundet nach
sind. Sein Können grenzt ans Fabelhafte. Jeder vermag hieraus zu ersehen, was jedes einzelne Glied, was insbesondere eine Hand allein, ja der einzelne Finger zu leisten vermag, wenn die Glieder so dem Geiste gehorchen— militärische Disziplin und Or⸗ ganisation fließen aus der gleichen Quelle. Unser viel angefeindeter Militarismus ist seinem ewigen Werte nach aus dem gleichen Geiste. Unterordiding unter die große Aufgabe im ganzen wie im einzelnen, das führt zu den Höhen der Vollendung.
Wilhelm Backhaus ist als Klavierspieler in diesem Sinne schlechthin vollkommen! Schwierigkeiten gibt es für ihn überhaupt nicht mehr; mit einer Selbstverständlichkeit sondergleichen, mühelos in der äußeren Form, wie der Künstler sich gibt, gerät hier alles, alles! Backhaus beherrscht das Grundgesetz mechanischer Oekonomie: es gibt bei ihm keine ein⸗ zigeunnütze Bewegung, keinen Aufwand anüberflüssigen Mitteln. Seine Hände zeigen in der verwickeltsten Bewegung voll⸗ endete Ruhe, fast stets liegen sie unmittelbar über den Tasten und bringen aus dieser Ruhelage das zarteste Pianissimo wie das mächtigste Fortissimo zum Erklingen. Vollendete Natur ist hier am Werke, kerngesund im besten Sinne ist diese Kunst! Ich wüßte auch keinen Künstler zu nennen, der so vollkommen frei von jeder Pose wäre; ja in gewissen Bewegungen könnte man eher etwas echt Deutsch Ungelenkes erblicketz richtiger gesagt vielleicht eine echt bescheidene Unaufdringlichkeit. Backhaus vermeidet jede auf⸗ fällige Bewegung, arbeitet nie mit jener von Richard Wagner so entschieden gegeißelten Art leerer Effekte. Er ist so einfach und schlicht in seinem ganzen Wesen, daß er dem Stift des Karikaturisten fast keine Anregung bietet, wie es sonst Künstler lieben.
Die Vortragsfolge des gestrigen Abends brachte Brahms. Schu⸗ bert, Schumann, Chopin und Liszt. Hier konnte diesmal der Virtuose sein ganzes Können an's Licht stellen. Aber auch die in⸗ timeren, feinen Kleinstücke gerieten vortrefflich. Doch hat auch Backhaus unverkennbar unter diesen Sachen solche, die sich über die andern hinausheben. Ich möchte diesmal Schumanns„Auf⸗ schwung“,„Traumes Wirren“ sowie die gespielten vier Etüden von Chopin(Ges⸗dur— Schwarze Tasten— A-Moll— Gis-Moll⸗ Terzen— Ges⸗dur⸗Oktaven) als die Höhepunkte des Abends bezeichnen, sowie Liszts Waldesrauschen, ein im Melos unvergleich⸗ liches Stück. Daß die Rhapsodie von Brahms in G-Moll, Schu⸗ manns Novpelette in E-Dur, Chopins Ballade in As-Dur, Liszts 12. Ungarische Rhapsodie und der zugegebene Schubertsche Militär⸗ marsch— diesmal nicht der vielgehörte von Schubert Taußig— sowie Schuberts herrliche Wanderer-Phantasie vollendet wieder⸗ gegeben wurden, dem tut das Vorbemerkte keinen Abbruch.
So war der Abend köstlich! Wilhelm Backhaus gebührt der Dank für eine opferwillige Hingabe an einen großen edlen Zweck.
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Berlin, 18. Mai.(WTB. Nichtamtlich.) Wie der„Reichs⸗
anzeiger“ bekannt gibt, hat der König den Vizekanzler des Or⸗
dens pourle mérite“ für Wissenschaften und Künste, Bild⸗ hauer Professor Dr. Friedrich Schaper in Berlin zum Kanzler und den Wirklichen Geheimen Rat Professor Dr. Adolf v. Har⸗ nack⸗Berlin⸗Grunewald zum Vizekanzler des Ordens ernannt. Berlin, 18. Mai.(WTB. Nichtamtlich.) Die„Vossische 1 meldet aus Bonn: Der ausgezeichnete Romanist, Ge⸗ mer Regierungsrat Professor Wendelin Foerster, ist zur Jahren-gestorben. 15
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Ob ihre Wirkung in
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