* 7
4
8 Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
sscchlich nrit dem
*
ALnnziges Nal zu * f Len eund der Salons und
Zweites Blatt
Die„Gießener Familienblätter“ werden dem „Anzeiger“ viermal wöchentlich beigelegt, das „Kreisblatt für den Ureis Gießen“ zweimal wöchentlich. Die„Landwirtschaftlichen Zeit⸗ fragen“ erscheinen monatlich zweimal.
165. Jahrgang
Gießener Anzeiger
General⸗Anzeiger für Oberhessen
Si.iolittis römische Sendung.
In letzter Stunde ist der„ewige Minister“, der Zau— berer von Montecitorio: Giovanni Giolitti in Rom ein— getroffen, ja, soll man sagen, um das Vaterland zu retten?
Italien vor dem Eintritt in den Krieg zu bewahren? Um diese Frage zu beantworten, muß man wissen, wie Giolitti über die Lage denkt. Und wenn ein Ziel der Friede ist und nicht der Krieg, welchen Einfluß hat der 71jährige Exminister auf Salandra, der allein die Fäden des immer unheimlicher verwickelten Problems in Händen hält? Welchen Einfluß hat Giolitti endlich auf den Krieg, der allein das letzte Wort über Krieg oder Frieden zu sprechen hat?
Es ist richtig: Giolitti ist während seiner ganzen poli⸗ tischen Laufbahn— er war so oft Ministerpräsident, daß man es nicht mehr aus dem Gedächtnis hervorzählen kann — ein erlieferungstreuer Vertreter des Dreibund— gedankens gewesen. Er hat mit dem Fürsten Bülow und später mit Herrn v. Bethmann Hollweg den Dreibund erneuern helfen, allerdings, wie man annimmt, immer mit dem Vorbehalt, daß England nicht gegen ihn ein⸗
ife oder zum mindesten neutral bleibe, weil die Lebens⸗ interessen Italiens gebieterisch fordern, seine Lebensadern Spezia und Genua nicht durch die überlegene Flotte Eng⸗ lands unterbinden zu lassen. Anfang Januar dieses Jahres waren nun in Rom dunkle Gerüchte von unerhörten Ver⸗ schwörungen verbreitet, die Giolitti mit Bülow gegen das Ministerium Salandra gesponnen habe. Der deutsche Ex⸗ reichskanzler sollte in Frascati, dem Tuskulum Giolittis,
ewesen sein, und zahlreiche Zusammenkünfte sollten in
Villa Malta und in Giolittis römischer Wohnung zwi⸗ schen den beiden Verschwörern stattgefunden haben. Der Zweck dieser Zusammenkünfte sollte der Sturz des Mi⸗ nisteriums Salandra gewesen sein, das Giolitti und Bülow, deren gemeinsames Ziel die Aufrechterhaltung der Neutrali⸗ tät It! s um jeden Preis sei, keine genügenden Frie- densbürgschaften zu geben schiene. Giolitti hat auf jene 0 ürfe einen Brief an den Abgeordneten Peano, seinen früheren Unterstaatssekretär, geantwortet. Er erklärte in diefem Brief, daß zwischen ihm und dem interimistischen tschen Botschafter niemals von Italiens Verhalten die
war, daß das Ministerium Salandra nach wie seiner Unterstützung sicher sein könne, daß der zwar niemals ein Glück, sondern immer ein Un⸗ sei, aber wenn es die Ehre und die Vorteile des andes erforderten, nicht vermieden werden dürfe. Das war doch deutlich genug. Hierzu berichtet uns ein deut⸗ scher Lands mammn, der seinen Wohnsitz in Rom auf⸗ hat und in Berlin anwesend⸗ist, daß Gwlitti tat⸗ Fürsten Bülow, seitdem dieser wieder seine in der Villa Malta e bisher nur ein Uzusammentraf. Giolitti, wortkarg wie Moltke,
5 gesellschaftlichen Besuche. der ziemontese wohnt in Rom noch immer im vierten Stock eines Miethauses, wo er sich als einzigen modernen Luxus einen Fahrstuhl leistet. Autofahren kennt der„Landwirt vom Rittergut Cavour“ nicht. Der fieberhaft arbeitenden Diplomatie der Kriegshetzer, den Tricks Rennel Rodds, des engli schen Gesandten und seiner Agenten önnte der alte Giolitti also nur— wenn er wirklich den rieden in seiner Toga birgt— eines entgegensetzen: Die Wichern die man in den politisch nicht verhetzten Volks⸗ schichten vor ihm hegt, die gewaltige Achtung, die seine Er⸗ fahrung, sein Urteil genießt. Wenn Giolitti als schlichter Anwalt des schlichten Volkes vor den König tritt— und Viktor Emanuel III. versteht solche Sprache am besten, weil auch er das Parkett und die Intriguen haßt, das Land liebt und sich in San Rossore bei Pisa viel wohler fühlt als in dem unheilschwangeren Rom— wenn, sagen wir, Giolitti vor den König tritt und spricht:„Warum will man jetzt, nachdem man uns vor neun Monaten beim Ausbruch
des Weltkrieges die Segnungen der Neutralität in allen
rosigen Farben geschildert hat, uns diese Segnungen wie⸗
Englische Regierung und öffentliche meinung
im Siebenjährigen Kriege. 8(Eine Parallele zu 1915.) 1 In diesen Tagen, da die führende Londoner Presse in mehr oder minder scharsen Worten die Kriegspolitik der englischen Re⸗ gierung angreift, ist es bemerkenswert, zu sehen, wie sich ein ganz ähnlicher Vorgang bereits vor fast 160 Jahren abgespielt hat. Als im Siebenjährigen Kriege die ganze Welt sich gegen Friedrich den Großen verschworen hatte, krat England bekanntlich als Bundesgenosse auf die Seite des Preußenkönigs, allerdings wohl weniger in der Absicht, diesem in aufrichtiger Treue zu helfen, als vielmehr deshalb, um durch die Unterstützung Pre 8, die in der Hauptsache aus Geld bestand, indirekt das verhaßte Frank⸗ reich zu treffen. Wie sehr jedoch die unentschlossene und saum⸗ selige Art der englischen Regierung in Bezug auf kraftvolles mili⸗ tärisches Zugreifen schon damals die Volksstimmung jenseits des Kanals zur Opposition reizte, geht aus einer Londoner Zeitungs⸗ nachricht vom 29. März 1757 hervor, die zehn Tage später von einem Hamburger Blatte veröffentlicht wurde. Sie spiegelt über⸗ raschenderweise ähnlich wie heute das Bestreben der englischen Politik wieder, unter tunlichster Schonung der eigenen Kräfte ein möglichst fettes Schäfchen ins Trockene zu bringen. Es heißt da unter anderem: 5 0 f Es ist ein Schicksal unserer Flotten, daß sie nicht auslaufen können, Der Admiral Holbourne lieget nun schon seit 4 Wochen zu St. Helens, und kann wegen des Süd⸗ Westlichen Windes nicht aus dem Canal kommen: und die Flotte des Admirals Hawke, welche nach der mittelländischen See be⸗ stimmt ist, muß aus eben dieser Ursache warten. Dagegen haben wir die unangenehme Nachricht erhalten, daß drei von unseren Paquetbvoten fast zu gleicher Zeit von den Franzosen genommen worden. Das Paquetboot Delphin, so die Briefe vom 15. aus Holland zu überbringen hatte, ist zu Calais aufgebracht worden. Das Paguetboot Hannover, so auf dem von Falmouth nach Lissabon war, hat man nach St. Malos ge⸗ führet, und das Paquetboot Duc von Groyhine ist auf der Reise nach Falmouth mit zween Posten weggekapert und nach Brest gesandt worden. Wir bemerken noch nicht, daß unter dem itzigen neuen Ministerio weniger Kauffahrdey⸗Schiffe verloren gehen, als unter dem alten; Murren bereits wieder an⸗ ehet. Könnte nicht diese anderthalb Jahrhundert alte Anklage 5 555 en 110 öffentlichen Meinung gegen die Politik selbstherr⸗ cher M ister der neuesten Nummer der„Times“ entnommen 5 8 1 5 8 8
Dienstag, U. Mai 1015 1
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts- Buch- und Steindruckerei. R. Lange,
straße 7. Geschästsstelle u. Verlag: S 51, Schrist⸗ leitung: S112. Adresse für Drahtnachrichten: Anzeiger Gießen.
der rauben? Warum sollen wir Völkern, die mit uns dreißig Jahre in treuer Bundesgenossenschaft lebten, jetzt in den Rücken fallen und dem guten Namen Italiens das schmach— volle Beiwort beifügen lassen? Warum sollen wir unsere Söhne zu Hunderttausenden opfern, um im besten Fall ein paar Alpentäler und einige mehr als zur Hälfte flowenische Bezirke zu erobern? Warum sollen wir dem Phantasma einer italienischen Vorherrschaft im Adriatischen Meere nach— jagen, wenn ein halbes Jahrhundert lang unter den beste— henden Verhältnissen unser Land fortschreiten und gedeihen konnte?“ Dann ist es nicht unmöglich, daß im allerletzten Augenblick noch das zitternde Zünglein an der Wage zur Seite des Friedens hinüberschwankt.
Rom, 10. Mai.(WTB. Nichtamtlich.)„Giornale d'Italia“ meldet: Der König empfing am Morgen des 9. Mai Gio— litti in Audienz. Diese dauerte fünfzig Minuten. Man be— stätigt, daß Salandra und Giolitti am Nachmittag eine Besprechung haben werden.
Rom, 10. Mai.(WTB. Nichtamtlich.) Blättermeldungen zu— folge begab sich Giolitti heute nachmittag zu dem Minister— präsidenten Salandra, mit dem er eine lange Unter- redung hatte.— Die„Tribuna“ meldet, daß morgen vor— mittag eine Sitzung des Ministerrates stattfinden wird. Wie dasselbe Blatt erfährt, dauerte die Audienz Giolittis bei dem König ungefähr eine Stunde. Nach Giolitti empfing der König den Ministerpräsidenten Salandra.
Rom, 10. Mai.(WTB. Nichtamtlich.) Schatzminister Car⸗ cano, der zu Giolittis politischen Freunden gehört, hatte heute mit Giolitti eine Lange Unterredung in dessen Wohnung, welche von der„Tribuna“ für ein Vorspiel der bevorstehenden Unterredung zwischen Salandra und Giolitti gehalten wird. In der Zeit zwischen 12 Uhr mittags und 3 Uhr nachmittags war Giolitti von Rom abwesend, um sseine Gemahlin in Frascati zu besuchen. Währenddessen gaben ungefähr 20 Senatoren und 50 Ab⸗ geordnete Karten in seiner Wohnung dd. Vormittags fand eine dreiviertelstündige Unterredung zwischen Salandra, Sonnino und! Carcano in der Consulta statt.
Rom, 9. Mai.(Wich Nichtamtlich) Die türkische Botschaft dementiert in energischer Form das von hiesigen Blättern ver⸗ breitete Gerücht, daß an den Kämpfen in Tripolis türkische Offiziere beteiligt seien. Sie weist deutlich darauf hin, daß angesichts der Herrschaft Englands über das Mittelmeer und die Begrenzung von Tripolis durch England einerfeits und Frank⸗ reich andererseits man eine etwaige Unruhestiftung in Libyen nur auf gewisse andere Quellen zurückführen könne.
Rom, 10. Mai.(WTB. Nichtamtlich.)„Idea Nazionale“ läßt sich in aus Wien datierten Telegrammen melden, daß die Berliner und Wiener Regierung als Gegenbedingung für die Konzessionen an Italien die sofortige Anerkennung der deut⸗ schen Annexion Belgiens verlangten. Zugleich begeht aber die Zeitung die Unvorsichtigkeit, das Londoner Telegramm zu publizieren, demzufolge nach einer Meldung aus Rotterdam an die„Daily Mail“ in sel und Antwerpen Anschlüge ange⸗ heftet seien, welche die Annexion Belgiens für den 15. Mai an⸗ kündigten. Damit zeigt die„Iden Nazionale“ deutlich, wo und wie ihre Wiener Meldung entstand, die natürlich nur darauf bo⸗ rechmet ist, unter Ausnutzung des Belgienrummels die Kriegs⸗ hetze gegen Deutschland zu verstärken.
Kopenhagen, 10. Mai.(WTB. Nichtamtlich.) Der Korre⸗ spondent der„Politiken“ meldet aus Rom: Die Situation ist be⸗ drohlich, aber noch nicht verzweifelt; der Krieg wird jedenfalls nicht in diesen Tagen ausbrechen.
Verhältnis der Landwirte zur Kriegsgetreide⸗Gesellschaft.
Bei der Kriegsgetreide-Gesellschaft gehen manchmal Beschwer⸗ den von Landwirten ein, aus denen zu erkennen ist, daß einige grundsätzlich wichtige Geschäftsbedingungen der K.-G. besonders unter den Landwirten noch nicht hinreichende Verbreitung gefun⸗ den haben. Mancher Aerger würde den Landwirten, manche zu Unrecht geäußerte bittere Kritik der Leitung der K.-G. erspart, wenn vor allem folgende Bestimmungen überall bekannt würden!
Bezahlung des Getreides.
Die K.-G. zahlt stets auf Verlangen gegen Vorlegung des Duplikat⸗Frachtbriefs, also sofort nach Absendung des Getreides, einen Vorschuß von 80 Prozent des Rechnungsbetrages. Die
*
1
1
Gießen. 8
Schristleitung, Geschästsstelle u. Druckerei: Schul⸗ 7
6 ——pn, tg—s 9 Kommissionäre der K.-G. sind gezwungen, diesen Vorschuß, den sie von der K.⸗G. erhalten oder jedenfalls auf Wunsch erhalten können, ihterseits den Landwirten zu zahlen. Die K.⸗G. zahlt für die Restbeträge ud für die ganzen Rechnungsbeträge, falls 1 lein Vorschuß gefordert wurde, vom Tage der Abstempelung des Frachtbriefs auf der Empfangsstation ab Zinsen in Höhe von 2 Prozent über Reichsbanlsatz, zurzeit also 7 Prozent. Die Aus zahlung erfolgt von der K.⸗G. an die Kommissionäre. Natürlich sind diese verpflichtet, die Zinsen auch ihren Verkäufern zu ver?
güten, soweit sie nicht Barzahlung geleistet haben. 73
Beschaffenheitsabnahme des Getreides.
Im Verhältnis zwischen der K.-G. und den Kommissionären erfolgt die Abnahme am Bestimmungsort. Zum vollen Höchstpreis wird das Getreide abgenommen, soweit es gesund und normal⸗
trocken ist, sowie der Durchschnittsbeschaffenheit solchen Getreides
letzter Ernte der Abladegegend entspricht. Soweit es diese Normal⸗ beschaffenheit nicht hat, werden Abzüge am Höchstpreis gemacht,
über die mangels Einigung unter den Beteiligten das Schieds⸗
gericht entscheidet. Das Schiedsgericht ist aus Landwirten und
Kaufleuten zusammengesetzt. Die Entscheidung erfolgt schnell und
sachgemäß. Der Kommissionär sowie auch der Landwirt sollten 6 stets sofort das Schiedsgericht anrufen, falls ihnen bei be⸗
schädigtem Getreide nicht nach Eintreffen an der Bestimmungs⸗
station annehmbare Vergleichs vorschläge unterbreitet werden. Es genügt eine kurze Nachricht an den Geschäftsführer des Schieds⸗ gerichts Berlin NW., Prinz-Luis⸗Ferdinand⸗Straße 1.
Den wesentlichsten Teil der Gefahr der Beschädigung
des Getreides durch den Transport trägt die K.-G. selbst,
indem sie allen Schaden übernimmt, der dadurch entsteht, daß 75 äußere, vom Absender nicht zu vermeidende Umstände auf dig
7
Beschaffenheit des Getreides eingewirkt haben. 3 Feuchtes nicht transportfähiges Getreide muß als solches von
den Kommissionären unter Musterübersendung der K.-G. ange⸗ meldet werden.
Alsdann vermeidet die K.-G. weitere Transport-
wege, sie läßt das Getreide in die nächstgelegene Mühle oder Trock⸗ 1
nungsanstalt schicken. Die Landwirte sollten ihrerseits von denn Kommissionäxen verlangen, daß bei feuchtem Getreide hiernach verfahren wird. Auf direkte Nachricht an die K.-G. wird diese das Nötige veranlassen. 2
Natürlich kann der Landwirt durch Vereinbarung mit dem
Kommissionär sich sofort bei der Ablieferung des Getreides über den endgültigen Preis mit diesem verständigen. Es ist dann an
dem weiteren Schicksal des Getreides nicht interessiert. Mit Rück⸗ sicht auf die Vorschußpflicht des Kommissionärs und auf die vor⸗
erwähnten Bestimmungen hat der Landwirt aber keine 4 anlassung, sich sonderlich hohe und ihm ungerecht dünkende Abzüge gefallen zu lassen. Er steht sich erfahrungsgemäß am besten, wenn
Ver⸗
er die von der K.⸗G. im Vordruck gelieferten und von den Kom⸗ 17
missionären vorzulegenden Verträge mit den Bedingungen den K.-G. unterschreibt, den Vorschuß von 80 Prozent sofort nach der Anlieferung an der Abgangsstation verlangt und bei Schwierig⸗ keiten in der Abnahme das Schiedsgericht anruft. N
Verzögerung der Abnahme. f
1
Mauchmal hvird noch darüber geklagt, daß die Kommissionare
das beschlagnahmte Getreide nicht schnell genug abnehmen. Die K.⸗G. sowie auch die selbstwirtschaftenden Kommunalverbände sind verpflichtet, die Einsammlung des Getreides nach Möglichkeit zu
beschleunigen. Alle Kommissionäre sind mit entsprechenden Wei⸗
8 Die Landwirte sollten, wenn ihre Ersuchen an e sich beschwerdeführend an die K.-G. oder an den Berlin C. 2, Finanzministerium, wenden. Hinterkorn, Rücknahme von bemängeltem Getreide.
Die Anschauungen über Hin terkorn sind sehr verschieden 1 Die K.-G. ist gesetzlich gezwungen, möglichst alles Getreide für
Reichskommis sar, 1
'die menschliche Nahrung zu erfassen. Was im Frieden als Hinter⸗ 1
lorn verfüttert wird, muß in. der jetzigen Zeit meist noch von brauchbaren Körnern durch Reinigung getrennt werden. Soweit die
Landwirte hierzu nicht in der Lage sind, übernimmt die K.-G. das
sogenannte Hinterkorn gegen mäßigen Abzug am Höchstpreis. Nur Rückstände, die gar keine oder fast gar keine brauchbaren Körner mehr enthalten, darf die K.-G. zum Verfüttern freigeben. Ebenso 15 wie die Landwirte wegen der Höhe der Futterpreise begreißicherweise den Wunsch hegen, mangelhaftes Getreide als Viehfutter zurück⸗ 3 zuerhalten, wünschen die Mühlen das mangelhafte Getreide, das
sie in Friedenszeiten nicht zu verarbeiten pflegen, zurückzugeben. Die K.⸗G. darf diesen übereinstimmenden Wünschen nicht will⸗ fahren. Sorgfältige Bearbeitung, Reinigung und künstliche Trock⸗ nung retten in fast allen Fällen das mangelhafte Getreide ganz
missionäre um sofortige Wegnahme nicht zum Ziele führen,
oder teilweise für die menschliche Nahrung. Die K.⸗G. hat in diesen
Beziehung bereits große und günstige Erfahrungen gesammelt. Des⸗ 15
Zur gleichen Zeit aber, wo die großen englischen Flotten un⸗ tätig in den Häfen liegen, vollbringt ein einziges preußisches Kaperschiff eine kühne Tat, was der englischen Regierung von 1757 mit folgenden Worten unter die Augen gehalten wird:„Der . König von Preußen ist in diesen Tagen glücklich gewesen und hat zu Bristol ein reichbeladenes französisches Schiff von 300 Tonnen aufgebracht.“ Aber nicht nur zur See, auch bei der Organsaition von Landstreitkräften ging die Regierung damals offenbar säumig vor. Setzt doch die Zeitungsstimme ihre Vorwürfe folgendermaßen fort:„Wir erwarten nun chestens, daß die Brel zur Errichtung einer National⸗Miliz völlig zustande komme, da dieselbe bereits den 25. im Unterhaus zum dritten Male gelesen worden und passiret ist.“ Schließlich heißt es in dem Be⸗ richt, wahrscheinlich in Anspielung auf die Westminster⸗Konvention von 1756, nach der der Herzog von Cumberland, der zweite Sohn König Georgs II., mit englischen Soldaten in die Kämpfe am Festlande eingreifen sollte:„Von der Reise des Herzogs von Cumberland nach Deutschland ist alles stille, und noch zur Zeit ist nichts davon im Ministerio vorgewesen. Aus den Schriften, welche die Minister gegeneinander wechseln, muß man urtheilen, daß nie⸗ mals im Ernst bey Hofe der Entschluß genommen worden, be⸗ sagten Herzog mit englischen Truppen nach Westphalen zu senden, sondern daß diese Sache nur ausgestreuet worden, um zu hören, was die Nation dazu sagen würde.“ Zur Ehre der englischen Re- gierung ist hierzu allerdings zu bemerken, daß der Herzog von Cumberland tatsächlich an der Spitze der sogenannten„Observa⸗ tionsarmee“ gegen die Franzosen in dem Gefecht bei Hastenbeck' (Ende Juli 1757) mitgefochten hat.
— Die„gestörte“ Pariser Teestunde. Seit Anfang des Winters hatte sich in einigen Pariser Lokalen ein lebhaftes mondänes Treiben entfaltet, dem jetzt durch einen Erlaß der Pa⸗ riser Kommandantur ein jähes Ende bereitet wird. An alle Mili⸗ tärpersonen ist nämlich das strenge Verbot ergangen, die Räumlich⸗ keiten dieser Treffpunkte der eleganten Welt zu betreten, und seit⸗ dem sind die Säle des„Cyrus“ in der Rue Danou und die der! Royalty in der Rue Caumartin völlig verödet. Früher, so erzählt der Pariser Berichterstatter„Giornale d'Italia“, wurde man von einem schönen Morgenlaͤnder an der Eingangstür des„Cyrus“ liebenswürdig empfangen, während man im Innern von den Kellnern, die fast sämtlich Italiener waren, erstaunlich schlecht be⸗ dient wurde, auch wenn sie sich einem Landsmann gegenübersahen, es sei denn, daß man als Stammgast sich gie einer gewissen Achtung erfreute. Ein Orchester von falschen Zigeunern, die aus
Anlaß des Krieges in Uniform gesteckt waren, ließ die neuesten 92
„Tango“ ⸗Weisen der letzten Saison ertönen. Aber dies gerade bildete den Stein des Anstoßes. Eines Abends nämlich wurden in der Redaktion des„Opinion“, wo zwischen 5 und 7 Uhr den neueste Tagesbericht der Heeresleitung besprochen wird, auch die „Cyrus-Orgien“ zur Sprache gebracht, es wurde von den schönen
Mädchen erzählt, die in Scharen in den„Cyrus“ strömten, und 7
den Jünglingen, die ihre Partner waren, von den vielen Heeres
angehörigen und Fremden, die das bunte Bild vervollständigten, 3
und es wurde auf die Gefahr aufmerksam gemacht, daß die Weisen
des argentinischen Tanzes eine gar zu anfeuernde Wirkung auf die
Gemüter ausüben konnten. Ein Redakteur der„Liberté“ beschloß
sofort, einen Feldzug gegen diese verdächtigen Lokale zu eröffnen, und bereits am folgenden Tage erschien die erste Notiz gegen die „sardanapalische Korruption“ dieser mondänen Zufluchtsorke. Der erste Erfolg war das Verschwinden des armen Muselmannes, der
4
zweite die Vertreibung des Orchesters, und der dritte endlich ist den
erwähnte Erlaß, der den Soldaten die Tore dieses Paradieses ein
für allemal verschließt. Mit den Soldaten aber sind natürlich all die
anderen Besucher auch verschwunden, und die Säle haben jetzt ein
so ernsthaftes Aussehen, daß sie für die harmlosen Vergnügungen 15 eines Töchterpensionats der geeignete Aufenthalt wären. Selbst die früher so anspruchsvollen Kellner begrüßen die spärlichen Be⸗
9 * 1
sucher, auch wenn sie nicht gerade sehr elegant aussehen, mit 3
einem äußerst verbindlichen Lächeln. Aber die Pariser Teestunde läßt sich nicht so leicht aus der Welt
schaffen. Es gibt immer noch
einige elegante Lokale, in denen die vornehmen Pariserinnen dig?
Tagesereignisse und einiges andere besprechen können. Freilich
bleiben sie da ganz unter sich, denn die Offiziere und Soldaten 9 haben nach den letzten Erfahrungen, wie es scheint, die Lust vers
loren, sich auch in den Cafes sehen zu lassen, in die der Eintritt ihnen bisher noch gestattet ist.
Alte Fresko⸗ Malereien in Venedigentdeckt. In Venedig wurden, wie die Kunstchronik berichtet, bei Wieder⸗ herstellungsarbeiten an der aus dem 7. Jahrhundert stammenden
27 1
— 1
4
2
Kirche S. Zaccaria besonders im Mittelschiff bedeutende Fresko⸗ 1
Malereien entdeckt, die vermutlich aus dem 14. Jahrhundert her⸗
rühren. Sie haben einen besonderen Wert, weil in Venedig kein
anderes Beispiel von Fresko-Malereien aus dieser Zeit vorhan⸗ den ist. Es sind Werke eines bedeutenden Künstlers; hauptsächlich bestehen sie aus Vasen, Blumen, Ranken und Blättern, die die ein⸗ zelnen Bogenwölbungen ausfüllen. schädigt, aber sie lassen sich im allgemeinen leicht restaurieren.
—
Die Fresken sind etwas be⸗
N 7
9


