Ercheun täglich mit Ausnahme des Sonntags.
Die„Stetzener Famlliendlätter“ werden dem Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das W Areisblatt für den Kreis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen zeit⸗ tragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
1 ne nzeiger Schristleitung, Geschäftsstelle u. Druckerei: Schul⸗ 7
General⸗Anzeiger für Gberhessen
Ariegsbriefe aus dem Westen.
Von unsferm Kriegsberichterstatter. anberechtigter Nachdruck, auch aus zugsweise, verboten.)
Eine Maifahrt in den Schützengraben.
Großes Hauptquartier, 12. Mai.
An der Front war es heute so still, als ob die Geschütze sich scheuten, in den süßen Schall des Frühlings grob hineinzulärmen. Ueberhaupt, nach Krieg sah es noch gar nicht aus, trotzdem wir nun noch knappe fünf Kilometer von unseren schweren Batterien entfernt waren. Die Landleute bollendeten die Bestellung ihrer Felder, ganz wie im Frieden. Nur daß auf den Straßen, wo sonst um diese frühe Morgenstunde die Milchleute nach der nahen Stadt pilgern, Munitionskolonnen fuhren. Aber auch sie grüßten den Frühling. Zwar die frischen Laubzweige, mit denen das Verdeck besteckt war, hatten nur den Zweck, die Ladung gegen Fliegereinsicht sie schützen, obwohl sie dem Wagen den Anschein gaben, als sollten ie das Jungvolk zu einer frohen Pfingstfahrt hinausführen. Doch hatten sich die Trainsoldaten mit Blumensträußen geschmückt, die sie von ihrer nächtlichen Reise an die Front mitgebracht hatten. Blumensträuße aus dem Schützengraben.
Unser Weg war weit, ehe wir den Frühling in den äußersten Anterständen unserer westlichen Kampfeslinie besuchen konnten. Das erste Zeichen des Krieges, dem wir diesmal begegneten, war ein Grab an der Straße. In einer Umfassung von dunklen 15 5 ragen zwei steinerne Säulen und ein hohes Kreuz aus Schmiedeeisen Hier schlafen zusammen, wie die von Franzosen angebrachte, halb deutsche und halb französische Inschrift be⸗ 1 sagt, 30 ostpreußische Grenadiere und zwei französische Offiziere mit sieben ihrer Leute, die am 18. Januar 1871 hier gesallen sind.
75„Sie starben den Heldentod“ sagt in unrichtigem Deutsch die Grabplatte„Priez pour eur“. Betet für sie. Das Grab ist würdig 4 imstande gehalten. Am 18. Januar 1915, dem Tage des Gefechtes, in welchem sie fielen, hat eine vorüberziehende deutsche Kompagnie
3 den deutschen und französischen Vaterlandsverteidigern einen Kranz gestiftet. Inzwischen aber ist neben dem kleinen Friedhof ein neuer zhügel von 1915 aufgeworfen worden, der noch der Inschrift hart. So hat auch dieser Krieg seinen blutigen Tribnt an einen in vielen Jahrhunderten durch Kämpfe geweihten Stelle gefordert. Denn hier focht schon Caesar mit den Veromanduern und bei allen späteren Auseinandersezungen zwischen dem erstarkenden französischen Königtum und den kleinen Feudalherren und der Abgrenzung bourbonischer und habsburgischer Ansprüche haben sich
in dieser Gegend Schlachten abgespielt.
Dias nächste Dorf kann schon mehr vom Kriege erzählen. Der Kirchturm hat ein paar französische Granatnarben abbekommen, ein paar kleine Häuser sind abgebrannt und auf einem Dache flickt
ein Knecht mit Teervappe das große Loch, welches am Tage zuvor
ein franzöftscher Fliegerbesuch in die Ziegel und Sparren geschlagen
hat. Wir sind nun schon im Feuerbereiche der feindlichen Geschütze,
aber von hier bis zum vordersten Schützengraben ist der Weg noch
weit und es gibt allerhand zu sehen. Aus einem Munitionsdepot
wird eine ganze g von teils explodierten, größerenteils!
nicht zur Entzündung gelangten Fliegerbomben herbeigeholt. Es
scheint sich um eine neue Erfindung des Feindes zu handeln. Die
mit einem sen Bleigewicht beschwerten Projektile bestehen
k 1 2 Kart 15 ee. 1 1
0 Eutzündung enchtenden Sprengstoffe ge⸗
füllt sind. Auch die Zünder sind verbessert worden. Die seindlichen
bedenzen die Gegend so oft mit ihren Grüßen, daß das
a zeln dieser Andenken bei den in der Nachbarschaft liegenden Mannschaften eine Art Sport geworden ist.
Der Artilleriebeobachtungsposten, den wir bald danach auf⸗ suchen, bietet nur insofern Interesse, als man die Wahl des Punk- tes und die glänzende Deckung gegen jede Einsicht bewundern kann. Der erhoffte Ueberblick über die feindlichen Stellungen ist nicht möglich. Der seine Morgendunst, der von Aeckern und Matten auf
Das deutsche Lugano. Lugano, 12. Mai. Nun ist Lugano auf einmal deutsch geworden. In allen Hotels — 2 8 sind Tausende Deutsche und Oesterreicher ein⸗ ge offen,
die es vorziehen, die Entwicklung der Dinge in der 0 Geborgenheit der schweizerischen Republik abzuwarten. In den Kafseehäusern, auf den Plätzen, in den Gassen, in den Jahnhofsräumen und am Dampfschiffsteg stehen sie, unterhalten ssich, erwarten und empfangen neue Ankommende, lesen mit Eifer die neuesten Zeitungen und zeigen alle die Nervposität derer, die,
b 5 Aufregung und Lärm entronnen, sich noch nicht an 3 Ruhe gewöhnen können. 1 85. Dabei ist Lugano vielleicht ebenso italienisch gefärbt, wie Genf französisch. Gleichweit von der italienischen Grenze entfernt, wie das pariserische Genf von Frankreich, erinnert Lugano d mehr in seiner ganzen Art an italienische Städte, da es niemals wie Genf das Glück genießen konnte, von einem brausenden Kulturstrome eine Zeitlang rein gefegt zu werden. Mit seinen Ar⸗ kaden, im denen sich ein halb orientalisches Bazarauslagen⸗ Treiben sehr bemerkbar macht, mit seinen Plätzen, auf denen estikulierende Bürger sich Zeitungsnachrichten vorlesen und die zeltgeschichte mit naivem Eifer verhandeln, mit seinen engen, winkeligen Gäßchen, die auf grobsteinigen Fliesen an uralt schmutzi⸗ gen Mauern vorbeiführen, macht es ganz den Eindruck eines italienischen Städtchens, in dem der Typus des Bewohners, der Verkehr und die lebhafte Sprache mehr den heißen Südländer als den bedächtigen Schweizer Bürger vermuten läßt. Die Uebergänge vom Schweizerischen zum Italienischen und umgekehrt sind auch viel kürzer und liegen näher beieinander als irgendwo. Fährt man den Luganer See entlang oder wandert man längs der Berg⸗ . oder Uferstraßen, die den See umsäumen, so ist man bald auf. schweizerischem, bald italienischem und dann wieder schweizerischem Hh ebiete, und man tut immer gut daran, sich auf einer zuverlässigen Karte zu vergewissern, welches Grenzgebiet man just überschreitet. So sehr wechselt gerade im Südende des Kantons Tessin italie⸗ nisches und schweizerisches Gebiet, welch letzteres an einigen Stellen beispielsweise das Campione, gegenüber Lugauo Paradiso) ganze italienische Enklaven umschließt. Entsprechend diesem Fehlen einer einheitlichen Grenzlinie hat sich die italienische Regierung zum Schutze ihres Zollverhältnisses und der Sicherstellung ihrer mili⸗ färischen Grenzen eingerichtet, aber in einer, wie die amtierenden Behörden 1 selber zugeben, übertreibenden Art und Weise. Der Luganese, bei dem man nicht leicht ohne weiteres fest⸗ stellen kann, ob er Eingeborener, also Schweizer ist, oder zu⸗ f anderter Italiener, hat nie sehr viel Sympathie für die vielen 1 tschen an den Tag gelegt, die jahraus, jahrein nach Lugano kamen, um sich hier im warmen Klima zu erholen, oder um auf dem We e nach Mailand, Florenz oder Rom die Perle der ober⸗ * Raltenischen zen kennen zu lernen. Als dann der große Krieg aus brach und die von dem Dreiverband beeinflußte italienische I 1 tagtäglich das Bild von dem am Boden liegenden Deutsch⸗ 5 E da riß sich die lange genug genährte Abneigung los und verwandelte sich in Gift und kochenden Haß, der nicht nur Deutschen und Oesterreicher entgegensprühte, sondern dessen
h auch die Deutsch⸗Schweizer erfreuen dürften. Und da ist mit estzustellen, daß, sobald sich die allgemeine, Panik legte
ich wieder Fremde einfanden, die deutschen Hotels
und Pensionen einstimmig den Bo
steigt, verdichtet sich in der Ferne zu undurchsichtigen Schleiern. Schon bei einem Teile unserer Stellungen hört die Aussicht auf.
Nach und nach hat es sich an der Front zu regen. begonnen. Eine schwere Batterie in unserer Nähe schlägt an. Aber trotzdem wir ihren Standort ungefähr kennen und trotzdem das Gelände sehr übersichtlich erscheint, ist sie schwer zu inden. Ein paar Land sturmmänner, die an einer Rübenmiete arbeiten, weisen uns schließ lich den Weg und vergnügen sich darüber, daß es uns so geht wie sast allen, die hier vorbeikommen, daß wir nämlich zwar die Scheinstellungen, aber noch auf nächste Nähe nicht die wirklichen Batteriedeckungen zu erkennen vermögen. Hier arbeiten erbeutete französische 15 Zentimeter-Geschütze, welche dem Feinde seine eige— nen Granaten zuwerfen. Wie es scheint, gilt das Feuer jungen fran⸗ zösischen Mannschaften, die in unvorsichtiger Nähe hinter der Front im Exerzieren ausgebildet und dabei von unseren Beobachtern fest— gestellt wurden.
Von dem nächsten Orte steht nicht mehr viel, wie man es in solcher Nachbarschaft nicht anders erwarten kann. Aber ein Keller mit meterdicken Gewölben bietet gegen Artilleriefeuer einige Sicherheit. Vor dem Eingange sitzen einige sehr vergnügte und sehr mit Lehm beschmierte Feldgraue und aus dem Bogentore zur Unterwelt schallt fröhliches Gelächter und Jauchzen. Hier befindet sich, in voller Reichweite der feindlichen Geschütze, eine Warmbadeanstalt. Aus dem Kessel einer im Hofe aufgestellten Lokomobile wird das heiße Wasser durch eine Kellerluke in einen riesigen, aus einer benachbarten zerstörten Brauerei hierher ge⸗ holten Gärbottich geleitet. Ein großer Füllofen heizt den Raum und 12 bis 15 Soldaten können sich auf einmal in dem über anderthalb Meter tiefen Becken baden. Aus allen benachbarten. Schützengräben bekommen die Leute von Zeit zu Zeit Badeurlaub, um sich hier zu reinigen. Das ist stets ein großes Fest.
Das Badehaus hat gute Verkehrsverbindungen. Denn bald dar⸗ auf gelangen wir, nachdem uns vorher noch eine Erdwelle der Sicht des Feindes entzogen hat, zu dem ersten Aunäherungsgraben. Tief eingeschnitten führt er uns einer Artilleriestellung zu. Der Grund ist mit Knüppelrosten belegt, unter denen bei jedem Schritte der Modder quatscht, denn die Gewitterregen der letzten Tage haben den Weg überschwemmt, so daß er stellenweise mit Feuerwehrpum— pen wieder gaugbar gemacht werden mußte. An seinem Ausgange stehen nahe benachbart zwei Batterien, die in ruhigem Tempo, sich gegenseitig ablösend, eine Straße unter Feuer nehmen, auf welcher feindliche Bewegungen erkannt worden sind. Künstliche Hecken— lauben überdachen die Geschütze, so daß sie selbst beim Feuerm nicht wahrzunehmen sind. Der Feind, der wegen des Standes der Sonne noch keine gute Beobachtung hat, schweigt einstweilen. Er kann nicht feststellen, woher das Feuer kommt, das in so gleich— mäßigen Abständen auf ihn einhämmert.
Pede nimmt uns ein Annäherungsweg auf. Die Sonne sticht und die feuchte Erde atmet einen beklemmenden Treibhaushauch, so daß wir froh sind, als uns ein Wäldchen erlaubt, für ein paar hundert Meter wieder aus dem Graben zu klettern. Wenn die Ge⸗ schittze einen Augenblick schweigen, schmettern aus allen Büschen, Hecken und Wipfeln die Frühlingsvögel ihre Lieder und ihr Jauch⸗ zen mischt sich mit dem süßen Duft der unzähligen wilden Hya⸗ zynthen, die den Lanbgrund blau färben. Ueberall lockt und jauchzt das Leben. Selbst die alten Stämme, die von Granaten ge⸗ knickt und abgebrochen wurden, treiben hoffnungsfrohe Seitenschosse. Plötzlich aber ertönt wieder das Todesheulen einer im hohen Bogen in die feindlichen Stellungen reisenden Granate. Der Atem stockt, der Fink und die Grasmücke brechen ihren Akkord mitten im Tone ab. Ein Krach, dort drüben sitzt der Einschlag. Wenige Sekunden nur, dann beginnt der Mai sein Suiel von neuem. Ein Lockruf aus hohem Wipfel, der ganze Chor setzt ein, schier spöttisch klingt das Jubeln, bis das Heulen der nächsten Granate das Konzert! wieder jäh zum Stocken bringt. Es ist hier nicht gut Hütten bauen, trotz Vogelhalles und Hyazinthenduftes. Das beweisen die tiesen Granatlöcher, die alle paar Schritte weit eingeschlagen und deren, Ränder mit rostigen und frischen Eisensplittern gespickt sind.
Da das Buschwerk dünner wird, müssen wir zurück in den Annäherungsgraben. Weit kann es nicht mehr sein, denn das
ykott über die deutschfeindlichen Geschäfte verhängten und ihn bis heute durchführten, so sehr auch die mit Recht Betroffenen jammern. Denn die wurden mit der Zeit eines andern belehrt und sahen nicht wenig enttäuscht, als die gewohnten englischen und französischen Gäste ausblieben, die deut⸗ schen jedoch nicht allzu lange auf sich warten ließen. Ein großen Teil der Boykottierten scheute dann auch keine Mittel und Wege, um die begangene Unklugheit wieder gut zu machen, und es ist jetzt nicht ihr Schade, da die Anwesenheit der außerordentlich vielen aus Italien kommenden Deutschen Lugano eine finanziell wohl sehr begrüßenswerte Nachsaison erleben laßt. f
Schon vor zogen es viele vor, ihre Koffer zu packen und von Lugano aus abzuwarten, ob Italien mit den Waffen oder lediglich auf diplomatischem Wege zu seinen Zielen zu kom⸗ men suchen würde. Ihnen folgten vergangene Woche eine große
och] Anzahl Familien, bis gestern ganze Extrazüge Tausende hierher
brachten, die auf Aufforderung der Konfule hin die Sachen gepackt und in der Richtung nach Norden abgefahren 1 Nach den Berichten der Meisten sind sie auf ihrer Fahrt hierher in keiner Weise behelligt worden; ja, sie wurden nicht einmal zum Oeffnen der Koffer und zum Vorweisen der Pässe veranlaßt; ein für jeden, der in letzter Zeit die italienische Grenze Überschritt, über⸗ raschend entgegenkommendes Verfal'ren. Es sind unter diesen „Flüchtlingen“ Persönlichkeiten mit bekannten Namen. Groß⸗ industrielle, Journalisten, auch Professor Abraham, dessen Name in den letzten Wochen oft in den Zeitungen zu lesen stand; und daneben Geschäftsleute, die seit Jahrzehnten in Italien ansässig waren, teilweise Italtenerinnen zu Frauen haben und deren Kinder kesser italienisch als deutsch sprechen.
Wie vorzüglich sich die so außerordentlich bewährende deutsche Organisationsfähigkeit auch im Auslande erweist, mag übrigens solgende Tatsache zeigen: ohne irgend welche Verabredungen ge⸗ troffen zu haben, begegnen sich hier Familien, deren Kinder die⸗ selbe deutsche Schule in Mailand besuchen, die seiner Zeit vom Kaiser das Recht zur Verteilung des Einjährigen Freiwilligen⸗ Diploms an die Absolpenten der neunten Klasse erhalten hat. Da sich auch der Hauptteil der Lehrer gegenwärtig in Lugano aufe hält, wurde noch am Tage der Ankunft trotz aller Hast und Aufregung die gemeinsame Fortsetzung des Schulunterrichts in der fremden Stadt erwogen und gleichzeitig mit der Bildung eines Pfadfinderbataillons beschlossen. So schlägt auch in dieser Stunde(nein! in dieser Stunde noch viel mehr) deutsches Wesen in jeden Boden mit dem Gedanken an das Wohl des Vaterlandes seine Wurzel.
Nun kann man in der Schweiz auch an dieser Grenze staumend und befremdet sehen, was ein aus nationalistischem Fieber heraus- geborener Krieg firr Wunden gräbt, wie er plötzlich alles wandelt, umkehrt und fremd werden läßt, was bereinander in täglicher Arbeit und Erholung Freund war. Da ist ein Badenser, der vier⸗ zig Jahre Betriebschef in einer Fabrik bei Florenz ist, die einem Oesterreicher gehört. Er hat eine Italienerin zur Frau und seine kleiden Töchter sind mit Söhnen befreundeter Nachbarn verheiratet. Fast mit allen Bewohnern des Ortes steht er auf Du, ihre Leiden und Freuden sind die seinen und was ihm zukommt, teilt er mit den andern. Als dann der Krieg kam und mit ihm die fana⸗ tische Deutschenhetze, erst da erinnerte man sich, daß er ein „Tedesco“ ist. Und man begann von ihm abzurücken. Wie diesen
*
% ͤ
dienstag, 18. Mal 1015
Rotationsdruck und Verlag der Universitäts-Buch- und Steindruckerei.
Brühl'schen
R. Lange, Gießen.
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S851, Schrift 1 leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten Anzeiger Gießen. 5
nächste Wäldchen ist schon vom Feinde besetzt. Seitengräben, mi. Straßennamen nach bekannten Heerführern bezeichnet, zweigen sich ab. Unversehens sind wir mitten in einer unterirdischen Stadt. Sie gleicht in vielem denen, die wir längs der ganzen Front kennen 9 und hat doch wieder ihre besonderen Eigenheiten. Tas Gelände hat hier ein sehr sorgfältiges Einbauen gestattet. Fünf Metern tief liegen die Wohnungen, durch dicke Baumstämme geschützt, unter dem Waldboden. Schmale, gewundene Treppenschächte führen hinab. Da sie leicht zugeschüttet werden können, so stehen die Höhlen miteinander in unterirdischer Verbindung und haben je zwei Ausgänge. Tief in der Erde aber ist das Dasein so behaglich, wie man es nur immer gestalten lonnte. Der Höhlenmensch hat sich auf seine urzeitlichen Kunsttriebe besonnen. Aus mürbem Steine sind drollige Figuren gemeißelt, die in wenig schmeichel xx. hafter Weise die kriegerischen Tugenden der Feinde, besonders der Engländer, zum Ausdruck bringen. Ganze Gruppen davon be, wachen die Erdnischen, in denen die nahrhaften Liebesgaben aus der Heimat zu hübschen Stilleben aufgebaut sind. Schlaflanapees aus Naturholz und Kronleuchter aus abenteuerlichen Wurzel⸗ bildungen geben den Behausungen einen einheitlichen Stil und manche Wohnung ist mit Bildern aus Zeitschriften, Kranzgewin⸗ den und Blumen so hübsch ausgeschmückt, daß man wohl begreifen kann, wie schwer es den Insassen fällt, das so liebevoll ausge⸗ schmückte Heim zu verlassen, wenn sie abgelöst werden. 9 Wir gingen vor bis zum äußersten Graben. Jenseits unserer eigenen Skacheldrahtverhaue und Schleiergräben begannen die feind? lichen Stellungen, zuweilen auf Rufnähe bis an die unsrigen heranreichend. Es ist an diesem Punkte ziemlich still und unsere 1 Leute sind weit entfernt davon, mit ihrer verhältnismäßig großen Ruhe zufrieden zu sein. Ihr Tatendrang äußert sich in wieder⸗ holten gewaltsamen Erkundungen zur Nachtzeit, ohne daß es ihnen gelungen wäre, den Feind bisher vorzulocken. Darüber äußerten sie sich recht verdrießlich. 5
Inzwischen hatten auch die Franzosen ihr artilleristisches 9
Tagewerk aufgenommen. Sie beschossen ein nahegelegenes, dicht an ihre Stellungen heranreichendes Dorf, wie sie es täglich tun, trotzdem an dem Dorfe nichts mehr zun
zerstören ist. Bei der kurzen Entfernung war, jeder Treffer zu beobachten, selbst das Platzen der einzelnen Geschosse konnte mun sehen, und in der schweren, unbeweglichen Luft blieben die baum⸗ 0 förmigen Rauchgespenster, die über jedem Granateinschlage er⸗ wuchsen, lange sichtbar. 7 Mit der Miene von Leuten, die dieses Schauspiel täglich ges nießen, beobachten unsere Leute den Vorgang. Ganz sachverständig wurde jede einfallende Granate beurteilt. 8 Nachdem wir das Schauspiel eine Weile genossen hatten, mußten wir an die Rückkehr denken. Noch einmal machten wir Halt. In einem Dorfe, welches am Tage zuvor von den französischen Geschützen in Asche gelegt worden war. Niemals werde ich diesen Anblick vergessen! Daß die Häuser, daß das Schloß in Schutt lag, das wird man im Kriege gewohnt. Aber die Kirche und der Kirch⸗ hof! Ich habe manches ähnliche gesehen und kann doch das Grauen nicht fassen. 5 ö 92 5 80 Ueber dem Hochaltar der Kirche hatte ein Kruzifixus ge⸗ hangen. Eine französische Granate hatte das Kirchendach zerdrüc und den Gekreuzigten vom Marterholze erlöst. Mitten aus einem Trümmerhaufen reckt der Erlöser seinen Arm hervor. Nichts kann man von ihm sehen, als die verstümmelte Hand, von der niemand sagen kann, ob sie schwört, ob sie. 0 für alles das schänd⸗ liche Unheil, oder ob der Gottessohn selbst um Hilfe fleht in der Not dieses grenzenlosen Menschenmordens. 3 Von der Kirche, von ihrem alten Turm, steht nur noch so viel, daß man die Stätte unterscheiden kann. Sie ist graufig genng. Seit langen Zeiten brachte man rings um das Gotteshaus die Toten zur letzten Ruhe. Französische Granaten haben die Gräber umgepflügt, haben die alten Grüfte geöffnet. Totenbein, halb⸗ verwest, umschlungen von Sägespänen, ist emporgewühlt. 1 Grüßfte sind erbrochen und grinsende Schädel lachen unsinnig in die matten Sonnenstrahlen, die in ihre Tiefe dringen. 19 Aber nur ein Teil des Dorfes wurde vom feindlichen Feu
einen Fall, hört man Tausende. Tausende sehen ihre wie mit einem Fragezeichen versehen und Tausende wissen, für sie nach der Unterbrechung dieser Tage ein neues Beginner an gleicher Stelle nicht mehr möglich ist. Aber m U wunderbar und vielsagend zugleich: alle die hunderte Väter Mütter, die ich dieser Tage hierher kommen sah und sprach, ihr Erstes ist nicht von sich und ihrer Mühe zu erzählen, sondern ür Erstes ist die Frage nach Deutschland. Denn sie fühlen es, wie klein ihr persönliches Leid an dem großen Kumpf, den das Vaterland jetzt kämpft, gemessen ist. Und ihre Augen leuchten, wenn sie die Botschaft von den neuesten Siegen hören und sie werden nicht müde zuzuhören, wenn wir, die wir Deuts in seinen großen Tagen zu sehen das Glück hatten, erzählen, wie man dort nur des einen Willen ist, zu kämpfen und 5brl gen. r.
1 6
— Neue Shakespeare⸗Forschungen. Professor Charles William Wallace, der Vertreter der englischen N vatur an der Universität von Nebraska, hat sich im Interesse der Vervollständigung der Biographie Shakespeares seit einer Reihe von Jahren mit der Durchsicht der Steuerakten von Stratford am Avon und den umliegenden Bezirken beschäftigt und er hat dabei ein Ergebnis erzielt, das für die Kenntnis der Lebens⸗ untstände des Dichters immerhin von Interesse ist. Wie er näm⸗ lich in einem Berichte in der„Times“ darlegt, bat die Shakespearo« Forschung bisher einen Fehler begangen, indem sie jeden William Shakespeare, der zur Lebenszeit des Dichters in Stratford oder Umgegend von den Urkunden genannt wird, ohme weiteres mit
Person des Dichters gleichsetzte. Dem gegenüber hat Professos 15 Wallace festgestellt, daß es zu Shakespeares Zeit noch eine Reihe anderer William Shakespeares gab, die mit dem Dichter nichts 0 zu schaffen haben. Diese Namensgenossen des Dichters gehörten dem Dorse Rowington an, das etwa 10—12 englische Meilen nörd⸗
lich von Stratford liegt. Die Entwirrung der Verhältnisse wird dadurch erschwert, daß Shakespeare selbst von dem Gutsbezirke
Rowington ein kleines, hinter seiner Wohnung in Stratford belegenes Eigentum zu Lehen erworben hat. Die Urkunde hierüber ist schon durch Malone bekannt gemacht worden. Nun hat aber Professor Wallace eine weitere Eintragung wom 27. März 1607 gefunden, worin ein anderer William Shakespeare die Gebühr für eine Lehnsübernahme zahlt. Er erscheint in dieser Liste zu- sammen mit zwei anderen Shabespeares, die die John und Thomas trugen und alle dem Gutsbezirke von Rowington zugehörten. Zwei Jahre später findet sich eine fernere Eintragung desfelben Inhalts, die sich auf einen Thomas und William Shafefpoare bezieht. Außerdem gab es noch in Rowington einen Konstabler William Shakespeare, den sein Namensgenosse, der Dichter, sich als Modell für seinen berühmten Konstabler Dog ⸗ berry erwählt hat und der verschiedene Male in den Papieren des Bezirkes erscheint. Aber auch damit ist die Liste der William Shabespeares von Rowington noch nicht erschöpft, und der For⸗ schung ist daher durch die Funde von Wallace die Aufgabe ge 0 worden, bei der Verwertung aller Aufzeichnungen dieser Art auf das sorgfältigste zu unterscheiden, ob die archivalisch erkenndaren William Shakespeares in jedem einzelnen Falle wirklich mit unserem Dichter identisch oder ob sie gleichgültige Personen find, denen nur die Namensgemeinschaft mit deur Genius zu einen
Augenblicksinteresse verhilft.
„„


